Vorfrühling.
Noch in meinem elften Jahre war eine Gestalt in unseren Familienkreis getreten, durch die allmählich mein inneres Leben ganz umgeschaltet wurde und die am meisten dazu beitrug, daß die treibhausartige geistige Entwicklung zum Stillstand kam. Eines Tages erschienen da zwei unangemeldete Gäste, Mutter und Tochter, aus Mainz. Die hübsche, sehr lebenslustige Mutter, eine Freundin der meinigen, stand im Begriff zu Frau Wilhelmi nach Spanien zu reisen; ihr Töchterlein Lili sollte unterdessen im Schutze meiner Eltern in Tübingen bleiben und an meinem Unterricht teilnehmen. Lili war zwei Jahre älter als ich, nicht größer, aber viel entwickelter, und trug auch schon halblange Kleider, während die meinen nur bis an die Knie gingen. Sie war ebenso wie ihre Mutter mit Geschmack und einer gewissen Koketterie gekleidet, und die leichte rheinische Mundart stand ihr allerliebst. Beim ersten Eintritt war sie, aus einer stillen, zierlichen Damenwohnung kommend, ein wenig bestürzt über den wilden Umtrieb in unserem Hause und zerdrückte, wie sie mir später gestand, heimlich ein paar Tränen. Aber sie wußte sich taktvoll zu schicken. Ihr munteres Mainzer Naturell fand schnell den rechten Ton, und als man uns beide nach dem Nachtessen zu Bette schickte, war schon eine Freundschaft fürs Leben geschlossen, deren Herzlichkeit niemals im Lauf der Jahre durch einen Hauch getrübt werden sollte. Es ist etwas Eigenes und Heiliges um solche Jugendfreundschaften, auch wenn sie gar nicht auf der Grundlage des geistigen Verstehens aufgebaut sind. Wären wir uns zehn Jahre später zum erstenmal begegnet, so hätten wir schwerlich eine Brücke zueinander gefunden, aber jenes empfängliche Alter vermag auch das Ungleichartigste aufzunehmen und festzuhalten, ja dies ist ihm recht eigentlich zur Erweiterung des Gesichtskreises ein Bedürfnis. Solche Jugendfreundschaften nehmen mit den Jahren ganz das Wesen der Blutverwandtschaft an: man fährt fort sich zu lieben und fragt nicht nach den abweichenden Lebensanschauungen, die bei neuen Bekanntschaften ein so großes Hindernis bilden.
Der junge Gast teilte für diese Nacht mein Bett. Ich sah mit scheuer Ehrfurcht auf die knospende Jungfräulichkeit, die aus den halbkindlichen Hüllen stieg, und drückte mich nach der Wand, um der Anmutvollen so viel Raum wie möglich zu lassen. Aber zugleich befiel mich ein bohrender Schmerz, denn ich dachte an gewisse garstige Kinder aus dem Hinterhof, die mich, wenn ich auf den großen aufgeschichteten Zimmermannsbalken am Steinlachufer schaukelte, hinterrücks herunterstießen, daß ich auf die Nase fiel, und mir Schimpfworte nachriefen. An diese rohen Geschöpfe fürchtete ich meine angestaunte Lili verlieren zu müssen, denn ich hatte schon die Erfahrung gemacht, daß befreundeten Kindern, wenn es sich ums Spielen handelte, nicht zu trauen war; sie liefen charakterlos der Unterhaltung nach, wo sie sich zeigte. Ich faßte mir ein Herz und teilte Lili mit, in welchem Kriegszustand ich mich mit dem Hinterhofe befand und daß man nicht zugleich mit mir und jenen Freundschaft haben konnte.
Lili antwortete mit einer Bestimmtheit, die mich bei ihrem weichen Wesen überraschte: Du kannst ganz ruhig sein, ich spiele nicht mit den rohen Kindern. Ich spiele überhaupt nicht mehr mit Kindern — und nun lüftete sie vor meinem staunenden Geiste den Zipfel eines Vorhangs, durch den ich in ein neues Wunderland blickte, das Land der Tanzstunden, der langen Kleider, der Verehrer! Ich wußte ja von Herzensangelegenheiten weit mehr als sonst Kinder zu wissen pflegten, da die Verhältnisse der Großen von jeher vor meinen Ohren verhandelt worden waren, aber ich wußte es nur mit dem Verstand, es ging mich in meinem Kinderlande nichts an, sondern lag weltenfern in einer vierten Dimension! Durch Lilis Worte rückte das alles auf einmal ganz nahe heran, daß es mir fast den Atem nahm. Aber es gefiel mir außerordentlich, und ich entschlief unter dem Eindruck, plötzlich einen großen Schritt im Leben vorwärts getan zu haben.
Des anderen Tages wurde Lili, weil bei uns kein Platz war, in einer benachbarten Familie in Pension gegeben. Sie verbrachte aber die meiste Zeit bei uns und gewöhnte sich schnell an unser Hauswesen. Sie war ein ungemein liebliches Stück Natur, dessen Anmut nichts bloß Äußerliches war, sondern aus einer anmutigen Seele floß. Es gab niemand, der an ihrem gefälligen, schmiegsamen Wesen keine Freude gehabt hätte. Eine gewisse Willenlosigkeit und Lässigkeit, die man an ihr bemerkte, taten ihrem Liebreiz keinen Eintrag. Ich konnte mir später Goethes bezaubernde Lili nie anders als unter dem Bilde der meinigen denken. Wenn meine Lili auch keine so glänzende Schönheit und keine so große verwöhnte Dame war, so erinnerte sie doch durch ihre spielerische Schalkheit und natürliche Anziehungskraft an jene strahlendere Gestalt. Die sehr wohlgeformten, obschon etwas großen Züge ihres immer lächelnden Gesichts, die dunklen, entgegenkommenden Augen voll Gutherzigkeit und Schelmerei unter dem reichen aschblonden Haar, ihre mittelgroße, graziöse Gestalt hatten einen Reiz, den manche größere Schönheit entbehrt. Wenn sie mit dem koketten Pelzmützchen auf ihren immer schöngeordneten Haaren in der wippenden Krinoline daherkam, war es unmöglich, ihr nicht gut zu sein.
Die Krinoline! Es sei mir gestattet, auch dieser Freundin und Feindin meiner Kindheit einen kleinen Nachruf zu widmen. Wie wurde sie verhöhnt, verlästert, selbst von denen, die sie trugen, und doch konnte niemand sich ihrer Macht entziehen, denn der herrschende Kleiderschnitt erforderte diese Stütze. Auch Kinder waren genötigt, sie zu tragen. Das Auge hatte sich so an diese Mißform gewöhnt, daß, wer aus Charakterstärke ohne Krinoline ging, wie gerupft aussah. Sie bestand gewöhnlich in einem durch Bänder verbundenen Reifgestell aus vielen Stockwerken, das erst unterhalb des schlankbleibenden Beckens leise begann und sich in immer erweiterten Ringen allmählich zu gewaltigem Umfang ausdehnte. Die Vielgeschmähte war jedoch nicht ganz vom Übel. Meine Mutter, sonst so gleichgültig gegen die Mode, hatte eine Vorliebe für diese Tracht, weil das leichte Gestell den Körper im Sommer hübsch kühl hielt, jedem Wind erlaubte ihn zu fächeln und die Schnelligkeit ihrer Bewegungen nicht beeinträchtigte. Wenn man aber damit über Zäune sprang und vom Balken fiel, so zerbrachen die Reifen und es gab alsdann häßlich vorstechende Ecken, was bei mir fast täglich vorkam. Diese auszubessern erforderte eine gewandte Hand und viel Geduld, denn es genügte nicht, die zerbrochenen Reifenden übereinander zu befestigen, man mußte der Symmetrie halber das ganze Gestell durchgehends verengen, ein Geschäft, in dem ich große Übung gewann, denn ich betreute nicht nur meine, sondern auch Mamas Krinoline mit wachsamen Augen. Lili zerbrach die ihrige nicht mehr, sie verstand die Kunst — denn es war eine solche —, sich immer schicklich und anmutig darin zu bewegen und sie beim Sitzen elegant mit zwei Fingern niederzuhalten.
Lili wurde nun für einige Zeit mein bewundertes Vorbild und mein stetes Denken. In meinen Olymp konnte ich sie nicht einführen, weil ihr der Sinn für die Dichtkunst gebrach, aber ich kam zu ihr in ihre Welt und fand da genug des Neuen, mich ganz Berauschenden. Lili hatte schon Reisen gemacht, große Städte gesehen, hatte an Champagnerfesten teilgenommen und kannte das Theater, was kein anderes Kind im weiten Umkreis von sich rühmen konnte. Sie schien mir also einem Orden von Eingeweihten anzugehören, zu dem ich andächtig emporblickte. Die Phantasiewelten, in denen ich bis dahin gelebt hatte, versanken vor dem Wunderbaren, was mich berührte, dem Leben. Ich verleugnete alle meine Götter um ihretwillen. Von den Griechen, von der Edda, von dem ganzen ungeheuren Lesestoff, den ich schon verschlungen hatte, sagte ich kein Wort, um ihr nicht auch unheimlich zu werden wie den andern. Ich verschloß das alles in einem Geheimfach meiner Seele, zu dem es ihr nicht einfiel, den Schlüssel zu suchen. Es liegt etwas Rührendes in dem Übergang vom Kinde zum jungen Mädchen, jener reizenden Pagenzeit, die mit scheuer, huldigender Verehrung auf das Geschlecht blickt, dem man selber noch nicht angehört, nun aber bald angehören soll. Lilis Schmuck und Bänder, ihre reifenden Formen, die Wohlgerüche, die sie an sich trug, ihr feines und doch freies Betragen machten mir den tiefsten Eindruck. Verglichen mit der Tübinger Jugend, schien sie mir aus einer andern Menschenrasse zu stammen. Ich liebte sie zärtlichst, das gleiche tat Edgar, und sie hatte ein viel zu gutes Gemüt, um unsere Zuneigung nicht von ganzem Herzen zu erwidern.
Als es aber ans gemeinsame Lernen ging, da zeigte sich’s, daß das liebliche Köpfchen keinen Lernstoff irgendwelcher Art aufnehmen konnte. Die Geschichte war ihr genau so gleichgültig wie die Geographie, und die französischen Vokabeln hafteten nicht in ihrem Ohr. Sie dachte nur an kindlichen Schabernack, und wir lachten jeden Augenblick wie die Tollen: sie, weil ihr Babylonier und Assyrer, Meder und Perser lächerlich vorkamen, ich, weil ich die Welt, in der es nun eine Lili gab, so entzückend schön fand. Meine arme Mutter mühte sich, so sehr sie konnte, aber ihr Unterricht, der aller Schulmäßigkeit entbehrte, war nur auf die eigene Tochter eingestellt, an der Fremden scheiterte er völlig.
Dieses Schöpfen ins Leere hatte schon einige Zeit mit der größten Anstrengung von ihrer Seite gedauert, als sie der unachtsamen Schülerin eines Tages, um sie im Deutschen zu üben, ein Aufsatzthema von der einfachsten Art gab: sie sollte die Sehenswürdigkeiten von Tübingen beschreiben. Die Aufgabe weckte bei Lili einen ungewohnten Eifer, und sie lieferte eine Arbeit ab, die an treffender Knappheit ihresgleichen suchte. Mit einem einzigen Satze waren die berühmte Stiftskirche mit ihrem Chor nebst Lettner und Schloß Hohentübingen abgetan. Dann wandte sich die Beschreibung dem Obergymnasium und seinen Insassen zu, welch letztere als die größte Denkwürdigkeit Tübingens und als die belangreichste Menschengattung überhaupt bezeichnet waren. Dieser Aufsatz, vermutlich der einzige, den Lili je verfaßte, hatte einen stürmischen Heiterkeitserfolg, und noch jahrelang pflegte man, wenn von den Vorzügen Tübingens die Rede war, das in einem höchst alltäglichen Bauwerk befindliche Obergymnasium an erster Stelle zu nennen.
Lili hatte allen Grund zu ihrer hohen Schätzung des Obergymnasiums. Seit die reizende Mainzerin auf dem Plan erschienen war, umschwärmten die gelben Mützen das Bahnhofgebäude, wo Lili wohnte, und die naheliegenden Alleen; alle Primanerherzen waren mehr oder weniger von ihrer Anmut entzündet. Aber diese gegenseitige Bewunderung, die eine Folge der Tanzstunde war, hätte beinahe unserer Freundschaft ein vorzeitiges Ende bereitet. Denn eines Tages machte mir Lili die niederschmetternde Eröffnung, daß sie von nun an nicht mehr mit mir in den Alleen spazierengehen könne. Du bist noch ein Kind, sagte sie, und trägst kurze Röcke. Wenn mich die Obergymnasisten immer in deiner Gesellschaft sehen, so denken sie am Ende, ich sei auch noch ein Kind, und grüßen mich nicht mehr. Du weißt, ich bin dir gut, aber das kannst du nicht von mir verlangen.
Diese Worte trafen mich wie ein Dolchstoß. Ich war so erschüttert und beschämt, daß ich nicht antworten konnte. Aber ich sah alles ein. Nicht mehr von den Tänzern gegrüßt werden! Solcher Schmach durfte sich freilich Lili um meinetwillen nicht aussetzen! Ich gab mich jedoch dem Schmerze nicht hin, sondern sann auf Abhilfe, denn Lilis Umgang zu entbehren war mir unmöglich. Auf dem Speicher, in einem der eisenbeschlagenen Riesenkoffer aus Urvätertagen, lag von aller Welt vergessen ein schöner Rock aus schwarzem Wollstoff, den einmal Hedwig Wilhelmi bei der Abreise nach Granada zurückgelassen hatte. Auf dieses herrenlose Gewandstück setzte ich meine Hoffnung. Als ich heimlich hineinschlüpfte, hatte es zwar eine Schleppe von nahezu einer Elle, stand aber sonst rundum eine Handbreit vom Boden ab, denn um so viel überragte ich bereits seine rechtmäßige Besitzerin. Allein ich hatte schon mit kundigem Auge eine ausgebogte Sammetblende wahrgenommen, die den unteren Rand verzierte und sich, falsch aufgesetzt, als Verlängerung verwerten ließ. In derartigen Fertigkeiten war ich von klein auf bewandert: Nähen, Zuschneiden, Häkeln, Stricken, alles, was anderen kleinen Mädchen zu ihrer Pein auferlegt wurde, hatte für mich den Reiz der verbotenen Frucht. Ich verbarg mich also mit Nadel und Schere auf dem Speicher und arbeitete stundenlang voll Eifer und Pünktlichkeit, bis der Rock meiner Länge angepaßt war. Dann warf ich ihn alsbald über und stolzierte mit der gewaltigen Schleppe, die ich noch mitverlängert hatte, durch Gang und Wohnräume. Ich machte mich auf einen häuslichen Sturm gefaßt, aber niemand schien die Verwandlung zu sehen. Mama lebte in den kargen Stunden, die sie der Pflege der Kinder und dem Ärger über die Bismarcksche Politik entziehen konnte, mit den Platonischen Ideen und kümmerte sich nicht um die Länge meiner Röcke. Dem guten Vater war alles, was sein Töchterchen tat, wohlgetan, und selbst die tadelsüchtigen Brüder, sonst meine strengsten Richter, schwiegen mäuschenstille, weil sie ahnten, daß es Lili zuliebe geschah; die Hexe spukte auch ihnen in den Köpfen. So hatte ich durch einen kühnen Handstreich die Kluft der Jahre zwischen uns ausgefüllt. Wir gingen wieder Arm in Arm in den Alleen, ich hatte sogar durch den Schlepprock etwas vor Lili voraus; die gelben Mützen flogen vor uns beiden in die Höhe, und die schöne Welt war wieder im Gleichgewicht.
Ohne Übergang war ich aus den kurzen Kinderröcken ins Schleppkleid gefahren, und ebenso unbedenklich ließ ich nun auch mein Kinderland hinter mir, um immer weiter in das neue Leben hineinzuschreiten. Die Röcke blieben lang, wenn auch künftig ohne Schleppe. Und welch eine Ehre! Auf der Schlittschuhbahn ließ ein fremder Student sich mir vorstellen, nannte mich Fräulein, schnallte mir die Schlittschuhe an und führte mich! Abgefallen war alles, was mir sonst den Verkehr mit Menschen erschwert hatte: meine Fremdheit und Scheu, der Widerwille vor dem „Sie“, ich hatte nur die eine Sorge, es den Menschen zu verbergen, daß ich nach Leib und Seele noch ein Kind war, damit sich Lili meiner nicht zu schämen habe.
Seit jener ersten Begegnung mit dem Frater Corpus vor dem Wandspiegel in Obereßlingen hatte ich nicht wieder über mein Äußeres nachgedacht. In Tübingen hing der Spiegel so hoch über dem Kanapee, daß ich mich nicht darin sehen konnte. Eines Tages stieg ich nun wegen einer aufgeschnappten schmeichelhaften Bemerkung hinauf und streckte mich, um einen neugierigen Blick in das Glas zu werfen. Da sah ich, daß das blasse, geisterhafte Kindergesicht verschwunden war, die Augen traten nicht mehr als eine Gewalt für sich heraus, die Züge begannen sich gefälliger zusammenzufügen, und es dünkte mir, daß ein heiterer Schein davon ausginge. Von da an hüpfte ich des öfteren vom Kanapee in die Höhe und beobachtete die allmähliche Verwandlung noch unpersönlich wie das Wachstum meines Rosen- oder Myrtenstöckchens. Ich fühlte keinen metaphysischen Schauder mehr, der Weggenosse wurde mir etwas Liebes, Vertrautes, das mein Wesen rein zum Ausdruck brachte, und verwuchs allmählich mit dem unsichtbaren Schmetterling zu einem einzigen Ich. Mit Riesenschritten ging es jetzt in die Verweltlichung hinein. Auf die Freuden der Schlittschuhbahn folgten die der Tanzstunde, die mit Menuettverbeugungen und dem Auswärtsdrehen der Füße mittels Schienen begannen. Da mir aber Lili schon die ersten Tanzschritte beigebracht hatte, wurde ich bald in die höheren Grade aufgenommen und durfte nun selber mit den Obergymnasisten durch den Saal wirbeln. Der Geist Lilis schwebte immer mit, auch als sie Tübingen schon verlassen hatte, und gab der nicht allzu stilgerechten Veranstaltung Anmut und Weihe. In einem Nebenbau der Alten Aula, zu dem man von der Münzgasse auf steinernen Stufen hinunterstieg, befand sich ein völlig schmuckloser Saal mit grob gehobeltem Fußboden, worin die Tanzstunde abgehalten wurde; das Stimmen der Geigen kündigte sie von weitem an. Diese quietschenden, unschönen Töne hatten nichtsdestoweniger für das junge Ohr einen zauberischen Wohllaut, der das Herz schneller schlagen machte. Die sehr jugendlichen „Herren“, die auf der einen Seite des Saales beisammen standen, holten sich mit der eben eingelernten Verbeugung die „Damen“ aus der anderen, und nun galt es im Gedränge der Paare sich ohne Anstoß um die Säulen winden. Zuweilen ließen sich auch die Füchse der eleganten Studentenkorporationen zu dem Lämmerhüpfen herbei; es war aber eine zweifelhafte Ehre, da diese Herren augenscheinlich an uns Allzujungen die Artigkeiten einübten, die sie hernach auf den Museumsbällen den reiferen Jahrgängen zu erweisen hatten.
Lili war unterdessen von ihrer Mutter zurückgeholt worden, aber ihr Einfluß dauerte fort. Auch erschien sie in kürzeren Abständen immer wieder in Tübingen und verdrehte bei ihrem jedesmaligen Aufenthalt viele junge Köpfe. Ihre Mutter wünschte, daß sie sich früh verheirate, deshalb verlobte sie sich fünfzehnjährig zum erstenmal mit einem jungen Mann, den sie in unserem Hause kennenlernte. Die uns befreundete Familie empfing die reizende Braut mit offenen Armen. Aber ihr Herz hatte nicht mitgesprochen, und bald danach trat sie den Schwankendgewordenen, dem eine etwas ältere Freundin ein leidenschaftliches Gefühl entgegenbrachte, bereitwillig an diese ab. Es war kein Opfer, aber doch für sie bezeichnend, denn bei ihrer großen Güte und Nachgiebigkeit wäre sie auch imstande gewesen, auf einen geliebten Mann um einer anderen willen zu verzichten. Das Obergymnasium war ihr jetzt keine Merkwürdigkeit mehr, wohl aber seine ehemaligen Zöglinge, die man auf den Studentenbällen wiederfand. Sie hatte sich ein Verzeichnis ihrer Verehrer angelegt, in dem sie fleißig blätterte, um keinen zu vergessen. Je nach dem Rang, den der eine oder der andere vorübergehend in ihrem Herzen einnahm, wurden durch Versetzen der Namen die Plätze gewechselt, so daß sich ihr kleines Taschenbüchlein mit den Aufzeichnungen in beständiger Wandlung befand. Nach jedem Tanzvergnügen ging wieder eine Verschiebung vor sich, aus der sie mir kein Hehl machte. Ihre kleinen Koketterien waren voll Unbewußtheit, ohne eine Spur von Berechnung. Ihr gefiel ausnahmslos das ganze männliche Geschlecht, und sie konnte es nicht begreifen, daß ich mir schon damals die jungen Ritter sehr genau zu beschauen pflegte. Einem so liebenswerten Geschlecht wieder zu gefallen, war ihr angeborenes, innigstes Bestreben, und wem hätte Lili nicht gefallen sollen? Wie die Ottilie der Wahlverwandtschaften mußte man sie eigens darauf aufmerksam machen, daß es für ein junges Mädchen nicht schicklich sei, jungen Männern einen fallengelassenen Gegenstand aufzuheben, denn ihre unschuldige Verehrung für das stärkere Geschlecht trieb sie in solchen Fällen, sich eiligst zu bücken oder gar einer weggewirbelten Studentenmütze voll Eifer nachzuspringen, Dinge, die damals bei der viel strengeren Etikette zwischen den Geschlechtern weit mehr auffielen als heute, und die meine Eltern ihr sorgsam abgewöhnten, damit nicht irgendein Frechling die harmlose Zuvorkommenheit des jungen Mädchens mißdeute.
Mir bezeigte sie ihre Gegenliebe auf eine besondere Art, indem sie sich der Stilisierung meines Äußeren bemächtigte. Die armdicken Flechten, die ich damals noch einfach niederhängend oder mehrfach um den Kopf geschlungen trug, waren ihr zu kindlich; sie selber ordnete ihr schönes Haar zu modischen Phantasiegebäuden. Die gleiche Arbeit nahm sie jetzt mit dem meinigen vor, indem sie bald „gesteckte Locken“, von ährenartig geflochtenen sogenannten Kornzöpfen umrahmt, auf meinem Scheitel auftürmte, bald mein Haar in griechische Knoten wand oder gar neben einer steifen Turmfrisur rechts und links die modischen „Schmachtlocken“ zurechtdrechselte. Lauter prächtige, aber für mein Lebensalter zum mindesten stark verfrühte Dinge. Niemand wehrte der Torheit. Mein Mütterlein, das niemals älter war als ich, ließ uns beide völlig gewähren und hatte ihre helle Freude an den mit mir vorgenommen Verwandlungskünsten. Mein Vater schüttelte zwar den Kopf, aber sein Einspruch beschränkte sich auf die Bemerkung, wie er sein Kind kenne, werde sie das alles künftig einfacher halten. Es versteht sich, daß auch mein Anzug unter Lilis Einfluß geriet. Bisher war ich gekleidet wie die Lilien auf dem Felde. Mein sparsames Mütterlein, das noch in den ersten Tübinger Jahren die Knabenkleider alle selbst verfertigte, hatte für Mädchensachen gar kein Geschick, und das war mir lange Zeit zugute gekommen. Denn ihre Jugendfreundinnen ließen sich’s nicht nehmen, jahraus, jahrein für ihr Töchterlein tätig zu sein. Da kam immer von Zeit zu Zeit irgendein Pack mit den schönsten Dingen für mich an, wie handgestickten russischen Hemden, goldverschnürten Tuchspenzerchen und anderen Prunkstücken, die jedesmal großen Jubel erregten. Wie ich nun der Kindheit entwuchs, wurden diese Sendungen allmählich seltener, und was zu Hause ergänzt werden mußte, konnte vor Lilis Augen nicht bestehen. Ich hatte sonach keine Wahl, als die eigene Geschicklichkeit auszubilden, die mich mit der Zeit instand setzte, den Tand, der jungen Mädchen zum Persönlichkeitsgefühl unerläßlich ist, selber herzustellen. Aber der ungünstig gesinnten Umwelt konnte ich es nun einmal auf keine Weise recht machen. Meine harmlosen kleinen Kunstfertigkeiten, die nichts kosteten als ein bißchen Zeit und Mühe, wurden mir als sträfliche Verschwendung ausgelegt und genau so verdammt wie mein Heidentum und mein Latein. Um den wahren Sinn solcher jugendlichen Putzsucht zu begreifen, muß man selbst in jenen so unendlich einfachen Zeiten gelebt haben. Damals trugen all die niedlichen Gegenstände, die man sich selbst erfinden und zusammenstellen mußte, einen ganz persönlichen Stempel, sie gehörten zu den wenigen Ausdrucksmöglichkeiten der unreifen suchenden Seele und wurden auch von den Altersgenossen so aufgefaßt. Denn die Jugend sieht in allen Dingen Symbole. Gesteht doch der strenge Rousseau, daß er in jungen Jahren nicht den schönsten Mädchen huldigte, sondern denen, die den meisten Putz und Schmuck besaßen. Als ich mir einmal in einem bekannten Putzgeschäft unter all den wohlriechenden Gegenständen ein weißes Frühlingshütchen mit einem taubehangenen Vergißmeinnichtkranz aussuchen durfte, da ging ich mit einem erhöhten Lenzgefühl umher, als trüge ich ein Eichendorffsches Frühlingslied auf dem Haupte. Mein Mütterlein klagte oft, daß ich seit der Freundschaft mit Lili völlig verdummt sei und nichts mehr im Kopf hätte als Backfischeitelkeiten. Es war auch wahrlich kein kleiner Sturz: vor kurzem noch auf den höchsten jambischen Stelzen, mit einer Gracchentragödie und einem Epos über den Untergang Karthagos beschäftigt und jetzt nur noch mit Schmuck und Tand. Ich mußte manches Scheltwort der Brüder hören, und als eines Tages in der Kinderschule, wo unser Jüngster saß, bei den Sprüchen Salomonis im Kreise herumgefragt wurde: Was ist eitel? hob unser kleiner Balde als einziger sein Fingerlein und sagte: Meine Schwester! — — —
Wie glänzt jetzt mein Jugendland aus der Tiefe der Zeiten herauf! Als ich darin wandelte, war es voll von Kampf und Not, von Angst und Pein. Meine Brüder füllten es zwar mit Reichtum und Leben, aber nicht minder mit zuckender, immer brodelnder Unruhe. Die beiden Großen vertrugen sich noch immer nicht, und es sah aus, als ob ihr häuslicher Krieg, von dem wir andern mitbluteten, einer tiefen inneren Feindseligkeit entspränge. Am liebsten machten sie den gedeckten Mittagstisch, dem leider der Vater seiner Arbeit zuliebe fernblieb (er kam überhaupt erst gegen Abend nach Hause), zum Zeugen ihrer Kämpfe. Kaum war die Suppe aufgetragen, so begannen die Plänkeleien, dann fiel ein Stichwort und plötzlich brach der Sturm los. Es war jedesmal wie ein Naturereignis, gegen das die Vernunft machtlos war. Mama warf sich dazwischen, ich desgleichen, und am Ende gingen alle Teile mehr oder minder aufgelöst aus dem Ringen hervor. Wenn die Schlacht auf ihrem Höhepunkt war, so erschien Josephine mit dem Kochlöffel unter der Tür, das schöne, ernste Gesicht in tragische Falten gelegt, und sagte mit dumpfem Ton: Jetzt hat es wieder den höchsten Grad erreicht. — Aber nie konnte ich sie bewegen, mir im Sturme beizustehen. Sie erschien mir in ihrer edlen, schmerzvollen Haltung wie der Chor in der griechischen Tragödie, der die Geschicke des Königshauses mit seinen Klagen begleitet, ohne jemals handelnd einzugreifen. Hatten sich die Kämpfer endlich mit dem letzten grollenden, aber schon nicht mehr ernst gemeinten: Wart, ich soll dich vor dem Gymnasium treffen! getrennt, so blieben Josephine und ich zurück, die tieferregte Mutter zu trösten und zu beschwichtigen. Es war ja an sich gewiß nichts Unerhörtes, daß zwei halbwüchsige Jungen, denen die Aufsicht des Vaters fehlte, sich in den Haaren lagen. Aber Mama war selber ohne Brüder aufgewachsen und wußte nicht, daß das Raufen zum Knabenleben mitgehört, wenn auch sonst nicht gerade das Eßzimmer der übliche Schauplatz dafür ist. Ich glaube, sie stand mit ihrer gewaltigen Phantasie im Bann der attischen Tragödie und bildete sich ein, das thebanische Brüderpaar geboren zu haben. Josephine, statt ihr die Übertreibungen der Angst auszureden, verfiel selbst darein und wiederholte nur immer mit Grabesstimme: Oh, es wird schrecklich enden! Und ich mit meiner nicht minder erregbaren Phantasie sah den tragischen Ausgang, den beide weissagten, als schon eingetreten an. Hätte mein Mütterlein damals in die Zukunft blicken können, wieviel qualvolle Stunden wären ihr, wieviele Angstträume mir erspart geblieben. Sie hätte nach dem knabenhaften Zwist ihre zwei Feuerbrände die Spitzen gegeneinander neigen und vereint als eine schöne stille Fackel der Bruderliebe fortbrennen sehen, wobei die inneren Verschiedenheiten nur die Neigung nährten. Diese schöne Lösung war leider noch tief im Schoße der Zukunft verborgen. Und ich grüßte jeden ersten Morgenstrahl mit dem stillen Seufzer: Wäre nur auch dieser Tag schon glücklich vorüber und wir wieder alle heil in unseren Betten.
Es lag in den Erziehungsgrundsätzen meiner Mutter ein edler Irrtum, der auch in der neueren Pädagogik da und dort auftaucht, aber gleichwohl ein Irrtum ist und bleibt. Sie wollte alles der eigenen Einsicht des Kindes und dem guten Beispiel überlassen. Aber die Selbstentäußerung, wie sie sie pflegte, die schweigende, als selbstverständlich geübte Zurücksetzung des eigenen Ichs wird nur in den seltensten Fällen unreife Seelen zur Nacheiferung anspornen. Und durch die bloße Einsicht, wie klar sie bei gutbegabten Kindern sei, werden wilde Jungen nicht dahin gebracht, die Urgewalt der Triebe, vor allem den Zorn, zu bändigen, bevor die Hemmungsvorrichtung ausgebildet ist. Hierin hatte es ihre Erziehung fehlen lassen. Dem Vater aber wurden alle aufregenden Vorgänge in der Familie nach Kräften verheimlicht. So stemmten sich die weiblichen Schultern allein und nutzlos gegen das Temperament der Knaben und ihre Entwicklungsstürme. Eine glückliche Ablenkung brachten von Zeit zu Zeit die Wohngäste, vor denen die feindlichen Brüder sich in einer angeborenen Ritterlichkeit zusammennahmen, wie sie auch öffentlich nie entzweit und hadernd gesehen wurden. Ein weiterer Grund für mich, jeden Gast mit Freuden zu begrüßen. Ich wollte gern mein Bett opfern, damit das Sorgengespenst mir eine Zeitlang fernblieb. Nachträglich muß ich mich wundern, wie doch über all der Not die Jugendlust mit so breitgestelltem Fittich schwebte. Vielleicht lernte ich es gerade deshalb so gut, die Freude zu lieben und jede schöne Stunde als Geschenk zu betrachten, weil nach dem tragischen Empfinden, das sich mir im untersten Grund der Seele festsetzte, jeder Tag der letzte sein konnte. Denn eine stille Angst ließ mich niemals los. Der Bruderkrieg war nicht der einzige Anlaß. Die wiederkehrenden Anfälle von Gelenkrheumatismus, die unsern Jüngsten in ihren Folgen zum frühen Tode führen sollten, waren in ihrer Schwere damals noch nicht erkannt, aber die Muttersorge lief der ärztlichen Prognose weit voraus, und die Leidenschaft, mit der sie an ihren Kindern hing, ließ für den Fall, daß ihr eines entrissen würde, das Schlimmste fürchten. Ohnehin redete sie immer mit mir von ihrem Tode, denn schon in jungen Jahren glaubte sie nunmehr so alt zu sein, daß es Anmaßung wäre, noch auf ein viel längeres Leben zählen zu wollen. Darum hatte mir die Vorstellung von dem schaurigen Frost, der die Herzen der Waisenkinder umgibt, schon die frühen Kinderjahre verdüstert. Am Vorabend ihres vierzigsten Geburtstags, der ihr als die Schwelle des Greisenalters erschien, schrieb sie einen Abschiedsbrief an ihre Kinder, dessen Anfang ich über ihre Schulter las und der mir fortan in alle Jugendfreuden einen tiefen Schatten warf. Ich glaubte nun gleichfalls, daß man mit vierzig nicht mehr lange leben könne. Sie verbarg ihn im Doppelboden ihrer Schatulle, aber von dem schwarzen Faden, womit er gebunden war, hing ein Endchen heraus, und danach mußte ich immer blinzeln, wenn ich vorüberging. So feurig sie das Leben liebte, so bereit war sie, jeden Augenblick ins Unbekannte zu gehen, mit dem ihr Geist sich stets beschäftigte. Und an allem, was in ihr vorging, hatte ich von klein auf mein Teil. Dabei ahnte sie gar nicht, was ich Grausames litt. Ich befand mich ja in einem Lebensalter, wo die Seelenkräfte noch viel schlafen sollten, um sich nicht vor der Zeit zu verzehren. Sie aber hielt mich seltsamerweise für unempfindlich, weil ich unter all den hemmungslosen Geistern frühe dazu gekommen war, mir Zwang anzutun, um das Zünglein der Waage sein zu können. Auch hatte ich allmählich begonnen, mich leise von ihrer Gedankenwelt, die bisher eine gemeinsame gewesen war, abzulösen. Es schien mir, als ob ihre Ansichten, die sie so feurig aussprach, mit der Welt, wie ich sie sah, nicht ganz stimmen wollten. So einfach waren die Dinge doch wohl nicht, daß es genügte, zu dieser oder jener Partei zu gehören, um ein Engel oder das gerade Gegenteil zu sein. Auch das mit den Preußen konnte ich nicht mehr so recht glauben, besonders nachdem es 1866 vor meinen Augen so glimpflich abgelaufen war. Vielleicht steckten auch nicht in jedem Liebespaar, dem der elterliche Segen fehlte, ein Romeo und eine Julia, für die man unbedingt einstehen mußte. Je älter ich wurde, desto mehr breitete sich nun der Widerspruch aus und griff allmählich in alle Gebiete des Lebens über; es hieß aber behutsam sein, denn ihr Temperament war unberechenbar. Das beste war, sie zum Lachen zu bringen. Wenn sie zornig oder aufgeregt wurde, so drehte sie sich blitzschnell um sich selber mit einer ganz südlichen Gebärdensprache, die ich neckend ihren Kriegstanz nannte. Über einen solchen Scherz konnte sie plötzlich hellauf lachen, dann war der Zorn verflogen. Sie lachte ja so gerne, und am liebsten über sich selbst. Nie werde ich wieder ein sonnigeres, sorgloseres Kinderlachen hören.
Auf ihr Wesen hatte bisher noch nie ein Mensch wirklichen Einfluß gehabt, auch mein Vater nicht. Sie liebte ihn mit einer Liebe, die Anbetung und Gottesdienst war. Sie stützte den Ringenden und ersetzte dem Unverstandenen die gläubige Gemeinde. Diese tragende Kraft mußte für den um dreizehn Jahre älteren Mann von unschätzbarem Werte sein. Ich habe mich oft gefragt, wie es wohl gegangen wäre mit einer biederen schwäbischen Hausfrau bürgerlichen Schlages, die ihm wohl seine Wirtschaft peinlich genau geführt, ihm aber dafür mit Lebenssorgen in den Ohren gelegen hätte. Meine Mutter hielt die irdischen Nöte von vornherein für unzertrennlich vom Dichterlos und war stolz darauf, sie mit ihm zu teilen. Sie vermittelte den Kindern die Geisteswelt des schweigsam gewordenen Vaters und erzog uns so zur Verehrung für ihn, daß selbst der wilde Alfred in seiner Gegenwart lammfromm war. Aber in ihren Meinungen und Grundsätzen ließ sie sich auch durch ihn nicht beeinflussen. Er war zu reif, zu ausgeglichen, um auf die Immerwerdende, Nichtfertigwerdende zu wirken. Bei seiner Neigung, jeder Persönlichkeit ihre Art zu lassen, hat er wohl auch nie ernsthaft versucht, den Sinn für die Abstufungen in ihr zu wecken. Diese Aufgabe fiel einem viel jüngeren, aus ihr selbst geborenen Wesen zu, das sich an ihr und häufig gegen sie entwickelte und an dessen Entwicklung sie selber weiterwuchs. Ihr beizubringen, daß es zwischen Schwarz und Weiß unendliche Zwischentöne gibt, daß nicht jede Erkenntnis in jeder Seele gute Früchte trägt, daß auch der besten Sache mit Schweigen zuweilen besser gedient ist als mit Reden, solcherlei Ausgleichspolitik beschäftigte meinen Kopf schon in einem Alter, wo andere noch mit der Puppe spielen. So oft das häusliche Gleichgewicht schwankte, mußte ich es einrenken. Und oft genug, wenn ich glaubte, recht geschickt eine Klippe umsteuert zu haben, warf noch im letzten Augenblick ihr Ungestüm meine ganze Berechnung um. Welch ein täglich erneutes Ringen, wieviel Mißverständnisse und beiderseitiges Herzweh! Über mich ergossen sich alle Gewitter ihres stürmischen Naturells. Je mehr Leid uns daraus erwuchs, desto zärtlicher hingen wir zusammen. Aber oft empfand ich es als eine besondere Härte des Schicksals, daß gerade ich berufen sein sollte, nur immer Dämme aufzurichten, Grenzen zu ziehen, Vernunft zu predigen, da doch Lebensalter und eigene Anlage mir nach meiner Meinung vielmehr das Recht gegeben hätten, selber die Unvernünftige zu sein.
Ein Nothelfer.
Russische Freunde.
Unterdessen feierte auch Edgar seine vita nuova in einem Freundschaftsverhältnis, das etwas von der Überschwenglichkeit einer ersten Liebe an sich hatte.
In seiner Klasse, aber in einer höheren Abteilung, saß ein älterer Mitschüler, Ernst Mohl, ein Pfarrerssohn aus Hildrizhausen, der den zuerst ergriffenen Kaufmannsberuf gegen den Wunsch seiner Eltern mit den Gymnasialstudien vertauscht hatte und so unter den jüngeren Jahrgang geraten war. Diesem schloß sich Edgar mit seinem ganzen Feuer an. Sie tauschten ihre literarischen und philosophischen Ansichten aus, teilten sich gegenseitig ihre Gedichte mit, und der einfach erzogene Pfarrerssohn, der bis dahin still vor sich hin gelebt und nur mit den frömmsten Familien verkehrt hatte, sah sich plötzlich in einen Wirbel geistiger Anregung hineingezogen. Auch ich wurde schon in den ersten Tagen in den neuen Bund eingeschlossen. Denn als die beiden einmal zusammen durch die Alleen schlenderten, begegnete ihnen ein Trupp Kameraden, die einen Armvoll Rosen in einem Garten gebrochen hatten, und man kam überein, die schönen Blumen einem Mädchen zu schicken. Aber wem? — Edgars Schwester, entschied Mohl. Er hatte schon vor der Bekanntschaft mit dem Bruder eines Tages ein blondes Mägdlein leichtfüßig über die Straße hüpfen sehen und war durch eine Tochter Philistäas belehrt worden, daß dies das Kurzsche Heidenkind sei. Und alsbald hatte er in seiner Seele für das Heidenkind und gegen Philistäa Partei genommen. Die Kameraden stimmten zu, und er wurde beauftragt, eine Widmung im Namen aller zu schreiben. Er zog sich zurück und schmiedete alsbald ein formgerechtes, jugendlich überschwengliches Sonett, in dem er jedoch der Kameraden nicht gedachte, sondern nur seine eigene Sache vortrug. Blumen und Verse überbrachte mir Edgar. Ich fühlte mich durch die gereimte Huldigung sehr gehoben; eine solche war bis jetzt nicht einmal Lili zuteil geworden. Die Verse waren für mich, was für den Knappen der Ritterschlag.
Wenige Tage später saß ich mit den Eltern in Schwärzloch, der lieben alten Waldwirtschaft, wo Frau Lächler, die philosophische Wirtin, uns ihre Sauermilch mit dem berühmten Schwarzbrot vorsetzte. Da erschien Edgar mit seinem neuen Freund und stellte ihn vor, einen großgewachsenen, aber noch sehr schüchternen Jüngling, dem mit seinen siebzehn Jahren schon der Vollbart sproßte. Der Neuling war innerlich sehr erschüttert von dem, was er getan hatte, und sah sein Unterfangen nachträglich als eine Ungeheuerlichkeit an. Aber die Dreizehnjährige dankte gesetzt und damenhaft für die Blumen und nahm die Begleitverse als Formsache und Ritterstil auf, wonach die Befangenheit sich allmählich löste. Wir waren damals gerade aus dem großen kalten Haus an der Steinlach in die neue Wohnung in der inneren Stadt gezogen, die mit ihrer sonnigen Vorderseite drei Stock hoch auf den schönen altertümlichen Marktplatz hinuntersah und zugleich auf der Rückseite, wo die Haustür lag, das zweite Stockwerk über der finsteren Kronengasse bildete. Dort besuchte uns der neue Freund, nachdem er die erste Beklommenheit überwunden hatte, bald fast täglich. Der zarte und doch so schroffe Edgar mit dem leichtentzündlichen Geblüt und dem schmalen, vergeistigten Gesicht, aus dem große blaue Augen weltfremd leuchteten, sah in dem riesenstarken, immer gelassenen Freunde sein unentbehrliches Widerspiel. Wenn dieser sich kaum verabschiedet hatte, so hielt er es schon nicht mehr ohne ihn aus und griff zur Mütze, um ihm nachzueilen. Als Ernst die Vakanz im väterlichen Pfarrhaus verbrachte, war der leidenschaftliche Knabe so unglücklich über die Trennung, daß der Freund auf den abenteuerlichsten Schleichwegen ohne Wissen seiner Eltern, die an diesem Verkehr keine Freude hatten, ein Wiedersehen wie ein verbotenes Liebesstelldichein bewerkstelligen mußte. Und weil das kurze Beisammensein Edgars liebebedürftiger Seele kein Genüge tat, nahm jener ihn gar als Gast in sein Pfarrhaus mit, freilich in heimlichen Ängsten, wie seine Eltern sich zu der Überraschung stellen würden. Aber so ein altschwäbisches Pfarrhaus wußte, was es dem Herkommen schuldig war, und ließ sich nicht lumpen, wenn ein Gast erschien, ob er ihres Geistes Kind war oder nicht. Man buk und schmorte, der Pfarrer holte seinen klassischen Schulsack, die Pfarrerin ihren Mutterwitz hervor, um die Unterhaltung zu würzen. Und da nun die Vakanz zu Ende ging, wurde anderen Tags die bessere von den zwei Pfarrkutschen angespannt, der „lederne Deckelwagen“, in dem nach bäuerlicher Ausdrucksweise vier „Herrenkerle“ Platz haben, und die Gäste nach altem Brauch bis in die Mitte des Schönbuchs zurückgeführt. Aber trotz der ihm erwiesenen Ehre hatte das schwärmerische Knabengemüt keinen Augenblick Ruhe, solange es den Freund mit andern teilen mußte. Ich hab’ den ganzen Tag über Heimweh nach dir, klagte er, wenn sie einmal allein waren, und legte seine zarte Wange an die bärtige des Freundes. Denn die Stärke seines Innenlebens machte dem Friedelosen selbst das Glück zur Qual.
Ernst trat allmählich im Hause ganz in die Stellung eines Mitbruders ein. Er half den jüngeren Knaben bei ihren Schulaufgaben, mich begleitete er in die Tanzstunde hin und zurück, obgleich der Ort nur über der Straße lag, und sah geduldig zu, bis ich des Herumhüpfens müde war, wenn es auch noch so spät wurde, denn er selber tanzte nicht. Er tat mir brüderlich zuliebe, was er nur konnte. Wenn Edgar seine immer zuckende Reizbarkeit an mir auslassen wollte oder Alfred mir seine Verachtung der Weiblichkeit allzu deutlich zu verstehen gab, so stellte er sich dazwischen und schaffte mir Luft. Zum Dank für diese Liebesdienste betreute ihn Mama mit ihrer ganzen überschwellenden Güte und wurde eine zweite Mutter für ihn, wobei sie freilich in ihrer stürmischen Art auch ab und zu in seine Lebenshaltung eingriff und den Abstand zwischen der freiheitlichen Richtung des Sohnes und dem bürgerlich hergebrachten Gesichtskreis der Eltern nach Kräften zu erweitern suchte.
An dem jungen Freunde fand ich jetzt einen Nothelfer in den häuslichen Stürmen, der mir bessere Dienste leistete als die Wohngäste, die doch nur auf kurze Zeit erschienen. Mit der Zeit vergrößerte sich auch der Kreis. Söhne befreundeter Familien, die zur Hochschule kamen, wurden in unserem Hause eingeführt, darunter das Frohgemüt unseres Eugen Stockmayer, der einer unserer Getreuesten werden sollte, und der gleichnamige Enkel des alten Dichters Karl Mayer, eine feine und eigenartige Erscheinung. Es fanden sich vorübergehend zwei Träger großer Namen ein, der schöne junge Friedrich Strauß, von seinem Vater dem meinigen empfohlen, und Robert Vischer, von dem seinen persönlich bei uns eingeführt. Da war ferner der treue Arthur Müllberger, der Theoretiker des Sozialismus und Schüler Proudhons, nebst einem gleichgesinnten französischen Freunde, dem ich später seiner Bedeutung wegen ein eigenes Kapitel widmen muß. Man machte gemeinsame Ausflüge oder saß des Abends beisammen und spielte, und ich durfte für Stunden ein gedankenloses junges Tierchen werden wie andere. Eine unbeschreibliche Harmlosigkeit waltete damals im Verkehr der Jugend. Man liebte noch die Gesellschaftsspiele, bei denen Scharfsinn, Witz und Geistesschnelle geübt werden mußten. Auch Rätselraten war eine beliebte Unterhaltung. Ernst Mohl verfaßte komische Gedichte in allen möglichen fremdländischen Dichtweisen, worin meine Tänzer durchgehechelt wurden. Edgar hatte eine frühe Meisterschaft über Wort und Reim, die wahrhaft verblüffend war und die ihm immer zu Gebote stand. Er wetteiferte nun mit Ernst in lustigen Travestien bekannter Dichtungen, worin er auch unser Mütterlein mit ihrer Garibaldischwärmerei und ihren republikanischen Freundschaften nicht verschonte. Dazwischen gab es ernste Wortgefechte literarischer und anderer Art, wobei man jedoch vorsichtig sein mußte, denn der reizbare Edgar, der alles persönlich nahm, konnte bei solchen Anlässen plötzlich in Brand geraten. Er pflegte je nach der augenblicklichen Stimmung Dichter auf den Thron zu heben oder schmählich abzusetzen, selbst die größten nicht ausgenommen. Da war es denn schwer, nicht zu widersprechen, und widersprach ich, so prasselte er auf. Bei seiner Unausgeglichenheit und seinem steten Auf und Ab hätte ihn nur eine Windfahne befriedigen können, und eine solche hätte er von Grund aus verachtet. Der ruhige Freund hatte immer zu begütigen und abzulenken. Dafür wandte sich ein andermal der Groll gegen ihn, wenn er sich z. B. einfallen ließ, eine Lanze für Platen zu brechen, den wir nicht leiden konnten und wir anderer Meinung waren. In solchen Fällen schien dem erregbaren Jünglingsknaben die abweichende Meinung geradezu einen seelischen oder mindestens einen geistigen Mangel auszudrücken, und er konnte so wild werden, daß man für die Freundschaft fürchten mußte. Der große, gewichtige Freund aber hob dann den kleineren, zarten vom Boden auf, schaukelte ihn auf seinen starken Armen hin und her oder streichelte ihn mit seiner Riesenfaust die Backe, bis er das Fauchen aufgab und wieder gut war. Mein Vater kam ab und zu von seinem Arbeitsstübchen im Giebelstock herunter und warf ein paar Worte ins Gespräch. Mama saß am liebsten auf einem Schemel, ganz in sich zusammengerollt wie ein kleines Bündelchen, aus dem die Augen mit einem fast unmöglichen diamantenartigen Glanze strahlten. Vor Schlafengehen pflegte sie schnell noch aufzuspringen und die Treppen hinunter in die Konditorei zu huschen. Von dort brachte sie jedem ein Brottörtchen mit Schokoladenguß mit. Ja — und du? hieß es dann. Sie behauptete jedesmal, das ihrige schon im Laden verzehrt zu haben, aber alle wußten, daß dem nicht so war! Sie liebte vom Gebäck nur das feinste, und diese Törtchen waren besonders fein. Deshalb aß sie nie eins, sondern gönnte sich den Genuß, der für sie ein größerer war, es andere essen zu sehen.
Mein Latein war unterdessen da liegen geblieben, wo der allzu gewissenhafte Haierle es gelassen hatte. Nun erbot sich Ernst Mohl als angehender Philologe, den Unterricht wieder aufzunehmen. Es war auch eine Eigentümlichkeit jener Tage, daß all die jungen Menschenkinder sich immer gegenseitig aus Freundschaft unterrichteten. Die Mama war entzückt von diesem Vorschlag, aber das Töchterlein keineswegs. Ich bildete mir nämlich ein, daß einzig das Lateinische, das damals bei Mädchen für eine Unnatur galt, an meinem Mißverhältnis zur Welt schuldig sei. Zudem war mir das Römervolk mit seiner starren, nüchternen Vernünftigkeit und seiner grausamen Zweckmäßigkeit unerfreulich, somit liebte ich auch ihre Sprache nicht, deren schöne Treffsicherheit und durchsichtige Klarheit ich noch nicht würdigen konnte. Und gar auf ihre Literatur, die mir lauter Flickwerk schien, sah ich von der Höhe meines Homer tief herunter. Um dieses Volkes, um dieser Sprache willen sollte ich mich von Buben mit Steinen werfen und von den Mädchen verklatschen lassen! Wären es noch die Griechen gewesen! Die ganze Kinderei meiner jetzt erreichten vierzehn Jahre kam über mich, und es gab für meine aufgeregte Einbildung keine Grenzen mehr. Das Latein war der Vampyr, der mir am Leben fraß! Die Römer hatten nur in der Welt herumgesiegt und Geschichte geschrieben, damit ich in Tübingen ein unglücklicher Mensch würde! Und der Freund, der sich mir zugeschworen hatte, gab sich zum Helfershelfer her! Es war gräßlich. Ich versteckte mich auf dem Speicher bei den großen Koffern. Dort standen zwei mannshohe Riesensäcke, von Josephine mit unbenützten Bettstücken und anderem Hausrat vollgepfropft. Hinter diesen suchte ich Sicherheit, bis die Gefahr vorüber wäre. Aber als Mama auf der Suche nach mir den Speicher heraufgestürmt kam, da verriet mich wie weiland den König Enzio ein Schopf, der zwischen den Säcken hervorglänzte, und ich wurde an den Zöpfen die Treppe hinabgezerrt. Ich schluchzte und grollte in mich hinein und nahm erst vor der Tür wieder Haltung an, aber eine ungnädige. Doch der junge Lehrer verstand es, mir des Tacitus Germania so schmackhaft zu machen, daß ich schon auf der ersten Seite meinen Unmut fahren ließ. Ich fühlte mich auch als Deutsche geschmeichelt, daß mir der alte Römer über meine Vorfahren so viel Verbindliches zu sagen hatte, und fand danach sein Volk minder abstoßend. Ich übersetzte die ganze Germania, schrieb sie schön ins Reine und überreichte sie meiner Mutter, die nun wieder ganz mit mir zufrieden war. Sie berichtete dem alten Freund Bacmeister in Reutlingen meine Leistung, und dieser verehrte mir in kollegialer Anerkennung je ein Druckstück seiner eben erschienenen Tacitus- und Sallustübersetzungen.
Und zur Belohnung führte mich Mama auf den ersten Ball nach Niedernau. Niedernau! Könnte ich dem Wort nur etwas von dem Zauber einhauchen, den es in Mädchenohren besaß. Man denke sich ein bescheidenes, lieblich-ernstes Schwarzwaldtal, von Tannen umstanden, von einem Bächlein durchflossen; daselbst ein anspruchsloses Kurhaus mit einem großen Tanzsaal, der an sich kein Schaustück war, der sich aber zur Sommerzeit an den Nachmittagsstunden der Sonn- und Donnerstage in ein Stück Jugendparadies verwandelte. Junge Mädchen in den duftigen Sommerkleidern damaliger Mode aus Mull oder Jakonett, die den Trägerinnen das Ansehen von Wiesenblumen gaben, Studenten in Couleur, geduldige Mütter an den Wänden, Geigenschrillen, Tanzgewirbel; niemand fragte, wie hoch das Thermometer stand. Der Kotillon ging meist in ein förmliches Rasen aus, denn bei der Überzahl der Herren mußten viele ohne Tänzerinnen bleiben und hielten sich dann beim Kehraus schadlos. Jeder Tänzer hing seiner Dame einen Mooskranz um den Arm, und an der Zahl der Kränze sah man, wie oft sie aus der Tour geholt worden war. Die heimgeschleppten Kränze hing man dann zu Hause als Trophäen auf. Kontertänze wurden zuweilen im Freien auf dem Rasen getanzt, was noch hübscher war, und in der Zwischenzeit gingen die Paare auf den nahen Waldwegen spazieren. Auf der Heimfahrt schlossen sich einzelne Tänzer den Familien an, das waren solche, die im Trunk enthaltsam gewesen. Die anderen vollführten im Eisenbahnwagen ein dämonisches Singen und Grölen, was zwar nicht sehr rücksichtsvoll gegen die Damen war, aber doch nicht als gröbliche Verletzung des Anstands aufgefaßt wurde, da man von der studentischen Jugend an vieles gewöhnt war. Mein erster Balltag in Niedernau fiel gerade auf Mamas Geburtstag. Als wir am Abend kränzebeladen und freudensatt — denn sie genoß meine Jugendfreuden fast mehr als ich selber — nach Hause fuhren, holten uns Ernst und Edgar am Bahnhof ab. Sie hatten zuvor das Haus mit bunten Laternen behängt und auf dem Geburtstagstisch lustige poetische Gaben eigenen Erzeugnisses ausgebreitet, in denen die kindliche Seele der Empfängerin schwelgte. Auch mir wurde ein Heldengedicht im Nibelungenstil aus Ernsts Feder überreicht, das die ungeheuerlichen Reckentaten bekannter studentischer Persönlichkeiten für ihre Ballschönen besang, eine grotesk-heroische Fortsetzung eben genossener Ballfreuden, zum Nachklang der Geigen in meinem Ohr gestimmt. Noch drolliger war ein späteres Gedicht in Makamenform, das zwei Angehöriger feindlicher Korporationen, in die Namen Kampfwart der Schöne und Siegwolf durchsichtig vermummt, einen fürchterlichen Einzelkampf ausfechten ließ, wobei der unbezwingliche Siegwolf mit der blauweißroten Schärpe doch gefällt wurde und der schöne Kampfwart neben der wallenden schwarzrotgoldenen Fahne als Sieger stand. Alle diese Helden führten fortan neben ihrem wirklichen noch ein mythisches Dasein, denn der Verfasser setzte seine Gesänge eine geraume Weile fort.
Die überschwengliche Freundschaft der beiden Jünglinge erstieg allmählich einen Gipfel, auf dem sie sich nach dem Gesetz des Irdischen nicht lange halten konnte. Ihre schönsten Stunden verlebten sie noch auf einer Schwarzwaldreise, zu der sie sich in der nachfolgenden Sommervakanz zusammenfanden. Der ältere Freund, der jetzt schon Student war, hatte sich die Mittel dazu ganz insgeheim buchstäblich am Munde abgespart, sonst wäre die Genehmigung seiner Eltern nicht zu erlangen gewesen. Sie stiegen zuerst in dem uns befreundeten Hopfschen Pfarrhaus in Pfalzgrafenweiler ab und wanderten anderen Tags der Hornisgrinde zu. Bei sinkender Nacht an schwelenden Meilern vorüber, an deren Glut, die er für Irrlichter hielt, Edgar sich hineinspringend die Sohlen versengte, gerieten sie todmüde vor eine Waldherberge, die ganz dem Hexenhaus des Märchens glich. Auf ihr Klopfen zog ein altes Weib, das einsam dort hauste, nach vielen mißtrauischen Fragen über ihre Zahl und Körpergröße die Falltür auf und ließ die zwei jugendlichen Wanderer eintreten. Während sie ihnen beim Schein ihrer Stallaterne einen herrlichen Pfannkuchen buk, mußten die beiden sich im Dunkeln behelfen und wurden hernach ohne Umstände in eine unheimliche Rumpelkammer hinaufgeführt, wo ein großes Bett stand, und dort wieder im Dunkeln gelassen. Gerade über dem Bett befand sich eine breite offene Luke, von der man nicht wußte, wohin sie ging: sie konnte Räubern zum Einlaß dienen. Die Phantasie der beiden war so aufgeregt von dem sonderbaren Empfang, daß sie mit jeder Möglichkeit rechneten. Edgar, der unter dem Eindruck des Walthariliedes stand, sagte: Jetzt sind wir in derselben Lage wie Walther und Hildegund am Wasgenstein. Wir wollen es machen wie sie und uns in die Nachtwachen teilen, damit uns kein Feind überrasche. Übernimm du die erste Nachtwache und wecke mich, wenn es Zeit ist, damit ich die zweite halte. Der andere versprach’s. Dann umschlangen sie sich kampf- und todbereit und entschliefen beide auf der Stelle. Als der Morgen mit Vogelgesang und Tannenduft durchs Fenster sah, erwachten sie ungemordet und rüsteten sich zum Weitermarsch. Die Hexe labte sie mit köstlicher Milch und Schwarzbrot. Den Tee, den mein besorgtes Mütterlein ihnen zum Frühstück mitgegeben hatte, stellte die Alte als Salat zubereitet daneben mit der verwunderten Bemerkung: Daß ihr schon am frühen Morgen dürres Gras essen mögt! — Dann brachen sie auf, erreichten unter großen Strapazen am anderen Abend Kehl, wo sie nüchtern, wie sie noch vom Morgen her waren, sich nicht einmal die Zeit ließen, zu rasten und sich zu stärken, so unaufhaltsam zog sie’s nach Straßburg, der „wunderschönen Stadt“. Allein beide hatten noch gar nicht gelernt, mit Nutzen zu reisen, so durchrannten sie nur planlos die Straßen, staunten zum Münster hinauf, erhielten auf ihr mühsam zusammengeleimtes Französisch allenthalben zu ihrer Verwunderung deutsche Antworten und trugen von dem kurzen Besuche nichts davon als das Bedauern, diese urdeutsche Stadt in fremden Händen zu wissen. In der Dunkelheit kehrten sie über die lange Rheinbrücke, die jetzt endlos schien, nach Kehl zurück; der Rheinstrom rauschte dumpf, die Müdigkeit wurde entnervend, jeder Begegnende, dessen Schritte ihnen im Finstern entgegenhallten, schien Böses im Schilde zu führen, und der zarte Knabe sagte zu dem starken Freund: Wenn man nicht ein Mann wäre, könnte man sich fürchten.
Auf dem Heimweg machten sie noch in Renchen Halt und erkundigten sich im Auftrag unseres Vaters, der sich um jene Zeit wieder mit Studien zum Simplizissimus beschäftigte, auf dem dortigen Friedhof nach dem Grabe des Verfassers. Allein der Name Grimmelshausen war dort gänzlich unbekannt. Sie waren aber trotz der geringen Ausbeute, die sie von der Reise heimbrachten, doch beide sehr stolz auf die gemachten Erfahrungen, wenn auch Edgar nach seiner Weise kein Wörtlein davon über die Lippen brachte und selbst dem Freunde nicht gestattete, alles zu erzählen. Und unser leichtblütiges Mütterlein sagte befriedigt: Ja, jetzt habt ihr etwas erlebt, jetzt seid ihr Männer geworden.
Aber gerade auf dieser Reise war den Freunden doch die große innere Verschiedenheit ihrer Naturen aufgegangen, und Edgar mit seinen oft aus höchstem Seelenschwung entspringenden Eigenheiten hatte es dem anderen nicht leicht gemacht. Ernst kleidete aus Hildrizhausen seine Beschwerden in einen humoristischen Brief, der alle einzelnen Vorkommnisse der Reise aufzählte und große Heiterkeit erregte. Auch Freund Hopf, der bald danach aus seinem Pfalzgrafenweiler herüberkam, half über die Reiseabenteuer lachen. An diesen Besuch knüpft sich noch eine niedliche Erinnerung. Wir saßen dem Gaste zu Ehren alle bei einer Flasche Wein in des Vaters Studierzimmer beisammen, was selten geschah. Da erhob Edgar sein Glas gegen mich und sagte: Tibi, Illo! — Was, illo? rief Hopf strafend. Es kann nicht illo heißen, du bist mir ein sauberer Lateiner. Der treffliche Mann war ein großer Freund der Jugend, aber bei seiner ausgesprochen pädagogischen Anlage neigte er sehr zum Bessern und zum Belehren. Dafür hatte ihm Edgar nun eine kleine Falle gestellt. Der Vater blickte erwartungsvoll auf den Sohn, dessen Latinität außer allem Zweifel stand. Illo ist kein Latein, sagte dieser schmunzelnd. So nannte sich meine Schwester, als sie klein war und ihren Namen noch nicht aussprechen konnte, und bei mir heißt sie noch heute so. Es war der kindliche Kosename, den er mir gab, wenn er gut aufgelegt war.
Die einseitige Leidenschaftlichkeit seines Wesens trieb es jetzt in dem Freundschaftsbund, der sein Glück gewesen war, allmählich zur Katastrophe. Mißverständnisse, störende Einmischungen Dritter hatten schon den ersten Glanz getrübt. Er verstand es niemals, sich seiner Freunde „schonend zu erfreuen“, denn er verlangte eine Ausschließlichkeit und ein Ineinanderfließen, die nicht von dieser Welt sind. Wenn das Bild, das er sich von dem andern machte, irgendwo mit der Wirklichkeit nicht stimmen wollte, so zerriß es ihm das Herz. Bald fand er sich in dem Freunde nicht mehr zurecht, der sich Menschen und Dingen anpaßte, wie sie ihm in den Wurf kamen, und das Leben von der guten Seite nahm. Nun kamen immer mehr Schmerzen und Enttäuschungen. Ernst ließ sich beikommen, mit zwei älteren norddeutschen Studenten zu verkehren, bei denen er in der Stammesverschiedenheit seinen geistigen Gesichtskreis zu erweitern hoffte. Ob nun Eifersucht im Spiele war oder Edgar gerade jene Persönlichkeiten des Freundes nicht würdig hielt, er fühlte sich verletzt und forderte, daß Ernst den neuen Umgang aufgebe. Das konnte dieser nicht gewähren und suchte sich durch gütliches Zureden und ausweichenden Scherz aus der Klemme zu ziehen. Aber er machte dadurch das Übel ärger, denn bei Edgar war es bitterer Ernst. Er kam noch einmal auf sein Zimmer und ersuchte den Freund nachdrücklich, zwischen ihm und jenen zu wählen. Als dieser erklärte, daß er nicht wählen könne und wolle, antwortete er verzweiflungsvoll: Dann hast du gewählt! und ging mit einem vernichtenden Blick aus dem Zimmer.
Es war eine furchtbare Krisis in seinem Jünglingsleben. Obwohl völlig im Unrecht, glaubte er doch ganz und gar im Rechte zu sein, weil er sich der größeren Stärke seines Gefühls bewußt war. Der andere sah nicht, was in dieser tiefernsten, immer aufs höchste gespannten Seele vorging. Wir aber, die ihn besser kannten, verstanden es und fürchteten für sein Gleichgewicht. In seinen ekstatisch blickenden und doch so willensfesten Augen lag damals etwas Wertherisches. Es war jene kritische Übergangszeit im Leben des begabten Jünglings, bevor Frauenliebe ihn auf den Erdboden zurückholt. Mama hatte entdeckt, daß er in einem verschlossenen Kästchen unter allerlei Heiligtümern ein Fläschchen Morphium bewahrte, über das sie sich heftig ängstigte. Es diente wohl nur zur Prüfung des Selbsterhaltungstriebs wie jener Dolch, mit dem Goethe spielte. Ich weiß nicht mehr, auf welche Weise es mir gelang, den Schrein heimlich zu öffnen; ich goß das Fläschchen aus und füllte es mit einer ganz gleichgefärbten, aber unschuldigen Flüssigkeit. Er merkte nichts und hat nie von dem Tausch erfahren. Die Erschütterung ging auch bald vorüber, aber sie hatte auf sein ganzes Leben eine Nachwirkung. Er verschloß fortan das Zärtlichkeitsbedürfnis, dessen er sich schämte, in tiefster Brust und wurde in der Form so schroff und herb, daß auch seine Angehörigen den Weg nicht mehr so recht zu seinem Innern fanden. Er wollte fortan keinen Herzensfreund mehr. Als er dann selber Student wurde, suchte er sich nur solche Gefährten aus, unter denen er unbedingt herrschen konnte. Und er wählte seinen Umgang nicht ohne eine gewisse Absicht so, daß es den ehemals Geliebten verletzen mußte, weil dieser sich sagen durfte, daß er selber mehr geboten hatte. Und nicht einmal in reifen Mannesjahren fanden sie mehr den Weg zueinander, obschon sie beiderseits den Versuch einer Wiederannäherung unternahmen und keiner dafür das Opfer einer weiten Reise scheute. Die Zeit macht keine Mißverständnisse des Herzens gut; sie häuft nur Massen darüber auf und verschüttet mit dem Groll auch die Liebe.
Ich war es, die am meisten von Edgars Anlage zu leiden hatte, seitdem der Freund nicht mehr als Blitzableiter dazwischen stand. Er verlangte jetzt unter anderm plötzlich, daß ich nicht mehr tanze, weil der Gedanke, daß der erste beste mit einer Verbeugung an seine Schwester herantreten und mit ihr herumwirbeln könne, ihm unerträglich sei. Daß ich die Sache nicht mit seinen Augen sehen wollte, schmerzte ihn tief, und nun schrieb er eine Flugschrift gegen das Tanzen, die er drucken ließ. Als er uns einmal in Niedernau abholen sollte, riß er mir beim Heraustreten aus dem Ballsaal die Kränze vom Arm und warf sie vom Brücklein in den Waldbach. Dabei standen ihm die Tränen in den Augen, daß er mir trotz meines Unmuts leid tat. Aber ich konnte es nicht hindern, daß wir uns innerlich voneinander entfernten. Ohne daß ich es wußte und wollte, wurde er, der bisher stets die Hauptperson gewesen, jetzt durch mich an die zweite Stelle gedrängt. Ich war mit vierzehn Jahren nahezu ausgewachsen und wurde auch von den reiferen Männern unseres Kreises für voll genommen, während er als fünfzehnjähriger Gymnasiast noch kaum beachtet daneben stand. Das alles floß dem Leichtverletzten zu einem unbestimmten Gefühl von Kränkung zusammen, und er ging neben der Schwester, die sich ihm halb entwand und ihm halb von den andern entzogen wurde, mit einer starken, aber heimlich zürnenden Liebe her, deren Äußerungen alles eher als wohltuend waren.
Sein schmerzlicher Bruch mit Mohl wurde äußerlich durch die Familie verkittet. Wenn dieser, nun gleichfalls im Herzen vereinsamt, Mama oder mich am Fenster stehen sah, so zog es ihn, wie schroff er von Edgar abgestoßen war, unausweichlich den alten Weg. Auch unsere Lateinstunden gingen weiter. Wir lasen jetzt zusammen den Sallust, wobei ich mich für die trotzige Verbrechergestalt des Catilina lebhaft erwärmte. Das freute Edgar, der die gleiche Vorliebe hatte, und so fühlten wir endlich wieder einmal unsere innere Ähnlichkeit. Wenn aber Lili in Tübingen auftauchte, so vergaß ich Catilina und das ganze Römervolk nebst seiner Grammatik und hatte wieder für nichts Sinn als für Tand und Bälle und Studentenwesen. Einmal hatte sie mir einen allerliebsten weißen Tarlatanhut mit schwarzen Samtbändchen mitgebracht, wie sie selber einen trug. Dergleichen war aber in Tübingen noch nicht gesehen worden und das Hütchen erweckte auf meinem Kopf wieder einen sittlichen Unwillen. Als wir nun eines Tages mit unseren Tarlatanhüten und den schwesterlich gleichen grün und weiß gestreiften Waschkleidchen zusammen ausgingen und uns dabei sehr niedlich vorkamen, brach eine Rotte Schuljungen, die eben den Schulberg herabkamen, heulend und Steine werfend auf uns ein, daß wir die Pfleggasse hinauf uns in einen Bäckerladen flüchteten, der schnell geschlossen werden mußte. Die Gassenjugend bombardierte die Tür mit wütenden Steinwürfen, und wir wurden wohl eine Viertelstunde lang von der wohlwollenden Bäckersfrau in den hintersten Räumen versteckt gehalten, ehe wir uns wieder hinaustrauen durften. Von da an gingen wir nur noch unter männlichem Schutz in unseren Tarlatanhütchen aus, bis die Töchter Philistäas anfingen, sie nachzumachen und die Mode sich verbreitete.
Auch Hedwig Wilhelmi wetterleuchtete wieder durch mein Leben. Sie entzückte als maître de plaisir, indem sie Ausflüge und andere Lustbarkeiten veranstaltete, wobei sie selber auch auf ihre Rechnung kam, denn während die Jugend tanzte und tollte, gesellten sich die älteren Studenten zu der reifen, fesselnden Frau, um mit ihr zu rauchen und sich im Wortgefecht, das ihr Bedürfnis war, zu üben. Es ging nach damaligem Brauch bei solchen Ausflügen sehr genügsam zu: eine Sauermilch oder ein Glas Bier, bei Tanzvergnügungen ein Stück Kuchen war alles, was man sich leistete; die Wirtshäuser waren auf mehr kaum eingerichtet. Dann setzte man sich auf dem Heimweg Glühwürmchen ins Haar, und mit dieser phantastisch leuchtenden Krone wanderte man singend durch den Wald nach Hause. Die wilden jüngeren Brüder betrugen sich, wenn sie dabei sein durften, tadellos. Nur daß Erwin gelegentlich gegen eine verbotene Zigarre irgendeinem aufschlußbedürftigen Studenten unser geheimgehaltenes Ausflugsziel verriet, daher wir nie begriffen, weshalb gewisse Gesichter so häufig da auftauchten, wo man sich ihrer nicht versehen konnte. Alfred, noch immer unversöhnt mit dem weiblichen Geschlecht, mochte sich’s doch nicht ganz versagen, dabei zu sein. Er folgte meist auf zwanzig Schritt Entfernung durch die Straßen, und war so gezwungen alles einzusammeln, was Philistäa gegen die beiden Tarlatanhüte, gegen Hedwigs Zigarre oder Mamas nachlässigen Anzug einzuwenden hatten. Das warf er uns dann alles beim Nachhausekommen mit triumphierendem Ingrimm an den Kopf.
Späterhin brachte Hedwig ihre Berta mit, die eine richtige südliche Schönheit zu werden versprach. Die Kleine, die seit den Windeln an gesellschaftliches Leben gewöhnt und an Weltkenntnis uns allen überlegen war, bildete mit Lili und mir ein unzertrennliches Kleeblatt. Sie weihte uns in die Regeln des Stiergefechts ein, und mir brachte sie einmal nebst anderen Erzeugnissen Spaniens einen wunderbaren grünseidenen Fächer mit, auf dessen Elfenbeinstäbchen die Bildnisse der berühmtesten Stierkämpfer gemalt waren. Sie nannte alle mit Namen und erzählte von ihren galanten Beziehungen zu der vornehmen Damenwelt von Madrid und Granada. Wir drei Mädchen schlossen uns im Zimmer ein, um mit Kastagnetten Fandango zu tanzen, und die Brüder hatten das Zusehen — aber nur durchs Schlüsselloch!
*
Während die Ausbildung der Brüder völlig planmäßig vor sich ging, wurde die meinige durch jeden Luftzug dahin oder dorthin geweht. Im Gasthof zur Traube wohnte damals eine russische Dame, Frau Danjewsky aus Kiew, die sich ihrer beiden Söhne wegen in der Universitätsstadt aufhielt. Sie sah mich eines Tages über die Straße gehen, fand, daß ich auffallend ihrem im gleichen Alter verstorbenen Töchterchen gliche, und ließ mir sagen, daß sie mich gern kennen möchte. Und wenn sie mich ein wenig im Russischen unterrichten dürfte, so wäre ihr das eine besondere Freude, weil sie sich vorstellen könnte, ihre Tochter sei wieder da. Ich mußte jede Gelegenheit, etwas lernen zu können, als einen Glücksfall wahrnehmen, weil ja doch alle höheren Bildungsstätten der Frau mit eisernen Riegeln versperrt waren; so stellte ich mich erwartungsvoll und etwas beklommen von dieser Neuheit im Gasthof ein. Ich fand eine ernste Frau in mittleren Jahren, die mich sehr herzlich mit einem Veilchenstrauß begrüßte und die nun für die nächste Zeit mein hauptsächlichster Umgang wurde. Sie brachte mir zuerst die Buchstaben bei, die sich um vieles leichter erwiesen als sie aussahen, und gleichzeitig ließ sie mich schon einen Kindervers von Mischka, dem Bären, aufsagen, um meine Zunge an die Aussprache zu gewöhnen. Dann tauchten wir, umqualmt vom Rauch ihrer Zigaretten, in die unergründlichen Tiefen der russischen Grammatik, und als hier nur die ersten Schwierigkeiten überwunden waren, ging sie schon dazu über, mit mir ihren vielgeliebten Puschkin zu lesen, den sie für einen ganz großen Unsterblichen hielt. Ich hütete mich ihr zu sagen, daß mir die breit hinrollenden Verse etwas leer erschienen, und tat ihr den Gefallen, die ganzen berühmten Eingangsstrophen zum „Kupfernen Reiter“, bei denen das Russenherz höher schlägt, auswendig zu lernen. Besonderes Vergnügen aber machte es ihr, daß ich mich gleich mit meinem winzigen Wortschatz in die Unterhaltung wagte, wenn um mich her russisch gesprochen wurde. Die arme Frau hatte viel häuslichen Kummer: ihr älterer Sohn Wsjewolod, Wolodja genannt, befand sich zurzeit in der Irrenanstalt von Kennenburg; der jüngere, Sergius oder Serjoscha, der das Obergymnasium besuchte, ein frühreifes Großstadtkind, schien ihr auch keine große Freude machen zu wollen. Der Unterricht, den sie mir gab, gewährte ihr selber eine wohltätige Ablenkung. Sie befreundete sich warm mit meiner Mutter und zog auch mehrere ihrer studierenden Landsleute in unser Haus. Als sie Tübingen verließ, legte sie meinen Unterricht in die Hände eines älteren baltischen Studenten, der mit mir den russischen Geschichtschreiber Karamsin vornahm und mich damit in die Urgeschichte Rußlands, beginnend bei den Warägern, einführte. Scheidend trat er sein Amt einem des Sanskrit beflissenen Georgier aus Tiflis ab, der unter der akademischen Jugend ein besonderes Ansehen als Wagenlenker und Rossebändiger genoß, weil er als kleiner Junge nach dem Brauch seines Landes halbe Nächte auf dem Rücken der Pferde geschlafen hatte. Dieser Sohn der Wildnis mit dem blauschwarzen Haar und dem asiatischen Lächeln wurde nun mein dritter Lehrer im Russischen. Als auch er abreiste, trat er seine Stelle einem anderen Georgier ab, der nur kurz geblieben sein muß, da mir sein Bild nicht in der Erinnerung haftet. Nach dem Abgang dieses letzten war ich glücklich so weit, mir selbst forthelfen zu können. Ich führte mit den geschiedenen Freunden noch längere Zeit einen russischen Briefwechsel, wobei ich ebenso unbedenklich wie im Sprechen und zunächst noch ohne Hilfe eines Wörterbuchs (ein solches gestatteten mir meine Mittel erst später) meine Sätze baute — häufig zur großen Heiterkeit der Empfänger. So hatte eine ganze Reihe von Menschen, um die ich nicht das geringste Verdienst besaß, mir freiwillig ihre Zeit geopfert, um mir zur Kenntnis einer Sprache zu verhelfen, die ich zunächst nur zum Spiele trieb, die mir aber bald zugute kommen sollte, da ich mit Übersetzungen aus dem Russischen ein Neuland anbrechen konnte. Dafür blieben die russischen Studenten in unserem Hause gern gesehen, sie hatten eine gewandte Art, sich anzupassen, und brachten etwas von der Weite der Steppe und des Meeres mit. Daß sie sich auf Schritt und Tritt von wirklichen oder angeblichen russischen Spitzeln verfolgt sahen und daß sie, obwohl politisch völlig harmlos, doch der Angeberei sich durch Geldopfer entziehen mußten, gab uns auch gleich ein Schmäcklein von den russischen Zuständen. Einige Jahre später konnte ich dann die russischen Studien noch einmal in einem mir befreundeten Hause aufnehmen, wo das Familienhaupt, Direktor Dorn, der mit den Seinen lange in Rußland gelebt hatte, mich und seine liebenswürdige Tochter Elise, von uns das Dornröschen genannt, im Russischen übte.
Ein französischer Revolutionär.
Jugendeseleien.
Zu Ende der sechziger Jahre verkehrte bei uns ein Franzose, Dr. Edouard Vaillant, der als späterer Minister der Kommune bestimmt war, in der Geschichte seines Vaterlandes eine Rolle zu spielen. Daß ich diesen Mann kannte, hat mir den Geist der großen französischen Revolution näher gebracht als alle Geschichtsstudien: der starre doktrinäre Robespierre und der tiefglühende, unheimliche Saint-Just schienen in seiner Person beisammen, aber in veredelter Ausgabe. 1867 war er zum erstenmal nach Tübingen gekommen, um seine in Paris betriebenen medizinischen Studien, denen technische vorangegangen waren, zu vervollständigen, und hatte sich mit einer Empfehlung Ludwig Pfaus, der ihn von Paris her kannte, bei uns eingeführt. Er war damals siebenundzwanzig Jahre alt und hatte bereits promoviert. Schon Vaillants Äußeres bezeichnete den ganzen Menschen: mittelgroße, hagere Gestalt, bleiches Gesicht mit buschigem, schwarzem Haar, Züge, die bis zur Verzerrung unharmonisch waren, und dunkle, flackernde Augen, in denen der Fanatismus brannte. Im Betragen jedoch gewinnend durch Bescheidenheit, feine Erziehung und persönliches Wohlwollen. Keine Spur von gallischer Eitelkeit, aber auch nichts von der vielgerühmten Grazie seiner Landsleute. Das Sprechen leidenschaftlich, aber abstrakt und farblos. Ich ging ja noch in Kinderschuhen, als Vaillant unser Haus zum erstenmal betrat, aber auch für Kinderaugen war diese Erscheinung völlig durchsichtig, und ich glaube nicht, daß sein späteres Leben an dem Bild, das ich von ihm bewahre, viel geändert hat. Aus dem Städtchen Vierzon im Departement Cher gebürtig und selber jener besitzenden Bourgeoisie, die er so sehr haßte, entstammend, widmete Vaillant von früher Jugend seine Kräfte und Mittel der Sache des Proletariats. Er gehörte der Blanquistischen Richtung an und hatte schon im Jahre 1864 in London die erste Internationale mitbegründen helfen. Vom Staatssozialismus, der nach Reformen strebt, wollte er nichts wissen; sein A und O war der soziale Umsturz. Die Revolution von 1793 hatte nach ihm ihr Werk nur halb getan: Sie sollte durch das Proletariat erneuert und mit Niederhaltung der bevorrechteten Klassen zum republikanischen Sozialstaat durchgeführt werden. Der Proletarier war für ihn der einzig wahre Mensch; ich besitze noch ein Jugendbild von ihm, worauf er selbst in der Arbeiterbluse dargestellt ist. Auch die ausgebreiteten Kenntnisse, die er sich erwarb — er trieb neben seinem Fach auch deutsche Philosophie, besonders Hegel, und sozialwirtschaftliche Studien —, hatten vor allem den Zweck, der Partei zu dienen.
Meine Mutter nahm bei ihrer Hinneigung zu französischem Wesen und ihrem feurigen Glauben an die drei magischen Formeln der Revolution den stillen, ernsten Vaillant mit großer Herzlichkeit auf, und dieser verbrachte manche Stunde in unserem Hause. Zumeist in Gesellschaft seines Gesinnungs- und Studiengenossen, des geistig strebsamen, charaktervollen Artur Mülberger, der zum eisernen Bestand unseres kleinen Kreises mitgehörte. Es war ein äußerlich und innerlich sehr ungleiches Freundespaar. Dem blonden, seelenruhigen Schwaben war der Sozialismus eine wissenschaftliche Aufgabe, der heißblütige Franzose, zu jedem Äußersten bereit, wartete nur auf den Augenblick zur Tat. Mein Vater, dem sein Amt und die literarische Arbeit ohnehin wenig Zeit für Geselligkeit ließen, schätzte in dem französischen Hausfreund die Reinheit und geradezu katonische Ehrenhaftigkeit des Charakters, aber innere Berührungspunkte hatte er keine mit ihm. Denn es gebrach Vaillant bei völliger Abwesenheit der Phantasie an jeder Spur einer künstlerischen Ader, die Welt des Schönen war ihm verschlossen, er sah alle Dinge durch die Brille seiner radikalen Dogmatik an. Überhaupt hing ein Schleier zwischen ihm und dem Leben. Einmal begegnete er auf der Straße meinem Vater, als dieser gerade zu seinem herzkranken Jüngsten heimging, und schüttelte ihm erfreut die Hand mit der Mitteilung, daß er unmittelbar von einem Pockenkranken komme...
Für Deutschland hegte Vaillant damals eine Bewunderung ähnlich der des Tacitus für unsere Voreltern. Die Einfachheit des äußeren Lebens hatte es dem Bedürfnislosen angetan. Daß die Geselligkeit sich zumeist in der freien Natur abspielte, gab ihm einen Schmack Rousseauscher Ursprünglichkeit. Aber Jugendfreuden kannte er nicht. Auch auf den Ausflügen blieb er immer ernst und gemessen. Er philosophierte mit meiner Mutter oder spielte aus Gefälligkeit mit meinen jüngeren Brüdern, doch er lachte nie. Einmal traf ihn bei solcher Gelegenheit im Schwarzwaldbad Imnau der Balken einer Drehschaukel so schwer an die Stirn, daß er ohnmächtig wurde und mit vielen Nadeln genäht werden mußte. Da war der Röteste aller Jakobiner voller Zartheit nur bemüht, meiner Mutter und mir den Anblick der Wunde zu entziehen. Ganz besonders sagte ihm der freie und unschuldige Verkehr der Geschlechter zu. Daß ein junges Mädchen ohne schützende Korridortür in einem Hause wohnen konnte, dessen Unterstock ein die halbe Nacht hindurch belebtes Studentencafé war, setzte ihn in das größte Erstaunen. Er sprach mit bitterem Schmerz von der sittlichen Verkommenheit des Empire, und auch über die Rasseeigenschaften seiner Landsleute äußerte er sich ganz unumwunden. Ich erinnere mich, wie er einmal von ihrer sinnlich-grausamen Anlage sagte, der Gallier habe statt des Blutes Vitriol in den Adern.
Die große Verehrung, die er für meine Eltern empfand, gab ihm sogar den Wunsch ein, sich der Familie noch näher zu verbinden, denn er übertrug mit der Zeit sein Freundschaftsgefühl für die Mutter auch auf die heranwachsende Tochter. Aber dem Kinde war seine düstere Einseitigkeit zu fremd und unheimlich, auch hatte er bei aller Vorliebe für das deutsche Leben nicht begriffen, daß in Deutschland der Weg ins Herz der Tochter nicht über die Eltern geht. Seine humorlose Überzeugungstreue, die ganz barocke Formen annehmen konnte, gab steten Anlaß zu einem kleinen scherzhaften Kriege. So erheiterte er mich einmal durch den Rat, nicht auf dem Pferd, sondern lieber auf dem Esel zu reiten, weil das Pferd das Aristokratentier sei. Aber er hielt es meiner Jugend zugute, daß ich für seine Theorien nicht zu gewinnen war, und versicherte, ich sei dennoch très révolutionnaire, weil er sah, wie mich das Spießbürgertum meiner freien Erziehung wegen aufs Korn genommen hatte. Révolutionnaire war in seinem Munde das höchste Lob. Er hetzte das arme Wort zu Tode, indem er es auf alle möglichen und unmöglichen Dinge anwandte, daher wurde es für uns Jüngere ein Neckwort, und sein Ringen mit der deutschen Sprache nannte ich la grammaire révolutionnaire. Er beherrschte das Deutsche vollkommen, nur Artikel und Aussprache blieben ihm unerringbar. Meinen so leichten Vornamen lernte er niemals sprechen, sondern nannte mich immer auf altfranzösisch: Mademoiselle Yseult.
Im folgenden Jahre kam auch seine Mutter nach Tübingen und schloß einen Freundschaftsbund mit der meinigen trotz der Grundverschiedenheit der Lebensauffassungen, die beiden nicht ins Bewußtsein trat. Die treffliche Dame wurzelte mit all ihren Neigungen und Gewohnheiten in dem wohlhabenden Bourgeoistum, dem der Sohn den Untergang geschworen hatte. Aber aus vergötternder Mutterliebe zwang sie sich so zu denken wie er dachte und alles zu bewundern, was ihm gefiel. Auch dem einfachen Tübinger Leben suchte die an alle Verfeinerungen gewöhnte Frau Geschmack abzugewinnen, so fern ihrem wahren Wesen die Rousseauschen Ideale standen. Mir brachte sie die größte Herzlichkeit entgegen und wollte mich gleich ganz unter ihre Fittiche nehmen. Bei der Abreise drang sie in meine Eltern, mich ihr zur Ausbildung nach Frankreich mitzugeben. Mein Vater sprach aber ein ganz entschiedenes Nein, weil ich mit meinen vierzehn Jahren viel zu jung sei, um in so fremde Verhältnisse einzutreten. Meine Mutter vertröstete sie auf ein späteres Jahr. Und während der Sohn sich mit Mülberger nach Wien begab um weiter zu studieren, wurde der Verkehr durch den Briefwechsel der beiden Mütter aufrechterhalten.
Im Spätjahr 1869 kam Vaillant zum zweitenmal nach Tübingen. Er war voller Hoffnung auf das Netz der revolutionären Propaganda, das ganz Frankreich durchzog, und prophezeite den nahen Umsturz. Damals gab es in Württemberg noch keine eigentliche Arbeiterbewegung, aber der Sozialismus lag doch schon in der Luft. Ein kleiner Kreis von Studierenden schloß sich um Vaillant zusammen; man hielt den „Volksstaat“, wollte die soziale Frage lösen und sang in den feuchteren Abendstunden die Marseillaise oder den Girondistenchor. Es dauerte bei den meisten nicht lange, denn die deutsche Sozialdemokratie hatte damals noch nicht so viel Geist, Talent und Bildung in sich aufgesogen, daß es feineren oder vielseitigeren Naturen leicht auf die Dauer dabei wohl sein konnte. Aber einen mittelbaren Einfluß auf die spätere Gestaltung der Partei hat Vaillants Tübinger Aufenthalt doch ausgeübt, da infolge persönlicher Beziehungen, die letzten Endes auf ihn zurückgehen, Albert Dulk der Vorkämpfer der sozialistischen Gedanken in Württemberg wurde. Seine Tochter Anna lernte nämlich in dem Tübinger Kreise einen jungen österreichischen Sozialisten aus dem besseren Arbeiterstand kennen, der in den Wiener Hochverratsprozeß von Oberwinder und Genossen verwickelt gewesen, und verlobte sich heimlich mit ihm. Ich kann sie noch sehen, wie sie eines Tages mit ihren wallenden Locken und schwärmerischen Blauaugen vor mich trat, in jeder Hand eine brennende Kerze, vielleicht um mich besser zu erleuchten, und mir ihres Herzens Will’ und Meinung kundtat. Sie begann auch alsbald mit ihrer höheren Bildung an dem jungen Mann zu modeln und zu schleifen und hatte das bewegliche Wiener Blut schnell so weit, daß sie ihn ihrem Vater zuführen konnte. Dieser sträubte sich gewaltig, sowohl gegen die Heirat wie gegen die Partei, aber der künftige Schwiegersohn überschüttete ihn mit sozialistischer Literatur, und unter ihren endlosen Redekämpfen ereignete sich der seltsame Fall, daß die beiden Streiter sich gegenseitig bekehrten: der junge mäßigte seine Anschauungen und zog sich mehr von der Bewegung zurück, der alte trat ihr mit dem ganzen Feuer seiner Natur bei und wurde der Paulus der neuen Gemeinde, der er bis an sein Lebensende durch alle Nöte, Anfechtungen und Verfolgungen treu blieb. An einer Blockhütte im Schurwald bei Eßlingen, wo er in seinen letzten Lebensjahren wochenlang tiefeinsam zu hausen pflegte, hat ihm die dankbare Partei sein Denkmal errichtet.
In dem kleinen Tübinger Kreise wurden jetzt an Stelle der bisherigen humanistischen Fragen mit Leidenschaft die Schriften von Proudhon, Marx, Lasalle und Bebel erörtert. Als es einmal bei einer solchen Sitzung ganz besonders jakobinisch zuging, fragte ich: Werden in dem neuen Sozialstaat auch Frauen hingerichtet, wenn sie anderer Meinung sind? Worauf die deutsche Jugend einstimmig antwortete: Die Frauen werden stets verehrt, sie mögen denken, wie sie wollen. Vaillant dagegen erklärte mit unerschütterlichem Ernst: Freilich müssen Frauen hingerichtet werden; sie sind von allen Gegnern die gefährlichsten, — was die mitanwesende Hedwig Wilhelmi zu stürmischem Beifall hinriß, weil er unser Geschlecht doch höher zu stellen scheine als die andern. Man fühlte ihm an, daß er imstande war, blutigen Ernst zu machen.
— — — Inzwischen wurde trotz der Weltkatastrophe, die ich täglich mit Feuerzungen ankündigen hörte, weiter getanzt und Schlittschuh gelaufen und das Recht der Jugend auf Gedankenlosigkeit ausgenützt. Den Ballstaat sandte Lili oder vielmehr ihre Mutter fix und fertig aus dem geschmackvolleren Mainz. Da kamen in großen Pappschachteln Dinge, die in Tübingen nicht zu haben waren: ein rosa Tarlatankleid von solch hauchartiger Leichtigkeit, daß erst sechs Spinnwebröcke übereinander den gewünschten Farbenton ergaben, der davon die durchsichtigste Zartheit erhielt; dazu ein voller Rosenkranz für die Haare. Ein andermal war es ein Kleid aus weißen Tarlatanwolken mit schmalem grünem Atlasband durchzogen nebst einem Schilfzweig und Wasserrosen. Diese Herrlichkeiten konnten nur eine Nacht leben und kosteten so gut wie gar nichts. An den Ansprüchen des 20. Jahrhunderts gemessen, wären sie bescheiden bis zur Armseligkeit, sie kleideten aber jugendliche Gestalten feenhaft, und wenn man am Abend angezogen dastand, lief die ganze Nachbarschaft zusammen, um das Wunder anzustaunen. Für minder feierliche Anlässe trug man weiße Mullkleider mit Falbeln oder den so gern gesehenen blumigen Jakonett, der gleichfalls der Jugend reizend stand. Der Schnitt war der heutigen Mode sehr ähnlich, indem man den Umfang der nunmehr verewigten Krinoline durch Weite des Rockes und Fülle der Falten ersetzte.
Man muß das Leben in einer kleinen Universitätsstadt kennen, um zu verstehen, unter welchen Himmelszeichen dort ein junges Mädchen heranwuchs und was solche Festlichkeiten für sie bedeuteten. Keine Prinzessin kann mehr verwöhnt werden. Tübingen besaß gegen tausend Studenten, lauter junge Leute in der Lebenszeit, für die das andere Geschlecht die größte Rolle spielt. Und all die in der kleinen Stadt zusammengesperrten Jugendgefühle hatten sich auf wenige Dutzend junger Mädchen zu verteilen, unter denen sich wieder eine kleine Zahl Auserwählter befand. Diese lebten wie junge Göttinnen in einem beständigen Gewölke zu ihnen aufsteigender Weihrauchdüfte: Blumensendungen, Serenaden, geschriebene Huldigungen in Vers und Prosa bildeten das Semester hindurch eine lange Kette und wiederholten sich im nächsten von anderer Hand. Es brauchte entweder einen sehr festen oder einen ganz alltäglichen Kopf, um nicht ein wenig aus dem Gleichgewicht zu kommen, oder Brüder, die durch ihre Spottlust die Eitelkeit niederhielten. Neben den wenigen befreundeten Gesichtern, die man immer gern wiederfand, drängte sich auf jedem Ball ein Haufe neuer Erscheinungen heran, die oft gar nicht mehr als einzelne, sondern nur als Zahl wirkten. Die leichten weißen oder rosa Ballschühchen waren meist schon zertanzt, bevor der Kotillon begann, daß man zu dem mitgebrachten Ersatzpaar greifen mußte. So berauschend solche Ballabende waren, darin aufgehen wie andere Mädchen konnte ich nicht. Ich war ja stets die Jüngste, da meine Jahre mir eigentlich den Ballbesuch noch gar nicht gestattet hätten. Gleichwohl war immer einer in mir, der ganz gelassen zusah und die Sache als bloßes Schauspiel betrachtete. Und mein Vater, der niemals mitging, aber alles richtig sah, brachte die Gedanken dieses einen in Worte, indem er warnenden Freunden sagte: Laßt sie, je früher sie die Torheiten mitmacht, je eher wird sie damit fertig sein. Er behielt recht, denn als ich in das eigentliche ballfähige Alter trat, lag die ganze süße Jugendeselei schon hinter mir.
Von irgendeinem Zukunftsplan war keine Rede. Oft wurde ich von Bekannten gefragt, warum ich nicht zur Bühne ginge, wohin mich äußere Anlagen zu weisen schienen. Es war dies mein liebster, heimlichster Traum. Aber alle Hilfsmittel fehlten; ich hatte noch nicht einmal Gelegenheit gehabt, ein besseres Theater zu sehen als die Tübinger Sommerschmiere. Und die ängstlichen Abmahnungen welterfahrener Freunde fielen meinem Vater schwer aufs Herz, der wohl wußte, daß ich nicht die hürnene Haut besaß, die stichfest macht im Ränkespiel des Künstlerlebens. Eines Tages fand mich Edgar, wie ich auf den Rat einer theaterkundigen Freundin bemüht war, mich zunächst im deutlichen Sprechen zu üben, und da er glaubte, ich gedächte mit so übertriebener Lautbildung vor die Zuschauer zu treten, überschüttete er mich nach seiner Art mit Spott und Tadel und war durch keine Erklärung von seinem Irrtum abzubringen. Unter seinen fortgesetzten Angriffen, die teils dem besagten Mißverständnis, teils seinen wunderlichen Launen entsprangen und gegen die mir niemand beistand, verlor ich allmählich Lust und Mut. So fand ich bei der eigenen Hilflosigkeit und der zersplitternden Vielspältigkeit unseres Daseins nicht einmal mehr den rechten Willen, geschweige einen Weg, die ersten Schritte zu tun. Zwischen Tanz und Eislauf hielten mich die Übersetzungen für den „Ausländischen Novellenschatz“ beschäftigt, die mir die beiden Herausgeber, mein Vater und Paul Heyse, anvertraut hatten. Da ich schon vom zwölften Jahr an für den Druck übersetzte, war meine Feder sehr geübt, und das Nadelgeld, das daraus floß, entlastete meine Eltern von allen Sonderausgaben für die Tochter. Als mein Vater sah, daß er mir auch kleine schonende Kürzungen und Übergänge, die gelegentlich an den Texten nötig wurden, getrost überlassen konnte, war er sehr zufrieden mit mir. Durch Heyses Vermittlung erhielt ich nun auch einen zweibändigen italienischen Roman zum Verdeutschen und Zusammenziehen, die prächtigen „Erinnerungen eines Achtzigjährigen“ von Ippolito Nievo. Ich kam aber nur sehr langsam vorwärts, da ich noch lange keinen eigenen Raum hatte und im gemeinsamen Familienzimmer schreiben mußte, wo auch die Besuche empfangen wurden und wo ich häufig zwischen dem Gespräch und der Arbeit geteilt saß. — Meine größte Schwierigkeit aber war und blieb das Verhältnis zu der abgöttisch geliebten Mutter. Ihre damaligen Lebensanschauungen, ganz aus der Theorie geboren, schwebten ja so hoch über der Erde, daß sie die Bedingungen unseres Planeten übersahen: sie vertrugen sich weder mit dem natürlichen Gefühl eines heranreifenden Mädchens noch mit deren Stellung zur Außenwelt. Sie darauf hinweisen hieß den Zwiespalt verschärfen, denn ihre Kämpferseele fand, daß man nicht frühe genug für seine Überzeugungen streiten und leiden könne, und bedachte dabei nicht, daß es ja vielfach gar nicht die meinigen waren.
So hatte ich glücklich das sechzehnte Jahr erreicht. Aber das große, außerordentliche, jenes unfaßbare „Es“ wollte nicht kommen. Es blieb nichts übrig, als in Phantasie und Dichtung nach dem Stoffe zu suchen, den das eigene Leben nicht zu bieten hatte. Auch für andere gab es in der Enge des Daseins keine rechte Grenze zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Als mir einmal eine bildhübsche Altersgenossin geheimnisvoll anvertraute, daß ihr bei der Parade in Stuttgart ihr Lieblingsdichter Theodor Körner erschienen und ihr zu Pferde bis an die Haustür gefolgt sei, hütete ich mich wohl zu erwidern, es werde eben ein Offizier der Garnison dem Sängerhelden ähnlich sehen, sondern ließ die Sache dahingestellt, da ich ja doch täglich auch auf ein Wunder wartete. Sollten denn nicht um der Sechzehnjährigen willen, wenn sie gar so niedlich sind, die Längstverstorbenen aus den Gräbern steigen? Was mich betrifft, so suchte ich mir meine Schwärmereien natürlich unter den Griechen. Es war ja das Schöne, daß gar kein Bücherstaub auf ihren Häuptern lag, weil Mama uns von klein auf gewöhnt hatte, mit ihnen wie mit Lebendigen zu verkehren. Man ging in ihre Welt, wie man in ein anderes Stockwerk tritt; so konnte man sie auch nach einer Ballnacht gleich wieder finden. Mit der Zeitrechnung ließ ich mich ohnehin nicht ein. Alles Vergangene war mir noch vorhanden und nur wie zufällig abwesend. Wenn ich des Nachts im Bette noch mit dem Nachhall der Tanzmusik in den Ohren ein Kapitel im Plutarch las, so war das keine Literatur, sondern ein Wiedersehen mit alten Freunden. Vor allem schien es mir, als hätte ich den Alkibiades persönlich gekannt. Denn je weniger das Auge im damaligen Schwabenland durch Glanz und Grazie der Persönlichkeit verwöhnt wurde, desto größeren Wert gewannen diese Eigenschaften. Die Haltung und das Lächeln, womit in Platons Gastmahl der bändergeschmückte Alkibiades in Begleitung der Flötenspielerin über die Schwelle tritt, standen mir so deutlich vor Augen, daß ich Jahre später vor der antiken Gruppe des auf den Ampelos gestützten Dionysos in den Uffizien zu Florenz beinahe ausgerufen hätte: Das ist er ja! Genau so angeheitert und mit so genialer Leichtfertigkeit sah ich den Athener über jene Schwelle treten. Wenn ich nun von dieser Gestalt sprach, geschah es mit einem Ausdruck allerpersönlichsten Wohlgefallens, wodurch ich treue Freundesherzen, die mit dem Alkibiades keine Ähnlichkeit hatten, sehr vor den Kopf stieß. Einer von ihnen gestand mir noch nach vielen Jahren, daß er eine Zeitlang bitter eifersüchtig auf den schönen Athener gewesen sei. Der Sinn für die äußere Erscheinung war in meiner damaligen Umwelt sehr wenig entwickelt. Über die Schönheit menschlicher Körperformen herrschte die größte Unsicherheit; es fiel mir später in Italien sehr auf, wie genau das südliche Volk darüber Bescheid weiß. Auch wurde nur die weibliche Schönheit bewundert, bei Männern galt sie eher für einen Makel und nahezu für unvereinbar mit mannhaften Eigenschaften. Vernachlässigung des eigenen Körpers wurde mit Bewußtsein, wenn nicht gar mit sittlichem Stolz geübt. Was Wunder, daß ich, die von den Griechen herkam, den Wert der Schönheit noch übertrieb und Adel der Erscheinung für das Allerwesentlichste ansah, für das Gefäß und Siegel der Vollkommenheit!