10. Beurteilung des Menschen Sade nach seinem Leben und seinen Schriften.
Die wichtigste Frage ist die: War der Marquis de Sade geisteskrank oder nicht?
Heute, wo die hereditäre und krankhafte Natur der sogenannten conträren Sexualempfindung so sehr betont und energisch die Aufhebung des § 175 des deutschen Strafgesetzbuches verlangt wird, ist man nur zu leicht geneigt, jede schwerere sexuelle Perversion als Zeichen einer Geisteskrankheit zu deuten. Demgegenüber betonen wir als unsere feste, aus kulturhistorischen Studien und Erfahrungen des modernen Lebens geschöpfte Ueberzeugung, dass wir die Mehrzahl der sexuellen perversen Personen für geistig gesund halten und ihre Perversion auf Verführung und geschlechtliche Ueberreizung zurückführen. Die Anschauungen v. Krafft-Ebing’s, der die hereditäre Natur vieler sexueller Perversionen vertritt, werden gegenüber den durchaus berechtigten Ausführungen v. Schrenck-Notzing’s, der die Erziehung, occasionelle Momente, wie Verführung u. dgl. m. verantwortlich macht, immer mehr an Boden verlieren, wie weitere Studien erweisen werden. Selbst von Krafft-Ebing sagt einmal (Arch. f. Psychiatrie Bd. VII, S. 304): „Wer Tardieus bekannte Studie, Caspers gerichtsärztliche Werke, Legrand du Saulles Mitteilungen in den Annales médico-psychologiques, März 1876, gelesen hat, wird zugeben müssen, dass die greulichsten geschlechtlichen Verirrungen mit geistiger Gesundheit verträglich sind.“ Es geht daraus, wie Moll richtig bemerkt, hervor, dass Krafft-Ebing selbst die greulichsten geschlechtlichen Perversitäten an sich nicht als Beweis einer Geisteskrankheit ansieht.[629]
Was speziell den Sadismus betrifft, so bemerkt auch Eulenburg, ein Anhänger der Aufhebung des § 175, dass „bei weitem nicht alle, namentlich aktiven Algolagnisten als geisteskrank im engeren Sinne zu betrachten seien. Gewiss sind es die ‚schweren‘ und ‚schwersten‘ unter ihnen, die eigentlichen sexualen Verbrecher, Lustmörder u. s. w. wohl ausnahmslos, obgleich man auch von ihnen mehrere als geistesgesund hingerichtet hat (was ich übrigens nicht als ein Unglück, noch weniger als einen Justizmord ansehen möchte).“[630]
Ueber den Geisteszustand des Marquis de Sade, der bekanntlich von Royer-Collard für gesund erklärt wurde, haben sich in diesem Jahre zwei Aerzte geäussert, Dr. Marciat in Lyon und Professor A. Eulenburg in Berlin. Der letztere hervorragende Neurologe hat ohne Zweifel das eingehendere und scharfsinnigere Gutachten über Sade geliefert. Er kommt zu dem Schlusse, dass „auch die Irrenärzte unserer Zeit der Mehrzahl nach sich kaum in der Lage befunden haben würden, de Sade vor dem Strafrichter für geisteskrank und ‚der freien Willensbestimmung beraubt‘ zu erklären und ihn der unzweifelhaften gerichtlichen Verurteilung damit zu entziehen.“[631] Marciat kommt zu einem ähnlichen Resultat. Der Marquis de Sade war „nicht geisteskrank im genauen Sinne des Wortes“. Höchstens könnte man an moral insanity denken, aber nur im Hinblick auf die Hauptwerke. Aber „man muss sich erinnern, dass Mirabeau, Musset und viele Andere auch sehr schlüpfrige Bücher veröffentlicht haben.“[632]
Die Annahme einer „moral insanity“ (folie morale), die Marciat eventuell zulassen würde, hat Eulenburg (a. a. O. S. 514) bereits zurückgewiesen, da es eine Form der Seelenstörung, die sich „lediglich durch eine krankhafte Umwandlung, eine Perversion der natürlichen sittlichen Antriebe und Gefühle und durch eine daraus entspringende Neigung zu unsittlichen Handlungen, ohne sonstige Störungen der Intelligenz charakterisierte“, nicht giebt, vielmehr „immer und überall die auf angeborener Anlage beruhende Abschwächung der Intelligenz neben der Gefühlsstörung hervortritt und dass es sich demnach um Fälle angeborenen Schwachsinns, meist auf degenerativer Grundlage handelt“ (a. a. O. S. 514).
Wir glauben, dass speziell bei Sade jene Form der Entartung in Betracht kommen könnte, welche Kraepelin als „impulsives Irresein“ bezeichnet. Es sind „alle jene Formen des Entartungsirreseins, denen die Entwickelung krankhafter Neigungen und Triebe eigentümlich ist.“ Dieselben können entweder dauernd den Willen beherrschen oder nur zeitweise, in einzelnen Anwandlungen, hervortreten. Der Kranke handelt dabei ohne klaren Beweggrund. So tragen seine Willensäusserungen vielfach den Stempel des Unvorbedachten und Zwecklosen, Widersinnigen. Gerade auf dem Gebiete des impulsiven Irreseins „tritt uns am deutlichsten die häufige Verbindung krankhafter Antriebe mit dem Geschlechtstriebe entgegen.“ Die geistige Begabung braucht keine schärfer hervortretenden Störungen aufzuweisen. Doch ist in schweren Fällen meist Schwachsinn vorhanden. In allen Fällen findet sich eine gewisse Beschränktheit, Zerfahrenheit, Verschwommenheit, eine haltlose Schwäche des Charakters, kindischer Eigensinn, Menschenscheu, Roheit. Das impulsive Irresein tritt besonders in den Entwickelungsjahren hervor und zeitigt auch später meist periodische Krankheitserscheinungen. Man soll aber nach Kraepelin das Bestehen des impulsiven Irreseins nur dort annehmen, wo wirklich der triebartige Ursprung des Handelns ohne klares vernünftiges Ziel hervortritt und wo auch im übrigen Bereiche des Seelenlebens die Anzeichen einer krankhaften Veranlagung erkennbar sind. Kraepelin lässt die Möglichkeit zu, dass plötzliche Antriebe von unbezwinglicher Stärke im Zustande geistiger Gesundheit bei den „heissblütigen Völkern des Südens“ häufiger sind als bei uns, und daher die „forza irresistibile“ des italienischen und spanischen Gesetzbuches vielleicht eine Berechtigung habe.[633]
Nach diesen orientierenden Vorbemerkungen gehen wir daran, das Leben und die Werke des Marquis de Sade mit der Absicht zu untersuchen, daraus Schlüsse auf seinen Geisteszustand zu ziehen. Wir können nur wenige sichere Anhaltspunkte aus seinem Leben verwerten.
1. Sade war ein Provenzale und besass als solcher das südlich heisse Blut und die Leidenschaftlichkeit seiner Landsleute.
2. In Beziehung auf die Heredität ist wenig nachweisbar. Doch ist wahrscheinlich, dass Sade die Neigung zum galanten Leben und zur Schriftstellerei von seinem Oheim geerbt hat. Wie wir jetzt wissen, schrieb de Sade schon mit 23 Jahren ein obscönes Buch. Es geschah dies nach der Rückkehr aus dem Kriege.
3. Ueber Sade’s Leben in der Kindheit liegen keine verlässlichen Beobachtungen vor.
4. Bemerkenswert ist, dass Sade mit 17 Jahren, also im Beginn der Pubertät, in den Krieg zog und sechs Jahre lang fern von Haus und Familie weilte. Es ist mit Sicherheit festgestellt, dass während der Kriegszeit unter dem Einflusse der unerhörten sittlichen Corruption in der französischen Armee auch die Ausschweifungen des Marquis de Sade ihren Anfang nahmen.
5. Die unglückliche Ehe spielt nicht die Rolle im Leben Sade’s, welche Marciat ihr zuschreibt.
6. Es ist jetzt genau festgestellt, dass der Marquis de Sade bei den beiden grossen Skandalaffären seine Opfer nicht erheblich verletzt oder gar getötet hat.
7. Es ist sicher, dass der langjährige Aufenthalt im Gefängnisse eine körperliche und psychische Schädigung auf Sade ausgeübt hat. (S. oben S. 324.)
8. Dass Sade eine starke geschlechtliche Erregbarkeit besass, geht aus der Beobachtung des Freundes von Brierre de Boismont hervor.
9. Sehr bemerkenswert erscheinen einige geistige Eigentümlichkeiten, die während des Gefängnislebens Sades’s hervortreten: das Misstrauen, die Lügenhaftigkeit, die wilden Zornesausbrüche bei den Besuchen seiner Frau.
10. Nach dem Austritt aus dem Gefängnisse scheint der Marquis de Sade solche Eigenschaften weniger gezeigt zu haben und sogar durch die Rettung seiner Schwiegereltern zu bekunden, dass sein sittliches Gefühl nicht ganz erstorben war.
Betrachten wir nunmehr die Werke des Marquis de Sade, so ergiebt sich Folgendes:
11. Erstaunlich und schon von Eulenburg hervorgehoben ist der blosse Umfang der Hauptwerke und das „Mass der damit geleisteten geistigen und der rein mechanischen Arbeit.“
12. Die überaus zahlreichen, geschickt aneinander geknüpften Details, die raffiniert durchgeführte allmähliche Steigerung und fast nie versagende Treue der Erinnerung und Rückbeziehung zeugen von einer grossen geistigen Kraft.
13. Die Verschiedenheit der Schriften lässt deutlich den Einfluss der Zeit und des Milieu erkennen.
14. Mit Recht haben Michelet und nach ihm Taine („Les origines de la France contemporaine“, Paris 1885, Bd. III, S. 307) den Marquis de Sade als den „Professeur du crime“ bezeichnet. Er ist der Theoretiker des Lasters, insofern er nach eigener Lektüre und Beobachtung alle geschichtlich nachweisbaren und zu seiner Zeit sich ereignenden Anomalien des Geschlechtslebens in seinen Hauptwerken mit unleugbarem Scharfsinn beschrieben und zusammengestellt hat. Was R. v. Krafft-Ebing in Form einer wissenschaftlichen Monographie gethan hat, das hat schon hundert Jahre früher der Marquis de Sade in Form eines Romans geleistet.
15. Hierdurch gewinnen seine Hauptwerke einen kulturhistorischen und zeitgeschichtlichen Wert, indem sie alle Phasen, Nüancen und Eigentümlichkeiten des französischen Geschlechtslebens im Frankreich des ancien régime und der grossen Revolution, erkennen lassen, wie wir im ersten Teile dieses Werkes nachgewiesen haben.
16. Die von Sade vorgetragene Theorie des Lasters ist ein Produkt der Revolution und findet in dieser zahlreiche Analogien.
17. In Werken, die früher und später fallen als „Justine et Juliette“ und die „Philosophie dans le Boudoir“, hat Sade durchaus moralische Ansichten entwickelt.
18. Auch in den berüchtigten Hauptwerken finden sich zahlreiche Andeutungen, dass Sade in ihnen vorzüglich Tendenzschriften gegen das ancien régime erblickte.
19. Es darf daher nicht ohne weiteres aus dem Inhalt dieser Schriften auf den Charakter des Verfassers geschlossen werden, zumal da häufig genug das Verbrechen als Laster gebrandmarkt wird und auch andere scheinbare Inkonsequenzen — beruhigende Wirkung des Gebets (Justine I, 141 ff.), Glaube an Unsterblichkeit (Juliette II, 287), Ueberdruss an Ausschweifungen (Juliette III, 283–284) — vorkommen.
20. Sade zeigt in allen Werken eine ausgebreitete Belesenheit in der zeitgenössischen philosophischen und wissenschaftlichen Litteratur.
21. Als philosophischer Denker ist er jedoch mehr als mittelmässig. Seine Philosophie ist eklektischer Mischmasch. Seine Beweisführung besteht aus sinnlosen Tautologien und noch sinnloseren Anticipationen.
Nach diesen Ausführungen lautet unser Urteil: Der Marquis de Sade war nicht geisteskrank. Er war eine vielleicht durch Heredität neuropathische Persönlichkeit, die, inmitten eines verhängnisvollen Milieu, frühzeitig auf die Bahn des Lasters geriet und wie so viele Zeitgenossen durch Verführung und Gewöhnung sexuell pervers wurde, deren hohe geistige Begabung zweifellos durch eine langjährige Gefängnishaft eminent geschädigt wurde, so dass besonders in den philosophischen Deduktionen seiner Hauptwerke ein gewisser Grad von geistiger Schwäche deutlich hervortritt, während dies in den realen Schilderungen, die mit unleugbarer Beobachtungsgabe ein Gemälde der Zeit entwerfen, viel weniger sichtbar ist. Wir haben im ersten Teile den engen Zusammenhang des Inhalts von Sade’s berüchtigten Hauptwerken mit der Kultur seines Zeitalters zur Genüge nachgewiesen. Die grosse Kluft, die zwischen Sade als Persönlichkeit und Sade als Schriftsteller liegt, wird dadurch zum Teil überbrückt. Um die Brücke ganz herzustellen, genügt es, daran zu erinnern, dass die Einbildungskraft sexuell perverser Personen fast stets ungeheuerliche Blüten treibt. „Zahlreiche Patienten dieser Art, Conträrsexuale, Masturbanten und besonders Algolagnisten wurden enttäuscht, sobald sie die Produkte ihrer Einbildungskraft zu realisieren versuchten. Sie erleben sozusagen in ihren traumhaften Schwärmereien sexuelle Orgien, und werden durch die Wirklichkeit ernüchtert.“[634] Da es nicht erwiesen ist, dass der Marquis de Sade die Thaten eines Gilles de Retz, mit dem wir ihn als Menschen nicht so ohne weiteres vergleichen möchten, wie Eulenburg dies thut, oder diejenigen eines Charolais ausgeführt hat, so muss vorläufig die hier gegebene Erklärung des geistigen Zustandes Sade’s, die sich im ganzen mit der Eulenburg’schen deckt, als die einzige mögliche angesehen werden, da wir die allerdings verdächtigen plötzlichen Zornesausbrüche als Ausfluss jener oben erwähnten „forza irresistibile“ betrachten, und die Periodicität der Erscheinungen, die an das wirkliche Vorhandensein eines impulsiven Irreseins denken lassen könnte, doch zu wenig ausgesprochen ist.[635]