9. Unsere Definition des Sadismus.
Wir fassen den Begriff „Sadismus“ bedeutend weiter, als dies bisher geschehen ist. Sehen wir uns also zunächst die Definitionen desselben bei anderen Autoren an.
Lacassagne erklärt den Sadismus für einen „Geisteszustand“, bei welchem der Sexualtrieb erregt oder befriedigt wird unter dem Einflusse des Zerstörungstriebes.[623]
Nach R. v. Krafft-Ebing ist der Sadismus jene Form der Perversion der Vita sexualis, bei welcher die Person einen sexuellen Genuss darin findet, Anderen Schmerz zuzufügen und auf Andere Gewalt auszuüben. Er stellt dem Sadismus den Masochismus (nach dem Schriftsteller Sacher-Masoch) gegenüber, die mit Wollust betonte Vorstellung, von einem Anderen herrisch behandelt, gedemütigt und misshandelt zu werden.[624] Er betrachtet Masochismus und Sadismus als die „Grundformen psychosexualer Perversion, die auf dem ganzen Gebiete der Verirrungen des Geschlechtstriebes an den verschiedensten Stellen zu Tage treten können.“[625]
Demgegenüber macht v. Schrenck-Notzing geltend, dass zunächst der Unterschied der aktiven und passiven Rolle in den Romanen des Marquis de Sade und von Sacher-Masoch nicht so scharf durchgeführt sei, wie dies v. Krafft-Ebing annimmt. Zudem kämen beide Formen der Perversion oft bei demselben Individuum vor. Er ordnete also beide Begriffe einem einzigen höheren Begriffe, der Algolagnie (von ἄλγος = Schmerz und λάγνος = geschlechtlich erregt) und bezeichnet den Sadismus als aktive Algolagnie, den Masochismus als passive Algolagnie. Es giebt aber nach diesem Autor noch andere Formen der Algolagnie: die onanistische Algolagnie (Selbstverstümmelung, Autoflagellantismus), die visuelle Algolagnie (geschlechtliche Erregung beim Anblick von Prügelszenen), zoophile und bestiale Algolagnie, nekrophile Algolagnie, endlich die ideelle oder symbolische Algolagnie, bei welcher „der Schmerz ohne jede Nebenbedeutung und phantastische Ausschmückung um seiner selbst willen eine Rolle spielt, ohne Rücksicht auf aktive oder passive Bethätigung.“[626]
Thoinot giebt folgende Definition des Sadismus: „Sadismus ist die Perversion des Sexuallebens, bei welcher der Betreffende sexuellen Genuss darin findet, Schmerzen von sehr verschiedenen Graden einem Anderen zuzufügen, sei es, dass er selbst sie zufügt, oder zufügen lässt oder, ohne dass er der Urheber derselben ist, dabei zuschaut. Diese leidende Person muss immer ein menschliches Wesen sein.“[627]
Thoinot und von Schrenck-Notzing stimmen darin überein, dass die Verbindung von Grausamkeit und Wollust der höhere Begriff ist, dem die anderen untergeordnet werden müssen, dass also der Masochismus nicht etwas Besonderes neben dem Sadismus darstellt, sondern wie dieser eine Form der Algolagnie ist. Unzweifelhaft hat aber Thoinot Unrecht, dass er den Begriff Sadismus (welches Wort er für Algolagnie setzt) nur menschlichen Wesen gegenüber angewendet wissen will.
A. Eulenburg hat wohl noch vor von Schrenck-Notzing darauf aufmerksam gemacht, dass der Begriff der Algolagnie, den er durch die Worte Lagnänomanie (= Sadismus) und Machlänomanie (= Masochismus) ersetzt, sehr viele Ab- und Unterarten umfasst. Auch er betont, dass „sich das nämliche Individuum abwechselnd aktiv und passiv verhalten, und aus Beidem geschlechtliche Erregung und Befriedigung schöpfen kann.“ Ferner erinnert Eulenburg an die Mittelformen, wobei „das Individuum zum Behufe geschlechtlicher Erregung weder selbst gewaltsame Handlungen vornimmt noch solche erduldet — wohl aber dergleichen von Anderen provociert, sie mit ansieht und durch den Anblick, oder unter Umständen schon durch die blosse Vorstellung des Anblicks in die gewünschte Befriedigung versetzt wird.“ Also eine Art von ideeller oder illusionärer Lagnänomanie und Machlänomanie. Ferner ist die Begehung grausamer Akte gegen Tiere in Betracht zu ziehen. Schliesslich erklärt Eulenburg das Beobachtungsmaterial für „noch bei Weitem nicht abgeschlossen“.[628]
Es handelt sich nun unseres Erachtens darum, eine allgemeine und für alle Fälle zutreffende Definition des Sadismus zu finden, die kurz und prägnant den Grundton der Sade’schen Werke ausdrückt und unter die sich alle Formen der passiven und aktiven Algolagnie der Zoo- und Nekrophilie, der symbolischen Algolagnie u. s. w. unterordnen lassen. Bedenkt man, dass in den Werken des Marquis de Sade auch alle wirklichen und ideellen destruktiven Vorgänge in der lebenden und toten Natur als Ursachen sexueller Erregung und Befriedigung betrachtet werden, wie Mord, Folter, Nekrophilie, Zoophilie, aber auch Ausbrüche von Vulkanen, Schiffbrüche, Feuersbrünste, Diebstähle u. s. w., so wird man den typischen Sadismus folgendermassen definieren:
Der Sadismus ist die absichtlich gesuchte oder zufällig dargebotene Verbindung der geschlechtlichen Erregung und des Geschlechtsgenusses mit dem wirklichen oder auch nur symbolischen (ideellen, illusionären) Eintreten furchtbarer und erschreckender Ereignisse, destruktiver Vorgänge und Handlungen, welche Leben, Gesundheit und Eigentum des Menschen und der übrigen lebenden Wesen bedrohen oder vernichten und die Continuität toter Gegenstände bedrohen und aufheben, wobei der aus diesen Vorgängen einen geschlechtlichen Genuss schöpfende Mensch selbst ihr direkter Urheber sein kann, oder sie durch Andere herbeiführen lässt, oder blosser Zuschauer bei denselben ist, oder endlich freiwillig oder unfreiwillig ein Angriffsobjekt dieser Vorgänge ist.
Uns scheint, dass diese Definition dem Wortsadismus ebenso gerecht wird wie dem Lustmorde, der Folter und der Freude an zerstörenden Ereignissen.