8. Sade’s Ansicht über die Natur der sexuellen Entartung.
Die Mehrzahl der von Sade geschilderten sexuell perversen Persönlichkeiten fröhnt diesen Lastern aus Angewöhnung; die meisten Lüstlinge sind erst allmählig durch Erfahrung und aus Raffinement zu diesen verschiedenen Arten unnatürlicher Wollust gekommen. Auch ist ja die Tendenz der ganzen „Philosophie dans le Boudoir“ darauf gerichtet, die junge Eugenie allmählig mit allen Lastern, auch den conträrsexualen Genüssen bekannt zu machen, und Sade schildert mit richtiger Erkenntnis, wie diese Novize der Wollust alle Lehren begierig in sich aufnimmt und praktisch nachahmt. Dolmancé sagt, dass die Einbildungskraft der Stachel des Vergnügens sei und immer neue Arten der geschlechtlichen Befriedigung erfinde. (Phil. dans le Boud. I, 104.) Und nach Madame St.-Ange ist die Einbildungskraft die „capricieuse portière de notre esprit“, Feindin aller Regel, Anbeterin der Unordnung (ib. S. 105). Nach der sehr gelehrigen Eugenie muss man der Imagination freien Lauf lassen in Bezug auf die unnatürlichen Dinge. Dann vergrössert sich der Genuss nach dem Massstabe des „Weges, den der Kopf gemacht hat“ (ib. S. 109). Sehr drastisch schildert Dolmancé, wie die jungen Mädchen zuerst Widerwillen gegen die Paedicatio empfinden, dann immer mehr Geschmack daran bekommen und schliesslich diese Art der sexuellen Befriedigung allen anderen vorziehen (ib. S. 131). Dolmancé selbst, dieser cynische Apostel der Paederastie, bekennt sehr freimütig den Grund, weshalb er Paedico geworden ist. Dieser Grund ist, wie wir schon früher sahen, ein rein — anatomischer (ib. S. 176). Der Chemiker Almani, ein Zoophile, ist durch das „Studium der Natur“ ein sexuell Perverser geworden (Justine III, 67).
Nur an zwei Stellen haben wir eine Andeutung der hereditären Natur der conträren Sexualempfindung gefunden. Clément erklärt, dass die sexuelle Perversion des Menschen eine Funktion seiner Organe sei. Daher ist der sexuell perverse Mensch ein Kranker, er ist „wie eine hysterische Frau.“ Man kann ihn ebenso wenig bestrafen, wie man einen anderen Kranken bestraft. Denn er ist nicht Herr seiner selbst. Er ist zu beklagen, aber nicht zu tadeln. Und wenn die Anatomie noch mehr vervollkommnet sein wird, wird man leicht den Zusammenhang zwischen der Organisation des Menschen und den Leidenschaften nachweisen. Was wird aus den Gesetzen, der Moral, der Religion, dem Galgen, dem Paradiese, den Göttern und der Hölle werden, wenn man gezeigt haben wird, dass ein bestimmter Lauf einer Flüssigkeit, eine bestimmte Art von Fasern, ein bestimmter Grad von „Schärfe“ im Blute oder den tierischen Geistern genügen, um aus einem Menschen ein Objekt der Strafe und Belohnung zu machen. (Justine II, 212–213.) Ebenso meint Bressac, dass der Pathicus von Natur ein Anderer sei als die übrigen Männer. Er erklärt diese Leidenschaft für angeboren und Folge einer „ganz verschiedenen Struktur“. Es wäre eine Dummheit, sie zu bestrafen (Justine I, 162 bis 164).