4. Versuch einer Aufstellung von erotischen Individualitäten.

Sehr bemerkenswert in psychiatrischer und anthropologischer Beziehung ist der Versuch des Marquis de Sade, die einzelnen Neigungen der Personen in seinen Romanen aus ihrer körperlichen Beschaffenheit abzuleiten. Als Beispiel geben wir die Schilderung des Geschwisterpaares Rodin und Coelestine.

„Rodin war ein Mann von 36 Jahren, brünett, mit dichten Augenbrauen, lebhaftem Auge, heroischer Miene, hohem Wuchs. Sein ganzes Wesen atmete Gesundheit, aber gleichzeitig Wollust. Membrum erectum valde durum erat.“ (Justine I, 252.)

Noch interessanter ist die Beschreibung des Mannweibes Coelestine. „Coelestine, die 30jährige Schwester Rodin’s, war gross, mager, wohl gewachsen, hatte die ausdrucksvollsten Augen und die allersinnlichste Physiognomie. Sie war brünett, sehr behaart, hatte clitoridem perlongam, anum virilem, wenig Busen, ein leidenschaftliches Temperament, viel Boshaftigkeit und Wollust. Sie besass „tous les goûts‘, besonders die Vorliebe für Frauen und gab sich den Männer nur als Pathica hin“. (Justine I, 253.)

Wie man sieht, schildert der Marquis de Sade die Coelestine als sehr behaart. Genau dieselbe Eigenschaft legt Tardieu den erotisch besonders stark veranlagten Frauen bei. Auch er spricht von einer „abondance du système pileux“, ferner von dem besonderen Glanze der Augen, dem wollüstigen Blicke (flamme brûlante du regard), den dicken roten Lippen und einer auffälligen starken Entwickelung der Brüste und Geschlechtsteile. Der von Satyriasis ergriffene Mann zeichnet sich nach Tardieu durch einen starren, gierigen Blick aus, hat blutunterlaufene Augen, einen wollüstigen Mund, blasse Gesichtsfarbe, indecente Manieren und nimmt eine herausfordernde Haltung an.[620]