5. Das Gefängnisleben des Mannes.

Aehnlich einem neueren französischen Dichter, Paul Verlaine, hat der Marquis de Sade, nachdem er ins Mannesalter eingetreten war, einen grosses Teil seines Lebens in Gefängnissen zugebracht.[503] Wenn man den letzten Aufenthalt in Charenton hinzurechnet, hat er im ganzen 27 Jahre in 11 Gefängnissen verbracht: von diesen 27 Jahren fallen 14 Jahre in sein Mannes-, 13 Jahre in sein Greisenalter. In der Einsamkeit des Kerkers verarbeitete er den Stoff zu seinen Werken, was bei deren späterer Beurteilung berücksichtigt werden muss. Das ganze Mannesalter des Marquis de Sade können wir als ein Gefängnisleben mit Unterbrechungen bezeichnen, das reich ist an dramatischen Vorgängen, die seinen Namen schnell berühmt machten, wenn auch dieser Ruhm ein sehr trauriger war. Gleich die Veranlassung zu seiner zweiten Einkerkerung war ein von den Zeitgenossen vielfach besprochener Vorgang. Es war

1. Die Affäre Keller (3. April 1768).

Wir besitzen über diese Affäre verschiedene Nachrichten. Die wichtigste ist die der Madame du Deffand in einem nur 10 Tage nach dem Ereignis geschriebenen Briefe an Horace Walpole, den englischen Dichter und Staatsmann.[504] Sie schreibt in demselben: „Hier haben Sie eine tragische und sehr sonderbare Geschichte! — Ein gewisser Comte de Sade, Neffe des Abbé und Petrarcaforschers, begegnete am Osterdienstag einer grossen, wohlgewachsenen Frau von 30 Jahren, die ihn um ein Almosen bat. Er fragte sie lange aus, bezeigte ihr viel Interesse, schlug ihr vor, sie aus ihrem Elend zu befreien und zur Aufseherin seiner ‚petite maison‘ in der Nähe von Paris zu machen. Die Frau nahm dies an, wurde auf den folgenden Tag hinbestellt. Als sie erschien, zeigte ihr der Marquis alle Zimmer und Winkel des Hauses und führte sie zuletzt in eine Dachkammer, wo er sich mit ihr einschloss und ihr befahl, sich vollständig zu entkleiden. Sie warf sich ihm zu Füssen und bat ihn, sie zu schonen, da sie eine anständige Frau sei. Er bedrohte sie mit einer Pistole, die er aus der Tasche zog, und befahl ihr zu gehorchen, was sie sofort that. Dann band er ihr die Hände zusammen und peitschte sie grausam. Als sie über und über mit Blut bedeckt war, zog er einen Topf mit Salbe aus seinem Rocke hervor, bestrich die Wunden damit und liess sie liegen. Ich weiss nicht, ob er ihr zu trinken und zu essen gab. Jedenfalls sah er sie erst am folgenden Morgen wieder, untersuchte ihre Wunden und sah, dass die Salbe die erwartete Wirkung gehabt hatte. Dann nahm er ein Messer und machte ihr am ganzen Körper Einschnitte damit, bestrich wiederum mit der Salbe die blutenden Stellen und ging fort. Es gelang der Unglücklichen, ihre Bande zu zerreissen und sich durchs Fenster auf die Strasse zu retten. Man weiss nicht, ob sie sich beim Hinunterspringen verletzt hat. Es entstand ein grosser Auflauf. Der Polizeileutnant wurde von dem Falle benachrichtigt. Man verhaftete Herrn de Sade. Er ist, wie man sagt, im Schlosse von Saumur untergebracht. Man weiss nicht, was aus der Sache werden wird, und ob man sich mit dieser Strafe begnügen wird, was wohl der Fall sein könnte, da er zu den Leuten von Stand und Ansehen gehört. Man sagt, dass das Motiv dieser abscheulichen Handlung der Wunsch gewesen sei, die Brauchbarkeit der Salbe festzustellen. — Das ist die Tragödie, die Sie etwas unterhalten mag.“ Am folgenden Tage (13. April) schreibt Madame Du Deffand: „Seit gestern kenne ich die weiteren Folgen der Affäre des Herrn de Sade. Das Dorf, in dem sein ‚kleines Haus‘ sich befindet, ist Arcueil. Er peitschte und zerschnitt die Unglückliche am selben Tage und goss ihr „Balsam“ auf die Wunden und Striemen. Dann band er ihr die Hände los, hüllte sie ein und legte sie in ein gutes Bett. Kaum war sie allein, so bediente sie sich ihrer Arme und ihrer Decken, um sich durchs Fenster zu retten. Der Richter von Arcueil riet ihr, ihre Klagen beim Generalprokurator und dem Polizeilieutenant vorzubringen. Letzterer liess Sade verhaften, der sich mit grosser Frechheit seines Verbrechens als einer sehr edlen Handlung rühmte, da er dem Publikum die wunderbare Wirkung einer Salbe offenbart habe, die auf der Stelle alle Wunden heile. Sie hat von der weiteren Verfolgung des Attentäters Abstand genommen, wahrscheinlich nach Zahlung einer Geldsumme an sie. So wird er wohl nicht ins Gefängnis kommen.“ Diesen Bericht müssen wir, weil er unmittelbar nach dem Ereignis niedergeschrieben wurde und die Marquise Du Deffand, wie der zweite Brief beweist, genau informiert war, als den glaubwürdigsten bezeichnen. Die anderen Erzählungen dieses merkwürdigen Vorfalles weichen so sehr von einander ab, dass Marciat mit Recht daraus schliesst, dass das eigentliche Attentat auf die Keller eher dadurch verdunkelt als aufgeklärt wird. — Jules Janin[505] erzählt, dass der Marquis de Sade in Arcueil eine in einem grossen Garten, zwischen Bäumen sehr versteckt gelegene petite maison besessen habe, wo er oft seine Orgien feierte. Das Haus war mit doppelten Fensterläden versehen und innen ausgepolstert (matellassée), so dass man von draussen nichts hören konnte. An einem Osterabend, den 3. April 1768, hatte ihm sein Kammerdiener und Vertrauter zwei gemeine Freudenmädchen zugeführt, und der Marquis selbst, als er sich zu dem nächtlichen Feste nach Arcueil begab, war einer armen Frau, Rosa Keller, Witwe eines gewissen Valentin begegnet, die wohl als Prostituierte ihr Brot suchte. Sade redete sie an, versprach ihr ein Souper und ein Nachtlager, that sehr sanft und zärtlich, so dass sie mit ihm in einen Fiaker stieg und nach Arcueil fuhr. Der Marquis führte sie in den zweiten Stock seines abgelegenen, spärlich erleuchteten Hauses, wo die beiden mit Blumen bekränzten Dirnen halbtrunken an reichbesetzter Tafel sassen. Hier wurde sie geknebelt, vollständig entkleidet, von den beiden Männern bis aufs Blut gepeitscht, bis die Unglückliche „nur noch eine einzige Wunde war“, worauf die Orgie mit den beiden Freudenmädchen begann. — Dann folgt die Schilderung der Flucht der Keller, des Auflaufs, der Verhaftung der Uebelthäter, welche man sinnlos betrunken inmitten von „Wein und Blut“ auffand.

Diese Darstellung giebt auch Eulenburg[506] und findet darin jene „eigentümliche Form der Kombination von Wollust und Grausamkeit, die freilich nicht völlig demjenigen entspricht, wofür man den Ausdruck ‚Sadismus‘ im engeren Sinne geprägt hat, insofern die Vornahme grausamer Handlungen dabei nicht als Selbstzweck, sondern wesentlich als präparatorischer Akt, als Stimulans der Wollustbefriedigung zu dienen bestimmt ist: denn die Peitschung der Rosa Keller hatte allem Anschein nach den Zweck, de Sade zum Verkehr mit den beiden Mädchen in „Stimmung“ zu bringen“.

Lacroix berichtet in seiner Abhandlung vom Jahre 1837 nur[507], dass die Keller gepeitscht wurde unter obscönen Umständen, welche Madame Du Deffand in ihren Briefen an Horace Walpole nickt zu schildern wagte, welche aber die „prüdesten Frauen sich erzählen liessen, ohne zu erröten, zu der Zeit als diese Affäre so viel Staub aufwirbelte“. Später, im Jahre 1845, fügte er hinzu, dass man der Keller mit einem Messer Einschnitte in die Haut machte und die Hautlappen mit spanischem Wachs wieder zusammenklebte.[508]

Rétif de la Bretonne, der den Marquis de Sade seit 1768 kannte, giebt in den „Nuits de Paris“ (194ste Nacht S. 2569) wiederum eine ganz andere Darstellung der Geschichte der „femme vivante disséquée.“ Nachdem der Marquis de Sade die Keller auf der Place des Victoires getroffen hatte, führte er sie mit sich in sein Haus, liess sie dort in einen „Anatomiesaal“ eintreten, in dem eine grosse Zahl von Menschen versammelt war, um der Vivisection der Keller zuzuschauen. „Was will diese Unglückliche auf der Erde?“, sagte der Marquis mit ernstem Tone. „Sie taugt zu nichts, und soll uns daher dazu dienen, in die Geheimnisse der menschlichen Structur einzudringen“. Man band sie auf dem Sectionstische fest; der Marquis als Prosector untersuchte alle Teile ihres Körpers und verkündete mit lauter Stimme die Resultate vorher, welche die Section ergeben würde. Als die Frau laut schrie, zog die Gesellschaft sich zurück, um vor dem Beginne der Section die Bedienten zu entfernen. Es gelang inzwischen der allein Gelassenen, sich aus ihren Fesseln zu befreien und durchs Fenster zu entfliehen. Draussen erzählte sie, dass in dem Saale drei Leichen gelegen hätten, eine nur noch aus Knochen bestehend, eine zweite geöffnet und in einem grossen Fasse versteckt, und die letzte (eines Mannes) ganz frisch.

Nach dieser Erzählung scheint Rosa Keller das Opfer einer indecenten und abscheulichen Mystification geworden zu sein. Cabanès hat von Jemandem, der „über den Marquis einen ganzen Dossier von Originalakten in den Händen hat“, die Mitteilung erhalten, dass in dieser Affäre die Dinge sich viel einfacher abgespielt hätten. Rosa Keller sei, erschreckt durch den Anblick der sie umgebenden Gegenstände, ohne weiteres in adamitischem Costüme zum Fenster hinausgesprungen, und auf der Strasse von Polizisten zur nächsten Wache gebracht worden.[509]

Endlich existiert noch eine Erzählung von Brierre de Boismont[510], die Marciat auf die Affäre Keller bezieht, die wir aber für einen besonderen Fall halten. Brierre de Boismont erfuhr den Inhalt dieser Geschichte von einem Freunde, der den Marquis de Sade persönlich gekannt hatte und von diesem erzählte, dass bei einem Gespräche über galante Abenteuer „seine Augen blutig unterliefen und einen finsteren und grausamen Ausdruck angenommen hätten“.

Dieser zweite Fall wird folgendermassen erzählt. Wenige Jahre vor der Revolution hörten Passanten in einer einsamen Strasse von Paris aus dem Parterre eines Hauses ein schwaches Wimmern hervortönen. Sie drangen durch eine kleine Thür ins Haus ein und fanden in einer Kammer eine splitternackte junge Frau, weiss wie Wachs, auf einem Tische festgebunden. Das Blut strömte aus zwei Aderlasseinschnitten an den Armen; die Brüste waren leicht aufgeschnitten und entleerten Flüssigkeit. Die Geschlechtsteile, an denen man mehrere Incisionen gemacht hatte, waren „in Blut gebadet“. Nachdem sich die Unglückliche von der grossen Erschöpfung erholt hatte, erzählte sie, dass sie durch den berüchtigten Marquis de Sade in dieses Haus gelockt worden sei. Nach beendigtem Souper habe er sie durch seine Leute ergreifen, entkleiden und auf dem Tische festbinden lassen. Ein Mann öffnete ihr die Adern mit einer Lancette und brachte ihr zahlreiche Incisionen am Körper bei. Darauf zogen sich alle Uebrigen zurück, und der Marquis befriedigte an ihr seine geschlechtliche Lust. Er wollte ihr, wie er sagte, nichts übles anthun; aber als sie unaufhörlich schrie, erhob er sich brüsk und ging zu seinen Leuten.[511] Nach Brierre de Boismont wurde diese Affäre unterdrückt, nachdem die Betreffende eine Geldentschädigung bekommen hatte.

Auch die Affäre Keller verlief für den Marquis de Sade sehr glimpflich. Er wurde zuerst in dem Schlosse von Saumur, dann in der Feste Pierre-Encise in Lyon eingesperrt, aber nach 6 Wochen freigelassen, nachdem Rosa Keller ein Schmerzensgeld von 100 Louisdors bekommen hatte.

Er setzte darauf sein ausschweifendes Leben in den niederen Sphären der Schauspieler- und Schriftstellerwelt fort, verkehrte mit Leuten von allerschlechtestem Rufe, umgab sich mit Dirnen und liess allen perversen Neigungen freien Lauf. Herr von Montreuil erwirkte schliesslich eine polizeiliche Verbannung des Marquis de Sade auf sein Schloss La Coste in der Provence, wo er an der Seite einer Schauspielerin (wahrscheinlich der Beauvoisin vom Théâtre-Français) den dort ansässigen Adel mit seinen Lastern bekannt machte. Seine Frau, die ihn um die Erlaubnis gebeten hatte, auf das Schloss Saumane zu kommen, um in seiner Nähe zu sein, beging die Unklugheit, ihm die Mitankunft ihrer eben aus dem Kloster entlassenen Schwester anzukündigen. Sade, den die Begierde nach dem Besitze dieser Schwester nicht verlassen hatte, heuchelte dennoch vor seiner Frau Gleichgültigkeit gegen dieselbe. Aber beim ersten Alleinsein mit der Geliebten fiel er ihr zu Füssen, schwur, nur sie geliebt zu haben, und dass alle seine Vergehen die Folgen dieser unglücklichen Liebe gewesen seien. Er drohte, sich das Leben zu nehmen, wenn er nicht erhört werde, und erriet aus den Blicken des schweigenden jungen Mädchens, dass er Erhörung finden werde. So fasste er nach Lacroix den Plan, eine besondere Missethat zu begehen, seiner Schwägerin einen Selbstmord vorzuspiegeln, und sie dadurch zur Flucht mit ihm zu bestimmen.[512] Die Ausführung dieses Planes ist in der Geschichte berühmt geworden als

2. Der Skandal zu Marseille (Cantharidenbonbons-Orgie).

Bachaumont’s geheime Memoiren bringen unter dem 25. Juli 1772 den folgenden Bericht: „Man schreibt aus Marseille, dass der Graf de Sade, der im Jahre 1768 soviel Aufsehen durch seine Verbrechen an einer Dirne machte, an der er angeblich ein neues örtliches Heilmittel erproben wollte, soeben hier ein zuerst amüsantes, später aber durch seine Folgen schreckliches Schauspiel veranstaltet hat. Er gab einen Ball, zu dem er viele Leute eingeladen hatte, und beim Dessert verteilte er sehr schöne Chocoladepastillen, von denen viele Leute assen. Denselben waren gepulverte spanische Fliegen beigemischt. Man kennt die Wirkung dieses Mittels. Alle, die davon gegessen hatten, wurden von einer schamlosen Brunst ergriffen und begingen die tollsten Liebesexcesse. Das Fest artete zu einer wilden altrömischen Orgie aus. Die keuschesten Frauen konnten der Mutterwut nicht widerstehen, welche sie verzehrte. Der Marquis de Sade missbrauchte seine Schwägerin, mit der er dann entfloh, um der ihm drohenden Todesstrafe zu entgehen. Mehrere Personen starben an den Folgen der Exzesse, andere sind noch sehr krank.“[513]

Diese Darstellung ist offenbar übertrieben. Nach Lacroix,[514] der die Mitteilung von einem glaubwürdigen Augenzeugen hat, begab sich der Marquis de Sade mit seinem Diener nach Marseille. Er hatte sich mit Cantharidenbonbons versehen, die er in einem öffentlichen Hause verteilte. Eine Dirne sprang aus dem Fenster und verletzte sich tötlich. Die anderen gaben sich halbnackt den infamsten Ausschweifungen hin, selbst vor dem alsbald in Menge herbeieilenden Volke. Zwei Mädchen starben an den Folgen der Vergiftung und der im Tumult erlittenen Verletzungen. Sade liess sich von einem Parlamentsrat einen Brief mit der Ankündigung des ihm bevorstehenden Urteils schicken, zeigte diesen Brief seiner Schwägerin, nannte sich ein Ungeheuer und drohte, sich zu töten. Fräulein von Montreuil beschwor ihn, zu fliehen, und er bewog sie, ihn zu begleiten. So fuhren sie nach einer Stunde davon.

Nach der „Biographie universelle“ ist auch diese Erzählung unrichtig, da überhaupt Niemand gestorben sei, sondern einige Personen nur „leicht belästigt“ wurden.

Rétif de la Bretonne verlegt den Ort der Handlung nach Paris in den Faubourg Saint-Honoré. Hier sind es Bauern und Bäuerinnen, welche die verhängnisvollen Bonbons essen. Wichtig ist, dass Rétif, der stets einen glühenden Hass gegen den Marquis de Sade gehegt hat, Niemanden an den Folgen dieser Orgie sterben lässt.[515]

Danach ist mit Sicherheit anzunehmen, dass dieser Skandal nicht zu Todesfällen geführt hat. Marseille sah auch gewiss öfter derartige Scenen, da das extravagante Leben in dieser Stadt unter dem ancien régime öfter hervorgehoben wird.[516]

Vor einigen Monaten hat Dr. Cabanès in seiner Studie über den Marquis de Sade ein neues, hochwichtiges Dokument über die Marseiller Affäre ans Licht gezogen. Es ist ein in dem Archiv der Auswärtigen Angelegenheiten aufbewahrtes Mémoire, welches den Titel trägt: „Darstellung der Thatsachen und kurzer Bericht über den Process, gegen welchen der Marquis de Sade und seine Familie Einspruch erheben.“ Nach diesem Bericht weilte der Marquis de Sade im Juni 1772 mit seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern auf seinem Gute in der Provence und unternahm Ende des Monats eine Reise nach Marseille, um dort von Paris angekommenes Gepäck in Empfang zu nehmen. Er besuchte während seines Aufenthaltes am 21. Juni 1772 mehrere öffentliche Mädchen und kehrte darauf in vollster Seelenruhe auf sein Gut zurück, ohne zu ahnen, dass man eine strafrechtliche Verfolgung gegen ihn einleitete. Drei Tage nach seiner Abreise wurde er vor dem Landgerichte in Marseille als des versuchten Giftmordes verdächtig angeklagt. Das Dienstmädchen einer Prostituierten, zugleich Teilnehmerin an deren Ausschweifungen, sagte aus, dass ihre Herrin seit einigen Tagen von heftigen inneren Schmerzen und Erbrechen heimgesucht würde, welcher Zustand nach dem Genuss einiger ihr von einem fremden Besucher angebotenen Pastillen eingetreten sei. Der Richter begab sich in die Wohnung der Dirne. Ein zweites Freudenmädchen berichtete, dass ein Mann, von dem man ihr gesagt habe, dass es der Marquis de Sade sei, sie besucht habe und ihr gleich den übrigen im Zimmer versammelten Mädchen verzuckerten Anis angeboten habe. Eine von ihnen habe nicht davon gegessen. Die übrigen seien davon „belästigt“ worden. Man fand bei gerichtlicher Haussuchung in dem erwähnten Zimmer noch zwei solche Anis-Bonbons, deren chemische Untersuchung durch zwei Gerichtschemiker die Abwesenheit jeder Art von Gift oder reizender Substanz ergab. Im Verlaufe der weiteren Untersuchung beschuldigte eine von den Prostituierten, welche alle in demselben Zimmer gewesen waren, den Marquis und seinen Bedienten eines widernatürlichen Verbrechens. Alle diese Zeugenaussagen wurden während der Abwesenheit des Angeklagten entgegengenommen. Die Familie desselben führt in dem Mémoire Klage darüber, dass in diesem Prozesse so viele offenbare Verletzungen des Rechts vorgekommen seien, weist auf das Gutachten der Chemiker hin, sowie auf die Unschuldserklärung, welche zwei der angeblich vergifteten Mädchen dem Marquis in einer Aussage vom 8. August 1772 hätten zu Teil werden lassen. Trotzdem habe sowohl der Gerichtshof in Marseille, wie derjenige in Aix in gesetzwidrig beschleunigtem Verfahren den Marquis zu einer so schweren und schimpflichen Strafe verurteilt, nur infolge der Aussage von Prostituierten, einer Menschenklasse, deren Lügenhaftigkeit so bekannt sei. Gegen diese Rechtsverletzung erhebe die Familie energischen Protest. (Cabanès a. a. O. S. 266–272.) Jedenfalls besitzen wir in diesem wichtigen Dokumente die ersten authentischen Nachrichten über die geheimnisvolle Bonbons-Affäre, deren Harmlosigkeit dadurch wohl aufs evidenteste bewiesen wird. Auch die übrigen Aussagen der Prostituierten müssen mit der grössten Vorsicht aufgenommen werden. So bleibt das einzig wirklich Thatsächliche in der so berühmten Affäre der Besuch eines oder mehrerer Marseiller Bordelle durch den Marquis de Sade und die Verteilung unschuldiger Bonbons an die Freudenmädchen.

Der Marquis de Sade wurde vom Parlament in Aix am 11. September 1772, ebenso wie sein Kammerdiener, wegen Sodomie und Vergiftung in contumaciam zum Tode verurteilt. Die Härte dieses Urteils wird auf den Kanzler Maupeou zurückgeführt, der ein Exempel statuieren wollte.[517] Uebrigens wurde dasselbe nach sechs Jahren, am 30. Juni 1778, aufgehoben und der Marquis nur zu einer Geldstrafe von 50 Francs verurteilt, oder sogar nach der „Biographie des Contemporains“ zu einer Ermahnung durch den ersten Präsidenten des Gerichtshofes.

Er war inzwischen mit seiner Schwägerin nach Italien geflohen, wo er mit ihr ein stilles und züchtiges Leben führte, bis sie ihm nach kurzer, heftiger Krankheit durch einen plötzlichen Tod entrissen wurde, und er nach dem Hinscheiden seines guten Engels wieder in die alten Ausschweifungen zurückfiel.[518] Er wurde dann in Piemont verhaftet und am 8. Dezember 1772 im Fort Miolans festgesetzt. Seine Familie wandte sich durch Vermittelung des Grafen Marmora, Gesandter des Königs von Sardinien in Paris, an den Grafen de la Tour, Generalkommandant von Savoyen, und liess ihn bitten, den Namen des Gefangenen geheim zu halten, ihn als Graf de Mazan zu bezeichnen, ihm seine Effekten zu lassen, da ein so lebhafter Geist nicht ohne Beschäftigung existieren könne. Nur seine Papiere, Manuscripte und Briefe möge man seiner Familie zustellen. Man entsprach diesen Wünschen. de la Tour berichtet, dass Sade zwei Zimmer bekam, welche von einem Tapezierer aus Chambéry vortrefflich möbliert worden waren. de Sade hatte durch ein Schriftstück vom 9. Dezember 1772 versprochen, keinen Fluchtversuch zu machen. Am 8. Januar 1773 erkrankte er, man liess eines Arzt rufen, seine Gattin beschwor in zahlreichen Briefen den Festungskommandanten de Launay, ihrem Gatten doch alle mögliche Pflege angedeihen zu lassen, und bereitete damals schon die Flucht des Marquis vor, sodass Marmora in einem Briefe vom 1. März 1773 de la Tour bitten musste, für strengere Bewachung de Sade’s Sorge zu tragen und seine Frau von ihm fernzuhalten. Trotzdem gelang es dem Marquis, die Wachsamkeit de Launay’s einzuschläfern, der über die angebliche Reue und Harmlosigkeit desselben an de la Tour in mehreren Briefen berichtet, und so wurde es der Marquise leicht, mit Hülfe von 15 entschlossenen Männern in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1773 die Flucht ihres Gatten zu bewerkstelligen. Der bekannte de Sougy („Baron de l’Allée“) war sein Fluchtgenosse. Sie gingen nach Genf, von dort nach Italien.[519] de Sade liess dem Gouverneur, Herrn de Launay, einen ironischen Brief zurück, traf in Italien seine Frau, deren Gesellschaft er indessen bald mit der einer Maitresse vertauschte. Letztere, nicht seine Schwägerin, wie Eulenburg annimmt[520], ist das Vorbild der Juliette. Im Jahre 1777 kehrte er nach Frankreich zurück[521], wo seine Frau und Schwiegermutter sich bemühten, seine Rehabilitation durchzusetzen, wie aus den unter No. 1741 und 1472 im auswärtigen Archiv aufbewahrten und von Cabanès veröffentlichten Gesuchen hervorgeht (Cabanès a. a. O. S. 282 bis 284). Doch war dies vergeblich.

3. Einkerkerung in Vincennes und in der Bastille.

Nach kurzem Aufenthalt in der Provence, wo er wieder ein wüstes Leben führte, wurde Sade verhaftet, nach Paris geführt und im Hauptturm der Festung Vincennes eingekerkert. In einem Briefe an den Gouverneur von Vincennes fleht er diesen an, ihm das Wiedersehen mit seiner Frau zu gestatten.[522] Jedenfalls setzte er sich wieder mit ihr in Verbindung, wie aus der von Ginisty mitgeteilten Korrespondenz hervorgeht[523], und es gelang ihren Bemühungen, eine Revision des Urteils durchzusetzen. Sade wurde nach Aix gebracht, wo ihn der Advokat Siméon glänzend verteidigte und unter dem 30. Juni 1778 die Annullirung des Urteils erwirkte. Aber durch den Einfluss der Präsidentin Montreuil, die mit Recht Sade’s Freiheit mehr fürchtete als seine Gefangenschaft, wurde der Beschluss rückgängig gemacht und er nach Vincennes überführt. Den Transport leitete der uns wohl bekannte Polizeiinspektor Marais. Es gelang dem Marquis, bei einem Aufenthalt in Lambesc, am 5. Juli 1778, wieder mit Hülfe seiner Frau zu entfliehen. Ginisty teilt den interessanten Polizeibericht über diese sehr romantische Flucht ausführlich mit.[524] Er wurde aber bald darauf (7. September) von Marais auf seinem Schlosse Lacoste entdeckt und diesmal ohne Zwischenfall nach Vincennes zurückgebracht, von wo er im Jahre 1784 in die Bastille überführt wurde. Am Vorabend des 14. Juli 1789 nach Charenton gebracht, soll er nach Lacroix am Tage der Erstürmung der Bastille, und der wohl richtigeren Angabe der „Biographie universelle“ aber erst am 29. März 1790 durch Dekret der constituierenden Versammlung befreit worden sein.

Von 1777 bis 1790, in der Blüte des Mannesalters, sass also der Marquis de Sade im Gefängnis. Es ist kein Zweifel, dass hier die ersten Entwürfe zu seinen berüchtigten Werken entstanden, und es dürfte daher eine etwas eingehendere Schilderung jener Zeit von Nutzen sein.

In Vincennes wurde er während der ersten Jahre in eine feuchte, kalte Kammer eingesperrt, die keinerlei Möbel enthielt ausser einem Bette, das er selbst in Ordnung zu bringen hatte. Sein Essen bekam er durch ein Guckloch. Schreibzeug und Bücher wurden ihm vorenthalten. Dies empfand er besonders schmerzlich, wie drei kleine auf der Auktion Fossé d’Arcosse im Jahre 1861 unter No. 1003 verkaufte Autographen beweisen, wo er einmal sagt: „sans air, ni lettre, ni encre, ni quoi que ce soit au monde“, ein anderes Mal: „une heure de promenade et permission d’écrire, une seule fois par semaine.“[525]

Seine Frau, die mit unerschütterlicher Liebe an ihm hing, schickte ihm Bücher, Schreibutensilien und andere von ihm verlangte Dinge, sogar Kölnisches Wasser[526]. Sie erhielt auch später die Erlaubnis, ihn zu besuchen. Aber jeder Besuch gestaltete sich zu einem Skandale. Man musste die Marquise vor der Wut und den Zornesausbrüchen ihres Gatten schützen. Am 25. September 1782 untersagte infolgedessen der Polizeileutnant Le Noir diese Besuche. Erst am 13. Juli 1786 durfte sie den persönlichen Verkehr mit dem Marquis wieder aufnehmen. Indessen waren stets andere Personen dabei anwesend, um die Marquise gegen die Gewaltthätigkeiten ihres cynischen und rohen Gatten zu schützen.[527] Sade heuchelte dann Liebe, um in seinen Briefen die treue Gattin wieder mit ungerechtfertigten Vorwürfen und schändlichen Beleidigungen zu überschütten.

Marciat findet in dem Leben des Marquis de Sade vor seiner Einkerkerung einen Hang zur Grausamkeit, eine Verachtung der Frau, eine unzähmbare Geschlechtslust und schliesst mit Recht, dass auf einen solchen Menschen, der zudem sich seinen Wollustkumpanen an Intelligenz überlegen zeigt, eine 13jährige Einkerkerung vom 38. bis zum 51. Lebensjahre, die ihm jede Befriedigung seines heftigen Geschlechtstriebes unmöglich machte, eine schwere psychische Schädigung ausüben müsse. Dafür spricht auch die krankhaft gesteigerte Reizbarkeit, das unendliche Misstrauen, welches sich in den von Ginisty veröffentlichten Briefen an seine Gattin ausspricht. Interessant ist, dass er zu den Briefen seiner Frau die unflätigsten Randbemerkungen machte, und hinter allen Handlungen der Gattin sexuelle Motive wittert. Ebenso sind die rohen Zornesausbrüche bei Besuchen derselben charakteristisch. Den Einfluss der Gefangenschaft als eines „mächtigen Factors zur Erzeugung von Seelenstörungen“ schildert Schüle in ausgezeichneter Weise.[528] „Ungleich rascher, als unter den Bedingungen des freien Lebens, vollzieht sich durch die Schändlichkeiten der Einzelhaft der Uebergang in geistige Schwäche.“ In der Einsamkeit der Zelle konnte die Phantasie Sade’s sich ungezügelt in Bildern der Wollust und Grausamkeit ergehen. Ersatz für die ihm mit einem Male für lange Jahre abgeschnittene reale Befriedigung übermässigen Geschlechtstriebes konnte er nur in ungeheuerlichen, die Wirklichkeit überbietenden Phantasien finden. Und sobald er die Erlaubnis zur Lectüre von Büchern bekam, suchte er nach dem treffenden Ausspruch der „Biographie universelle“ in der Vergangenheit und Gegenwart die Beispiele und Vorbilder für seine lasterhaften Anschauungen, die er dann in Gestalt von zahllosen Manuscripten niederlegte. Auch diese Graphomanie scheint uns das Bild einer gewissen geistigen Schwäche, die in dieser Zeit sich bei Sade ausprägte, zu vervollständigen. Er wurde im Gefängnis der sehr fruchtbare Schriftsteller, als welchen wir ihn später kennen lernen werden. Er las unendlich viele Bücher, ohne deren Inhalt gehörig zu verdauen; er lernte aus ihnen nur ein oberflächliches Raisonnement, während zahlreiche einzelne Beobachtungen einen mehr als gewöhnlichen Scharfblick erkennen lassen. Er war wie so viele sexuell sehr veranlagte Naturen gross in der Analyse aller Dinge, die mit dem Geschlechtsleben zusammenhängen, aber klein in der allgemeinen Synthese, dem wahrhaft philosophischen Denken. Leider sind die während der Gefangenschaft verfassten Tagebücher Sade’s von 1777 bis 1798 in 13 Heften, von denen sich 11 noch vorfanden, verbrannt worden, so dass uns dadurch ein wichtiges Hülfsmittel zur Erkenntnis seines geistigen Zustandes verloren gegangen ist. Er hatte in den Tagebüchern alles vermerkt, was er während dieser 13 Jahre „gesagt, gethan, gehört, gelesen, geschrieben, gefühlt oder gedacht hatte.“ (Biographie universelle.)[529] So sind nur noch seine Werke zur Beurteilung seiner psychischen Persönlichkeit übrig geblieben.

Von Interesse ist, dass der Marquis de Sade, wie es scheint, im Gefängnis auch eine Correspondenz mit seinen Maitressen unterhielt. Im April 1864 wurde bei der von Charavay veranstalteten Auktion der litterarischen Schätze des Grafen H. de M. ein Brief von 2 Seiten gezeigt, den eine Maitresse am 18. September 1778 an den Marquis de Sade geschrieben hatte, und der von diesem mit Randbemerkungen versehen war.[530]

Dass die Gefangenschaft das Geistesleben oft nach der sexuellen Richtung hin ablenkt, beweist auch das Beispiel des grossen Mirabeau, der zu gleicher Zeit wie Sade in Vincennes interniert war und hier seine obscönen Bücher schrieb.

Ein merkwürdiger Brief Mirabeau’s über dieses Zusammensein mit dem Marquis de Sade hat sich erhalten, der gerade nicht für freundschaftliche Beziehungen der Beiden spricht.[531] „Herr de Sade“, so heisst es in diesem Briefe, „hat gestern die Festung in Aufruhr versetzt und mir ohne die geringste Provokation meinerseits die infamsten Gemeinheiten gesagt. Ich würde von Herrn de Rougemont (dem Gouverneur) begünstigt, und damit ich spazieren gehen könne, verweigere man ihm die Erlaubnis dazu. Er bat mich um Angabe meines Namens, damit er mir nach seiner Freilassung die Ohren abschneiden könne. Ich verlor die Geduld und sagte ihm: Mein Name ist der eines Ehrenmannes, der niemals Frauen zerstückelt und eingesperrt hat, der Ihnen diesen Namen mit dem Stocke auf den Rücken schreiben wird. — Er schwieg und wagte seitdem nicht mehr, den Mund zu öffnen. Es ist schlimm in demselben Hause mit einem solchen Monstrum zu wohnen“.