6. Teilnahme an der Revolution und litterarische Tätigkeit.

Die ersten Szenen der Revolution spielten sich vor dem Gefängnis des Marquis de Sade ab, der ihr von vornherein viele Sympathien entgegenbrachte. Im Juni 1789 verzeichnet das Register der Bastille, dass er „die Wachen vor seiner Thür und am Fuss des Thurmes überwältigen wollte“, dass man ihn aber in sein Zimmer zurücktrieb, „indem man ihm einen Flintenlauf ein wenig nahe zeigte.“ Er setzte sich am 2. Juli 1789 vor der Erstürmung der Bastille mit Hilfe eines Sprachrohres mit den Passanten der rue Saint-Antoine in Verbindung und lockte durch sein fürchterliches Schimpfen auf den Gouverneur der Bastille, de Launay, eine grosse Menschenmenge an, die mit ihren Beifallsäusserungen nicht zurückhielt. Dieser Vorfall hatte zur Folge, dass der Marquis de Sade am 4. Juli nach Charenton gebracht wurde und also den am 14. Juli 1789 unternommenen Sturm auf die Bastille nicht mit erlebte.[532] Aus Charenton wurde er am 29. März 1790 durch den Beschluss der constituierenden Versammlung entlassen.[533] Seine erste Handlung war das Betreiben der Scheidung von seiner Frau.[534] Auch sonst wurde er seiner Familie entfremdet, da seine Söhne beim Beginne der Revolution auswanderten. Nach Lacroix nahm er sich eine Maitresse, die in seinem Hause die Honneurs machte. Er wohnte zuerst in der Rue Pot-de-Fer, nahe bei Saint-Sulpice, später in der Rue Neuve-des-Mathurins, Chaussée d’Antin No. 20.[535] Er soll dort den Politikern ausgezeichnete Diners und Soupers gegeben und besonders den Grafen Clermont-Tonnerre als gleichgesinnten Lebemann ins Herz geschlossen haben. Dies ist insofern wenig wahrscheinlich, als der Marquis de Sade durch die Revolution alle seine Güter verlor und in eine traurige materielle Lage geriet. Cabanès bemerkt noch nach einer Notiz im „Amateur d’Autographes“ (1864 S. 105 bis 106): „Il avait pris, pour sa maison, une jeune femme, plus gracieuse que belle qu’il nommait sa Justine tout bas et son amie tout haut. Cette femme se distinguait par la décence de sa tenue et l’élégance de ses manières aristocratiques. On disait en effet, que c’était la fille d’un noble exilé; mais une tristesse indélébile se peignait sur son visage pâle, lorsqu’elle faisait les honneurs de ces réunions, ou l’on parlait de tout, excepté de politique, et toujours avec convenance et réserve. On jouait quelquefois la comédie, et le marquis excellait dans les rôles d’amoureux, qu’il choisissait d’habitude; il était plein de noblesse dans son maintien et de sensibilité dans son jeu; Molé avait été son maître.“ Auf der oben erwähnten, durch Charavay veranstalteten Auction im Jahre 1864 figurierte ein an den Repräsentanten Rabaut Saint-Etienne gerichteter, mit einer Empfehlung von Ant. de Bernard-Saint-Afriques versehener Brief vom 8. Ventôse des Jahres III, in welchem der Marquis de Sade um eine Stelle als Bibliothekar oder als Museumsconservator bittet, da er vollständig mittellos geworden sei, nachdem sein litterarischer Besitz bei dem Sturm auf die Bastille verloren gegangen, und seine Güter durch die Briganten von Marseille konfisziert worden seien.[536] Die „Isographie des hommes célèbres ou Collection de fac-simile“ (1823–1824, 4 Bde.) enthält einen Brief Sade’s vom 10. Pluviôse des Jahres VI, der sich im Besitz des Herrn de la Porte befindet, und in dem er um baldmöglichste Einsendung des Honorars für ein Gedicht bittet und die Uebersendung einer von ihm verfassten Komödie ankündigt, in der er selbst die Rolle des Fabricius gespielt habe und wieder spielen wolle.[537] Bald nach seiner Entlassung aus Charenton fing er an, zahlreiche Komödien zu schreiben, diese an die verschiedenen, damals zahlreich wie Pilze hervorschiessenden Theater zu verkaufen und selbst für einige Louisdors eine Rolle darin zu spielen.[538] In den Archiven des Théâtre-Français befinden sich mehrere Briefe des Marquis de Sade an die Direktion der Comédie Française aus den Jahren 1790 bis 1793, auf die O. Uzanne durch François Coppée und Georges Monval aufmerksam gemacht wurde, und die er in seiner Schrift über Sade veröffentlicht hat.[539] Der Marquis bittet darin um die Annahme verschiedener von ihm verfasster Theaterstücke zur Aufführung. Nur ein einziges von Sade’s zahlreichen dramatischen Produkten fand Beifall. Es war dies „Oxtiern ou les Malheurs du libertinage“, das in den ersten Tagen des November 1791 mit Erfolg im Molière-Theater gespielt wurde.[540] Jedenfalls gehörte auch Sade nach Uzanne zu den zahlreichen „auteurs dramatiques monomanes“ der Revolutionszeit.

Während der Revolutionszeit erschienen nun nacheinander die berüchtigten Hauptwerke des Marquis de Sade, seine obscönen Romane, die seinen herostratischen Ruhm begründet haben. Ein Jahr nach seiner Freilassung, im Jahre 1791 erschien die „Justine“, die offenbar zum grössten Teile noch im Gefängnis abgefasst worden ist und in dieser ersten Auflage nur obscön ist, ohne die blutigen Details der späteren, und besonders der letzten Auflage des Jahres 1797. Mit Recht vermutet Marciat, dass der Einfluss des Milieu, der gewaltigen Ereignisse der Revolutionszeit, diese späteren Veränderungen hervorgerufen habe.[541] Ein ebenfalls noch in der Bastille entworfener Roman, auf dessen Titel es ausdrücklich heisst: écrit à la Bastille un an avant la Révolution, ist „Aline et Valcour“, der im Jahre 1793 erschien. Dann folgten 1795 die „Philosophie dans le Boudoir“ und 1797 als Gipfel und Krönung die gemeinschaftliche Ausgabe der „Justine“ und der „Juliette“.[542] Bis 1801, dem Jahre seiner neuen Verhaftung dauerte die sehr fruchtbare Schriftstellerei des Marquis de Sade, die wir später zu würdigen haben. Man kann sagen, dass seine Werke im Gefängnis concipiert, in der Revolution ausgeführt und nach den äusseren Eindrücken derselben verändert wurden.

Man hat viel Aufhebens davon gemacht, dass der Marquis de Sade zeitweise die Urheberschaft seiner Werke geleugnet hat. So schreibt er in einem Briefe vom 24. Fructidor 1795 (Auction Font... 1861): „Es wird in Paris ein scheussliches Werk verbreitet mit dem Titel ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘. Vor mehr als 2 Jahren habe ich einen Roman ‚Aline et Valcour ou le Roman philosophique‘ veröffentlicht. Zum Unglück für mich hat der schändliche Autor der ‚Justine‘ mir eine Situation gestohlen, die er aber auf die gemeinste Weise durch Obscönitäten verunstaltet hat.“[543] Auch in seiner „Idée sur les romans“ protestiert er gegen seine angebliche Urheberschaft von „Justine“ und „Juliette.“[544] Ebenso in einer Streitschrift gegen einen gewissen Villeterque.[545] Marciat macht darauf aufmerksam, dass die letztere Schrift in das Jahr 1800 fällt, in welchem Sade schon von der Gefahr der Verhaftung bedroht wurde und dass daher seine Versicherungen, nicht der Verfasser solcher Werke zu sein, wohl angebracht waren. Uebrigens waren derartige Ableugnungen nach Marciat bei den Schriftstellern des 18. Jahrhunderts etwas sehr Gewöhnliches, z. B. bei Voltaire und Mirabeau. Und man kann Sade daraus keinen besonderen Vorwurf machen. Jedenfalls scheint er in Privatunterhaltungen die Wahrheit nicht verschwiegen zu haben, und es ist ganz sicher, dass er jedem der fünf Direktoren eine Luxusausgabe der 10bändigen „Justine“ und „Juliette“ überreicht hat, die man nach dem „Intermédiaire des Chercheurs et des Curieux“ in einzelnen Exemplaren wieder entdeckt hat.[546]

Ueber das Privatleben des Marquis de Sade während der Revolutionszeit sind wir im ganzen nur dürftig unterrichtet. Man kann eigentlich nur aus seinem früheren Verhalten schliessen, dass er sein ehemaliges lasterhaftes Leben wieder aufgenommen hat. Als der Marquis de Sade im Jahre 1801 aufs Neue verhaftet wurde, fand man sein Schlafzimmer mit grossen Bildern ausgeschmückt, welche die „hauptsächlichen Obscönitäten des Romans ‚Justine‘ darstellen.“[547] Cabanès berichtet — freilich ohne Quellenangabe — dass, als die aufrührerischen Bauern 1790 de Sade’s Schloss Lacoste zerstörten, man in diesem Schlosse Marterinstrumente gefunden habe, die von ihm bei seinen Orgien benutzt worden seien. Auch existierte in diesem Schlosse der berühmte „Klystier-Saal“ (Salle des Clystères), in dem ein Maler von Talent die Wände mit Klystierspritzen und menschlichen Figuren bedeckt hatte, welche letzteren eine Menge von ebenfalls gemalten menschlichen Rückseiten durch Klystiere erfrischten! (??)[548] Rétif de la Bretonne, der die Affäre Keller und den Marseiller Skandal nach Paris in die Revolutionszeit verlegt, erzählt noch mehrere derartige Geschichten, deren Glaubwürdigkeit in keiner Weise feststeht, wenn ihnen auch etwas Wahres zu Grunde liegen mag. So erzählt er in den „Nuits de Paris“ (155te Nacht „Nefanda“): „Am selben Abend sah ich eine andere Hochzeit. Der Graf de S..., ein grausamer Wüstling, wollte sich an der Tochter eines Sattlers rächen, die er nicht hatte verführen können. Er hatte alles so hergerichtet, dass er sich nicht kompromittieren konnte. Als es ihm gelungen war... Virum trium luparum connubio adjungere coëgit, coram alligata uxore, quae quandoque virgis caedebatur ...“[549]

Eine andere Geschichte Rétifs, in der Sade unter dem Namen Bénavent vorkommt, erzählt von drei Schwestern, die der Marquis zur Befriedigung seiner Lüste benutzte, indem er zwei in einen Käfig sperrte und singen liess, die dritte in einem Zimmer, dessen Wände Spiegel waren, nackt in ein Bad steigen liess, während er selbst sich mit seiner Maitresse der Wollust hingab.[550] Der Bibliophile Jacob hält es für zweifellos, dass Rétif den Marquis de Sade persönlich gekannt und wahrscheinlich einen Zwist mit ihm gehabt hat, der seinen Hass erklärt.

Besonders bemerkenswert ist die politische Thätigkeit des Marquis de Sade während der französischen Revolution. Er hatte mit dem ihm eigenen Scharfblick das Kommen dieser Revolution vorausgesehen. So sagt er in „Aline et Valcour“ (II, S. 448), welcher Roman 1788 in der Bastille geschrieben wurde: „Eine grosse Revolution wird im Vaterlande vorbereitet; die Verbrechen unserer Herrscher, ihre Grausamkeiten, Ausschweifungen und Narrheiten sind Frankreich zum Ueberdruss geworden; es hat den Despotismus satt und ist im Begriff, seine Fesseln zu zerbrechen.“ In der Einsamkeit der Zelle war er dahin gelangt, seinerseits die revolutionären Grundsätze, vor allem den Kampf gegen Gott, Königtum und Priestertum systematisch in seinen Schriften zu entwickeln. Das „Opfer der Bastille“ nahm denn auch lebhaften Anteil an den Ereignissen der Revolution und gerirte sich als einen begeisterten Anhänger der Schreckensmänner. Seiner Freundschaft mit Clermont-Tonnerre haben wir schon gedacht. Er wurde Sekretär der Sektion der „Pikenmänner“ (Section des Piques), auch genannt die Sektion der Place Vendôme oder die Sektion des Robespierre. „In den Unruhen des 2. September, wo jedermann zu Hause blieb, glaubte er sich am sichersten im Schosse seiner Sektion aufgehoben. So verliess er seine Wohnung in der Rue Neuve-des-Mathurins und begab sich am Abend zu den Kapuzinern am Vendômeplatze. Die Freunde Robespierre’s waren nicht dort, sondern im Jakobinerklub. Sade war nur als ein Mann bekannt, der unter dem ancien régime im Gefängnis gewesen war. Er hatte ein feines und sanftes Gesicht, war blond, schon ein wenig kahlköpfig und grauhaarig. ‚Wollen Sie unser Sekretär sein? — Gern?‘ Er nahm die Feder.“[551] — Er hielt sich aber, eingedenk seiner Vergangenheit, in bescheidener Zurückhaltung und spielte in seiner Sektion die Rolle des Philanthropen, verwendete seine ganze Zeit auf das Studium der Verhältnisse in den Hospitälern, über welche er gute Berichte lieferte.

Sade war ein begeisterter Bewunderer des blutdürstigen Marat, auf den er nach dessen Ermordung durch Charlotte Corday die noch erhaltene Gedächtnisrede hielt, die von revolutionären Phrasen erfüllt ist, und in der er die „heilige und göttliche Freiheit“ als einzige Göttin der Franzosen feiert (29. Sep. 1793).[552] Unter ein Bild Marat’s schrieb er die Verse:

Du vrai républicain unique et chère idole,

De ta perte, Marat, ton image console.

Qui chérit un grand homme adopte ses vertus,

Les cendres de Scévole ont fait naître Brutus.[553]

Uebereinstimmend wird aber berichtet, dass insgeheim der Marquis de Sade von den Mitgliedern der Sektion, sowie von den übrigen Revolutionären verachtet und gehasst wurde. In der berühmten „Liste des ci-devant nobles“ von Jacques Dulaure, die im Jahre 1791 erschien, findet sich ein heftiger Artikel gegen unsern Marquis de Sade (Biographie universelle)[554]. Nach Cabanès behielt er den Titel „Marquis“ sogar bei, und „man kann sagen, dass das der einzige Marquis war, den man unter der Herrschaft von Robespierre und Fouquier-Tinville bestehen liess.“ (Cabanès a. a. O. S. 289) Er war vielleicht gar nicht Republikaner aus politischer Ueberzeugung, sondern kämpfte gegen Recht und Gesetz überhaupt nur unter dem Einflusse der von ihm gebildeten „théorie du libertinage.“ Er war der Philosoph des Lasters, aber kein leidenschaftlicher Politiker. In der Theorie absoluter Bösewicht, war er in Wirklichkeit recht sanftmütig, vorsichtig und voll von Tugendphrasen.[555] Das konnte den grossen Terroristen wenig passen. Eine schöne Handlung, die uns den Marquis de Sade menschlich näher bringt, gab ihnen den Vorwand, gegen ihn vorzugehen. Er hatte durch seine Fürsprache seine Schwiegereltern, obgleich sie ihm stets feindlich gesinnt gewesen waren, vom Schaffot gerettet,[556] und wurde daher als ein „Gemässigter“ verdächtigt und am 6. Dez. 1793 auf Befehl des „Comité de la Sureté générale“ verhaftet und nacheinander in die Gefängnisse des Madelonnettes, des Carmes und Picpus gebracht, erlangte aber am 9. Thermidor 1794 durch Rovère seine Freiheit wieder, dem er sein Landgut La Coste verkaufte und so in den Besitz einiger Geldmittel gelangte.

Sade lebte nunmehr zurückgezogen ganz seiner schriftstellerischen Thätigkeit, der unter dem Direktorium weniger Hindernisse in den Weg gelegt wurden. Wir erwähnten schon, dass er jedem der fünf Direktoren ein Exemplar der Prachtausgabe seiner „Justine“ überreichte, über deren Verbleib, besonders was das Exemplar des Barras anbetrifft, man genaue Nachrichten hat.[557] Ueberhaupt wurden damals die berüchtigten Hauptwerke des Marquis de Sade ganz öffentlich verkauft. Sie waren bei allen Buchhändlern zu haben und waren in den Katalogen angeführt. Ein grosser Kapitalist unterstützte den Vertrieb, der sich über das In- und Ausland erstreckte, und hatte Anteil am Gewinne. Dies dauerte bis zum Jahre 1801. (Biographie universelle). Im Thermidor des vorhergehenden Jahres (Jahr VIII) hatte der Marquis de Sade einen Roman „Zoloë et ses deux acolytes“ veröffentlicht, der nichts anderes war als ein heftiges Pamphlet gegen Joséphine de Beauharnais (Zoloë), die Damen Tallien (Laurenda) und Visconti (Volsange), gegen Bonaparte (Baron d’Orsec), Barras (Vicomte de Sabar), einen Senator (Fessinot) u. s. w., welche Persönlichkeiten in einer „petite maison“ sich der schändlichsten Unzucht hingeben.

Wegen dieses Pasquills wurde Sade am 15. Ventôse des Jahres IX (5. März 1801) verhaftet. Ein Bericht des Polizeipräfekten an den Polizeiminister vom 21. Fructidor des Jahres XII giebt Auskunft über diese Verhaftung.[558] Er enthält viele Unrichtigkeiten, z. B. gleich im Anfang die, dass der Marquis im Begriff gewesen wäre, die „Juliette“ zu publizieren, die doch bereits mehrere Jahre vorher erschienen war. Sade wurde nach diesem Bericht ohne rechtsgiltiges Urteil zunächst ins Gefängnis Sainte-Pélagie gebracht, da eine Gerichtsverhandlung „einen zu grossen Skandal erregt haben würde“ und auch die gerichtlichen Strafen „ungenügend und keineswegs den Delikten angemessen gewesen sein würden“. Der Präfekt erzählt dann weiter, dass Sade in Sainte-Pélagie die jungen Leute zu unsittlichen Handlungen verführt habe und er infolgedessen nach Bicêtre überführt worden sei. „Dieser unverbesserliche Mensch war in einem Zustande ‚beständigen wollüstigen Wahnsinns‘ (démence libertine).“ Auf Betreiben seiner Familie wurde er dann am 26. April 1803 nach Charenton gebracht. (Cabanès, S. 301.) Alle seine Manuscripte und Bücher waren wiederholt confisciert worden.

Aulard hat in einem Artikel „La Liberté individuelle sous Napoléon Ier“ (Revue du Palais, August 1897) auf die Häufigkeit der willkürlichen Verhaftungen und Einsperrungen ohne rechtsgiltiges Urteil unter dem Konsulat und ersten Kaiserreich aufmerksam gemacht. Es scheint, dass man öfter unliebsame Persönlichkeiten für irrsinnig erklärte und in Charenton unterbrachte. So wurde der Dichter Th. Desorgues, der ein Chanson gegen Napoleon mit dem Refrain:

Oui, le grand Napoléon

Est un grand caméléon

verfasst hatte, in Charenton interniert, wo er 1803 starb. Das gleiche Schicksal traf den Forstmeister de Laage, sowie den Abbé Fournier. Beide wurden in Bicêtre eingesperrt. (Cabanès S. 294–295). Bei Sade hatte man ausserdem noch den bequemen Vorwand, dass man den Verfasser so vieler obscöner Bücher unschädlich machen müsse, obgleich Marciat mit Recht bemerkt, dass ohne das Pamphlet gegen Bonaparte diese Bücher wohl nicht den Anstoss zu seiner Verhaftung gegeben haben würden. Sade, der wiederholt gegen dieselbe protestierte, hielt es deshalb für geraten, in seinen verschiedenen Briefen aus Sainte-Pélagie die Urheberschaft der „Justine“ u. a. abzuleugnen.[559]

Ueber den Aufenthalt des Marquis de Sade im Irrenhaus zu Charenton besitzen wir mancherlei interessante Nachrichten. Vor allem ist merkwürdig ein Gutachten des berühmten Irrenarztes Royer-Collard[560] über den Marquis aus dem Jahre 1808, das wir vollständig mitteilen.

Paris, den 2. August 1808.

Der Chefarzt des Hospizes zu Charenton an Seine Excellenz den Senator und Polizeiminister.

Gnädiger Herr,

Ich habe die Ehre, an die Autorität Eurer Exzellenz zu appellieren, in einer Angelegenheit, die ebenso meine amtliche Thätigkeit angeht, wie die gute Ordnung in dem Hause, dessen ärztlicher Dienst mir anvertraut ist.

In Charenton befindet sich ein Mann, den seine kühne Immoralität unglücklicherweise zu berühmt gemacht hat, und dessen Anwesenheit die schwersten Unzuträglichkeiten nach sich zieht. Ich spreche von dem Autor des schändlichen Romans „Justine“. Dieser Mann ist nicht geisteskrank. Sein einziges Delirium ist das des Lasters, und dieses kann nicht in einer Irrenanstalt beseitigt werden. Er muss der strengsten Isolierung unterworfen werden, um andere vor seinen Ausbrüchen zu schützen und um ihn selbst von allen Gegenständen zu trennen, die seine hässliche Leidenschaft mehren könnten. Nun erfüllt das Haus Charenton keine dieser Bedingungen. Herr de Sade geniesst hier eine zu grosse Freiheit. Er kann mit einer grossen Zahl von Kranken und Rekonvalescenten beiderlei Geschlechts verkehren, sie bei sich empfangen oder sie in ihren Zimmern besuchen. Er hat die Erlaubnis, im Park spazieren zu gehen und trifft dort ebenfalls oft Kranke. Er predigt einigen seine schreckliche Lehre und leiht ihnen Bücher. Endlich geht das Gerücht im Hause, dass er mit einer Frau zusammen lebt, die für seine Tochter gilt.

Das ist noch nicht alles. Man ist so unvorsichtig gewesen, in der Anstalt ein Theater einzurichten, um die Irren Komödie spielen zu lassen, und hat nicht die unheilvolle Wirkung einer solchen tumultuösen Veranstaltung auf die Phantasie bedacht. Herr de Sade ist der Direktor dieses Theaters. Er giebt die Stücke an, verteilt die Rollen und leitet die Wiederholungen. Er unterrichtet die Schauspieler und Schauspielerinnen in der Deklamation und bildet sie in der grossen Bühnenkunst aus. Am Tage der öffentlichen Vorstellungen verfügt er stets über eine gewisse Zahl von Eintrittsbillets und macht inmitten seiner Gehilfen die Honneurs im Saale.

Zugleich ist er der Gelegenheitsdichter. Beim Feste des Direktors zum Beispiel, verfasst er entweder ein allegorisches Stück zu dessen Ehren oder wenigstens einige Couplets zu seinem Lobe.

Ich brauche Eurer Excellenz das Skandalöse eines derartigen Vorkommnisses nicht näher zu begründen, sowie die Gefahren aller Art, welche sich daraus ergeben. Wenn die Oeffentlichkeit diese Dinge erführe, welche Ansichten würde man über eine Anstalt bekommen, in welcher so seltsame Missbräuche geduldet werden? Wie verträgt sich eine sittliche Behandlung der Geisteskranken mit demselben? Werden die Kranken, welche täglich mit diesem schrecklichen Manne in Berührung kommen, nicht unaufhörlich durch seine Verderbtheit infiziert, und genügt die blosse Idee seiner Gegenwart in diesem Hause nicht, um die Phantasie selbst derjenigen aufzuregen, die ihn nicht sehen?

Ich hoffe, dass Eure Excellenz diese Gründe gewichtig genug finden wird, um einen anderen Internirungsort als Charenton für Herrn de Sade anzuordnen. Ein Verbot, dass er nicht mehr mit den Irren verkehren soll, würde nichts fruchten und nur vorübergehend Besserung herbeiführen. Ich verlange nicht, dass man ihn nach Bicêtre zurückschicke, wo er früher war, aber ich kann nicht umhin, Eurer Excellenz vorzustellen, dass eine „maison de santé“ oder ein festes Schloss für ihn besser passen würde als eine Anstalt, in der zahlreiche Kranke behandelt werden, und wo eine beständige Ueberwachung und die hingebendste moralische Aufsicht nötig ist.

Royer-Collard, D. M.[561]

Dieser Bericht hatte keinen Erfolg. Der Marquis de Sade blieb in Charenton. Es ist sogar die Vermutung gerechtfertigt, dass er den dortigen Aufenthalt dem Gefängnisse, vielleicht auch der Freiheit vorzog. Nach der „Biographie universelle“ war er der besondere Günstling des Direktors von Charenton, des Abbé Coulmier. Dadurch würden die grossen Freiheiten, die er sich gestatten durfte, die Rolle als Theaterdirektor u. s. w. verständlich werden. Er hatte also Ursache, die Bemühungen des Dr. Royer-Collard, ihn aus der Anstalt zu entfernen, zu hintertreiben, wovon die folgende merkwürdige Adresse zeugt[562]:

„Frau Delphine de T... beehrt sich Seiner Excellenz Herrn Fouché (dem Polizeiminister) die Petitionen zu schicken, von denen sie heute morgen mit ihm sprach. Die erste ist für Herrn de Sade und bittet darum, dass man möglichst baldige Anordnungen für das definitive Bleiben des Herrn de Sade in Charenton treffe, wo er sich seit 8 Jahren befindet und die Pflege hat, die sein Befinden erfordert. Seine Vorgesetzten sind mit seinem Betragen durchaus zufrieden.

Frau von T... fügt ihrer Petition ein ärztliches Zeugnis bei, welches bestätigt, dass der Zustand des Herrn de Sade sein Verbleiben in Charenton notwendig macht.

Sie dankt von neuem Seiner Excellenz für den gütigen Empfang von heute Morgen.“

Vielleicht ist Sade selbst, wie Marciat vermutet[563], der Anstifter dieser Petition gewesen, und vielleicht erklärt sich ein Teil der Anklagen von Royer-Collard aus einer Meinungsverschiedenheit, wenn nicht Rivalität zwischen dem Arzte und dem Direktor der Anstalt. Dieser, der Abbé Coulmier, war nach der „Biographie universelle“ ein Mann von sehr leichtfertigen Sitten. Royer-Collard’s wiederholte Klagen über das Theaterspielen in Charenton hatten endlich das Verbot desselben zur Folge. Aber an seine Stelle traten Konzerte und Bälle! Royer-Collard erlangte endlich am 6. Mai 1813 auch das Verbot dieser einer Irrenanstalt wenig angemessenen Unterhaltungen.[564]

Die „Revue anecdotique“ hat zwei auf die Thätigkeit des Marquis de Sade als Theaterregisseur sich beziehende Dokumente veröffentlicht.[565]

Seine Graphomanie trieb Sade bei jeder Gelegenheit zu dichterischen Ergüssen. Besonders liebte er das „couplet laudatif“. So verfasste er zahlreiche anonyme Couplets zu Ehren des Cardinals Maury, Erzbischofs von Paris, die am 6. Oktober 1812 in der „maison de santé“ bei Charenton gesungen wurden, von deren Geringwertigkeit eins Zeugnis ablegen möge:

Semblable au fils de l’Eternel

Par une bonté peu commune,

Sous l’apparence d’un mortel

Venant consoler l’infortune,

Votre âme, pleine de grandeur,

Toujours ferme, toujours égale,

Sous la pourpre pontificale

Ne dédaigne point le malheur.[566]

Ueber den Eindruck der Persönlichkeit des Marquis de Sade während seines Aufenthaltes in Charenton liegen mehrere, aber wenig beglaubigte Nachrichten vor. Janin schildert recht lebhaft den corrumpierenden Einfluss, den Sade in der Irrenanstalt ausübte, sowie die zärtliche Sympathie, die er „jungen und hübschen Frauen“ einflösste.[567] Lacroix erzählt[568]: „Ich habe oft achtungswerte Personen gefragt, von denen einige noch, mehr als 80jährig, leben, und von ihnen mit einer indiscreten Neugierde merkwürdige Enthüllungen über den Marquis de Sade verlangt, und war nicht wenig erstaunt, dass diese Personen, die durch ihre Moral, ihre Stellung und ehrenwerten Antecedentien vor jedem Verdacht geschützt sind, keinerlei Widerwillen dagegen empfanden, sich an den Autor der ‚Justine‘ zu erinnern und von ihm als einem „aimable mauvais sujet“ zu sprechen.“ Charles Nodier, der den Marquis de Sade einmal flüchtig sah, erinnert sich nur, dass er „höflich war bis zur Unterwürfigkeit, feierlich bis zur Salbung (onction) und dass er respectvoll von allem sprach, was Respect verdient.“ Dabei war er „enorm fett“, so dass seine Bewegungen durch diese Körperfülle gehindert wurden und ein Rest von „Grazie und Eleganz“, der sich in seinem ganzen Wesen aussprach, nicht recht zur Geltung kam. Seine müden Augen leuchteten plötzlich auf.[569] Nach der „Biographie universelle“ bewahrte Sade bis zu seinem Tode seine schmutzigen Gewohnheiten. Wenn er im Hofe promenierte, zeichnete er obscöne Figuren in den Sand, besuchte man ihn, so war sein erstes Wort eine Zote; dabei war seine Stimme sanft. Er hatte schöne weisse Haare, eine liebenswürdige Miene und war von ausgesuchter Höflichkeit. Er war ein robuster Greis ohne jede Schwäche.