5. Der Sadismus in der Litteratur.
Der Marquis de Sade hat zahlreiche litterarische Nachahmer gefunden. Wir nennen nur die wichtigsten Schriften und Namen, diejenigen, welche einen direkten Einfluss der Lehren des Marquis de Sade deutlich erkennen lassen.
Ein Werk, welches als eine allerdings gemilderte Nachahmung der Sade’schen Schriften betrachtet werden kann und welches nach Gay „denselben Geschmack für die Vereinigung der Grausamkeit mit der Wollust“ zeigt, ist der von E. L. J. Toulotte verfasste Roman „Le Dominicain, ou les crimes de l’intolérance et les effets du célibat réligieux par T....e“ Paris 1803 chez Pigoreau (4 Bde. in 12o). Das Buch enthält mehrere Episoden aus dem Leben des „célèbre marquis“, ist sonst aber uninteressant und ohne Geschick abgefasst. Es wurde durch Urteil vom 12. Juli 1827 und von 5. April 1828 confisciert.[661]
Im Jahre 1835 hatte ein buchhändlerischer Spekulant die Idee, einen sehr schlechten Roman mit dem Titel „Justine ou les Malheurs de la vertu“ (2 Bände in 8o) schreiben zu lassen, mit einem Auszug aus der Vorrede des Marquis de Sade aus dessen echter „Justine“. Diese Erzählung, in welcher Diebe und Taugenichtse schlimmster Sorte ihre wenig erbaulichen Grundsätze verkünden, soll von einem sehr untergeordneten Autor, dem Vielschreiber Raban verfasst und von einem Verleger Bordeaux (Fr. M. J.) veröffentlicht worden sein. Das Buch wurde öffentlich angekündigt. Der Skandal war gross. Die Obrigkeit schritt ein und der Verleger wurde zu sechs Monaten Gefängnis und 2000 Francs Geldstrafe verurteilt.[662]
Ein Schriftsteller, dem die Lektüre der Sade’schen Romane direkt gefährlich geworden zu sein scheint, ist Jacques Baron Révérony de Saint-Cyr, wohl der erste sadistische Autor. Er wurde im Jahre 1767 geboren, wurde Geniecommandant, daneben ein sehr fruchtbarer Schriftsteller, Verfasser von Theaterstücken, wissenschaftlichen Werken und Romanen. Er starb im Jahre 1829 im Wahnsinn.[663] Auf ihn haben die Werke Sade’s offenbar grossen Eindruck gemacht. Denn in seinem Roman „Pauliska ou la Perversité moderne, mémoires récents d’une Polonaise“, Lemierre et chez Courcier an VI, (1798) (2 Bde. in 12o mit 2 Bildern in der Art von Chaillu) schildert er ähnliche grausame Akte aus Wollust wie der Marquis de Sade, hinter dem er aber weit zurückbleibt.[664] Nach Cohen enthalten auch die übrigen Romane dieses Autors wie „Sabina d’Herfeld, ou les Dangers de l’imagination“ Paris 1797–1798 (2 Bde. in 12o) und „La Torrent des passions, ou les Dangers de la galanterie“ Paris 1818 (2 Bde.) Schilderungen und Doctrine im Genre des Marquis de Sade[665].
„Ein anständiger Mensch hat immer einen Band des Marquis de Sade in seiner Tasche“ heisst es in einem Romane von Borel (P. Borel, Le Lycanthrope „Madame Potiphar“)[666], und ein Journalist, Capo de Feuillade schrieb, dass die „Lelia“ der George Sand ihm ähnliche Doctrinen zu lehren scheine, wie die Werke des Marquis de Sade. Proudhon nannte deswegen diese berühmte Schriftstellerin die würdige Tochter des Marquis de Sade.[667] Wie wir sahen, hat übrigens Proudhon selbst über den Diebstahl ähnliche Ansichten wie Sade entwickelt.
Der französische Sozialist Fourier entwickelt eine sadistische Theorie der Liebe. In seiner „Harmonie“ darf jede Frau gleichzeitig besitzen: einen époux, von dem sie zwei Kinder hat; einen géniteur, von dem sie ein Kind hat; einen favori, ausserdem noch beliebig viele amants, die gesetzlich keine besonderen Rechte haben. Gegen Uebervölkerung wird diese harmonische Welt durch vier organische Mittel geschützt: la régime gastrosophique, la vigueur des femmes, l’exercice intégral, und — les mœurs phanérogames![668]
Bei den modernen französischen Parnassiern, Diabolikern, Decadenten und Aestheten wimmelt es von sadistischen Naturen. Wir verweisen zum genaueren Studium dieser Poeten aller perversen Gefühle auf Nordau’s „Entartung.“[669] Wir erwähnen nur das Wichtigste.
Baudelaire ist nach Bourget „ein Wollüstling; und Vorstellungen, die bis zum Sadismus verderbt sind, erregen denselben Mann, der den erhobenen Finger seiner Madonna anbetet. Die mürrischen Trunkenheiten der gemeinen Venus, die berauschende Glut der schwarzen Venus, die kunstvollen Wonnen der erfahrenen Venus, die verbrecherischen Wagnisse der blutgierigen Venus haben ihre Erinnerungen in den durchgeistigsten seiner Gedichte gelassen. Ein übelriechender Dunst niederträchtiger Schlafzimmer entweicht seinen Gedichten“. (S. 74.) Baudelaire besingt die „geheimnisvolle Wut“ der Wollust:
Quelquefois pour apaiser
Ta rage mystérieuse,
Tu prodigues, serieuse,
La morsure et le baiser.[670]
„Les Diaboliques“, die „Teuflischen“ von Barbey d’Aurévilly sind eine Sammlung wahnwitziger Geschichten, in denen Männer und Weiber sich in der scheusslichsten Unzucht wälzen und dabei fortwährend den Teufel anrufen, ihn preisen und ihm dienen. Es lässt sich nicht leugnen, dass sadistische Ideen in diesem Buche vielfach zu Tage treten.
Echt sadistische Typen schildert Paulhan in seinem Buche „Le nouveau mysticisme“ (Paris 1891) in dem Kapitel „L’amour du mal“ (S. 57–99). Ein reicher Fabrikant beschuldigt einen jungen Mann auf Freiersfüssen fälschlich, an einer ansteckenden Krankheit zu leiden und erhält seine Behauptung „um des Vergnügens willen“ aufrecht. Ein junger Strolch geniesst die Wonne des Diebstahls so sehr, dass er ausruft: „Selbst wenn ich reich wäre, möchte ich immer stehlen.“ Viele Leute suchen den Anblick körperlicher Leiden. Paulhan meint sogar, dass „im Geiste eines Menschen unserer eigenen Zeit eine gewisse Freude daran erwacht, die Ordnung der Natur zu stören, die früher nicht mit solcher Stärke aufgetreten zu sein scheint“.[671]
Aehnliche Theorien werden in Joseph Péladan’s „Vice suprême“, dem „äussersten Laster“ entwickelt.
Die von Sade so sehr goutierte Hypochorematophilie findet sich bei dem Decadenten Maurice Barrès. Er lässt seine „kleine Prinzessin“ erzählen: „Als ich zwölf Jahre alt war, liebte ich es, wenn ich allein war, meine Schuhe und Strümpfe auszuziehen und die nackten Füsse in warmen Kot zu stecken. So verbrachte ich Stunden und das gab mir Lustschauer über den ganzen Körper“, und ähnlich wie Sade seine Helden an Personen mit leiblichen Gebrechen, wie einem Eunuchen, Zwerge und Hermaphroditen Gefallen finden lässt, wird auch Barrès von diesen Eigenschaften angezogen. Im „Garten der Berenice“ heisst es: „Als Berenice ein kleines Mädchen war, bedauerte ich in meiner Begierde, sie zu lieben, ungemein, dass sie nicht ein leibliches Gebrechen hatte.“[672]
J. K. Huysmans rollt in seinem Roman „à rebours“ das Erziehungsproblem der „Philosophie dans le Boudoir“ wieder auf. Dem Herzog des Esseintes begegnet in der Rue de Rivoli ein etwa sechzehnjähriger, bleich und verschmitzt aussehender Bursche, der eine schlechte Cigarette raucht und von ihm Feuer verlangt. Des Esseintes schenkt ihm eine duftige türkische Cigarette, führt ihn in ein Café und lässt ihm kräftige Pünsche vorsetzen. Dann führt er ihn in ein Freudenhaus, wo seine Jugend und Verwirrung die Dirnen verwundert. Während der Knabe von einem Frauenzimmer weggeschleppt wird, fragt die Wirtin des Esseintes, wie er dazu komme, diesen Knaben zu ihr zu führen. Der Decadent antwortet: „Ich suche einfach einen Mörder anzufertigen. Zunächst führe ich ihn alle vierzehn Tage hierher, und gewöhne ihn an Genüsse, zu denen er die Mittel nicht besitzt. Später wird er stehlen, um zu Dir kommen zu können. Ich hoffe, er wird auch morden. Dann wird mein Ziel erreicht sein.“ Er entlässt den Knaben mit den Worten: „So, nun gehe. Thu den Anderen, was du nicht willst, dass sie dir thun. Mit diesem Grundsatz kommst du weit.“
In Huysmans’ „Là bas“ schreibt des Esseintes eine Geschichte von Gilles de Rays, dem Massen-Lustmörder des fünfzehnten Jahrhunderts, auf den nach Nordau Moreau de Tours’ Werk über die Geschlechtsverirrungen die „im Allgemeinen zwar unwissende, aber auf dem Sondergebiete der Erotomanie sehr belesene Bande der Diaboliker aufmerksam gemacht hat, und dies giebt Huysmans Gelegenheit, mit Schweinebehagen im schauerlichsten Unrat zu wühlen und zu nüstern.“[673]
Auf einen typischen sadistischen Dichter, der Nordau anscheinend entgangen ist, hat Alcide Bonneau aufmerksam gemacht. Es ist dies Emile Chevé, der im Jahre 1882 eine Gedichtsammlung „Virilités“ veröffentlichte, in der ein Gedicht „Le Fauve“ eine glühende Verherrlichung des Marquis de Sade und des Sadismus darstellt. Wir zitieren einige der charakteristischsten Verse aus dem sehr langen Gedichte:[674]
Au fond, l’homme est un fauve. Il a l’amour du sang;
Il aime à le verser dans des luttes sauvages;
Son cœur bat et se gonfle an bruit retentissant
Des clairons précurseurs du meutre et des ravages.
Partout où le sang coule, où plane la terreur,
Où le trépas répand sa morne et sombre ivresse,
Homme, femme, chacun veut savourer l’horreur;
La brise des charniers nous flatte et nous caresse.
L’échafaud, le supplice, ont pour nous des appas
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Nous aimons la naja, le tigre, l’assassin
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Car nous aimons aussi le désespoir, les pleurs,
Le drame palpitant des angoisses secrètes,
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Un attrait monstrueux, un prurit sensuel,
Sort pour nous de la mort, du combat, du supplice.
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Oh! qu’il est dans le vrai, ce marquis, ce Satan,
Qui mariant le sang, la fange et le blasphème,
D’un Olympe de boue effroyable Titan,
Dans la férocité mit le plaisir suprême!
Marquis, ton livre est fort, et nul dans l’avenir
Ne plongera jamais aussi bas sous l’infâme;
Nul ne pourra jamais après toi réunir,
En un pareil bouquet, tous les poisons de l’âme.
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Tu brilles comme un tigre au milieu des cochons
Dans l’effrayant musée où la hideur s’étale.
Auprès de toi, Marquis, comme ils sont épiciers,
Les Piron, les Zola, dans leurs fades ébauches!
Qu’ils rampent platement sur leurs bas-fonds grossiers,
Dans l’étroit horizon de leurs maigres débauches.
Au moins, toi tu fis grand dans ton obscénité!
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L’homme est un fauve. En lui le monstre vit toujours
Utopistes niais dont la sensiblerie,
Rêve un monde baigné d’éternelles amours,
Nous n’entrerons jamais dans votre bergerie,
Car, jeune homme au cœur fier ou vieillard aux yeux doux,
Vierge dont le front pur a des reflets d’opale,
Petit enfant rieur jouant sur nos genoux,
Tout être humain en lui renferme un cannibale.
Paul Bourget lässt in seiner „Physiologie der modernen Liebe“ Claude Larcher halbträumend folgendermassen monologisieren: „Ich sehe vor mir diesen Leib, an dem ich jeden Umriss kenne, die Schultern voll und zart zugleich, den wallenden Busen, die schlanken Hüften, ganz nackt, und mich mit einem Messer, wie ich diesen Leib zerfleischte, diese Glieder mit Blut besudelte, und wie sie unter der Schärfe des Stahls erzitterten, — und ihren Schmerz... Nein, das werde ich nie thun, weil bei mir, dem Kulturmenschen in der Periode des Niederganges, die Handlung nie die Schwester der Begierde sein kann.... Himmel! wie oft habe ich mir das schon geträumt, und nichts schafft mir Linderung als dieser Traum.“[675]
Eine sadistisch veranlagte Tribade wird in der Schrift „Gamiani ou deux nuits d’excès“ geschildert, die 1836 in nur 20 Exemplaren gedruckt wurde, und 1865 in Brüssel gleichfalls in nur 75 Exemplaren nachgedruckt ward. Eins von diesen Exemplaren befindet sich im Besitze des Schriftstellers Paul Lindau, der es A. Moll zur Durchsicht liess. Dieser teilt mit, das in dem Nachdruck der Autor als A. D. M. bezeichnet wird. Es soll Alfred de Musset sein, und „man glaubt, dass Musset sich als der ehemalige Geliebte der George Sand an dieser durch die Schrift rächen wollte, indem er in der Heldin Gamiani eine Tribade wildester Art, die George Sand schilderte“.[676] Wir sahen schon oben, dass Capo de Feuillade ebenfalls die George Sand sadistischer Neigungen bezichtigte. Uebrigens wird in „Gamiani“ die Unzucht zwischen einem Weibe und einem Esel geschildert, nach dem Vorbilde von Apulejus’ „goldnem Esel“.[677]
Auch die deutsche Litteratur weist einige sadistische Specimina auf. So hat Heinrich von Kleist in seiner „Penthesilea“ ein von rasender Liebeswut ergriffenes Weib geschildert, das schliesslich ihren geliebten Achilles mit einem Pfeile erschiesst, ihn von Hunden zerreissen lässt, und
Er, in dem Purpur seines Blutes sich wälzend,
Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft:
Penthesilea! meine Braut! was thust du?
Ist dies das Rosenfest, das du versprachst?
Doch sie —
Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reissend,
Den Zahn schlägt sie in seine weisse Brust,
Sie und die Hunde, die wetteifernden,
Oxus und Sphinx den Zahn in seine rechte,
In seine linke sie; als ich erschien,
Treff Blut von Mund und Händen ihr herab.[678]
Ein deutscher Roman, in dem der Marquis de Sade sehr häufig erwähnt wird, und sadistische Akte eine grosse Rolle spielen, ist das berüchtigte Buch „Aus den Memoiren einer Sängerin“ Boston, Reginald Chesterfield (Altona 1862 kl. 8o 2 Bände und neuere Ausgabe Budapest, Jac. Casanova). Es soll dies eine Autobiographie der berühmten Sängerin Wilhelmine Schröder-Devrient (1804–1860) sein. Der Roman schildert in Briefen an einen Arzt die Fortschritte, welche die Sängerin in der Ars amandi macht. Die „Justine“ des Marquis de Sade hat besonders den zweiten Band des Werkes beeinflusst, aus dem wir daher das in dieser Richtung Wichtigste mitteilen. In Budapest lernt die Schröder-Devrient eine gewisse Anna kennen, eine Demimondaine und genaue Kennerin der seit langer Zeit berüchtigten Corruption in der ungarischen Hauptstadt. Sie fragt Anna nach ihrer Ansicht über die „Justine“, die sie in Frankfurt am Main gekauft habe, von der sie aber mehr abgestossen als angezogen werde. Anna giebt ihr darauf den Rat, einmal der Auspeitschung einer Diebin beizuwohnen. Dies bereitet der Sängerin einen grossen Genuss, und das Opfer, die Diebin Rosa wird nach der Execution von den Beiden zu einer Orgie mitgenommen, bei der unsere Heldin in Liebe zu ihr entbrennt. „Es war eine so ausschliesslich reine Liebe, dass mich alle anderen Weiber anekelten und die Männer noch viel mehr.“ (Bd. II, S. 84.) Sie nimmt Rosa in Dienst und präpariert sie im Kaiserbade für den amor lesbicus. Der Gedanke an die künstliche Defloration von Rosa bereitet ihr schon im voraus eine unendliche Wonne, und am selben Abend vollzieht sie diesen Akt in Gesellschaft ihrer Freundinnen Anna und Nina mit einem „doppelten“ künstlichen Phallus, während Anna nach der Operation „das Jungfernblut aufleckte.“ Nunmehr besuchen sie die berühmtesten Budapester Bordelle. In dem Freudenhaus der Resi Luft feiern sie mit Damen und Herren der vornehmen Budapester Gesellschaft eine grosse Orgie, bei der alle Anwesenden maskiert, aber sonst nackt erscheinen, und deren Einzelheiten zum grossen Teil der „Justine“ des Marquis de Sade entnommen werden. Die Schröder-Devrient lernt hier einen gewissen Ferry kennen, der die arme Rosa aufs neue defloriert, und die Sängerin den paederastischen Ausschweifungen einer Räuberbande im Walde beiwohnen lässt, bei denen er selbst den „Voyeur“ spielt. Die Schröder-Devrient kommt darauf in Begleitung von Rosa nach Florenz, wo sie einen 59jährigen englischen Wüstling Sir Ethelred Merwyn, kennen lernt, der sie über alle sexuellen Laster in Italien unterrichtet und sie in Rom nach der Hinrichtung einer Frau und eines Mannes in eine Kirche führt, wo eine unglaubliche Orgie zwischen Priestern, Nonnen, Knaben und verschiedenen Tieren stattfindet, bei welcher die Körper der beiden Hingerichteten geschändet werden. Hier ist das Vorbild der „Juliette“ deutlich erkennbar. Offenbar beruhen aber auch diese Memoiren zum Teil auf persönlichen Beobachtungen, wie die Schilderungen aus Paris und London beweisen. Die Pariser Halbwelt und besonders die Laufbahn einer gewissen Camilla wird ausführlich geschildert und zahlreicher sadistischer Verbrechen Erwähnung gethan. Darauf reist sie mit dem Sänger Sarolta nach London, wo sie drei Jahre lang bleibt. Sie besucht eine Frau Meredyth, eine reiche Lebedame, die sie mit allen öffentlichen und geheimen Freuden Londons bekannt macht, sie nach Vauxhall Gardens, in den Piccadilly Saloon, ins Holborn Casino, in die Portland Rooms führt. Dann suchen sie als Prostituierte in den Strassen Abenteuer. Trotzdem schlägt die Sängerin die verlockendsten Anerbietungen des englischen Adels aus und bleibt ihrer geliebten Rosa treu. Hier endet die Erzählung. — Der Einfluss Sade’s ist unverkennbar, sowohl in der Schilderung der Persönlichkeiten als des Inhaltes. Auch Unwahrscheinlichkeiten und Uebertreibungen wie bei Sade kommen vor. So z. B. hält sich in London im Garten der Mrs. Meredyth eine Gesellschaft von Frauen drei Tage lang nackt auf! Und das im englischen Klima! „Justine“ wird oft erwähnt.[679] Im ersten Bande (S. 177) spricht die Sängerin von den „Denkwürdigkeiten des Herrn von H...“, von dem „Portier des Chartreux“, „Faublas“, „Félicia“ u. a. als von „wahrem Gift für unverheiratete Frauen“, wobei sie ihr eigenes Buch auszunehmen scheint.
In Sacher-Masoch’s „schwarzer Czarin“ ist Narda eine Sadistin. Aber neben Narda stellt Sacher-Masoch eine Afrikanerin, die dieselbe noch an Wollust und Grausamkeit übertrifft, „ein Weib wie aus Ebenholz geschnitzt, berauschend in dem schwarzen Glanze ihres bacchantischen Leibes, in dem grausamen Lachen des Tigerkopfes, in dem mordlustigen Funkeln ihrer wollüstigen Augen.“ Auf Narda’s Frage, weshalb sie einen Menschen getötet habe, antwortet sie beinahe stolz: „Aus Mordlust! — Lass mich sterben, ich kann nicht leben, wenn ich Niemanden töten soll. Mein Herz verlangt nach Blut, wie das Eure nach Küssen.“[680]
Eulenburg zitiert den modernen Dichter Detlev von Liliencron, der „die im Liebeskampf sich gewaltsam vollziehende körperlich-seelische Entladung“ in folgenden Versen schildert:
Wollen zwei Panther sich rasend zerreissen,
Feuer und Flammen entlodern der Haft,
Ringen und Raufen und Balgen und Beissen,
Sinkende Wimpern, entstürzende Kraft.[681]
Auch in Kretzers Roman „Drei Weiber“, in Karl Bleibtreu’s Novellen „Schlechte Gesellschaft“, in M. G. Conrad’s „Die klugen Jungfrauen“ werden sadistische Typen und Szenen geschildert. Vielfach werden im modernen sogenannten „naturalistischen“ (sit venia verbo!) Roman die „Sodomie, Paederastie, lesbische Liebe, Notzucht, Blutschande, Ehebruch studiert, pragmatisiert, auf unglückselige Vererbung, falsche Erziehung, überreizte Nerven zurückgeführt und — verteidigt.“[682]
Dass einzelne Doctrinen des Marquis de Sade sich bei neueren deutschen Philosophen, sogar noch potenziert, wiederfinden, wie z. B. bei Stirner und Nietzsche, ist ja bekannt.
Von Nietzsche, diesem vielvergötterten dreimal Weisen, seien nur die folgenden bezeichnenden Aphorismen zitiert: Wink. — Aus alten florentinischen Novellen, überdies — aus dem Leben. buona femmina e mala femmina vuol bastone. (Sachhetti Nov. 86[683]) und: Ueber allen Gesetzen — Was aus Liebe gethan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.[684] Auf Nietzsche’s allmählich schon zum Ueberdruss werdende „Herrenmoral“ und seinen köstlichen „Uebermenschen“ näher einzugehen, halten wir für überflüssig und teilen damit die Ansichten der übrigen „Bildungsphilister“.
Ein noch grösserer Sophist als der Marquis de Sade und Nietzsche ist Max Stirner, der leider die dialektische Methode für seine geistigen Salti morali missbrauchte. Dieser Weisheitsjongleur betet das Ich auf eine geradezu ungeheuerliche Weise an. Er schreibt es stets gross, um seine Ehrfurcht vor dieser Majestät gehörig auszudrücken. „Ob, was Ich denke und thue christlich sei, was kümmert’s Mich? ob es menschlich, liberal, human, ob es unmenschlich, illiberal, inhuman, was frag’ Ich danach? Wenn es nur bezweckt, was Ich will, wenn Ich nur Mich darin befriedige, dann belegt es mit Praedikaten wie Ihr wollt: es gilt Mir gleich.“ — „Es giebt keinen Sünder und keinen sündigen Egoismus! — Wir sind allzumal vollkommen, und auf der ganzen Erde ist nicht Ein Mensch, der ein Sünder wäre!“ — „Eigner bin Ich Meiner Gewalt, und Ich bin es dann, wenn Ich Mich als Einzigen weiss. Im Einzigen kehrt selbst der Eigene in sein schöpferisches Nichts zurück, aus welchem er geboren wird. Jedes höhere Wesen über Mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das Gefühl Meiner Einzigkeit und erbleicht erst vor der Sonne dieses Bewusstseins. Stell’ Ich auf Mich, den Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf dem vergänglichen, dem sterblichen Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt, und Ich darf sagen:
Ich hab’ mein Sach’ auf Nichts gestellt.“[685]
Die Sittlichkeit ist bei solchen Ansichten eine fixe Idee, ein „Sparren“, mit dem die Menschen behaftet sind. Die Ehe ist ein Nonsens, die Keuschheit ist ganz besonders eine fixe Idee, und selbst die Blutschande ist nichts anderes. „O Laïs, o Ninon, wie that Ihr wohl, diese bleiche Tugend zu verschmähen. Eine freie Grisette gegen Tausend in der Tugend grau gewordene Jungfern.“ Der Mord ist für Stirner ebenfalls ein Nichts. „Ich aber bin durch Mich berechtigt zu morden, wenn Ich mir’s selbst nicht verbiete, wenn ich selbst Mich nicht vor dem Morde als vor einem ‚Unrecht‘ fürchte.“
Schon H. Ströbel hat hervorgehoben, dass Stirner’s Theorie des Egoismus nicht neu sei und an die Ideen der Aufklärungsphilosophen Holbach, La Mettrie und Helvetius erinnere.[686] Wir können uns dem Gedanken nicht verschliessen, dass Stirner auch die Schriften des Marquis de Sade gekannt hat. Denn weder Holbach noch La Mettrie und Helvetius verteidigen Blutschande und Mord. Das sind echt sadische Gedanken.