6. Das Mysterium des Lasters.
Delbène sagt: Die Laster darf man nicht unterdrücken, da sie das einzige Glück unseres Lebens sind (Juliette I, 25). Man muss sie nur mit einem solchen Mysterium umgeben, dass man niemals ertappt wird. Dieses Mysterium ist zugleich ein besonderer Reiz. Juliette wundert sich über das Schweigen und die Ruhe bei der grossen Orgie in der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ und zieht daraus den Schluss, dass der Mensch nichts in der Welt so sehr achte, wie seine Leidenschaften. (Jul. III, 53.) Darum finden alle Orgien an dunklen, abgelegenen Orten statt, in einsamen Schlössern, in Höhlen, unterirdischen Gewölben, im Walde, im Gebirge, am und auf dem Meere, in Folterkammern und Hinrichtungssälen. Daher wird der Anthropophage Minski zum „Einsiedler der Apenninen“, der in einem wohlbefestigten Hause auf der Insel eines Teiches lebt (Juliette III, 313). Für Dolmancé giebt es gewisse Dinge, die „absolut des Schleiers bedürfen“ und die er selbst vor den Augen der würdigen Madame St.-Ange verbirgt (Philosophie dans le Boudoir II, 153).