Aquileja.

Eines Tages im Jahr 182 v. Chr. standen die Väter zu Rom früher auf, als sie sonst zu tun pflegten; denn der Fall war ernst: Die Kelten und Illyrier, die bislang in den julischen Bergen und Wäldern gesessen, zeigten Lust, sich in den venetianischen Gefilden längs der Adria niederzulassen.

Das war die Sorge der Väter zu Rom.

Sie schickten drei angesehene Männer mit einigen Priestern in den italienischen Osten, und als diese an jenen flachen Strand und Winkel kamen, wo – um mit den jetzigen Namen zu reden – der triestinische aus dem venetianischen Golfe tritt, pflügten sie mit einem Ochsen auf einer breiten Landwelle, etwas abseits vom Meer, ein Viereck aus, das ein Quadrat sein sollte und eins war. Da trat P. Scipio Nasica, einer der drei Abgesandten, in das Pseudoquadrat, erklärte ernst und feierlich: »Hieher kommt eine Stadt!« Die Priester fielen mit heiligen Messern über die Opfertiere her, spritzten das warme, rieselnde Blut auf den umgepflügten Grund, weissagten aus den Eingeweiden, reckten die Hände empor und flehten von den unsterblichen Göttern Gedeihen herab auf die Stadt. Da flog ein Storch, der in den Meerbinsen gefischt, über die Gegend, und sein Schatten fiel auf die Priester. Das war nicht gut; denn Störche haben später die Stadt verraten. Sie hieß Aquileja!

Dreitausend Kolonisten bebauten den ager colonicus um sie her; die Kelten und Illyrier sahen aus achtungsvoller Entfernung zu und in langer Friedenszeit gedieh die Stadt herrlich empor. Als Augustulus seine ganze Herrscherhuld auf das blühende Gemeinwesen ausgoß, als er an das alte Aquileja ein neues, prächtiges fügte, in dessen Kranz stolzer Monumentalbauten der stolzeste Palast sein eigener war, den er mit der schönen Livia bewohnte, da war der Stadt ein liebliches Los gefallen.

Großartige Bauten schmückten sie, und ein reiches Bürgergeschlecht erging sich in der Kühle aufrauschender Brunnen oder im Anblick reizender Marmorbilder, die auf Kapitol und Forum standen. In schimmernden Tempelhallen wachten die vestalischen Jungfrauen am ewigen Feuer, opferte das Volk dem Jupiter tonans und Ceres, der gütigen Göttin; das höchste Ansehen aber genoß Apollo Belenus, der gewaltige Sonnengott, dem die Stadt gewidmet war. Mit hochragenden Standarten zogen im Jubel der Fanfaren Kohorten und Legionen aus den weitläufigen Kasernen nach den fernen, nordischen Standquartieren oder schifften sich auf der Flotte, deren Mastenwerk vom Meer zur Stadt herübergrüßte, nach dem blühenden Osten ein; denn Aquileja war vor allem eine Militärstadt, ein mit Mauern und Türmen befestigtes Bollwerk und Ausfalltor gegen die im Osten und Norden drohenden Barbaren, ein Schlüssel des römischen Reichs.

Hinter den siegreichen, römischen Legionen her zogen die Kaufmannskarawanen, zwar nicht der Römer – denn diese hielten bekanntermaßen den Handel unter ihrer Würde – aber diejenigen unternehmender Griechen und Orientalen, die in Aquileja ihre Niederlagen hatten, und dem Norden Europas die Erzeugnisse des Morgenlandes vermittelten. So war Aquileja im Altertum die Königin der Adria, eine Metropole des Welthandels, wie es ihr Kind, das prunkende Venedig, im Mittelalter wurde. An ihrem Strand entfaltete sich der Schiffsbau, in ihren Mauern die Waffenfabrikation, die Leinen- und Wollindustrie, die Purpurfärberei, welche die Gewänder der Könige und Kaiser lieferte, die Glasfabrikation und die mannigfaltigen Zweige des antiken Kunstgewerbes.

Als Aquileja unter den Kaisern Trajan und Hadrian den Zenith seiner Machtfülle erreichte, war es eine der neun größten Städte des Römerreichs und unter den neun – die Hauptstadt ausgenommen – die reichste, so daß die Dichter und Schriftsteller jener Zeit mit den Ausdrücken höchster Bewunderung von ihrer Schönheit reden. Da soll es gegen eine halbe Million Einwohner gezählt und die aus dem Grün der Laubkronen schimmernden Villen der Vornehmen es stundenweit umgeben haben.

Die nationale Toga der Römer und die Palla der Römerin trat in dem antiken Emporium der Adria vor der Menge fremdländischer Trachten zurück; denn alle reichen Grundeigentümer und Kaufleute aus Kleinasien und Nordafrika strömten nach der Eroberung jener Länder durch die Römer nach Aquileja. Denkt man sich nun die Kontingente germanischer, gallischer und illyrischer Soldaten dazu, die sich durch den prunkenden Adel, die geschäftige Handelswelt und das Proletariat bewegten, so haben wir ein anziehendes Bild seines Menschengemenges, das von allen Enden der damaligen Welt zusammengewürfelt war. Jeder fand in Aquileja seine Rechnung, der Marktschreier und der Müßiggänger, der Schauspieler und der Gladiator, der Lustigmacher und der Schmarotzer, und der heitere Epikuräismus der Kaiserzeit bot in Theater, Amphitheater und Zirkus den raffiniertesten sinnlichen Genuß, in marmornen Bädern die Liebe und in kühlen, rebenumgrünten Tabernen den Wein.

Allein an Zeitläufen, wo die Bacchanalien und die laute Freude eines in seinem Reichtum schwelgenden Volkes im Ernst der Ereignisse unterging, hat es auch in Aquileja nicht gefehlt. Wenn es auch in den ersten drei Jahrhunderten seines Bestehens das Glück eines steten, tiefen Friedens genoß, so ist doch außer Rom keine Stadt so oft durch Krieg, Plünderung, Raub und Mord heimgesucht worden wie Aquileja, die östliche Feste des Reichs.

Zum erstenmal wurde es im Jahr 172 von den Markomannen und Quaden bedroht, deren Macht sich indessen wirkungslos an der Festigkeit seiner Mauern brach. Im Jahr 237 erfuhr es durch den Tribun Maximinus eine Belagerung großen Stils. Er war wegen seiner Härte und Grausamkeit vom römischen Volke als Kaiser abgelehnt worden und umzingelte nun die Stadt in wildem Ingrimm mit einem furchtbaren Heer. Sie ging siegreich und mit dem Ruhm einer Retterin Italiens aus dieser Prüfung hervor. Vom Jahr 340, wo sie im Kriege, den die Söhne Constantius des Großen gegeneinander führten, eine Belagerung glücklich bestand, folgten sich die Umzingelungen fast Schlag auf Schlag. Schon 361 lag Julianus, der Apostat, der sich gegen Constantius empört, mit einem Heer vor ihren Mauern, 383 und 384 kämpfte Theodosius auf ihrem ager colonicus seine Kriege gegen K. Maximus und den Usurpator Johannes, im Jahr 400 wurde sie von Alarich, 406 von Radagais, 408 von den Vandalen geplündert.

Wohl waren das herbe Prüfungen für den Wohlstand Aquilejas; aber seine Fundamente erschütterten sie nicht, und der aquilejensische Adler stieg immer wieder kraftvoll aus den Schreckensjahren auf.

Da kam – fast wie ein Blitz aus heiterm Himmel – sein Untergang. Es war im Sommer des Jahres 452, als Attila »Godegisel« aus Pannonien her seine Hunnenhorden gegen Aquileja wälzte. Es fand unter seinem tapfern Oberbefehlshaber Cajus Menapius kaum Zeit, seine Festungswerke auszubessern, und das Landvolk der Umgebung floh entsetzt ins Gebirge und auf die nahen Lagunen. Drei Monate dauerte die Belagerung, ohne daß für die Belagerer ein Erfolg abzusehen war.

»Da wurden die Hunnen sturmmüd und wollten endlich fort,
Doch Attila, ihr König, ritt um die Mauern dort. –
Da rief er seinem Heere: Schaut zu den Giebeln dort,
Von allen Genisten ziehen die weißen Störche fort.
Sie wissen, wie bald in Flammen hinuntersinkt die Stadt,
Drum auf zum neuen Sturme, wer Händ' und Füße hat.
Da flogen die Feuerpfeile, da rannten die Widder an.
Und von den Mauern stürzten die Trümmer nicht dann und wann,
Nein, immer! Vom Hunnensturme wankte die ganze Stadt
Als wie ein Schiff im Meere, das keine Segel hat.
Aquileja, Aquileja wurde so berannt,
Daß man nichts als die Stätte und nicht die Stätte fand!«

A. Kopisch.

Die frische, tauige Morgenfrühe, die schönste Tagesstunde des sonnenreichen Südens, lag über den unabsehbar weiten Campagnen des Friauls, und die Laubkronen nah und fern wogten, ein Meer von Grün, im leichten Wind. Wiehernd holten die beiden feurigen Pferde aus; wir flogen leicht und rasch, eine kleine Gesellschaft, dem großen Römerkirchhof Aquileja entgegen, wo die gewaltige Stadt mit ihren sechs Jahrhunderten römischen Kulturlebens, ihr reiches, übermütiges Volk ohne Zukunft und ohne Auferstehung verscharrt im Sand der Tiefebene liegt.

Man berechnet den Weg von Monfalcone nach Aquileja zu vier bis fünf Gehstunden; unsere Pferde legten ihn in der halben Zeit zurück.

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus; die Nähe einer großen Stadt fühlt der Wanderer, lange ehe er ihre Türme und Kuppeln sieht; daß aber auch eine tote, verscharrte fast anderthalb Jahrtausende nach ihrem Untergang noch mit den letzten Resten alter Lebensfasern stundenweit über ihr ehemaliges Weichbild hinausgreifen würde, hätte ich nicht gedacht.

Allein sobald man jenseits des Isonzo kommt, spürt man die Nähe Aquilejas deutlich. Sowohl in den schattigen Parks einiger Villenpaläste als an den halbzerfallenen Pächterhütten, die an der Straße stehen, begegnet der Blick den seltsamen Fundstücken aus der römischen Stadt. Basaltsäulen stehen an monumentalen Toreingängen, zierliche Aschenkrüge in den Rosenbeeten; nickende Faune und weibliche Götterbilder an den Parkwegen, Tritonen und Nimphenstatuen an den Teichen. Marmorfriese sind als Schmuck in die Mauern der Colonenhütten eingelassen; Inschriftenblöcke liegen als Ruhebänke neben den Türen, Grabvasen, die vielleicht einst den Staub einer edeln Römerin geborgen, sind zu Futterbecken des Geflügels geworden; überall begegnet man jenen roten tönernen Urnen, die auf dem ehemaligen Grund der Stadt zu Tausenden und Tausenden gefunden werden.

Man kann dem römischen Altertum keine größere Ehrerbietung erweisen, als diejenige, daß man mit seinen Reliquien den Palast und die Hütte der Gegenwart schmückt.

Immer mächtiger steigt der herrliche Campanile von Aquileja aus grüner Flur, und immer gewaltiger löst er sich aus der Bläue des südlichen Horizonts. Wir sind in Fiumecello, fünf Minuten später in Monastero, im Bereich des alten Aquileja!

Halten muß hier Roß und Rad; nicht bloß deswegen weil Monastero eine der ausgiebigsten Fundstätten römischer Altertümer ist und nicht deswegen, weil hier das Vollendetste, was das römische Aquileja an Architektur besaß, das Hadrianeum stand, sondern weil Monastero ein Landgut ist, wie es im Friaul nicht zweie gibt, eine agrikolare Musteranstalt des neunzehnten Jahrhunderts auf dem klassischen Boden des Altertums. Es gehört den Herren von Ritter, den Fabrikanten in Görz.

Schon der weite Hofraum des reichen Herrensitzes ist nicht ganz gewöhnlich, denn längs des Wohnhauses wie der Ökonomiegebäude, die ihn einrahmen, ist eine antiquarische Ausstellung, hinter der manches große, nordische Museum zurückbleibt. Sie enthält zwar nur die rudimentärsten der Fundstücke von Monastero: zerbrochene Säulenstümpfe, jonische, dorische, etruskische und korinthische Kapitäle, Inschriftenblöcke, Sarkophage, Urnen und Marmortorsen. Das Beste der aus dem Grund von Monastero aufgepflügten Reste, die herrliche von Rittersche Sammlung, ist leihweise an das Museum zu Aquileja übergegangen.

Ein Aufseher des Landgutes hatte die Freundlichkeit, uns die andere ebenso große Sehenswürdigkeit der Villeggiatur – ihre Ställe – zu zeigen.

Ein Viehstall in Monastero ist gegen viele tausend menschliche Wohnungen im Friaul ein Palast, und wären nicht die schönen Tiere, deren zu einem Hundert dort stehen, der Hauptschmuck der hallenartigen Gebäude, dann würde es ihre Reinlichkeit sein.

Besonders hübsch ist der Kuhstall, wo das Vieh in zwei Reihen die breitgestirnten Köpfe gegen einander kehrt. Man sieht im Berneroberland keine schönern Tiere, als wenn man auf einer bequemen Rampe längs der prachtvoll gehörnten Köpfe des hellfarbigen Ungarviehs oder der gefleckten Emmentalerkühe dahinwandert. Hinter jedem der Tiere hängt eine Tafel an der Wand, aus der nicht nur der Zivilstand desselben, sondern auch der tägliche Milchertrag notiert ist. Sinkt bei einem Tier der letztere unter ein gewisses Minimum, dann ist's seinem Los verfallen; es wandert hinüber in den Schlachtviehstall, wo bereits eine stattliche Schar schwerster Mastochsen und rundlicher Kühe sich behaglich den Tod anfüttern.

Ein flüchtiger Blick noch in den Pferdestall, wo neben den großknochigen Ackertieren die edelsten Ganzhufer des Friauls stehen, schlanke, feurige Tiere; ein Blick noch in die dem Landgut zugehörende Mühle, wo eintönig die Reisstampfen klopfen – und fort geht's von Monastero.

Aquileja, das moderne Aquileja ist nah, und neben dem Campanile wächst bereits der ehrwürdige Patriarchendom aus der Campagna. Da fahren wir, da sind wir, allein das Aquileja unserer Tage, das ungefähr 1750 Einwohner zählt, hat vor jedem andern furlanischen Nest nichts voraus als seinen herrlichen Dom und daß es ungefähr den Ort bezeichnet, wo die marmorschimmernde, römische Stadt gestanden, von welcher der Dichter Aug. Kopisch in seinen wuchtigen, knorrigen Nibelungenversen so treffend sagt,

»Man nichts als die Stätte und nicht die Stätte –«

findet.

Es ist poetisch schwungvoll, daß er diese Tatsache in unmittelbare Beziehung zum Hunnensturme setzt; allein die Geschichte ist grausamer als die Dichtung. Wohl hat jene entsetzliche Zerstörung, in der 37 000 Menschen das Leben verloren, jener langandauernde, an den Untergang Karthagos erinnernde Brand, dem Attila vom Kastellhügel zu Udine bewundernd zugesehen haben soll, das römische Aquileja tödlich getroffen. Allein eine so gewaltige Stadt stirbt auch im wildesten Völkertumult nicht auf einen Schlag und der Todeskampf der altadriatischen Königin hat Jahrhunderte, hat ein Jahrtausend gedauert; ja sie hat – der ehrwürdige Dom ist das beredteste Zeugnis dafür – eine Periode gezeitigt, die einem halben Wiederaufleben glich.

Der Fall Aquilejas war eine Katastrophe. Sie kam und war zu Ende. Als die Trümmer der unglücklichen Stadt noch rauchten, wälzten sich die asiatischen Horden bereits von dannen; auf den Lagunen des venetianischen Südens aber lebten noch Tausende ehemaliger Bewohner, Frauen, Kinder und Priester und wohl auch noch beträchtliche Scharen wehrhafter Männer, die sich im allgemeinen Sturm zum rettenden Meere durchgeschlagen hatten.

Als nach Tagen, Wochen, Monaten des Zitterns und Zagens und des allgemeinen Schreckens wieder etwas vom alten Lebensmut in die auf den Inseln zerstreuten Aquilejenserhaufen kam, Trüpplein um Trüpplein sich wieder aufs Festland hinüberwagte, da mag sich auf den Trümmern der alten, schönen Heimat manch eine rührende Wiedersehensszene, wo Totgeglaubte auferstanden, zugetragen haben.

In diese furchtbar ernsten Tage der Sammlung hat der Humor der Geschichte eines seiner heitersten Stücklein geflochten, die Erzählung von den ungetreuen Frauen Aquilejas, die, ihre Männer erschlagen wähnend, so rasch eine zweite Ehe eingingen, daß manche der Aquilejenser bei ihrer Rückkehr die Frauen im Haus eines neuen Gatten fanden. Die Verzweiflung war groß, denn die Treulosen weigerten sich, ihre erste Ehe zu Recht zu erkennen. Da wandten sich die Männer an den heiligen Vater zu Rom, und kraft seines Amtes zu binden und zu lösen, erklärte er die zweite Ehe der aquilejensischen Frauen für nichtig.

Langsam bevölkerte sich Aquileja wieder und ein halbes Jahrhundert nach seinem Fall fristete es wieder ein ziemlich behagliches Dasein. Noch ein halb Jahrhundert später wurde es unter Narses, dem griechischen Reichsvikar, wieder eine Festung, über die, ehe das erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung voll wurde, wieder ein Dutzend Plünderungen ergingen.

Allein weder die Hunnen, noch die Germanen und Slaven, welche es später bedrängten, waren die grausamsten Feinde der zwischen Leben und Tod ringenden Stadt. Das war das werdende Venedig!

In jenen Zeiten unmittelbar nach dem Untergang Aquilejas, wo der Völkersturm in den wildesten Stößen von den Alpen zum Meer niederbrauste, wagte es nur ein kleinerer Teil der Lagunenflüchtlinge dauernd in die Stadt zurückzukehren. Die meisten blieben auf der südvenetischen Inselgruppe und gründeten hier eine Reihe kleiner, demokratischer Gemeinwesen. Unter diesen erwies sich dasjenige auf den drei größten Inseln, dem Rialto, Malamocco und Torcello, besonders lebenskräftig. Aus ihm entstand im Anfang des neunten Jahrhunderts Venedig, die Tochter Aquilejas.

Diese Tochter, die nachmals im Schmuck ihrer Paläste so wunderherrlich prangte, hat ihre Mutter bei noch halblebendigem Leibe beerbt und ist zur Hyäne des Schlachtfeldes von Aquileja geworden!

Zwar hatten schon nach dem Untergang der Stadt die Lagunenbewohner angefangen, mit ihren Barken die kostbaren architektonischen Reste nach den neuen Niederlassungen überzuführen; aber erst die Dogenresidenz, die hartherzige, eigensüchtige wagte es so recht, Hand an die Mutterstadt zu legen, sie im vollsten Sinn des Worts als Steinbruch für ihre Markuskirche, für alle jene Bauten, mit denen Venedig heut noch den Fremden entzückt, auszubeuten. Damit hatte sie das böse Beispiel für alle Städte im venetischen Land gegeben, so daß der heilige Paulin in einem lateinischen Liede klagt, Aquileja werde in alle umgebenden Länder verkauft; selbst die Toten hätten nicht Ruhe und würden ausgeworfen wegen des Schachers mit Marmor.

Dadurch ist es begreiflich, daß von dem ganzen großen, marmorprunkenden Aquileja kein Turm und kein Tor, von seinen Amphitheatern, Theatern, Tempeln und Villen auch nicht eine Ruine auf uns gekommen, kein Stein auf dem andern geblieben ist und daß dasjenige, was man über die Topographie des alten Aquileja Sicheres weiß, verschwindet vor den weiten Gebieten, über welche die Vermutung und die Phantasie ihre Flügel schlägt.

Obgleich sich schon vierzehn Jahrhunderte in den Gräberraub von Aquileja teilen, ist die Stätte noch nicht erschöpft. Manches haben die ehemaligen Bewohner vor dem Zusammenbruch der Stadt, manches hat die Natur selbst in furchtbaren Überschwemmungskatastrophen in den Schoß der Erde geborgen, und nur zögernd aufersteht vor dem Stoße der Pflugschar die Antike.

Allein sie aufersteht! Die Obelisken mit ihren ägyptischen Hieroglyphen, die riesenhaften Götter- und Kaiserstatuen, die Säulen aus parischem und numidischem Marmor richten sich wieder auf; aus den bildgezierten Sarkophagen stäubt die Asche in die Luft; die Mosaikböden glänzen wieder im Schmuck ihrer farbigen Steine; aus den Topfscherben rollen die Münzen mit ihren Kaiserbildnissen; das Kind des furlanischen Bauers spielt arglos mit den Geheimnissen des antiken Frauengemachs, oder schmückt sich einen Augenblick mit dem silbernen oder goldenen Geschmeid der Römerin.

Aquileja ist ein anderes Pompeji, nur mit dem Unterschied, daß hier systematische Grabungen erst sehr spät gemacht worden sind, daß es meist dem Zufall und dem aquilejensischen Bauer vorbehalten blieb, die Steine, »welche redend zeugen«, aus dem Schutt der Jahrhunderte zu ziehen.

Manche der Funde verdankt man wohl der anmutigen Sage vom pozzo d'oro, dem Goldbrunnen.

»Lange bevor Aquileja unterging«, – so lebt sich im Friaul die Erzählung fort, – »haben gottbegnadete Seher die Zerstörung der Stadt in ihren Weisssagungen verkündet. Da ließen die Väter der Stadt, die Wucht des Schicksals zu mildern, einen ungemein tiefen, verschließbaren Brunnen bauen. Sie bestellten zwei ihrer Angesehensten zu Schlüßlern desselben und verordneten, daß jeder Bürger Aquilejas von seinem Reichtum einen Teil in die Tiefe des Schachtes werfe, damit dereinst, wenn das Verhängnis hereinbreche, ein Fonds zum Wiederaufbau der Stadt vorhanden sei. In edelm Wetteifer gaben die Einwohner ihr Bestes hin, was sie zu Hause an Edelsteinen und Perlen, an Gold und Silber besaßen, um den Schatz im Goldbrunnen zu mehren. Glückliche Eltern brachten bei der Geburt eines Knaben ihre Weihegeschenke; liebende Paare widmeten, ehe sie vor den Altar traten, die Geschmeide ihrer Jugendzeit, Gewissensbeladene schenkten reiche Sühnopfer, Sterbende einen Teil ihres Vermögens der Brunnenstiftung. So häufte sich im Schacht ein unermeßlicher Reichtum, der zum Bau eines neuen herrlichen Aquileja vollauf genügt hätte. Im Vertrauen darauf sahen die Bürger dem lang dräuenden Verhängnis ruhiger entgegen. Allein als dieses kam, da wurden die Schlüßler von den stürzenden Stadtmauern erschlagen und die Stadt so verwüstet, daß selbst die Überlebenden die Stelle, wo der Goldbrunnen gewesen, nicht mehr erkannten. Darum konnte Aquileja nicht wieder aufgebaut werden. Der Brunnen ist verschollen; noch niemand hat ihn entdeckt.«

So sehr hat sich diese Sage ins furlanische Volk eingelebt, daß die Grundbesitzer in der Gegend von Aquileja bis in die neueste Zeit hinein es nie unterließen, sich beim Verkauf eines Landstückes durch die Klausel des pozzo d'oro das Anrecht auf den Schatz im Goldbrunnen zu sichern, wenn dieser zufällig im veräußerten Grunde entdeckt werden sollte.

Wie über den Ausgrabungen, so hat auch über dem Schicksal der Fundgegenstände der Zufall, fast möchte ich sagen der gleiche Fluch gewaltet, der im Mittelalter die oberirdischen Baudenkmäler Aquilejas in alle vier Winde verschleuderte. Wollte man zu einigen der Statuen, deren Torsen in Aquileja liegen, die ergänzenden Glieder zusammenbringen, so müßte man den einen Arm im Mauerwerk einer furlanischen Hütte, den andern in einem Palaste Venedigs, die Hand in der Raritätenkammer eines englischen Schlosses, den Fuß in irgend einer archäologischen Sammlung Frankreichs suchen, während die übrigen Reste selbst in ihren kleinsten Teilen nirgends mehr zu finden wären, da sie zu Mörtelkalk verbrannt worden sind. Wie reich aber auch jetzt noch die Funde in Aquileja sind, mag die eine Tatsache verdeutlichen, daß Kenner einzig die Anzahl der geschnittenen Edelsteine, die im Laufe des 19. Jahrhunderts dort gefunden wurden, auf zehntausend Stücke schätzen, daß jetzt noch Jahr für Jahr zwanzig und mehr Inschriftentafeln, Hunderte von Graburnen und Glasgefäßen, Kannen, kleine Bronzen, Bein- und Bernsteinfiguren, Terracottasächelchen und ganze Reihen von Skulpturen ohne systematische Nachgrabungen aus der Erde gehoben werden und daß der Fremde sich jetzt noch für wenige Gulden eine hübsche Sammlung antiker Münzen, Bronzen und Töpferprodukte erwerben kann.

Der erste Sammler aquilejensischer Altertümer war Joh. Dom. Bertoli, der im letzten Viertel des 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Domherr zu Aquileja lebte. Seither hat es immer einsichtige Privaten gegeben, welche die ausgegrabenen Marmorbilder, wenn es möglich war, ihrem gewöhnlichen Schicksal, zu Mauersteinen zerschlagen oder zu Kalk verbrannt zu werden, entzogen.

Immer war die Möglichkeit nicht da. Kein moderner Palast ist aus kostbarerem Material gebaut als manche der elenden Pächterhütten in Aquileja; allein weitaus das grellste Bild aus dem Kapitel bäuerlicher Barbarei ist der Stall eines Signore Moschettini. Ein solcher steht wohl in der ganzen, weiten Welt nicht mehr, und an Originalität kann sich kein Antikenmuseum der Erde mit ihm messen.

Seine Mauern samt und sonders sind aus einem Trümmerchaos von Statuen, Säulen, Gedenk- und Inschriftentafeln, Sarkophagen und Mosaikböden aufgebaut. Götterköpfe, Aphroditenleiber, Füße und Hände von Marmor, Säulenkapitäle, Kolumbarien sind zu diesem Zweck in handliche Stücke zerschlagen, vermauert und nach außen mit altchristlichen Grabsteinen, Inschriftenplatten, Aschenbehältern, Kaiserbildern, Medusenhäuptern und Büsten von Göttinnen belegt worden. Selbst das arme Hirn eines Geisteskranken könnte nicht so tollen Widersinn erdenken, wie an diesem Gebäude der Mörtel zusammenleimt. Es könnte einen Hypochonder zum Lachen bringen, einen Kunstschwärmer in Verzweiflung treiben, dieses zu Kraut und Rüben gemengte, zerschlagene Aquileja des marmornen Stalls! Zum Glück hat Aquileja nur einen Moschettini von solch genial barbarischem Geschmack besessen.

Spät kam der Staat, um im Interesse der Archäologie seine schützende Hand über die Antiken Aquilejas zu legen; allein er kam. Im Herbst 1882 wurde in dem kleinen Ort feierlich ein Staatsmuseum eingeweiht und in einem zweckmäßig gebauten, geräumigen Haus untergebracht. Indes wären seine Schätze noch wenig bedeutend, hätten nicht die Gemeinde, die im Jahre 1873 zu sammeln begann, und die Gebrüder von Ritter in Monastero ihre hübschen Sammlungen leihweise dem öffentlichen Museum überlassen, so daß dieses jetzt dem Fremden ein lebendiges Bild von der Kunstfülle des römischen Aquileja zu geben vermag.

Der weite, gegen die Straße liegende Hof des Museums, in welchem die kolossalsten der Monumente ihre Aufstellung gefunden haben, gleicht einem mit Denkmälern überladenen Kirchhof. Durch denselben wandelnd, weiß man nicht, soll man mehr die Kunstgewalt der alten Meister, die dem spröden Stein so herrliche Gebilde abgewonnen, soll man mehr die Wucht der Zerstörungskräfte bewundern, welche diese riesenhaften Säulen, diese Marmorquadern brachen. Doch hat im wilden Ringen der Verneinungsgeister gegen die lichte Kunstgewalt die letztere gesiegt. Durch allen Graus der Zerstörung und Verwitterung haben viele der Gebilde eine wunderbare Anmut, eine zu Herzen gehende Schönheit bewahrt, und denkt man an die Paläste, die Tempel, die Theater zurück, deren Teile sie einst gebildet, so drängt sich einem wie dem Dichter zu Venedig die Frage auf die Lippen:

»Wo ist das Volk von Königen geblieben,
Das solche Häuser durfte bauen?«

Tausende von Skulpturen und eine Menge merkwürdiger Anticaglien, Nutz- und Schmuckgegenstände des altaquilejensischen Haushalts, haben im Innern des Museums ihre Aufstellung gefunden. Schon die Vorhalle bereitet mit ihren zahlreichen römischen und altchristlichen Grabsteinen, mit herrlichen korinthischen Kapitälen, mit einer prächtigen Sammlung schön geschweifter Henkelkrüge, Kolumbarien, die zum Teil noch die verbrannten Knochen enthalten, unsere Stimmung auf den Eintritt in die Museumssäle vor. Es ist nur zu bedauern, daß jene schöne Mosaik, welche die Entführung der Europa durch Zeus darstellt, zerbröckelt und unkenntlich geworden ist. Sie war so kunstvoll gearbeitet, daß sie als ein würdiges Gegenstück der berühmten Dariusschlacht galt, die man auf einem Fußboden zu Pompeji entdeckte.

Avete Caesares! – Der erste Museumssaal ist jenen Steindenkmälern gewidmet, die sich auf die römischen Kaiser und ihre Beamten beziehen, und fesselt besonders mit zwei fast vollständig erhaltenen Marmorstatuen das Kunstinteresse. Die eine derselben stellt in kühner, kräftiger Arbeit den Kaiser Tiberius dar, von dessen Haupt sich die Toga in herrlichem Faltenwurfe um den Körper drapiert; die andere ist das nicht minder schöne Bild des Kaisers Claudius. Man vermutet jedoch des eingesetzten Kopfes wegen, daß diese Statue erst Caligula, jenem Tollmenschen »memoriae damnatae«, der vom Jahr 37–41 auf dem römischen Thron gesessen, gegolten, und erst, als dieser in einer Palastrevolution fiel, das Haupt des Claudius erhalten habe.

Beide Statuen sind von mehr als Lebensgröße, wie denn die kolossalen Verhältnisse der in Aquileja gefundenen Marmorbilder ein hervorragendes Charakteristikum derselben bilden. Unter den über lebensgroßen Torsen interessiert besonders deswegen eine nackte, starkbewegte Männergestalt, weil die unfertige Statue jene Vertiefungen – Puntelli – an die sich der Künstler bei seiner Arbeit hielt, noch zeigt und uns so einen Einblick in die Bildhauertechnik des Altertums gewährt.

Der zweite Saal ist zum größten Teil eine Sammlung von Grabsteinen, die uns bald das Bild der Toten in Relief darbieten, bald mit kürzern und längern Inschriften von ihnen erzählen. So berichtet der eine von Cippus, dem Perlenhändler, der andere von dem Freigelassenen Sextilius Crescens, dem Fleischer. Hier hat ein antiker Salber einem kaiserlichen Haussklaven, dort ein Priester seinem Vorgänger, der 110 Jahre alt geworden war, ein frommes Andenken gestiftet. Der merkwürdige Grabstein des Afrikaners Restutus meldet, daß dieser die weite Reise aus seiner Heimat einzig deswegen unternommen habe, um Aquileja, die herrliche Stadt, zu sehen, daß er eine Weile da gelebt und von einer Bestattungsgesellschaft begraben wurde.

Nun kommen wir in hohe Gesellschaft. Im dritten Saal schauen die lichten Gestalten des Olymps, Jupiter, der Vater der Götter und Menschen, im Schmuck des langwallenden Haupthaars und Barts, Merkur, der Gott mit geflügeltem Hut, dessen Gunst sich Aquileja so lange erfreute, der schmiedende Vulkanus, Mars mit reichverziertem Helm und Federbusch, Venus, die meergeborne Göttin mit dem Perlendiadem aus großen Medaillons auf uns Sterbliche nieder. Auf einem Grabstein spielt der efeubekränzte Silenus die Leier, und Pan, der friedliche, bläst auf der Hirtenflöte. Die Statue Neptuns, des meerbeherrschenden Gottes, ist leider nur noch ein Torso. Einem Marmorbild der Venus, die in der Stellung der medizäischen zu Florenz dargestellt ist und durch sorgfältige Ausführung und edle Verhältnisse eines der herrlichsten Stücke der Sammlung bildet, fehlt leider das Haupt. Ein allerdings entzückend schöner Venuskopf, der auf einer nahen Säule aufgestellt ist, entschädigt nicht ganz für das fehlende.

Ein Gefühl des Mitleids mit den verstümmelten Bildern will sich in die Seele des Beschauers schleichen; denn, wenn auch gebrochen, sind sie doch nicht tot, sondern reden kraft der ihnen innewohnenden Schönheit mächtig zu seinem Gemüt.

Verlassen wir nun die Säle, in deren Bildwerken sich die Künstlerschaft der antiken Meister noch in den Fragmenten so achtunggebietend offenbart, und treten wir in die Räume, wo die Anticaglien, jene zumeist in den Gräbern gefundenen zierlichen Werke der Kleintechnik hinter Glas und Rahmen liegen. Sie sind in ihrer Art nicht weniger interessant als der Marmorprunk der durchwanderten Gemächer.

Eine Menge dieser kleinen Sachen führt ins altaquilejensische Haus. Es sind bronzene Nägel und Nadeln, Griffel, die zum Schreiben auf die Wachstafeln dienten, Zirkel, Lote, Schnellwagen, Gewichte, Schlüssel, und einige Messer da. Besonders schön ist eine Sammlung arretinischen Tischgeschirrs aus korallenrot gefärbter Terrakotta, die mit ihren zierlichen Reliefs in den Oberflächen gewiß einst den Stolz eines tafelfreudigen Aquilejensers gebildet. Tonplatten, welche in erhobener Arbeit Szenen aus der Mythologie oder dem täglichen Leben darstellen, schmückten, ähnlich wie unsere Gemälde, die Zimmerwände. Mannigfaltig ist die Ausstellung von Tonlampen, die, selten eines Reliefschmuckes entbehrend, bald zierliche Traghenkel, bald eine Einrichtung zum Aufhängen zeigen und manchmal für mehrere Dochte zugleich eingerichtet sind.

Manche derselben tragen eine Inschrift, häufig einen Glückwunsch zum Jahreswechsel. Einige dieser Neujahrslampen, mit denen man seine Freunde zu beschenken pflegte, sind von zierlicher Schönheit und entfalten in Reliefdarstellung diejenigen Gaben, die der Geber dem Beschenkten wünschte: Feigen, Kuchen oder Münzen. Eine der schönsten stellt eine Siegesgöttin dar, die auf erhabenem Schilde die Inschrift: »Annum novum faustum felicem mihi« trägt.

Allerliebste Tonfigürchen waren die Puppen der aquilejensischen Kinder. An den bittern Ernst des Lebens erinnern eine Menge Tränenfläschchen, die mit wohlriechenden Salben gefüllt, von den Alten in die brennenden Totenfeuer geworfen oder in die Gräber gelegt wurden. Den größten Reichtum der Anticagliensammlung indes bilden die vielen Schmuck- und Nippsachen: geschnittene Steine von Karneol, Jaspis, Onyx, in welche Szenen aus der Mythologie, aus dem täglichen Leben oder Tierbilder eingegraben sind. Bernsteinfigürchen, Haftnadeln und zierliche Statuetten aus Bronze, sehr große Fingerringe von Gold und Silber, die in der Stärke, wie sie da sind, nur als Totenschmuck gedient haben können, und endlich eine Menge Kaiser- und Familienmünzen.

So prangt nach anderthalb Jahrtausenden noch der aquilejensische Luxus, das reiche, häusliche Leben. Allein mitten in unsre Bewunderung für das Kunstschöne, das sich an diesem Wohlleben so reich entwickelt, erinnert uns die Inschrift, die wir auf einem Ziegel lesen: »Cave malum, si non raseris lateres sexcentos; si raseris, minus malum formidabile«: »Wenn du nicht sechshundert Ziegel verfertigst, so hüte dich vor einem Übel; verfertigst du sie, so wird das Übel weniger groß sein«, daran, daß die ganze Kultur des Altertums, die ganze römische Herrlichkeit auf einem sozialen Institute beruhte, von dessen Härte und Grausamkeit wir uns mit Abscheu wenden, auf der Sklaverei.

Das ist der schwarze Punkt im lichten Bild der Antike. Aus der Sklaverei hat das Altertum Jahrhunderte lang seine Stärke geschöpft; an der Sklaverei ist es gestorben. Hätte im römischen Reich, als der Völkersturm durch Europa wogte, eine gewaltige Volksmasse, die nichts zu verlieren, wohl aber manches zu gewinnen hatte, nicht sympathielos das Alte stürzen sehen, sondern ihre Wucht mit derjenigen der Kriegsheere in die Wagschale der Geschicke geworfen, dann wäre es nicht zu schwer gewesen, den schönen Süden vor dem Schrecken der eindringenden Barbaren zu bewahren.

Aquileja fiel. Nach ihm fiel Rom. Allein dort wie hier rang sich aus dem Schoß des untergehenden Altertums eine neue Welt: das Christentum. Dieses hat um die gewaltige Metropole des römischen Reichs mit dem kräftig aufstrebenden Papsttum einen neuen, die Völker blendenden Glanz gewoben; als ein heller Stern hat es auch über dem zerstörten Aquileja gestrahlt. Der herrliche Dom und sein stolzer Campanile, der in wahrhaft majestätischer Größe über die Hütten des modernen Aquileja steigt, zeugen dafür.

Nur Rom selber kann sich rühmen, eine um wenige Jahre ältere Pflanzstätte der christlichen Idee gewesen zu sein, als Aquileja. Aus dem Blut überzeugungstreuer Märtyrer und aus einer Reihe wilder Verfolgungen heraus wuchs hier mitten im rauschenden Taumel des sich verzehrenden Römertums eine starke Anhängergemeinde, und als Konstantin die Göttertempel schließen ließ, hielt das Evangelium von Aquileja aus seinen Siegeszug in die norditalischen Lande und in die Alpen, so daß die Stadt als ein Mittelpunkt christlichen Lebens galt. Ihre Bischöfe genossen so hohes Ansehen, daß sie nach dem Papst als die ersten in der Christenheit gefeiert wurden und an den Kirchenversammlungen zu Rechten desselben saßen. Sie nannten sich Patriarchen.

Um die Wende des Jahrtausends lächelte Aquileja noch einmal etwas wie Gedeihen und Entwicklung. Nachdem schon seine Vorgänger die Grundsteine dazu gelegt, bildete und festigte sich unter Popo, dem tatkräftigsten der aquilejensischen Kirchenfürsten, ein Staat eigenster Art, das Patriarchat von Aquileja, dessen Herrscher folgenschwer in die deutsche und italienische Geschichte, in jene gewaltigen Kämpfe zwischen Kaiser und Papst eingegriffen haben, indem sie bald den einen, bald den andern unterstützten.

Allein der kurzdauernde Glanz dieses Kirchenstaates glich doch mehr einem plötzlichen Aufflackern als einer ruhigen Entwicklung. Schon zwei Jahrhunderte nach Popo, der die Ländereien vom Po bis an die ungarische Grenze in seine geistliche, das Friaul, Istrien und Krain in seine weltliche Machtsphäre gezogen hatte, begann der Verfall. Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts siedelten die Geistlichen von Aquileja, dessen Klima sich infolge mangelhafter Instandhaltung der Wasserläufe und säkulärer Senkungen sehr verschlechtert hatte, nach Udine über, und nachdem Venedig und Österreich die Gebiete des Patriarchats an sich gezogen, nachdem der Papst das Erzbistum aufgehoben und dafür dasjenige von Udine und Görz gegründet hatte, erlosch der letzte Schein der zweiten Glorie, die über dem Tieflandsorte aufgegangen war. Aquileja sank und sank. Im Anfang des 17. Jahrhunderts sollen daselbst nur noch 35 Fischerfamilien gelebt haben. Tiefer kann ein Ort, der einst gegen eine halbe Million Einwohner zählte, wohl nicht erniedrigt werden.

Allein noch steigt der altersgraue Dom mit seinem gewaltigen Campanile über die Flur. Er hat nichts gemein mit den kleinen Hütten, die ihn umstehen; er ragt in stolzer Vereinsamung in der prosaischen Gegenwart; er träumt von alter Patriarchenherrlichkeit; er träumt weit zurück in das jugendliche Christentum, denn während fünfzehn Jahrhunderten hat er den Gang der christlichen Religion gesehen.

Als wir in der Frühe jenes schönen Morgens, der uns zu unserer Fahrt durch die Campagnen geleuchtet, in das große Gotteshaus eintraten, las eben ein blutjunger Priester von kleiner, schmächtiger Gestalt die Messe. Eine kleine Schar buntgeschmückter Weiber, sowie einige Koloni knieten vor dem Altar und hörten dem in einförmigen Kadenzen durch die Halle tönenden Meßgemurmel zu.

Der junge Priester, das bißchen Volk, die bäuerlichen Meßknaben, sie verschwanden fast in der Weite des feierlichen, von einundfünfzig Fenstern mit Licht vollauf gesättigten Raums.

Der Fußboden des Domes, unter dessen Platten die Patriarchen in ihren Grüften den Schlaf der Gerechten schlafen, liegt fast einen Meter tiefer als die äußere Umgebung des Gottshauses. Um so viel hat sich die letztere von der Zeit, wo man den Dom baute, bis jetzt erhöht.

Die Baukunst von fünfzehn Jahrhunderten in sich vereinend, gehört die Basilika wesentlich dem romanischen Stil an. Ihre Grundform bildet ein Kreuz, dessen Stamm 70 Meter lang und 29 Meter breit ist, während der Querraum nur 43 Meter mißt. Der aus fünf Bogenabteilungen bestehende, netzartige Plafond des Mittelschiffes, welches bedeutend höher als die Seitenschiffe ist, ragt 22 Meter über den Fußboden empor.

Je fünf Säulen, die durch Spitzbogen unter sich verbunden sind, trennen das Mittelschiff von den Seitenschiffen. Sie verraten die Kirche als ein Epigonenwerk. Ihre an Dicke und Höhe verschiedenen granitnen oder marmornen Schäfte, von denen einigen mit Unterlagen hatte nachgeholfen werden müssen, beweisen deutlich, daß man als Material zum Bau einfach die Ruinen des römischen Aquileja verwendet hat.

Während wir das schmucklose, aber erhabene Innere der Kirche besichtigten, ging die Messe zu Ende. Wir baten den jungen Priester, uns die Krypta, die unter dem Chor liegende Unterkirche zeigen zu lassen, und zuvorkommend übernahm er selbst den Führerdienst.

Als wir durch einen halbdunklen Gang in diese Krypta niederstiegen, mahnte es mich an die Kasemattengänge einer Festung; allein um wie viel älter sind diese ehrwürdigen Mauern als die älteste Burg; denn sie wie die Krypta stammen noch aus der Zeit vor dem Hunnensturme, vom ersten Kirchenbau Aquilejas her.

Rohe Säulen mit sehr einfachen Kapitälen, aber ohne Sockel, stützen die in runden Halbbogen sich wölbende Decke. Fünf kleine, halbrunde Fenster verbreiten in dem kühlen, moderigen Raum ein geheimnisvolles Halbdunkel, das von den uralten, kunstlosen Malereien, welche Wände und Wölbung bedecken, nur wenig erkennen läßt. In der Mitte dieser unterirdischen Kapelle steht ein großer Sarkophag, der einst die Knochen des heiligen Hermagoras, des ersten Bischofs von Aquileja, enthielt. In den vielen Kriegen sind die heiligen Gebeine gestohlen worden. Der junge Führer sprach sich sehr bedauernd darüber aus; wir aber atmeten auf, als wir wieder in die gute Luft der Oberkirche kamen.

Auf der Westseite des Domes steht eine andere, die Heidenkirche, die chiesa dei pagani, ein öder, vernachlässigter Bau aus jener frühen Zeit unmittelbar vor der letzten Christenverfolgung.

Interessanter ist das darangebaute Baptisterium, eine Taufhalle, wie aus der christlichen Vorzeit nur wenige auf uns gekommen sind. In einem achteckigen Hofe steht ein sechsseitiges, geräumiges Taufbecken, in das der Täufling über drei große Stufen hinabstieg. Wenn das Becken gefüllt war, reichte das Wasser einem Erwachsenen bis über die Brust hinauf, und durch dreimaliges Untertauchen vollzog sich die symbolische Handlung.

Auf der Südseite des Domes stehen als letzte Reste des Patriarchenpalastes zwei stark verwitterte, mächtige Säulen; auf der Nordseite aber ragt der aus den Quadern des römischen Amphitheaters von Popo erbaute, 72 Meter hohe, freistehende Glockenturm empor. An der südlichen Flanke, eines breiten, aus Römerzeit stammenden Grundbaues, führt eine Freitreppe in den eigentlichen Turm hinauf. Ein junges Weib geleitete uns die hundertacht beschwerlichen Stufen, die von schießschartigen Löchern nur schlecht beleuchtet sind, zur Glockenstube empor.

Da oben ist's wundervoll! Die Aussicht ist zwar nur aus wenigen Elementen zusammengesetzt, der endlosen, grünen Flur, dem unbegrenzten blauen Meer, den fernen, verschwimmenden Küsten von Istrien, den fernen, blassen Alpen, dem düster dämmernden Markusturm von Venedig. Fast fehlt es dem Bild an Linien; aber unsäglich schön ist der Luftton, halb Schleier, halb Klarheit!

Tief unter uns liegt das kleine, unscheinbare Aquileja im Morgensonnenglanze; hoch über uns wölbt sich ein Himmel, wie es nur einen gibt auf der Erde, den italienischen, der so dunkel, so strahlend ist, wie das Auge der Italienerin.

So war dieser Himmel schon, als die Römer über die Gefilde wandelten, und feuchte Augen haben schon damals in der Not der Seele aufgeblickt zum Firmament; auf unserm Stern aber waltet das Schicksal. Aquileja – »gezählt, gewogen und geteilt!«