Österreichisch Nizza.
Es ließe sich mit Städtenamen und ihren Umschreibungen ein stattliches Lexikon füllen; vielleicht ist auf keinem Gebiete die schriftstellerische Paraphrase fruchtbarer gewesen als auf diesem, und eine Reihe dieser umschreibenden Städtebezeichnungen sind Gemeingut der Bildung geworden. Wer wüßte nicht, daß Amsterdam ein »nordisches Venedig«, München ein »deutsches Athen«, Dresden das »Elbeflorenz«, Montreux das »schweizerische Nizza« ist?
Wo aber ist »österreichisch Nizza?« – Es ist Görz, eine küstenländische Stadt an der Linie Triest-Venedig; und das Verdienst dafür, einen so schönen Namen aufgebracht zu haben, gebührt Baron Czörnig, der ein umfangreiches Buch über die Stadt geschrieben hat.
Gewiß liegt etwas Verlockendes in dem Namen, denn ein »Nizza« bedeutet doch wohl milde Lüfte, steten Frühling, eine reizende Gegend, eine schöne, fröhliche Stadt, kurz ein Paradies! Wer wollte nicht in einem Paradiese sein? So dachte ich, und der Gedanke wurde zu einer frischen, frohen Frühlingsfahrt über den Karst nach Görz.
Bis Ronchi, dem westlichen Nachbardorf von Monfalcone, brausten die beiden Apfelschimmel so feurig dahin, als gälte es einen Morgenbesuch in Venedig; allein an den Karstklippen, durch die sich die Straße zur Höhe emporwindet, brach der erste Schwung. Der Rückblick auf die grünen, leise wogenden Campagnen des Friauls und das am Horizont verdämmernde, ferne Meer, hielt das Auge noch eine Weile in Spannung. Als wir jedoch die Höhe eines in die furlanische Tiefebene vorspringenden Karstrückens hinter uns hatten, sahen wir nichts mehr als die wüsten Klippen und Klüfte des vegetationslosen Gebirgs. In seinem endlosen Grau bildeten nur die sich scheu in die flachen Bodensenkungen duckenden, kleinen Getreidefelder und Baumkrüppel einige Pflanzenoasen und erbarmungswürdiges Karstvieh, das nicht gedeiht und nicht verkommt, suchte in den Felsspalten nach einigen grünbraunen Halmen oder einem aufsprossenden Stäudchen.
Die Straße senkte sich in ein von öden Hügeln eingerahmtes, wenig bewohntes Tal, aus dessen Steinklippen hie und da ein Häslein die Ohren reckte, und nach etwa einstündiger Fahrt erreichten wir die frischgrüne, lachende Ebene von Görz, eine große, vegetationsreiche Tieflandsbucht, welche die furlanische Ebene in die grauen, nackten Gebirgszüge des Karstes sendet.
Der Blick ist bemerkenswert schön wegen zwei hübschen Bauten. Zur Rechten erhebt sich die Santa Scala von Merna, eine Kirche mit Doppelturm auf freiem Hügel; zur Linken das liebliche Schloß Rubbia in einem hellen Buchenschlag des äußersten Karstvorsprungs.
Vor beiden zieht müde, mit keiner Welle plaudernd, als drückte sie ein Geheimnis aus dem Berginnern, die Wippach, die einige Stunden oberhalb Görz plötzlich als starker Fluß aus dem Gebirge quillt, mit gelbgrünen Wassern dahin, um unterhalb Rubbia in dem schönen, raschfließenden Isonzo aufzugehen. Jenseits des Wassers liegen Görz, seine großen Fabriken und seine Vorstädte im weinreichen, nach Süden geöffneten Kessel, und darüberhin die Felsenrücken der Isonzoberge. Auf einem derselben, der das Tal des türkis-blauen Flusses gegen Westen vollkommen abzuschließen scheint, schimmert ein großes, kastellähnliches Haus, die Pilgerherberge des Monte Santo. Das ist das Maria-Zell oder Maria-Einsiedeln des Küstenlandes, nach dem die Italiener der Tiefebene wie die Slaven des Gebirgs mit gleicher Verehrung und in großen Bußprozessionen wallfahrten.
Merna, an dem wir eben jetzt vorüberkommen, ist der Schuhmacherort des Friauls, denn wie nach altem Herkommen an dem einen Ort ausschließlich Tischlerei, an dem andern die Töpferei, am dritten das Maurer- oder Steinmetzhandwerk das Gewerbe der ganzen Dorfschaft bildet, so blüht in Merna die Kunst der Fußbekleidung.
Nachdem wir die Wippachbrücke passiert hatten, langten wir in Görz an.
Eine Stadt mit 17 000 Einwohnern kann nicht groß sein, aber doch manche Sehenswürdigkeiten enthalten. Görz ist weder groß, noch durch letztere merkwürdig; aber mit seinen vielen, schönen Gärten ist es eine ebenso saubere als reizende Stadt. Wenn man über den geräumigen Marktplatz geht und die ehrenfesten Bürger- und Patrizierhäuser sieht, dann fühlt man's heraus, daß man sich in einer alten, deutschen Stadt befindet, die durch den Zufall der Völkerverteilung in das schöne südliche Tal zu liegen kam.
Jahrhunderte lang eine deutsche Sprachinsel und von einem deutschen Adel beherrscht, bewahrte sie zwischen italienischen und slavischen Volkselementen das deutsche Wesen treu, bis sie ums Jahr 1500 unter die österreichische Herrschaft kam. Allein mit dem steigenden Verkehr nach dem Venetianischen und dem Zuströmen italienischer Kaufleute und Handwerker, mit dem Verfall der Schulen im 17. Jahrhundert gelangte, trotz des Protestes der eingebornen Görzer im Jahr 1626, daß sie »echte, rechte, geborne, alte Teutsche« seien, im Ringen um die Sprachoberherrschaft der südliche Wohllaut über das kräftige germanische Wort zum Sieg. In steter Reibung mit dem alteinheimischen Deutschen und dem Slovenischen hat sich die italienische Sprache immer mehr befestigt, so daß jetzt 11 000 Italiener und 4200 Slaven einem Rest von 1800 Deutschen gegenüberstehen, die indessen durch ihre Bildung und ihre soziale Stellung der deutschen Sprache einen dauernden Halt sichern, so daß Görz die Stadt bleiben wird, wo sich drei Sprachen stoßen.
Deutsch ist in Görz der Mutterlaut, deutsch die Bildung und deutsch das Bier. Diese drei haben mich in der Stadt am meisten gefreut.
Über dem Marktplatz und der Altstadt steht auf einem nach allen Seiten freien Hügel das durch Bastionen verstärkte, aber zum Teil verfallene Kastell, das ehemalige Schloß der mächtigen Grafen von Görz, deren Töchter selbst deutsche Kaisersöhne freiten.
So war Elisabeth, die Gemahlin des Kaisers Albrecht, der durch die Hand des Johannes Parricida fiel, eine Görzerin, und das »kühne, unerschöpflich begierige Weib«, das sich nach dem Kaisermord zur gräßlichen Rachefurie wandelte, mag, da es später als stille Büßerin in der Klosterzelle von Königsfelden saß, wohl öfters der sonnigen Burg im Isonzotal, wo sie ihre Jugend verlebte, gedacht haben.
Als Gegenstück zu der mit Blut gezeichneten Geschichte dieser Frau nimmt sich das Liebesidyll Emerentiens von Görz, die an der Wende des vierzehnten zum fünfzehnten Jahrhundert gelebt, noch einmal so freundlich aus. Ihre Brüder wollten sie nach dem Tode ihres Vaters in ein italienisches Kloster schicken und wählten als ihren Begleiter Balthasar von Welsberg, einen frommen und guten Ritter aus. Als aber die junge, schöne Maid die lachenden Gefilde Italiens, die prächtigen Städte und ihr fröhliches Leben sah, da wurde ihr beim Gedanken ans Klosterleben düster zu Mut und schwer ums Herz und sie verhehlte dem Ritter, der den stillen Gram gewahrte, ihre Leiden nicht. Herr Balthasar war nicht unritterlich und die Worte der Dame gingen ihm nahe. Statt ins Kloster führte er die schöne Anvertraute zu einem Priester, der ihrem Bündnis die Weihe gab, und sie flüchteten sich ins Tirol, wo sie zu Toblach im Pustertal in einer niedrigen Bauernhütte Flitterwochen hielten.
Allein die jungen Grafen von Görz erklärten sich gegen solches Minneleben, sie wollten vor Welsberg ziehen. Da erschien irgend ein geistlicher Herr – die Kirche hat ihre Sache nicht immer so gut gemacht – löste alle Zwietracht in Frieden und laute Hochzeitsfreude auf, so daß Herr Balthasar seiner Emerentia sagte: »Engel, ös ist G'fahr vorbei.«
Ein gewaltiges Stück mittelalterlicher Kriegsgeschichte ging mit den Grafen von Görz an der Stadt vorüber, und hätte sie sonst keinen Ruhm, so könnte sie auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen.
Allein Görz hat eine blühende Gegenwart. Es besitzt am Isonzo eine beträchtliche Industrie für Mahlprodukte, Spinnerei, Weberei und Papierbereitung, einen bedeutenden Weinbau und einen lebhaften Handel, eine Realschule und ein Obergymnasium, wo die italienischen Studenten deutsche Wissenschaft einsaugen, ein geistliches Zentralseminar, dessen gutgedrillten Zöglingsscharen und schwarzen Führern man an allen Ecken der Stadt begegnet, woraus man die Gewähr dafür schöpfen kann, daß im Küstenland die Milch der frommen Denkungsart nicht ausgeht, eine Provinzialackerbauschule, in die man keine Coloni schickt, ein Damenstift und einige Klöster, in welche man die ehe- und weltscheuen Leute steckt, und einen Fürsterzbischof, der die Stadt segnet.
Görz ist das südliche Pensionopolis Österreichs, die schöne, ruhmreiche Stadt, wo die küstenländischen und krainischen Beamten und Professoren im milden Glanz eines wohlverdienten Feierabends ihre Diäten verzehren, Bier trinken, Zeitungen lesen, über das Wetter plaudern, aber nicht politisieren; denn das hat ein Österreicher entweder nie begonnen, oder längst verlernt, wenn er die kaiserliche Pension genießt.
Es ist zur Legende geworden, daß ein Pensionär mit seinen Einkünften nicht leben und nicht sterben kann; wenn aber ein Fremder von Görz hinaus gegen den Isonzo wandert, so staunt er über die Villenpracht. Das frische, kühlende Grün wohlgepflegter Gärten schaut in die spiegelnden Scheiben; unter großen weitschattenden Bäumen plaudert die Quelle; Marmorstatuen, wirkliche, wahrhaftige Antike von Aquileja nicken im dunkeln Lorbeer, und Blumenmosaik schmückt mit leuchtenden Farben das zarte Grün der Rasenbeete. Da wohnen wohl auch kaiserliche Pensionäre, nur nicht die legendären, sondern jene, denen der Zufall der Geburt schon eine Couponschere unter das Wiegenkissen gelegt.
Diese herrlichen Villeggiaturen, denen ich in oberitalienischen Landen nichts zu vergleichen wüßte, stellen dem Geschmack der reichen Görzer das beste Zeugnis aus. Was mir an ihnen besser noch als die Pinienschirme, die Palmenwedel und die Orangerien gefallen, das ist das Blust unserer nordischen Obstbäume, das im ersten Frühling auf die Kieswege dieser Gärten niederschneit. Görzisches Obst gilt bei den italienischen Feinschmeckern als ein Leckerbissen.
Auch der Arme von Görz muß sich nicht begnügen, zu sehen, wie der Reichen Gärten blühen; denn die Stadt, die nun einmal einen aufgeweckten Sinn für jedes mütterliche Lächeln der Natur bekundet, hat einen wunderschönen Volksgarten, nicht nur einen dünnbestockten Park mit ein paar krummen Wegen, sondern einen echten, wohlgepflegten, öffentlichen Garten von südlicher Üppigkeit. Wenn sich dazu auf der Stadtseite desselben der Blumenmarkt entfaltet, dann scheint für Görz allerdings kein Name passender, als derjenige einer Gartenstadt.
Wer wollte einen südlichen Blumenmarkt beschreiben? Der Name der Gewächse ist das wenigste; die schweren Düfte, die leuchtenden Farben, die sich in Worten nicht wiedergeben lassen, schon mehr; das wählende, prüfende, feilschende Menschenkind, das sein Leben mit Blüten und Grünem schmücken will, das meiste an seiner Poesie.
Wo die Blumen so herrlich gedeihen, wie in Görz, mußte man mit Naturnotwendigkeit zu der Frage kommen, ob da nicht auch dem verwelkenden Menschenkind ein neuer Lenz erblühe, das in den rauhen Klimaten nicht mehr fortkommen will. Görz ist klimatischer Kurort und – was nicht jede aufstrebende Stadt wagen würde – es stellt sich gleich neben Nizza. In manchen Dingen hat es das Wesen dazu, vor allem einen angenehmen, dem nordischen Frühling gleichenden Winter, der nicht einmal die Einstellung der Feldarbeiten bedingt, einen gemäßigten Sommer, von dem die reinen, frischen Gebirgswinde die italienische Schwüle fernhalten, eine herrliche Lage, welche nur wegen ihrer nackten, grauen Gebirgsrahmen hinter der Schönheit irgend eines südtirolischen Kurortes zurücksteht.
Jetzt fühlt es indessen die Flut und Ebbe eines zu- und abströmenden Fremdenkontingents noch nicht stark; der mehrsprachige Verkehr, die engen gesellschaftlichen Verhältnisse der Kleinstadt, das Bestreben, sie ganz in ein italienisches Kleid zu stecken, stehen einer raschen Entwicklung des Touristenverkehrs entgegen; denn wo immer der Mensch auch zu gesunden suche, verlangt er ein Stück lebhafter Geselligkeit, und der Deutsche, namentlich der Deutsch-Österreicher, an den sich der Kurort Görz wendet, ein ungebrochenes, gemütliches Volksleben, das er eben in der italisierten Stadt vermißt.
Ob sich nun der Traum eines »österreichischen Nizza« realisiere oder nicht, die gärtenumrahmte kleine Stadt wird jeder ihrer Besucher mit dem Eindruck lieblicher Schönheit verlassen.
Allein nicht minder freundlich als die Stadt selber steht mir ein Ausflug in ihre Umgebung, zum Isonzoschlund hinterhalb Salcano und eine Besteigung des Monte Santo, die ich später einmal unternommen, vor meinem Gedächtnis.
Ich streifte hinaus zu dem Totenacker von Görz und weiter gegen jenen nackten Felsenrücken, auf dem das Kirchenkastell des Monte Santo steht.
Dann kam ich nach Salcano. Es ist eine kleine Ortschaft von 1400 Einwohnern, mit zum Teil sehr alten, ansehnlichen Häusern, die sich am linken Ufer des Isonzo aufreihen, der hier perlend und wogend aus einer Gebirgsklause heraustritt.
Salcano ist die Mutter von Görz. Als dieses selber noch nicht in die Geschichte eingetreten war, blühte hier um die Wende des Jahrtausends ein Grafengeschlecht, das seine Burg auf den jetzigen Kastellhügel von Görz verlegte und damit Gründer der Stadt Görz geworden ist.
Es geht so im Leben; die Tochter wächst der Mutter über das Haupt. Görz ist eine Stadt geworden, Salcano ein Dorf geblieben. Die Ritterlichkeit ist vergangen, die Naturherrlichkeit geblieben; denn hinterhalb Salcano schäumt der prächtige, hellblaue Isonzo zwischen den steilen Halden des Monte Santo und einem mit verbogenen Schichten aufragenden Vorberg durch einen Engpaß, wie im Bündnerland der junge Rhein.
Wo man die Schlucht und den tosenden Bergstrom am schönsten überschaut, beginnt die Straße auf den Monte Santo. In einem Uferfelsen, zur Rechten des aufsteigenden Wanderers ist eine Gedenktafel zu Ehren ihres Erbauers, eines Herrn Joseph Koller, eingelassen, der sie in zierlichen, immer weiter gegen Süden als gegen Norden auslangenden Zickzacklinien sanft und sachte an der vegetationsarmen, klippigen Berglehne emporgezogen hat, so daß es eine wirkliche Kunststraße ist.
Der Monte Santo ist kein Riese. Er hat die mäßige Seehöhe von 645 Metern; aber sein breiter, wenig entwickelter Felsrücken ragt immerhin achtmal höher als der herrliche Campanile von Aquileja über die Tiefebene empor. Diese liegt bei Salcano erst 85 Meter über Meer und so ist er denn doch eine stattliche Bergerscheinung.
Es war bereits Nachmittag, als ich von Görz her an den Fuß des Berges gelangte. Nur der Vorsatz, das Isonzodefile zu sehen, hatte mich hieher geleitet; aber nun wurde der Bergfex in mir lebendig, und das hat mich nicht gereut.
Ich benützte nur zum kleinern Teil die bequeme Straße des Herrn Joseph Koller, sondern klomm die alten rauhen Pilgerpfade von Kapelle zu Kapelle höher hinan.
Die erste erhebt sich auf einer starken, nördlichen Gratsenke des Berges, von der aus man zugleich in den romantischen Talkessel von Salcano und in eine westliche Gebirgsmulde blickt, wo ein Slavendörfchen in steiniger Gebirgseinsamkeit liegt. Vor der zweiten lag ein Pilgrim auf den Knieen und betete seinen Rosenkranz. Es mußte ihn beleidigen, daß ich nicht das gleiche tat; denn er warf mir, als ich vorüberschritt, einen sehr zornmütigen Blick zu.
Das böse Auge des Mannes gab mir zu denken. Hinter seinem Beten und meinem Wandern lag ja eigentlich die nämliche Idee: Unser armes Sein ein Weilchen von uns ab in den Schoß einer guten, großen Mutter zu legen. Nur hatten wir unser Vertrauen zwei verschiedenen Müttern zugewandt; er der schmerzenreichen, die einen Gott gebar und dafür in den Himmel kam, ich der Natur, die aus Staub nur Staub geschaffen und auf der Erde hat bleiben müssen.
Ich dachte, ich stieg und kam zur letzten Kapelle. Da holte ich einen zweiten Wanderer ein, der lesend fürbaß ging. Als ich eben grüßend an ihm vorübergehen wollte, schaute er auf und rief mir ein lächelndes »Chi va piano, va sano« zu.
Das war der Anfang unserer Unterhaltung – und je länger ich mit ihm redete, desto merkwürdiger wurde mir der Mann; aber das Merkwürdigste an ihm war seine Lektüre: »Lienhard und Gertrud.«
Es tut immer wohl, wenn man die Schriftsteller der eigenen Nation von Fremden gelesen sieht; ich konnte meine freudige Überraschung nicht verbergen; sie zwang mich, dem kleinen, klug dreinblickenden Mann mit den Augengläsern zu sagen, daß der berühmte Verfasser des Buches mein Landsmann sei.
Da trat er einen Augenblick prüfend vor mich hin. »Sie sind Schweizer!« sagte er und ergriff meine beiden Hände. »Jetzt lasse ich Sie nicht gleich wieder los. Bitte erzählen Sie mir von Ihrem schönen Land, seinen herrlichen Bergen, seinem glücklichen Volk, seinen freien Institutionen.«
Die Begeisterung des slavischen Lehrers nötigte mir ein Lächeln ab; aber ich fühlte, daß ein Ernst hinter seinen Worten liege, und wer plaudert nicht gern vom Heimatland? Plaudernd kamen wir auf den Gipfel, zu dem weitläufigen ehemaligen Franziskanerkloster, setzten uns vor der Pilgerherberge zum Abendtrunk und schauten aus auf das im Nachmittagsschein vor uns liegende Land, die Berge und das ferne Meer.
Der Monte Santo ist ein südösterreichischer Rigi. Wunderhübsch ist der Blick auf die Stadt Görz und den hinter ihr liegenden Coglio, ein reizendes Hügelland, auf dessen Höhen weißschimmernde Kirchen und Dörfer stehen. Darüberhin ragt im fernsten Osten der Krainer Schneeberg, der zwar keinen Firn und keinen Gletscher, aber doch bis weit in den Sommer hinein eine glitzernde Schneekrone trägt. Von ihm aus ziehen sich in weiten Rundbogen, über die tannendunkeln Höhen des Birnbaumer- und Tarnovanerwaldes aufgebaut, die zerrissenen Gebirgsmauern und Kalkzinken der julischen und karnischen Alpen gegen Nordwesten. Aus dem Chaos der Spitzen hebt sich östlich der wildabstürzende Nanos, im Norden der Triglav, der scharfgezeichnete Krn, und, durch das tief eingeschnittene Isonzotal davon getrennt, der Monte Canin, der massige Rücken des Monte Matajur und dahinter eine Menge fernblauender Häupter, die den italienischen oder gar den tirolischen Alpen angehören.
Dann weichen die Gebirge weit zurück und der Blick taucht in die venetianische Tiefebene. Im Süden dämmern der Campanile von Aquileja, die Lagune von Grado und der bleiche Schimmer der offenen See, im Südosten der Golf von Monfalcone, jenseits desselben eine matte Helle, die Stadt Triest, ein dunkler Wall, der Küstenhang von Istrien, der sanft im Horizont erstirbt.
Wer daheim an jedem schönen Tag die Hochalpen vor Augen hat, der weiß mit den Kalkalpen nicht viel anzufangen. Ich schilderte meinem Slaven einen Morgen auf der Wengernalp, den Blick auf Jungfrau und Silberhorn, den steten Fall der Lawinen, die vor dem Beobachter donnernd ins Trümmletental niederstäuben. Da fing der gute Mensch an zu seufzen: »O nur einmal, einmal in die Schweiz! Allein es ist unmöglich.«
Er malte mir Grau in Grau ein Bild des Lehrerlebens in einem slavischen Dörfchen, die Armut bei einer Besoldung von 200 Gulden im Anfang und bei einer wenig größern in den spätern Jahren, die Schulfeindlichkeit der Grundbesitzer, das Vorurteil der Bauern gegen den Lehrer und ihren tiefen Haß gegen den Schulzwang, die Laxheit der Behörden in der Durchführung der Gesetze: kurz die ganze Leidensgeschichte eines Streiters für die Bildung an einem Ort, wo er der einzige ist, der dafür kämpft.
»Ich bin«, sagte er, »keiner der ärmsten, denn ich habe meinen allerdings kleinen Einkünften etwas väterliches Vermögen zuzusetzen; aber für eine Schweizerreise …« Er starrte melancholisch vor sich hin.
Wir waren bereits zu lange gesessen; ich stand auf und wollte von dem Lehrer Abschied nehmen.
»So wollen wir nicht scheiden, mein Herr«, sagte er; »ich dachte mir zwar auf dem Monte Santo zu bleiben, allein ich werde Sie ein Stück Weges begleiten.«
Meine Bitte, sich nicht zu bemühen, war erfolglos. Wir schritten wie zwei alte Freunde plaudernd bergabwärts. Da begegnete uns jener hohe, hagere Pilgersmann, den ich vor der untersten Kapelle hatte knieen sehen und der, Gebete vor sich hinmurmelnd, hinkend bergaufwärts ging.
»Wissen Sie, warum der arme Mann so schlecht geht?« fragte mein Begleiter. »Die Pilgrime, die auf den Monte Santo wallfahren, pflegen in ihre Schuhe einzelne Bohnen zu legen, die beim Gehen große Schmerzen verursachen. Sie glauben dann von der Gottesmutter eher erhört zu werden.«
Als ich das vernahm, hatte ich dem Pilger seinen bösen Blick schon verziehen.
Bei der untersten Kapelle schied ich von dem slavischen Lehrer. »Lienhard und Gertrud«, sagte er, »ist eines der wenigen deutschen Bücher, die ich besitze; aber ich werde nie darauf zurückkommen, ohne mit lebhaftem Vergnügen mich der schönen Stunde zu erinnern, die mir an Ihrer Seite beschieden war. Grüßen Sie mir die Schweiz!«
Er wandte sich gebirgseinwärts, ich auswärts. Der nächste Augenblick hatte den einen dem Blick des andern entzogen.
Als ich wieder in Salcano ankam, lag der Abendsonnenschein auf den Klostermauern von Monte Santo. Unterhalb der Ortschaft steigt man auf hohem, steilem Uferbord zu einer Fähre des Isonzo hinab. Da ließ ich mich über den herrlichen, hellblauen Fluß ans rechte Ufer hinüberstoßen.
Ein braunes, italienisches Mädchen saß mit mir im Kahn und wies mir den Weg hinauf nach dem Schlosse San Mauro, das als hübsche Villa über dem waldigen Ufer steht. Es war ein genußreiches Wandern durch jungbelaubten Buchenwald, als ich im Abendschein, hoch über dem Fluß, an einem Slavendörfchen vorbei, talabwärts schritt. Das Wellenspiel des Isonzo, der hier in einem tiefen Bette strömt, mahnte mich an den Rhein unterhalb seines Falles.
Eine Brücke führt in der Nähe von Görz darüber hin. Im Dunkel des Abends schritt ich darüber; ich dachte an den Pilger mit den Bohnen in den Schuhen, an den slavischen Lehrer, an mein Heimatland, ich dachte an so vieles; wer wollte gedankenlos wandern zur Frühlingszeit!
Man hat – ich kehre hier zu jener ersten Wagentour, die wir nach Görz unternommen, zurück – die interessanten Gebäude der Stadt bald gesehen, und der Liebreiz ihrer Gärten prägt sich rasch in den Sinn des Wanderers. Wir verließen es also am Spätnachmittag und fuhren hinaus gegen den langen, prächtigen Viadukt, mit dem die Linie Venedig-Triest das Tal des Isonzo überspannt. Jenseits desselben gelangten wir über den Fluß in die offene venetianische Tiefebene hinaus, zu der die Landschaft von Görz sich wie eine hügelumschlossene Bucht verhält.
Am Ausgang dieses Tieflandwinkels liegt die Ortschaft Mainizza. Hier stießen im Jahr 489 die beiden gewaltigen Recken der deutschen Heldensage, der Herulerfürst Odoaker, der den letzten der römischen Schattenkönige, den Romulus Augustulus, vom weströmischen Kaiserthrone verjagt und selbst die Zügel des verrotteten Reiches ergriffen hatte, und der Ostgotenkönig Theodorich in furchtbarer Schlacht zusammen. Hier war es, wo der Stern des ersten germanischen Kaisers auf römischem Thron ins Sinken kam. Im folgenden Jahr wurde er an der Adda wieder geschlagen, im Jahre 493 von Theodorich in Ravenna belagert und zuletzt durch dessen eigene Hand niedergestoßen.
Gegenüber Mainizza grüßt wieder das prächtige Schloß Rubbia mit blühendem Park, und zwischen beiden fällt die schleichende, trübe Wippach in den lichten Isonzo.
Eine undurchdringliche Staubwolke lag stets hinter unserm Wagen; denn im Brand der italienischen Sonne hatten sich die furlanischen Straßen handtief in Staub aufgelöst, der das Wandern der Fußgänger unerträglich machte. Im Wagen litten wir weniger davon, und die Fahrt längs der letzten Karstausläufer bis zu dem Städtchen Gradiska war in der Abendkühle ein hoher Genuß.
Dieses Städtchen, das im Jahr 1473 von den Venetianern zum Schutz gegen die Türken gegründet wurde, war von der Mitte des siebzehnten bis in den Anfang des achtzehnten Jahrhunderts hinein der Sitz einer kleinen Grafschaft. Jetzt ist sie mit derjenigen von Görz unter dem Namen der »gefürsteten Grafschaft Görz und Gradiska« zu einem selbständigen Kronland der österreichischen Monarchie vereinigt, das in Görz seinen Landtag hat.
Im Osten des Städtchens, das aus wenigen Häuserreihen besteht und nur 1500 Einwohner zählt, sind noch achtunggebietende Reste der venetianischen Festungswerke, eine düstere Stadtmauer mit zwei ungemein festen Bastionen und einem dunkeln, engen Tor. Die früher davor liegenden Außenwerke sind im Laufe dieses Jahrhunderts einem ungewöhnlich großen, öffentlichen Platze gewichen, der mit seinem angenehmen Kastanienschatten und seiner hübschen Rotunde nicht nur dem kleinen Gradiska, sondern mancher größern Stadt wohl anstehen würde.
Auf der andern Seite des Städtchens steht hart am Isonzo ein großes, weithin sichtbares Gebäude, das zu einer Strafanstalt für schwere Verbrecher umgebaute Schloß, dessen jetzigen Insassen wenigstens ein Schönes von der Welt geblieben ist: ein entzückender Blick ins südösterreichische und italienische Gebirge.
An den hübschen Villen im Norden des Städtchens vorbei fuhren wir längs des Isonzo dem schlanken, zierlichen Campanile von Villesse entgegen; allein ehe wir ihn erreichten, bog der Weg wieder über den Isonzo. Er ist hier lange nicht mehr der hübsche Fluß wie beim Austritt aus dem Gebirge. In einem wohl fünfmal breitern Becken als jenem bei der Fähre von Salcano wirft er sich zwischen vielen Kiesbänken bald ans eine, bald ans andere Ufer und reißt den Ebenenbewohnern zur Linken und Rechten die besten Humusgründe weg.
Er hat deswegen bei seinen Anwohnern einen übeln Ruf; allein was fragt er darnach, denn er hat seinen Plan. Mit all den Erdpartikeln aus dem Gebirge und der Ebene will er sich eine Brücke mitten durch den Golf von Monfalcone nach dem wunderschönen Schloß von Miramare hinüberbauen.
Vielleicht ist's ein Jugendtraum, vielleicht ist's mehr. Der Isonzo kann noch etwas leisten; denn wie ich früher ausgeführt habe, ist er ein Kind gegenüber den uralten Strömen des übrigen Europa und der jüngste Fluß unseres Kontinents. Eine lange Holzbrücke führt nach Sagrado, einem freundlichen Dorf, das eine große Gerberei und viele Landhäuser mit lauschigen Gärten hat.
In einer halben Stunde – in Roncchi – hatten wir den Zirkel unserer Fahrt beendet. Am frühen Abend waren wir wieder in Monfalcone.