Im Frühling von Miramare.

Wenn die junge Süderde im Lenzgeschmeide prangt, wenn es in den adriatischen Gärten blüht und duftet, dann pilgert der Naturfreund Triests hinaus zu dem Marmelschloß von Miramare, das in sonniger, märchenträumender Schönheit am innersten Golfe der Adria prangt.

Gedenk ich jener Stunden, wo ich im blühenden Burgfrieden von Miramare die stillen Parkwege gewandelt, so kommt wieder der ganze Zauber jener Meerlandschaft, zu der sich wie im Heimweh nach der mütterlichen Flut der Karst, der dunkle Tarnovanerwald und die julischen Alpen mit ihren leuchtenden Berggesichtern niederdrängen, über mich.

Es ist von Monfalcone nach Miramare fünf Stunden Wegs um das innerste Golfrund der Adria. Sie bieten dem Wanderer das Schönste, was im Bereich dieses Meeres liegt!

Zwar weicht schon nach der ersten Wegstunde die Campagna stagnierenden Reissümpfen; allein auch sie sind nicht reizlos. Zwischen Sumpf und Meer steht, malerisch an einen Felsrücken gelehnt, die altersgraue Kapelle Sant' Antonio, welche alljährlich zur Frühlingszeit die Schiffer der Umgebung zur Bootsweihe in ihre Räume sammelt. Bereits im Sumpf erhebt sich ein hübsches, modernes Gebäude, das Bad Monfalcone. In seinem Hof dringt eine Schwefelquelle von 40 Grad Celsius aus dem Moorboden, die mit dem Meere ebbt und flutet. In den Gängen hangen die Krücken dankbarer Gichtbrüchiger, die als Lahme gekommen und als Gesunde gegangen sind. Die heilsame Quelle lockt allsommerlich eine kleine Fremdenkolonie nach Monfalcone. Da das Badegebäude wegen der fiebererregenden Dünste, welche am Abend aus den Sümpfen aufsteigen, nicht bewohnt werden kann, beleben die Badegäste die paar Gasthöfe der Stadt. Regte sich hier der nämliche Unternehmungsgeist, wie in manchen Tälern des Gebirges, so wäre Monfalcone der Welt schon lange als ein südösterreichisches Ragaz bekannt.

Der Sumpf östlich vom Bad war um die Wende unserer Zeitrechnung noch ein mit dem Meer zusammenhängender Binnensee, in welchem hin und wieder eine römische Flotte vor Anker lag. Jetzt schleicht vom Karste her die Lokavaz, ein unheimliches, trübes Gewässer, durch diese Gegend zum nahen Meer.

Jenseits des Flusses liegt der merkwürdige Ort, wo an der letzten innersten Bucht der Adria die lombardisch-venetianische Tiefebene ausgeht, die Alpen mit ihren felsklippigen Ausläufern sich ans Meerblau drängen, der flache, reizlose Lagunenstrand des adriatischen Westens den malerischen Felsenufern des Ostens weicht und sich die östlichste, von der Romantik der Halbkultur umschleierte große Halbinsel vom europäischen Festland löst.

Es ist, als ob die Natur den Angelpunkt, wo sich Alpen, Meer und Tiefland stoßen, der europäische Osten sich vom Westen scheidet, selber mit einem ihrer herrlichsten Wahrzeichen hätte schmücken wollen; denn da rauscht in drei Quellen aus unerforschten Felsenschlünden der kürzeste Strom Europas, der Timavo auf.

Die altersgraue Kirche San Giovanni, eine Mühle, deren Werke seit längerer Zeit ruhen, einige kleine Häuser und etwas Grün schmücken die Quellen, und Barken fahren bis an den Ursprung den langsam abfließenden Strom hinauf, der sich schon nach wenigen Kilometern Laufes in die Bläue des Meeres verliert.

Seine Geschichte greift hinauf bis in die graue Sagenzeit, und seine Wasser sind geweiht durch Argonautenzug und Äneis. In einem heiligen Eichenhain stand an seinem Ufer ein Tempel des Diomedes, der den Griechen im Kampf gegen Troja mit achtzig Schiffen zu Hülfe gekommen war, und später einer der Hera, der großäugigen, lilienarmigen Göttin.

Der Trimavus muß im Altertum, als er die damaligen Schriftsteller und Dichter, einen Virgil, einen Strabo, einen Plinius, Martial und Cornelius Nepos, zum höchsten Staunen hinriß, noch ein ganz anderer gewesen sein als in unserer Zeit; denn sie feiern ihn in bewundernden Ausdrücken als die »Mutter des Meers«, und der Sänger der Äneis meldet:

»… Per ora novem vasto cum murmure montis
It mare proruptum et pelago premit arva sonanti«[1]

[1]

»… Durch neun Münde und unter dem Seufzen des Berges
Bricht er ins Meer und peitscht mit tönender Woge die Felder.«

Neun Quellen, nach andern Schriftstellern auch zwölf, hatte also damals der Timavus, und schauerlich großartig trat er zu Tage – heute ist er bis auf drei versiegt. Dennoch tritt auch jetzt noch der Wanderer mit einer gewissen Ehrfurcht an den seltsamen Fluß, der mit immer noch starker Wasserfülle als ein herrliches Naturrätsel von dannen strömt.

Naturrätsel! Wenn das Rätsellösen so viel bedeutet, als an die Stelle des einen ein anderes zu setzen, dann ist auch der Timavo, seine einstige Wassergröße, seine jetzige Kleinheit, dann sind seine Zuflüsse enträtselt.

Eine scharfsinnige Hypothese bringt nämlich seinen Wasserverlust mit der Bildung des Isonzo in Zusammenhang. Dieser soll im Altertum bei Görz im Karst verschwunden sein; allein im Mittelalter haben sich die unterirdischen Verbindungskanäle dann verstopft, der Isonzo sei nach Süden ausgebrochen, wodurch der jetzige Unterlauf desselben entstand, der Timavus aber um eine Reihe von Quellen verarmte.

Diese Hypothese hat ungemein viel für sich. Noch heute existiert zwischen der Wippach und dem See Dobredo ein Zusammenhang; denn bei großen Wasserständen des Flusses steigt auch der See, und heute noch hört man in der Grotte von Jaminiano das Rauschen unterirdischer Wasser, die in der Richtung gegen Timavo abfließen.

Seinen jetzigen Hauptzufluß – das steht ganz außer Zweifel – erhält der Timavo von der Reka, einem Karstwasser, das sich bei San Canziano ein paar Stunden gebirgseinwärts von Triest in eine Kalksteingrotte verliert. Die Entfernung von San Canziano zum Timavo beträgt über dreißig Kilometer. Man hat die Grotte, die sich in unmittelbarer Nähe der Kirche des Dorfes zum Empfang der Reka öffnet, eine Strecke weit erforscht. Es soll, so sagen die Höhlenpioniere von Canziano, ein wunderbares, unbeschreibliches Gefüge von Gängen, Hallen und Erkern sein, durch welches sich die Reka windet, ein Seitenstück zur Grotte von Adelsberg.

Jenseits des Timavo beginnt die Straße mählich anzusteigen. Da liegt zwischen ihr und dem Meer der Wildpark von Duino, ein großer, dichter Terebinthenhain, der ein beredtes Zeugnis dafür bildet, daß der Karst von Natur aus kein kärglicher Boden ist, daß erst der Unverstand der Menschen ihn zu der dürren Steinwüste gemacht hat.

Hinter dem Park ragen die altersgrauen, verwitterten Mauern des Schlosses Duino auf hohen, malerisch zur See abstürzenden Felsen auf …

»Es stand in alten Zeiten ein Schloß so hoch und hehr,
Weit glänzt es über die Lande bis an das blaue Meer.«

Man muß unwillkürlich an diese Uhlandsverse denken, wenn man die alte gewaltige Feste sieht. Man sagte mir, es sei die größte am Mittelmeer! Uralt ist sie; denn schon die Hohenstaufen haben auf ihren Italienfahrten in Tybein, wie der alte, deutsche Name der Burg lautet, gern gerastet; ja ihre Anfänge gehen bis in die Römerzeit zurück. Es muß damals in dieser Gegend ein vorzüglicher Wein gewachsen sein; denn Livia, die Gemahlin des Augustus glaubte es diesem zu verdanken, daß sie über die achtzig Jahre alt geworden ist.

Landeinwärts vom Schloß bildet ein Dutzend dazu gehöriger Pächterhütten eine kleine Ortschaft. In ihrer Mitte ist das schwarze, ungemein feste Eingangstor zum Schloß. Dieses selber besteht aus einem Gefüge von Bauwerken aus verschiedenen Jahrhunderten, die sich alle um einen dicken, viereckigen Turm drängen.

Die gegenwärtige Besitzerin des Schlosses, eine Fürstin Hohenlohe, hat die weitläufigen Gemächer desselben mit vielen römischen Fundstücken, alt-venetianischen Holzschnitzwerken und herrlichen Gemälden geschmückt, von denen manche den besten italienischen Meistern angehören. Sie ist selber eine Malerin von hohem Talent, und es kann für eine Künstlerin in der Tat keinen Ort geben, wo sich die Phantasie mehr befruchtet, als in dem sagen- und efeuumrankten Schloß, vor dem das südliche Licht über den Azur des Meeres zuckt und flutet. Achtzig Meter steigen die zerrissenen Uferfelsen lotrecht von der See auf, und in ihren Rissen grünt eine Vegetation, die mit ihren Agaven und Kakteen an noch südlichere Gestade erinnert.

Auf einem grauen, verwaschenen Felsen in der See, der durch ein zackiges Riff mit dem Festland verbunden ist, liegen die Ruinen der Stammburg, Tore, Bogen und Türme, durch welche das tiefe Blau des Himmels scheint; ein ungemein malerisches Bild, wie denn das Meergestade von Duino in seiner Art etwas einzig Schönes hat.

In der Nähe ist eine kleine Sardellenfabrik und der Hafen von Duino. Nichts Angenehmeres, als sich hier hinausrudern zu lassen auf das träumende Meer, unter dem Schloß hin und längs der steilen, zerrissenen Uferfelsen. Hier wäre der Ort für eine südliche Lorelei! Oben in einem Saal des Schlosses steht eine goldene Harfe; allein ich vermute, daß sie, die wohl von Harfner oder Harfnerin einst in Minneleid und Minnefreude geschlagen worden, nun gute Ruhe hat.

Und wie sollte eine Lorelei hier Stätte haben, wo der Sterblichen Gewaltigster einer gedichtet hat. – Dante! Man zeigt unter dem Schloß einen in die See vorspringenden Felsen, welchen die Sage zu einem Lieblingsaufenthalt des großen Florentiners weiht.

Die Landschaft östlich vom Schloß mahnte mich etwas an den Urnersee. Es ist wunderbar still da unten; nur die prächtig gefärbten zierlichen Quallen, die in geselligen Schwärmen durch die Meerflut ziehen und vor der nahenden Barke fliehen, das Aufblinken sich tummelnder Seefische und das Geschrei aus- und einfliegender Tauben und Spyrschwalben, die ihre Geniste in den Löchern des Felsensturzes haben, bringen etwas Leben in den strengen Ernst des Ufers und das sonnige Lächeln des Meeres. Drei Felsen, die aus dem Steilhang des Ufers treten, heißen die »drei Altäre.«

Die Bucht von Sistiana, ein reizendes Meeridyll, legt eine Bresche in den Felsengürtel, der das Meer von Duino umschlingt. An ihrem Eingang sieht man nach Aurisina hinüber, das ein halbes Stündchen entfernt sein mag. Dort steht das Maschinenhaus der Wasserversorgung von Triest. Die Pumpwerke derselben schaffen das am Meeresstrand den Felsen entquellende Wasser auf das Plateau von Nabresina hinauf, das hundert Meter über dem Seespiegel liegt.

Bei Sistiana, wo eine Menge der Steine, die zum Hafenbau von Triest verwendet worden sind, gebrochen wurden, stiegen wir wieder hinauf auf die Straße Monfalcone-Triest. Sie führt durch eine Landschaft vom echtesten Karsttypus. Ringsum starrt ein Chaos zernagter Felsen, wie aus dem Boden gewachsen, uns entgegen. Doch bilden sie eine Menge, zum Teil großer Dolinen, seltsame, dem Karst eigentümliche Gesteinskessel, deren Grund mit einer üppigen Vegetationsdecke ausgeschlagen ist. Die Dolinen sind ein ungemein liebliches Kontrastbild zu der Trostlosigkeit der übrigen Landschaft; denn auf den Miniaturäckern, die im Grund derselben liegen, gedeihen, dem zerstörenden Hauch der Bora entrückt, die zuweilen mit furchtbarer Gewalt über diese Gegend fegt, Wein und Öl, Mandel und Feige wie drunten am Meer.

In einem weiten Bogen überspannt ein Kolossaldamm der österreichischen Südbahn das Küstenplateau, und durch ein Tor dieser gewaltigen Baute gelangen wir in das berühmte Steinbruchgebiet von Nabresina, dessen mattweißer Marmor schon der Stolz des ehemaligen Aquileja war und das heutige Wien mit den Prachtbauten der Ringstraße schmückt.

Durch einen Bogen eines zweiten, sechshundert Meter langen Bahnviaduktes gelangen wir nach Nabresina selbst, einem slavischen Dorf, bei dessen Station sich aus der Hauptlinie Venedig-Wien der Schienenstrang nach Triest herauslöst, um sich längs der Ufer von Miramare in die adriatische Handels- und Hafenstadt hinabzusenken.

Nabresina und die mehr nach Osten vorgeschobenen Dörfer Santa Croce und Prosecco sind beliebte Ausflugsziele des nahen Triest, von dem die Straße in zahlreichen, engen Windungen nach Prosecco emporklimmt, fröhliche Stelldichein der lebenslustigen Jugend. Bei der eingebornen Landbevölkerung hat sich noch eine hübsche Mädchentracht, ein Schapel, ein weißes, geschmeidiges Brusttuch und eine rote oder blaue Schürze, alles von Seide und reich gestickt, erhalten. Es liegt etwas ungemein Gutmütiges, mehr Trauriges als Fröhliches, mehr Demütiges als Keckes in den Gesichtern ihrer Trägerinnen, deren wasserblaue Augen und wenig belebte Züge scharf gegen das ewig bewegliche Element und die Glutaugen der italienischen Strandbewohnerinnen abstechen.

Da sind wir auf der Höhe von Prosecco, jenem kühnen Vorgebirg nächst Triest! »Vedere e morire!« Sieh's und stirbt – So spricht der Neapolitaner von seiner Stadt; allein schöner kann Neapel nicht sein, als der Blick von Prosecco. Da steht man, schaut man, – und schweigt!

Tief zu unsern Füßen liegt wonnig und sonnig die Adria, und weiße Segler ziehen nah und fern auf leuchtender Flut. Etwas links baut sich, vom Mastenwald seines Hafens emporsteigend, Triest an grünen Hügeln auf. Über dem Golf von Capo d'Istria winkt Pirano auf olivenreichem Vorgebirg herüber, während in blauender Ferne Himmel und Meer eines ins andere übergehen. Zur Rechten senkt sich steil eine Riviera von silbergrauen Ölbäumen und dunkelgrünen Lorbeerwäldchen, von Rebengrün und Myrtenhainen zur Punta Grignana ab, auf deren äußerstem Vorsprung ein zu Stein gewordenes Märchen, Schloß Miramare, aus einem Terebinthen- und Lorbeerparke steigt. Noch weiter rückwärts gegen Duino stürzen die Karstfelsen jäh und handlos zur blauen Flut. Meerherüber grüßen die Pinien von Barbana, Grado, die Inselstadt, der Campanile von Aquileja, die Lagunen und in träumender, nordwestlicher Ferne die julischen und italienischen Alpen.

Allein das sind nur einige Fixpunkte; denn ein Bild wie dasjenige von Prosecco läßt sich nicht wiedergeben; es kann nur ein selbstgeschautes, kein übertragenes sein. Was ich nicht zu beschreiben vermag, das ist der jäh wirkende Zauber des Meerbilds, der Wandel der übers Meer spielenden Sonnenlichter, jenes Geheimnisvolle, mit dem eine fast grenzenlose Meerperspektive auf die Seele wirkt und sie mit einem leisen Heimweh nach dem sonnigen Hellas und den Märchen des Morgenlandes füllt.

Zögernd scheiden wir von dem herrlichen Punkt, zögernd, als könnte unserem Auge das schöne Bild mit den sonnigen Weiten plötzlich entzogen werden, und steigen durch die Weinberge von Prosecco, wo ein feuriger Schaumwein wächst, durch hochromantische Felsenpartien, malerische Kastanienwäldchen und Olivenhaine hinunter zur Südbahn, welche von Triest aus an dem üppigen Küstenhang das Plateau von Nabresina gewinnt, und hinunter zu den Lustgärten von Miramare.

Miramare! – Liegt nicht schon im Wort südlicher Wohllaut? »Wunder des Meeres« heißt's zu deutsch, und ein Wunder ist's, das Marmorschloß am Meer mit seinen Gärten. Da rauschen die Pinien im lauen Wind, und zierliche Wege ziehen drunter hin; da glänzen und duften Myrte und Lorbeer; da schreitet man unterm grünen Dach der Madeirareben, durch schattige Lauben und kühle Grotten, an halbverborgenen Teichen, über welche die Schwäne ihre Ringe ziehen, hinab zum Marmelpalast. Fast zu üppig ist hier der Duft blühender Schlingpflanzen, die über die Arkaden klettern. Die Kamelien blühen, die wie aus Wachs gegossen im Weiß der Lilie und im Rot der Rose prangen. Er ist einzig, der Kamelienflor von Miramare. Da, auf der Gartenterrasse nächst dem Schloß, wo herrliche Erzbilder auf ihren Postamenten stehen, wo wehende Palmen mächtig auf zum Sonnenlichte streben, mutet's den Wanderer märchenhaft an; da scheint eine Fee ihren lieblichsten Träumen Gestalt verliehen zu haben; da scheint alles gefeit gegen Sorge und Gram, gegen Unglück und Tod; ein Eden, dieses Miramar!

Und dennoch trauert Miramare! Es trauert um den Erzherzog Max, seinen Schöpfer, der sich als ehemaliger Statthalter des lombardisch-venetianischen Königreichs mit freiheitlicher Gesinnung eine heute noch lebendige Sympathie in den Herzen der Küstenbewohner erworben hat, eine Sympathie, die mit schuld sein soll an der tragischen Geschichte des hochbegabten Fürsten.

Es war im Jahr 1856, in seinen Bräutigamstagen, als Max auf der Punta Grignana Miramare, das in normännischem Stil gehaltene Schloß, dessen heller Schein so wundersam über das triestinische Golfrund leuchtet, und die Parkanlagen schuf. Im folgenden Sommer führte er sein junges Weib Charlotte, die schönheitsstrahlende, ehrgeizige Belgierin, in den zauberhaften Meerpalast heim. Er stand damals an der Schwelle der dreißiger Jahre und war ein liebenswürdiger, hochgebildeter Mann, der auf mannigfachen Reisen durch die gesamten Mittelmeerländer und auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem ein schönes Stück Welt gesehen hatte; sie eine kaum Siebenzehnjährige, mit allen Vorzügen einer ungewöhnlich tüchtigen Bildung, dabei von ernstem, arbeitsamem Wesen, aber auch von einem maßlosen Ehrgeiz. Das liberale Österreich sah mit Hoffnungen auf das Paar, welche den Neid der Wiener Hofburg herausforderten; denn Max war um seiner persönlichen Ritterlichkeit und Liebenswürdigkeit willen weitaus der volkstümlichste der Habsburger, doch für einen Staatsmann von zu weichem Naturell, und das hat denn auch die furchtbare Tragik in sein Leben gewoben.

Man kennt das »Trauerspiel« in Mexiko. Das Land und die Ereignisse, welche damals zwei Welten in fieberhafter Spannung hielten, sind zwar in den geschichtlichen Hintergrund getreten; von den Hauptbeteiligten sind alle tot: Kaiser Max, das Opfer, Napoleon, der Komödiant und Verführer, Bazaine, das Werkzeug, Juarez, der großmütige Feind, Lopez der Verräter, General Diaz, der Scherge; nur eine lebt noch, wenn Irrsinn leben heißt, Charlotte, die schöne ehrgeizige Belgierin. Auf dem Schloß Tervueren bei Brüssel lebt sie noch.

Allein wenn man auf den Parkwegen von Miramare wandelt, wird einem die Geschichte, die Johannes Scherr mit bitterer Ironie eine »Tragikomödie« nennt, wieder neu, und die Toten stehen wieder auf.

Es war im Jahr 1860, als Napoleon III. zum erstenmal als Versucher an den Erzherzog herantrat und ihm die Kaiserkrone von Mexiko anbot. Man kann von Max zwar nicht sagen: »Versucht und verführt.« Nur zögernd, erst am 10. April 1864, als zu Miramare eine mexikanische Deputation erschien und ihm die Krone namens des mexikanischen Volkes bot, nahm er sie; allein er nahm sie, denn er war ehrgeizig, sein Weib Charlotte noch mehr, und die kaiserlichen Verwandten, denen die Volkstümlichkeit des Erzherzogs schon lange ein Dorn im Auge gewesen war, hatten nichts dagegen einzuwenden.

Vier Tage später sagten Maximilian und Charlotte Miramare Lebewohl. Nie zuvor und nie später haben sich in den Wegen der herrlichen Gärten so viel Menschen bewegt, wie am Morgen des Scheidetags. Beim Einstieg des kaiserlichen Paars ins Boot blieb kein Auge trocken. Mit Recht! Was Max dem Küstenland gewesen, das haben die folgenden Jahrzehnte in keiner Weise ersetzt.

Unter einem Blumenregen, unter den Segenswünschen des sich zudrängenden Volkes schritt das Paar zum kleinen Hafen, und ein Boot, auf dem ein roter Sammet-Baldachin aufgeschlagen war, führte es hinaus auf den Golf, wo die »Novarra«, das Lieblingsschiff des Kaisers, im Schmuck der Wimpel und Flaggen zur Aufnahme der kaiserlichen Passagiere bereit stand.

Dann donnerten die Kanonen; vom Ufer schollen die »Lebewohl«; die »Novarra« fuhr, von dem französischen Kriegsschiffe »Themis« begleitet, im Glanz des jungen Frühlingsmorgens, beim klarsten Lächeln des südlichen Himmels hinab gegen Pirano, bis sie am Horizont verschwand. – Die »Novarra« ist wiedergekehrt, der Kaiser nicht!

Als Maximilian I. in Mexiko zu herrschen begann, waren alle tüchtigen Elemente des von den Franzosen vergewaltigten Volkes gegen ihn, den aufgezwungenen Herrscher, eingenommen, und der Widerstand der Freisinnigen trieb ihn in die Arme der Priesterpartei. Sie verführte ihn zu dem Dekrete vom 3. Oktober 1865, das seine mexikanischen Gegner für »vogelfrei und außer dem Gesetze stehend« erklärte, Hunderte von patriotischen Mexikanern dem Standrecht preisgab und im Land eine furchtbare Erbitterung gegen den Kaiser erregte.

Zudem hatten die amerikanischen Nordstaaten Maximilian nie als Kaiser von Mexiko anerkannt, und als diese über die rebellischen Südstaaten, die dem Kaiser günstig gestimmt waren, gesiegt hatten, verlangte Johnson, der Präsident der Union, von Frankreich, daß es seine Truppen aus Mexiko zurückziehe.

Vor seiner festen Sprache gab Napoleon nach; die Zustände in Mexiko wurden immer unhaltbarer und im Sommer des Jahres 1866 wollte Maximilian die mexikanische Kaiserkrone ablegen. Allein Charlotte hielt die Feder, welche diesem Entschluß Rechtskraft geben sollte, zurück; denn der Kaiserinnentraum war für sie zu schön, und sie verteidigte ihn mit einer Kraft, die einer bessern Sache wert gewesen wäre. Zwei Tage nach diesem Ereignis brach sie im fernen Mexiko nach Frankreich auf, um Napoleon III. um Innehaltung seines Vertrages zu bitten. Am 10. August kam sie in St. Cloud an und erlangte, als sie der wortbrüchige Herrscher nicht vorließ, mit Gewalt eine Unterredung mit ihm. Erst eine demütig um Hülfe Bittende und, als der Kaiser hart blieb, eine Furie, hat sie diesem Manne vielleicht das Bitterste gesagt, was er aus Frauenmund je gehört hat.

Vierzehn Tage später irrte sie, eine Verzweifelnde, durch die Gemächer ihres Marmelpalastes am Meer; Verzweiflung und Irrsinn peitschten sie wieder fort, nach Rom zu den Füßen Pius IX. Dann kam sie wieder nach Miramare, eine vollständig Wahnsinnige. Maximilian hat sie nie mehr gesehen.

Napoleon zog vertragsbrüchig Truppe um Truppe aus Mexiko zurück, und nach vergeblichen Versuchen, Maximilian zur Abdankung zu bewegen, überließ er ihn seinem Schicksal.

Eine Weile schien es, als wollte Maximilian, den Tatsachen weichend, ernstlich den Rückzug vor den immer mächtiger vordringenden republikanischen Heeren vorbereiten; allein auf diesem Rückzug ereilte ihn in einer einsamen Hazienda bei Orizaba eine Depesche, welche ihm über das Schicksal seines Weibes Aufschluß gab.

Niemand weiß nun recht, was im Hirn und Herzen des unglücklichen Kaisers vorging; genug, Maximilian kehrte um die Jahreswende 1866/67 in die Hauptstadt Mexiko zurück, und am 15. Mai erreichte ihn, von den republikanischen Heeren bis an die Grenze des Landes hinausgedrängt, zu Queretaro das Verhängnis. Von Oberst Miquel Lopez, einem Verwandten des Marschalls Bazaine, um 10 000 Pesos verraten, gab Maximilian, nachdem er das letzte Bollwerk, den Cerro de las Campanas, mit einem Häuflein getreuer Österreicher verteidigt, den Degen ab und war der Kriegsgefangene der Republikaner.

Ein Kriegsgericht von sieben Mann sollte über das Los des Gefangenen entscheiden; die europäische Diplomatie tat alles, um ihn zu retten; selbst Juarez, der feindliche Anführer, wollte großmütig das Leben Maximilians schonen. Allein der Fluch des Oktoberdekrets fiel auf seinen Urheber zurück. In der Mitternacht des 14. Juni wurden Maximilian I. und zwei seiner Generäle von dem republikanischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt.

Vier Tage später stand in der Morgenfrühe auf dem Cerro de las Campanas ein Truppenviereck und in dessen offener Seite Maximilian mit seinen zwei Generälen.

Nachdem der Kaiser seinen letzten Besitz, eine Hand voll Geld, die er bei sich trug, durch einen Unteroffizier hatte verteilen lassen, rief er: »Möge mein Blut das letzte sein, welches für das Vaterland geopfert wird … Es lebe Mexiko … Auf die Brust! Zielt nach dem Herzen! Zielt gut! … Arme Charlotte!«

Unter dem Knattern der Gewehre, dem Wirbeln der Trommeln, dem Klang der Hörner und unter den freudigen Rufen der Mexikaner: »Freiheit und Unabhängigkeit!« sanken die drei Männer auf den Grund …

So starb Maximilian I. Ein Schrei der Entrüstung ging durch Europa; aufrichtig betrauert aber und nicht vergessen hat man Max nur an der Adria, im Küstenland.

Seit er an jenem schönen Aprilmorgen auszog ins Kaiserelend, steht das Lustschloß vereinsamt und verwaist. Selten, und immer nur für wenige Tage, kehren die Glieder der kaiserlichen Familie in die luxuriösen Hallen ein; es scheint ihnen nicht wohl zu sein in den duftschwülen Gärten am Meer.

Dafür wallt in blühender Sommerszeit der Naturschwärmer und Künstler Triests zum Lustschloß Miramar.

Treten auch wir jetzt durch den mit mittelalterlichen Waffen geschmückten Korridor ins weite, helle Kaiserhaus, an der Hauskapelle vorbei in die marmelverzierten Gemächer, in die weite Bibliothek, wo die Büsten Homers, Dantes, Shakespeares und Goethes stehen. Bis an den Plafond reichen die offenen Büchergestelle, von prachtvollen Einbänden, von Gold und Silber schimmernd; aber die Bücher sind tot; seit Max gestorben, hat sie keine Hand mehr aufgeschlagen.

Nebenan ist das Arbeitszimmer Maximilians. Es hat die Form der Kajüte, welche er auf der »Novarra«, jenem Schiff bewohnte, das ihn in seinen jungen Jahren in die verschiedenen Mittelmeerländer und später nach Mexiko geführt. Hier hat er jene anziehenden Bücher: »Aus meinem Leben« und »Aphorismen« geschrieben, die nach seinem Tod das teuerste Vermächtnis für seine Freunde waren. An den Wänden dieser Koje hangen zwei Bilder: »Die Ermordung Cäsars« und »Maria Antoinette im Gefängnis.« Ob der fürstliche Arbeiter sich's je geträumt, daß sie zu seinem eigenen Geschick beziehungsvoll würden?

So geht es fort durch eine weite Flucht von Gemächern. Da funkelt's von Gold- und Seidentapeten; da stehen kunstvoll geschnitzte Möbel, altertümliche Uhren und Schränke; da gleitet der Fuß auf Wunderwerken von eingelegten Parketts; da hangen von herrlichen Decken zierliche Lustres, Meisterwerke der Goldschmiedekunst. Alles erzählt von der üppigen Phantasie seines Schöpfers, der einen großen Teil der Pläne und Zeichnungen für den Bau mit eigener Hand entworfen hat.

Genug von dieser wundersamen Pracht. Viele stolze Schlösser und größere als Miramare habe ich in jüngern Wandertagen in Frankreich gesehen, aber keines, wo Natur und Kunst sich zu einem so wirkungsvollen Ganzen, zu so bestrickender Schönheit verschwistern wie in Miramare.

Treten wir hinaus auf eine der Balustraden. Noch ist's das Bild von Prosecco:

»Es singt und klingt das blaue Meer
So sagenreich, so wunderhehr.
Es rauscht der weiße Schaum der Welle
Melodisch an die Marmorschwelle
Und drücket auf des Schlosses Fuß
Den schauerkühlen Nymphenkuß,
Und als zurück die Wogen prallen,
Da zittert's wonnig durch die Hallen.«

Ich habe den schönen Versen, mit denen Max selber sein stolzes Haus gefeiert, nichts beizufügen. Und nun reißen wir uns los; denn freiwillig scheidet wohl keiner von dem »Wunder des Meers.« Drunten im Hafen an der Gartenterrasse wartet unser der Fährmann, der uns zurück nach Monfalcone führen soll.

Das Ruder plätschert in kristallner Flut; die Berge stehen im Abendglanz; alles ist Daseinswonne, Frieden und Licht, und von Miramare her streicht der Blütenduft über die See.

Bald ziehen Glockentöne übers Meer. »Ave Maria! Ave Maria!« Nah und fern fallen die rauhen, sonnverbrannten Fischer in ihren Segelbooten auf die Kniee und beten zur gnadenreichen Gottesmutter um glücklichen Fischfang, um ihren Schutz zur See, um gnädige Erhaltung von Weib und Kind.

So kommt die Nacht, die laue Südnacht mit ihrem Sternbrevier. Von Triest her flammen tausend Lichter; der Leuchtturm spielt mit seinen wechselnden Signalen; doch schon beginnt

»Den Osten Mondlicht zu erhellen,
Und zitternd funkelt's auf den Wellen.
Still wird's auf weitem Meeresplan,
Und rauschen hört man nur den Kahn.«