Triest.

Wenn man von Venedig kommend bei Monfalcone den innersten Busen der Adria umfährt, dann schimmert an der östlichen Küste blendend weiß, wie der Leib eines schönen Menschen, der zum Bad ans Meerufer niedergestiegen ist, die Stadt Triest. Im Halbzirkel baut sie sich vom lachenden Golf zum Kastellhügel und malerischen Uferhöhen empor. Olive und Lorbeer haben die Unfruchtbarkeit des Karstgesteins besiegt und schlagen mit herrschaftlichen Gärten einen üppig grünen Rahmen um das glänzende Stadtbild.

Von ferne könnte man glauben, alle Häuser seien von Marmor; kommt man aber hinein, so sind sie kaum anders als irgend sonst wo in einer großen Stadt; mächtig und prächtig, an die schönsten Plätze von Wien oder Paris erinnernd im neuen Teil, der das Vorland zwischen Küstenhang und Meer bedeckt, klein, düster und elend in der Altstadt, deren Straßen sich eng und steil von der Zitadelle zum neuen Stadtteile hinunterziehen. Doch hat Triest etwas Besonderes, was manch größere Stadt nicht hat, nämlich einen hochragenden Mastenwald vor seinen Häusern.

Der Nationalstolz nennt Triest das »österreichische Hamburg«, eine Metapher, bei der man etwas Übertreibung mit in den Kauf nehmen muß. Triest ist kein Hamburg, aber immerhin das gewaltigste Handelsemporium an der Adria und, abgesehen von Fiume, das die Ungarn zur Blüte zu bringen suchen, der einzige große Hafen der habsburgischen Monarchie.

Der Zug fährt von Nabresina in drei Viertelstunden in die Stadt hinunter und legt auf dem Wege dahin dem Reisenden die ganze Pracht des Golfes von Triest, ein wundersam wonniges Bild, zu Füßen.

Aus der hohen Halle des schönen Bahnhofes tritt man auf den geräumigen Vorplatz, und vor dem eigentümlichen Reiz, der beim Anblick eines Seehafens das Herz der Landratte packt, muß in der ersten Stunde jedes andere Interesse dem am Hafenbilde weichen.

So ging's mir nicht nur das erste, so ging's mir auch die folgenden Male, als ich nach Triest kam. Ich wurde nicht müde, den Quai auf und ab zu wandeln, mich an den bunten Flaggen und Wimpeln, die lustig gegen den dunkelblauen Himmel emporflatterten, an dem Gewirre von Masten, an den riesenhaften Kauffahrteischiffen, an dem lebendigen Gewühl der Gaete, Mistici, Navicelli, Trabaccoli, Brazzere, Tartome, und wie immer noch das Gewimmel jener kleinern Boote, Schaluppen und Kähne, die zwischen den Riesenleibern der Ostindienfahrer durchschwärmen, sich nennen mag, zu ergötzen. Diese gebrechlichen Nußschalen, oft von bizarrer Form und buntem Anstrich, mit ihrem sonnengebräunten, malerisch verwilderten Matrosen- und Fischervolk, sind nicht weniger interessant als die Giganten des österreichischen Lloyd, als der »Polluce«, der »Helios«, die gewaltige »Pandora« oder die »Medusa«, in deren Tauwerk die braunen Jungen mit der Gelenkigkeit von Katzen auf- und niederklettern. Macht ein solcher Schiffspalast »klar«, so verfinstert eine Rauchpinie den Molo, bis der Koloß hinauswogt in den offenen Golf.

Man sagt, daß jährlich 1600 Dampfer und 7000 Schiffe langer Fahrt in den Hafen von Triest einlaufen und daß sie zusammen für über 400 Millionen Kronen Waren bringen. Kein Wunder, wenn hier alles Leben und Bewegung, Handel und Wandel ist!

Dennoch fühlt sich der Fremde vom Hafenbild Triests einigermaßen enttäuscht; denn die durch acht größere und viele kleinere Moli voneinander getrennten Bassins, die sich in der Länge einer halben Stunde eines ans andere reihen, sind gegen das Meer hin offen und widersprechen durchaus jenem typischen Hafenbilde von der dreiseitig sturmverschlossenen Bucht, wo die Schiffe ruhsam ankern können.

In der Tat war der Hafen von Triest früher wegen seiner vielen Schiffbrüche in Verruf, und die Stadt hätte nie der blühende Handelspunkt werden können, wenn sie sich nicht durch gewaltige Bauten jenen Schutz, den die Natur ihrer Rhede versagt, selber geschaffen hätte. Die neue Anlage hat dreißig Millionen Kronen gekostet. Ein dem Hafen vorgelagerter, sechszehn Meter vom Grund der See aufragender Damm, »der Wellenbrecher«, schützt ihn nun gegen den Wogendrang der hochgehenden Adria, so daß jetzt die ungünstigen natürlichen Verhältnisse desselben aufgehoben sind.

Auf der Spitze des südlichsten Molos steht der 33 Meter hohe Leuchtturm, welcher im Anfang des 19. Jahrhunderts nach dem Modell des berühmten Turmes auf der Eddystoneklippe in nach oben verjüngt zulaufender Form gebaut worden ist. Während des Tages schmücken die Flaggen der jeweilen ankommenden Schiffe seinen Signalmast; wenn die Nacht hereinbricht, spielen die Feuersignale seiner Laterne mit blitzartigen, durch Momente vollkommener Dunkelheit getrennten, bald hellern, bald schwächern Lichtern über die See, sodaß der Adriafahrer schon 30 Kilometer von Triest das helle Blinken gewahrt.

Wenn ich an den Leuchtturm von Triest denke, dann stehen zwei Bilder, die ich von der Höhe seiner Plattform genossen, vor meinem Blick: ein wundersamer, stiller Meeresabend, an dem die See regungslos und lächelnd, golden besonnt und unermessen vor mir lag. Das verworrene Geschrei der Lastträger, das Rasseln der Fuhrwerke und der schrille Laut der Dampfpfeife erreichten schon halb verhallt den schönen Standpunkt. Die lichtübergossene Uferlehne von Miramare im Norden, die schroffen istrianischen Küstenhänge im Süden und die Stadt mit ihren leuchtenden Häuserfronten zwischen ihnen fesselten das Auge gleichermaßen. Von Pirano her, der hellschimmernden Stadt auf dem westlichen Vorgebirge von Istrien, kam das winzige Lokalboot, während eine Flottille größerer Segler, die jedenfalls nur einen Levante abwarteten, um nach Venedig hinüberzufahren, unbeweglich vor der Bucht von Capo d'Istria stand. Andere stiegen am fernsten Horizont als schimmernde Punkte malerisch auf oder versanken; Scharen von Möven und andern Vögeln zogen über dem herrlichen Golfe ihre Kreise.

Etwas unendlich Weiches, Träumerisches, ein wundersamer Frieden, der erlösend in die Menschenbrust übergeht, lag da im Meerbilde von Triest.

Wie ganz anders habe ich die gleiche Landschaft das zweitemal gesehen! friedlos, von schmerzlicher Melancholie bewegt; das Land, sturmempört, vom Scirocco gepeitscht die See, ängstlich sich zum Hafen flüchtende Barken, bald hoch auf zerspritzenden Schäumen, bald tief in den Mulden der Wogen. In langgestreckten Zügen, wogend und ringend, hier zergehend, dort auferstehend, fluteten die Wellen, zerbarsten mit furchtbarem Prall an den Fundamenten des Turmes, daß es zitternd durch seinen Steinleib ging, und strömten brausend ins Meer zurück. Dazu rauschte und pfiff, sang und klang der Sturm.

Es ist auch herrlich und unaussprechlich schön, aber liebe- und erbarmungslos, das stürmende, hochgehende Meer!

Die nördlichen Hafenmauern sind durch Schienengeleise mit dem Warenbahnhofe verbunden, so daß die Eisenbahnfrachtwagen ihre Lasten bis dicht an die Flanken der Kauffahrteischiffe bringen können. Allein diese Verkehrserleichterung scheint dem lauten, beweglichen Leben auf dem Hafenquai, wo italienische und deutsche, slovenische und kroatische, morlakische und neugriechische Zunge vieltönig durcheinandergehen, keinen Eintrag zu tun. Der Lärm und die Zurufe von hundert emsigen Menschen, die sich um das Verladen der Schiffsfrachten auf die Fuhrwerke bemühen, das Rasseln der heransprengenden, das Geknarre der abfahrenden Lastwagen gestaltet das Ufer zu einem wunderbaren Tummelplatze der Arbeit.

Doch auch die Idylle ist nicht weit. Drunten liegen italienische Schiffer und feiern Hafenrast. Sie singen abgebrochene Strophen alter Seemannslieder. Es ist seltsam; auch die bedürfnislosen Söhne des sonnigen Südens legen wie die Fergen der Nordlandsbuchten etwas Tieftrauriges, das einem nicht so leicht wieder aus dem Gehöre kommt, in ihre meergebornen Lieder, in jene eintönigen, getragenen Melodien, deren Schlußakkorde gerade so lange gehalten werden, als der Atem der Sänger reicht.

So ist das triestinische Hafentreiben, hier ein dolce far niente, dort Arbeit, aber voll eigentümlichen Lebens überall. Am Uferrand der Quais liegen die mannigfaltigsten Frachtgüter aufgespeichert: Fässer mit dalmatinischen Weinen, Salztonnen von Pirano, Baumwollballen aus Ägypten, Kaffeesäcke von Java, Indigo von Senegal, Wallonen aus der Levante, Farbholz aus Brasilien und die schwarzen Diamanten aus England, kurz, Schätze von allen Enden der Welt.

Man beziffert den Wert der alljährlichen Einfuhr auf etwas mehr, denjenigen der Ausfuhr auf etwas weniger als 400 Millionen Kronen.

Die teuerste Fracht aber ist der Mensch, der Mensch, dem das weite Heimatland zu eng wird und der das Glück im märchenträumenden Morgenland oder im Sonnenbrand Afrikas oder im fernen aufblühenden Westen suchen geht. Ich kann nicht sagen, wie viel Auswanderer jährlich den Weg über Triest nehmen; ich weiß nur, daß die einen lächeln, die andern weinen, alle prächtige Luftschlösser bauen, wenn das Schiff aus dem Hafen rauscht; daß die einen reich, die andern arm werden; daß sie alle schließlich wieder ein Luftschloß bauen, aber ein enges, kleines, ein wundersam bescheidenes: Sechs Fuß Raum in der Heimaterde. Manchem wird's zu teil, und wem es nicht zu teil wird, den drückt der fremde Boden auch nicht schwer.

Wenden wir uns vom lauten Hafentreiben ab und der Stadt zu, die auf Strand und Hang so herrlich vor uns ausgebreitet liegt, so gelangen wir auf den mit dem Hafen in enger Beziehung stehenden Fischmarkt. Er ist in einem Gebäude der Salzquais untergebracht und bietet ein ins Italienische übersetztes Stück des berühmten Pariser Hallenlebens.

Die Menge der in den ersten Morgenstunden zum Verkaufe gebrachten Seefische, Krebstiere und Muscheln wird nur erklärlich durch die Aufnahmefähigkeit, welche das triestinische Volk diesen Meerprodukten entgegenbringt.

Das Meer ist die Delikatessenkammer des Wohllebens und der Garten der Armut, die sich das trockene Polentamahl mit in Öl gebratenen Sardellen würzt, den Tintenfisch im Topfe siedet, oder eine Art kleiner, den Asseln ähnlicher Krebse zum Abendbrote röstet.

Der stachelflossige, bläuliche Tunfisch, der oft zwei Meter lang und zentnerschwer wird, ist der Riese des Marktes; doch liefern Tintenfisch, Meeraale und plattgedrückte, schiefmäulige Brassen die größte Warenmasse.

Von wirklich feinem Geschmack und auch dem Gaumen des Binnenländers schmeichelnd sind indessen nur die blaue, goldig glänzende Makrele, eine schon bei den Römern hochgeschätzte Tafelzierde, und der Branzin, ein Brackwasserfisch, der in den furlanischen Lagunen häufig gefangen wird. Die Austern von Triest dagegen stehen den venetianischen im Wohlgeschmacke nach.

Ich habe den durchdringenden Fischgeruch der Halle und den Anblick der im Sterben liegenden, schnappenden, zuckenden, oft bei lebendigem Leib verstümmelten Flosser nie lange ertragen können. Ihr Fang und Verkauf enthält ein furchtbares Stück menschlicher Grausamkeit.

Am ruhigsten scheint das Geschlecht der gewaltigen Hummer und der langbeinigen Meerspinnen den Übergang aus der kühlen Salzflut in die warme Luft zu nehmen; denn sie führen, der gemeinsamen Not vergessend, einen letzten Scherenkampf.

Merkwürdigerweise ist der Handel mit den schönen Muscheln in Triest viel weniger zu Haus als in mancher Binnenstadt; denn außer ein paar durchaus gewöhnlichen Exemplaren in einer an die Fischhalle lehnenden Bude fand ich in den triestinischen Läden nichts käuflich. Allerdings sollen hie und da schöne private Sammlungen bestehen, und das Ferdinand-Maximilian-Museum enthält die zum Teil prachtvollen, farbenreichen Muscheln der südlichen Meere in seltener Vollständigkeit.

Östlich vom Hafenquai und südlich vom Bahnhof liegt die Neustadt. Der »große Kanal« dringt vom Hafen bis in den Hintergrund dieses Stadtteils und gestattet selbst Quersegelschiffen, unmittelbar bei den Magazinen zu löschen. Am Ende des Kanals steht St. Antonio nuovo, eine im Anfange dieses Jahrhunderts erbaute einschiffige Kirche mit hübschem Säulenportikus.

Romantische Gedanken läßt die Neustadt nicht aufkommen. Dazu sind ihre Häuser zu modern, ihre Straßen zu rechtwinklig, ihr Pflaster zu gut; die Nüchternheit der triestinischen Handelsleute ist in der Architektur dieses Quartiers zu ihrem entsprechenden Ausdruck gekommen.

Ich wüßte überhaupt keine Stadt von der Größe Triests, wo der Wanderer so unbeschwert von baulichen Merkwürdigkeiten und kunstgeschichtlichen Reminiszenzen seines Weges gehen könnte, wie in Triest. Es ist in dieser Hinsicht das Widerspiel Venedigs, dessen Kunstschätze es nicht zugleich mit dessen Handel geerbt hat. Das Wenige, was es an sehenswerten Gebäuden und Monumenten in der Tat besitzt, drängt sich im Süden der Neustadt um die gegen den Hafen offene »Piazza grande« zusammen.

Den Hintergrund dieses Platzes schließt die reichgegliederte Fassade des Munizipalpalastes, eines modernen Prachtbaues, würdig ab. Auf dem Dach desselben schlagen wie auf der Markuskirche zu Venedig zwei eherne Mohren die Stunden. Davor stehen ein im blühendsten Rokokostil gehaltener, mit vielen Figuren verzierter Springbrunnen und die Marmorstatue Kaiser Karls VI., des letzten Herrschers aus dem Mannesstamme der Habsburger, der mit ihm im Jahre 1736 ausgestorben ist.

Bedeutender noch ist das neue Gebäude, das sich im Süden des Platzes und angesichts des Hafens erhebt. Gleich ausgezeichnet durch seine einfache, edle Gliederung, wie durch seine monumentale Größe, ist es das prunkende Heim des österreichisch-ungarischen Lloyd, jener mächtigen Dampfschiffgesellschaft, die mit ihren gewaltigen Kapitalien und siebenzig in ihrem Dienst stehenden großen Meerdampfern nicht nur den Schiffsverkehr der Adria, sondern auch einen großen Teil des europäischen Handels nach der Levante und Indien beherrscht.

Im Norden der Piazza grande stehen das Stadttheater und das Tergesteum, der größte der triestinischen Paläste, von vier engen Gassen umzogen, ziemlich vergraben in den umgebenden Häusern. Sein Erdgeschoß bildet einen Bazar, wo man alles, was schön und teuer ist, kaufen kann.

Auf dem Vorplatze der alten Börse, eines im dorischen Stil gehaltenen Baues, steht auf hoher Säule das in Erz gegossene Standbild Leopolds I.

Als ich einen meiner Triestiner Bekannten fragte, wie der grausame Unterdrücker des Protestantismus in Ungarn zu der Ehre eines solchen Denkmals komme, lächelte er fein und sagte: »Die Ehre gilt im Grunde nicht dem Kaiser; sie gilt seinem genialen Feldherrn, dem Prinz Eugen, dem Sieger von Belgrad, und dem Starhemberg, dem Verteidiger Wiens in der Türkennot. Indem wir den Kaiser sehen, denken wir an seine Helden!«

Auf dem Börsenplatze beginnt die Via del Corso, die fashionable Straße von Triest, die, zu beiden Seiten mit großen, reichen Kaufläden besetzt, sich zur Piazza della Legna hinaufzieht. Auf ihren Trottoirs wandelt am Nachmittag die feine Triestiner Welt auf und ab.

An feiner Toilette, an Geschmack und an Luxus weicht der Triestiner keinem andern Städter der Welt. Selbst Paris hat keine feinern Ponies, keine zierlicheren Breaks als die jeunesse dorée der adriatischen Handelsstadt, und auf der Karosse des Grafen von Paris haben wie auf der Kutsche des Triestiner Baumwollbarons auch höchstens vier galonierte Lakeien, zwei hinten und zwei vorn, Platz. Viele Damen entstellt der Reispuder.

Man sieht unter den feinen Schichten der triestinischen Gesellschaft stets viele Armenier und Griechen, prächtige Gestalten mit kühn geschnittenen, ausdrucksvollen Gesichtern, während man die schönen Frauen dieses Volkes, das eine Aspasia, eine Laïs besaß, in Triest wohl vergebens sucht. In Anmut und Temperament werden die Fremden alle von der italienischen Triestinerin besiegt.

Obwohl das gebildete Triest einen ausgesprochenen kosmopolitischen Charakter trägt und dieses Gemisch deutscher, französischer, griechischer und armenischer Elemente die stärkste Stütze seines Gedeihens bildet, ist es eine vorwiegend italienische Stadt. Von den 110 000 Einwohnern sind vier Fünftel Italiener; der Rest wird durch die kulturell wenig bedeutenden Slaven und etwa 5000 Fremde gebildet.

Dieses starke Übergewicht des italienischen über das slavische und das deutsche Element läßt die reiche Stadt zu einem Schmerzenskind des habsburgischen Reiches werden. Die Irredenta, die Gesellschaft des »unerlösten Italiens«, die dem jungen Königreich vor allem gern die schöne Adriabraut zuführen möchte, wühlt in der Handelsstadt. Es waltet in den triestinischen Kreisen kein Zweifel, daß die italienische Rauflust ihre nächsten Lorbeeren im Bereiche des schönen Golfes holen wird.

Heute führt Triest noch den Ehrennamen der »allergetreuesten Stadt.« Auf ihrem Korso hängt die glutäugige Italienerin am Arme des deutsch-österreichischen Offiziers, und ihr helles Geplauder klingt nicht wie Kriegserklärung.

Der Korso scheidet die Neustadt von der Altstadt. Unmittelbar hinter den stolzen Häusern dieser Straße liegt jener verrufene Stadtteil, wo der Typhus und die Blattern kaum ausgehen, die Cholera je und je, wenn sie ihren Totenritt durch die Südlande unternimmt, ihr Rastquartier aufschlägt, wo die Werkstätten der italienischen Handwerker und die düstern Matrosenkneipen sind und manch ein armes Kind dem Laster erzogen wird.

Doch hat Alt-Triest mit seinen vom Rauch der Jahrhunderte geschwärzten Bauten einen Vorzug vor der neuen Stadt. Seine Häuser haben eine lange Geschichte, doch keines eine längere als das Gotteshaus von San Giusto, das, dem Dom von Aquileja und der Kathedrale von Parenzo in Istrien an Alter ebenbürtig, aus der legendenumsponnenen Kindheit des Christentums stammt.

Durch die Gassen und Gäßchen der Altstadt flanierend kam ich in die Via Trionfo, zu dem Rest eines alten Bogens. Er mag in Wahrheit von einem römischen Siegestor oder auch nur von einer antiken Wasserleitung herrühren. Vom Volke aber wird er dem König Richard Löwenherz, jenem ritterlichen Kreuzfahrer zugeschrieben, der im Jahre 1192 siegreich aus Palästina zurückkehrend von einem Sturm an die Küste von Aquileja verschlagen worden war, und heißt Arco di Ricardo.

Nun hinauf zu der Kathedrale von St. Just! In ihrer jetzigen Gestalt ist sie ein Doppelbau aus zwei Basiliken. An die ältere, schon drei Jahrhunderte nach dem Stifter des Christentums entstandene, wurde im 6. Jahrhundert eine byzantinische Kirche angefügt und beide im 14. Jahrhundert zu einer einzigen Halle vereinigt, welche durch vier Säulenreihen in fünf Schiffe geschieden wird.

Durch einen von ein paar Bäumen beschatteten Hof tritt man vor die Giebelfassade des Baues. Sie hat eine riesige Fensterrose. Christliche Insignien sind zwischen der Türe und dem massigen, das Gotteshaus flankierenden Turm, der römische Säulen enthält, eingemauert. Das höchste archäologische Interesse gewähren zwei Mosaiken im Innern. Sie schmücken die Apsis und bilden ein herrliches Zeugnis künstlerischen Könnens im Mittelalter. In Farben auf Goldgrund stellen sie die Gottesmutter und einen sie umschwebenden Chor von Engeln, sowie die zwölf Apostel dar. Ihr Ursprung geht zum Teil ins 7., zum Teil ins 11. Jahrhundert zurück.

Neben der Kathedrale, dem einzigen kunstgeschichtlich merkwürdigen Baudenkmal der großen Adriastadt, liegt ein ehemaliger Kirchhof. An einem in grünumrankter Bogenwölbung stehenden Sarkophag liest man die Inschrift: »Joanni Winckelmanno, domo Stendelia – – –«

Es ist das Grab Johannes Winckelmanns, des Schöpfers der deutschen Kunstgeschichte, der zu Rom als Kustode des antiken Museums lebte und im Sommer 1768 seiner nordischen Heimat einen Besuch abstatten wollte. Auf dieser Reise fiel er in einem Gasthofe Triests unter den Messerstichen eines italienischen Räubers.

Dicht über der Kathedrale erheben sich die grauen Mauern des 200 Jahre alten, auch gegenwärtig noch Befestigungszwecken dienenden Kastells, das Stadt und Hafen schützend überschaut. Es mag wohl an der Stelle des Kapitols stehen, das im Beginn unserer Zeitrechnung die römische Kolonie Tergeste beherrschte.

Ein Weilchen rastend hier zu stehen und Überschau zu halten über Triest, seinen Hafen und seinen Golf ist herrlich. Allein ich hatte einen Empfehlungsbrief für einen Seemann in der Tasche, dessen Schiff, der gewaltige Lloyddampfer Jupiter, im Arsenal der Bucht von Muggia lag.

Ich eilte wieder hinunter zur Piazza grande, wo sich ein lärmendes südliches Markttreiben entfaltet hatte. Es geht nichts über welsche Lungen, welsche Verkäufer und Verkäuferinnen; denn so ausdauernd, unverwüstlich wie jene, so abenteuerlich und drollig sind diese. Man kann bei ihnen alles Mögliche und noch einiges kaufen: Juwelen und Perlen aus Glas, Uhren und Zigarrenetuis, Stubenvögel und junge Ziegen, Käse und Salami, von Insekten umschwärmte Orangen, frische Datteln, die in langen Trauben noch aneinander hängen, Sträuße und Blumen in Töpfen. Immer führen zum Erbarmen schwer beladene Maultiere und Esel, von schmutzigen Titschenbauern gelockt und getrieben, neue Lasten von Lebensmitteln herbei.

Ich stand vor der Auslage eines italienischen Antiquars, der Volksbücher, Heiligenbilder, Holzschnitte, mittelalterliche Erd- und Himmelsgloben, sowie einen Wust deutscher und italienischer Literatur aus dem vorigen Jahrhundert feilbot. Ich entdeckte darunter eine alte Ausgabe der Gedichte von G. A. Bürger mit einigen Stichen und blätterte darin.

»Kaufen Sie es, mein Herr«, sagte der Jude, abgefeimt lächelnd in einem Tone, als hätte er mir das größte Geheimnis mitzuteilen; »der Autor hat so pikant geschrieben, und er hat alles selbst erlebt – – – –.«

Was er noch sagte, trieb mir die Zornröte ins Gesicht. Es ist wahr, der Amtmann zu Gelnhausen hat nicht für Kinder geschrieben; aber für die Marktkniffe eines italienischen Antiquars war mir der ehrbare, brave Bürger denn doch zu gut. Ich warf das Buch hin und eilte auf die schöne Piazza Lipsia, einem prächtig grünen öffentlichen Garten südlich von der Piazza grande.

Es drängte mich hinaus aus der Stadt. Nur das prächtige Standbild Maximilians I. auf der Piazza Giuseppina hielt mich noch auf, denn die tragische Geschichte des mexikanischen Kaisers hatte mir nun einmal seine Gestalt menschlich nahe gerückt. Der Erzguß ist ein Meisterwerk Schillings, des gefeierten Dresdener Bildhauers, der auch das Nationaldenkmal auf dem Niederwald geschaffen hat. Er stellt den Kaiser als eine imposant schöne Gestalt mit hoher, träumerischer Stirne dar. Ein mit allegorischen Figuren reich geschmückter Sockel trägt vier Inschriftentafeln. Drei feiern den Kaiser als Schützer der Kriegs- und Handelsflotte und als Verschönerer von Triest, während diejenige der Frontseite den Testamentspruch enthält, worin er seiner Freunde an der Adria und der österreichischen Marine am Tage vor seinem Tode mit einem letzten Lebewohl gedenkt.

Vom südlichsten Teile des Hafens zieht sich ein angenehmer Spaziergang längs des Meeres, an den Landhäusern von Sant' Andrea vorüber, zum Lloyd-Arsenal, das ein Halbstündchen von der Stadt entfernt liegt. Da die Straße langsam steigt, übersieht man am Eingangstor des Arsenals die ganze Anlage der gewaltigen Schiffsbauwerkstätten, die sich zwischen Straße und Meer ausbreiten.

»Signore Rossi, macchinista sul Giupitro!« las der Portier als Adresse auf meinem Empfehlungsschreiben. »Treten Sie ein«, sagte er; »wo das Schiff eben liegt, kann ich Ihnen nicht sagen; doch wird man Sie drunten weisen können.« Ungehindert stieg ich durch ein turmartiges Treppenhaus in den Fabrikhof hinunter und schlug mich glücklich zwischen den Gebäuden, dem Rauschen, Rasseln und Dröhnen, das aus den Werkstätten klang, zum Meeresstrande durch.

Da war wieder ein Teil jenes Waldes, der in aller Herren Ländern gewachsen ist, zwar nicht so groß, wie der im Hafen von Triest, aber immerhin groß genug, um mich in einige Verlegenheit zu bringen. Welche der ragenden Bäume gehörten dem Jupiter an? Als Ausweis meine Briefadresse zur Hand, wanderte ich über die provisorisch von Schiff zu Schiff geschlagenen Stege, bis ich fast zufällig vor dem Bauch eines der gewaltigsten Schiffe stand. »Giupitro« glänzte der Name am Pavillon desselben.

Herr Maschinist Rossi empfing mich mit großer Liebenswürdigkeit.

Ein Schiff ist ein Schiff und wesentlich immer dasselbe; aber ein Ostindienfahrer wie dieser Jupiter nötigt der Landratte doch einen Zoll ehrlicher Bewunderung ab. Es ist nicht allein seine Größe, die dazu zwingt; es ist fast mehr noch die Art, wie eine in sich vollkommene Welt in die Planken des schwimmenden Meerpalastes gefügt ist, die technisch vollendete Einteilung des Raumes von den Kohlenbehältern durch drei Etagen hinauf bis zu den Salons, die mit Glühlichtlampen erhellt werden und im Glanze luxuriösen Komforts strahlen.

Als das Schiff bei Anlaß des russisch-türkischen Krieges im Jahre 1878 nebst anderen Lloyddampfern von den Russen zum Militärtransport gemietet war, faßte es, wie mir Herr Rossi erzählte, 3500 Mann, also die Bewohnerschaft einer kleinen Stadt.

Eine Maschine treibt mit der Kraft von 2000 Pferden dieses gewaltige Haus von einem Ende der Welt zum andern, daß es leicht und schön einherzieht wie ein über die See hinschwebender Riesenaar.

Jetzt war diese Maschine zerlegt. In einem elf Tage andauernden Sturme im indischen Ozean, während dessen selbst an den Wogengang des Meeres gewöhnte Matrosen eine Beute der Seekrankheit wurden, hatte sie sich überarbeitet. Doch sollte das Schiff schon in vierzehn Tagen wieder in die See stechen.

»Auf Matrosen, die Anker gelichtet,
Segel gespannt, den Kompaß gerichtet,
Liebchen, ade!
Morgen, da geht's in die wogende See!«

So singt das deutsche Lied; allein der Seemann, wenn er vom heimischen Strande fährt, singt nicht. Auch er in seinem großen Kasten empfindet sein Handwerk als einen Kampf ums tägliche Brot und beneidet den Arbeitsmann zu Land, der nach getanem Tagewerke wenigstens ein Heim hat, wo er im Kreise seiner Lieben und auf fester Erde ruht. Den Seemann wiegt die falsche Woge, und nur ein Brett scheidet ihn vom Tode.

Als wir auf der Steuermannsbrücke des Schiffes standen, hatten wir einen reizenden Blick über die Bucht, an welcher das Arsenal gelegen ist, auf Muggia, eine kleine, altertümliche Stadt, und gegenüber auf einer hügeligen Landzunge, auf die benachbarten Schiffswerften von San Rocco und das großartige Etablissement Strudthoff, wo man die stolzen Panzerschiffe der österreichischen Kriegsmarine baut, auf uralte Burgen, die im Hintergrunde der Bucht wie Geierhorste an den felsigen Küstenwänden kleben, und auf das sich freundlich im Golfe spiegelnde Servolo. Dieses hat seinen Namen vom Schutzpatron der Stadt Triest bekommen, der dort als seltsamer Grottenheiliger gelebt haben soll.

Nachdem wir unsern Rundgang durch das Schiff beendet hatten, führte mich Herr Rossi in die Werkstätten des Lloyd, in welchem 2000 Arbeiter beschäftigt sind. Ein paar Dutzend derselben krabbelten eben wie Ameisen an den Rippen eines auf der Werfte im Bau liegenden Ostindienfahrers und nieteten die Wandplatten fest.

Ich habe später die nicht minder interessanten Werkstätten des österreichisch-ungarischen Kriegshafens zu Pola gesehen. Da der Eindruck, den der Fremde hier und dort empfängt, wesentlich der gleiche ist, will ich mir die Schilderung eines Marine-Arsenals für jene Gelegenheit aufsparen.

Nur das sei noch anerkennend erwähnt, daß der Lloyd in der Nähe seiner Werkstätten freundlich auf das Meer ausblickende Arbeiterhäuser hat, die zum Besten gehören, was ich in dieser Art im südlichen Österreich entdeckte.

Und nun zurück nach Triest! Wenn sich zwei Männer befreunden, dann darf ein kühler Trunk nicht fehlen, und die Stadt hat feine Bierquellen. Wir haben lang getrunken und lang geplaudert.

Eine junge, hübsche Triestinerin hörte mit mir dem jungen, liebenswürdigen Erzähler Rossi zu und wurde recht nachdenklich. Ich glaube erraten zu haben, was sie dachte: »Mag Gott das junge Blut behüten!« Und wenn schöne Lippen so recht innig für einen fernen Seemann beten, dann tut der Himmel wohl ein Einsehen!

Als ich drei Wochen später wieder nach Triest kam, war der »Giupitro« bereits nach Bombay unterwegs.