Die Küste von Istrien.
Der Hafen von Triest lag hinter uns, vor uns die Adria. Das niedrige Ufergebiet des Isonzo und die Lagunen-Inseln waren unter den Horizont gesunken; nur der Leuchtturm von Barbana und der graue Kirchturm von Aquileja verrieten, daß dort im Westen noch etwas anderes als Salzwasser liege.
Ein tiefer, blauer Himmel stand über dem tiefen, blauen Meer, und die Morgensonne, die über den istrianischen Bergen emporgestiegen war, leuchtete über die wonnig zitternde Flut.
»Unermeßlich und unendlich,
Glänzend, ruhig, ahnungsschwer,
Liegst du vor mir ausgebreitet,
Altes, heil'ges, ew'ges Meer!«
Die schönen Verse von Anastasius Grün, dem Grazer Poeten, kamen mir zu Sinn, als ich die weite See übersah, von der ich in meiner Jugend so oft geträumt hatte.
Nur hatte ich damals gemeint, wenn ich einmal darüber hinfahre, so müsse es auf einem gewaltigen Meerdampfer sein, auf einem Ostindienfahrer mit geblähten Segeln, wo die Matrosen im Tauwerk klettern und ein kleiner Hydriot im Mastkorb sitzt. Nun war's auf einem istrianischen Küstenfahrzeug, dreimal so groß wie eine Nußschale.
Wir hatten Südwestkurs nach Pirano, das am westlichsten Kap von Istrien mattweiß über die See hinschimmerte. Unterhalb Triest öffnet sich die liebliche Bucht von Muggia, welche, wie der Busen von Fiume im Osten, hier im Westen die Halbinsel Istrien vom Festland abschnürt, daß sie wie ein Herz am Kontinent hängt.
Das übrige Europa hört wenig vom Schlag dieses Herzens. Selbst in der österreichisch-ungarischen Monarchie kümmert man sich nicht viel darum, was in dem stillen, vergessenen Land vorgeht. Es suchen und fliehen, lieben und hassen sich auf seinem dürren Felsboden 300 000 Menschen gerade so heftig und so innig, wie in den Ländern der Hochkultur; aber nur je der zweite Mann und je die dritte Frau kann ein Brieflein schreiben.
An der Grenze des triestinischen und istrianischen Gebietes sahen wir drei große ostindische Kauffahrer stehen, welche dort ihre vierzehntägige Quarantäne hielten. Die Kolosse lagen wie im tiefsten Schlaf; die Segel waren eingerefft; die gewaltigen Schlote rauchten nicht; kein Mann rührte sich auf Deck.
Quarantäne! Das Wort steht in üblem Ansehen bei den Schiffsleuten. Der Seemann hat auch ein Herz im Leibe; er hat Frau und Kind, oder ein Liebchen in der Stadt; und nun muß er abrasten im Anblick des Ziels, abzählen den Stundengang langsam hinrinnender Zeit, ehe er nach monatelanger Abwesenheit das weinende Weib in die Arme schließt, den lachenden Buben küßt, oder mit seinem Liebchen die kurze, tolle Liebe des Matrosen lebt.
Auch die Wasserratte sehnt sich von Zeit zu Zeit aufs Land. »Lieber im Sturm als in der Quarantäne«, hat mir Herr Rossi erklärt.
Hinter zwei Landzungen öffnete sich nach halbstündiger Fahrt von Triest die große Bucht von Capo d'Istria, und auf einem anmutigen Hintergrund grüner Uferhöhen und fern verdämmernder Berge winkte das alte Städtchen, das dem Wasserbecken seinen Namen lieh. Palladia, Ägida, Justinianopolis, Kapris und Capo d'Istria sind fünf Namen, ein kolchischer, ein römischer, ein byzantinischer, ein slavischer, ein italienischer, und alle meinen dieselbe Stadt. Viel Waffenklang, Männerstreit und vieler Völker Blut liegt zwischen diesen Namen innen; kein Wunder also, daß der Wein von Capo d'Istria so dunkel im Glase schäumt und so feurig durch die Adern rollt.
Über den altersgrauen Häusern steht ein großes, modernes Gebäude mit einem Belvedere. Es beherrscht Stadt und Bucht, wie in den bildungsfreundlichen Gegenden unserer Heimat etwa ein Schulbau von lichter Höhe ins Tal, auf Stadt oder Dorf herunterleuchtet.
»Un ginnaso od un' academia?« fragte ich, darauf zeigend, meinen Nachbar, einen ältern, freundlichen Herrn.
»Un penitenziario«, eine Strafanstalt, antwortete er.
»Armes Land, das so schöne Strafanstalten hat!« Ich sagte es nicht, aber ich dachte es, und der Herr mochte mir meine Enttäuschung vom Gesichte lesen. Er lächelte und bemerkte, wenn man nicht gerade einen bedeutenden Wert auf die Bewegung im Freien setze und Geld genug zur Verfügung habe, so lebe sich's im großen Hause von Capo d'Istria nicht übel.
Ich hatte an dem vertrauenerweckenden Alten einen liebenswürdigen Gesellschafter, den ich in Citta nuova ungern verlor; denn er ließ sich durch mein ziemlich gebrochenes Italienisch nicht abschrecken, mir manches Wissenswerte über Istrien mitzuteilen. Als ich einiges davon notierte, war er sehr erfreut. »Schreiben Sie«, sagte er zu mir, »etwas besonders Schönes von Rovigno; meine Frau war eine Rovignesin, und einer meiner Söhne, ein schöner, zwanzigjähriger Mensch, liegt dort begraben. Er hat schon mit fünfzehn Jahren Verse gemacht wie Dante und Ariost. Die meisten klugen Menschen sterben früh.«
So kamen wir in die Nähe von Isola, das sich pyramidenförmig an einem Hügel der steilen, weit nach Westen vorspringenden Küste aufbaut. Altersgraue, viereckige Türme haben es zu Kriegszeiten gegen das Innere der Halbinsel geschirmt. Heute hält dieser Schutz nicht mehr stand; die Mauern und Wachten zerbröckeln. Die alten, aus venetianischer Zeit stammenden Stützmauern aber, welche das Städtchen ins Meer hinabsendet, damit der Wogenprall der durch Borastürme aufgeregten See seinen Grund nicht unterspüle, sind heute noch von Wichtigkeit für den steil am Ufergebirge klebenden Ort.
Auf einer gleichen, sich aus der Ferne viaduktähnlich ansehenden Schutzbaute ruht der schöne Dom von Pirano. Sankt Georg, der auf dem Turme desselben steht, ist ein wetterwendischer Heiliger, der seinen Mantel nach dem Winde dreht und heute, da ein leichter Levante über die See strich, gegen Grado hinübersah, als wollte er Sant' Eufemia drüben grüßen.
Man fährt von Triest aus in anderthalb Stunden nach Pirano, das von den Terrassen eines steilen Vorgebirges die Adria nach drei Richtungen überblickt. Altersgraue Kastellmauern, an welchen Reben und Olivengesträuch emporwuchert, überragen es malerisch.
Malerisch! Das sind die Küstenstädte Istriens alle. In ihren geborstenen Festungsmauern liegt das Kriegselend einer großen Vergangenheit und das Stillleben der trostlosen Gegenwart ausgestellt. Wie die kriechenden Lianen den Verfall der alten Schutzwehr, so deckt ein sorgloses Volksleben den Mangel einer modernen Geschichte zu. Als Venedig blühte, und die Herrin der Adria war, da hatten auch diese Vasallenstädte eine goldene Zeit, und so erinnert denn, was darinnen an Gebäuden irgendwie von Bedeutung ist, an die versunkene, venetianische Herrlichkeit; Rathaus und Dom tragen die Wappen Venedigs; allein
»Es wirft nur Schatten her aus alten Tagen,
Es liegt der Leu der Republik erschlagen.«
Eine lebendige Berühmtheit haben aber diese istrianischen Städte doch und besonders auch Pirano, schöne Frauen.
Glücklicherweise braucht man nicht die engen, halsbrecherischen Gassen, die sich von der Höhe zum Meer hinunterziehen, empor zu klettern, um die hübschen Mädchen Piranos zu sehen; denn zweimal im Tag, um neun Uhr, wenn der Küstendampfer von Triest, und um drei Uhr, wenn derjenige von Pola im Hafen anlegt, eilt, wer immer im Städtchen Zeit hat, auf den Molo.
Das ist der Korso der istrianischen Kleinstädter. Schöne Frauenbilder, die Zenda, ein schwarzes Kopftuch mit reicher Spitzengarnitur, malerisch ums Hinterhaupt geschlagen und um die Schultern gewunden, ergehen sich auf demselben sich selbst zur Freude und den andern zur Augenweide. Es sind darunter Madonnengesichter, so rein und schön, wie diejenigen in den goldenen Rahmen der Pinakotheken; aber ich habe neben diesen auch andere wandeln sehen, wo die Not, das Elend, die Leidenschaft tiefe und unschöne Linien in ihr Antlitz gegraben hat.
Die Hafenszene, die sich nach der Ankunft eines Schiffes in einer istrianischen Küstenstadt entwickelt, dieses laute, geschäftige Treiben hat für einen Fremden so viel Reiz, daß ihm die Viertelstunde, welche über dem Ein- und Ausladen der Waren verstreicht, rasch vorübergeht, besonders wenn er sich von einem italienischen Barfüßele den »vino nostrale«, den schwarzen, feurigen Landwein, kredenzen läßt. Mein genügsamer inländischer Gesellschafter nahm bescheiden mit der »acqua fresca«, vorlieb, das eine stämmige kroatische Bäuerin aus zwei Kübeln servierte, die sie an einem Holzbogen über der Schulter trug; andere knackten zur Kurzweil die »bianche, belle noci« eines aus Leibeskräften schreienden Jungen.
Die Fracht der istrianischen Küstenfahrer besteht zumeist aus vollen oder leeren Weinfässern, die oft den Platz auf dem Verdeck derart beschränken, daß der Reisende froh sein muß, wenn er innerhalb dieser Faßbarrikaden ein halbwegs bequemes Plätzchen für sich selber findet. Daneben bilden Kübel und Kisten, in welche frische oder »à la mode de Nantes« zubereitete Sardellen verpackt sind, einen Haupttransport. Die kleinen Fische, deren Züge im Becken des Mittelmeeres für die fehlenden Häringe einigen Ersatz bieten, werden in der Adria zu Millionen und Millionen gefangen und in den Sardellenfabriken von Barcola, Isola, Rovigno zum Versand zubereitet.
Um die äußerste Westspitze von Istrien, die Punta Salvore, zu erreichen, durchquert das Schiff die Bucht von Sicciolo. In ihrem Hintergrund liegen zu Füßen einer schroffen Küste die Salzgärten von Pirano, die durch eine Reihe weißer, schimmernder Sudhäuser angedeutet sind. Die ganze Anlage bedeckt einen Raum von 600 Hektaren und hat über 7000 Salzgärten, die jährlich eine halbe Million Meterzentner dieses Minerals liefern. Man läßt das Meerwasser in größere Becken strömen, wo ein Teil desselben innerhalb einiger Tage verdunstet. Die derart erhaltene Sole wird durch ein Schleusensystem in die Salzkammern geführt. Da schlägt sich unter dem Einfluß des Sonnenscheins das Salz, das nachher in den Sudhäusern noch einem letzten Trocknungsprozeß unterworfen wird, als weiße Kruste nieder.
An der Punta Salvore steht ein Leuchtturm, ein prächtiger Bau, und hinter ihm liegt, soweit das Auge schweift, eine klippige, flache Küste, über welche das mattglänzende Laub endloser Ölwälder flimmert.
»Sie kennen wohl die Geschichte des Kaisers Barbarossa?« sagte mein Gefährte.
»Des Hohenstaufen, der so viel in den italienischen Landen gekämpft hat«, antwortete ich zum Zeichen meines Verständnisses.
»Ich kann Ihnen mehr sagen«, erwiderte er; »er hat an der Punta Salvore gekämpft, hat da eine Schlacht verloren und einen Sohn dazu.«
»An wen?«
»An den Dogen zu Venedig.«
»Wann?«
»Es ist so lange her, daß es wohl niemand mehr weiß.«
Ich erfuhr nachträglich, daß es am Himmelfahrtstag 1176 war, als der Hohenstaufe Otto, an dessen Seite auch die Genuesen und Pisaner gekämpft, nach unglücklicher Schlacht in die Hand des Dogen Ziani fiel.
»Etwas anderes kann ich Ihnen auch noch sagen, junger Herr«, nahm mein Gesellschafter nach einigem Stillschweigen das Wort wieder auf. »An der Punta Salvore ist schon manches Weib eine Witwe geworden. Ich habe es selbst mitangesehen, daß im Süden des Kaps die See so ruhig lag wie ein schlafendes Kind und – maladetta – im Norden, da hat das Meer gestürmt, ich sage nichts; aber ein Schiff ist bald hin. Wer den Hafen von Pirano nicht erreichen kann, der sehe, wo er sich birgt. An allem ist die Bora schuld, deren Macht sich hier an der Punta Salvore bricht. Jenseits hat sie keine Gewalt mehr.«
Heute lag die blaue Adria so wonnig, sonnig da, als könnte sie niemandem, selbst keinem armen, braunen Fischerknaben ein Leid antun. Aus ihrem Spiegel schnellten die spielenden Delphine empor und verfolgten sich und tummelten sich wie die jungen Menschenkinder im Haschespiel. Die letzten Alpengipfel, die bis dahin ins Meer hinaus geleuchtet, waren im Dunst des nördlichen Horizonts dem Auge entschwunden, und der schmale Küstenstreifen, der dem Blick noch blieb, war ein Nichts gegen das weite, wunderschöne Blau des Meeres, über das fernher die weißen Segel einiger Fischerflotillen wie gewaltige Vogelschwingen schimmerten.
Die Fahrt von der Punta Salvore gegen Süden ist einförmig. Die flache Küste mit ihren verwaschenen Klippen und dem rauhen Karstgrund tritt mehr und mehr gegen Osten zurück, sendet aber von Ort zu Ort wieder eine felsige Landzunge in die See. Die Buchten zwischen diesem flachen Vorgebirge sind so tief, daß dort kein Schiff ankern könnte, obwohl die Adria im Bereiche der istrianischen Küste nur eine Tiefe von 36–40 Metern, also nicht einmal diejenige der meisten Alpenseen, aufweist.
Nach einstündiger Fahrt von Pirano erreichten wir etwas vor zehn Uhr Umago, ein kleines Städtchen mit einem geräumigen Hafen, von welchem aus ein ziemlich lebhafter Holzhandel nach Venedig getrieben wird. Es ließe sich von Umago gar manches aus allerlei Nöten erzählen, von Krieg und Pest, von Wassersnot und Erdbeben, insbesondere auch von einer Bodensenkung, welche einen Teil des Städtchens in die Wellen begrub, wo man an klaren Tagen jetzt noch die Mauerreste sieht.
Hübscher als das Städtchen selber ist die Landschaft, aus deren Olivenhainen, Eichenwäldchen und Gärten halbe versteckte Landhäuser und Villen istrianischer Vornehmer herübergrüßen.
Unser Schiff legte weder in Umago noch in Citta nuova, das wie dieses nach einer langen Lebensgeschichte eine stille Gegenwart fristet, im Hafen an, sondern ließ sich die Passagiere im Fischerboot herüberbringen.
Hier verlor ich meinen bisherigen Gesellschafter. »Grüßen Sie mir Rovigno und tragen Sie ein freundliches Bild von Istrien mit sich fort!« Mit diesen Worten bot er mir die Hand zum Abschied, und noch vom Kahne aus rief er mir ein herzliches »Buon viaggio!« nach.
Unterhalb Citta nuova, das keineswegs, wie sein Name zu bedeuten scheint, eine »neue Stadt«, sondern eine uralte ist, die allerdings, nachdem sie türkische Seeräuber im Jahr 1687 in Asche legten, nur eine bescheidene Auferstehung erlebte, liegt die weite Mündungsbucht des Quieto, des größten istrianischen Stromes. Die alten Schriftsteller sollen ihn für die Fortsetzung des Isters, wie damals die Donau hieß, gehalten und selbst so genannt haben. Dadurch erkläre sich der Landesname »Istrien«, der also das Umgelände des Quieto bedeuten würde.
Allein lassen wir die etymologische Untersuchung ruhen und uns dafür vom Küchenjungen, der zugleich Kellner und Oberkellner des kleinen Dampfers ist, einen mezzo-litro schenken.
Während der schmächtige Bursche den Blechhumpen füllt, schielen seine schwarzen Augen schon nach dem Trinkgeld; aber er serviert mit einer Grazie, als wäre er Angestellter des Hotel de Ville in Triest, und hat er erst sein Trinkgeld, so läßt er sich's nicht nehmen, sich als ein Mann von Welt zu dokumentieren. Er spricht von Athen oder Neapel so gelassen, wie ein Landknabe seines Alters – er ist zwölfjährig – vom Krautgarten des Nachbars.
»Was sagen Sie zu unserm Wein?«
»Er ist vorzüglich.«
»Sie werden auf keinem Schiff einen bessern trinken.« Er sprach mit solchem Ernst, daß man nicht wußte, war er mehr Schlingel oder Gentleman.
»Der Herr ist ein Deutscher?« fuhr er fort.
»Zu dienen.«
»Sie werden bald ein gutes Italienisch sprechen, aber ich ein schlechtes Deutsch. Ich kenne noch keine zwanzig Worte.«
»Sie wünschen es zu lernen?«
»Mein Gott – mein Handel würde florieren! – wer kauft lieber die schönen Muscheln und die herrlichen Antiquitäten, als die Deutschen!«
Er eilte in seine Kabine und holte eine Kiste mit Konchylien und kleinen Altertümern.
»Sehen Sie diesen Mark Aurel!« Er betrachtete das Stück mit dem Blicke eines Numatikers von Fach. »Zwei Gulden, mein Herr! Sie finden den Preis wohl nicht zu hoch?«
»Man kauft in Aquileja zehn Stück für einen halben Gulden.«
»Sie entschuldigen, wenn das wahr ist, bin ich ein ruinierter Mann.«
In diesem Augenblicke wurde er gerufen – ich ließ mir den Wein schmecken.
»Un uom' rovinato« und ein Schiffsjunge von zwölf Jahren. Umsonst suchte ich es mir zusammenzureimen. Als ich eben wieder einen Schluck zu tieferer Ergründung des Gedankens aus meinem Blechbecher tun wollte, waren wir in Parenzo, und ich sagte seinem alten Dom Grüß Gott!
Die Stadt gefiel mir ausnehmend, und ich hätte ihr bald eine Standrede gehalten.
»Parenzo«, hätte ich gesagt, »du bist ein grünes Reis auf dem alten Stamm, der Parentium hieß und eine römische Kolonie war. Es ist dir wenig geblieben von der alten Herrlichkeit: zwei Säulenstümpfe und ein Pfeiler auf dem Platze Marafor; das andere liegt drunten im Meer, und die Krabben kriechen drüber hin. Manche deiner Schwesterstädte stehen zwar malerisch auf einem Vorgebirge, du auf einer flachen Landzunge; aber du hast, was jene nicht haben, einige moderne Bauten.
Ich ziehe meinen Touristenhut ab vor deinem Dom, der dreizehn und ein halbes Jahrhundert an sich vorübergehen sah. Allein wäre er nicht von Stein gewesen, dann hätte er wohl in Jammer und Elend gewankt, als vor fünfhundert Jahren die Pest deine Kinder, junge und alte, zu Tausenden würgte und die letzten Dreihundert knierutschend zu deiner Schutzheiligen flehten: Heilige Eufrasia, schone uns!
Die Heilige tat ein Einsehen; sie schonte die Dreihundert, und heute sind's wieder fast dreitausend. Sie bauen Schiffe, sie verkaufen Wein und Holz, sie schleppen die Netze, ein Bischof segnet ihre Arbeit, und nie ist's schöner bei dir zu wohnen, als wenn die dreiunddreißig Landräte von Istrien durch deine Gassen wimmeln und dem Wohle des Landes nicht schaden. Fürwahr, du bist nicht die Kleinste von Istrien!«
Da rollten die Matrosen eben wieder eine Partie der unvermeidlichen Weinfässer ins Schiff; ich mußte meine Füße in Sicherheit bringen und brach den stummen Sermon ab, ohne dem Schönsten an Parenzo gerecht geworden zu sein, dem vor der Stadt liegenden wunderhübschen Eiland San Nicola.
Es ist eine südliche Ufenau! Es stehen zwar keine Fruchtbäume darauf, aber viel helles Oliven- und dunkles Lorbeergesträuch; kein Kirchlein grüßt vom Fels, aber ein halbzerfallener Turm; kein Ulrich von Hutten hat darauf sein einsames Grab, aber wer weiß, ob die Lorbeeren von San Nicola nicht über einem toten Helden rauschen?
Unser Schraubendämpferchen zischte wieder; ade Parenzo! ade San Nicola!
Ist die felsige, flache Küste von Cap Salvore bis Parenzo reizlos, so entschädigt, wenn man das grüne Eiland im Süden umfahren hat, die entzückende Fahrt durch den Scoglienarchipel den Touristen vollauf!
»Eine Schweiz im Wasser!« Ich kann nicht mehr sagen, welcher Reiseschriftsteller diese Bezeichnung für das liebliche Wirrsal kleiner Inseln aufgebracht hat. Der seltsame Reiz, den diese Felseneilande auf das Auge üben, kann allerdings mit demjenigen einer schönen Schweizerlandschaft verglichen werden; aber Schweizerisches ist nichts daran.
»Ein Karst im Wasser!« Damit hätte man wenigstens die geologische Eigenart dieser Inseln charakterisiert; aber Karst sind nur die furchtbar verwaschenen Felsenfundamente, die malerischen Riffe und Wellenbrecher, die sie der hereinflutenden See entgegenstellen. Die Rasendecke dagegen, die bald wie ein Teppich und bald nur wie ein Häubchen die Scoglien deckt, die malerischen Baumgruppen, die kleinen Fischerhäuser sind zu anmutig, als daß man sie in eine Karstlandschaft einfügen dürfte; sie sind mit der blauen Flut und dem öden Fels ein einzig schönes Meeridyll. Den großen Meerschiffen sind die Scoglien verschlossen, und selbst das kleine Küstenschiff krümmt und windet sich mit Mühe durch die Kanäle, welche den Archipel labyrinthisch durchziehen, bald sich zum Engpaß schließen, bald zum freundlichen Bild eines Binnensees ausweiten, hier den Blick auf ein kleines Landschaftsbild begrenzen und dort dem Auge den Durchblick auf das ruhig-große Meer erschließen.
Wenn aber die See rast, und die sturmgepeitschten Wogen an den Scoglien zerschellen, dann mag die stille Schönheit dieser Inseln einem furchtbaren Bilde weichen. Darum wächst auf diesen Felseneilanden ein Lotsengeschlecht, dessen Ruhm an der Adria kein anderes verdunkelt.
Der Lotse zur See, der Führer im Hochgebirge, sie beide stehen im Dienste des Lebens anderer, und manch einer, dessen Name in der großen Welt mächtig widerhallt, wäre kaum würdig, diesen schlichten Helden, von denen man wenig singt und sagt, auch nur die Schuhriemen zu lösen!
Da, wo sich die kleinen Inseln am dichtesten drängen, hängt das Städtchen Orsera an steiler Küstenhöhe. Nicht gar fern davon schneidet eine schmale Felsenbucht tief ins Land. Es ist der Canale di Leme, ein in den Süden versetzter norwegischer Fjord.
Nun sieh dort das Heiligenbild, das hoch vom fernen Campanile glitzert und glänzt! Das ist Sant' Eufemia im Strahlenkranz, die Schutzheilige von Rovigno, der Stadt, die ich grüßen soll, und ich grüße sie gern; denn ein Hauch südlicher Romantik webt über ihr und ihrem gewaltigen Dom, der, auf dem Vorgebirge stehend, all die Profanhäuser der Stadt, wie eine Henne die Küchlein, um sich sammelt.
Ein Rätsel ist mir nicht gelöst worden, nämlich warum die Rovignesen vor anderthalbhundert Jahren ihren alten Schutzpatron, den heiligen Georg, der doch als wackerer Kriegsmann während mehr als einem Jahrtausend die Stadt vor Sarazeneneinfall, Ungarwut und Pest gehütet, als Schutzpatron abgesetzt und sich unter den Schirm einer Heiligen gestellt haben. Ich vermutete indes, daß es als eine Huldigung an die schönen Frauen Rovignos geschah, die sich so seltsam und reizend zu kleiden verstehen.
Welche unserer Damen weiß, was eine »Vestura« ist? Ein leichter, luftiger Überwurf, der wie eine rückwärts gebundene Schürze empor gezogen wird und, ähnlich wie ein venetianischer Schleier über Scheitel und Oberkörper gewunden, Antlitz und Büste duftig schmückt.
Es war schon Nachmittag, als unser Schiff an der hübschen Insel San Catterina vorbei, welche sich als ein natürlicher Wellenbrecher vor dem Hafen Rovignos lagert, in die südlichen Scoglien steuerte. Sie sind größer und vegetationsreicher als die nördlichen, und bergen hie und da unter dem Schutze eines kleinen Hügels an blauer Meerbucht ein schimmerndes Fischerdörfchen. Ja selbst die Rauchwolken aus dem Schlote einer Zementfabrik ziehen über die Olivenwäldchen von Sant' Andrea, einer größern Insel in der Nähe Rovignos.
Allein sie stören den märchenträumenden Frieden des stillen Meergeländes nur einen Augenblick; denn
»Aus des Meeres tiefem, tiefem Grunde
Klingen Abendglocken dumpf und matt,
Uns zu geben wunderbare Kunde
Von der schönen, alten Stadt.
In der Fluten Schoß hinabgesunken
Blieben ihre Trümmer stehn:
Ihre Zinnen lassen goldne Funken
Wiederscheinend auf dem Spiegel sehn.«
So meldet eine Schiffersage auf San Giovanni, und das Merkwürdigste daran ist der Umstand, daß einige von den Inselnbewohnern vorgewiesene Funde ihr einen realen Hintergrund zu geben scheinen.
Sodom, Gomorrha, Stavoren, Vineta, und hier eine schicksalsverwandte Stadt, deren Name selbst vergangen ist! Es mag merkwürdig zugehen, wenn am jüngsten Tage das Meer seine Toten ausspeit!
Ich beugte mich über den Rand des Schiffes, um nach den versunkenen Türmen und Dächern zu spähen. Eine Qualle, die wie eine zierliche Hängelampe mit ausgespanntem Schirm durch die Meerflut zog, wollte mir dazu leuchten; allein das Schiff fuhr vorbei, die schöne Meerampel verschwand, und es ging mir, wie es vielen schon gegangen – ich habe das istrianische Vineta nicht gesehen.
Südlich vom Scoglienarchipel sticht das Fahrzeug in den Kanal von Fasana, der sich wie ein breiter, ruhiger Strom zwischen den Klippen des Festlandes und dem grünen Teppich der brionischen Inseln durchwindet. Um drei Uhr erreichten wir die kleine Stadt, deren Name sich auf den Meeresarm übertragen hat, und sahen auch Perri, die bocchesisch-montenegrinische Kolonie, die rings umgeben von istrianischen Volkselementen den heimatlichen Typus fast unversehrt behalten hat.
Bald sind wir in Pola. Dort auf der größten der Inseln, auf der Brion grande dräut von der höchsten Hügelkuppe das erste Festungswerk. Es führt den ehrenvollen Namen Tegethoffs, des Siegers von Lissa, der sich ruhmbedeckt in die Kriegsgeschichte von 1866 eingetragen hat; denn hier am Kanal von Fasana hat der kühne Admiral sein Geschwader, für dessen Kriegstüchtigkeit ganz Österreich bangte, gesammelt und es von hier aus zur heißen Seeschlacht bei der dalmatinischen Insel geführt.
An dem Eiland San Girolomo vorbei kamen wir in die Bucht von Pola. Sie könnte mit der blauen, ruhsamen Flut, den grünen Hügeln, welche sie umkränzen, ein idyllisches Meerbild genannt werden, schaute nicht von den Uferhöhen Fort an Fort auf den stillen Golf und blickten nicht hundert Mündungen blanker Stahlgeschosse aus den engen Schießscharten der Festungsrondellen auf den Wasserspiegel, die das Friedensbild zum furchtbaren Festungsrayon verwandeln.
Die Bucht weitet sich birnenförmig aus. In ihrem Hintergrund liegt der von Barken belebte Handelshafen von Pola und südöstlich, durch die Oliveninsel und ein anderes kleines Eiland abgeschlossen, der eigentliche Kriegshafen, wo die abgetäuten Panzerschiffe schwimmen. Die Stadt lagert sich staffelartig um einen zwischen den Häfen vorspringenden Hügel.
Das Erste, was der Reisende von Pola erblickt, ist die Kolossalruine des römischen Amphitheaters, das den Sturm fast zweier Jahrtausende überdauert hat. Ernst und beschaulich sieht es auf den Golf, wo sich eine moderne Großmacht mit ihrer Seewehr brüstet.