Im Kriegshafen von Österreich-Ungarn.
Vor undenklichen Zeiten fuhren im fernen Osten, wo die ersten Menschen gewachsen sind, zwei Fischer in ihren Einbäumen auf eine Meerbucht hinaus. Der eine machte einen guten Fang; die Netze des andern blieben leer. Da wurde dieser neidisch und zornmütig. Es entstand ein Streit, und der Stärkere schlug den Schwächern tot.
Das war der erste Seekrieg!
Man weiß nicht, wann die Kunst, Menschen auf dem Meere totzuschlagen, in den Westen gewandert ist. Den Kampf im Einbaum hat man schon lange aufgegeben. Die aufstrebenden, schaffensfreudigen Völker Europas haben jetzt andere Kriegswerkzeuge zur See: Panzer, Torpedos und gezogene Kanonen.
Ein Einbaum und ein modernes Kriegsschiff gleichen sich wenig; aber heute noch wird der Stärkere über den Schwächern Meister. Darum will jedes Volk stark sein. Es läßt zu diesem Zwecke die Künste, die Wissenschaften darben; es legt die Nerven der Industrie lahm; es opfert den Segen des Landbaues; es unterbindet den Handel; es begräbt das Nationalvermögen in Festungen, Kasernen, Panzerschiffe und wirft die Blüte der Männer hinein.
Das ist der moderne Militarismus!
Wo ein Reich ein schönes Stück Nationalvermögen hingegeben an den angenehmen Gedanken, stark zu sein, stand ich jetzt, am Kriegshafen der österreichisch-ungarischen Monarchie, am Quai von Pola, und dachte an die Leberknödel meiner lieben Wirtin zu Monfalcone.
Ich will es nur gestehen, daß mir im frischen Hauch der Meerluft ein gutes Beefsteak, ein Nierenbraten, eine Ganskeule oder ein Presciutto stets als besonders begehrenswerte Dinge vorgekommen sind. In Pola bekam ich für Geld und gute Worte etwas Lämmernes, und es wurde mir davon sehr friedlich zu Mute. Allein nun galt's, den Tag noch auszunutzen!
Nachdem ich in einem Hotel ein Zimmer bestellt, stand ich etwas vor vier Uhr am Eingangstor zu den Werkstätten des k. k. See-Arsenals. Sie ziehen sich in der Länge eines Kilometers am südlichen Ufer der Bucht von Pola hin, während die Etablissemente für den Schiffsbau und die Docks den Scoglio olivi, eine der Stadt zu Füßen liegende Insel, bedecken.
Nirgends findet der Fremde ein freundlicheres Entgegenkommen als in Österreich. Die einfache Visitenkarte öffnet ihm, sofern nicht Glieder des Herrscherhauses selber da sind, die kaiserlichen Schlösser; sie genügt auch, um Eintritt ins Seearsenal zu erlangen. Als Führer wurde mir ein junger, hübscher Mann in Unteroffizierstenue vorgestellt, und ich war angenehm überrascht, statt des langweilig pathetischen Erklärungstones der italienischen Ciceroni ein gemütliches Grazerdeutsch zu hören.
So wanderten wir denn. Schon im Waffensaal, wo die großen Geschütze in Reih und Glied stehen, die Bomben und Granaten zu Tausenden kunstreich geschichtet auf ihren Lagern liegen, wird dem Laien ganz kriegsandächtig zu Mute. Allein erst im Marine-Museum, wo alle die verschiedenen Dinge, die zur Flotte und ihrer Geschichte eine Beziehung haben, in einer Flucht von Gemächern aufgestapelt liegen, offenbart sich ihm vom Schlachtenhandwerk zur See ein Stück intimen Lebens.
Besonders fesselnd ist die Menge zierlicher Schiffsmodelle, die eigentliche Kunstwerke der Kleintechnik sind. Sie gewähren in ihrer Gesamtheit ein lehrreiches Bild von jenem gewaltigen Umschwunge, der sich in den letzten dreißig Jahren im Marinewesen vollzogen hat. An manch eines der ältern ließe sich eine fesselnde Schiffsgeschichte knüpfen. Viele Schiffe, deren Modelle hier noch ein lebhaftes Interesse erregen, stehen entmastet, zu einem Warenlager oder Pulvermagazin erniedrigt irgendwo im letzten Hafen oder fahren, von der Verwaltung ausrangiert, neu aufgeputzt und neu bewimpelt, unter der Flagge irgend einer halbzivilisierten Macht, die den Marinesport der europäischen Nationen nachahmen will.
Auch ein Schiff hat sein Schicksal. Vielleicht keines ein traurigeres als die »Maria Anna«, einer der schönsten Kriegsdampfer. Zwischen Triest und Venedig kreuzend, verschwand sie mit ihrer Mannschaft an einem stürmischen Märztage des Jahres 1852, ohne daß es je gelungen wäre, Bestimmtes über ihren Untergang zu erfahren.
Was immer die österreich-ungarische Flotte auf ihren Kreuz- und Querzügen durch die Meere an nautischen Gegenständen von fremden Küsten hergetragen, indianische Canoes und figurenbedeckte asiatische Fahrzeuge, das liegt hier aufbewahrt. An den Wänden und in Schreinen hangen die Trophäen aus den Seetreffen älterer und neuerer Zeit, die blauweiße Flagge, die Don Juan von Österreich in der Schlacht von Lepanto im Jahre 1571 auf seinem Admiralschiff führte, und zahlreiche tunesische, marokkanische und egyptische Wimpel aus den Jahren 1829 und 1830.
Mit besonderer Sorgfalt sind die Trophäen aus der Seeschlacht von Lissa und mannigfache Erinnerungszeichen an Admiral Tegethoff, Uniformen, Feldzeichen, Orden, Lorbeerkränze aufbewahrt worden. Sie mahnen aus ihren Glasschränken heraus an jene blutig bewegten Tage, da Österreich unter dem furchtbaren Eindruck der Niederlage von Königgrätz, trotzdem es in jenem Doppelkrieg sich Italien gegenüber zu Land und zur See siegreich behauptet hatte, das reiche Venetien durch die Vermittlung Napoleons III. dem re galant' uomo hingab.
Nun traten wir in die Artilleriewerkstätten, wo ein Arbeiterbataillon hämmert und feilt, hobelt und bohrt, poliert und dreht. Was bereiten denn diese hundert und hundert emsigen Gesellen, diese rollenden Maschinen? Was wird aus den hochgeschichteten Stößen von Erz, was aus den brodelnden Metallmassen, die aus den Öfen zischend in die Formen schießen?
Waffen; allein wo das Torpedo, die furchtbarste Wehr zur See, bereitet wird, da führt man keinen Uneingeweihten hin.
Wer sich nicht ganz vom Militärevangelium der Gegenwart den Verstand hat berauschen lassen, hat ohnehin genug gesehen. Ein Protest gegen den Krieg, die vom Staat und dem Patriotismus geheiligte, von den Dichtern verherrlichte, große Menschenschlächterei geht an diesem Orte, wo ohne Unterlaß die Werkzeuge zum Massenmord bereitet werden, durch seine Seele.
Doch sieh, da sind wir ja aus dem sinnbetäubenden Rasseln und Dröhnen der rußigen Werkstätten in ein friedliches Asyl, in eine große Schneiderwerkstätte gekommen. Das ist der Saal der Segelmacher, wo man den schweren Kriegsdampfern die leichten Schwingen zurechtschneidet, für die hochragenden Masten die rot-weiß-rot gestreiften Kriegs- und für den Manövrierdienst die verschiedenfarbigen Signalflaggen zusammensetzt. Man könnte bei dem Anblick der vielen farbigen Tücher, der bunten Nationalbanner aller Seemächte, fast auf den Gedanken kommen, daß hier die Kostüme für eine große Maskerade oder die Wimpel für ein Fest vorbereitet werden. Es ist aber alles blutiger Ernst!
Am chemischen Laboratorium vorbei, wo man die Sprenggeschosse füllt, kommen wir ins Aus- und Abrüstungsmagazin, in dessen Kammern jene unzähligen Gegenstände in Depot liegen, deren ein Schiff, um segelfertig zu werden, bedarf. Hier liegt auch jenes Boot aufbewahrt, in welchem die Nordpolfahrer Weyprecht und Payer mit ihren Gefährten im Jahre 1874 nach zweijährigem Aufenthalt im äußersten Norden den schwierigen Rückzug nach Novaja Semlja ausführten, als das Expeditionsschiff »Tegethoff« in eine Eisscholle eingefroren unrettbar nach Norden trieb. Sechsundneunzig Tage brachte die Mannschaft mit ihren braven Führern, die das Franz-Josephs-Land entdeckt, in dem kleinen Fahrzeuge zu, bis die immer südwärts Steuernden an der Küste von Novaja Semlja einen russischen Schooner entdeckten, der sie in den Hafen Vardóe in Schweden brachte.
Ein Blick noch auf die gewaltigen Vorräte von Mastenholz, jene geschundenen Riesentannen des Alpenwaldes, die sich auf dem Meer in Heimweh härmen, ein Blick noch auf die Bootswerfte, wo die kleinern Schiffe gebaut werden, und wir wanderten längs des im Abendschein vergoldeten Meeres allmählich zurück, hier rasch ins Ketten- und Ankermagazin tretend, dort das Bootsmagazin musternd, wo eine Menge kleinerer Fahrzeuge über und nebeneinander aufgeschichtet liegen, bis zu dem gewaltigen Scherenkrahn, der von anständiger Kirchturmshöhe ist und Lasten von über tausend Zentnern Gewicht auf die Kriegsschiffe überträgt. Nicht weit davon ist die gewaltige Kesselschmiede und der Maschinensaal mit einem Anhang weitläufiger Nebenwerkstätten.
Die Uhrenfabrikation und der Schiffsbau bezeichnen zwei Pole der Industrie. Dort müht sich der Arbeiter mit der Loupe an dem kleinsten, hier mit dem dampfgetriebenen Krahne an dem größten mechanisch Darstellbaren.
Hier geht alles ins Kolossale. Der Arbeiter ist im Vergleich zu den Maschinen, an denen er hantiert, eine Ameise, während die Hämmer, welche die Panzerplatten schmieden, die Werkzeuge von Kyklopen zu sein scheinen. Staunend schaut der Fremde eine Weile in das tosende, riesenhafte Getriebe; dann wendet er sich gern wieder ab. Es liegt etwas Übermenschliches, an den Vulkanmythus Mahnendes, etwas Beängstigendes in diesen donnernden, sausenden, singenden und ächzenden Kolossalmaschinen.
Ich atmete auf, als ich wieder draußen auf der Hafenstraße von Pola stand. Sie war reich belebt von spazierenden Militärs. Ich ließ mich ohne Rast zum Scoglio olivi hinüberstoßen, wo in zwei weiten eisernen Hallen die Werften für den Kriegsschiffbau liegen. Ein Kriegsschiff war nicht im Baue; hingegen lag auf einem der beiden Trockendocks ein Panzerschiff in Reparatur und glich, wie es da außer Wasser stand, einem gestrandeten Walfisch.
Der augenfällige Unterschied zwischen einem Handels- und einem Kriegsschiff besteht darin, daß die schwimmende Festung statt der vielen Kajütenfenster nur eine Reihe viereckiger Öffnungen zeigt, durch die ebenso viele Kanonenmündungen blitzen, und daß auf dem Deck ein oder zwei drehbare Panzertürme, runden Kesseln nicht unähnlich, mit Schießlucken stehen. Wirklich schwer gepanzert ist es nur etwa zwei Meter über und unter der Wasserlinie und da, wo die Werke zum Drehen der Türme stehen.
Das Balancedock ist ein ungeheurer Kasten, der wie ein Schiff auf dem Meere schwimmt, aber durch Einpumpen von Wasser derart versenkt werden kann, daß das größte Kriegsschiff zwischen seinen Seitenwänden einfahren kann, worauf das Schiff durch das Auspumpen des Wassers im Dock ins Trockene gehoben wird.
Nicht minder merkwürdig ist der »Zyklop«, ein Werkstättenschiff, welches die Arbeitsräume und Maschinen für die Reparatur der Marineboote enthält. Es ist ein schwimmendes Arsenal, welches ein in die See stechendes Geschwader begleiten kann.
Der Tag ging zur Neige, als ich meinen Gang durch das Arsenal beendet hatte. Um von dem Städtchen noch etwas zu sehen, verzichtete ich auf eine Kahnfahrt nach dem Kriegshafen, wie sie mir mein Führer vorgeschlagen hatte; ich begnügte mich, den grauen, stählernen Ungeheuern mit den Kanonenmündungen von ferne meine Reverenz zu erweisen.
Während mich der Führer zurückruderte, genoß ich den reizenden Anblick des sich an den südlichen Hügelstufen emporbauenden Stadtbildes von Pola.
Der Ort selber ist uralt; denn unter dem Namen Pietas Julia blühte hier eine römische Kolonie, und im Mittelalter beherrschten von hier aus die Markgrafen von Istrien ihr Land; aber in gewissem Sinne ist es doch der Benjamin der istrianischen Städte. Nachdem es im 13. und 14. Jahrhundert bald von den Venetianern, bald von den Genuesen verwüstet und im 17. von der Pest entvölkert worden war, so daß es kaum mehr ein halbes Tausend Einwohner zählte, ist es erst durch Anlage des Kriegshafens und zum großen Teil auf Kosten der istrianischen Schwesterstädte wieder ein Gemeinwesen von einiger Bedeutung geworden und zählt gegenwärtig etwas über 10 000 Einwohner.
Seine Geschichte bringt es mit sich, daß sich in der Stadt Altes und Neues aufs wunderlichste mischen, daß fast an jedem Plätzchen eine alte Historie klebt.
Hier sollen Jason und Medea auf ihrer Flucht vor den Kolchiern gerastet, dort die schöne Cenide mit dem jugendlichen Vespasian einen erotischen Roman durchlebt haben; am dritten Ort zeigt man die Stelle, wo am Charfreitag 1271 die Familie der Sergier, die als erbliche Generalkapitäne die Stadt verwalteten, vom Volke meuchelmörderisch niedergemacht worden ist.
Vielleicht die interessanteste dieser Erinnerungen aber hat der Ort da, wo jetzt mit leuchtender Front die Infanteriekaserne auf den Golf herniederschaut; denn hier stand im Altertum ein Venustempel, im Mittelalter ein Nonnenkloster, jetzt also eine Militäranstalt.
»Und aber nach fünfhundert Jahren,
Als ich desselbigen Wegs gefahren« – – –
Kann man sich eine lebendigere Illustration zur Sage von »Chidher, dem Ewigjungen«, denken?
Auf einem Hügel oberhalb der Kaserne erhebt sich das alte venetianische Kastell, und nicht weit davon steht eines der sehenswertesten Altertümer: die zierliche Triumphpforte, welche Salvia Postumia ihrem Gemahl, dem Tribunen Servius Lucius, und dessen Verwandten errichtet hat. Das vollkommen freistehende, von einem prächtigen Rostton überzogene Denkmal gehört mit seinen paarweise geordneten korinthischen Säulen und dem stark vortretenden, von etwas Strauchwerk umwucherten Gesimse der besten Zeit römischer Baukunst an.
Ebenso schön ist ein anderes ganz in den Häusern verstecktes römisches Denkmal: ein eleganter Tempel des Augustus und der Roma, ein wunderbar wohlerhaltener Bau, obgleich er unter den wechselnden Besitzern von Pola schon als Kirche und als Kornkammer gebraucht wurde. Noch liest man an dem Fries der von sechs korinthischen Säulen gebildeten Vorhalle die Widmungsinschrift »Patri Patriæ«, und die zierliche Ornamentik des Giebels hat durch den Verwitterungsvorgang von fast zwanzig Jahrhunderten – der Tempel wurde im Jahre 8 gebaut – nicht wesentlich gelitten.
Neben diesem 13 Meter hohen Bau stand im Altertum ein anderes Heiligtum, der Tempel der Diana, von welchem aber nur die Rückseite auf uns gekommen ist; denn in seine Vorderseite hinein ist nicht ohne Geschick das Stadthaus von Pola, ein anmutiger Palast in maurisch-gotischem Stil, gebaut worden. Vor seiner Parterreloggia liegt der Hauptplatz von Pola, das antike Forum.
Vom Triumphbogen der Sergier zieht sich die mit Kastanienbäumen besetzte Ringstraße um das Kastell her gegen den innersten Teil des Hafens und gegen das Amphitheater hinab.
Dieses kann sich zwar an Größe mit demjenigen von Verona nicht messen; denn die Maßverhältnisse sind fast ein Drittel geringer als am »Haus Dietrichs von Bern«; immerhin beträgt die Länge seines Ovals 120, die Breite 96 Meter und sein Raum faßte über 20 000 Personen. Von all den Arenen des Südens ist sie die einzige im Außenbau erhaltene, während man freilich, um ein Bild ihres ausgeplünderten Inneren zu gewinnen, das Bild des Amphitheaters an der Etsch zu Hülfe nehmen muß.
Da die Arena, die von der alten römischen Gemeinde um das Jahr 200 zur Auslösung eines Gelübdes und zu Ehren der Kaiser Septimus Severus und Caracalla aufgeführt wurde, am Abhange eines Küstenhügels steht, so verkürzt sich der Bau von der Golfseite gegen hinten um die ganze Höhe der untersten Bogenreihe, während am zweiten Stockwerk die 72 Bogen recht schön zur Darstellung kommen. Über den viereckigen, fensterartigen Ausschnitten des dritten Stockwerkes krönt eine Steingalerie den 24 Meter hohen Bau, an welchem vier turmartige Anbauten eine besondere Eigentümlichkeit bilden.
Als ich auf dem Hügel über dem Amphitheater stand, erhaschte ich eben noch die letzten Strahlen der scheidenden Sonne, die herrlich durch die öden Räume des gewaltigen Baues fluteten. Dann versank das purpurne Gestirn in der fernen See; die Dämmer woben über dem Hafenrund von Pola.
Ich setzte mich auf den kurzen Rasen des Hügels, und im Anblick des dunkeln Ruinenkolosses sah ich, als hätten sich die Zeiten um mehr denn anderthalb Jahrtausende zurückgedreht, ein seltsam Bild.
Römische Männer und Frauen schritten in Toga und Palla zu den vier Toren der Arena. Auf den Galerien plauderte viel müßiges Volk: Kriegsleute, Freigelassene und Sklaven, und unter Trompetenklängen kam von der Pietas Julia die Schar der Gladiatoren gezogen. Nun scholl auf zur Loge, wo im Purpurgewand mit müdem Lächeln der junge Kaiser saß: »Ave Caesar, morituri te salutant!« »Sei gegrüßt, Cäsar, die Todbereiten grüßen dich!« »Hie Hyplomachos, hie Thraker.« Nun ein erstes Scheingefecht, dann heller Schwertesklang! Der Thraker sinkt in die Kniee und hält um sein Leben bittend die Hand empor. Allein das Volk will Blut sehen. Der Hyplomachos gibt ihm unter dem wilden Jubel der Zuschauer den Todesstoß. Noch haben kaum die Angestellten den zuckenden Leichnam versenkt,
»Da speit das doppelt geöffnete Haus
Zwei Leoparden auf einmal aus.«
Ich kam nicht weiter mit meinem Schiller …
»Guten Abend, mein Herr, darf ich Sie um etwas Feuer bitten?« sagte jemand im feinsten Deutsch zu mir. Ich schnellte aus meinen Träumen und von dem Rasenlager empor, und vor mir stand ein hagerer, fadenscheiniger Mensch.
»Bitte, bedienen Sie sich.« Allein der Mann sah mich nur mit einer Art stummen Jammers an. »Gnädiger Herr«, sagte er dann, »um Gotteswillen, bezahlen Sie mir und meiner Frau ein Abendbrot; wir sind deutsche Schauspieler und heute sechs Stunden über das Land gewandert; aber gegessen haben wir nichts. Erst müssen wir spielen, dann können wir essen. – Mein Gott, was ist das für ein Spielen, wenn man vor Hunger zusammenfällt!«
»Wir wollen sehen«, sagte ich und ging mit dem armen Teufel gegen den Quai hinunter, als aus dem Schatten der Arena ein junges Weib hervortrat.
»So haben wir uns nicht getäuscht«, sagte sie, auf uns zutretend; »der gnädige Herr will etwas für uns tun.« Meine Hand ergreifend, wollte sie dieselbe küssen.
»Leutchen, aber wie kommen Sie denn überhaupt dazu, mich so zu überfallen?« fragte ich halb abwehrend, halb von den erwartungsvollen Gesichtern belustigt.
»Verzeihen Sie, wir haben Sie an der Arena vorüber auf den Hügel steigen sehen, und ich sagte zu meinem Mann: »Dieser Herr wird uns helfen.« Sie haben so ein liebes, gütiges Gesicht. Da sind wir Ihnen gefolgt bis zur Höhe«, sprach das junge Weibchen schmeichelnd, aber noch ungewiß, ob mich all das rühren werde.
Da die Leutchen mir wirklich mehr arm als gaunerhaft vorkamen und ich frei sein wollte, gab ich den beiden zu einem Abendbrot. Sie dankten überschwenglich und luden mich, ich weiß nicht mehr wohin, ein, ihr Spiel anzusehen. Ich hatte indes Neu-Pola, das sich um einen Hügel südlich vom Kastell lagert, einen Besuch zugedacht, und dazu war jetzt die rechte Zeit. Über den östlichen Höhen war der volle Mond aufgegangen, und die Nacht war so hell und klar, daß ich selbst meinen Bädeker, der übrigens von Pola wenig schreibt, ohne Mühe lesen konnte.
So wanderte ich denn hinauf auf die höchste Kuppe zur Sternwarte, auf deren Terrasse das Monument des Admirals Tegethoff, ein prachtvoller Erzguß, steht, den Kaiser Franz Joseph im Jahre 1877 errichten ließ. »Tapfer kämpfend bei Helgoland, glorreich siegend bei Lissa, erwarb er unsterblichen Ruhm sich und Österreichs Seemacht« lautet die Inschrift auf dem Sockel des Denkmals, dessen Fuß mit vier allegorischen Figuren geschmückt ist.
Wunderschön ist der Standort; denn da liegt nicht nur die Stadt selbst, sondern auch der Golf mit den Forts, die ihn umrahmen, und die See, die mondbeglänzte, lichtgesättigte, dem Beschauer zu Fuß.
Dann führte mich der Weg hinab zu reizenden Baum- und Buschanlagen, wo im tiefsten Parkfrieden das Maximiliansmonument, eine zu jeder Seite mit drei Schiffsschnäbeln gezierte, schlanke Säule, steht, die von einer geflügelten, auf einer Kugel stehenden Viktoria bekrönt ist.
Ich habe die Figur im ersten Augenblick für eine Fortuna gehalten, hat doch der unglückliche Kaiser von Mexiko mehr von der Macht der launenhaften, flüchtigen Göttin des Glückes als von der lorbeerspendenden des Sieges erfahren, zu deren Bildnis sich die mexikanische Kaisergeschichte wie eine bittere Satire ausnimmt.
Nachdem ich Pola im Mondschein noch mehrmals durchstreift, ging ich ermüdet von der Triumphpforte der Sergier gegen den Quai hinunter. Da hörte ich aus einer Schenke die Stimme einer Sängerin. Sie sang das Lied: »Komm, flieh mit mir und sei mein Weib.« Ich hörte stillstehend zu, bis die Schlußworte »verdorben, gestorben« verklungen waren. Als eben eine Schar Seeleute dem Gesang händeklatschend ihren Beifall gab, trat ich ein.
Es war der Schauspieler und sein Weib, die ich auf so seltsame Art bei der Arena kennen gelernt hatte, welche in dem raucherfüllten, nicht sonderlich reinen Raume sangen. Man trank ein leidliches Bier, und in eine Ecke gedrückt hörte ich den Deklamationen und Gesängen des armseligen jungen Künstlerpaares zu. Gewiß hatten diese Leutchen schon bessere Gesellschaft gesehen. Hier leuchtete ihnen kein Stern. Plötzlich verlangten die Italiener unter den Seeleuten einen italienischen Vortrag, und das ausgehungerte Paar war in größter Verlegenheit. Jeder Versuch einer weitern deutschen Deklamation wurde durch italienische Gesänge vereitelt, der Wirt hob die Vorstellung auf, und mit der unglücklichsten Miene von der Welt eilte der deutsche Schauspieler mit seinem Weibe davon.
Es war mir selbst unbehaglich geworden; denn die Deutschen und die Italiener suchten sich gegenseitig mit ihren Liedern zu übertönen und einige Minuten nach der abgebrochenen Vorstellung suchte auch ich meinen Gasthof auf und nahm mir vor, bis um fünf Uhr morgens so fest zu schlafen, wie daheim bei der Mutter. Das Bett war wirklich vortrefflich; allein ich hatte meine Rechnung ohne die Plagegeister des Südens gemacht. Schon bald nach Mitternacht erwachte ich von einem Schmerz, wie wenn ich im dichtesten Nesselbusche läge, und als ich Licht machte und die Decke zurückschlug, rannten eben die letzten der braunroten Halbflügler davon.
Ratlos stand ich am Fenster und sah zum Mond hinauf, der ruhsam über die Dächer von Pola zog. Draußen lag eine lichtvolle sommerlich warme Nacht. »Ruhe findest du hier keine mehr«, sagte ich mir; »wie wär's, wenn du hinauswandertest, einsam wandertest in das fremde, mondhelle Land?«
Der Gedanke hatte etwas Romantisches; ich widerstand ihm nicht lange und das Türschloß des Gasthofes auch nicht. So zog ich denn hinaus, ein stiller Gänger, am Amphitheater vorbei hinauf auf das Plateau und immer südwärts über die öden Karstgründe dahin.
Wer nie so menschenverlassen gewandert ist, der faßt kaum die Poesie eines solchen nächtlichen Streifzuges. Sie läßt sich in Worten nicht wiedergeben. Die Steinklippen, die Ränder der Mulden, selbst das Laub des Gesträuchs leuchteten mit einem fahlen Schein; auch nicht ein Mensch begegnete mir; nur in einem fernen schlafenden Gehöfte schlug ein Hund an, um sich dann rasch wieder zu beruhigen.
Und doch war die Einöde fern und nah tonerfüllt. Sangen die Zikaden, sangen die Vögel im Traume? Ich glaube das letztere. Als der Morgen kam, da klangen über dem gottverlassenen Karstlande, in den Steinwinkeln und in der Bläue der Luft so viele Vogellieder, daß ich mich nur wundern mußte, in dem Gefelse ein so reiches Tierleben zu finden.
Trotzdem ich ohne Hast gegangen war, stand ich um vier Uhr auf einer Uferhöhe, nicht fern von Medolina, das an einer lieblichen Bucht ganz im Süden der Halbinsel liegt.
Schon stritten sich Mondlicht und Dämmerschein und als eine schwarze Felsenbarre zog sich die äußerste Spitze von Istrien – Promontore – und der Scoglio Porer in das perlmutterglänzende Meer hinaus. Fern im Osten über dem Quarnero stieg die Sonne groß und golden aus der See empor und umflutete die Küstenhöhen mit einer Garbe jungen Lichts; dann wurden auf dem Meer Segel sichtbar; die Flut selber war überhaucht von Sonnengold.
So führt im hellenischen Mythus Helios seinen goldenen Wagen über das Meer herauf.
Von einer immergrünen Eiche steckte ich mir ein Zweiglein auf den Hut; dann wanderte ich schneller, als ich gekommen war, nach Pola zurück.
Auf dem Wege dahin sah ich ein istrianisches Idyll: Eine junge Bäuerin, die, auf einer Eselin sitzend, mit der einen Hand die Kunkel hielt, mit der andern ein grobes Baumwollgarn spann und eine Ziegenherde vor sich her trieb.
Noch mehr aber als dieses Bild erheiterte mich die Überraschung, die sich auf dem Gesichte meines Wirtes spiegelte, als ich mit allen Spuren einer Morgenwanderung vor ihn trat. Er schwur hoch und teuer, daß es in seinem Hause keine Wanzen gebe; als ich aber meine Rechnung bezahlte, bat er mich, es keinem Menschen zu verraten, daß ich bei ihm schlecht geschlafen habe.
Nach dem Frühstück eilte ich auf das Dampfboot, wo ich kaum eine Minute vor der Abfahrt anlangte. Als dasselbe aus dem Hafen manövrierte, sah ich die Sängerin von gestern abend zwischen ein paar großen Weinfässern des zweiten Platzes kauern. Erst jetzt fiel mir so recht auf, wie jung, kaum über die zwanzig Jahre, und wie erbarmungswürdig das Wesen in seinem schwarzen Kleide dreinsah. Als sie sich jedoch von mir beobachtet fühlte, da stieg eine tiefe Röte in ihr Gesicht; meine Entdeckung schien sie peinlich zu berühren. Dann aber kam sie plötzlich auf mich zu.
»Wir haben uns getrennt«, sagte sie; »wir waren in Wahrheit nur so weit hinabgewandert, um uns im Meer das Leben zu nehmen; allein der Tod tut weh! Ich gehe heim in die Steiermark; denn ich habe einen Vater und eine Mutter dort. Zu ihnen will ich zurückkehren und will arbeiten. Ich bin ihnen fortgelaufen. Der Sänger ist nicht mein Mann; aber wir hatten einander lieb. Er war immer gut mit mir, und gestern nacht, als ich weinte und mich das Heimweh überkam, da schenkte er mir die ganze gestrige Einnahme und sagte: »So geh, du mein armes, armes Kind; ich darf dich nicht länger halten!« Mein Gott, was wird aus ihm jetzt werden! Er wird allein tun, was wir zusammen nicht vollbringen konnten. Er hat keinen Halt mehr; ich hätte ihn nicht verlassen sollen.« Sie hatte das letztere mehr zu sich selbst als zu mir gesagt und lehnte nun in stummer Verzweiflung an einen Warenballen.
Bis nach Rovigno hinauf waren ein sehr elegantes, italienisches Fräulein, das von Cattaro kam, und ich die einzigen Passagiere erster Klasse. Mit steigender Aufmerksamkeit hatte diese junge Dame die eben geschilderte Szene beobachtet, und als ich in ihre Nähe kam, erkundigte sie sich einläßlich, was dem armen Wesen fehle. »O poveretta, poveretta!« rief sie, als ich ihr die Umstände der Sängerin erzählte, und übernahm an ihr das Amt der barmherzigen Samariterin. Sie erledigte sich seiner in einem gebrochenen Deutsch, das man für drollig hätte halten können, wäre es nicht die Sprache einer Menschenfreundin gewesen, und mit ebenso viel Anmut, als Erfolg; denn als wir uns Rovigno näherten, war der Ausdruck dumpfer Verzweiflung in dem Gesichte der Steiermärkerin demjenigen einer stillen Ergebung gewichen.
»Ich werde die Arme in Triest in ein Haus begleiten, wo man für ihre Heimkehr sorgen wird!« sagte mir die Cattaresin. Kein Mensch hätte ihr dankbarer sein können als ich, daß ich endlich einer Reisebekanntschaft, die ich dreimal unter den seltsamsten Umständen gemacht, auf eine so schickliche Weise ledig wurde.
Bis in die Gegend von Parenzo hatten wir wieder prachtvolle Fahrt bei spiegelglatter See; dann aber verdüsterte sich der Himmel, wurde bleiern, und ein sengend warmer Scirocco brach ein. Schon in der Gegend von Cittanuova schwankte unser Küstendämpferchen bedenklich, und bald war die See nah und fern mit weißen Schäumen überdeckt, die gleich gescheuchten Herden vor dem Seewind flohen. Es war kein Sturm, aber ein Stürmchen, gerade stark genug, um mir noch eine Vorahnung dessen zu geben, was zur See schlechtes Wetter heißt. Abgeschlagen und wohl auch der Seekrankheit nahe, kam ich in Triest an. Unser Schiff hatte zwei Stunden Verspätung, und noch am folgenden und zweitfolgenden Tag fühlte ich die Nachwehen der paar Stunden unruhiger Fahrt, ein Gefühl des Schwankens, als wäre ich noch zu Schiff.
Und als ich dann zu Monfalcone wieder am Strande stand, das Meer sonnig war und glatt, fern und nahe die kleinen und großen Schiffe segelten, da dachte ich an das »male di mare« wie an ein Erlebtes und wünschte glückliche Reise und ruhiges Wetter allen, die hinfahren über das schöne, falsche Meer.