Ausflüge von Tokyo. — Nikko, Miyanoshita, Kamakura.

Der schönste Ausflug von Tokyo ist nordwärts nach dem Tempelbezirk von Nikko[143], 90 englische oder 19 geographische Meilen, mit der Eisenbahn in 5 Stunden. Heute genügen 3 Tage. Vor 10 Jahren brauchte H. Meyer 10 Tage dazu; er musste im Miethswagen fahren sowie Kochofen und Diener mitnehmen.

Nikko kekko, Nikko ist entzückend, — dies hört man so häufig in Japan, wie in Frankreich, dass Paris die Hauptstadt des Erdballes sei.

Das Land ist herrlich angebaut wie ein Garten. Reis, Thee, Baumwolle, Maulbeerbäume, Gemüsefelder, — Alles wechselt in bunter Reihe mit kleinen Ortschaften. In Japan waren 1887 an 4½ Millionen Hektar unter Bebauung, in Deutschland 22 Millionen. In unserem Vaterland kommen 47 Ar auf den Einwohner, in Japan genügen elf. Die Felder sind selten grösser als ½ Morgen, ja mitunter nur einige Quadratmeter gross. Die Wirthschaften sind klein, 1–1½ ha. Grossgüter giebt es nicht. 40 Procent der Landwirthe sind Besitzer, die andern Pächter.

40 Procent der Bevölkerung sind Bauern, und weitere 25 Procent betreiben Ackerbau im Nebengewerbe. 58 Procent der Staatseinnahmen kommen vom Ackerbau, ja, wenn man die landwirthschaftlichen Gewerbe, wie Sake-Brennereien hinzurechnet, 80 Procent. Arbeitsvieh wird wenig verwendet. Folglich fehlt thierischer Dung. Deshalb wird der menschliche auf das sorgfältigste aufgehoben und verwerthet. Künstliche Bewässerung wird seit den ältesten Zeiten geübt. Mit dem Tretrad wird das Wasser aus dem Graben auf die Felder gehoben. Auch sieht man zahlreiche Ziehbrunnen. Reisfelder müssen ganz unter Wasser gesetzt werden. 100 Millionen Scheffel[144] werden jährlich geerntet oder 2⅔ Scheffel für den Einwohner. Mehr als die Hälfte des japanischen Ackerlandes besteht aus Reisfeldern.

Der Sonnengöttin Amaterasu, welche für die Japaner auch die Rolle der Ceres spielt, wird in ihrem Tempel zu Ise geopfert, damit die fünf Stengelfrüchte (Gokoku) Reis, Gerste, Weizen, Hirse, Bohnen gedeihen. „Landwirthschaft ist die Quelle des Landes,“ so lautet ein japanisches Sprichwort, das gewiss unserem „Bunde der Landwirthe“ gefallen wird, das aber in seiner Einseitigkeit aus der Zeit der völligen Absperrung herstammt. Unter den drei Classen des gewöhnlichen Volkes (heimin) stand der Bauer (hijakushô) höher, als der Handwerker (shokunin) und der Kaufmann (akindo). Der Samurai verschmähte es nicht, selber das Feld zu bestellen, gerade so wie der römische Patricier. Nur selten wird das japanische Landschaftsbild durch ein fremdartiges Gebäude, z. B. eine Papierfabrik, unterbrochen.

Bei Utsonomiya (65 englische Meilen von Tokyo) verlässt man die Nordbahn und geht über auf die nordwestlich verlaufende Zweigbahn nach Nikko.

Bald erscheinen niedrige, lieblich grüne Berge und die erhabene Fichten-Baumreihe, welche nach den Gräbern der grossen Shogune hinleitet. Neben der Strasse für Jedermann gab es auch eine zweite (Reiheishi Kaidō), ebenfalls von Fichtenbäumen eingesäumt, für die Gesandtschaft des Mikado, welche Geschenke zum Grabe des grossen Jeyasu brachte. Die Fichten (Cryptomerien) Japan’s sind nicht so gewaltig wie die Sesquojen beim Yosemite-Thal in Californien[145], nicht einmal so mächtig wie die canadischen; aber es sind ebenmässige, wunderschöne, Ehrfurcht gebietende Bäume von 2–3 Meter Umfang. Mit grosser Kunst haben die Japaner es verstanden, sie zum Hintergrund der Todtentempel zu wählen. Offenbar bestanden die Fichtenhaine zu Nikko schon lange, als Jeyasu’s Grabeskirche hier erbaut wurde.

Das Dorf (Hashi-ichi), wo unser Zug endigt, (2000 Fuss über dem Meeresspiegel,) ist, wie die meisten in Japan, schmal und sehr lang. In dem üblichen Manneswagen fährt man zwei englische Meilen durch die Doppelreihe von Häusern, Pilgerherbergen und Läden, wo Erzeugnisse des heimischen Gewerbefleisses, Pelzwaaren und Holzschnitzereien,[146] ausliegen, ferner Lichtbilder von diesem, dem berühmtesten Theile von Japan, während an den freien Plätzen nicht bloss Jinrikisha’s, sondern sogar auch kleine Reitpferde auf Reisende harren. Trotz aller Besonderheiten von Land und Leuten sieht das Ganze einem schweizer Gebirgsdorf mit reichem Fremdenverkehr einigermassen ähnlich.

Im Nikko-Hotel, am Ende des Ortes und in der Nähe der Tempel, finde ich eine befriedigende Unterkunft und treffe mehr als Einen von den Schaaren, die mir zur See Begleiter waren.

Ein Shinto-Tempel hatte in Nikko seit uralter Zeit bestanden, er ward aber später nach Utsunomiya verlegt. Ein buddhistischer Tempel wurde 767 n. Chr. von dem heiligen Shōdo Shōnin errichtet, von dem die japanischen Acta Sanctorum der Wunder genug zu erzählen wissen, z. B. dass ein göttliches Wesen ihm, als er den reissenden Fluss bei Nikko nicht passiren konnte, in einem Augenblick eine gewölbte Schlangenbrücke herstellte. Im Jahre 1616 begann der zweite Shogun aus der Tokugawa-Familie den Todtentempel für seinen Vater Jeyasu. Im folgenden Jahre wurde der Leichnam unter grosser Feierlichkeit dorthin gebracht und beigesetzt. Abt des Klosters war stets ein Sohn des Mikado; er wohnte in Yedo und kam drei Mal jährlich nach Nikko. (Der letzte war der bei Besprechung des Ueno-Tempels genannte Prinz Kita Shirakawa.)

Auch der dritte Shogun (Jemitsu) hat in Nikko sein Grabdenkmal.

Entzücken und Begeisterung über die Tempel von Nikko findet man in vielen Schriften von Damen und Herren. Seltener, weil schwieriger, ist die Begründung der Gefühlsschwärmerei durch genaue Beschreibung.

Wer, mit solchen Schriften in der Hand, prüfend in den Tempel eintritt, ist zunächst enttäuscht, — namentlich, wenn er durch unser klassisches Gymnasium hindurch gegangen und auch noch in seinen Mannesjahren die hohe Schule der antiken Kunst in Florenz, Rom, Neapel, Athen, Olympia, sowie in den Sammlungen der europäischen Gross-Städte durchgemacht. Aber langsam und allmählich ändert sich der Eindruck. Wenn auch des Wunderlichen viel vorhanden ist, so fehlt doch nicht das Erhabene und das Schöne.

Vernünftige Ueberlegung siegt über eingewurzelte Geschmacksvorurtheile. Es ist ungereimt, griechische Ideale auf ostasiatische Kunstübung anzuwenden.

Die japanischen Tempel sind errichtet für Japaner, nicht für den Reisenden aus Europa und den Vereinigten Staaten. Wenn sie die Japaner voll und ganz befriedigen, und das ist der Fall, so müssen sie als gelungen und vollkommen angesehen werden.

Wie verschieden haben doch die verschiedenen Culturvölker des Alterthums und der Neuzeit, jedes nach seiner Art, den Gedanken des Göttlichen im Tempelbau auszudrücken versucht! Da ich weder Gottesgelehrter noch Baumeister bin, so muss ich mich auf das beschränken, was ich selber mit meinen Augen gesehen.

So mächtig uns noch heute, nach Jahrtausenden, die Reste der altägyptischen Tempel vorkommen, ganz anders war ihr Aussehen, als sie zur Zeit der Pharaonen noch unversehrt aufrecht standen, umgeben von den riesigen Umfassungsmauern, am Eingang mächtige Thorthürme (Pylonen), mit eingemeisselten, weithin sichtbaren Götterbildern und Hieroglyphen und mit 100 Fuss hohen, bewimpelten Masten und zahllosen Flaggen. Viele Aegypter durften für ihr ganzes Leben nur diese Aussenseite schauen und die ungeheuren Königsbilder aus Stein, die in majestätischer Haltung davor Wacht hielten, wie die „Memnons-Säulen“ zu Theben, deren Besuch den Gebildeten, welche in der römischen Kaiserzeit Aegypten bereisten, ganz unerlässlich schien, obwohl sie nicht mit zu den sieben Weltwundern gerechnet wurden. Jedenfalls konnte die Hauptmasse des Volkes nur bis in den ersten, gewaltigen, säulenumgebenen Hof vordringen, dessen Abschluss nach innen zu, eine Reihe von Lotos- oder Palmenblatt-Säulen, zu beiden Seiten des Eingangs durch übermannshohe Mauer-Schranken versperrt war. Nun folgte eine Flucht von säulengetragenen Sälen, alle von unbeschreiblicher Pracht, alles Bauwerk (sogar die Umfassungsmauern und die dunkelsten Keller) mit schöngeschnittenen Hieroglyphen und zahllosen (allerdings unserem Geschmack nicht entsprechenden) Götterbildern geschmückt, endlich das Allerheiligste, ein ganz dunkles Gemach, aus einem ungeheuren Steinblock gehauen, worin das eigentliche Götterbild, der Gegenstand der Verehrung, aufbewahrt wurde.

In dieser scheinbar unzähligen Reihe von Gemächern ist jedes folgende niedriger, als das vorhergehende; jede folgende Thür der gradlinigen Flucht erscheint nicht bloss dem Beschauer auf dem Hofe perspectivisch verkleinert, sondern ist thatsächlich kleiner, als die vorhergehende, so dass der sinnlich überwältigende Eindruck einer ungeheuren Ferne, des Unendlichen und Geheimnissvollen, auf das empfängliche Gemüth des abergläubischen Nilanwohners hervorgebracht werden musste, wenn bei den nächtlichen Festen die Lampen aus der Thür des Allerheiligsten hervorschimmerten.

Die alten Hebräer waren original in ihren religiösen Schriften, aber nicht in ihren Tempel-Bauten. Die Bundeslade entspricht ägyptischen Vorbildern. Von phönicischen Künstlern wurde Salomon’s Wunderwerk errichtet.

Die Entwicklung[147] des altgriechischen Tempels zu schildern, übersteigt meine Kräfte. Betrachten wir als Beispiel aus der besten Zeit den Parthenon auf dem Burgberg zu Athen. Schönheit des Stoffs und der Form, vollendetes Ebenmass und reicher, aber nicht überladener Schmuck mit Bilderwerken kennzeichnen das hohe, rechteckige Haus, welches die perikleische Zeit für die Schutzgöttin der glänzenden, berühmten, veilchenumkränzten Stadt errichtet hat.

Der Eingang ist von Osten. Die säulengetragene Vorhalle zeigt an der dreieckigen Stirn entzückende Marmorbilder. Ebenso an der gleichgestalteten Hinterseite. Sie stellen dar die Geburt der Göttin und ihre Besitzergreifung des athenischen Landes.

Im Hauptgemach unter freiem Himmel steht das Cultbild der Göttin aus Gold und Elfenbein, das Wunderwerk des Phidias. Die hintere Halle birgt den Staatsschatz. Die Metopenbildwerke und den umlaufenden Fries, die Darstellung des Festzuges zu den Panathenäen, rechnen wir noch heute zu dem schönsten Reste der griechischen Bildhauerkunst.

So wunderbar der ganze Marmorbau, gewiss eines der herrlichsten Gebäude, die jemals errichtet worden, — er diente wohl der Betrachtung und der feierlichen Wallfahrt; aber die eigentliche Verehrung hatte draussen im Freien ihre Stätte: auf dem Altar vor dem Tempel wurden die Opfer verbrannt.

Die Römer, gross als Staatenbildner, in der Kunst und Wissenschaft waren sie klein und unselbständig. Wie viel sie den Etruskern verdanken, können wir nur vermuthen. Aber bedeutend war sicher der Einfluss der Griechen von Unteritalien oder Grossgriechenland. Aeusserlich sieht der römische Tempel dem Laien fast ebenso aus, wie der griechische. Im Innern sind Unterschiede. Die Vorhalle ist grösser. Die Hinterhalle fehlt. Das Cultbild steht im Hintergrund des Hauptgemaches, unmittelbar davor der Altar.

Trotzdem diese Eigenthümlichkeit auch in der altchristlichen Kirche des Römerreiches, der Basilica, auftritt, scheint die letztere nicht aus dem römischen Tempel hervorgegangen zu sein, sondern aus der römischen Gerichtshalle. Zwei Säulenreihen tragen das platte Dach und theilen den Raum in drei Schiffe; dann kommt der erhöhte Chor, der prächtig geschmückte Altar und in der nach Osten gerichteten Nische das Bild der Verehrung. Wohl die herrlichste Basilica der Erde ist San Paolo fuori le mura im ewigen Rom.

Noch zwei Typen hat die christliche Baukunst geschaffen, den centralen Kuppelbau, für den im heidnischen Pantheon zu Rom ein Vorbild gegeben war, und den gothischen Dom. Den ersteren bewundern wir in der heiligen Sophia zu Constantinopel, den letzteren in unserem Köln.

Zweifellos ist die Kuppel ein Sinnbild des Himmelsgewölbes, während die kühn emporstrebenden Säulen des gothischen Domes und die Spitzbogen den Blick gewissermassen in eine unergründliche Höhe emporlenken.

Die Mohammedaner haben in der ersten Zeit sicher die Basilica nachgeahmt, wie in der Moschee des Amr zu Kairo (aus der Mitte des 7. Jahrhunderts n. Chr.) deutlich zu sehen.

Den Kuppelbau der heiligen Sophia zu Constantinopel haben sie einfach in eine Moschee umgewandelt: die prachtvollen Mosaiken übertüncht, da sie im Gotteshaus Bilder nicht dulden; ferner eine Gebetnische (Michrab) nach Südosten,[148] in der Richtung auf das Grab Mohammed’s, eingebaut, so dass jetzt alle Gebet-Teppiche auf dem Fussboden schräg gegen die Hauptachse des Tempels verlaufen; sodann eine steile Kanzeltreppe (Mimbar) errichtet, und vor dem Tempel ihre schlanken Spitzthürme (Minaret) erbaut, von deren Höhe der Muezzin mit wohllautendem Gesang die Gläubigen zu Gebet ruft.

Die Mohammedaner haben zu Stambul nach diesem Vorbild andre Moscheen erbaut, deren Kuppeln weit schöner sind, als die der heiligen Sophia. Aber den Gipfel der Vollendung erreichten die Kuppel-Bauten der Grossmogul zu Agra und Delhi, die dem Parthenon ebenbürtig zur Seite stehen und des grossen Vortheils sich erfreuen, dass sie ziemlich unversehrt auf unsere Tage gekommen sind.

Voll dieser Gedanken, die ich am ersten Abend zu Nikko, nach dem ersten vorläufigen Besuch der Tempel, in meinem Tagebuch verzeichnet, trat ich am nächsten Morgen den Weg an zur genaueren Besichtigung.

Ob die Japaner Religion besitzen, darüber lass’ ich die Gelehrten streiten. Tempel haben sie; ihre schönsten in Nikko,[149] die Grabestempel der göttlich verehrten Herrscher. Sie weichen wesentlich ab von den vorher geschilderten der andern Völker. Aber Natur und Kunst haben die Japaner hier geschmackvoll vereinigt, um den Eindruck des Feierlichen hervorzurufen.

Schon durch die meilenlange, zu beiden Seiten mit Cryptomerien besetzte Zugangsstrasse wird die Aufmerksamkeit des Pilgers gefesselt und auf das Kommende vorbereitet.

Am oberen Ende des Dorfes liegt Mihashi, eine lebhaft roth lackirte Holzbrücke, welche, auf Steinpfeilern ruhend, den 40 Fuss breiten Fluss (Daiya-gawa) überspannt und den kundigen Wandrer an das Wunder mit Shōdo-Shōnin erinnert, um so mehr als sie zu beiden Seiten durch Gitter für gewöhnliche Sterbliche stets verschlossen ist. Hundert Fuss flussabwärts findet man die gangbare Brücke und kommt über dieselbe in die heilige Strasse. Dieselbe führt, tief eingeschnitten, so dass die Wurzel-Enden der mächtigen Bäume in der Höhe unseres Hauptes liegen, durch einen Cryptomerienhain, der von wunderbarer Schönheit und, weil besser gehalten, noch eindrucksvoller ist, als der berühmte Cypressenhain von Skutari.

Vorbei an einem Kloster und einer 42 Fuss hohen Kupfersäule mit dem Tokugawa-Wappen, erreicht man den Eingang zum Mausoleum des Jeyasu.

Eine breite Treppe zwischen zwei Cryptomerien-Reihen führt hinauf zu einem Steingatter (Torij) von 27 Fuss Höhe und 3½ Fuss Dicke der Säulen. Sowie man eingetreten, erscheint zur Linken ein höchst anmuthiger fünfstöckiger Thurm (Pagode),[150] der in lebhaften Farben prangt, 104 Fuss emporsteigt und oben 18 Fuss Seitenlänge hat. Rings um den ersten Stock sind, wie gewöhnlich, bemalte Holzschnitzbilder der chinesisch-japanischen zwölf Zeichen des Thierkreises.

Ein gepflasterter Weg führt zum ersten Thor, Ni-o-mon, d. h. Thor der beiden Könige. Doch sind diese „Schutzgeister“ aus ihren Nischen entfernt und durch zwei Fabelthiere ersetzt. Höchst kunstvolle Schnitzereien schmücken diesen Holzbau: Tapire, die als Zauber gegen Pestilenz gelten, Einhörner und andere Ungeheuer, Löwen und sehr gut ausgeführte Tiger.

Jetzt folgt der erste Hof mit drei lebhaft gefärbten, hübschen Schatzhäusern, worin heilige Geräthe und Andenken vom grossen Jeyasu aufbewahrt werden. An dem einen sind bemalte Reliefs, Elephanten mit falscher Beugung der Hinterbeine. (Ein lebendiger Elephant war gewiss eine grosse Seltenheit in Japan.) Links vom Thor steht, innerhalb eines Steingitters, eine stattliche Fichte, dieselbe, welche Jeyasu, als sie kleiner war, stets in einem Blumentopf mit sich zu führen pflegte. Daneben befindet sich der (ehemalige) Stall für die heiligen weissen Pferde, welche die Wagen der Götter an den Festtagen zu ziehen hatten. Ueber dem Thor sind drei bemalte Holzschnitzereien, Affen, welche mit ihren Händen den Mund, andere, welche die Ohren, noch andere, welche die Augen zuschliessen.

Sie werden wohl die Affen der drei Länder (Japan, China, Indien) genannt, bedeuten aber sinnbildlich die Enthaltsamkeit von Lügen, Verläumdungen, Begehrlichkeiten.

Ein schön überdachter, mächtiger, ausgehöhlter Granitwürfel dient als Weihwasser-Becken und ein Gebäude daneben enthält eine achteckige Dreh-Bücherei mit der vollständigen Sammlung der buddhistischen Schriften.

Ueber eine kleine Steintreppe gelangen wir empor zu einem Vorhof. Hier stehen Huldigungsgaben der Lehns-Staaten: ein Bronzecandelaber vom König von Loochoo (Riukiu), eine grosse Glocke vom König von Korea, von demselben eine Riesenlaterne, von den Holländern ein etwas schäbiger, werthloser Candelaber. 118 Laternen, zum Theil von grosser Schönheit, haben die Daimio gestiftet.

Eine weitere Treppe führt empor zu dem zweiten Thor (Yomei-mon). Dieses ist von wunderbarer Schönheit — „und doch bloss ein Thor.“ Die Säulen sind weiss, mit geschnitzten geometrischen Figuren. Die letzteren kehren die Concavität nach oben; aber auf einer, jenseits des Thores, — nach unten, um den Neid des Himmels abzuwenden. In den äusseren Nischen stehen mit Pfeil und Bogen bewaffnete Helden, in den inneren Unthiere, oben sieht man Einhörner, Drachen, Balcone mit Putten und mit weisen Chinesen. Das weit ausladende Dach hat anmuthige Formen.

Rechts und links von dem Thor erstrecken sich lange Gänge, deren Aussenwände mit naturgetreuen, bemalten Schnitzereien von Vögeln, Bäumen und Blumen geschmückt sind. Durch ziemlich einfache Innen- und Zwischenwände hat man eine Reihe von Gemächern für genügsame Priester geschaffen. Ich sah aber hier einen japanischen Maler eingerichtet, der in vollkommen richtiger Perspective und sehr naturgetreu Oelbilder dieser klassischen Stätte für die Weltausstellung in Chicago anfertigte. Auf Befragen gab er an, dass er nie einen europäischen Lehrmeister gehabt.

Der zweite Hof, den wir nunmehr betreten, enthält zur Rechten ein Gebäude zum Verbrennen des duftenden, heiligen Cedernholzes und eines für den heiligen Tanz. Ich sah den letzteren und merkte es nicht: eine Jungfrau, mit Fächer und Klapper, ging, sich neigend und beugend, auf einer niedrigen Bühne auf und nieder. Links ist ein Gebäude mit den heiligen Wagen, die im Festzug am 1. Juli umhergeführt werden, wenn (nach der Annahme) die göttlichen Seelen von Jeyasu, Hideyoshi und Yoritomo darin verweilen.

Geradeaus kommt man an den eigentlichen Tempelbezirk, der von einem niedrigen Gitter (mit schön geschnitzten Vögeln) umgeben ist. Hinein führt ein Thor aus chinesischen Hölzern mit eingelegter Arbeit.

Der Tempel hat ein prachtvolles Dach mit geschnitzten Drachen als Stützbalken. Der Innenraum (haiden) misst 42×27 Fuss, mit einem Nebenraume zu jeder Seite. Die Wände sind aus Goldlack mit farbigen Figuren in blau, roth und gold. An den Thürpfosten sind dicke Säulen von Lack, an den Wänden Gemälde von Einhörnern und Adlern auf Goldgrund, die Decke cassettirt mit Drachenfiguren. Man steigt einige Stufen hinab und sieht vor sich eine Treppe, und jenseits derselben eine goldige Thür, welche die Kapelle mit den heiligen Bildnissen — verschliesst.

Der Tempel ist prachtvoll und feierlich, besonders in dem beliebten Halbdunkel. Fällt dann ein Sonnenstrahl durch die Spalten der Fenstervorhänge (aus Bambusstäben und Seide), so beleben sich die Farben auf das anmuthigste.

Wunderbar ist der Zugang zu dem Grabmal. Erst kommt man an ein Thor, mit dem vorzüglichen und von den Japanern hochgepriesenen Schnitzwerk einer schlafenden Katze (von Hidari Jingorō) und steigt empor über eine feierliche Steintreppe, 240 Stufen, von Moos bewachsen und überschattet von geradezu herrlichen Cryptomerien. Das Grabmal selbst ist eine kleine Pagode aus heller Bronze, davor steht (auf einer Schildkröte) ein Bronzekranich[151] mit einem Leuchter im Schnabel und ein Bronze-Lotosblumentopf, alles umgeben von einem Steingitter.

Etwas weiter liegt das Grabmal des Jemitsu, des dritten Shogun aus der Tokugawa-Familie († 1651).

Wieder sind drei durch Höfe geschiedene Thore vorhanden. In den inneren Nischen des zweiten steht der Gott des Windes mit einem Schlauch[152] und der Gott des Donners mit Hantel-ähnlichen Trommelstöcken.

Sowie man durch das dritte Thor getreten, erscheint ein liebliches Landschaftsbild, der bis oben hin bewaldete Hügel des Grabmals. Halle und Kapelle sind weniger prächtig als die des Jeyasu, das Grabdenkmal ähnlich.

Der Zutritt zu dem Tempelbezirk ist bequem. Man ersteht eine Einlasskarte für 35 Sen. Die Japaner lassen ihre Schuhe beim ersten Gitter und miethen sich für eine kleine Münze ein heiliges Paar Holzschuhe, das allein würdig ist, diesen Weg zu betreten. Das Innere der Kapellen ist natürlich nur nach dem Ablegen der Stiefel oder nach dem Ueberziehen von weissen Leinwandschuhen zugänglich. In dem Tempelbezirk darf nicht geraucht werden. —

Nachmittags machte ich in Jinrikisha (mit zwei Mann) einen Ausflug nach dem Urami-ga-taki oder Hinten-Schau-Wasserfall. Leichter als bei dem Niagara, aber mit demselben fragwürdigen Genuss, kann man zwischen Felswand und den 50 Fuss hohen Wassersturz treten. Weit schöner sieht der Fall von vorn aus. Die vorsorglichen Japaner haben ein niedliches Theehaus in die Felsblöcke eingenistet. Bewunderungswürdig ist die Geduld und das Geschick der Wagen-Männer oder -Jünglinge. Sie keuchen und feuern sich gegenseitig an, klagen aber nicht. Steigt der Europäer aus, dem es unangenehm ist, dass Mitmenschen für ihn so sich plagen; so leiden sie das nicht lange und laden sehr bald mit freundlicher Geberde zum Einsteigen ein. Sie stützen den Schwerpunkt des Wagens, verhüten das Umfallen, leiten ihn sanft über Steine und kleine Abgründe. Kein Ponny würde den Wagen über diesen Weg befördern.

Auf dem Rückweg besuchen wir Kamman-ga-fuchi, wo über den Stromschnellen auf einem anscheinend unnahbaren Felsen ein Sanscrit-Wort (Hammam) eingemeisselt ist, — angeblich durch den heiligen Kobo Daishi, der seine Feder gegen den Fels schleuderte. Am Ufer stehen Hunderte von Amida-Bildsäulen, die angeblich kein Mensch richtig zählen könne.

Der Aberglauben ist etwas einförmig, auch — in Japan. Doch lächeln die Japaner über den ihrigen, auch die gewöhnlichen Kulis.

Nachdem ich noch zum dritten Mal die Tempel besucht, — die Priester schüttelten schon den Kopf über den hartnäckigen Fremdling, — fuhr ich nach Tokyo zurück und machte am folgenden Tage den zweiten Ausflug, nach Miyanoshita.

Da dies nur eine „schöne Gegend“ ist, südwestlich von Tokyo, nicht weit von dem 12000 Fuss hohen, ruhenden Vulkan Fuji, ohne erhebliche Besonderheiten und namentlich ohne Alterthümer; so will ich mich ganz kurz fassen. Von Tokyo fährt man mit der Eisenbahn über Yokohama nach Kozu. Von hier mit der Pferdebahn weiter nach Odowara und Jumoto (1 Stunde). Mein Führer, den ich leider noch hatte, behauptete, es schicke sich nicht für mich, im gewöhnlichen Pferdebahnwagen mit dem Volk zusammen zu sitzen, und miethete für mich einen besonderen Wagen. Doch zeugte der Preis (1½ Yen) von japanischer Genügsamkeit.

Odowara war früher Sitz der Hojo-Familie, im Jahre 1590 wurde ihre Macht durch den Taikō Hideyoshi gebrochen. Als sie in ihrem festen Schloss zu Odowara endlos darüber beriethen, ob sie angreifen oder auf Vertheidigung sich beschränken sollten, überfiel Hideyoshi das Schloss und nahm es durch einen Handstreich. Daher ist bei den Japanern die Odowarasitzung sprichwörtlich geworden.

Von Yumoto bringt die Jinrikisha den Reisenden durch eine romantische Schlucht bergaufwärts nach Miyanoshita. Das beste Gasthaus ist Fuji-ya.

Mein Führer behauptete aber, wir müssten nach Nara-ya. Das Haus war auch gross, aber ganz leer. Ausser mir waren nur zwei Parsi und ein nervenkranker Engländer da, und — zahlreiche Ratten, die man Nachts über der Decke nur allzu deutlich hörte.

Da ich den Wunsch äusserte, einen von den berühmten Spaziergängen kennen zu lernen, brachte mich mein Führer in ein nasses Bambusdickicht, um dem Fremdling bündig zu beweisen, dass man in Japan nicht — zu Fuss gehen soll.

An einen Ausflug nach dem Hakone-See war wegen des Regens, an eine Besteigung des Fuji ebendeswegen und wegen der vorgerückten Jahreszeit gar nicht zu denken. Berge, Seen und Wasserfälle hatte ich in Europa schon oft genug und mit grösserer Bequemlichkeit betrachtet. So kehrte ich denn baldigst nach Tokyo zurück, wo die Zeit der Feste für mich anhob.

Der dritte Ausflug ist der nach Kamakura und Enoshima. Kamakura, südwärts von Yokohama,[153] an der Sagami-Bucht gelegen, ist jetzt ein Dorf, mit Sommerwohnungen für die Europäer von Yokohama; einst war es die mächtige Hauptstadt von Ost-Japan.

Yoritomo (1192 n. Chr.), der Schöpfer des Shogunats und der Feudalverfassung, die bis 1868 angedauert, verlegte den Sitz der Regierung hierher. Hier wurden die Gesandten des Mongolen Kublai Khan, die Unterwerfung Japan’s gefordert, enthauptet. In der Blüthezeit des Mittelalters soll die Stadt über eine Million Einwohner gezählt haben. Die Gründung von Yedo (1603) versetzte ihr den Todesstoss.

Die Sehenswürdigkeit von Kamakura ist Dai-butsu, der grosse Buddha. Auf einer riesigen Lotosblume sitzt der beschauliche Weise von 49 Fuss Höhe, aus Bronze gegossen,[154] seit dem Jahre 1252 n. Chr. und hat den Tempel lange überdauert, der einst ihn überdachte, aber 1494, also kurz nach der Entdeckung Amerika’s, durch eine Springfluth zerstört wurde. Diese Bildsäule soll die wahre Idee des Buddhismus am reinsten darstellen, nämlich die geistige Ruhe, welche hervorgeht aus Erkenntniss und Bezwingung der Leidenschaften.

Jedenfalls ist es die beste Bildsäule von Shaka, die ich zu sehen bekam. Aber seltsam berührt uns doch die Weisheitswarze auf der Mitte der Stirn und das verlängerte Ohrläppchen.

In Japan trägt kein Mensch Ohrringe; in Indien, woher die Grundform Shaka’s stammt, alle, Männlein und Weiblein; es giebt auch dort keine kleinen, einige sind aber grösser und die entsprechenden Ohrzipfel bedeutend länger.

Das Reisebuch sagt, dass die stille Grösse des Bildwerkes erst bei wiederholtem Besuch empfunden werde. Das ist möglich, aber für uns gleichgiltig, da wir nicht wiederkehren können. Jedenfalls sind solche Bildsäulen für den Reisenden lohnender, die man nur zu betrachten braucht, um sie zu verstehen und zu bewundern.[155]

Weit schöner, als der Daibutsu, ist in dem benachbarten Tempel der Kwannon eine sitzende Bronzefigur aus dem 15. Jahrhundert, in kaum halber Lebensgrösse: wenn man von den halbgeschlossenen, etwas schläfrigen Augen absieht, könnte man sie für das Werk eines Griechen halten. Die vergoldete Riesen-Bildsäule der Göttin selber (von 30 Fuss Höhe) lohnt kaum das Ansehen und das Trinkgeld an den Priester. Desto schöner ist die Aussicht von dem ragenden Tempel über das Gestade und das Meer. Auch in diesen friedlichen Gefilden waren kriegerische Uebungen. Japanische Soldaten, die etwa so aussahen wie deutsche Rekruten in nicht passenden Uniformen und mit falschen Mützen, ruhten gemächlich vor einem Theehaus und schäkerten mit den Mädchen.

Die liebliche, immergrüne Insel Enoshima, seit alter Zeit der Göttin der Liebe (Benten) geweiht, hängt durch eine schmale Düne mit dem Festland zusammen. Wenn man die steile Strasse emporsteigt, wo Haus bei Haus alle möglichen Meereserzeugnisse, Fische und Muscheln zum Essen, Glasschwamm (Hyalonema Sieboldi) und Muschelschalen, rohe wie künstlich verarbeitete, als Andenken, feilgeboten werden, glaubt man ein japanisches Santa Lucia vor sich zu sehen. Ich raste oben auf der Höhe in einem Theehaus, mit einem zufälligen Reisegefährten, dem deutschen Pastor Schmiedel, der von allen englisch redenden Missionären, die ich in Ostasien getroffen, höchst vortheilhaft durch zwei Vorzüge sich auszeichnete, nämlich durch Gelehrsamkeit und Duldsamkeit.