Deutschland in Japan.

Der deutsche Arzt, welcher nach der zweiwöchentlichen Seereise über den stillen Ocean, wo er keinem einzigen Schiffe begegnete, seinen Fuss auf den Boden des japanischen Reiches setzt, sieht vor sich ein liebliches Märchenland, wo Alles ungewöhnlich und seltsam, aber in seiner Eigenart doch höchst anmuthig und gefällig erscheint. Um so freudiger ist er überrascht, dass sogleich an sein Ohr der Laut der Heimathsprache klingt, die er auf der Fahrt über den nordamerikanischen Continent und über den stillen Ocean nur selten vernommen. Deutsch ist Lieblingssprache japanischer Aerzte.

Von Deutschen vernahmen sie zuerst die frohe Botschaft einer neuen Heilkunde, die sie aus den verknöcherten Formeln ostasiatischer Grübelei erlöste. Deutsche Professoren wirkten und wirken zum Theil noch heute an ihrer Universität zu Tokyo. Deutsch sprechen deren japanische Nachfolger und Collegen. Deutsch lernt schon auf dem Gymnasium der zukünftige Student der Heilkunde; und glücklich wird von seinen Freunden gepriesen, wem es vergönnt ward, in Deutschland seine Studien zu vollenden. Deutsch spricht so mancher Generalarzt der Armee, nur die der Flotte ziehen das Englische vor. Mit der deutschen Lesefibel werden sogar diejenigen Soldaten unterrichtet, welche im Lazaret des rothen Kreuzes zu Heilgehilfen herangebildet werden sollen.

Ich werde meine Leser nicht ermüden mit einer Beschreibung der Festlichkeiten, welche auf Veranlassung meiner ehemaligen Zuhörer die japanischen Collegen mir gewidmet haben. Aber gegenüber der in Europa ziemlich verbreiteten Ansicht, dass der Japaner zu Hause rasch seine Gesinnung gegen die früheren europäischen Lehrer ändere, gebietet mir die Gerechtigkeit, anzuerkennen, dass, obwohl ich schon oft auf Reisen von ehemaligen Zuhörern und werthen Collegen Freundlichkeit erfahren, doch mein Empfang in Japan alles Frühere in Schatten gestellt hat. Allerdings hatte ich besonderes Glück. Zufällig war ich der erste Universitätslehrer aus Deutschland, welcher eine Vergnügungsreise nach dem fernen Reich der aufgehenden Sonne unternommen: so hatte ein Sonderausschuss sich gebildet, welcher in jeder japanischen Stadt mich empfing und geleitete. Auf diese Weise lernte ich Land und Leute, die heimische Kunst, sowie auch den Zustand der Heilkunde besser kennen, als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden beschieden ist.

Auf dem ersten Festessen zu Tokyo, in Koyo-kan, dem Haus des rothen Ahorn, hielt mein ehemaliger Zuhörer, der Augenarzt Dr. Miyashita, eine Ansprache, deren ersten allgemeinen Theil ich hier, nach seiner eigenen Handschrift, mittheilen möchte.

„Hochverehrte Anwesende, liebe Freunde und Collegen!

Von Seiten des Comité’s der hiesigen Ophthalmologen ist mir ein ebenso ehrenvoller, wie angenehmer Auftrag zu Theil geworden. Ich soll im Namen des Comité’s unseren hochgeschätzten Collegen, Herrn Prof. Hirschberg, der uns heute durch seine Anwesenheit beehrt hat, begrüssen und willkommen heissen.

Gestatten Sie mir, wenn ich die geschichtliche Entwicklung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan in kurzen Worten schildere.

Unser Vaterland Japan war lange Zeit verschlossen. Erst seit dem Jahre 1854, wo wir mit den europäischen und amerikanischen Staaten Verträge geschlossen, ist der Verkehr mit den Fremden allmählich rege geworden. Vor dieser Zeit hatten allein die Holländer das Vorrecht, in Nagasaki vor Anker gehen und Handel treiben zu dürfen. Ohne Zweifel gebührt den holländischen Aerzten das grosse Verdienst, die damaligen Aerzte von Japan, welche theils der chinesischen, theils der altjapanischen Schule angehörten, aus dem tiefsten Traum aufgeweckt und ihnen ein ganz neues Heilverfahren in die Hände gegeben zu haben. Aber erst mit der Eröffnung der drei Häfen siedelten verschiedene Aerzte aus Amerika und Europa in Japan sich an. Damals hörte man bei uns noch sehr wenig von Deutschland und man glaubte, England, Frankreich und Holland seien die einzigen Länder, wo die moderne Medicin in voller Blüthe steht.

Mit dem bekannten Kriege von 1870–1871, den Deutschland glorreich erfochten, ist dieses mächtige Kaiserreich weit und breit bekannt geworden. Kurz darauf kamen zwei Doctoren aus Deutschland hierher, es waren Müller und Hoffmann.[177] Nachdem diese Herren glänzende Erfolge gehabt, sah man ein, dass Deutschland in der Medicin mit an der Spitze steht. Darauf kamen verschiedene andere Aerzte aus Deutschland nach Japan, und die medicinische Facultät der Universität Tokyo wurde nach dem deutschen Muster reorganisirt. Wie viele jüngere Collegen fahren heutzutage Jahr aus Jahr ein nach Deutschland, die sich bald in diesem, bald in jenem Fache ausbilden wollen. Wohl giebt es jetzt keine einzige Universität in Deutschland, wo nicht ein Japaner gewesen war. Ueberall, wo wir nur hingehen, werden wir mit offenen Armen empfangen. Wie viele medicinische Werke sind aus dem Deutschen in das Japanische übersetzt, die so viel Nutzen gebracht haben! Genug, das Verhältniss zwischen Deutschland und Japan ist ein so inniges, wie es wohl sonst nirgends der Fall sein wird. Wir haben Deutschland sehr viel, unendlich viel zu verdanken.“ —

Am 23. September 1892 war eine Hauptversammlung der ophthalmologischen Gesellschaft anberaumt worden, im Hause ihres Gründers T. Inouye. Der letztere hat vor einigen Jahren eine Studienreise durch Europa gemacht und in Berlin einen längeren Aufenthalt genommen.

Die von ihm gegründete Gesellschaft zählt 200 Mitglieder, die ziemlich vollständig erschienen waren, und hat deutsche Vortragssprache, die allerdings im Munde einzelner Japaner rührend-kindlich sich ausnimmt, und natürlich auch deutsche Berichte, von denen bisher elf Hefte erschienen sind. Das letzte Heft enthält, ausser der Begrüssungsrede, verschiedene Vorträge, auch meinen eigenen über Wundbehandlung in der Augenheilkunde, den ich in dieser Sitzung auf Wunsch und nach Wahl der japanischen Collegen gehalten. Mein Vortrag ist so fehlerfrei zu Tokyo gedruckt, wie ich es vielleicht in London oder Paris nicht hätte erzielen können.

Die Universitätskliniken besuchte ich unter freundlicher Führung des Herrn Collegen Scriba. Bei diesem Besuch der Krankenhäuser fiel mir gleich die hippokratische Vorschrift ein, dass der Arzt, der in eine fremde Stadt kommt, sowohl die Gegend als auch die Lebensweise des Volkes genau erforschen müsse, um die verbreiteten Krankheiten zu verstehen. Ich sah nämlich 1. solche Krankheiten, die bei uns gar nicht vorkommen; 2. solche, die bei uns ganz ausserordentlich viel seltener sind; 3. solche, die hier bei uns auch vorkommen, aber dort eine ganz eigenartige Gestalt annehmen.

Die chirurgische Klinik hat 100 Betten. Der Operationssaal harrt der Bewilligung für einen Neubau. Denn Japan ist neuerdings in die Reihe der Staaten eingetreten, die eine Verfassung und Volksvertretung besitzen.

Die innere Klinik wird von Prof. Baelz verwaltet, der zur Zeit gerade nach Europa gereist war. Beiden zur Seite stehen noch japanische Professoren mit gleichberechtigten Kliniken. Die Frauenklinik, dereinst von unserem Berliner Collegen Wernich begründet, steht unter einem Japaner. Ebenso die Augenklinik.

Die Körnerkrankheit (Trachoma, aegyptische Augenentzündung) ist ziemlich verbreitet in Japan, auch im Innern, wohin Europäer kaum vorgedrungen; und sicher nicht erst von den Europäern ins Land gebracht. Es ist genau dieselbe Krankheit wie bei uns, wovon ich mich persönlich überzeugt habe. 14 Procent der Augenkranken, welche die Universitätsaugenklinik zu Tokyo besuchen, leiden an Trachom. Zu Nagasaki ist die Krankheit noch häufiger.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich beifügen, dass in den chinesischen Südprovinzen das Trachom bis auf 70 Procent der Augenkranken ansteigt; dagegen in Vorderindien ganz erheblich absinkt: nämlich auf etwa 6 Procent in Calcutta; auf 10 Procent in Bombay, wo ich aber einen grossen Zufluss aus Trachomgegenden, wie Bagdad und Persien, feststellen konnte; auf nahezu Null in Ceylon, trotz der so grossen Hitze und Feuchtigkeit.

Bei mir in Berlin sind es 4 Procent, darunter aber viele Ausländer, namentlich aus Russland, den slavischen Ländern und der Levante.

Die Klinik für Geisteskranke liegt, getrennt von der Universität, in einem Garten und enthält in verschiedenen einstöckigen Gebäuden 300 Betten. Sie wird von Prof. Hasime Sakaki verwaltet, der ein Schüler meines Freundes Mendel war und bei mir in gutem Andenken steht ob seiner Ausdauer und Geschicklichkeit im Anfertigen von Augenspiegelbildern.

Die Kranken werden mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt und benehmen sich auch recht höflich, mit vereinzelten Ausnahmen. Die Zellen für Tobsüchtige fand ich leer.

Eine ganz eigenthümliche Art japanischer Geistesstörung ist die Fuchskrankheit oder Fuchsbesessenheit.[178] Nach einem alten, von China her eingedrungenen und weit verbreiteten Volksaberglauben kann der Fuchs in einen Menschen fahren.[179]

Befallen werden in Japan nur Weiber, hauptsächlich schwachsinnige, stark abergläubische, gelegentlich nach erschöpfenden Krankheiten, immer aber nur solche, welche jene Wahnvorstellung kennen und von der Wirklichkeit des Besessenseins überzeugt sind. Heilungen kommen vor, wenn die Kranke von der Möglichkeit einer solchen überzeugt wird; am tüchtigsten sind dazu die Priester der buddhistischen Nichiren-Secte.

An die Besprechung der Kliniken möchte ich einige Bemerkungen über die Universität zu Tokyo anschliessen.

Meine Darstellung stützt sich auf den officiellen Kalender der Kaiserlichen Universität zu Japan für das Studienjahr 1891/92.

Die Universität hat vier Zweige: Heil-, Rechts-, Natur-Wissenschaft, Literatur.[180] Der Grundstock für die drei letzten war eine alte Schule der früheren Regierung (des Tokugawa Shogunat), nach der Wiederbelebung der Kaiserlichen (Mikado)-Herrschaft 1868 von dieser neugestaltet, sowie verschiedentlich verändert und verbessert. Die ärztliche Schule, gleichfalls einer älteren Einrichtung des Shogunat entsprungen, wurde 1876 mit den drei übrigen Facultäten zu einer Voll-Universität vereinigt, und die letztere dem Unterrichts-Minister unterstellt.

Die zahlreichen Aenderungen, welche der Neuerungsdrang von Jung-Japan geschaffen und zum Theil wieder vernichtet hat, kann ich nicht im Einzelnen verfolgen.

Es genügt hervorzuheben, dass die Lernzeit für die drei andern Facultäten je drei Jahre umfasst, für die Heilkunde aber vier Jahre, bevor der Titel eines Arztes (Igakushi) erlangt werden kann.

Die Studenten (auch die der Heilkunde) leben in besonderen Gebäuden[181] innerhalb des Universitätsbereiches und erhalten gegen eine geringe Zahlung (von ungefähr 10 Yen oder 30 Mark für den Monat) die vollständige Verpflegung. Auf Lehren und Lernen wird viel Zeit und Mühe verwendet. Dem Professor bleibt wenig Musse für die Privatpraxis. Die Ferien betragen im Winter zwei Wochen, im Frühling eine Woche, im Sommer zwei Monate. Jährlich finden Prüfungen statt. Der japanische Student, der von Allen als geduldig, aufmerksam, gehorsam, fleissig gerühmt wird, ich möchte ihm auch noch das Beiwort geschickt zusprechen, wird ausserordentlich strenge gehalten. Auf seinem Zimmer darf er weder geistige Getränke trinken, noch Tabak rauchen, und muss an Wochentagen Abends um 8 Uhr zu Hause sein. Aber in Japan steht man auch recht früh auf. Einer meiner Freunde beginnt seine Sprechstunden um 5 Uhr Morgens. Die künstliche Beleuchtung ist oft mittelmässig und zum Studium weniger geeignet; allerdings in den grösseren Städten des Landes trifft man schon elektrische Glühlampen, sogar in alten Klöstern von Buddhisten, die nicht so unduldsam sind, wie Manche in Europa.

Auf körperliche Uebungen legen die japanischen Studenten leider zu wenig Werth. Viele sind nicht bloss klein, sondern sogar von dürftiger Entwicklung der Muskulatur.

Lungenschwindsucht und Kurzsichtigkeit sind leider ziemlich häufig unter ihnen und werden durch das übertriebene Bücherlesen gefördert.

Dabei ist das japanische Volk in seiner Gesammtheit durchaus nicht schwächlich. Sie haben vor 300 Jahren in Osaka und an andern Orten die gewaltigsten Granitblöcke der Erde, die selbst den altägyptischen überlegen sind, zu Festungsbauten aufgethürmt; ihre Krieger (Samurai) waren voll Kühnheit und Todesverachtung und höchst gewandt in der Handhabung der Schwerter; die Wagen- (Jinrikisha-) Männer ziehen eine oder mehrere Stunden lang im Trabe ohne Athembeschwerden und ohne Ermüdung den Wagen mit einem Insassen von 150 Pfund Schwere und zeigen eine Entwicklung der Wadenmuskulatur, welche dem Bildhauer zum Muster dienen könnte; die Bauern tragen ungeheure Lasten, da sie nur wenige Zugthiere besitzen; die nackten Schiffer am Landungsplatz springen kühn in’s Wasser und befestigen ebenso geschickt wie kraftvoll das mächtige Tau des Dampfschiffes an der Boje. Aber die Studenten entstammen hauptsächlich den weniger starken Städtebewohnern. Um so freudiger ist der neu begründete Universitäts-Turnverein zu begrüssen.

22 Professoren wirken an der medicinischen Facultät zu Tokyo, darunter zwei deutsche, Dr. Bälz für innere Krankheiten, Dr. Scriba für Chirurgie.

Der Lehrplan ist ähnlich dem unsrigen, eher etwas reicher.

Das Staatsexamen ist im Wesentlichen nach deutschem Muster eingerichtet. Die Zahl der Studirenden der Heilkunde betrug im letzten Jahre 144, die aller Studirenden zu Tokyo 1373. Es giebt auch Wiederholungs- und Fortbildungskurse für praktische Aerzte, eine Berliner Einrichtung, welche sich über die ganze Erde verbreitet hat.

Ein Band von Mittheilungen aus der medicinischen Facultät zu Tokyo und einer von den Arbeiten der Kaiserlich militärärztlichen Lehranstalt ist 1892 zu Tokyo in deutscher Sprache erschienen.[182]

Obwohl die Lehrmittel zu Tokyo mit denen einer deutschen Universität nicht verglichen werden können, (nur das Krankenmaterial ist ausreichend, 346 Betten im ersten, 129 im zweiten Krankenhause, dazu 300 in der Irrenklinik,) so muss man doch billig staunen, was in einem einzigen Menschenalter geschaffen worden. Wie weit stehen z. B. die Medicinschulen zu Constantinopel und Cairo, die ich besucht, hinter der von Tokyo zurück! Und in China giebt es eigentlich gar keine, in der Heilwissenschaft gelehrt wird. Dabei sind die Türken, Aegypter, Chinesen soviel längere Zeit schon in Verkehr mit Europäern. Uebrigens lieben die Japaner gar nicht, mit den genannten Völkern zusammengestellt zu werden.

Ausser den Universitäts-Krankenhäusern finden sich in der Millionstadt Tokyo noch zahlreiche andere. Die hauptsächlichsten habe ich besucht.

Das Lazaret des rothen Kreuzes, welches unter dem in der deutschen Literatur genügend bekannten und sehr liebenswürdigen Staatsrath, Professor und Generalarzt Hashimoto[183] steht, ist ausserordentlich reinlich und gut eingerichtet;[184] es gehört zu den besten, welche ich in Asien gesehen habe, und ist z. B. nach meiner Ansicht den englischen Universitätskliniken zu Calcutta entschieden überlegen, was ausdrücklich hervorgehoben werden soll gegenüber der bei uns so grossen Neigung zur Ueberschätzung englischer Einrichtungen.

Lazaret des rothen Kreuzes in Tokyo.

Im Leichenhaus war gerade Cursus der Stabsärzte, nach deutschem Muster. Sectionen kommen in Japan nur selten vor, in Süd-China aber und vollends in Indien so gut wie gar nicht; die Leichen der Hindu müssen verbrannt, die der Mohammedaner und Juden begraben, die der Parsi von Geiern abgefressen werden; darüber wachen die Religionsgenossenschaften mit der allergrössten Sorgfalt und Peinlichkeit.

Auch das Charitékrankenhaus (Sikeïn) zu Tokyo macht einen sehr günstigen Eindruck. Die dicken Strohmatten, welche in jeder japanischen Wohnung von der Hütte bis zum kaiserlichen Palast[185], den Fussboden vollständig auskleiden und die Stelle unsrer Betten, Sofa’s, Tische gleichzeitig vertreten,[186] (weshalb man ja auch seine Schuhe stets am Eingang des japanischen Hauses auszieht,) hat der thatkräftige Director vollständig und für immer verbannt; der hölzerne Fussboden blitzt nur vor Sauberkeit.

Ein eigenthümliches Krankenhaus ist das für die Leprösen. Die Aufnahme geschieht nicht durch gesetzlichen Zwang, sondern nach freier Entschliessung der Kranken, die mit Weib und Kind einziehen, wenn ihnen das Leben im heimischen Dorfe durch den Abscheu der Nachbarn unerträglich geworden. Jederzeit können sie wieder die Zufluchtstätte verlassen. Merkwürdigerweise sagte mir der Arzt, dass in Japan Uebertragung der Lepra von Mensch auf Mensch niemals festgestellt sei; aber in seiner eignen Inaugural-Dissertation[187] giebt er zu, dass Lepra contagiös sei, nur nicht so leicht und nicht so rasch, wie manche andre Krankheiten, anstecke; die angeborene erscheine selten vor der Pubertät.

Lazaret des rothen Kreuzes in Tokyo. Hauptgebäude.

Nur durch grosse Zähigkeit, wie vielfach bei anderen Gelegenheiten auf Reisen, setzte ich es durch, in diesem Krankenhaus wirklich etwas zu sehen. Die Fälle, die mir schliesslich gezeigt wurden, waren fast alle, so zu sagen, erträglich. Sie sollten die Vorzüglichkeit einer specifischen Behandlung mit einem Eucalyptus-Präparat darthun. Ein Mann wurde mir gezeigt, dessen faustgrosse, schwärende Stirnknoten ganz rasch geschrumpft und vernarbt waren.

Ich bemerke, dass meine japanischen Collegen, die mich begleiteten, mit den Anschauungen der Aerzte des Lepra-Hauses, Vater und Sohn, nicht übereinstimmten und mir erklärten, dass jene eine Mischung der älteren chinesisch-japanischen und der neueren europäischen Heilkunde darstellen. Die Aerzte der älteren Schule sind noch nicht ausgestorben, ja bei der neuesten Wiederbelebung des japanischen Nationalgefühls erheben sie kühner ihr Haupt und verlangen vom Abgeordnetenhaus, dass Mittel für die Lehre ihrer Richtung ausgeworfen werden sollen.

Dass wir Deutsche ein vorzügliches Seemannskrankenhaus in Yokohama besitzen, darf ich wohl als bekannt hinstellen.

Ausser der Universität zu Tokyo giebt es in Japan noch sechs Medicinschulen, von denen ich die vier wichtigsten besucht habe.

Ich reiste von Yokohama zunächst nach Nagoya.

Hier ist ein Mittelpunkt der in Japan so häufigen Erdbeben.[188] Ein solches hatte ein Jahr zuvor erhebliche Verwüstungen angerichtet. In dem Krankenhaus der Medicinschule, das aus Stein gebaut ist, waren Risse und Stützen sichtbar; die Anatomie war in ein Skelet umgewandelt. Trotzdem wurde rüstig gearbeitet.

In der berühmten Festung zu Nagoya ist ein recht ordentliches Garnisonlazaret, in der Stadt ein Privatkrankenhaus des Dr. Kítagawa, der seine Studien in Berlin unter Virchow, Langenbeck, Schröder gemacht, auch bei mir zwei Semester gehört hat. Derselbe entfernte in meiner Gegenwart eine Geschwulst aus der Bauchhöhle mit vollendeter Kunstfertigkeit und Sauberkeit binnen 20 Minuten. Wir blicken mit Stolz auf diese Schüler der deutschen Heilkunde.

Auch in der frühern Hauptstadt des Mikado, dem alten Kyoto, sah ich die Medicinschule und das dazu gehörige Krankenhaus; sowie in der volkreichen Handelsstadt Osaka. Die Unterrichtsmittel sind hier allerdings mässig, aber die Krankenzahl genügend; in dem neuen Operationssaal waren hintereinander 30 Bauchschnitte ohne Todesfall ausgeführt worden.

Recht interessant ist das Privatkrankenhaus zu Suma bei Kobe, an der von den japanischen Dichtern seit 1000 Jahren besungenen, fichtenbekränzten Meeresküste: sehr geeignet für seinen Hauptzweck, die Behandlung von Lungenkranken, mit je einer besonderen Abtheilung für Europäer und Japaner.

Von Kobe geht die entzückende Fahrt durch die Inland-See nach Nagasaki auf der Insel Kiusiu. Medicinschule und Hospital sind hier etwas älteren Ursprungs, da unser v. Siebold[189] im ersten Drittel unseres Jahrhunderts bereits die Keime ausgesät; sie haben aber gleichfalls den reformirenden Einfluss von Jung-Japan erfahren.

Dies sind die Eindrücke, welche die ärztlichen Einrichtungen Japan’s in mir hinterlassen. Die Thätigkeit von Müller, Hoffmann, Schultz, Wernich, Dönitz, Langgaard, Bälz, Scriba war nicht vergeblich; die Erwartungen, welche Hoffmann und Wernich aussprachen, sind in Erfüllung gegangen; das bisher Erreichte bietet Bürgschaft für weiteren Fortschritt; die Thätigkeit der Universitätslehrer in Deutschland, zu denen so viele junge Japaner pilgerten, hat wesentlich zu dem Erfolg beigetragen. Es handelt sich um die geistige Eroberung eines der einsichtigsten und thatkräftigsten Völker Asiens, auf welche unser Vaterland ebenso stolz sein kann, wie auf manche seiner Waffenthaten.


Die Geschichte der japanischen Heilkunde[190] kann zwanglos in vier Zeitabschnitte eingetheilt werden:

I. Die älteste, altjapanische (mythische) Zeit vom unbekannten Uranfang bis etwa 200 v. Chr.

II. Die alte, chinesische Zeit von 200 v. Chr. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts n. Chr.

III. Die neue Zeit, in welcher europäischer Einfluss gegen den chinesischen ankämpfte, ohne ihn zu besiegen, von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis über die Mitte unseres Jahrhunderts.

IV. Die neueste, europäische Zeit, etwa von der Mitte unseres Jahrhunderts (oder eigentlich erst vom Jahre 1871) bis zum heutigen Tage.

Die vereinzelten europäischen Aerzte, welche von der Mitte des 16. bis zu der des 19. Jahrhunderts, theils wirkend, theils lehrend, längere oder kürzere Zeit in Japan verweilten, vermochten den chinesischen Grundzug der japanischen Heilkunde ebenso wenig zu ändern, als es den spärlichen europäischen Ansiedlern gelungen, die Rasseneigenthümlichkeit des Volkes umzugestalten.

Trotzdem will ich hier in aller Kürze zwei deutsche Männer erwähnen, welche einerseits als Lehrer der europäischen Heilmethode in Japan thätig gewesen, andrerseits den Europäern die ersten und wichtigsten Kenntnisse über das derzeit märchenhaft verschlossene Inselreich im fernen Weltmeer übermittelt haben.

Ein sehr merkwürdiger Mann war Engelbrecht Kämpfer, der nach seinen eigenen Aufzeichnungen[191] einige Japaner in der Anatomie und Heilkunde unterrichtet hat.

Wenn Marco Polo die erste Kunde von der Existenz Japan’s den Europäern überliefert, Mendez Pinto als erster Europäer seine Gestade betreten; so kann unser Landsmann E. Kämpfer als der erste wissenschaftliche Entdecker von Japan gepriesen werden. Im Jahre 1651 zu Lemgo,[192] einem Städtchen in Lippe, geboren, machte er während und nach Vollendung seiner Studien Reisen durch Deutschland, Holland, Polen; er studirte Philosophie, Naturwissenschaften und Heilkunde; ging mit einer schwedischen Gesandtschaft durch Russland und die Tatarei nach Persien; segelte dann im Dienst der holländisch-ostindischen Gesellschaft von Ormuz nach Batavia, von da nach Siam und Japan. Zwei Jahre (1690–1692) verblieb er als Wundarzt auf Deshisma zu Nagasaki und hat zweimal die vorgeschriebene alljährliche Huldigungsreise nach Yedo zum Shogun mitgemacht. In seinen beiden Werken Amoenit. exot. und Geschichte von Japan hat er zum ersten Mal über Geographie, Geschichte, Naturgeschichte, Religion und Sitte des merkwürdigen Landes und Volkes berichtet.

Es scheint, dass die Absperrung, je länger sie dauerte, um so strenger gehandhabt wurde. Denn erst 150 Jahre[193] nach Kämpfer kommt wiederum ein grosser Arzt, ein Deutscher, welcher den Dienst bei der holländischen Compagnie benutzt, um Japan zu studiren.

Es war Ph. F. v. Siebold (1797–1866), der Verfasser des ausgezeichneten Werkes Nippon, Archiv zur Beschreibung von Japan. Von 1823–1830 weilte er in Japan, zunächst auf Deshima. Ihm gelang es, die Pockenimpfung in Japan einzuführen; er erhielt 1826, auf der Huldigungsreise nach Yedo, die Erlaubniss, allein als einziger Europäer in der ungeheuren Hauptstadt des asiatischen Reiches zu verweilen, Heilkunde zu lehren und sich selber über das Land und Volk zu unterrichten. Als er aber von dem Oberhofspion eine Karte des japanischen Reiches erworben, wurde jener im Gefängniss zum Selbstmord (Harakiri) gezwungen und Siebold für immer des Landes verwiesen[194].

Drei japanische Specialitäten sind zu beachten: 1. das Nadelstechen, 2. das Brennen, 3. das Kneten.

1. Das Nadelstechen ist sehr alt, geschieht mittels feiner, nur 1⁄48 Zoll dicker, scharfer Nadeln aus Silber, auch aus Gold oder Stahl, mit scharfer Spitze: acht bis zehn werden in regelmässigen Figuren, ½–¾ Zoll tief, eingestochen, oft an Stellen, wo die Nerven nahe an die Oberfläche treten, — gegen Krampf, Schmerz und sonstige Nervenkrankheiten. Es giebt kleine Büchlein mit Abbildungen, welche die Regeln für das Nadelstechen enthalten.

Das Verfahren ist von China eingeführt, wurde bereits in der japanischen Universität vor 1200 Jahren gelehrt, gerieth dann in Vergessenheit und wurde 1682 n. Chr. auf Veranlassung des Shogun Tsunayoshi wiederbelebt durch den blinden Sugiyama Waichi.[195]

2. Das Brennen geschieht mittels dünner Walzen oder Kegel aus Zunder (von den Blättern der Artemisia, Beifuss, japanisch Moxa, eigentlich Muksa = Brennkraut). Mehrere Kegel werden an derselben Körperstelle abgebrannt, und das Verfahren vielfach wiederholt, nicht bloss zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Verhütung. Aerzte bezeichnen die Stelle, Laien (Weiber) führen das Brennen aus, und zwar recht geschickt und schnell, wie ich selber beobachtet. Es ist nicht sonderlich schmerzhaft.

Kämpfer hat einen „Brennspiegel“ veröffentlicht nach einem chinesisch-japanischen Druck, worauf der Mensch von vorn und von hinten abgebildet ist, nebst den zu brennenden Stellen und den Anzeigen. „I, 3. Bei Leibschmerz brennt man zu beiden Seiten des Nabels. I, 5. Bei schweren Geburten muss die äusserste Spitze des kleinsten Zehen am linken Fusse mit drei Kegeln gebrannt werden.“ U. s. w.

3. Das Kneten (amma)[196] wird geübt, und zwar von oben nach unten, nicht bloss zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Erfrischung des Körpers; hauptsächlich von den Blinden[197] (mojin), welche Abends die Strassen durchwandern und mit der Pickelflöte sich ankündigen. So ernähren sie ihre Familien,[198] statt wie bei uns der Gemeinde zur Last zu fallen, und gewinnen so viel, dass sie oft im Nebenamt Geld verleihen.[199] Bis 1870 machten sie eine besondere Gilde aus, für deren höchste Stufe nebst der Prüfung eine Baarzahlung von 1000 Dollar (Yen) zu leisten war!

Die japanische Massage besteht in sanftem Reiben der Körperoberfläche mit der Hand, passiven Bewegungen der Gelenke und Kneten der oberflächlichen Muskel.

Japanische Aerzte empfehlen die Massage bei Rückenmarkschwindsucht und bei Lähmung, bei Hysterie und Kopfschmerz, bei Hüftweh und Muskelschwäche, auch bei schwerer Entbindung und nach der Entbindung, um die Brüste weich zu machen.

Die Geschicklichkeit und Kenntniss der Blinden ist überraschend. —

Was früher den Inhalt der wissenschaftlichen Heilkunde bildete, wird später Inbegriff der Volksmedicin, in Europa wie in Asien. Nadelstechen, Brennen, Kneten sind heute noch für das Volk in Japan die Allheilmittel. Als ich einen grösseren Spaziergang im Gebirge gemacht, wurde mir das Kneten von dem höflichen Wirth sofort angeboten, von mir aber mit eben so höflichem Danke abgelehnt.

Aberglauben auf dem Gebiete der Heilkunde ist weit verbreitet, in Japan wie in Deutschland.[200]

Als ich an der fichtenbekränzten Seeküste bei Suma das mit aufgehängten Papierstreifen und brennenden Kerzen verehrte Steindenkmal des im Jahre 1184 n. Chr. gefallenen jugendlichen Helden Atsumori besuchte, fand ich dort ein Pilgerpaar, eine ältliche Mutter mit ihrem 27jährigen Sohne; und da ich fragte, weshalb sie die Pilgerfahrt unternommen, hob die Mutter, ohne ein Wort zu sagen, den weissen Leinwandrock des Sohnes auf und zeigte mir bekümmert seine Erkrankung, eine grosse Geschwulst (Elephantiasis). Und als ich ihr sagte, dass gerade diese Krankheit nicht von dem göttlichen Helden, sondern von dem Arzt in Kobe geheilt werde, machte sie eine recht ungläubige Miene.

Während meines Aufenthaltes in Japan wurde ein Bauer zu neun Jahren Gefängniss verurtheilt, der in der festen Ueberzeugung, dass die Blindheit seiner geliebten Mutter nur durch Verzehren eines frischen Menschenherzens geheilt werden könne, seine freiwillig und mit Freuden sich darbietende Frau zu diesem Behufe getödtet hatte.

In buddhistischen Tempeln steht die Holzbildsäule eines Heiligen oder Heilgottes (Binzuru, eines der 16 Rakan oder Sendboten des Buddha, — ausserhalb der Kanzel, weil er die Schönheit eines Weibes bemerkt hatte). Die Gläubigen reiben die Bildsäule an dem Theile, der ihnen selber weh thut; und danach ihre eigne schmerzhafte Körperstelle. In Folge dessen sind die Bildsäulen stark abgerieben, die Augen z. B. kaum noch zu erkennen.

Schon Kämpfer berichtet von einem frommen oder schlauen Heilkräuterhändler, der das Recept zu seiner Mischung von einem „Gott“ erhalten hatte.