Ein Gastmahl und ein Fest im Clubhaus.

Auf eine wissenschaftliche Sitzung, die im Hause eines meiner Fachgenossen abgehalten wurde, folgte ein Festmahl. Die Speisekarte, welche jeder Gast erhielt, befand sich auf einem schön bemalten Fächer, der sinnbildlich den Namen des Gastes und des Wirthes (Sikayama = Hirschberg, Inouye = Ueber dem Brunnen), vereinigte. Wir sassen auf europäische Art an einer langen Tafel; auch die Frau des Wirthes, die zwar keine europäische Sprache verstand, aber, wiewohl schüchtern, so doch zierlich, ihr Glas gegen das unsrige erklingen liess. Es gab Fischsuppe, gefüllten Fisch, Lotos- und Lilienwurzel, Süssigkeiten, gebackene Vögel, Krabben, Polypen, Reis und noch vieles Andere.

Die Gerichte sind klein und zahlreich und werden jedem Gast besonders aufgetragen, immer mehrere zusammen auf einem lackirten Brettchen oder vielmehr ganz niedrigen Tischchen (Zen) angeordnet. Ein volles Mahl besteht aus zwei bis drei Gängen (Tischen), und jeder Gang aus sechs bis acht Gerichten. Alles sieht sehr appetitlich aus, schmeckt uns aber weniger gut, als den Japanern. Auch können wir mit den zwei Ess-Stäbchen, die wie ein Storchschnabel oder eine Zange zusammenwirken, nicht geschickt genug umgehen, was bei unsern Wirthen harmloses Lächeln hervorruft. Gabeln, Messer, Löffel giebt es nicht. Suppe wird aus dem Tässchen getrunken, alles Uebrige ist so zerkleinert, dass die mit den zwei Ess-Stäbchen bewehrte Rechte es zum Munde führen kann. Unangenehm ist kein Gericht. Der rohe Fisch, ganz fein geschnitten und mit den Stäbchen in eine würzige Tunke getaucht, schmeckte mir besser, als — eine lebendige Auster. Natürlich, in einem gewöhnlichen japanischen Gasthaus wird gerade dieses Fisch-Gericht nicht so vortrefflich sein und alle die Verwünschungen verdienen, mit welchen es von europäischen und amerikanischen Reisenden überhäuft worden ist.

Getrunken wurde dazu Saki, der dünne japanische Reisschnaps, von dem es zahlreiche Arten giebt.

Doch will ich, zur Beruhigung wissenschaftlicher Seelen, die Uebersetzung der Speisekarte beifügen, die Herr Tsurutaro Sengo, Lector des Japanischen an unserm Seminare für orientalische Sprachen, für mich anzufertigen die Güte hatte.

  1. Der erste Tisch.
    1. Suimono: (Suppe mit Tai-Fisch und Iwatake-Pilz).
    2. Kuchitori, dessen Materialien:
      1. Wildes Geflügel,
      2. Krebse,
      3. Eier,
      4. Essbare Kastanien,
      5. Süsse Citrone.
    3. Sashimi, dessen Materialien:
      1. Suzuki-Fisch,
      2. Aralia edulis,
      3. Junge Gurken.
        Gewürz: Meerrettig.
    4. Hachizakana, dessen Material: Karei-Fisch, mit Gewürz, frischem Ingwer.
    5. Donburi, dessen Material: Anago-Fisch.
    6. Mizubachi, dessen Materialien:
      1. Namami-Fisch,
      2. Nori (Meerpflanze).
        Gewürz: Frischer Ingwer.
    7. Chawanmushi, dessen Materialien:
      1. Geflügel,
      2. Krebse,
      3. Essbare Kastanien.
        Das Verbindungsmittel bilden Eier.
  2. Der zweite Tisch.
    1. Namasu, dessen Materialien:
      1. Akagai-Muscheln,
      2. Melonen,
      3. Iwatake-Pilz.
    2. Shiru (Suppe).
      1. Narazuke, Wurzel und Früchte,
      2. Misozuke, Wurzel und Früchte,
      3. Der grüne Salat (natürlich in japanischer Weise).
    3. Komono, dessen Bestandtheile:
      1. Grosse Krebse (eine Art von Hummern),
      2. Shiitake-Pilz,
      3. Gemüse.
        Gewürz: Süsse Citronen.
    4. Hira, dessen Bestandtheile:
    5. Choko, dessen Material: Awabi-Muscheln.
      1. Tai-Fisch,
      2. Essbare Kastanien,
      3. Eier.
    6. Tsubo, dessen Materialien:
      1. Tai-Fisch,
      2. Hummer,
      3. Hamaguri-Muscheln.
    7. Hikimono, dessen Bestandtheile:
  1. Getränke:
  2. 1) Kamenotoshi,
  3. japanisch.
  4. 2) Shisoshu,
  5. 3) Umeshu,
  6. 4) Awamori,
  7. 5) Mirin,
  8. 6) Jōrōshu,
  9. 7) Irozakari,
  10. 8) Hōmeishu,
  11. 9) Champagner, europäisch.
1) Kamenotoshi,

japanisch.
2) Shisoshu,
3) Umeshu,
4) Awamori,
5) Mirin,
6) Jōrōshu,
7) Irozakari,
8) Hōmeishu,
9) Champagner, europäisch.

Der Uebersetzer bemerkt: Alle vierzehn Teller stellen verschiedene Kocharten dar. Aber es ist unmöglich, dieselben zu erklären oder zu übersetzen. Es ist auch unmöglich, die Namen verschiedener Fische zu übersetzen. Es sind im Ganzen: a) Fünf Arten feinster Fische, b) zwei Arten Hummern und eine Art Krebs, c) drei Arten feinster Muscheln, d) zwei Arten Geflügel, e) Eier, f) zwei Arten feinster Pilze, g) essbare Kastanien, h) Melonen, i) junge Gurken, k) Aralia edulis, l) Nori (Meerpflanze), m) verschiedene Gemüse und Früchte, n) Gewürze, süsse Citronen, frischer Ingwer, Meerrettig etc. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass das Fleisch irgend eines vierfüssigen Thieres (sei es Kalb, sei es Rind, sei es Hammel, sei es Reh,) vollständig fehlt. Der Grund ist der, dass es bei uns nicht als feines Fleisch gilt. Es darf auf einem feinen Diner nicht vorgesetzt werden, es sei denn ein europäisches. Auch die in Europa ausserordentlich hoch geschätzten Austern und Lachse gelten bei uns nicht als sehr fein, obgleich sie manchmal auf den Tisch der vornehmen Leute gebracht werden. Uebrigens sind die Austern bei uns (insbesondere in den südlichen Provinzen) sehr billig und werden auch von den armen Leuten gegessen. —

Ergötzt wurden beim Gastmahl Aug’ und Ohr durch Musik und Tanz. Musik ist nach Montesquieu ein angenehmes Geräusch; ein unangenehmes aber wird es für den Europäer, wenn es von Einwohnern der andern Erdtheile verübt wird, seien es „Araber“ in Tunis oder Aegypten, oder Türken in Constantinopel oder Smyrna, oder Hindu, Singalesen, Chinesen, Japaner; seien es zum Tanz singende Rothhäute in den Vereinigten Staaten oder in Canada.

Die Japaner haben Musik seit uralter Zeit besessen, aber ihre jetzige mit Harfen, Lauten, Leiern (Koto), die mittels eines dreieckigen Elfenbeinstabes gespielt werden, Fiedeln, Flöten, Trommeln haben sie von den buddhistischen Priestern aus China erhalten; höchstens die Guitarre (Samisen), das Lieblingsinstrument der Sängerinnen, von dem spanischen Manila.

Für die Guitarre giebt es auch keine Noten, wie für die heilige Musik. Es besteht noch grosser Streit unter den Gelehrten, ob die Japaner fünf Töne haben (ohne Quart und Septime des Grundtones) — wie „fünf Elemente“, oder unsre kleinere Tonleiter.

Einer meiner jüngeren Freunde, der mehrere Jahre in Europa gelebt, erklärte mir, dass er die Musik von Richard Wagner für sehr schön halte, aber gleichzeitig für sehr schwer; und dass die japanische Musik seinem Ohr angenehmer klinge, wegen der langen Gewöhnung, gerade so wie ihm die japanischen Speisen besser schmeckten, als die europäischen.

Auf unserm Gastmahl wurde unter Harfenbegleitung von den Töchtern des Hauses und deren Verwandten und Freundinnen, kleinen Mädchen von 5–10 Jahren, die auf das prachtvollste mit geblümten Seidengewändern bekleidet und geschmückt waren, ein eigens für diesen Zweck erfundener und sorgsam eingeübter Geberdentanz aufgeführt. Soweit ich es verstehen konnte, war es ein Tanz von Fischerinnen, die am Gestade des Meeres den aus der Ferne gekommenen Gast begrüssten und unter Schwenken von Segeln und Netzen auf das freundlichste willkommen hiessen.

Von oberflächlichen Globetrottern ist die Meinung verbreitet worden, dass in Japan der Tanz nur von niedrig stehenden Mädchen geübt werde. Das ist ganz falsch. Erstlich giebt es auch wirkliche Künstlerinnen, die der gewöhnliche Reisende allerdings nicht so leicht zu sehen bekommt, da diese Veranstaltungen sehr kostspielig sind. Zweitens wird im Bannkreise des eignen Hauses, allerdings nur für die Angehörigen und Freunde, der kunstgemässe Tanz von den Töchtern vorgeführt.

Nach dem japanischen Mittagsessen wurde mir noch ein europäisches vorgesetzt, mit Messer und Gabel und mit europäischen Weinen.

Wenn der Gast schliesslich seinen Wagen besteigt, so findet er als Gastgeschenk einen zierlichen Korb vor, worin, gut zubereitet und höchst geschmackvoll ausgelegt, ein grosser Fisch und eine Languste, die Sinnbilder für Glück und langes Leben, sich befinden.

Natürlich bekommt der gewöhnliche Japaner nicht ein solches Mittagsmahl, wie ich es soeben beschrieben. Er isst drei Mal am Tage, Morgens, Mittags, Abends. Reis ist die Hauptsache. Deshalb heissen die drei Mahlzeiten Morgen-, Mittag- Abend-Reis, wie bei uns Morgen-, Mittag-, Abend-Brod.

Dazu kommen Bohnen und andere Hülsenfrüchte[169], Hirse, Fisch[170], und Früchte. Unter letzteren sind besonders beliebt Rettig und Eierpflanzen (Solanum melongena), Dattelfeigen sowie Birnen, die sehr gut aussehen, von jedem Japaner höchst geschickt geschält werden, aber schlecht schmecken. Brod, Butter, Käse, Milch fehlen; Eier werden genossen.

Jedem Japaner wird ein eignes, ganz niedriges Tischchen mit den Speisen vorgesetzt. Er kniet auf den Matten, trinkt die Suppe und isst die festen Speisen, die alle zerkleinert und sehr sauber hergerichtet sind, mit zwei Holzstäbchen, die er zwischen den Fingern der rechten Hand hält und geschickt wie eine Zange anwendet.

Die drei Genussmittel der Japaner sind 1. cha (Thee), ein leichter Aufguss, grün, lau, bitter; 2. sake (Reisschnaps), dünn, nicht sehr berauschend, aber für uns nicht wohlschmeckend. Der Japaner ist im Räuschchen nicht unliebenswürdig. Die Sake-Steuer brachte 1889/90 an 14 Millionen Yen. Die Einführung unseres Bieres bewirkte einen Rückgang in der Sake-Erzeugung. (1885: 244 Millionen Gallonen, 1887: 128 Millionen.) 3. tabako, der im Anfang des 17. Jahrhunderts von den Portugiesen aus Manila eingeführt wurde, und aus Pfeifchen mit einem fingerhutgrossen Kopf geraucht wird, von Jung und Alt, Mann und — Weib.

Der Europäer, namentlich der englische Rindfleischvertilger, verlässt das japanische Mahl zwar gefüllt, aber nicht befriedigt.

Die japanische Nahrung ist ärmer an Stickstoff (und besonders an Fett), aber doch reich an Kohlenstoff und ganz genügend, um davon gut zu leben, namentlich bei genügender Muskelthätigkeit. Die Kulis sind kräftig, die Mitglieder der höheren Classen aber schwach, da sie nicht hinreichend Bewegung haben.

In der Ernährung der japanischen (und chinesischen) Arbeiter spielt der Reis die hervorragendste Rolle; er macht nach Scheube etwa 72 Procent der Gesammtnahrung aus und wird von der arbeitenden Classe zu 750–1050 g, nach Wernich zuweilen sogar bis zu 1400 g täglich aufgenommen. Daneben werden Gerste, Sojabohnen, Rüben, Rettig, Kartoffeln, aber auch Fische (zuweilen etwas Rindfleisch) genossen. Diese Kost bietet nach Scheube, Kellner und Y. Mori und, nach den neuesten Bestimmungen von R. Mori, Oi und Jhisima[171] an der Truppenreiskost, 78–100 g Eiweiss, 10–17 g Fett und 335–620 g Kohlehydrat[172]. Dabei ist zu beachten, dass die Japaner kleine, meistens nur 42–58 kg schwere Leute sind!

Bei dieser vorwiegenden Reiskost ist die Leistungsfähigkeit der japanischen, wagenziehenden Kulis, wie bekannt, geradezu erstaunlich. Scheube will an sich selbst die Erfahrung gemacht haben, dass er unmittelbar nach einer, vorwiegend aus Reis bestehenden Mahlzeit einen grösseren Marsch ohne Beschwerden ausführen kann, während es nach einer reichlich Fleisch und Fett enthaltenden Mahlzeit ihm nur viel schwerer und mit Unbehagen möglich sei. Er spendet daher dem leicht verdaulichen, den Darm wenig belastenden, ziemlich eiweissreichen Reis (7–8 Procent Eiweiss) ein hohes Lob und betont, dass im wesentlichen das Ueberwiegen dieses Nahrungsmittels in der Kost der japanischen Kulis die grosse Ausdauer derselben bei schwerer Arbeit bedinge. Allen Erfahrungen zufolge ist gut gekochter Reis leicht bekömmlich, belästigt nicht die Verdauungsorgane und wird sehr gut verwerthet.[173]

Dies Hauptnahrungsmittel, der Reis, wird in China seit 5000 Jahren angebaut und in Indien seit den ältesten Zeiten. Von China kam er nach Japan. Von Indien seit Alexander dem Grossen zu den Griechen.[174] (Der Sanscrit-Name vrihi ward iranisch zu brizi, daraus machten die Griechen oryza; dieses Wort liegt allen neueuropäischen Benennungen zu Grunde.) Aber erst die Araber brachten den Reisbau nach dem Nildelta und nach Spanien; seit 1530 wurde er durch die Spanier auch in Italien eingeführt, und 1701 auch nach Amerika (Carolina, Florida). Das Reisgericht herrscht von Florenz bis Pecking. 750 Millionen Menschen leben hauptsächlich von Reis, darunter unsere 40 Millionen Japaner: bis 70 Millionen hl. werden jährlich in Japan geerntet, 2 Millionen (in guten Erntejahren) ausgeführt. —

Am 24. September 1892 war das Festessen, welches die Aerzte von Tokyo mir gaben. Von den Mitgliedern des Ausschusses werde ich Mittags abgeholt, alle sind auf das festlichste gekleidet, in ihrer volksthümlichen Tracht, ich selber natürlich in Frack und weisser Binde, mit Klapphut. Zuerst werde ich mit ihnen zusammen photographirt, einmal mit dem Ausschuss der Augenärzte; dann mit dem der praktischen Aerzte, doch finden die ersteren soviel Vergnügen an der Sache, dass sie ihren Platz nicht räumen und auch auf dem zweiten Bilde mit den andern zusammen erscheinen. Der japanische Künstler[175] macht seine Sache ausgezeichnet.

Danach besuchen wir den Shinto-Tempel Shokonsha,[176] der zum Andenken an die für die Sache des Mikado im Bürgerkriege gefallenen Soldaten 1868 errichtet ist.

Auf ein einfaches, aber gewaltiges Bronze-Thor (Torij) folgt ein gepflasterter Weg, zu beiden Seiten mit Laternen besetzt. Vor dem Eingang steht ein mächtiger Steintrog mit geweihtem Wasser, ein Opferstock zur Aufnahme der von den Frommen gespendeten Münzen, eine Glocke. Das Innere des Tempelhauses ist, nach strengstem Shinto-Brauch, ganz einfach und leer. Nur einige Schwerter und Schlachtenbilder sollen den Besucher in die weihevolle Stimmung vaterlandsliebender Erinnerung versetzen.

Daneben ist ein Garten, den die Japaner besonders schön finden. Ganz entzückt sind sie von einem Baum, dessen Laub gruppenweis zu erhabenen Schilden zusammengedrängt ist.

Der kleine japanische Ziergarten zeigt gewöhnlich einen ganz kleinen Teich, worin Goldfische und Schildkröten sich tummeln, einen brückenartigen Steg zu einem Inselchen, einen künstlichen Fels, eine Steinlaterne und wunderliche Künstelei in der Behandlung der Bäume und Sträucher, die theils zwerghaft gehalten, theils zu sonderbaren Gestalten gezwungen werden.

Unter den Blumen und Blüthengewächsen sind am beliebtesten die Pflaume, wilder Kirschbaum, Päonien, Fuji (Wistaria chinensis), Pawlonien, Azaleen, Lotos, Chrysanthemum. (Kiku, von dieser Blume stammt das Regierungswappen des Mikado, Kiku-no-hana-mon.)

Der Versammlungsort ist Kojo-kan, das Haus des rothen Ahornblattes. Das letztere erscheint, gewissermassen als Wappen, allenthalben, sowohl an den Wänden, wie auf den Tellern, wie auch auf der zierlichen Tracht der aufwartenden Mädchen. Das ganze erste Stockwerk des Hauses, von dem aus man eine schöne Aussicht hat (auf den Hafen und die umgebenden Gärten, aber nicht auf den Berg Fuji) ist durch Fortnahme der hölzernen Zwischenwände in einen ungeheuren Saal mit rings herumlaufender, offener Halle umgewandelt und mit deutschen und japanischen Fahnen (der rothen Sonne in weissem Felde) reich geschmückt. Es herrscht ein ungeheures Gewühl. Ueber 100 Aerzte sind zugegen, darunter die ersten des Landes. Zuerst kommt ein Begrüssungs-Saki und die Vorstellungen. Der Japaner liebt es hierbei, seine Besuchskarte zu überreichen und die des Gastes entgegenzunehmen. Mein eigner Vorrath war bald erschöpft. Um nicht unhöflich zu erscheinen, liess ich durch einen meiner Zuhörer neue anfertigen, mit einer kurzen Unterschrift in japanischer Sprache, und dieselbe später den Theilnehmern des Festes übersenden.

Die Festordnung war sehr reich und abwechselnd. Zunächst kommt ein Schnellmaler. Der Künstler breitet einen Bogen Seidenpapier von etwa 1 Meter Länge und ⅔ Meter Breite auf den Fussboden und malt mit wenigen Pinselstrichen und Farben zunächst einen Hirsch. Das ist ein Gruss für mich. Er beginnt mit einem Auge und dem Kopf, malt dann einen Fuss, den Stummelschwanz, zuletzt den Fussboden; er wird aber sehr gut fertig. Dann malt er einen Kranich, das ist der Glücksvogel. Hierauf einen Affen, einen Tiger; der letztere ist nicht ganz so naturgetreu, wie wir ihn heutzutage zu sehen gewohnt sind: offenbar fehlt dem Künstler die Anschauung des Thieres, das ja bekanntermassen in Japan’s Wäldern nicht vorkommt und auch nicht in Thier-Gärten gehalten wird. Dann folgt, was unerlässlich ist, eine Landschaft mit dem Berge Fuji. Endlich malt er mich selbst. Er hat wohl noch nie einen Europäer in Frack und weisser Binde, mit Klapphut in der Hand, gelben Lederpantofffeln an den Füssen, gemalt; trotzdem entledigt er sich seiner Aufgabe mit grossem Geschick, nur konnte ich das Gesicht nicht sehr ähnlich finden. Uebrigens stempelte er jedes Stück. Wie ich nachträglich erfuhr, ist er ein sehr berühmter Maler (Kuboto Beisen). Ich fand später zu Kyoto Kunstwerke von seiner Hand.

Die japanischen Maler kennen nicht die Perspective, sondern malen hockend Alles auf das liegende Papier aus einer Art von Vogelschau. Sie glauben, besser zu zeichnen, als die Europäer, und sind liebe- und geschmackvolle Naturbeobachter. Was sie leisten werden mit Perspective und Oelmalerei, entzieht sich heute noch unserer Beurtheilung.

Hierauf folgte das Festessen. Die Japaner nahmen in der landesüblichen kauernden Stellung ringsum an den Wänden Platz. Ich selber erhielt ein Kissen, um bequemer zu sitzen.

Die Speisekarte für Jeden war wieder ein bemalter Fächer, worauf, unter deutscher und japanischer Flagge, der Hirsch und der Berg Fuji erschien. Die Zahl der Gerichte war ungeheuer. Ich musste reichlich in Saki Bescheid trinken. Ein Herr kommt mit dem winzigen Schälchen voll Reisschnaps und leert es auf das Wohl des Gastes; letztrer nimmt dies Schälchen, taucht es in ein kleines Gefäss voll Wasser, das vor Jedem steht, und hält es leer der knieenden Hebe hin, die es aus einem kleinen Fläschchen von Neuem füllt. Meine Freunde waren zufrieden, wenn ich nur daran nippte; nicht aber, wie es eigentlich der Brauch heischt, austrank.

Uebrigens erhielt ich auch europäische Gerichte sowie Bier und Rothwein.

Die Festreden behandelten den Dank der japanischen Aerzte an die deutschen Lehrer der Heilkunde. Die Musik war die übliche. Die Tänzerinnen in prachtvoller Gewandung führten einen eigens für diesen Zweck erfundenen Flaggentanz aus, jede einzelne hatte eine deutsche und eine japanische Flagge an kurzem Stiel in den Händen; ferner einen echtjapanischen Fächertanz; endlich einen Tanz der Wäscherinnen, mit sehr kunstvoller Verschlingung von langen Leinwandtüchern.

Der Taschenspieler war höchst geschickt und unterhaltend. Sein Gehilfe legte mir und meinen Nachbarn einen geschlossenen Kasten vor, gefüllt mit zahlreichen Fächern, von denen jeder mit einer andern Blume geschmückt war. Drei Fächer wurden gezogen, er bildete jedesmal aus gefärbtem Reismehlteig die entsprechende Blume mit Blättern. Dass er die Blume richtig errieth, war ja ganz hübsch; aber wunderbar fand ich die Schnelligkeit, mit welcher er eine gefüllte Aster mit allen grünen, gerippten Blättern ohne Werkzeug, lediglich mit seinen Fingern, bildete und an dem in einem Blumentopf befindlichen Stengel befestigte. Aus einem abgerissenen Stück Papier entwickelt er viele Ellen Band, ein Feuerwerk und ein lebendes Huhn. Aus einem kleinen Stück Malzteig bläst er eine ungeheure Hohlkugel und holt aus dem Innern derselben zehn brennende Papierlaternen heraus, eine nach der andern, jede folgende grösser, als die vorhergehenden, die letzte von 1½ Fuss Höhe. Und das Alles macht er vor uns, in dem Clubsaal auf der Erde hockend, mit der freundlichsten Miene und dem heitersten Geplapper, ohne besondern Apparat. In allen diesen „brodlosen Künsten“ sind uns die Japaner weit überlegen.

Um 7 Uhr empfahl ich mich, nachdem ich zuvor noch die zahlreichsten Einladungen erhalten.