Dasselbe.
(Aus dem Gebetbuche von Geiger.)
Mein Gott! Laß mich den Anfang und das Ende des kommenden Monats erleben in Kraft und Gesundheit! Sende mir (meinen Eltern) Deinen Beistand, daß ich (sie) an ihm für meine (ihre) Bedürfnisse zu sorgen vermag (vermögen) in Redlichkeit und Ehren! Halte fern von mir und den Meinigen Gefährdung und Beschämung! Mögen die Wünsche meines Herzens in ihm erfüllet werden, so sie Dir, o Herr, wohlgefallen. Dein Reich der Wahrheit und der Liebe werde im Laufe desselben gefördert, auf daß die Zeit der frohen Verheißung immer näher an uns heranrücke: Ein Vater im Himmel, eine Bruderfamilie auf Erden! Amen!
II. Gebete für die Freudenfeste.
שָׁלשׁ רְגָלִים
1. Das Passahfest.
.פֶּסַח
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Festbetrachtung am Passahfeste.
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„Also solltet ihr das Peßachopfer genießen: eure Lenden gegürtet, Schuhe an den Füßen, den Stab in der Hand.“
Die Stunde der Befreiung schlug. Zu Ende war die entwürdigende Sklavenarbeit in Mizrajim; tief atmete die Brust und hoffnungsfreudig blickte das ungetrübte Auge in eine glückliche Zukunft. Das rauhe Scheltwort grausamer Vögte war verstummt. Wie im Traume vernahm das neugeborene Volk die Heilsbotschaft von Gottes Rettung und Befreiung. Und auch uns klingt heute das Freiheitslied aus weiter, weiter Ferne entgegen, verkündet Gottes Kraft und Allmacht, Gottes Gnade und Güte. Andachterfüllt versenken wir uns in die Erinnerung an jenen großen Tag, an dem die befreiten Scharen Israels das Land der Knechtschaft verließen, die Lenden gegürtet, den Stab in der Hand. Schutzengel beschied der Allgütige, wie unsere alten Lehrer melden, an jenem Tage für alle Zeiten und Schicksale der Geschichte, die wir zu erleben bestimmt gewesen sind. Dem Volke, das mit Glaubensmut umgürtet war und den frommen Pilgerstab in treuen Händen trug, sollten sich Völker und Geschlechter gerüstet entgegenstellen. Doch wir fürchteten nichts. Denn der Ewige sprach: „Ich rüste meinen Engel und gürte ihn mit goldenem Rüstzeug.“ Er stand schirmend an des Schilfsmeeres Ufern; er zog schützend durch die Schrecknisse der Wüste; er breitete seine Fittige über die Väter, als sie das verheißene Land betraten. Er begleitete Israel, das Land und Thron verloren, in die Verbannung; er zog mit den versprengten, trauerumhüllten, gramgebeugten Brüdern und Schwestern, die über zerstörte Heiligtümer heiße Tränen vergossen, hinaus in alle Welten bis an der Erde Enden. So „führtest Du das erlöste Volk in Deiner Gnade, leitest es durch Deine Kraft an Deine heilige Stätte.“ Und immer, wenn der verjüngende Strahl der Frühlingssonne die Keime zu lebendiger Triebkraft weckt, wenn die „Blütenboten im Lande gesehen und liebliche Vogelsänge vernommen werden“, gedenken wir der Befreiungstage und feiern freudeerfüllt das Überschreitungsfest Noch immer ist unsere Lende gegürtet, noch immer ist der alte, treue Stab in unsrer Hand. Er soll uns nie und nimmer entfallen. Noch haben wir nicht das Recht, den Schuhriemen zu lösen; wir sind noch nicht am Ziele unserer Weltenwanderung. Noch harrt ein Teil der Menschheit auf Erlösung durch den Glauben an den Einzigen; noch die ganze Menschheit auf die Befreiung aus dem Sklavendienst der Selbstsucht, des Hasses und des seelenerniedrigenden Kampfes um ein menschenwürdiges Leben. Wir stehen noch nicht auf dem geheiligten Erdreich anerkannter Menschenwürde aller Menschenbrüder. Die „Leiden Mizrajims“ sind allzumal noch nicht geheilt. Wir aber preisen Dich, Allgütiger, als den Erlöser. Du hast uns die Freiheit gegeben. Im ewig währender Dankbarkeit begehen wir dieses Fest der Befreiung; wir genießen das ungesäuerte Brot der Armut, das uns an Mizrajims Elend gemahnt und von den Leiden unsrer Ahnen erzählt; das Bitterkraut, das alte Not und gegenwärtige Entbehrung in Erinnerung bringt. Wir dürfen, können nicht vergessen; denn jeder Tag und jedes Fest ist uns der Zuruf: „Gedenke des Auszuges aus Mizrajim.“ So ist bis zu dieser Festesstunde unsere Lende festgegürtet geblieben; wir zweifeln nicht an Deiner Vorsehung und Güte; unser Fuß ist standhaft und dauernd auf dem Boden des Glaubens; unsere Hände halten den Stab fest, den Du in sie gedrückt hast. „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt.“ —
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Beim Eintritt in das Gotteshaus.
(An Festtagen oder bei festlicher Gelegenheit.)
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Sei mir gegrüßt, du liebliche Stätte, die meine Sehnsucht aufsucht am Feste des Herrn! Mit Freude und Ehrfurcht betrete ich das Gotteshaus, denn es ist der Ort des Friedens. Hier empfindet der Geist ein süßes Heimatsgefühl denn er ist im Vaterhause. Hier fühlt das Herz sich leicht und froh, denn Freude und Leid bleiben nicht in ihm verschlossen. Die Gedanken des Herzens vor geliebten Menschen aussprechen, ist Freude und Befriedigung, sie aber vor Gott offenbaren, den ich über alles liebe und anbete, das ist Belebung und Wonne. Sei mir gegrüßt, du liebe, heilige Stätte! Du warst von je die Zeugin meines Jubels und meiner Betrübnis, meines Kummers und meines Dankes gegen Gott, und Du sollst es ferner bleiben, solange Gott es mir vergönnt auf Erden. Amen!
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Gebet am Vorabend des Passahfestes.
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Allgütiger, Allmächtiger! Dich, als den wundertätigen Wohltäter unserer Väter zu preisen und als den wundertätigen Wohltäter all' ihrer Kinder, Deines ganzen Volkes Israel in allen Geschlechtern und eben so als den des ganzen Menschengeschlechtes, darum feiern wir heute zu Deiner Ehre das Fest der Befreiung. Und es ist dieses Fest der Befreiung zugleich das Fest des anbrechenden Frühlings. Wie Du wundertätig stets gewirkt hast in der Geschichte der Menschheit, so wirkst Du ebenfalls in der Natur zum Heile der Menschen.
Lang und düster war der Winter unserer Väter in Ägypten, die Eisdecke harten Druckes, die Strenge kalter Grausamkeit lasteten auf ihrem Schicksal und die finstere Nacht der eigenen Kraftlosigkeit und Verkommenheit umhüllte mit dichtem Gewölk ihren Geist. Du aber, Herr, hast des Bundes gedacht, den Du mit ihren Vätern geschlossen, und hast sie herausgeführt aus der Knechtschaft in die Freiheit, aus der Unterdrückung in die Erlösung, aus der Finsternis zum hellen Lichte. Und Israel ist ein Volk geworden, und das Volk ist die Pflanzstätte der Erkenntnis Deines heiligen Namens geworden, daß er verbreitet werde auf Erden und alle Völker der Erde zu Dir sich wenden, daß auch sie befreiet werden aus der Nacht des Wahnes und des Irrglaubens, um sich zu vereinigen im Reiche des Lichts und der Wahrheit. Darum, o Herr, feiert unser dankbares Herz Dir heute das Fest der Befreiung.
Und wenn wir um uns schauen, auf unsere eigenen Tage und auf das Leben, das uns umgibt, o dann feiert auch unsere Seele ein Befreiungsfest und preiset in Fröhlichkeit Deine ewige, wohltätige Wundermacht. Lang und düster war der Winter, den wir durchlebt, erstarrt und kalt ruhete vor uns die Erde, entkleidet der Pracht, mit der Deine Güte sie geschmückt hatte. Da hast Du Dein schöpferisches Befreiungswort aufs neue gesprochen, und wieder belebt sich die Natur um uns her, und wieder zieht mit doppelter Gewalt die Erkenntnis Deiner Liebe und Deiner Größe in unsere Brust, und alles, was da lebt, feiert in Wonne das Fest der Befreiung.
O Herr! so möge es auch Dein Wille sein, daß Du uns immerdar befreien mögest von allem, was uns bedrückt und ängstigt. Befreie uns von den Banden des Unrechtes und der Torheit, befreie uns von den Schlingen des Unglücks und des Leides, sooft sie uns drohen, auf daß wir fröhlichen Herzens Dir immerdar danken für die Freiheit und für das Wohlsein unseres Leibes und unseres Geistes. Amen!
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Seder.
Betrachtung.
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„Ma nischtanna.“ „Wodurch ist diese Nacht ausgezeichnet?“ Wer in Israel kennt diese kindliche Frage nicht? Wem klingt sie nicht traulich und feierlich wie eine schöne, sanfte Weise aus grauer Vorzeit? Vor tausend Jahren hat sie der Jüngste der Hausgenossen an den Vater gerichtet, wie heute. Wie heute? Ist denn der Sederabend wirklich noch in den Zelten Jakobs heimisch? Wehmütig bekennen wir, daß die seelenvolle Poesie dieses ebenso zartsinnigen wie ehrwürdigen Familienfestes in vielen, vielen jüdischen Häusern nicht mehr zu finden ist.
Festlich erleuchtet ist die Stube; selbst der Ärmste der Gemeinde hat an diesem Abende seine Festlichter, seinen sauber gedeckten Tisch. Denn Pflicht der Besitzenden ist es, wie stets, so ganz besonders heute dafür zu sorgen, daß der Besitzlose mitfeiern könne das Peßachfest. „Jeder Hungrige komme und esse mit; jeder Bedürftige komme und feiere Peßach mit uns.“ Das ganze Haus ist feierlich gestimmt. Es ist, als ob der Geist der Geschichte leise durch alle Räume ginge und mit sanfter Hand alles Geräte berührte. Hergerichtet ist die gebotene Ordnung des „Seder“. Denn „Seder“ das ist Ordnung. Kiddusch, die heilige Festesweihe und Festesverkündigung ist der erste Schritt in das stimmungsvolle Heiligtum des Abends. Der erste Becher wird getrunken, der Becher der „Erlösung“, dem im Verlauf des Abends die Becher der: „Rettung“, „Befreiung“ und „Erwählung“ folgen. Die Erzählung der „Haggadah“ ist angenehm eingeleitet und unterbrochen von heiligen Gebräuchen und Anwendung von Symbolen, die alle ihren wertvollen Sinn, ihre sinnige Bedeutung haben. Auf silberner oder hölzerner Platte steht das bittere Kraut des Maror, Lattich und Meerrettig; sie sind Erinnerung an unserer Ahnen Bitternis in ältester Ägypterzeit und später; uns selbst oft genug ein Mahnruf in lebendigster Gegenwart. Des Chorauseth bräunliche Masse erinnert an den Lehm und Ton, aus dem die Väter in Mizrajim Ziegel geformt. Das Bratfleisch ist ein trauriger Rest, der kaum mehr an einst reiche Opfermahle und duftiges Peßachlämmchen erinnert; das Ei, die Trauerspeise, ruft uns zu: Denke daran, daß der Trauertag des neunten Ab auf denselben Wochentag fällt, wie der erste Sederabend. Das wichtigste Zeichen jedoch ist die „Mazza“, „das Brot der Armut“, das Brot, das so unendlich viel von ertragenen Leiden und erfahrenen Freuden erzählen könnte. Die symbolischen Handlungen sind von den Aggadahberichten begleitet, von Lobpreisungen und Segnungen. Die kindlichen Fragen nach der besonderen Auszeichnung des Abends werden vom Familienoberhaupte mit einer kurzen Erzählung der Vätergeschichte und der Befreiung aus Mizrajim erwidert. — Die vier charakteristischen Gestalten des „Weisen, Bösen, Schlichten und Unmündigen“ werden lebendig vorgeführt und die Erlösungsgeschichte an der Hand alter Überlieferungen des talmudischen Schrifttums dargestellt. Die zehn ägyptischen Plagen ziehen an uns vorüber und daran knüpft sich die Klarlegung der Bedeutung der drei Hauptzeichen des Festes: Peßach, Mazzah und Maror. Hallel, das herrliche Loblied erklingt mit seinen erhabenen Gedanken und Weisen. Dann unterbricht die Festmahlzeit den „Seder“. Am Schlusse der Mahlzeit jedoch wird jedem Teilnehmer ein Stückchen Mazza „als Afikomon gereicht und wir gedenken Eliehus“, des Propheten, in dem wir den erhofften Messias willkommen heißen wollen und für den wir den „Eliehu-Becher“ auf dem Tische gerüstet haben. Der andere Teil der Hallel-Psalmen schließt sich daran, das große Dankgebet und das herrliche „Nischmath“, das für diesen Abend verfaßt ward. — Liebliche Lieder, die Bedeutung des Festes besingend und Gottes Allmacht in der Welt und seine in unserer Geschichte bewährte Güte preisend, bilden den Schluß des Sederabends, den wir nicht ohne wehmütige Erinnerung an Jerusalem beenden.
So reiht sich an diesen Abend die Übung schöner, sinniger Bräuche aneinander. Alle Glieder der Familie haben sich freudig vereint und auch bedürftige Fremde als Gäste sitzen im Kreise der Feiernden.
Ruhig legen wir unser Haupt zum Schlummer in der „Nacht der Bewachung“ nieder. Denn siehe, „es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels“.
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Morgengebet am Passahfeste.
(Vorher Nischmath, siehe [Seite 19].)
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Du, Herr, bist der Ewige, unser Gott, der uns aus dem Lande Ägypten geführt hat, aus dem Hause der Knechtschaft.
In diesem Bekenntnis vereinigen sich all' die Gedanken, die der heutige Festtag in uns wachruft, daß wir, beseelt von ihnen, fähig seien, Dich zu preisen als den Unendlichen, den Allmächtigen und Allgütigen.
Ja, nur der Ewige ist unser Gott! Torheit und Nichtigkeit, Wahn und Aberglaube wären alle unsere Vorstellungen von Dir, wollten wir Dich nicht als den Ewigen anerkennen, der erhaben ist über alle Zeit. „Der Ewige ist unser Gott,“ das ist die würdigste Bezeichnung Deiner Größe. Das allein gibt mir die Überzeugung, daß mein Gott der wahre Gott ist. Sind bei dem Gedanken an Dich die Schranken der Zeit gefallen, was hindert mich noch, auch die Schranken des Raumes fallen zu lassen, zu glauben, daß Du allgegenwärtig bist, daß kein Gott neben Dir und außer Dir vorhanden ist, daß Du einzig bist? Was hinderte mich noch, auch die Schranken der Vollkommenheit vor Dir als nicht vorhanden anzunehmen, zu glauben, daß Du allwissend und allweise bist? Ja, ist nur der Ewige, mein Gott, so sind zwar alle Grenzen überschritten, die Dich meinem Geiste faßbar machen, aber in meinem Gemüte fühle ich Dich um so stärker und preise Dich in Demut als den Unendlichen.
Du hast uns aus dem Lande Ägypten geführt. Ist's nichts mehr als ein Ereignis, das die Geschichte uns aufbewahrt hat, um uns Zeugnis davon zu geben, wie das Geschlecht unserer Stammväter, unterdrückt von der Gewalt fremder Herrscher, sich zum freien Volke gestaltet hat? O nein, das Bekenntnis, daß Gott uns aus Ägypten geführt, lehrt uns ihn selbst erkennen, als den allmächtigen Herrn der Welt, der da gebietet über die Herzen der Menschen und über alle Kräfte der Natur.
Ja, Ewiger, Deinem Befehle gehorcht die Erde und das Meer, Du gebietest den Tieren des Feldes und den Wolken des Himmels, Du bist Herr über Leben und Tod, über Licht und Finsternis, in Deiner Hand sind alle Dinge, und unmöglich ist nichts vor Dir. Denn alle Wesen der Körperwelt und alle Kräfte der Natur sind hervorgegangen aus Deinem Willen, Du leitest die Welt und hast sie erschaffen, und hast Deine Macht herrlich bewiesen, als Du mein Volk aus dem Lande Ägypten geführt, denn Du, Ewiger, bist der Allmächtige.
Du hast uns befreit aus dem Hause der Knechtschaft. Nicht war es die Frömmigkeit des unterdrückten Sklavenvolkes, die der Befreiung sie würdig, nicht war es ihr Mut und ihr Freiheitsdrang, der zur Befreiung sie reif gemacht hätte, nicht war es ihre Einsicht, die sie die Sehnsucht empfinden ließ, Gott dem Herrn, zu dienen, unabhängig von dem Drucke der Heiden, im Lande der Götzendiener, und Deine Gnade hat sich dennoch ihrer erbarmt. Du sahest nicht auf ihre Würdigkeit, Du sahest auf ihr Elend; Du gedachtest des Bundes, den Du mit Abraham, Isaak und Jakob geschlossen, und erfülltest Deine Verheißung, Du führtest ihre Nachkommen dem höchsten Glücke entgegen, das je die Menschen erfahren, dem Glücke, Deine heilige Lehre zu empfangen, den Urquell aller Tugend auf Erden. Das alles hat Deine Güte getan, denn Du, Ewiger, bist der Allgütige.
An diesem Gedanken will ich mich erbauen am heutigen Feste des Auszuges aus Ägypten, daß Du, Ewiger, bist der Unendliche, der Allmächtige, der Allgütige. Amen.
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הַלֵּל
Die Hallel-Psalmen.
(Dieses Gebet wird auch am Wochen-, Hütten- und Schlußfeste gesprochen.)
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Segensspruch: Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt! Mit Freudigkeit erkennen und vollbringen wir unsere Pflicht, Dich zu preisen in den Gesängen des „Hallel“.
הַלְלוּ יָהּ Psalm 113.
Lobt den Herrn, ihr Diener Gottes, preiset seine Herrlichkeit!
Segnet seinen heil'gen Namen, heut' und bis in Ewigkeit!
Lobet dort ihn, wo die Sonne ihre Himmelsbahn besteigt,
Lobt ihn dort, wo sie am Abend wieder sich zur Ruhe neigt,
Hoch erhaben über Menschen Gottes Pracht am Himmel wohnt!
Wer noch gleichet uns'rem Gotte, der so hoch erhaben thront!
Doch der Große schaut das Kleine, schaut ins Kleinste tief hinein,
In dem Himmel und auf Erden ist dem Großen nichts zu klein.
Und er schaut auch auf die Menschen, sieht auf der Bedrängten Leid,
Hilft dem Armen aus dem Staube, zieht ihn aus der Niedrigkeit,
Ihn zu setzen neben Fürsten. Um des Daseins sich zu freu'n,
Setzt er auch die Unfruchtbare als des Hauses Mutter ein.
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בְּצֵאת יִשְׂרָאֵל Psalm 114.
Als Israel gezogen war aus dem Ägypterlande,
Als Jakobs Haus sich frei gemacht von Sklaverei und Schande,
Hat Gott, der Herr, Jehuda sich als Heiligtum erlesen,
Und seiner Herrschaft Untertan ist Israel gewesen.
Da floh das Meer, der Jordan wich, es schwand der Wasserspiegel,
Die Berge hüpften Widdern gleich und Lämmern gleich die Hügel,
Was ist dir, Meer, daß du entweichst? Du, Jordan, bist verronnen?
Was ist gescheh'n euch Bergen, daß zu hüpfen ihr begonnen?
Der Welten Herr ist Jakobs Herr, vor ihm erbebt die Erde
Er ist es, der dem Stein befiehlt, daß er zur Quelle werde.
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לֹא לָנוּ Psalm 115.
Nicht wegen uns, o Herr! um Deiner Güte Willen,
Laß Deines Namens Ruhm die ganze Welt erfüllen.
Was sollen ferner noch die Heiden höhnend fragen:
„Wer weiß den Aufenthalt von ihrem Gott zu sagen?“
Ja wahrlich! unser Gott erfüllt die Himmelsweiten,
Und alles, was geschieht, kann nur sein Wille leiten.
Doch Silber ist's und Gold, und Werk von Menschenhänden
Nur eitle Bilder sind's, wohin ihr Herz sie wenden.
Die haben einen Mund und müssen ewig schweigen,
Und ihrem Auge ist die Nacht der Blindheit eigen,
Und ihren Ohren kann sich nie der Laut verkünden,
Auch ihre Nase hat vom Dufte kein Empfinden,
Sie haben Hände wohl, sie taugen nicht zum Fassen
Und ihre Kehle hat noch nie ein Ton verlassen.
Und wie sie selber sind, sind die, die sie erbauen:
Die Toren, die dem Werk der eignen Torheit trauen.
Doch Israel vertraut nur auf den Herrn, den wahren,
Des Güte, Schutz und Macht sein Volk so oft erfahren;
O, trauet fort und fort, als Priestervolk und Lehrer!
O, trauet fort und fort, ihr wahren Gottverehrer!
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יְיָ זְכָרָנוּ Psalm 115 (Fortsetzung).
Es denkt an uns der Ewige mit seines Segens Spenden,
Um sie dem Hause Israels und Ahrons zuzuwenden;
Und alle, die in seiner Furcht gerecht vor ihm erscheinen,
Sie alle, alle segnet Gott, die Großen und die Kleinen.
So mehre sich sein Segen euch, so soll er nie sich mindern,
So wie der Herr ihn zugedacht nur seinen Lieblingskindern:
Daß seine Gnade jederzeit an euch gefunden werde.
So will es unser Gott, der Herr des Himmels und der Erde,
Und kann sich auch des Menschen Kind zum Himmel nicht erheben,
Die Erde ist sein Eigentum, die hat ihm Gott gegeben.
Die in des Todes Stille ruh'n, sie können Gott nicht loben,
Von uns sei ein „Halleluja“ zum Ewigen erhoben!
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אָהַבְתִּי Psalm 116.
Wie bin ich froh! der Herr erhört mein Flehn, das ich erhoben,
Hat gnädig mir sein Ohr geneigt, drum will ich stets ihn loben.
Ergriffen mich auch immerhin die Angst, der Tiefe Schrecken,
Und sollten Not und Trübsal auch nach mir die Arme strecken,
Dann ruf ich aus: „O hilf, mein Gott, sei gnädig doch mir Armen!“
Allgnädig ist der Herr, mein Gott, ist voll, ist voll Erbarmen.
Die ratlos sind, den' hilft der Herr, bis daß sie Rettung fanden
Ich war so elend! Siehe da! er hat mir beigestanden.
So kehr' zur Ruhe nun zurück, du Seele mein, du trübe,
Es hat der Herr dir wohlgetan in seiner Vaterliebe.
Du hast vom Tode mich befreit, getrocknet meine Tränen.
Nicht darf ich fürder meinen Fuß umstellt von Schlingen wähnen.
Ja, wandeln will ich vor dem Herrn im Lande nun des Lebens,
Und spräch ich jetzt: „ich leide sehr“, ich spräch es aus vergebens,
Wer glaubte es? Und als ich's sprach, war ich vom Schein betrogen,
In Übereilung ist vom Trug des Menschen Blick umzogen.
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מָה אָשִׁיב Psalm 116 (Fortsetzung).
Wie soll ich doch dem Herrn vergelten, der so viel Gutes mir erwiesen?
Den Kelch des Heils will ich erheben, sein Name sei durch mich gepriesen!
Vor aller Welt will ich's verkünden, wie ich gelobt, so will ich handeln.
Bei Gott ist schwer der Tod der Frommen, die treu in seinen Wegen wandeln.
Auch ich, Dein Knecht, o Herr, ich hatte vor Dir mich bittend eingefunden,
Ich, Knecht, Sohn Deiner Magd; Du hast der Fesseln gnädig mich entbunden.
Drum bring' ich Dir des Dankes Opfer, drum will ich Deinen Namen preisen,
Und mein Gelöbnis will ich halten und vor der Welt es laut beweisen.
Ich möchte lenken zu den Höfen des heil'gen Tempels meine Schritte!
„Nun lobet Gott!“ so möcht ich rufen, Jerusalem, in Deiner Mitte.
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הַלְלוּ אֶת ה׳ Psalm 117.
Lobet Gott, ihr Völker alle, seid zu rühmen ihn bereit,
Mächtig waltet seine Gnade, seine Treu' in Ewigkeit. Halleluja.
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הוֹדוּ Psalm 118.
Danket dem Herrn, denn er ist gütig,
Und seine Huld währet ewig!
Singe also, Israel,
Denn seine Huld währet ewig!
Singe also, Ahrons Haus,
Denn seine Huld währet ewig!
Singt, ihr Gottverehrer alle,
Denn seine Huld währet ewig!
In Angst rief ich die Gottheit an, der Gottheit Antwort schuf mir Raum. Der Herr ist mein, ich fürchte nichts. Was kann ein Mensch mir tun! Der Herr ist mein und steht mir bei; ich werde Lust an Feinden schauen. Besser ist, dem Herrn vertrauen, als auf Fürsten sich verlassen. Laßt alle Heiden mich umgeben; beim Ewigen! ich vernichte sie; hier umgeben, dort umgeben, beim Ewigen! ich vernichte sie; wie Bienen umschwärmen, wie Dornenflammen umlodern beim Ew'gen! ich vernichte sie! Wenn alles zustürmt, mich zu stürzen, der Ew'ge steht mir bei. Er ist mein Sieg, mein Saitenspiel, er ward mir zum Triumph. Freudenruf, Siegeslied schallt in den Hütten der Tugendverehrer, die Rechte des Herrn erkämpft den Sieg. Die Rechte des Herrn, sie ist erhaben, die Rechte des Herrn, die den Sieg erkämpft.
Nein! noch sterb' ich nicht, ich lebe, Gottes Taten zu erzählen,
Straft er auch, so will er dennoch nicht den Tod für mich erwählen;
Öffnet mir der Tugend Pforte, will hineingehn, ihm zu danken,
Solch ein Gottestor betreten, die nicht in der Tugend wanken,
Dank Dir, Herr, in Deiner Strafe ließest Du mein Heil mich schauen,
Eckstein ist der Stein geworden, den verwarfen, die da bauen.
Solches ist vom Herrn geschehen, können wir es gleich nicht fassen:
Diesen Tag hat Gott gegeben und zur Lust uns werden lassen.
O Ewiger! steh' uns bei!
O Ewiger! steh' uns bei!
O Ewiger, beglücke!
O Ewiger, beglücke!
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Willkommen im Namen des Herrn! Wir, aus dem Tempel des Herrn, wir segnen Euch!
Allmächtig ist der Ewige, der uns den Tag erscheinen läßt.
Mein Gott bist Du, Dir will ich danken; Du, mein Herr, Dich will ich erheben!
Danket dem Herrn, denn er ist gütig, und seine Huld währet ewig!
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Beim Herausheben der Thora am Passahfeste.
(Dasselbe am Wochen-, Hütten- und Schlußfeste.)
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O Ewiger! Ewiger! Barmherziger Gott! Du bist der Allgnädige, langmütig und von unbegrenzter Huld und Treue, der seine Gnade bewahret bis ins tausendste Geschlecht, der Missetat, Abfall und Sünde vergibt und den Übeltäter losspricht.
(Dreimal.)
Herr des Weltalls! o erfülle die Wünsche meines Herzens, so sie zu meinem Heile gereichen; willfahre meinem Verlangen und erhöre meine Bitte, erhöre mich, Deine Magd, die so gering sich fühlt. O läutere mich, mit aufrichtigem Herzen Deinen Willen zu vollführen, rette mich vor den verderblichen Schlingen der unlauteren Begierde und der bösen Leidenschaft. Gib mir und den Meinigen das Heil, das Deine heilige Lehre den Gerechten zuspricht. Läutere uns alle, damit Dein Geist auf uns ruhe. Erleuchte uns mit dem Geiste der Weisheit und der Einsicht, daß an uns die Verheißung erfüllet werde: „Und es wird auf ihm ruhen der Geist Gottes, der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und des Mutes, der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht.“
O, möge es Dein Wille sein, mein Gott und meiner Väter Gott, daß ich tugendhaft werde und bleibe und immerdar dem Edlen ergeben sei, und daß ich den Weg der Redlichen vor Dir wandle.
Laß' uns alle die Heiligkeit des Wandels suchen nach Deinen Geboten, damit wir eines langen Lebens in dieser Welt und eines seligen Lebens in der Ewigkeit würdig befunden werden. Bewahre uns vor bösen Taten und vor bösen Zeiten, die mit Ungestüm die Welt heimsuchen.
Wer auf Gott vertraut, dem ist seine Gnade nahe. Amen.
שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד
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Tau und Regen. (Tal und Geschem.)
Betrachtung.
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„Gib Tau und Regen zum Segen dem Erdreich“; „Du bist es, der den Windhauch wehen und den Regen fallen läßt“; so beten wir während eines großen Teiles des Jahres alltäglich im Morgen- und Abendgebete. Wir beten es nicht für Israel allein, sondern für die ganze Menschheit in der ganzen weiten Welt. Denn der Erde Grund ist einer, des Himmels Höhe eine, des Wassers Tiefe eine für alle Menschenkinder. So weitet sich der Blick hinaus in die Unendlichkeit, hebt das allumfassende Gefühl über beengende Grenzen. Gottes Walten im Reiche der Natur erkennen und bekennen wir ehrfürchtig. Grünende Fluren, rauschende Wälder, prangende Blumen, duftende Blüten, wogende Saaten, nährende Früchte — die Erde spendet sie in unendlicher Macht und Fülle. Mit berauschendem Entzücken weilt der Menschen sonniges Auge auf gesegneten Triften und Äckern. Auf das Haupt des emsigen Landmanns, der mit nervigen Armen die Pflugschar führt, die Körner streut, die Egge zieht, fleht der dankbare Erdensohn den Segen des Himmels herab. Und wenn die Arbeit getan, das Feld bestellt ist und durstige Halme den Boden decken, blickt das Auge zum Himmel empor, die Hände falten sich und fromme Lippen lispeln: „Gib Tau und Regen zum Segen dem Erdreich“. Zähme, o Gott, die Kraft der Elemente. Des Donners drohendes Rollen, der Blitze fahles Zucken, lasse sie nicht zum Verderben und Schrecken werden. Dämme die Wasserflut, mildere die Sonnenglut. — Am ersten Tage des Peßachfestes, wenn wir das Fest der Befreiung feiern, das uns den Frühling unserer Geschichte kündet, vergessen wir selbstlos des eignen Geschickes und gedenken in Liebe aller Menschenbrüder. Er, der uns wundertätig durch das Meer geleitet hat, der Wüste Schrecknisse überwinden ließ, Er so beten wir innig, möge die Winterfesseln der Natur in Güte lösen, die starre Scholle lockern, der Keime Triebkraft wecken, damit den Menschen ihr unermüdlicher Fleiß gelohnt und nährendes Brot zuteil werde. Die leuchtenden Tropfen, die am taufrischen Morgen am Angergrase zittern, sie sind Sinnbilder der Tränen der Sorge und der Freude. „Denn belebender, erquickender Tau ist Dein.“ Wie aus dem Erdenmutterschoße sich das Körnlein aus Dunkel zum Lichte ringt, so möge Gott auch uns das Werk gedeihen lassen, die Saat, die wir am Morgen gesät und am Abend, uns dem Glücke entgegenführen.
Wenn wir im Herbstesgrau das Hüttenfest beschließen und die Festgedanken zum Ergebnis sammeln; wenn der Winzer den Weinberg reich belohnt verläßt, Kelter und Tenne gefüllt sind und aller Früchte Erntesegen unversehrt die Speicher schmückt; dann wendet sich wieder unser dankbares Gemüt zum himmlischen Vater. Wieder erweitert sich uns das Volksgefühl zum Menschentum, wird uns das geschichtlich-religiöse Festgebet zum Weltgebete. Die Stammväter, deren wir in Ehrfurcht gedenken, werden zu Vätern der Menschen, die Mütter zu Menschenmüttern, der waltende Gott Israels zum liebevollen Weltengotte. Die große Vergangenheit gliedert sich bescheiden dem Ganzen der Geschichte an und mit erlösender Begeisterung umschließt unser Festgedanke alle. Wie frischer Regenguß die duftende Erde befruchtet und schlummernde Kräfte weckt, wie kühlender Windhauch schweifende Wolken sammelt und scheucht, so wirkt die Menschenliebe auf jegliches Menschenherz. Wie die gewaltige Kraft der Natur zu neuem Leben in Ruhe- und Restzeit Atem schöpft, so mögen auch wir, wenn es Zeit ist, in stiller Sammlung zu erneuter, sittlicher Tatkraft uns rüsten. All unser Denken und Fühlen und Tun gedeihe unserem Volke und heiligen Glauben
„zum Segen und nicht zum Fluche
zur Sättigung und nicht zum Hunger
zum Leben und nicht zum Tode.“
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טַל
Frühlingsgebet am ersten Tage des Passahfestes.
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Bald ist nun der Kampf vorüber,
Und die milde Sonne siegt,
Darum ist mein Herz so fröhlich,
Meine Seele so vergnügt.
Nach dem Frühling war mein Sehnen.
O, nun ist es bald erfüllt!
Süße Lust der Frühlingsahnung
Zieht ins Herz mir warm und mild.
Bald ist nun der Kampf vorüber,
Und es bricht des Winters Macht!
Schon gewichen sind die Stürme,
Kürzer wird die kalte Nacht!
Nicht mehr strömen rauh hernieder
Feuchte Flocken sonder Zahl,
Durch der Wolken graue Decke
Bricht hervor der lichte Strahl!
Ach, es waren schlimme Tage!
Böse war die Winterzeit!
O, wir suchten scheu und schüchtern
Schützend Dach und warmes Kleid.
Ach, und wem der Güter Fülle
Nicht die schwache Hilfe bot,
Zehnfach bitter mußt' er fühlen
Wintershärte, Wintersnot.
Nun, Gottlob! es ist vorüber!
Und es kündet seine Spur
Tausendfach der holde Frühling
Freundlich an in Feld und Flur!
Droben nur noch trübe Schatten
Einzeln schnell vorüberflieh'n,
Und auf Erden keimt und sprosset
Lächelnd auf ein junges Grün.
Abgestreift von meinem Geiste
Wird der Fessel letzter Rest,
Jubelnd feiert meine Seele
Heute ein Befreiungsfest.
Neuer Mut und neues Leben
So ist's Israel gewesen
Nach Ägyptens Winternacht.
O, es faßten die Befreiten
Der Befreiung Wonne kaum,
Also ist ein süß Erwachen
Nach dem bösen, langen Traum!
Darum eil' ich, Dich zu preisen,
Vater, vor Dein Angesicht!
Du verließest uns, die Deinen,
Auch in trüben Tagen nicht.
Wirst auch ferner uns bewahren,
Wirst uns stets ein Hüter sein!
Bringst den Frühling und den Sommer
Uns zum Segen und Gedeih'n!
Du wirst Tau und Regen spenden
Zu der Erde Fruchtbarkeit
Auch in diesem Jahre wieder,
Immerdar zur rechten Zeit.
Ja, wir wissen, daß der Vater
Alle seine Kinder liebt,
Daß er nimmermehr ihr Leben
Dem Verderben übergibt.
Wir, wir können es nicht schaffen,
Doch wir können Dir vertrau'n,
Können auch in diesem Jahre
Hoffend auf den Sommer schau'n.
Du, o Herr! befiehlst den Wolken
Durch Dein göttlich Allmachtswort!
Daß sie kommen, daß sie gehen,
Uns zum Segen fort und fort,
Daß die Sonne sie verhüllen,
Wenn ihr Strahl uns wird zur Glut,
Daß sie schwinden, wenn zu lange
Niederströmt des Regens Flut.
Du, o Herr! befiehlst dem Strome,
Daß er bleibt in seinem Gleis!
Du, Du bist es, der dem Blitze
Seinen Weg zu zeigen weiß!
Du, Du bist es, der im Taue
Himmelsgnade niedersenkt,
Der auf reiche Segensbahnen
Wunderbar die Winde lenkt!
Darum zieht die Frühlingsahnung
Mir ins Herz so warm und mild,
Und mein Hoffen und mein Sehnen
Ist nun bald so süß gestillt.
Bald ist nun der Kampf vorüber
Und die milde Sonne siegt,
Darum ist mein Herz so fröhlich,
Meine Seele so vergnügt.
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2. Das Wochenfest.
שָׁבוּעוֹת
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Festbetrachtung am Wochenfeste.
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„Gott der Herr ist meine Kraft, meinem Fuße verleiht er Behendigkeit, er läßt mich auf meinen Höhen wandeln.“
So kündet das Prophetenwort am heutigen Tage die Größe und Bedeutung des Segens an, der uns in der Stunde zuteil geworden war, in der wir das heilige Gesetz, die Thora, empfingen. „Gott der Herr ist meine Kraft, er läßt mich auf meinen Höhen wandeln“; das ist der Wahlspruch, der uns zur Selbstvollendung emporführt; das ist der Wegweiser zu sittlicher Vollkommenheit. Zunächst sind wir von der Vorsehung dazu ausersehen gewesen, dieses heilige Gesetz zu empfangen und zu verbreiten. In jener feierlich-großen Stunde galt das große Wort: „Heute bist Du zum Volke geworden Deinem Gotte.“ Wann ist dieser Geburtstag Israels? Das ist der Tag, an dem der Ewige seinem Volke die „Kraft“ verlieh, den „Frieden“ gab. Denn die Thora ist die „Kraft“, die nie versagt und nie versiegt, sie ist der unwandelbare, ewige „Friede“. Sie ist die „Kraft“, die sich jahrtausendelang bewährt, der „Friede“, der durch nichts gestört wird, der Geburtstag der Thora! Wir feiern ihn stolz, wir feiern ihn glücklich; wir feiern ihn in demütiger Anerkennung der unerreichbaren Größe, der unergründlichen Tiefe des Thorawortes, Thorageistes. Sie hat den Siegeszug durch die Welt angetreten, hat Menschenherzen, Menschenseelen erobert und bezwungen. „Du stiegest empor, nahmst gefangen, machtest Menschen zu Deinen Geschenken.“ Mit dem Doppeldiadem des Gehorsams und der Tat wurden nach alter Sage die Väter gekrönt, als sie die Heilsbotschaft Gottes mit den Worten empfingen: „Wir wollen nach dem Gesetze handeln und gehorchen.“ Mit der Krone der Tugend und des Glaubens wird die ganze Menschheit gekrönt durch die Thora. Zum Eigentum der gesitteten Menschheit ist sie geworden. Erfüllt hat sich der alten Weisen Lehre und Deutung: „Die Erde erzitterte und alle Bewohner, als das „Ich“ die Säulen der Erde feststellte“ — jenes „Ich“, mit dem die zehn Gebote beginnen. Allumfassend war die Botschaft; sie erfüllt die ganze gesittete Welt. Wie die Wüste, wo sie zum erstenmal gehört war, niemandem eignet, so ist sie, diese Thora, jedwedem zu eigen, der sie annimmt; wie das Weltmeer, so ist sie weltumarmend; wie Wasser und Feuer nicht feil und käuflich sind, so sind Moral und Glaube. Als Allgemeingut war die Thora gedacht. Dieser Tag ist nicht allein der Geburtstag Israels; er ist der Geburtstag festgegründeter Sittlichkeit. Und wir sollten ihn nicht festlich begehen? sollten nicht die heilige Lade mit Kränzen umwinden? sollten nicht Blumen streuen auf den Weg der Thora, deren „Pfade allesamt sind Lieblichkeit“? Wir sollten nicht in inbrünstiger Dankbarkeit der Zeit gedenken, die uns zum Lehrmeister der Welt gemacht, uns, die vielgeschmähten Stiefkinder der Menschheit, zu den liebeerfüllten Spendern von Friede, Freude und Liebe?! Die „Wüsten freuen sich und Steppen jubeln“; die Wüsten der Lieblosigkeit, die Steppen der Menschenverfeindung, denn einzieht die Lehre der Menschenliebe. Wir wollen Sendboten sein und bleiben dieser Lehre, im Zeichen dieser „Kraft“ auf unseren Höhen wandeln.
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Gebet am Vorabend des Wochenfestes.
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Allgütiger! Das liebliche Fest der Erstlingsfrüchte begrüßt uns wieder mit dem zauberischen Lächeln seines holden Angesichts. Da wird auch unser Angesicht heiter, unser Herz fröhlich, und das Wort des Gebetes wird auf unseren Lippen zum heiteren Jubelton innerer Fröhlichkeit. Was kann das Herz des Menschen mehr entzücken als der Anblick der Natur, die da pranget in ihrer ganzen Herrlichkeit! Das ist eine Freude, die höher steht, als alle anderen Freuden, die gemeinsamer Anteil der Menschen sind, denn sie ist unvergänglich, wenn auch dem Wechsel unterworfen; im Hinschwinden dieser Schönheit liegt schon die Gewißheit des Wiederentstehens. Und wenn sie eingetreten ist, diese Verjüngung, so hat sie nichts von ihrer Anmut verloren, nichts von ihrer Kraft eingebüßt, keines ihrer Wunder ist geringer geworden. Der aus Deinem Munde wieder gerufene Frühling ist derselbe heitere Garten Gottes, der in den Tagen meiner Kindheit meine jugendliche Seele ergötzte, der, immer wiederkehrend, jahraus jahrein mir seine Freuden zum Genusse bot, und der mit süßem Schmeichelton noch in der Brust des Greises und der Greisin die sanfte Empfindung inniger Lebensfreude erweckt und das Bekenntnis hervorruft: Freue, Mensch, Dich Deiner Erde, freue, Mensch, Dich ihres Schöpfers! Wie ist sein Werk so schön!
Nicht wir Menschen allein sind es, die nunmehr ein Fest zu Deinem Preise feiern, Allgütiger. Die ganze Natur hat festlich sich geschmückt, auch sie stimmt ein in unsern Jubel; der heitere Morgen, der freundliche Abend, das junge Grün des Waldes, die Fröhlichkeit der Tiere auf Erden, alles! alles preiset Gott, alles spricht vernehmlich: Halleluja! Gott ist die Liebe, Halleluja!
Wie aber? Ist es denn des Menschen würdig, nicht mehr zu wollen, nicht mehr zu bedürfen, als alle Dinge ringsumher? Unterscheidet sich mein Frühlingsfest nicht von dem Frühlingsfeste der Natur? Reicht es hin zu meiner Befriedigung, wenn in der Schönheit der Erde meine Sinne ihr Genüge finden?
O nein, mein Gott, ich feiere heute noch ein anderes, noch ein höheres Fest der Erstlingsfrüchte!
Einst lag ein harter, starrer Winter auf den Ahnen meines Volkes, auf dem Volke, das Du um ihrer frommen Väter willen bestimmt hattest, die Verkündiger des Frühlings zu werden, der dem Menschengeschlecht anbrechen sollte in der Welt des Geistes. Da hast Du, Allmächtiger, mit starker Hand die Eisdecke der Sklaverei gespalten, da hast Du die Deinen erweckt aus dem Winterschlaf geistiger Finsternis, da hast Du unter ihnen in Deiner wunderbaren Erlösung die Saat ausgestreut, aus der das Heil der ganzen Menschheit für alle Geschlechter auf Erden erblühen sollte, und als am Sinai Dein Donnerwetter ertönte, da war das herrliche, unvergängliche, menschenbeglückende Gesetz die Erstlingsfrucht des anbrechenden Frühlings.
Ja, das ist das Fest, das ich feiere, daß ich Deiner Liebe mich freue, die sich offenbaret in der Körperwelt und daß ich Deiner Liebe mich freue, die sich offenbart in Deiner heiligen Lehre.
Und daß ich einzudringen versuche in die Weisheit Deiner heiligen Gebote vom Sinai, daß ich betrachte, wie sie auch mir zum Heile und zur Glückseligkeit gegeben sind, das sei die Aufgabe, die am morgenden Tage des Festes mich beschäftigen soll!
Allgütiger, Deine Liebe ist mein Glück, Deine Zufriedenheit mein Streben. Amen!
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Gebet am Wochenfeste.
(Vorher Nischmath [Seite 19].)
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Urquell aller Weisheit! Du, mein Gott, der Du die Menschen beglückt hast durch Deine heilige Lehre, Dir will auch ich danken, daß ich dieser Lehre teilhaftig bin. Darum sei heut, am Feste der Gesetzgebung meine Andachtsübung, daß ich mich beschäftige mit den Geboten, die Du am Sinai verkündigt, die Du ausgesprochen hast unter dem Schalle der mächtigen Posaune, die erweckend forttönt für jedes willige Menschenohr bis zu den spätesten Geschlechtern.
Du wolltest es, o Herr, daß die Menschen nicht ferner in der Finsternis wandeln, daß das Licht der Wahrheit sie erleuchte und ihnen den Blick eröffne weit über die Zeitlichkeit hinaus. Du wolltest sie lehren, daß nichts von allem, was entsteht und vergeht, ein würdiges Ziel ihrer Anbetung sei und Du sprachst es aus: „Ich, der Ewige, bin Dein Gott!“
Du wolltest, daß die Menschen nicht bangen und zagen, sich dem Erhabensten zu nahen, daß sie nicht glauben sollen: der Allmächtige ist zu groß für mich, zu erhaben für meine Verehrung; zwischen ihm und mir liegen Millionen Dinge, die Macht über mich haben und über mein Bestehen; all die Kräfte der Natur, all die wunderbaren Erscheinungen am Himmel und auf Erden, warum sollte ich sie nicht anbeten? Oder daß sie sprechen: Der Erhabene, der Unkörperliche ist unfaßbar für mich, ich will ihn mir darstellen im Bilde, und Du sprachst es aus: „Du sollst keine andern Götter haben vor meinem Angesichte!“
Du wolltest, daß die Menschen, trotz der Gewißheit, daß Du ihnen nahe bist und nahe sein willst, und es keinen Vermittler gibt zwischen Dir und ihnen, sich dennoch mit allen Kräften ihrer Seele zu Dir erheben, und nicht Deinen heiligen Namen aussprechen, als hätte Deine Herrlichkeit sich herabgelassen zu ihrer Niedrigkeit, und Du sprachst es aus: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes nicht vergeblich führen!“
Du wolltest, daß die Menschen Dich verehren als den Schöpfer der Welt, der durch sein Schöpfungswort sie aus dem Nichts hervorgerufen, der noch fort und fort in Ewigkeit sie regieret und leitet, Du wolltest, daß diesem Gedanken ein Tag geweiht sei, der an die Vollendung Deines Schöpfungswerkes sie erinnere, und der sie mahne, daß Du es bist, der für sie sorgt und nicht ihrer Hände Werk, und Du sprachst es aus: „Gedenk des Sabbattages, daß Du ihn heiligest!“
Du wolltest, daß die Liebe herrsche unter den Menschen, und Du pflanztest sie ein in ihr Herz, daß sie die Grundlage sei menschlicher Güte und menschlicher Tugend, und Du wolltest, daß der Mensch ihr Dasein und ihre Macht nimmer verleugne, darum schufst Du auf Erden ein sichtbares Abbild Deiner eigenen Liebe in den Herzen der Eltern, und Du sprachst es aus: „Ehre Deinen Vater und Deine Mutter!“
Du wolltest, daß der Frieden herrsche unter den Menschen, daß der eine seine Kraft nicht mißbrauche, dem andern zu schaden an seinem Leibe und an seinem Wohlsein, daß der Starke nicht Herr sei des Schwachen, der Mächtige nicht vernichte den Machtlosen, und Du sprachst es aus: „Du sollst nicht morden!“
Du wolltest, daß die Unschuld herrsche unter den Menschen, daß Sitte und Selbstbeherrschung sie veredle, daß das Band der Liebe und Treue die Menschen zu Familien eine, und die Familie zum Vorbild diene für die Vereinigung aller Menschen untereinander, und Du sprachst es aus: „Du sollst nicht ehebrechen.“
Du wolltest, daß Redlichkeit und Vertrauen herrsche unter den Menschen, daß nicht der eine rechtlos genieße, was der andere erworben, daß nicht Bosheit und List sich bereichere und der Fleiß und die Rechtschaffenheit darbe, daß nicht die Gewalt siege über die Gerechtigkeit, und Du sprachst es aus: „Du sollst nicht stehlen!“
Du wolltest, daß die Lüge verbannt sei und verachtet unter den Menschen, daß der Tückische nicht schände den Namen des Unschuldigen, die Gerechtigkeit nicht verhüllt werde von dem Gewebe des Truges, der Gerechte sicher sei vor der Verleumdung des Lasterhaften, und Du sprachst es aus: „Du sollst nicht falsches Zeugnis aussagen wider Deinen Nebenmenschen!“
Und Du wolltest, daß der Mensch sorgsam achte auf sich selber, daß er selbst der Wächter seiner Tugend sei, daß die bösen Leidenschaften nicht über ihn Herr werden, daß er nicht der Genußsucht und der Habgier zur Beute werde, sondern sein Anteil in Zufriedenheit genieße und nach seinen Kräften Gutes wirke, und Du sprachst es aus: „Du sollst nicht begehren, was Deinem Nächsten gehört!“
Das sind Deine heiligen Gebote, o Herr! Sei mir gnädig und gib mir Kraft und Willen, sie zu üben in allen Tagen meines Lebens. Amen!
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Die Hallel-Psalmen.
([Seite 39].)
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Gebet beim Herausheben der Thora.
([Seite 44].)
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Die Gesetzgebung am Sinai.
(2. Buch Mose, Kap. 19 u. 20.)
[Vorlesung aus der Thora am ersten Tage des Wochenfestes.]
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Im dritten Monate nach dem Auszuge der Kinder Israel aus dem Lande Ägypten, an eben diesem Tage kamen sie in die Wüste Sinai. Sie zogen von Rephidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten in der Wüste; also lagerte Israel daselbst dem Berge gegenüber. Und Mose stieg hinauf zu Gott, und es rief ihn der Herr vom Berge, sprechend: so sollst du sprechen zum Hause Jakobs und verkünden den Kindern Israels: „Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern getan habe, und wie ich euch auf Adlersflügeln getragen, und wie ich euch zu mir gebracht habe. Und nun, wenn ihr meiner Stimme gehorchen und meinen Bund hüten wollt, dann sollt ihr mir ein auserlesenes Volk von allen Völkern sein, denn mein ist die ganze Erde. Und ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und eine heilige Gemeinde. Dieses sind die Worte, welche du zu den Kindern Israels reden sollst.“ Und Mose kam und rief die Ältesten des Volkes und legte ihnen alle diese Worte vor, welche der Herr ihm geboten hatte. Da antwortete das ganze Volk einstimmig und sie sprachen: „Alles, was der Herr geredet hat, wollen wir tun“. Und Mose brachte die Worte des Volkes vor den Ewigen zurück. Und der Ewige sprach zu Mose: „Siehe, ich komme zu dir in einem dichten Gewölke, damit das Volk es höre, wenn ich mit dir rede, daß sie auch dir glauben immerdar“. Und es verkündete Mose die Worte des Volkes dem Ewigen. Und der Ewige sprach zu Mose: „Gehe zum Volke, und sie mögen sich heilig halten heute und morgen, und ihre Kleider sollen sie waschen. Und sie sollen bereit sein für den dritten Tag, denn am dritten Tag wird der Herr sich herablassen vor den Augen des ganzen Volkes auf den Berg Sinai. Du aber sollst das Volk ringsumher abgrenzen sprechend: Hütet euch, den Berg zu besteigen, oder sein Ende zu berühren; wer den Berg anrührt, soll des Todes sein.
Keine Hand soll ihn berühren, er soll gesteinigt oder erschossen werden, es sei Tier oder Mensch, es soll nicht leben; wenn aber das Horn lang ertönt, dann können sie den Berg besteigen. Und Mose stieg hinab vom Berge und heiligte das Volk und sie wuschen ihre Kleider. Und er sprach zum Volke: seid bereit auf den dritten Tag, es nahe keiner einem Weibe. Und es war am dritten Tage, als es Morgen wurde, da waren Donner und Blitze und eine schwere Wolke auf dem Berge und auch die Stimme einer sehr mächtigen Posaune, und es zitterte alles Volk, welches im Lager war. Und es führte Mose das Volk dem Herrn entgegen vom Lager und sie stellten sich hin unten am Berge. Und der Berg Sinai rauchte ganz und gar, weil der Herr sich auf ihn herabgelassen hatte im Feuer, und der Rauch stieg von ihm auf, wie der Rauch eines Ofens, und der ganze Berg bebte sehr. Und die Stimme der Posaune hielt an und verstärkte sich mächtig, Mose redete, und Gott antwortete ihm im Donner. Und es ließ sich nieder der Herr auf den Berg Sinai, auf die Spitze des Berges, und Mose stieg hinauf. Und der Herr sprach zu Mose: steige hinab und warne das Volk, daß sie nicht hinzudrängen zum Herrn, um zu schauen, es könnten sonst viele von ihnen fallen. Auch die Priester, die da hintreten zum Herrn, sollen sich heilig halten, daß der Herr nicht einbreche unter sie. Da sprach Mose zum Herrn: Das Volk kann den Berg Sinai nicht besteigen, denn Du hast uns gewarnt, sprechend: umzäune den Berg und heilige ihn. Da sprach der Herr zu ihm: gehe hinab und steige hinauf, du und Aharon mit dir; aber die Priester und das Volk sollen nicht hinzudrängen, hinaufzusteigen zum Herrn, daß er nicht unter sie einbreche. Da stieg Mose hinab zum Volke und sagte es ihnen.
Und Gott redete alle diese Worte, sprechend:
„Ich bin der Ewige, dein Gott, der ich dich herausgeführt habe aus dem Lande Ägypten, aus dem Hause der Knechtschaft.
Du sollst keine andern Götter haben vor meinem Angesicht. Du sollst dir kein Bild machen und keinerlei Gestalt weder von dem, was im Himmel oben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht; denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifervoller Gott, der da ahndet die Schuld der Väter an den Kindern bis ins dritte und vierte Geschlecht bei denen, die mich hassen, der aber Gnade erweiset bis ins tausendste Geschlecht denen, die mich lieben und meine Gebote halten.
Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht vergeblich führen, denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen vergeblich führt.
Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Geschäfte verrichten, der siebente Tag aber ist ein Ruhetag für den Herrn, deinen Gott. Da sollst du kein Werk tun, weder du, noch dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh und dein Fremdling, der in deinen Toren ist; denn in sechs Tagen hat der Herr den Himmel und die Erde geschaffen, das Meer und alles was darin ist, und am siebenten Tage hat er geruht; darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn.
Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf daß deine Tage lang werden auf der Erde, welche der Herr, dein Gott, dir gibt.
Du sollst nicht morden.
Du sollst nicht ehebrechen.
Du sollst nicht stehlen.
Du sollst nicht falsches Zeugnis aussagen wider deinen Nächsten.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, seinen Knecht, seine Magd, seinen Ochsen, seinen Esel und alles, was deinem Nächsten gehört.“
Und alles Volk nahm den Donner und die Flammen wahr und die Stimme der Posaune und den rauchenden Berg und es bebte und stellte sich von ferne. Und sie sprachen zu Mose: „Rede du mit uns, so wollen wir hören, möge nicht Gott mit uns reden, wir müssen sonst sterben“. Da sprach Mose zum Volke: „Fürchtet euch nicht, denn um euch zu prüfen, ist Gott gekommen, und damit seine Ehrfurcht auf eurem Angesicht sein soll, damit ihr nicht sündiget“. Und das Volk stellte sich von ferne, und Mose trat in das dichte Gewölk, woselbst Gott war.
Und der Herr sprach zu Mose: So sollst du sprechen zu den Kindern Israel: ihr habt gesehen, daß ich vom Himmel mit euch geredet habe. Ihr sollt nicht neben mir machen silberne Götter, und goldene Götter sollt ihr euch nicht machen. Einen Altar von Erde sollst du mir machen und darauf opfern deine Ganzopfer, deine Freudenopfer, dein Kleinvieh und dein Rindvieh; an jedem Orte, wo ich meinen Namen preisen höre, werde ich zu dir kommen und dich segnen. Und wenn du einen Altar von Steinen mir errichten willst, so sollst du ihn nicht aufbauen von gehauenen Steinen, denn wenn du dein Eisen über sie geschwungen, so hast du sie entweiht. Du sollst auch nicht auf Stufen hinaufsteigen zu meinem Altar, daß deine Blöße auf ihm nicht offenbar werde.
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3. Das Hüttenfest.
סֻכּוֹת
Festbetrachtung am Hüttenfeste.
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Das Fest der Hütten ist das Fest der Freude. An keinem anderen, wie an diesem Jahresfeste, schreibt uns die religiöse Satzung die Freude vor. „Freue dich an deinem Feste, du, dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, der Levite, der Fremde, Waise und Witwe.“ Wir erinnern uns in kindlicher Dankbarkeit der göttlichen Gnadenwaltung, die unseren Vätern bei ihrem Zuge durch die Wüste zuteil geworden war. Wie die schwanke Hütte ihnen sicheren Schutz gewährte gegen Hitze und Kälte und das Zelt des Wanderers stark genug war, feindlichem Angriffe zu widerstehen.
Wenn die Früchte des Herbstes eingesammelt werden, feiern wir das Fest der Hütten, das gleichzeitig ein fröhliches Erntefest war und ist. Und als Zeichen des Erntesegens bringen wir in den traulichen Kreis der Behausung wie in den geweihten Kreis des Gotteshauses die Palmenblätter, Myrtenzweiglein, Bachweiden und die goldige Ethrogfrucht, sie alle in unseren Händen vereint zu einem Bunde, wie die Hausgenossen von einem Familienbande umschlossen sind und zu gemeinsamer Freude sich friedlich vereinigen. Die bescheidene Hütte ist uns nicht minder ein Zeichen der Demut und der Zufriedenheit, des stillen Glückes, das die kampfgewohnten Menschen beruhigt und vereinigt. So verkündet das „Fest der Freude“ mit seinen sinnigen Zeichen den Frieden und die Eintracht. Ist die Palme das Sinnbild der männlichen Kraft, dann ist die Myrte mit ihrem sanften Glanze und würzigem Dufte, dem Weiß der vollen Blüte dem Frauenbilde gleich; und der Weide bescheidener Zweig, vereint mit dem prunkvollen Goldgelb der Ethrogfrucht, stellt den ersehnten Ausgleich dar zwischen Beglückten und Bedrückten. Alle finden sich zusammen unter gemeinsamem Dache der Hütte, über welcher der allen gleiche Himmel sich wölbt. Alles aber stellt uns den Geist des Glaubens dar, den Geist der heiligen Lehre, der unser jüdisches Leben durchdringt und umringt; der auch das Hüttenfreudenfest in deutlicher Rede verkündet. Denn es erzählt von Gottes Liebe und Beschirmung, von reiner, inniger Freude, die allen Menschen zuteil wird. Es ruft uns mit lockender, sanfter Stimme in die vor Einsturz sichere Hütte aufrichtigen Gottvertrauens, in der wir Schatten finden am Tage vor der Sonnenglut, der Leidenschaft, der Mißgunst und Verirrung, Bergung in der Nacht vor der Kälte liebloser Mitwelt und den Enttäuschungen des ränkevollen, harten Lebens. Wir wollen freudig in Deinem Schutze uns bergen, denn in Deinem Hause weilen Liebe und Freude.
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Gebet am Vorabend des Hüttenfestes.
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Herr der Welt, ewig gütiger Wohltäter der Menschen! In Deiner Liebe hast Du uns, den Kindern Deines treuen Volkes, das Hüttenfest eingesetzt, auf daß wir uns freuen sollen vor dem Herrn, unserem Gotte. Und also heißt es in Deiner heiligen Lehre: „Am fünfzehnten Tage des siebenten Monats, wenn ihr eingesammelt habt die Früchte der Erde, da sollt ihr ein Fest feiern dem Ewigen, sieben Tage.“ Da sollen wir anerkennen mit freudigem Danke, daß Du, Herr, wiederum unsere Speicher gefüllt hast mit dem Ertrage der Felder.
Ach, wie so ganz stimmt dieses Gebot mit dem innigsten Bedürfnis unseres Herzens überein! In wessen Seele könnte das Gefühl des Dankes und der Freude unerweckt bleiben bei dem Beginn des Herbstes, wenn der Gedanke sich auf die Größe Deiner Gnade richtet, die sich offenbaret in der Fülle Deiner Gaben, mit der Du in dem nun schon hinschwindenden Sommer unsere Felder gesegnet hast, auf daß wir getrosten Mutes auf die Zeit hinblicken, da nicht Saat und Ernte sein wird.
Bedarf es denn aber eines besonderen Festes, einer absichtlich erregten Stimmung, um uns diesen Dank und diese Freude lebhafter empfinden zu lassen? Erinnert nicht jedes Brot, das wir genießen, das auch im Winter uns nicht fehlt, daran, daß Du, o Herr, der Spender aller Gaben bist, die uns Nahrung und Erquickung gewähren?
Freilich wohl bedarf es eines Festes; und auch hierin, daß Du es uns eingesetzt, gibt sich Deine Liebe kund. Nur allzuweit entfernen die verschiedensten Lebenswege, die verschiedensten Beschäftigungen mit all ihren Gedanken und Sorgen von dem süßesten, reinsten Genuß auf Erden; der Freude und der Erbauung an den Vorgängen in der Natur. Nicht wir alle pflügen den Boden und ernten die Frucht der Saaten. Der Reiche labt sich am gesegneten Tische, doch seine Hand hat keine Furche in die Erde gezogen. Der Arbeiter wendet sich von seiner Werkstatt zum Mahle, aber der Schweiß seines Angesichts galt nicht dem Acker, aus dem sein Brot hervorgegangen ist; und auch derjenige, der den Boden des Geistes fruchtbar macht im Reiche der Gedanken, er ißt das Brot des Feldes, dem er die Frucht nicht entlockt hat durch die Arbeit seiner Hand. Da betrachten wir bald in unserer Alltäglichkeit das uns so Naheliegende teilnahmslos als ein Fernes, und mit der unmittelbaren Beschäftigung mit der Erzeugungskraft der Erde geht uns die Freude verloren an ihrer Fruchtbarkeit und Schönheit.
Da ruft uns denn das frohe Erntefest herbei von allen Grenzen unseres Berufes und spricht zu uns: Kehret zurück, ihr Kinder der Erde! Seht, der liebende Vater hat wieder für euch gesorgt, und wenn auch das Laub herabrieselt von den Bäumen, ihre Früchte sind für euch aufbewahrt; und wenn die Decke des Winters auch die Oberfläche umhüllt, euch verschließt sie den Quell der Ernährung nicht, drum kommet herbei: und freuet euch vor dem Herrn, eurem Gotte.
Also danken wir Dir für Deinen Segen und für dies Fest, und erkennen frohen Herzens, daß Du es bist, der jeder redlichen Aussaat ihre Ernte, jeder rechtschaffenen Tätigkeit ihren Lohn gibt.
Und auch, wer den Frühling seines Lebens benutzt hat als eine Zeit der Aussaat und den Sommer seines Lebens als eine Zeit der Arbeit, der sammelt im Herbste seine Früchte und darf den Winter seines Erdenwandels nicht fürchten.
O laß' mich, Herr, immer stark und fest sein in dieser Erkenntnis, daß auch das Vertrauen auf Dich als Festesfreude das Hütten- und Erntefest mir verherrliche. Amen!
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Gebet am Hüttenfeste.
(Vorher Nischmath [Seite 19].)
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Du, Herr der Welt, der Du in Deiner heiligen Lehre uns geboten hast, das Erntefest zu feiern sieben Tage und an demselben den Feststrauß zu binden aus Palmen und Myrten und Bachweiden und sie zu vereinigen mit der Frucht des herrlichen Baumes, auf daß wir mit diesem Strauße uns freuen vor dem Herrn, unserem Gotte, Du hast auch bestimmt, daß dies Ernte- und Freudenfest gleichzeitig ein Erinnerungsfest für uns sei, damit, wie Du es ausgesprochen hast, „die spätesten Geschlechter es wissen, daß ich in Hütten die Kinder Israels habe wohnen lassen, als ich sie herausführte aus Ägypten, denn ich bin der Ewige, euer Gott.“
Und diese Bedeutung des Festes, diese Erinnerung an jene geschichtliche Tatsache, ist die schönste Ergänzung zur Feier des Erntefestes. Wir haben Deine Vatergüte erkannt in den Gaben, die auf Dein Geheiß die Natur uns hervorbringt, und nun sollen wir auch dessen inne werden, daß Du selber über die Natur erhaben bist, daß ihre Gesetze von Dir ausgehen, Du aber selber ihnen nicht unterworfen bist.
Der Winter naht heran, und wir fürchten nicht, denn wir haben Vorrat eingesammelt für die unfruchtbare Zeit und schützen uns in festen Häusern vor den Stürmen der rauhen Jahreszeit. Anders war es bei unseren Vätern in der Zeit ihrer Wanderung durch die Wüste. Da war nicht Saat und Ernte und selten genug ein Quell frischen Wassers; aber die Wanderer in der Wüste haben nicht Mangel gelitten, Du hast sie gespeist mit dem Brote des Himmels, Du schufst das Manna zu ihrer Nahrung, und stilltest ihren Hunger vierzig Jahre, und der Fels verwandelte sich auf Dein Wort zum lebendigen Wasserquell.
Und sie hatten kein festes Haus, keine sichere Wohnung, weil sie keine Heimat hatten; aber die Hütten, die sie sich bauten in der Wüste, waren ein hinreichender Schutz für sie, denn mehr als die Hütte schützte sie Dein allmächtiger Wille.
Und als denjenigen, dessen Wille mächtiger ist als alle Gesetze und Kräfte der Natur, sollen auch alle späteren Geschlechter Dich verehren, und als denjenigen, dessen Schutz allein uns, den Menschen, Bürgschaft sein kann für ihr Bestehen auf Erden.
O, wir wären töricht, wollten nicht auch wir das erkennen. Unser ganzes Leben auf Erden ist eine Wanderung durch die Wüste. Die Kräfte der Natur sind nur zum Teil für uns, zum Teil sind sie auch gegen uns. Von tausend und abertausend Gefahren sind wir bedroht; Du aber, o Herr, schützest uns, und Deine Fügungen für unser Heil sind nicht minder wunderbar, als Deine Taten für unsere Väter.
Ja, unser Leib selber ist nur eine zerbrechliche Hütte, die jedes Unwetter und jeder böse Zufall vernichten kann, so Du nicht mit Deiner Liebe ein schützendes Zelt über uns ausbreitest.
Du aber hast es ausgesprochen: In Hütten sollt ihr wohnen, wie Eure Väter in Hütten gewohnt haben, und trotzdem nicht fürchten: denn „ich, der Ewige, bin ja euer Gott!“
So ist es gewesen bis heutigen Tages. Auch das Leben unseres Volkes war eine Wanderung durch die Zeiten, durch die Jahrtausende, durch die traurige Wüste, aber Deine Hand hat uns bewahrt vor dem Untergange, und endlich führtest Du uns dennoch in das gelobte Land, in das Reich auf Erden, in dem alle Menschen, als Brüder vereint, Dich anbeten und den Namen des Einzigen preisen sollen. Amen!
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Die Hallel-Psalmen.
([Seite 39].)
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Gebet beim Herausheben der Thora.
([Seite 44].)
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4. Das Schlußfest.
שְׁמִינִי עֲצֶרֶת
Festbetrachtung.
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„Besser ist der Dinge Ende, als ihr Anfang.“ So lautet eines der Weisheitsworte des Denkers, der in dem Koheleth-Buche zu uns spricht, das wir im Verlaufe dieses Festes lesen. Es ist ein trostreicher, herzstärkender, ermutigender Kernspruch, der uns schaffensfreudig und zukunftsfroh machen soll. Am Tage des Schlußfestes zumal gewinnt dieser Gedanke besondere Bedeutung. Die Reihe der Feste ist nun bald geschlossen. Eine ernst-ehrliche Rückschau soll zu dem befriedigenden Ergebnis führen, daß „das Ende besser ist als der Anfang“. Wie würde doch jede Kraft gelähmt, jeder Plan zerstört, jede Hoffnung getötet werden, wenn nicht diese Zuversicht uns erfüllte? Im Keime müßte jede Saat verderben und ersterben, wenn nicht die beschwingende Kraft dieser Aussicht den Mut des Sämanns heben würde. Alles Gedeihen, alle Arbeit, aller Fortschritt ruhen auf dem fruchtbringenden Boden dieser Überzeugung. — Versöhnt mit Gott und Menschen, gesühnt von Schuld und Fehlern hat uns die Zeit der Rückkehr, der Buße und der gnadenreichen Fülle des Versöhnungstages. Reine Herzensfreude und aufrichtende geschichtliche Erinnerung brachte uns das Fest der Hütten. Denn es greift nach seinem Wesen und Festgedanken zurück auf das Fest der ungesäuerten Brote, da es ja gleich diesem an den Auszug aus Mizrajim gemahnt und auch an das Fest der Offenbarung, die dem Volke Israel in der Wüste zuteil geworden war, in der unsere Ahnen in Hütten gewohnt hatten. So steht das Schlußfest am Ende der Reihe und sammelt die Gedankenernte aller Festeszeiten, heimst den Gefühlsertrag ein, den jene schönen, guten Tage aufgehäuft haben sollen. Das sichere Ergebnis ist ein wahrer, tiefer Segen für Israel. „Dies ist der Segen“; so beginnt der letzte Abschnitt des fünften der Mosesbücher, das wir am Fest der Thorafreude lesen. Das ist der Segen, der unseren Festen stetig entströmt. Sie rufen große Tage großer Geschichte wach; festigen uns zu gestähltem Gottvertrauen, hämmern unseren Charakter, adeln unser Volksbewußtsein und erweitern es zu allumfassender Menschenliebe.
Um den aus Wolken quellenden Regen und Segen beten wir an diesem Tage. Er befruchtet die Scholle und lockert das Erdreich. So strömt die heilige Lehre in unser empfängliches Herz, träufelt das Wort Gottes Heilung und Labung in alle schwachen Gemüter. Wenn der Fuß des müden Weltwanderers über raschelndes, dürres Laub schreitet und Nebelschleier sich vom feuchten Himmel zur Erde senken, Vogelsang verstummt und der Sonne sonst wärmender Strahl nur fahl und kalt durch nebelfeuchtes Dunkel dringt; dann verzagt mein Herz nicht und ist nicht bange. Denn: „Es ward Abend und es ward Morgen“. Das Abendrot ist der Bruder des Morgenrots. Das „Ende der Dinge ist besser als ihr Beginn“. Aber in dem Ende schlummert der Trieb zu neuem Leben in nie versiegender Schaffenskraft, in unaufhörlichem Kreislauf. Wie in dem Menschenkörper der Kreislauf des Blutes vom Herzen zum Herzen das Leben bedingt, so wirkt der Feste Jahreskreislauf belebend auf den Körper des Judentums. Sein Herz aber ist die Thora, die Lehre des Lebens, seine Seele der feste Glaube an den einzigen Gott.
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Gebet am Schlußfeste.
(Vorher Nischmath, [Seite 19].)
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Herr und Vater! Der Feststrauß ist aus der Hand gelegt, die Hütte ist verlassen, diese sinnbildlichen Darstellungen unserer Festgedanken sind nicht mehr verknüpft mit der Feier des heutigen Tages. Mit kurzen Worten hast Du uns unsere Aufgabe angedeutet, die für diesen Tag uns geworden: „Und am achten Tage sollt ihr feierliche Festversammlung halten, ein Schlußfest soll es euch sein.“
Aber ich kenne den Sinn dieser Aufgabe; sie fordert von mir, daß ich am Schlusse der heiligen Feiertage noch einmal die Andacht meines Herzens erwecke, um die Gedanken, die an den heiligen Tagen meine Seele erfüllt haben, noch einmal an mir vorüberzuführen, und den Gewinn, den mein Geist in ihnen gesammelt hat, als bleibendes Gut mit hinüberzunehmen in das Leben der Alltäglichkeit.
Es hat das heilige Neujahrsfest mir Gott den Herrn gezeigt als den allwissenden Richter, der die Handlungen der Menschen kennt und ihre innersten Gedanken. Vor diesem Richter kann die Lüge nimmer bestehen, der Trug zerfällt in nichts, und kein Schein kann vor ihm die Wahrheit verhüllen. Aus all' den Betrachtungen, die an jenem Fest in mir rege wurden, mußte die Überzeugung hervorgehen, daß der Mensch nur dann weise handelt, wenn in jedem Augenblicke seines Lebens das Bewußtsein in ihm klar ist, daß Gott der Herr seine Wege kennt und seine Taten prüft. Wie sollte der nicht auf dem Gleise der Rechtschaffenheit und Tugend bleiben, der es nie vergißt, daß er Rechenschaft geben muß vor dem Allwissenden für alle seine Schritte!
Es hat alsdann der große Versöhnungstag, mit seinem ganzen mächtigen Eindruck auf unser Gemüt, Gott den Herrn mir gezeigt als den Gott der Gnade, der die Sünden der Menschen vergibt, so sie in wahrer Reue ihn um Vergebung anflehen. Aber dieser Reue mußte die strengste Selbstprüfung sich verbinden, auf daß der Mensch sich des Unterschiedes bewußt werde zwischen dem, was er in Wirklichkeit leisten kann, und dem, was er in Wirklichkeit leistet. Wir sollen es kennen lernen, daß die Neigung zum Bösen nicht zu den Naturnotwendigkeiten gehört, denen der Mensch unterworfen ist, daß es vielmehr in unserer Kraft liegt, das Gute zu üben und das Böse zu fliehen. Aus all' den Betrachtungen, die an jenem Feste in mir rege wurden, mußte die Überzeugung hervorgehen, daß strenge Selbstprüfung die beste Führerin ist, dem Irrenden die rechte Bahn zu zeigen, die beste Beschützerin ist gegen jede feindliche Macht der Versuchung. Wie sollte der nicht auf dem Gleise der Rechtschaffenheit und der Tugend bleiben, der bei allen seinen Schritten sich selber prüft, ob nur die Neigung des betörten Herzens ihn leitet, oder ob Vernunft, Religion und Gottesfurcht sein Bestreben billigen!
Es hat das fröhliche Hüttenfest mir Gott den Herrn gezeigt als den liebenden Vater, der für alle seine Geschöpfe sorgt, der ihnen Saat und Ernte, Früchte und Labung gibt, damit es ihnen niemals an dem mangle, dessen sie bedürfen, und daß sie viel des Guten noch darüber hinaus genießen dürfen, auf daß ihr Herz fröhlich sei; der auch in den Zeiten der Not den Menschen beisteht und seine Güte nie abwendet von denen, die auf ihn vertrauen. Aus all' den Betrachtungen, die an diesem Feste in mir rege wurden, mußte die Überzeugung hervorgehen, daß Gott der Herr Freude hat an unserer Fröhlichkeit. Wie sollte auch der die Gleise der Rechtschaffenheit und Tugend finden, wie sollte der beitragen zum Glücke seiner Nebenmenschen und zu ihrer Freude, der nur trüben Sinnes einherwandelt auf Erden, die Erde für eine Stätte des Jammers und der Finsternis hält, der Freude keinen Vorzug gibt vor dem Leide, der Tugend keinen Vorzug vor dem Laster, der Liebe keinen Vorzug vor dem Hasse.
Das sind die Lehren und die Vorteile, die ich aus den Tagen der Festzeit mit hinübernehmen will in die Tage der Alltäglichkeit: daß Gott der Herr alle meine Wege kennt, und daß ich vor ihm Rechenschaft ablegen muß, daß die strengste Selbstüberwachung und Selbstprüfung die beste Führerin ist, die den rechten Weg mir zeigt, und daß Gott der Herr es will, daß ich des Daseins auf Erden mich freue und im Bewußtsein seiner Liebe fröhlich sei und Frohsinn um mich verbreite.
Mein Gott! Gib zu all' dem mir Deinen Beistand und Deinen Segen. Amen!
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Die Hallel-Psalmen.
([Seite 39].)
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Gebet beim Herausheben der Thora.
([Seite 44].)
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גֶּשֶׁם
Herbstgebet am Schlußfeste.
Betrachtung über den Regen siehe [Seite 45] „Tau und Regen“.
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Nun am Fest, dem Schluß der Feste,
Die wir, Schöpfer, Dir geweiht,
Die uns ernst und freundlich brachte
Dieses Monats heil'ge Zeit,
Sei vor Dir noch eine Bitte
Uns'res Herzens dargelegt;
O, vernimm es wohlgefällig,
Was zum Bitten uns bewegt:
Ewig rollt das Rad der Zeiten
In dem sichern, festen Gleis,
Tage kommen, Tage schwinden
In der Jahreszeiten Kreis.
Kürzer wird die Bahn der Sonne,
Matter ihr belebend Licht,
Und schon zeigt mit trübem Ernste
Uns der Herbst sein Angesicht.
Und der Herbst, er wird vergehen,
Trüber noch, als er erschien,
Und der Winter wird die Schatten
Über uns're Erde zieh'n;
Und die Stürme werden toben,
Und der Tag wird seine Macht
Schüchtern eilend überlassen,
Weichend schnell, der strengen Nacht.
Und der Frost, er wird erstarren
Alles, was die Erde schmückt,
Wenn auf sie die weiße Hülle
Uns der Wolkenhimmel schickt.
Da ist Sprossen nicht und Keimen,
Nicht ein Wachsen und Gedeih'n,
Da wird nicht der Fluren Segen
Aller Menschen Freude sein.
Böse sind die kalten Tage,
Düster ist die Winterszeit!
O, wir werden sorgsam suchen
Schützend Obdach, warmes Kleid.
Doch wenn auch der Armut Bürde
Mit des Mangels Last bedroht,
Fürchten muß er, ach, mit Schrecken,
Wintershärte, Wintersnot.
D'rum, o Schöpfer, nimm in Liebe
Gnädig uns're Bitte auf:
Mach' uns freundlich auch den Winter
In der Jahreszeiten Lauf;
Laß' ihn nicht zu strenge walten;
Und sein ernstes Angesicht
Trübe uns're Lebensfreude,
Uns're Lust, zu hoffen, nicht.
Laß' der Speicher Vorrat reichen,
Daß wir ohne Furcht dabei
Wissen, daß am Tisch der Armen
Nicht der Hunger Herrscher sei;
Daß wir ohne Furcht und Zagen
Sorglos in die Zukunft seh'n,
Und dem Frühling und dem Sommer
Frohen Mut's entgegengeh'n.
Tu's, um Deiner Liebe willen,
Die Du immer uns bewährt,
Du, Du bist ja unser Vater,
Der die Kinder gern ernährt.
Tu's, um Deiner Liebe willen,
Die Du immerdar geübt,
Denn es ist nicht uns're Tugend,
Die ein Recht, zu hoffen, gibt.
Tu's, um Deiner Liebe willen,
Wie Du stets uns wohlgetan,
Wie Du stets die Deinen leitest
Auf des Heiles rechter Bahn.
Ja, wir wollen auf Dich harren,
Stets auf Deine Liebe bau'n!
Du verlässest nie die Frommen,
Die in Demut Dir vertrau'n! Amen!
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Simchath-Thora.
שִּׂמְחַת תּוֹרָה
Festbetrachtung.
„Seid fröhlich und freudig am Simchath-Thora
Und Ehre verleihet der Thora.
Das Köstlichste ist sie der Güter,
Teurer als Gold- und Perlengeschmeide.“
Unerschöpflich scheint die Quelle, aus welcher Propheten, Dichter und Sänger des Judentums ihre helle Begeisterung für die Thora schöpfen. Wenn sie von der Thora künden, sprechen und singen, dann erfüllt die Rede inbrünstige Andacht, die Dichtung höchster Gedankenschwung, den Gesang wundersam ergreifende Melodie; alle sind von den reinsten, edelsten Gefühlen getragen. Die Thora ist die Sonne, die das ganze jüdische Leben erwärmt, durchleuchtet vom ersten bis zum letzten Tage des Jahres, des Lebens. — Sie ist Lehrerin, Erzieherin, Trösterin, ist Führerin, Warnerin, Meisterin. Sie gibt Haltung und Festigkeit dem Glücklichen; Regel und Ordnung dem Leben. Des Gesetzes starke Hand leitet durch die Irre und Wirrnis; führt an Anstoß und Hindernis sicher vorüber. Handel und Wandel weist es die Wege, Lieben und Meiden zeigt es den Pfad. Gutes und Böses lehrt es scheiden, Recht und Unrecht mit Klarheit erkennen. Das Thorawort ist tief und wahr, der Thorageist ist gerecht und milde. Sie gibt Kraft und Weisung dem Unglücklichen; Richtung und Zweck dem Leben. Sie ist das Leben. Seit uralten Tagen der Vorzeit hat sie sich dem Judentume als lebenerhaltende Kraft bewährt. Im buntwechselnden Wogen der Völker, die durch Jahrtausende der Geschichte kamen und gingen, ist das Judentum aufrecht und im Wesen unverändert geblieben. Das will auch die Sage erzählen, welche meldet, daß Gott selbst seine Thora zu allen Völkern der Erde trug, sie ihnen anzubieten, sie aber die Gotteslehre als unannehmbar zurückwiesen, bis endlich nach langer Irrfahrt Israel sich bereit fand und erklärte, „die Last des Gesetzes“ zu tragen und die Sendung übernahm, den Glauben an den Einzigen und Einen in der ganzen Welt zu verbreiten, und mit diesem Glauben den friedenstiftenden Gedanken der Menscheneinheit, Menschenliebe, Menschenerlösung. Denn von einem Menschenpaare läßt die altehrwürdige Erzählung der heiligen Schrift alle Menschen stammen und schafft so die Vorstellung gleicher Würde aller Menschenkinder, denen Gott ein Allvater ist. Und nur auf diesem geweihten Boden konnte die Wunderblume der unbedingten „Nächstenliebe“ wachsen; man hat sie zu entwurzeln und als einem anderen Muttergrunde entsprossen zu bezeichnen versucht. Vergeblich. Dieser Ruhm gebührt unserer Thora; diese Botschaft hat sie der lauschenden Mit- und Nachwelt gebracht.
Deshalb auch freuen wir uns an diesem Tage, beglückt durch solche Betrachtung und in allen Widerwärtigkeiten gestärkt durch diese geschichtliche Überzeugung. Deshalb lesen wir das letzte und das erste Wort der Thora am heutigen Tage der Thorafreude, den ewigen, ungeschmälerten Wert der heiligen Lehre anzuerkennen, deren Anfang und Ende Liebe ist. In festgeschlossener Kette reiht sich Sabbat an Sabbat im Jahreslaufe. Ein gottesdienstliches Jahr schließt unmittelbar an das andere. Wenn wir das Schlußwort der Thora hören: „Vor den Augen aller Kinder Israel“, klingt uns schon vertraulich und bekannt die Botschaft entgegen: „Im Anfange hat Gott Himmel und Erde erschaffen.“ Glücklich im Besitze des Kleinods, hüten wir es treu und sorgsam. Und zum Zeichen, daß die Thora uns auf allen Wegen sicheres Geleite gibt, tragen wir die ehrwürdigen Rollen liebevoll in unseren Armen und umschreiten in feierlichem Zuge den heiligen Schrein, in dem sie ruhen. Sie, die Thora, ist Losung im Kampfe, Losung zum Siege.
„Freuen und jubeln lasset uns am Simchath-Thora,
Denn sie ist uns Kraft und Leuchte.“
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Gebet am Simchas Thora.
שִּׂמְחַת תּוֹרָה
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Herr und Vater! Es heißt von Deiner heiligen Lehre: „Sie soll nicht schwinden aus Deinem Munde und aus dem Munde Deiner Nachkommen in Ewigkeit!“ und eben darum machen wir an dem heutigen Festtage dieselbe Stunde, in der wir die Vorlesung aus der Lehre Moses beendigen, zur Stunde des Wiederbeginnens. Nie soll es in unserem Leben eine Stunde geben, die uns außerhalb der Beschäftigung mit den heiligen Büchern der Thora fände, eine Stunde, von der wir sagen können, wir haben die Durchlesung zwar beendet, aber noch nicht wiederbegonnen. Und ist auch dies nur ein äußerliches Werk, so ist es uns doch ein Zeichen und eine Mahnung, daß wir nie aufhören sollen in der heiligen Lehre zu forschen, daß wir es nie imstande sind, ihren ganzen Inhalt zu erschöpfen, daß wir nicht immer wieder aufs neue Belehrung, Trost, Weisheit und Erbauung in ihr zu finden vermöchten. Und das ist auch am heutigen Feste, dem Tage, den wir „die Freude des Gesetzes“ nennen, der Sinn dieser Freude, daß in der Lehre ein ewiger, nie versiegender Quell des Heiles uns gegeben ist, dessen Labung eine immer süßere wird, je mehr wir aus ihm schöpfen.
Aber auch eine hiervon ganz verschiedene Betrachtung macht uns diesen Tag würdig. Wie ein erhabenes Kunstwerk aus dem Reich der Töne, das bald ernst und würdig, bald stürmisch brausend, bald süß und liebkosend, bald zürnend und erschütternd, aber immer in gleicher Pracht und Herrlichkeit zu uns geredet hat in den verschiedenen Melodien, wie ein solches Kunstwerk der Töne endlich verhallt in leiser, zitternder Klage, so verhallt am heutigen Tage der Inhalt des Gottesbuches in der Erzählung vom Tode des herrlichsten der Menschen, des göttlichen Propheten. Aber auch dieser Schluß, er enthält noch eine hohe unschätzbare Lehre der Weisheit. Mose, der Mann Gottes, der sein Leben und Streben eingesetzt für das Glück seines Volkes, für das Glück der Menschheit, er sieht das Ziel seiner Taten von ferne, er selbst genießt keine Frucht seiner treuen Aussaat. Von der Höhe des Berges schaut er das herrliche Land, in das sein Volk einziehen soll, er selber aber zieht ein in die Heimat der seligen Geister. Laß' dieses Leben, diesen Tod, o Herr, mir eine Lehre sein! Nicht der Genuß sei das Ziel unseres Strebens, sondern die edle Tat. Gutes wirken, das allein heißt leben. Die Bahn der Tugend ebnen für andere, das heißt auch selber auf ihr wandeln. Nicht strebe meine Seele darnach, zu herrschen über andere und zu glänzen vor Anderen, wohl aber ein leuchtendes Vorbild zu sein für andere in edlem Wollen und Wirken, um endlich in der Stunde des Scheidens aus der Erdenwelt das Bewußtsein mitzunehmen in die Ewigkeit, keine Kraft, die der Herr mir gegeben, unbenutzt gelassen, sondern sie angewandt zu haben zum Wohle der Menschen und zur Ehre Gottes.
All' mein Lebtag möchte ich eine würdige Schülerin des großen Lehrers sein, dem nie ein Prophet geglichen, der die Herrlichkeit Gottes geschaut von Angesicht zu Angesicht. Amen!
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III. Gebete für die ernsten Feste.
יָמִים נוֹרָאִים
1. Das Neujahrsfest.
רֹאשׁ הַשָּׁנָה
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Zwei Tränen.
Festbetrachtung am Neujahrsfeste.
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Wenn es in irgend bedeutsamen Augenblicken geschieht, daß es uns an Worten gebricht, uns auszudrücken und mitzuteilen — wie muß uns die Sprache nicht ohnmächtig erscheinen in einem Augenblicke, der für unser Leben immer der bedeutsamste bleibt, am Anfange eines neuen Jahres! Was da uns erfaßt, was da uns bewegt, wie da von hinterwärts und vorwärts, aus der Vergangenheit und Zukunft, Ströme von Empfindungen und Gefühlen in unser Herz sich ergießen, wie da Erinnerungen und Hoffnungen in unserer Brust auf- und niederwogen, wie könnte solch ein vielgestaltig Bild durch den langsamen Griffel des Wortes wiedergegeben werden! Dafür aber hat uns der Schöpfer eine andere Sprache gegeben: Was die Rede nicht meistert, was das Wort nicht sagen kann, — es sagt's die Träne. Und ob sie in nicht verhaltenem Gusse die Wange mag herniederperlen, oder ob wir, uns bewältigend, sie nach innen weinen, wer den überwältigenden Gedanken dieses Tages denkt, er weint die Träne, die Zeugin seiner Herzenswallung, die Träne des Leides und die Träne der Freude.
Das vergangene Jahr, es will sein Recht. Und ob man gleich die Zeit eitel und flüchtig nennt, für den hat sie eine eiserne Gegenwart, dem sie wehe getan, ihm schwebt das Bild seiner trüben Erfahrungen vor den Augen, als wäre es mit ewigem Griffel gezeichnet, und oft ist der Schmerz noch so wenig vernarbt, daß es nicht einmal der Erinnerung bedarf, um die Träne des Leides in sein Auge zu drängen.
Wer aber hätte sich nicht einmal von der Hand des Geschickes unsanft erfaßt gesehen, oder wer hätte nicht die oft noch unsanftere Berührung empfunden, mit welcher Menschen unser innerstes Gefühl verletzend antasten? Ob das Geschick, oder ob die Menschen sie uns erpreßt, sie fließt, die Träne des Leides.
Ob wir durch Sorgen uns hindurchgewunden, um das tägliche Brot, ob wir zu den Füßen erblicken die Trümmer von Hoffnungen, Wünschen und Entwürfen, oder ob wir als leer und nichtig erkennen, was wir einst fest und sicher glaubten, die Freundschaft, die Treue, die Hingebung, die alles kündigt, dies alles umschließt eine Träne.
Aber nicht bloß des Schmerzes Zeugnis ist sie, diese Träne, sie ist auch des Trostes Erweckerin. Ist es doch dem Weinenden, als ob er mit ihr auch seinen Schmerz ausgösse, denn sie erweckt in uns den Gedanken, daß Gott es war, der über uns entschieden. Wie traurig wäre es, wie könnten wir es ertragen, wenn sich zu dem Schmerze auch noch der Zweifel gesellte, wenn unser trostbedürftiges Herz der Gedanke umstrickte: Es war alles nur des Zufalls Spiel. Eine kalte Naturnotwendigkeit hat das Liebste uns vom Herzen gerissen, ein blindes Geschick hat der Sorgen Last über uns ausgeschüttet. Darum spricht dieser Tag mit seinen schmerzlichen Erinnerungen uns den Trost zu: Er, der die Zeiten dahinrauschen läßt, ist es auch, der der Zeiten Ereignisse bestimmt. Wohl gibt es ein Festes, ein Notwendiges, demgegenüber all unser Wollen und Streben ohnmächtig sich erweist, aber es ist nicht die erklärungslose Festigkeit eines Fatums, nicht die starre Notwendigkeit der Natur, es ist vielmehr der zweckvolle Wille einer höheren Weisheit. So ist die Träne des Leides zugleich die Erweckerin des Trostes. Und wenn wir nicht nur um uns, sondern auch in uns schauen, und in dem niederdrückenden Gefühl unserer Schwäche, in dem Bewußtsein unserer Fehler und Mängel auch die Träne der Schuld vergießen, so ist sie allerdings auch die des Leides, aber, wer Tränen vergießt, ob seiner Schuld, der fühlt die Sehnsucht nach Vervollkommnung, der hat das Streben nach Besserung, und mit dem Streben nach Besserung kommt das Selbstvertrauen und die Träne wird zur Quelle des Trostes.
Aber auch eine Träne der Freude haben wir zu weinen! War denn ein Tag im hingeschwundenen Jahr, dem nicht auf die Nacht das Morgenrot gefolgt wäre? Und hat sich nicht mit jedem Morgen die Güte des Herrn neu an uns bewiesen? Ruft doch selbst jener Sänger, der den schmerzlichen Fall Israels gesehen unter Klagen aus: „Ja, die Güte Gottes, sie hört nicht auf, seine Gnade schwindet nicht, wie von neuem stets der Morgen tagt, so erneuert sich Deine Güte.“ Und wer hätte selbst, wenn ihm die Hand des Herrn noch so wehe getan, von derselben Hand nicht auch der Wohltaten Fülle empfangen? Hat er nicht vielfach den Lohn seines Fleißes, das Gedeihen des Werkes seiner Hände erblickt? So manches von dem, was er erstrebt, gewünscht, versucht, hat sich verwirklicht und erfüllt. Und dann vor allem, erblickt er nicht diesen Tag? Hat er nicht das Leben? Wer aber Leben hat, der hat auch Hoffnung. So fließet denn in der Träne der Freude, wie sie der dankbare Erguß unseres Herzens ist, zugleich der Quell der Hoffnung. Und wann bedürfen wir der Hoffnung mehr, als heute, da wir ein neues Jahr beginnen, da unser Auge sich auf die Zukunft richtet, die vor uns liegt, umhüllt von dem dichten Schleier des tiefsten Geheimnisses. Die Hoffnung allein gibt uns den Mut, der Ungewißheit nicht zu achten und getrost den Fuß auf unbekannten Pfad zu setzen, sie ist die Stimme, die zu uns spricht mit fast überzeugender Kraft der Beruhigung. Und was ist es, das wir hoffen! Sollten nicht, wie in dem dahingeschwundenen Jahre, so viel Denkmale aufgerichtet stehen, von Gottes Gnade und Güte, als wir Stunden durchlebt haben, sollte nicht ebenso in dem kommenden die Kette der Gnadenzeugnisse sich fortsetzen? Und wenn wir auch hier nicht um uns, sondern in uns schauen und, in dem Bewußtsein, daß Gott trotz unserer Fehler und Schwächen und Sünden dennoch uns seine Güte nicht entzogen hat, eine Träne der Reue weinen, und wenn sich dabei die Zuversicht kräftigt, daß Gott uns auch bei dem Werke unserer Veredlung beistehen wird, dann ist auch diese Träne eine Träne der Freude und auch sie erscheint als ein frischer Lebensquell der Hoffnung.
Und so treten wir getrost in das neue Jahr, denn wir hoffen auf den, der in der Zeiten Wandelbarkeit allein unwandelbar ist. Beherzigen wir, was mit der Vergangenheit uns versöhnt, für die Zukunft uns stärkt. Tröstlich ergeben in die Vergangenheit, die Gottes war, mutig hoffen auf die Zukunft, die Gottes sein wird, das ist die Lehre dieses Tages — die Lehre zweier Tränen. Amen!
——————
Am Vorabend des Neujahrsfestes.
———
So sinke nun hernieder
Du letzter Tagesrest,
Des' letzter Schimmer wieder
Ein Jahr uns enden läßt!
Das neue wird erscheinen
Nun bald im Abendstern,
Der ruft, uns zu vereinen
In Demut vor dem Herrn.
Wir trauen Deiner Liebe
O, Herr, und fürchten nicht,
Du, Vater, uns! o übe
Mit uns ein mild' Gericht!
All' uns're Lebenspfade
Bestimmst Du, Herr, allein,
O, schreib' ins Buch der Gnade,
Allgütiger uns ein.
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Gebet am Vorabend des Neujahrsfestes.
(Zum Jahreswechel.)
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Allmächtiger! So oft ich nachdenke über mein Verhältnis zu Dir, so oft erfüllt die Betrachtung Deiner Größe und Ewigkeit, gegenüber meiner Hinfälligkeit und Vergänglichkeit, meine ganze Seele mit Demut und Zagen, aber das Bewußtsein Deiner Liebe richtet sich wieder auf, und im Gebete zu Dir finde ich mich wieder als Dein Kind, finde ich Dich wieder, als meinen Vater.
Das ist mein wahres Verhältnis zu Dir, und im Gefühle desselben will ich auch jetzt die Gedanken und Wünsche meines Herzens vor Dir offenbaren, wie ein Kind mit dem Bekenntnis seiner Empfindungen vertrauensvoll hintritt vor seinen Vater, jetzt, da der Ernst einer weihevollen Stunde zum Gebete mich mahnt, jetzt, da die letzten scheidenden Strahlen der Sonne nicht bloß einen Tag, sondern ein ganzes Jahr beschließen.
Was ist ein Jahr vor Dir? „Tausend Jahre sind vor Dir dem gestrigen Tage gleich, der schnell vorüberzog.“ Was aber ist ein Jahr vor mir? Ein großes Stück meines Lebens. „Denn uns'rer Jahre hohe Zahl ist siebenzig, und ausgezeichnet ist's, wenn deren achtzig werden.“ Darum gleitet die Stunde des Jahreswechsels dem denkenden Sinne nicht unbeachtet vorüber, und der wache Geist vernimmt den Zuruf: Steh' still, Wanderer, auf der Lebensbahn, steh' still und schaue um dich!
Und so richte ich denn meinen Blick zurück auf die Tage des verflossenen Jahres. Mancher von ihnen ist hingegangen, und er ragt nicht hervor aus der Reihe der übrigen, seine Ereignisse sind meinem Gedächtnisse entschwunden; mancher hingegen hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt und einen bleibenden Denkstein hingestellt auf den Pfad meiner Erinnerung; alle haben wie die Glieder einer Kette sich an einander gereihet, die abgelaufen ist von dem Rade meines Erdenwandels. Wiederum habe ich den Ernst des Lebens mehr erkannt, und neue Änderungen sind eingetreten in meinem Streben und in meinen Neigungen, neue Spuren der Erfahrung haben sich eingegraben auf die Tafel meiner Weltanschauung. Und hervorgegangen aus allen diesen Veränderungen ist mehr und mehr das Bewußtsein, daß es nur ein Glück gibt auf Erden, das des Ringens und Strebens würdig ist, das ist ein friedliches Gewissen, ein reines Gemüt, das freien Mutes hintreten kann vor Dich, seinen Schöpfer.
Viel des Guten habe ich erfahren in den Tagen des verflossenen Jahres. Unausgesetzt hat die Liebe der Meinigen mein Herz erquickt, oft habe ich mich des Abends zur Ruhe gelegt mit dem süßen Gefühle erfüllter Pflicht, oft ist mir die Gelegenheit geworden, das Herz meines Nebenmenschen zu erfreuen, oft habe ich mit Freuden beobachtet, wie das ganze Menschengeschlecht fortschreitet auf der Bahn der Erkenntnis und der Einsicht, oft genug habe ich mit Stolz es wahrgenommen, wie mein Volk, das Haus Israels, seine Fähigkeit offenbart und seine Bestimmung nicht verleugnet, voranzuleuchten als Licht des Glaubens und der Gotteslehre allen Völkern auf der Erde. All diese Freuden aber sind Dein Werk, all diese Süßigkeiten sind ein Ausfluß Deiner Liebe.
Viel des Trüben habe ich auch erfahren in den Tagen des verflossenen Jahres. Ach, nicht immer war mein Haupt frei von Sorge, mein Herz frei von Kummer! Oft trat die Gefahr an mich heran, die grimmig die Hand ausstreckt, die Zufriedenheit, die Freude und viele andere Schätze des Lebens mir zu rauben. Oft sah ich Leid um mich her und konnte es nicht beseitigen, oft sah ich Bosheit an meiner Seite und konnte ihren Weg nicht hemmen, oft sah ich Not bei meinen Nebenmenschen und konnte sie nicht lindern, oft sah ich auch das Gebäude meiner eigenen Hoffnungen in Trümmer sinken, und noch öfter erkannte ich die Torheit meiner Wünsche und vermochte nicht, sie zu bannen. Alles aber hast Du, mein Gott, so gewollt und durch Deine Gnade hast Du mich erhalten, daß ich jetzt am Schlusse des Jahres, auch für diese Prüfung Dir danken kann.
Und so richte ich meinen Blick nun auch auf die Tage des Jahres, die da kommen sollen. Doch was ich schaue, ist nichts als ein dichter Nebel, mit dem Deine Allweisheit den Blick des Menschen verschleiert, daß er die Zukunft nicht durchdringe, und dieser Nebel der Unwissenheit lehrt uns mehr als alle Betrachtung der sichtbaren Dinge, daß wir Dir allein unterworfen sind, Dir allein unser Schicksal anheimstellen müssen und nur das eine Recht besitzen, in inbrünstigem Gebete zu Dir das Heil für uns zu erflehen.
Darum bitte auch ich Dich, mein gütiger, himmlischer Vater, jetzt am Beginne des Jahres um Deine Gnade für mich in den Tagen des Jahres.
O Herr, mein Gott! gib meinem Geiste Einsicht und meinem Herzen den Willen, das Gute zu finden und die Tugend zu üben. Erhalte mir die Gesundheit des Leibes und der Seele, sei mit den Meinigen allen und laß täglich Deine Liebe an uns offenbar werden, schütze uns vor Gefahren und halte die Versuchung von uns ferne. Vergib uns unsere Sünden und begnadige uns mit einer milden Gesinnung, daß auch wir Nachsicht üben mit den Fehlern unserer Nebenmenschen.
Auf Dich will ich hoffen, Dir will ich vertrauen, Du warst mein Beschützer und Leiter bis zu dieser Stunde, Du wirst es auch ferner sein, mein Gott und Vater! Amen!
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Morgengebet am Neujahrsfeste.
(Vorher Nischmath, [Seite 19].)
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Mein Gott! Mit Andacht öffne ich meine Lippen, daß mein Mund Deinen Ruhm verkünde.
Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, Gott unserer Väter, Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs! Du bist der Große, der Mächtige, der Ehrfurchtbare, Du bist der erhabene Wohltäter und Vergelter aller guter Handlungen. Du gedenkest auch der Frömmigkeit unserer Vorfahren, die in Treue vor Dir gewandelt sind, und vergiltst ihre Tugend noch ihren Kindeskindern, um Deines heiligen Namens Willen in Liebe.
O gedenke auch unser darum am Neujahrstage mit Deiner Liebe und bestimme uns zum Leben; Du, o König, hast ja Wohlgefallen am Leben! O schreibe uns ein in das Buch des Lebens, um Deiner Liebe Willen, Du Herr des Lebens.
König bist Du über die Welt, Helfer, Retter, Schild und Beistand allen Deinen.
Ja, Du bist der Allmächtige in Ewigkeit! Deine Gnade gegen die Erdenkinder erstreckt sich über ihr Leben auf Erden hinaus, denn auch denen, die entschlafen sind zum Tode, bist Du ein Helfer in den Gefilden der Ewigkeit. Auf Erden aber ernährst Du die Lebendigen, stützest die Fallenden, heilest die Kranken, erlösest die, so gefesselt sind in den Banden des Unglücks.
Wer ist Dir gleich, Vater der Barmherzigkeit! Du gedenkest in Gnade aller Deiner Geschöpfe, Dein Geschenk ist ihr Leben.
Heilig bist Du, und heilig ist Dein Name, und allen Frommen gebührt es, Dich täglich zu loben.
O, so möge denn auch die Zeit immer näher kommen, daß Dich, den Ewigen, unseren Gott, alle Deine Geschöpfe in Ehrfurcht preisen, daß alle Menschen auf der Erde erfüllt werden von dem Bewußtsein Deiner Erhabenheit, daß alle einmütig vor Dir sich beugen, daß alle in einem Bunde sich vereinigen, um mit freudigem Herzen Deinen Willen zu üben; daß sie es erkennen, so wie wir es wissen, daß Dein allein die Herrschaft ist, alle Macht nur in Deiner Hand, alle Stärke nur in Deiner Rechten, und daß Dein Name allein würdig ist, der Inbegriff aller Ehrfurcht zu sein für alle Geschöpfe der Erde.
Und so möge es auch zur Ehre Deines Volkes anerkannt werden, daß sein Glauben die Wahrheit ist. Das sei der Ruhm Deiner Verehrer, die Hoffnung derer, die Dich suchen. Das freimütige Wort derer, die auf Dich harren, sei immerdar die Rede: „Einst wird der Herr das Licht der Wahrheit leuchten lassen über die ganze Welt.“ O tue es bald! O tue es bald!
Bringe näher die Zeiten des Heiles vor unseren Augen, so daß die Gerechten es sehen und sich dessen freuen, die Redlichen jauchzen, die Frommen in Jubel ausbrechen, wenn das Laster verstummt, die Bosheit wie Rauch vergeht und die Herrschaft des Übermutes schwindet von der Erde.
Dann wird der Glauben an Dich allein die Welt regieren, dann wird erfüllt sein Dein heiliges Wort:
„Der Herr allein regiert die Welt, dein Gott ists, der Gott auf Zion, angebetet von Geschlecht zu Geschlecht, Halleluja!“
O Ewiger! unser Gott! laß diesen Tag der Erinnerung, diesen Tag des Posaunenschalles zu unserem Heile werden.
Laß heutigen Tages vor Dir aufsteigen das Andenken an uns, die Betenden, auch das Andenken an unsere Väter, die vor Dir gewandelt, auch das Andenken an den Erlöser, den Du Deinem Volke verheißen, auch das Andenken an Jerusalem, Deine heilige Stadt, auch das Andenken an das ganze Volk Israel, dem Du ein treuer Hüter gewesen bist auf seinem Wege durch die Zeiten, damit Du am heutigen Tage der Erinnerung unser gedenkest in Milde und Barmherzigkeit, zum Glücke und zur Rettung, zum Leben und zum Wohlsein.
O, gedenke unser heut zum Glücke!
Erinnere Dich unser zum Segen!
Steh' uns bei, auf daß wir leben!
Denn auf Dich sind unsere Augen gerichtet, Du bist Gott, Du bist König, Du bist der Allgütige.
O Du, unser Gott und Gott unserer Vorfahren! Reinige auch unser Herz von Sünde und Irrtum, daß wir in Aufrichtigkeit und Wahrheit Dir dienen. Wenn wir uns sättigen an den Gaben Deiner Liebe, so laß uns auch wandeln in den Wegen Deiner Gebote, daß wir Deine Lehre als unser liebstes Anteil achten, damit auch wir vollkommen würdig werden jener seligen Zeiten, da alle Werke es wissen werden, daß Du der Meister bist, alle Geschöpfe es verstehen werden, daß Du der Schöpfer bist, und alles, was Odem hat, es aussprechen wird: „Der Ewige, der Gott Israels ist König und seine Herrschaft reicht über das Weltall.“
Nimm auch unsern Dank, o Gott und Gott unserer Vorfahren, für das Leben, das Du bis heute uns bewahrt, für die Wohltaten, die Du bis heute uns erwiesen hast. Alles was Du für uns tust, ist groß und wunderbar. Wir könnten nicht genügend Dir danken, und wollten wir auch jeden Tag vom Morgen bis an den Abend Dich rühmen. Ohne Ende ist Deine Güte, und Deine Liebe hat keine Grenzen.
Verzeichne zum glücklichen Leben alle Kinder Deines Bundes.
Laß Deinen Frieden walten über uns, und laß uns allezeit wandeln in Deinem Lichte.
Verzeichne uns heut, uns und das ganze Haus Israels, ins Buch des Friedens, der Nahrung und des Wohlseins.
Bewahre unsere Zunge vor böser Rede und unser Gemüt vor Hochmut, segne uns mit einem willigen Herzen und einem eifrigen Geiste zur Erfüllung unsrer Pflichten, und nimm wohlgefällig auf die Worte meines Mundes, Du, mein Fels und mein Erlöser! Amen.
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אָבִינוּ מַלְכֵּנוּ
Owinu malkenu.
Gebet für das Neujahrsfest, den Versöhnungstag und die 10 Bußtage.
(Dieses Gebet wird am Sabbat nicht gesprochen.)
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Herr und Vater! Wir haben gesündigt vor Dir.
H. u. V.! Du bist allein der Herr, auf den wir vertrauen.
H. u. V.! Übe Gnade an uns zur Verherrlichung Deines Namens.
H. u. V.! Laß das neue Jahr zu Glück und Heil uns herankommen.
H. u. V.! Halte fern von uns jedes schwere Verhängnis.
H. u. V.! Vernichte die Ratschläge unserer Feinde, die sie gegen uns gerichtet.
H. u. V.! Halte fern von uns Pest, Krieg und Hungersnot. Laß die Deinen nicht in die Gewalt der Unterdrückung und des Verderbens fallen.
H. u. V.! Behüte uns vor gefährlicher Krankheit.
H. u. V.! Verzeihe und vergib uns unsere Sünden.
H. u. V.! Laß in vollständiger Buße uns zu Dir zurückkehren.
H. u. V.! Sende vollkommene Heilung allen unseren Kranken.
H. u. V.! Gedenke unser mit Wohlwollen und Gnade.
H. u. V.! Bestimme für uns ein Leben ohne Unglück.
H. u. V.! Bestimme für uns Heil und Erlösung.
H. u. V.! Bestimme für uns, daß Not und Mangel uns fern bleiben.
H. u. V.! Möge es Deine Bestimmung sein, daß auch wir verdienstlich leben.
H. u. V.! Möge es Deine Bestimmung sein, daß Fehl und Unrecht uns verziehen werde.
H. u. V.! Laß das Heil der Menschen wachsen und zunehmen.
H. u. V.! Erhebe Israel zu seiner wahren Größe und zur Erkenntnis seines Berufes.
H. u. V.! Laß Dein Reich auf Erden immer mehr und mehr sich erweitern.
H. u. V.! Fülle unsere Hand mit Deinen Segnungen.
H. u. V.! Höre unsere Stimme und erbarme Dich über uns.
H. u. V.! Nimm unser Gebet in Gnaden auf.
H. u. V.! Öffne die Pforten des Himmels unserem Flehen.
H. u. V.! Gedenke, daß wir nur Staub sind.
H. u. V.! Laß uns nicht leer zurückkehren, da wir gebetet vor Deinem Angesicht.
H. u. V.! Laß diese Stunde eine Stunde der Barmherzigkeit, eine Zeit der Gnade vor Dir sein.
H. u. V.! Erbarme Dich über unsere unmündigen Kinder.
H. u. V.! Gedenke des Verdienstes der Frommen, unserer Vorfahren, die in den Tod gegangen sind um des Glaubens willen, die standhaft ihr Leben geopfert haben für das Bekenntnis Deiner Einheit.
H. u. V.! Laß auch ferner Deinen Namen durch uns geheiligt und verbreitet werden.
H. u. V.! Nicht unserem Verdienste vertrauen wir, sondern Deiner Gnade. Amen!
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Beim Herausholen der Thora am Neujahrsfeste.
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O Ewiger! Ewiger! Barmherziger Gott! Du bist der Allgnädige, langmütig und von unbegrenzter Huld und Treue, der seine Gnade bewahret bis ins tausendste Geschlecht, der Missetat, Abfall und Sünde vergibt und Übeltäter losspricht.
(Dreimal.)
Herr des Weltalls! o erfülle die Wünsche meines Herzens, so sie zu meinem Heile gereichen; willfahre meinem Verlangen und erhöre meine Bitte! Vergib erbarmungsvoll alle meine Missetaten, und vergib Fehl und Sünde allen, die mir nahe stehen, und die ich in mein Gebet einschließe. Laß Deine Verzeihung walten über uns aus Gnade und Barmherzigkeit; laß uns rein sein von Sünde und Vergehen. Gedenke heute unser mit Wohlwollen, erinnere Dich unser zu unserm Heile, schenke uns ein glückliches Leben, gewähre uns Frieden, Nahrung, Zufriedenheit, und sorgenfreie Befriedigung der Bedürfnisse des Lebens. Laß es uns nimmer fehlen an Brot und Kleid. Beglücke uns mit Wohlstand und Ansehen und Lebensfreude, damit es uns vergönnt sei, diese Güte anzuwenden zu Werken der Tugend, schenke uns Leben und Gesundheit, damit wir noch lange zu wandeln vermögen in den Wegen Deiner Lehre. Gib uns Weisheit und Einsicht, daß es uns mehr und mehr gelinge, einzudringen in den Plan Deiner Weltregierung. Befreie uns von den Leiden, die uns drücken, und segne die Taten unsrer Hände. Verhänge über uns das Glück, Heil und Trost. Vernichte die Gefahren, die uns drohen, ob sie uns bekannt oder unbekannt sind. Wende immerdar das Herz unseres erhabenen Regenten zum Wohlwollen daß nie wieder über Israel hereinbrechen Tage des Druckes und der Erniedrigung. Also sei es wohlgefällig vor Dir, barmherziger Vater, Herr des Weltalls. Amen!
שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד
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Gebet vor dem Schofarblasen.
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Wiederum ist die kurze, ernste und feierliche Spanne Zeit uns gegenwärtig, die in den Tönen des Schofars uns verkünden wird, daß Du, o Gott, der Weltenkönig bist von Ewigkeit bis in Ewigkeit, daß Du, o Gott, der Richter bist, der alle Wesen vor seinen Thron fordert, damit ihr Urteil ihnen werde, daß Du, o Gott, der Lehrer bist, der mit Donnerstimme am Sinai den Weg verkündiget hat, der zur Wahrheit führt.
Noch schweigt das Horn, und feierliche Stille vergönnt mir einen Augenblick der Sammlung, daß ich die Kräfte meines Geistes und die Empfindungen meines Herzens alle wach rufe, um jene erhabenen Gedanken zu fassen.
Ja, aufraffen will ich mich und erheben im Gebete zu Dir, und niederbeugen will ich mich zum Staube vor Dir, und hinwenden will ich alle meine Gedanken zu Dir, mein König, mein Richter, mein Lehrer!
Gott, Du allein bist König in Ewigkeit. Was ist irdische Macht, was ist menschliche Größe? Die Erde nicht und nicht der Himmel und nicht des Himmels Himmel und nicht der Raum des Weltalls, den die Gedanken des Sterblichen begreifen, umfassen den Abglanz Deiner Herrlichkeit. Nicht Dein Befehl ist's, dem die Welten dienen, nicht Dein Wort ist's, dem die Heere des Himmels gehorchen, Dein Willen ist's allein. Wo ist ein Willen, der dem Deinem trotzt? Wo ist ein Wirken, daß nicht Du geordnet? Wo ist ein Raum, und er wäre nicht im Gebiete Deiner Macht? Wo ist ein Anfang, der vor Dir war? wo ist ein Ende, das hinausreicht über Deine Dauer? Raum und Zeit sind nicht vor Dir vorhanden. Ja Du, Gott, allein bist der Allmächtige, Du allein bist König, Du allein regierst, Du hast regiert und wirst regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit!
Gott, Du allein bist Richter! Laß ab, mein Geist, von dem vergeblichen Streben, die Größe des Erhabenen zu erkennen; kehre zurück zur kleinen Erde und preise Gott als den, der auch das Kleine schauet! Ja, Deiner Allwissenheit ist nichts verborgen. Du kennst die Wesen alle und ihr Tun, Du kennst auch mich. Vor Dir ist meine Seele offenbar, und die Gedanken meines Herzens sind bekannt. Fern bist Du mir und unerreichbar, wenn ich meinen Blick hinaussende in Deine weite Welt; aber nahe bist Du mir und fühlbar, wenn ich ihn in mein Inneres richte. Wenn die Begierden in mir streiten, wenn die Tugend mit der Sünde in mir um die Herrschaft kämpfen, dann empfinde ich es, daß ich verantwortlich bin für meine Taten, daß ich die Freiheit des Willens nicht erhalten habe zum Dienste der Leidenschaft, sondern als Waffe gegen sie, auf daß ich bestehe vor dem prüfenden Auge des Richters. Mein Richter aber bist Du, Dein Urteilsspruch ist mein Schicksal. O richte mich, mein Gott! Richte mich nach Deiner Gnade und nicht nach meinem Verdienste.
Gott, Du allein bist Lehrer. Wollte ich auch mit der besten Kraft des Willens meine Tugend einrichten nach meiner Weisheit, so würde ich im Finstern wandeln. Du aber hast das nicht gewollt. Du hast den Weg des Verdienstes mir vorgezeichnet in Deiner heiligen Lehre. Du hast den Menschen Deinen Willen kund getan am Sinai. Dein Willen sei mein Gesetz! Deine Lehre sei meine Weisheit!
So möge denn das Horn ertönen, es wird mich vorbereitet finden, seine Sprache zu verstehen. Fremdartig und wunderbar erklingt es vor meinem Ohre, wie der Widerhall aus ferner, alter Zeit, als wollte es von den Wundern erzählen, die Gott in grauer Vorzeit meinen Vätern erwiesen, und dennoch spricht es zu uns und zu allen Geschlechtern in der verständlichen Zunge gegenwärtiger Zeit: Erwache, Menschengeist, erwache! Erhebe Dich, Menschenherz, erhebe Dich! Es ruft Dich Gott! er ist Dir nahe. Bringe Huldigung dem Könige, bringe Bekenntnis dem Richter, bringe Dank und Ehrfurcht dem erhabenen Lehrer. Herbei! Herbei! es ist der Tag des Herrn! Amen!
Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Du uns geheiligt hast durch Deine Gebote und uns befohlen hast zu vernehmen die Stimme des Schofars!
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וּנְתַנֶּה תֹּקֶף
Unthanne tokef.
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Erwäge nun, mein Geist, die Heiligkeit
Des Tages heut, erwäge seine Größe!
Denn mächtig ist er, furchtbar und erhaben.
Heut tust Du, Herr! uns Deine Herrschaft kund.
Der Weltregierung Herrscherstuhl errichtet
Hast Du vor uns, auf Gnade ihn gegründet
Und thronest d'rauf im Himmelsglanz der Wahrheit.
Ja, Wahrheit ist's, daß Du ein Richter bist,
Der nimmer irren kann; Allwissenheit
Macht Dich zugleich zum Geber des Gesetzes,
Zum Zeugen und zum unfehlbaren Richter.
Geschrieben und gezählt von Deiner Hand,
Besiegelt auch sind alle uns're Taten, —
Die wir vergessen, sind von Dir gedacht.
Heut schlägst das Buch Du der Erinn'rung auf,
Und siehe! Alles deutlich d'rin zu lesen,
Als wär's von uns'rer eigenen Hand verzeichnet.
Da tönet mächtig der Posaune Schall,
Und sie verhallt in feierlicher Stille,
Und zitternd eilt herbei der Engel Schar,
Sie laden zum Gericht und rufen aus:
„Erschienen nun ist des Gerichtes Tag!
Herbei, ihr Himmelsscharen! eilt herbei!“
Denn sie auch sind nicht fehlerlos vor Dir.
Und die Geschöpfe alle zieh'n vorüber
Vor Deinem Angesichte, wie eine Herde.
So wie der Hirte, musternd seine Schafe,
Sie läßt dahinzieh'n unter seinem Stabe,
So musterst Du, so leitest Du und zählest
Die Seelen der Lebend'gen, alle, alle;
Das Ziel bestimmst Du jedem Deiner Wesen,
Verzeichnest ihr Gericht, wie Du's verhängst
Am Neujahrstage, da wird's aufgeschrieben
Und am Versöhnungstage wird's beschlossen:
Wieviel der Wesen aus dem Leben scheiden,
Wieviel zur Welt gerufen werden sollen,
Wer leben soll und wer zum Tode eingeh'n,
Wer da sein Ziel erreichen, wer verfehlen,
Und wen die rohen Kräfte der Natur,
Wen Schwert und Krankheit oder Hungersnot
Als ihre Beute sich erwählen werden,
Und wessen Anteil wird der Frieden sein.
Wer unstät irren müsse durch das Leben,
Wer Freudigkeit, wer Trübsal finden soll,
Wer wandeln soll im Segen oder Mangel,
Und wer erniedrigt, wer erhöhet werde;
aber
Reue, Gebet und Liebeswerke
lassen das böse Verhängnis vorübergehen.
Denn wie Dein Name, so ist auch Dein Ruhm,
Bist schwer erzürnt und leicht geneigt zur Milde,
Du willst nicht, daß der Todesschuld'ge sterbe,
Du willst, daß er bereue, daß er lebe,
Du harrst auf ihn bis auf den Tag des Todes
Und nimmst ihn auf, so er zu Dir sich wendet.
Fürwahr, Du bist der Schöpfer aller Menschen,
Kennst ihre Triebe, — sie sind Fleisch und Blut. —
Der Mensch ist Staub und kehrt zurück zum Staube,
Wenn mühsam er das Leben hingebracht.
Er ist zerbrechlich, gleich dem ird'nen Scherben,
Dem dürren Grase gleich, der welken Blüte,
Dem Schatten gleich, der stumm vorüberzieht,
Der Wolke gleich, die sich als Nebel löset.
Wie Wind dahingeht, wie der Staub verfliegt:
So fliegt er hin vergänglich wie ein Traum.
Du aber bist König, Gott, der Lebendige, der Bestehende in Ewigkeit!
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עָלֵינוּ
Olenu.
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Wohl mag es uns gebühren, ihn, den Herrn der Welt zu preisen,
Ihm, der das Schöpfungswerk vollbracht, Anbetung zu erweisen.
Er hat uns nicht, den Heiden gleich, in Finsternis gelassen,
Und seiner Größe Herrlichkeit vermögen wir zu fassen.
Beneidenswert ist unser Los durch seiner Gnade Gaben,
Die uns der Wahrheit Licht gezeigt, daß wir erkannt ihn haben.
Es kennt ihn nicht den Herrn der Welt, der blöden Heiden Menge,
Wir aber nahen seinem Thron durch Dank und Lobgesänge.
Wir bücken uns, wir beugen uns vor seinem heil'gen Namen.
Der Heilige ist der Herr der Herrn, in Ewigkeiten! Amen!
Er hat den Himmel ausgespannt, er hat erbaut die Erde,
Auf daß der Abglanz seiner Macht geoffenbart uns werde!
Es thronet seine Herrlichkeit am hohen Himmel droben;
Er nur allein ist unser Gott, den wir in Demut loben,
Er nur ist König uns allein und außer ihm kein Wesen,
Wie wir es in dem heil'gen Wort der Gotteslehre lesen:
„So wisse nun und laß erfüllt dein Herz vom Glauben werden:
Der Ewige allein ist Gott im Himmel und auf Erden.“
Und darum hoffen wir auf Dich, es wird die Zeit erscheinen,
Daß alle Erdenkinder sich in Deinem Dienst vereinen;
Daß aller Wahn und aller Trug und Aberglaube schwinden,
Und alle Zungen Deinen Ruhm und Deine Macht verkünden.
Und alles Fleisch wird demutsvoll zu Deinem Dienst sich wenden,
Und alle Bosheit wird vergehn an allen Erdenenden,
Und jedes Knie — es wird vor Dir, vor Dir allein sich beugen,
Und jeder Mund wird schwören Dir, Dir jedes Haupt sich neigen,
Und Preis allein wird Dir gebracht, Dir von den Menschen allen,
Und im Gebet zum Staub vor Dir der Staubgebor'ne fallen;
Und Deiner Herrschaft Allgewalt wird jeder Geist empfinden:
So wird auf Erden sich Dein Reich für Ewigkeit begründen,
So wie es heißt: „Es kommt der Tag, dann wird des Ewigen Namen
Von allen Menschen anerkannt: Der Herr ist einzig!“ Amen!
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2. Der Versöhnungstag.
יוֹם כִּפּוּר
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Die Versöhnung.
Festbetrachtung am Versöhnungstage.
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Wie die kühlende Flut den vom Sonnenbrande ermatteten Leib erfrischt, so verjüngt sich unser Geist, wenn er niedertaucht in die belebende Wahrheit der Versöhnung; und der Hinblick auf die lange Reihe von Vergehungen, die bei dem Gedanken an unsere Entsündigung uns vor die Seele treten, soll uns den göttlichen Frieden, den dieser Tag uns bietet, nicht verbittern, uns nicht verhindern, die Größe des Tages in ungetrübter Reinheit zu empfinden, seine Wohltat in unverkürzter Fülle zu genießen.
Die Versöhnung, mit welcher Gott der Herr uns alljährlich bedenkt, ist die notwendige Ergänzung unseres lückenhaften Daseins. Sündhaft, wie wir sind, wären wir im Grunde dem göttlichen Strafgericht unabänderlich verfallen, darum tritt Gottes Gnade, tritt dieser Tag vor den Riß, er bildet den Kitt unseres Lebens und gibt dem Stückwerk unserer Tätigkeit Abschluß und Abrundung.
Das ist wohl der edelste Gedanke aus dem Gedankenschatze des Judentums. Er weist die Annahme kräftig zurück, daß es einer Vermittelung zwischen Gott und der Welt durch den Opfertod eines Menschen bedurft hätte, der für die Welt habe sterben müssen. Gott selber vielmehr gleicht alljährlich durch den Versöhnungstag das Mißverhältnis zwischen unserer Aufgabe und unseren Leistungen aus.
Wenn nun aber das Bewußtsein, daß wir die Versöhnung als ein Gnadengeschenk Gottes unmittelbar aus der Hand des liebenden Vaters empfangen, uns auch Trost und Erhebung gewährt, ist es alsdann nicht schon bitter genug, daß wir der Sünde so leicht anheim fallen, daß wir die Idee der Vollkommenheit denken und doch nicht erreichen können? Warum sollen wir nicht wenigstens die Kraft der Ausgleichung besitzen, warum sollen wir, was wir gesündigt, nicht selbst wieder gut machen, die Versöhnung nicht verdienen können?
Und in der Tat, wir können es. Gott will nicht, daß sie als ein Geschenk uns zufalle, Gott will, daß wir als einen Lohn und nicht als eine unverdiente Gnade sie empfangen, und seine heilige Lehre zeigt uns den Weg, auf welchem wir durch unsere eigene Leistung die Versöhnung zu unserer Tat gestalten können. Gott spricht zu Mose auf seine Fürbitte für die Sünder: „Ich vergebe nach deinen Worten.“ In diesem knappen Satze ist es angedeutet, worin die Leistungen bestehen, die der Versöhnung den Stempel einer freien Tat verleihen, darin nämlich, daß wir zuvörderst nach der Versöhnung verlangen und an die Versöhnung glauben. Das ist die erste Aufgabe, zu deren Erfüllung dieser Tag uns aufruft.
Gott spricht zum Sünder: Ich vergebe, wenn du ein Wort nur aussprichst, denn dies eine Wort ist das Verlangen nach Aussöhnung — es bedeutet für Gott die Sehnsucht nach dem Göttlichen, das Bedürfnis, sich im Einklange zu wissen mit den ewigen Gesetzen der Tugend und Sittlichkeit, und diese Sehnsucht, dieses Bedürfnis, das ist der Puls, der, wenn er auch leise schlägt, so lange er schlägt, sittliche Kraft, sittliches Leben, ein fühlendes Menschenherz bekundet. So hoch hat das Judentum den Menschen gestellt, daß er tief sinken kann, ohne zu versinken, daß er tief fallen kann, ohne unterzugehen — es hat dem Menschen fast unmöglich gemacht, ein verlorener Mensch zu sein. Das Verlangen nach Aussöhnung ist auch an und für sich schon eine sittliche Tat. Wie oft weigert sich die Lippe des Freundes gegenüber dem Freunde, die des Kindes gegenüber den Eltern, das Verlangen nach Aussöhnung zu offenbaren, sie scheint oft verschlossen und versteinert, weil die Bitte schwer erscheint; erst der Sieg der Selbstüberwindung muß dem ausgesprochenen Sieg vorangehen. Mehr aber als dies fordert der heutige Tag, er fordert einen größeren Sieg.
Der verstockte Sünder hat den Lohn seiner Selbstüberwindung in der Erreichung des Zieles klar vor Augen, nicht so der gebrochene Sünder. Er hat sich selbst aufgegeben, ihm fehlt die Kraft des Vertrauens, er wähnt, wie vom Menschen, so auch von Gott sich verstoßen, er sinkt und sinkt, bis die Wellen über ihm zusammenschlagen. „Bin ich denn aus jener Welt verstoßen“, so spricht er, „so will ich die Freuden dieser Welt genießen.“ Dieser Ausspruch ist eine Giftpflanze, die der Trümmerhaufen eines gebrochenen Menschendaseins, der Sumpf der Verzweiflung noch hervorzubringen vermag. Aber das Judentum hat keine Anerkennung für die gänzliche Verlorenheit eines Menschen, es hat für alle die Pforten der Versöhnung erschlossen; doch fordert es von dem Sünder den Sieg über die Verzweiflung, es fordert von ihm den Sieg des Glaubens: das Vertrauen auf die Versöhnung. Wende dich an die Gnade Gottes, spricht die Religion zu dem Verzweifelnden, und auch für dich hat Gott es ausgesprochen: „Ich vergebe, so du nur ein Wort zu mir sprichst.“
Aber auch darin besteht unsere Leistung, durch die wir der Versöhnung den Stempel der freien Tat zu verleihen vermögen, daß wir das Verlangen nach Versöhnung und den Glauben an sie offen aussprechen.
Gott spricht: „Ich vergebe nach deinen Worten“, das will uns bedeuten: Ich vergebe, wenn du bekennst. In dem rückhaltlosen Bekenntnis, darin äußert sich eben das Verlangen und der Glauben. Wer da glaubt, daß Gott ihm vergebe, warum sollte der verschlossen sein, warum sollte der sein schuldbeladenes Herz nicht öffnen wollen? So tritt denn heute nicht umsonst an uns die Pflicht heran, unser Herz zu entsiegeln, und was wir verbrochen, was wir gefehlt, vor dem Herrn aufzudecken.
Freilich wohl bedarf der Allwissende unseres Bekenntnisses nicht, er sieht ja doch in die geheimsten Falten unserer Brust, kennt unsere Gedanken, noch ehe sie in uns aufgestiegen sind, unsere Worte, noch ehe sie uns von den Lippen strömen. Allein, wenn es auch für Gott unseres Bekenntnisses nicht bedarf, so doch für uns. Wir sind so sehr an die Selbsttäuschung gewöhnt, daß uns die Wahrheit nur allzu leicht unter den Händen entschlüpft. Nur das Bekenntnis macht die Erkenntnis unserer Fehler zur wirklichen Tat. „Ich vergebe“, spricht Gott, „so du offen und rückhaltslos dich aussprichst.“
In solcher Weise erkennen wir die Versöhnung, mit der Gott der Herr uns alljährlich bedenkt, für ein Geschenk seiner Gnade, das uns ohne Vermittelung vom liebenden Vater zuteil wird, und auch für mehr als dies: als eine Gabe, die wir erwerben können durch unsere eigene freie Tat. Amen.
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Am Vorabend des Versöhnungstages.
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Wir beugen tief uns nieder,
O Herr, vor Deiner Macht!
Du hast den Tag uns wieder,
Den heiligen, gebracht.
O laß uns Gnade finden!
O schau' auf uns in Huld!
Ach tilge uns're Sünden,
Vergib uns uns're Schuld!
Laß uns'rer Bitte offen
Des Himmels Pforte sein:
Auf Dich ist unser Hoffen
Gerichtet, Herr allein.
Wie könnten wir bestehen,
Wenn Du nicht Gnade übst,
Wenn nicht auf unser Flehen
Die Sünden Du vergibst!
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Gebet am
Vorabend des Versöhnungstages.
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Allmächtiger! Die Andacht meines Herzens möchte ich offenbaren im Ausspruch meiner Lippen, alle meine Gedanken möchte ich zutage rufen im inbrünstigen Gebete.
Was soll ich sprechen vor Dir, Allmächtiger, Unfaßbarer! Wie soll ich beginnen, wo soll ich enden!
Alle meine Worte reichen nicht hin für die Anbetung, die mein Herz Deiner Heiligkeit zollt; alle meine Worte reichen nicht hin, meine Niedrigkeit zu bezeichnen, in der ich vor Dir stehe! Alle meine Worte reichen nicht hin, den Wünschen meines Herzens Ausdruck zu geben, die vor Dir ich offenbaren will, und alle meine Worte reichen nicht hin, die Schuld zu bekennen, für die ich um Gnade flehe vor dem Throne Deiner Herrlichkeit!
Anbeten will ich Dich, — das ist heute, an dem großen, Dir geweiheten Tage mein Verlangen. Wer ist heilig, wie Du, wer ist erhaben wie Du! Du bist der Schöpfer aller Dinge, die Erde und der Himmel sind das Werk Deiner Hand, und die Sonne und den Mond und das zahllose Heer der Sterne hast Du geschaffen. Du leitest alle Weltkörper in ihren Bahnen, Du weißt auch, wann sie zu wandeln begonnen, und wann ihr Ende sein wird. Mein Auge kann wohl gen Himmel blicken, aber wie sollte ich sprechen: Ich überschaue den Himmel? Weiter als meine Gedanken reichen, reicht die Ferne, in der immer neue Welten Deiner Schöpferhand entrollen. Wo aber, wo ist der Wohnsitz Deiner Herrlichkeit? O Gott, wie bist Du so groß, so groß! Welcher Sterbliche kann so vermessen sein, zu sprechen: Ich kenne den Herrn! Und betrachte ich Dir gegenüber mich, den Erdenbewohner, ach, dann erscheine ich mir gleich dem Sandkorn unter den millionenmal Millionen am Ufer des Meeres; und denke ich an die Zeit, die meinem Erdenleben bestimmt ist, so erscheint sie mir flüchtig, wie der Schatten eines Pfeiles, der über einen Fußbreit Landes dahinfliegt. Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest, der Erdensohn, daß Du Dich seiner annimmst?
Und doch! o Herr! Nimmst Du auch meiner Dich an!
Du bist mir nahe und sorgst für mich, Du kennst meine Lust und mein Leid, meine Freude und meinen Schmerz, meine Bedürfnisse und meine Sehnsucht. Also bist Du mir nahe, wie der gotterfüllte Sänger es ausspricht: „Herr! Du erforschest mich und weißt von mir, ich sitze, stehe auf, Dir ist's bekannt, und was ich denke, prüfest Du von ferne. Du hast mir Gang und Lager zugemessen und meine Wege alle angeführt. Bevor ein Wort auf meiner Zunge schwebt, hast Du es, Herr! schon ganz gewußt.“ Darum ist es keine Vermessenheit, wenn ich mit den Wünschen meines Herzens mich unmittelbar vor Dich zu stellen wage, denn wie ein Vater sich seiner Kinder annimmt, so nimmst Du Dich der Menschen an. O Vater! zu Dir will ich beten. Du nur kannst mir Leben und Gesundheit schenken, Du nur kannst meine Seele bewahren vor allen Gefahren, die ihr drohen durch des Herzens Gelüste und durch den Tand der Welt. Du nur kannst mich bewahren vor Betrübnis und Herzeleid, in Deiner Hand liegt es, daß nicht meine Arbeit eine fruchtlose, mein Bestreben ein unnützes, meine Hoffnung eine trügerische sei. Du nur kannst mich erleuchten mit dem Lichte der Wahrheit, daß meine Wege mich nicht durch Finsternis und Torheit, Irrglauben und Aberglauben führen. Du nur kannst mir den Mut verleihen, der Sünde zu trotzen, und die Kraft, die Leidenschaft zu überwältigen.
Und dies alles kannst Du tun, und mögest Du tun ohne Rücksicht auf meine Würdigkeit. Denn wahrlich! Nicht auf unser Verdienst können wir bauen, wenn wir auf Deine Liebe hoffen. Sündhaft ist der Mensch, und gerecht ist in Deinen Augen schon der, der mit seiner schwachen Kraft gegen die Macht des Lasters ankämpft.
O, auch ich kenne meine Fehler und Sünden. Ich will sie nicht zu beschönigen suchen mit der Ausflucht, es sei alles menschliche Schwäche. Ich weiß es wohl, daß ich nicht immer genügend bemüht war, alle meine Kräfte zu meiner Besserung anzuwenden. Ich habe nicht immer Gott vor Augen und im Herzen gehabt, und nur allzuoft so gehandelt, als ob der Genuß irdischen Wohlseins und das Vergnügen das Ziel des menschlichen Lebens wären. In mancher Stunde des letztverlebten Jahres bin ich wider besseres Wissen rückwärts geschritten und nicht vorwärts in der Veredlung meines Geistes, weil ich den Leidenschaften freien Lauf gelassen, die mich nicht fördern konnten. Oft auch habe ich meine wahre Aufgabe verkannt, nützlich zu sein auf Erden, und habe der Eigenliebe und der Eitelkeit gedient. O, mein Gott, wo soll ich enden, wenn ich die Menge meiner Verschuldungen zu zählen beginne?
Darum ist mir aber auch der heutige Tag heilig und lieb und wert, darum erkenne ich in ihm eine der herrlichsten Wohltaten, mit welchen Du Dein Volk Israel bedacht hast, weil der Versöhnungstag erscheint wie ein ernster, aber lieber und tröstender Freund, der zu uns spricht: „Bange nicht, Mensch, und zage nicht! Du bist um Deiner Sünden willen nicht von Gott verstoßen! Er will dich aufrichten, er will dich neu beleben, er will dich reinigen von aller Schuld und verlangt nichts weiter von dir als wahrhafte Reue und Besserung!“ Wie sollte ich nicht mit Freuden diese Wohltat anerkennen, und all mein Sinnen darauf richten, ihrer ganz teilhaft zu werden! Ich will mich nicht meiner Sünden entledigen, um neue zu begehen, sondern ich will wahren und bleibenden Gewinn ziehen aus der hohen Bedeutung dieses Tages.
Darin soll meine andächtige Erhebung bestehen, daß ich dankend und preisend Dir nahe, Du Ehrfurchtbarer! Daß ich meine Bitten und alles, was mein Herz beschwert, vor Dir ausspreche, daß ich mich selbst prüfe und meine Sünden bekenne und Reue und Besserung aufrichtigen Sinnes Dir angelobe, auf daß ich am nächsten Versöhnungstage — der mir und uns allen herankommen möge zum Heile — mit freudigem Herzen zurückblicken könne auf ein im Dienste Gottes, im Dienste der Religion und Tugend verlebtes Jahr. Also sei es Dein Wille, Allmächtiger! Amen!
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אָבִינוּ מַלְכֵּנוּ
Owinu malkenu.
(Dieses Gebet wird am Sabbate nicht gesprochen.)
———
Herr und Vater! Wir haben gesündigt vor Dir.
H. u. V.! Du bist allein der Herr, auf den wir vertrauen.
H. u. V.! Übe Gnade an uns zur Verherrlichung Deines Namens.
H. u. V.! Laß das neue Jahr zum Glück und Heil uns herankommen.
H. u. V.! Halte fern von uns jedes schwere Verhängnis.
H. u. V.! Vernichte die Ratschläge unserer Feinde, die sie gegen uns gerichtet.
H. u. V.! Halte fern von uns Pest, Krieg und Hungersnot. Laß die Deinen nicht in die Gewalt der Unterdrückung und des Verderbens fallen.
H. u. V.! Behüte uns vor gefährlicher Krankheit.
H. u. Vater! Verzeihe uns und vergib uns unsere Sünden.
H. u. V.! Laß in vollständiger Buße uns zu Dir zurückkehren.
H. u. V.! Sende vollkommene Heilung allen unseren Kranken.
H. u. V.! Gedenke unser mit Wohlwollen und Gnade.
H. u. V.! Bestimme für uns ein Leben ohne Unglück.
H. u. V.! Bestimme für uns Heil und Erlösung.
H. u. V.! Bestimme für uns, daß Not und Mangel uns fern bleiben.
H. u. V.! Möge es Deine Bestimmung sein, daß auch wir verdienstlich leben.
H. u. V.! Möge es Deine Bestimmung sein, daß Fehl und Unrecht uns verziehen werde.
H. u. V.! Laß das Heil der Menschen wachsen und zunehmen.
H. u. V.! Erhebe Israel zu seiner wahren Größe und zur Erkenntnis seiner Bedeutung.
H. u. V.! Laß Dein Reich auf Erden immer mehr und mehr sich erweitern.
H. u. V.! Fülle unsere Hand mit Deinen Segnungen.
H. u. V.! Höre unsere Stimme und erbarme Dich über uns.
H. u. V.! Nimm unser Gebet in Gnaden auf.
H. u. V.! Öffne die Pforten des Himmels unserm Flehen.
H. u. V.! Gedenke, daß wir nur Staub sind.
H. u. V.! Laß uns nicht leer zurückkehren, da wir gebetet vor Deinem Angesicht.
H. u. V.! Laß diese Stunde sein eine Stunde der Barmherzigkeit, eine Zeit der Gnade vor Dir.
H. u. V.! Erbarme Dich über unsere unmündigen Kinder.
H. u. V.! Gedenke des Verdienstes der Frommen, unserer Vorfahren, die in den Tod gegangen sind um des Glaubens willen, die standhaft ihr Leben geopfert haben für das Bekenntnis Deiner Einheit.
H. u. V.! Laß auch ferner Deinen Namen durch uns geheiligt und verbreitet werden.
H. u. V.! Nicht unserem Verdienste vertrauen wir, sondern Deiner Gnade. Amen!
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Morgengebet am Versöhnungstage.
(Vorher Nischmath [Seite 19].)
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O Herr! öffne meine Lippen, daß mein Mund Deinen Ruhm verkünde.
Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott und Gott unserer Väter, Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs! Du bist der Allmächtige, der Erhabene, der Ehrfurchtbare. Du bist der Vergelter aller guten Taten, Du bist es, dem alles angehört, und der auch der Frömmigkeit der Väter gedenket, um zu vergelten den Kindern um seines Namens willen in Liebe.
O gedenke unser zum Leben, Du, König, der da Wohlgefallen hat am Leben, und schreibe uns ein in das Buch des Lebens.
König, Beistand, Retter und Schirm bist Du! Gelobt seist Du, Ewiger Schild Abrahams.
Du bist mächtig in Ewigkeit, o Herr! Du belebest die Toten und ernährest die Lebendigen, Du stützest die Fallenden, heilest die Kranken, erlösest die Gefesselten. Wer ist Dir gleich, Herr aller Mächte! wer kann mit Dir sich messen! Du tötest, Du belebest, von Dir kommt alles Heil.
Wer ist wie Du, Vater der Barmherzigkeit! Du gedenkest in Gnade aller Deiner Geschöpfe, von Dir kommt ihr Leben.
Heilig bist Du, und heilig ist Dein Name, und allen Frommen gebührt es, Dich täglich zu loben.
O, so möge denn auch die Zeit immer näher kommen, daß Dich, den Ewigen, unseren Gott, alle Geschöpfe in Ehrfurcht preisen, daß alle Menschen auf der Erde erfüllt werden von dem Bewußtsein Deiner Erhabenheit, daß alle einmütig vor Dir sich beugen, daß alle in einem Bunde sich vereinigen, um mit freudigem Herzen Deinen Willen zu üben; daß sie es erkennen, so wie wir es wissen, daß Dein allein die Herrschaft ist, alle Macht nur in Deiner Hand, alle Stärke nur in Deiner Rechten, und daß Dein Name allein würdig ist, der Inbegriff aller Ehrfurcht zu sein für alle Geschöpfe der Erde.
Und so möge es auch zur Ehre Deines Volkes anerkannt werden, daß sein Glauben die Wahrheit ist. Das sei der Ruhm Deiner Verehrer, die Hoffnung derer, die Dich suchen. Das freimütige Wort derer, die auf Dich harren, sei immerdar die Rede: „Einst wird der Herr das Licht der Wahrheit leuchten lassen über die ganze Welt.“ O tue es bald! O tue es bald!
Bringe näher die Zeiten des Heiles vor unseren Augen, so daß die Gerechten es sehen und dessen sich freuen, die Redlichen jauchzen, die Frommen in Jubel ausbrechen, wenn das Laster verstummt, die Bosheit wie Rauch vergeht und die Herrschaft des Übermutes schwindet von der Erde.
Dann wird der Glauben an Dich allein die Welt regieren, dann wird erfüllt Dein heiliges Wort:
„Der Herr allein regiert die Welt, dein Gott ist's, der Gott, auf Zion, angebetet, von Geschlecht zu Geschlecht, Halleluja!“
O, Ewiger! unser Gott! laß diesen Tag der Versöhnung uns zum Heile werden, auf daß wir entsündigt werden von allen unseren Vergehungen.
Laß an dem heutigen Tage vor Dir aufsteigen das Andenken an uns, die Betenden, auch das Andenken an unsere Väter, die vor Dir gewandelt sind, auch das Andenken an den Erlöser, den Du Deinem Volke verheißen, auch das Andenken an Jerusalem, Deine heilige Stadt, auch das Andenken an das ganze Volk Israel, dem Du ein treuer Hüter gewesen bist auf seinem Wandel durch die Zeiten, damit Du am heutigen Tage der Versöhnung unser gedenkest in Milde und Barmherzigkeit, zum Glücke und zur Rettung, zum Leben und zum Wohlsein.
O, gedenke unser heut zum Glücke!
Erinnere Dich unser zum Segen!
Steh' uns bei, auf daß wir leben!
Denn auf Dich sind unsere Augen gerichtet, Du bist Gott, Du bist König, Du bist der Allgütige.
Unser Gott, und unserer Väter Gott! Vergib unsere Sünden an diesem Versöhnungstage und lasse unsere Missetaten aus Deinen Augen schwinden, wie Du verheißen hast: „Ich, ich bin es, der ablöscht deine Missetaten um meinetwillen, und deiner Vergehungen gedenke ich nicht,“ und wie es ferner heißt: „Ich habe abgelöscht wie Gewölk deine Missetaten und wie Wolkendunst deine Vergehungen. Kehre zurück zu mir, denn ich habe dich erlöset“, und wie es ferner heißt: „Denn an diesem Tage entsühnt er euch, um euch zu reinigen von allen euren Sünden, vor dem Ewigen sollt ihr rein sein.“
Reinige unser Herz, daß wir mit Eifer und in Wahrheit Dir dienen. Du bist es ja, der sein Wohlwollen nicht ablenkt von den Stämmen Jeschuruns, bis an das Ende der Zeiten. An wen sollten wir uns auch wenden, da nur Du unser König bist, der uns begnadigen kann. Alljährlich läßt Du unsere Schuld dahinschwinden. So liebst Du Dein Volk Israel, und darum auch schenktest Du uns den Versöhnungstag.
Nimm auch unsern Dank, o Gott und Gott unserer Vorfahren, für das Leben, das Du bis heute uns bewahrt, für die Wohltaten, die Du bis heute uns erwiesen. Alles, was Du für uns tust, ist groß und wunderbar, wir könnten nicht genügend Dir danken, wollten wir auch täglich vom Morgen bis an den Abend Dich rühmen. Ohne Ende ist Deine Güte, und Deine Liebe hat keine Grenzen.
O Herr! Laß unsere Bitte vor Dich kommen, wenn wir gleich auf unser Recht nicht bauen können: wir wissen gar wohl, wie vielfach wir gesündigt haben.
Wir sind abgewichen von Deiner Lehre und von Deinen Vorschriften, die so heilsam für uns sind, Du freilich bist gerecht, wir aber stehen beschämt als Sünder vor Dir.
Was sollen wir sprechen vor Dir? Du wohnest in der Höhe und überschauest das All. Was sollen wir Dir mitteilen? Dein Thron ist über den Wolken. Nur vor uns gibt es Geheimes und Offenbares, Dir aber ist alles, alles bekannt.
Du kennst die Geheimnisse der Welt und kennst sie seit Ewigkeit, und ebenso die Verborgenheit, in der das kleinste Wesen lebt, Du durchforschest die geheimsten Gedanken unserer Brust, nichts ist Dir unsichtbar, kein Verbergen gibt es vor dem Auge Deiner Allwissenheit.
O Herr! Darum kennst Du auch mich, mein ganzes Wesen, mein ganzes Leben und meine Fehler und Sünden. Ich aber flehe Dich an, o vergib! Verzeihe und gewähre mir Versöhnung!
O Herr! Wie könnte ich denn Dir zu nahe treten, wie könnte ich Dich beleidigen durch meine Sünde, nur mir, meiner Veredelung und dem Heile meiner Seele kann ich schaden, denn ob ich gleich geboren bin, bin ich immer noch ein Nichts. Staub bin ich bei meinem Leben, um wie viel mehr nach meinem Tode, wenn ich nicht die Seligkeit des ewigen Lebens mir erwerbe. Beschämt und vernichtet ich vor Dir, wenn ich die Geringfügigkeit meiner Tugend mir bedenke. O, Herr! Laß meinen Willen erstarken, daß ich fortan die Sünde meide, und was ich bis jetzt verschuldet, das laß vergessen sein vor Dir. Reinige mich und läutere mich durch Deine Gnade und Verzeihung, aber, o Herr! nicht durch Prüfungen und Strafgerichte.
Verzeichne zum glücklichen Leben alle Kinder Deines Bundes.
Verzeichne uns heut, uns und das ganze Haus Israels, ins Buch des Friedens, der Nahrung und des Wohlseins.
Bewahre unsere Zunge vor trüglicher Rede und unser Gemüt vor Hochmut, segne uns mit einem willigen Herzen und einem eifrigen Geiste zur Erfüllung unsrer Pflichten, und nimm wohlgefällig auf die Worte meines Mundes und die Gedanken meines Herzens, Du, mein Fels und mein Erlöser! Amen.
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Sünden-Bekenntnis.
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Herr und Vater! Du hast den heiligen Versöhnungstag für uns eingesetzt, daß wir das Heil unserer Seele, die Vergebung unserer Sünden von Dir erlangen. Wohl weiß ich es, daß ich keine Versöhnung für mich herbeiführen kann ohne Reue und Besserung. Darum ist dieser Tag für mich eine Zeit der Selbstprüfung und des eifrigen Forschens nach dem Zustande meines innersten Wesens. So laß mich denn reuevoll das Bekenntnis meiner Sünden vor Dir aussprechen.
Was könnte es mir auch nützen, wenn ich sie verbergen oder auch nur das offene Eingeständnis derselben unterdrücken wollte! Ist Dir ja doch das Geheimste offenbar. Du schauest den verborgensten Zusammenhang aller Dinge im Weltall, und ebenso geöffnet vor Dir sind die Kammern meines Herzens, meine Taten alle und alle meine Gedanken.
Herr und Vater, ich habe gesündigt gegen Dich.
Ich habe die falschen Vorstellungen von Dir nicht in dem Maße aus meiner Seele verbannt, als ich es wohl vermocht hätte, wenn ich mit Eifer jede Gelegenheit gesucht hätte, Belehrung zu empfangen, um den Glauben zu befestigen und mich vom Aberglauben zu entfernen.
Ich habe nicht Dir allein gedient: habe mich des Götzendienstes schuldig gemacht, wenngleich ich nicht gebetet vor Holz oder Stein, denn oft habe ich mein Knie gebeugt vor dem Unwürdigen, um die Gunst der Menschen mir zu erkaufen, oft habe ich auch ein Opfer dargebracht auf dem Altar des Genusses, das Dir nicht wohlgefällig war.
Ich habe nicht Dir allein vertraut und nicht Dir über alles vertraut; denn ich gründete mein Hoffen oft einzig auf die Hilfe der Menschen und noch öfter auf meine eigene Einsicht.
Ich habe Deine Liebe nicht anerkannt, denn ich habe Deine Gaben genossen, ohne an Dich zu denken und Dir zu danken.
Ich habe Deinen Namen nicht heilig gehalten, sondern ihn leichtfertig und unnötig ausgesprochen, und so die Ehrfurcht gegen Dich verletzt.
Ich habe den Sabbat nicht immer geheiligt, und oft versäumt, ihn anzuwenden zur inbrünstigen Erhebung zu Dir im Gebete.
Ich habe Zeiten, die Dir geweiht sein sollen, zu weltlichen Geschäften verwandt, weil ich mich freuete an der Frucht meiner Arbeit und sie nicht betrachtete als ein Geschenk Deiner Gnade.
Herr und Vater! Ich habe auch gesündigt gegen meine Nebenmenschen.
Ich habe oft gefehlt in der Ehrfurcht gegen meine Eltern.
Ich habe oft die Gefühle der Dankbarkeit verleugnet gegen die, die mir wohlgetan.
(Ich bin meinen jüngeren Geschwistern nicht immer ein würdiges Vorbild gewesen.)
Ich habe mich aufgelehnt gegen die, die ein Recht auf meinen Gehorsam haben.
Ich habe die Gesetze der Obrigkeit verletzt und nicht beherzigt, daß das Heil aller gegründet ist auf den guten Willen aller, die Ordnung der menschlichen Gesellschaft zu hüten.
Ich habe mich versündigt am Leben meines Nächsten, weil ich ihn nicht gewarnt, wo Gefahr ihm drohte, so daß er einen Schaden genommen, den ich hätte verhüten können.
Ich habe oft unvorsichtig zerstört, was meinem Nächsten Freude gemacht hat.
Ich habe mich hart abgewandt von dem Hungrigen.
Ich habe dem Leidenden meine Hilfe versagt.
Ich habe die, welche mir um Lohn dienten, mit Arbeit überbürdet und ihre Schwäche nicht geschont.
Ich war mitleidslos, vielleicht auch grausam gegen Tiere.
Ich habe Sitte und Unschuld nicht immer in meinen Gedanken bewahrt.
Ich habe durch leichtfertige Reden die Unschuld beleidigt.
Ich habe eingestimmt in den Scherz, der die Sitte verletzt.
Ich habe das Eigentum meines Nächsten nicht geachtet und im Eigennutz sein Recht vergessen.
Ich habe meinen Vorteil auch da gesucht, wo er den Nachteil eines andern herbeiführte.
Ich habe dem Arbeiter seinen Lohn gekürzt und über die Gebühr ihn darauf warten lassen.
Ich habe meinen Nächsten beleidigt und durch Wort und Tat gekränkt.
Ich habe hart geurteilt über die Handlungen anderer Menschen.
Ich habe durch üble Nachrede ihrem guten Namen geschadet.
Ich habe Lästerungen gleichgültig oder wohlgefällig angehört und nicht zurückgewiesen.
Ich bin durch Übertreibung der Fehler anderer abgewichen von der Wahrheit.
Ich habe nicht Rücksicht geübt mit ihren Schwächen.
Ich habe auch ihren Taten oft falsche Beweggründe unterstellt und so den Schuldlosen verdächtigt.
Herr und Vater! Ich habe auch gesündigt gegen mich selbst.
Ich war zu selten bestrebt, meine Gedanken und meine Sitten zu veredeln.
Ich habe mein Herz nicht rein gehalten vom Neide.
Ich habe Genüge gefunden an meiner eigenen Mittelmäßigkeit.
Ich habe dennoch der Zufriedenheit zu selten Raum gegeben in meinen Empfindungen.
Ich habe oft die Stimme der Weisheit überhört und die Gesetze der Mäßigkeit nicht geachtet.
Ich habe zu viel nach irdischen Gütern gestrebt und das Heil meist in ihrem Besitze gesucht.
Herr und Vater! Alles dies habe ich getan und noch viel darüber:
Meine Wahrheitsliebe war zu gering, meine Treue zu wankelmütig, mein Mitleid zu selten und zu untätig; meine Ordnungsliebe zu lau, mein Fleiß war oft ohne Ausdauer, meine Mühe ohne Beharrlichkeit.
So habe ich selbst das Recht nur unvollständig geübt und auch vom Unrechten habe ich zu wenig mich fern gehalten.
Ich habe heuchlerisches Lob mit Wohlgefallen aufgenommen, habe der Schmeichelei mein Ohr geneigt, ich habe den Tadel gehaßt, ich habe meine Fähigkeiten überschätzt, meine Ansprüche zu hoch gestellt, meine Ehre oft zu gering gehalten; ich habe meine Bequemlichkeit zu sehr geliebt und meine Pflichten zu wenig.
Ach! ich könnte noch lange nicht enden, wäre ich imstande, meiner Fehler große Zahl vor Dir zu bekennen. Je tiefer ich in mein Inneres schaue, desto tiefer wird vor meinem Blicke der Abgrund meiner Sündhaftigkeit. Ich könnte auf Deine Milde, Allbarmherziger, nicht hoffen, wolltest Du mir vergelten nach Gerechtigkeit. Du aber wirst mich richten nach Deiner unendlichen Gnade. Wo ist ein Mensch, der fehlerlos vor Deinem Angesichte erschienen, denn: es gibt ja keinen Gerechten auf Erden, der nur das Gute tut und nicht sündigt.
Darum, Herr und Vater, nimm das Bekenntnis meiner Sünden wohlgefällig auf und schreibe mich in das Buch der Versöhnung und Vergebung.
Laß mich immer erfüllt sein von dem Streben, weiser und besser zu werden. Halte fern von mir die Versuchung, und wo sie mir dennoch entgegentritt, da gib mir Einsicht, sie zu erkennen und Kraft, ihr zu widerstehen.
Das ist mein Gebet, das ist mein Hoffen, das ist mein Vertrauen zu Dir, der Du den heutigen heiligen und ehrfurchtbaren Tag bestimmt hast, daß er ein Versöhnungstag für uns sei, denn Du hast es in Deiner heiligen Lehre ausgesprochen: An diesem Tage will ich euch versöhnen, euch zu reinigen; von euren Sünden sollt ihr vor dem Herrn rein sein. Amen.
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Beim Herausheben der Thora am Versöhnungstage.
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O Ewiger! Ewiger! Barmherziger Gott! Du bist der Allgnädige, langmütig und von unbegrenzter Huld und Treue, der seine Gnade bewahret bis ins tausendste Geschlecht, der Missetat, Abfall und Sünde vergibt und den Übeltäter losspricht.
(Dreimal.)
Herr des Weltalls! O erfülle die Wünsche meines Herzens, so sie zu meinem Heile gereichen; willfahre meinem Verlangen und erhöre meine Bitte: Vergib erbarmungsvoll alle meine Missetaten und vergib Fehl und Sünde allen, die mir nahe stehen und die ich in mein Gebet einschließe. Laß Deine Verzeihung walten über uns aus Gnade und Barmherzigkeit; laß uns rein sein von Sünde und Vergehen. Gedenke heute unser mit Wohlgefallen, erinnere Dich unser zu unserm Heile. Schenke uns ein glückliches Leben, gewähre uns Frieden, Nahrung, Zufriedenheit und sorgenfreie Befriedigung der Bedürfnisse des Lebens. Laß es uns nimmer fehlen an Brot und Kleid. Beglücke uns mit Wohlstand und Ansehen und Lebensfreude, damit es uns vergönnt sei, diese Güter anzuwenden zu Werken der Tugend, schenke uns Leben und Gesundheit, damit wir noch lange zu wandeln vermögen in den Wegen Deiner Lehre. Gib uns Weisheit und Einsicht, daß es uns mehr und mehr gelinge, einzudringen in den Plan Deiner Weltregierung. Befreie uns von den Leiden, die uns drücken und segne die Taten unserer Hände. Verhänge über uns Glück, Heil und Trost. Vernichte die Gefahren, die uns drohen, ob sie uns bekannt oder unbekannt sind. Wende immerdar das Herz unseres erhabenen Regenten zum Wohlwollen, daß nie wieder über Israel hereinbrechen die Tage des Druckes und der Erniedrigung. Also sei es wohlgefällig vor Dir, barmherziger Vater, Herr des Weltalls. Amen!
שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד׃
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Maskirbetrachtung für den Versöhnungstag.
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Der am heiligen Tage der Versöhnung gelesene Abschnitt der Thora ruft uns allen den tieftraurigen Tod der beiden Söhne des Priesters Ahron ins Gedächtnis. Sie starben vor dem Ewigen, als sie fremdes, unheiliges Feuer in das Heiligtum trugen. So wurde jenen die Stätte des Segens zum Unglücksorte, wurde dem schwergeprüften Vater das Heiligtum, seine zweite Heimat, zum Grabe seiner Kinder. So ist Menschenlos. Wo wir Glück erhoffen und erträumen, erwächst oft Unheil. Die Unerforschlichkeit göttlicher Bestimmung wird uns oft genug erwiesen. Wir stehen stumm und sprachlos, gleich Ahron, vor dem Grabe köstlichster Habe. Das ist Menschenschicksal. Wenn der Hohepriester am Tage der Versöhnung das Heiligtum zu verlassen sich anschickte, war eines seiner andächtigen Gebete: „Möge es Dir wohlgefallen, o Herr, daß den Bewohnern Sarons ihre Häuser nicht zu ihren Gräbern werden.“ Saron, das ist jener liebliche Landstrich des heiligen Landes, der berühmt ist durch die Schönheit und Üppigkeit seiner Fluren; dessen Rosen und Lilien farbenprächtig prangen, köstlich duften. Die Lilie von Saron zierte die jüdische Jungfrau. Kein Jahr jedoch verstrich, in welchem dieses gesegnete Erdreich nicht seine Opfer forderte. Nur an der Oberfläche war der Boden dieser rosengeschmückten Gefilde lieblich und schön. Aus der Tiefe drohten Tod und Verderben. Erderschütterung und die Wühlarbeit unterirdischer Gewässer machten Sarons Ebene zur Schreckenstätte. Die sonst beneidenswerten Bewohner waren von furchtbarer Gefahr bedroht.
Ein anderes Saron ist unser Leben, sind die Gefilde und Triften unseres Strebens und Wirkens, die Stätten unserer Wohnungen und Familienhäuser. Leben, blühendes Leben soll ihnen entsprießen. Wie fruchtbares Erdreich sollen sie sein, in das wir kräftiges Saatkorn senken, um freudig Garben binden und heimwärts tragen zu können. Unseren Häusern erwachsen in Töchtern und Söhnen liebliche Rosen, duftige Lilien. Rein wie die Lilie, keusch und lauter ist des Kindes Unschuld, wie die Rose voll Seelenduft, aber auch ebenso zart und empfindlich. Ihnen schadet die Kälte, scharfer Windhauch des Herbstes. Sie verlangen Wärme und Wacht, auf daß die Töchter und Söhne dem Judentume treu und lebendig bleiben. Der geweihte Boden des Hauses, wo Mütter und Väter sorgen und hüten, ist die Ursprungsstelle jüdischer Frauen und Männer. Hier müssen den zarten Wurzeln Triebkräfte zugeleitet werden, damit die Blumen sich entfalten und nicht vorzeitig welken und sterben. „Möchten doch unsere Häuser nicht zu unseren Gräbern werden.“ Dieses ist unser heißes Flehen in dieser heiligen Stunde, in welcher wir derjenigen wehmutsvoll gedenken, die in den Gräbern ruhen. Ihnen war das Haus verheißungsreiche Pflegestätte edelster jüdischer Tugend, biblischer Kraft, patriarchalischen Geistes. In ihrer Wohnung gediehen Lilien inniger Frömmigkeit, Rosen ungetrübter Seelenfreude, Herzensruhe, Gottergebenheit. Und ihnen erwuchsen in Töchtern und Söhnen verläßliche Glaubensschwestern, Glaubensbrüder.
In sich trugen sie die Bürgschaft für neues Leben. Nie ward ihr Haus ihr Grab. Lasset uns ernstlich Sorge tragen, daß unsere Häuser den drohenden Erschütterungen der Erde nicht zum Opfer fallen, kein wühlendes Gewässer sie zerstöre, Schuld und Sünde die Bewohner nicht dem Tode weihe. So beten wir mit dem Priester andächtig und inniglich: „Möge es Dir wohlgefallen, o Herr, daß unsere Häuser nicht unsere Gräber werden.“
(Siehe [„Totenfeier“] am Schlusse des Buches).
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Gebet zu Mussaph am Versöhnungstage.
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Was können wir denn tun, Herr und Vater, um der Gnade würdig zu sein, um die wir Dich anflehen. Der sichtbare Wohnsitz Deiner Herrlichkeit, der heilige Tempel zu Jerusalem, ist nicht mehr das Ziel unserer Wallfahrt; der Hohepriester betritt nicht mehr das Allerheiligste und sprengt nicht mehr das Blut der Entsündigung an die Wände des Altars. Der Sündenbock wird nicht mehr, beladen mit der Schuld des Volkes Israel, in die Wüste gesandt, und die Flammen des Opfers lodern nicht mehr auf dem Altare.
Wohl weiß ich es, Herr und Vater, daß Du das alles heute noch nicht von uns begehrst, und daß Du darum selbst in Deiner erhabenen Majestät nicht aufgehört hast, in der Mitte der Deinen zu thronen, wo sie zu Deinem Dienste sich versammeln an allen Enden der Erde. Du selbst hast es ausgesprochen: „Und ich werde gedenken des Bundes, den ich mit ihren Vorfahren geschlossen, welche ich aus Ägypten geführt habe vor den Augen aller Völker, ihnen ein Gott zu sein, ich, der Ewige.“ Du selbst hast uns die Versicherung gegeben: „Auch alsdann, wenn sie sein werden im Lande ihrer Feinde, werde ich sie nicht verwerfen und verstoßen, sie nicht vergehen lassen, so daß ich meinen Bund mit ihnen zerstöre, denn ich bin der Ewige, ihr Gott.“ Auch für uns gilt das Wort, das Du durch Deinen Propheten verheißen: „Wenn eure Sünden auch wie Purpur sind, weiß wie Schnee sollen sie werden.“
Und so weiß ich es, daß Du auch uns die Mittel gegeben hast, Deine Gnade zu erwerben. Auch uns ist es nicht versagt, Dir Opfer zu bringen, die Dir wohlgefällig sind. Wenn wir in aufrichtiger Buße unsere Sünden bereuen und Dir geloben, mit allen unseren Kräften die Versuchungen zu bekämpfen und die Fehler zu meiden, wenn wir in inbrünstigem Gebete zu Dir uns wenden allezeit, und wenn wir, eingedenk Deiner unendlichen Güte und Barmherzigkeit, wiederum gütig und hilfreich sind gegen unsere Nebenmenschen, so oft sie unseres Beistandes bedürfen: das alles, Herr, ist wohlgefällig aufgenommen in Deinen Augen, das steigt auf zum Throne Deiner Herrlichkeit wie der liebliche Duft des Weihrauchs vom Altare. Amen!
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Unsere Opfer.
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Wenn auch nicht mehr der Opferduft
Entsteiget den Altären,
Wir können Opferfreudigkeit
Dir dennoch, Herr, bewähren:
Des Herzens sündige Begier,
Die bringen wir zum Opfer Dir.
O Herr, laß von uns allen
Solch' Opfer Dir gefallen!
Und kann der Priester nicht für uns
Das Heiligtum betreten,
Wir können selbst im Heiligtum
Zu uns'rem Schöpfer beten.
Im Gotteshaus mit Lobgesang
Bekunden wir des Herzens Drang.
O Herr, laß von uns allen
Solch' Opfer Dir gefallen!
Und können wir zum Opfertier
Auch keine Gaben spenden,
Auf daß wir unsere Sündenlast
Zum Wüstenfelsen senden.
Wir wollen uns're Gaben weih'n
Dem Dürftigen ein Trost zu sein.
O Herr, laß von uns allen
Solch' Opfer Dir gefallen.
Das können nur die Opfer sein,
Die wir zu bringen haben:
Die wahre Buße, das Gebet
Und milde Liebesgaben.
So suchen wir des Schöpfers Huld,
So sühnen wir der Sünde Schuld.
O Herr, laß von uns allen
Solch' Opfer Dir gefallen!
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וּנְתַנֶּה תֹּקֶף
Unthanne tokef.
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Erwäge nun, mein Geist, die Heiligkeit
Des Tages heut, erwäge seine Größe!
Denn mächtig ist er, furchtbar und erhaben.
Heut tust Du, Herr! uns Deine Herrschaft kund.
Der Weltregierung Herrscherstuhl errichtet
Hast Du vor uns, aus Gnade ihn begründet
Und thronest d'rauf im Himmelsglanz der Wahrheit.
Ja, Wahrheit ist's, daß Du ein Richter bist,
Der nimmer irren kann; Allwissenheit
Macht Dich zugleich zum Geber des Gesetzes,
Zum Zeugen und zum unfehlbaren Richter.
Geschrieben und gezählt von Deiner Hand,
Besiegelt auch sind alle uns're Taten, —
Die wir vergessen, sind von Dir gedacht.
Heut schlägst das Buch Du der Erinn'rung auf,
Und siehe! Alles deutlich d'rin zu lesen,
Als wär's von uns'rer eigenen Hand verzeichnet,
Da tönet mächtig der Posaune Schall,
Und sie verhallt in feierlicher Stille,
Und zitternd eilt herbei der Engel Schar,
Sie laden zum Gericht und rufen aus:
„Erschienen nun ist des Gerichtes Tag!
Herbei, ihr Himmelsscharen! eilt herbei!“
Denn sie auch sind nicht fehlerlos vor Dir.
Und die Geschöpfe alle zieh'n vorüber
Vor Deinem Angesichte, wie eine Herde.
So wie der Hirte, musternd seine Schafe,
Sie läßt dahinzieh'n unter seinem Stabe,
So musterst Du, so leitest Du und zählest
Die Seelen der Lebend'gen, alle, alle;
Das Ziel bestimmst Du jedem Deiner Wesen,
Verzeichnest ihr Gericht, wie Du's verhängst.
Am Neujahrstage, da wird's aufgeschrieben
Und am Versöhnungstage wird's beschlossen:
Wie viel der Wesen aus dem Leben scheiden,
Wie viel zur Welt gerufen werden sollen,
Wer leben soll und wer zum Tode eingeh'n,
Wer da sein Ziel erreichen, wer verfehlen.
Und wen die rohen Kräfte der Natur,
Wen Schwert und Krankheit oder Hungersnot
Als ihre Beute sich erwählen werden,
Und wessen Anteil wird der Frieden sein.
Wer unstät irren müsse durch das Leben,
Wer Freudigkeit, wer Trübsal finden soll,
Wer wandeln soll im Segen oder Mangel,
Und wer erniedrigt, wer erhöhet werde;
aber
Reue, Gebet und Liebeswerke
lassen das böse Verhängnis vorübergehen.
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Denn wie Dein Name, so ist auch Dein Ruhm,
Bist schwer erzürnt und leicht geneigt zur Milde,
Du willst nicht, daß der Todesschuld'ge sterbe,
Du willst, daß er bereue, daß er lebe,
Du harrst auf ihn bis auf den Tag des Todes
Und nimmst ihn auf, so er zu Dir sich wendet.
Führwahr! Du bist der Schöpfer aller Menschen,
Kennst ihre Triebe, — sie sind Fleisch und Blut. —
Der Mensch ist Staub und kehrt zurück zum Staube,
Wenn mühsam er das Leben hingebracht.
Er ist zerbrechlich, gleich dem ird'nen Scherben,
Dem dürren Grase gleich, der welken Blüte,
Dem Schatten gleich, der stumm vorüberzieht,
Der Wolke gleich, die sich als Nebel löset.
Wie Wind dahingeht, wie der Staub verfliegt,
So fliegt er hin, vergänglich wie ein Traum.
Du aber bist König, Gott, der Lebendige, der Bestehende in Ewigkeit!
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סֵדֶר עֲבוֹדָה
Der Hohepriester am Versöhnungstage.
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Glanzvoll und weihevoll, prächtig und erhebend war die Feier des Versöhnungstages in jenen Zeiten, da der Hohepriester noch seinen heiligen Dienst im Tempel zu Jerusalem verrichtete. Der Opferdienst des Hohenpriesters am Versöhnungstage bot dem in Andacht und feierlicher Stimmung erregten Volke das sichtbare Kennzeichen der Entsündigung dar. Der Hohepriester war der Größe seiner Aufgabe sich bewußt und alle Voranstalten zur würdigen Lösung derselben entsprachen der hohen Heiligkeit des Tages.
Entsprossen aus dem Hause Aharons, und durch diese seine Abstammung zum Priesteramte befähigt, sollte dennoch zu dem Vorzuge seiner Geburt der seiner eigenen Würdigkeit sich gesellen. Darum unterzog er sich gern allen Förmlichkeiten, die darauf abzielten, ihn zur Weihe des Tages vorzubereiten.
Sieben Tage vor dem Versöhnungstage sonderten die Ältesten den Hohenpriester von den übrigen ab, wie einst Aharon bei seiner Weihe. Man besprengte ihn mit dem Wasser der Entsündigung, dann machte er selbst die Sprengungen und Räucherungen und übte sich aufs beste in allen Verrichtungen seines Dienstes.
Alte, angesehene und weise Männer bildeten ausschließlich seine Umgebung und füllten seine Zeit mit Belehrungen und Ermahnungen aus. Am neunten Tage des Monats Tischri wurden die für den Sühnetag bestimmten stattlichen Opfertiere an ihm vorübergeführt. Um die Zeit des Sonnenunterganges durfte er nur spärliche Speise zu sich nehmen, und die Greise seines Stammes beschäftigten ihn mit Unterweisungen und lehrreichen Gesprächen, um ihn bis Mitternacht wach zu erhalten. Alsdann beeilten sich die Priester, die Asche vom Opferaltar und vom goldenen abzuräumen, um welche Verrichtung viermal gelost wurde.
Sobald der Späher auf der Warte den Anbruch des Morgens verkündete, spannten sie eine Byssusdecke aus, um den Priester zu bergen. Er entkleidete sich, badete, legte die Goldgewänder an, wusch Hände und Füße und schlachtete das tägliche Morgenopfer, fing das Blut auf und sprengte es.
Nachdem er das ganze tägliche Opferwerk vollbracht hatte, wurde abermals eine Byssusdecke vor ihm ausgespannt. In einem besonderen Gemache im Heiligtum, der Kammer des Parwah, nahm er abermals Bad und Waschungen vor und bekleidete sich mit kostbaren weißen Gewändern von Pelusischem Byssus. Er trat alsdann hervor, legte seine Hand auf den bereitstehenden Opferfarren, bekannte seine Sünden und sprach:
„O, mein Gott! Ich habe gesündigt, gefehlt, gefrevelt vor Dir, ich und mein Haus. O, bei Deinem heiligen Namen rufe ich: Vergib die Sünden, Fehle und Frevel, durch die ich gesündigt, gefehlt und gefrevelt habe vor Dir, ich und mein Haus, wie geschrieben steht in der Lehre Moses, Deines Knechtes, aus dem Munde Deiner Herrlichkeit: „Denn an diesem Tage wird er euch sühnen, euch zu reinigen von euren Sünden vor dem Ewigen“.
Der Priester aber und das Volk, das in der Vorhalle stand, wenn sie vernahmen den ehrwürdigen und erhabenen Gottesnamen, wie er klar und deutlich gesprochen aus dem Munde des Hohenpriesters kam in Weihe und Reinheit, knieten nieder und bückten sich, bekannten ihn und fielen auf ihr Angesicht und sprachen: „Gelobt sei der Name seines herrlichen Reiches in Ewigkeit“.
Und auch er (der Hohepriester) wußte es also einzurichten, daß er den Namen des Ewigen aussprach im Augenblicke der Benedeiung[[2]] und fügte alsdann hinzu: „sollt ihr rein sein“. Du aber, Gott in Deiner Huld, ließest Deine Barmherzigkeit rege werden und gabst Verzeihung Deinen Frommen.
[2] Absatz 3, Schluß.
Alsdann schritt der Priester an die Morgenseite der Vorderhalle. Dort standen die beiden, durch Gestalt und Ähnlichkeit gepaarten Opferböcke, die zum eigentlichen Entsündigungsopfer am Versöhnungstage bestimmt waren. Dieselben waren aus den Mitteln der Gemeinde angeschafft. Der Priester nahete ihnen, um mit ihnen zu verfahren, wie es im Gesetze des Herrn (3. Buch Mose, Kap. 16) vorgeschrieben ist. Er zog das Los und verkündete laut nach demselben die Bestimmung der beiden Böcke, welcher von ihnen zum Sündopfer dargebracht und welcher nach der Wüste gesandt werden sollte, kehrte alsdann zu seinem Opferfarren zurück, bekannte abermals seine Sünden vor Gott und die seines Stammes, und Volk und Priester stimmten ein nach voriger Weise:
„Du aber, Gott, in Deiner Huld, ließest Deine Barmherzigkeit rege werden und gabst Verzeihung dem Stamme Deiner Diener.“
Nun erst schlachtete er den Farren, beschritt das Allerheiligste, ließ daselbst eine Weihrauchsäule aufsteigen aus goldener Schale, und sprengte mit seiner Hand, zwischen den Stangen der Bundeslade stehend, von dem Blute des Opfers, einmal nach oben und siebenmal nach unten.
Dann kehrte er zurück, schlachtete auch den zum Sündopfer bestimmten Ziegenbock und nahm die Sprengungen vor wie mit dem Blute des Farren. Also geschah es im Allerheiligsten.
Hierauf kehrte der Hohepriester zu dem noch lebenden Ziegenbocke zurück und bekannte, auf denselben seine Hand legend, die Verirrungen des Volkes und seine wissentliche Schuld. Wiederum schloß er das Sündenbekenntnis mit den Worten: „vor dem Ewigen“, wiederum fiel alles Volk auf das Angesicht und alle sprachen: „Gelobt sei der Name seines herrlichen Reiches in Ewigkeit“, und der Priester fügte hinzu: „sollt ihr rein sein“. „Du aber, Gott, in Deiner Huld, ließest Dein Erbarmen rege werden und gewährtest Verzeihung der Gemeinde Jeschuruns“.
Nun entsandte er den Sündenbock durch den dazu bestellten Boten in die felsige Wüste, die Sündenmakel des Volkes in die Öde zu tragen. Von einer Felsenzinne ward er hinabgeschmettert und sein Gebein zertrümmert. Der Hohepriester verbrannte die Reste der Opfertiere, las alsdann mit lauter Stimme die Ordnung des Tages aus der Thora vor und legte die goldenen Gewänder an. Dann brachte er den für ihn und den für das Volk bestimmten Widder dar und opferte die Fettstücke des Sünd- und Mussaf-Opfers in üblicher Weise. Aufs neue mit den leinenen Gewändern bekleidet, trat er in das Allerheiligste, holte die Rauchergerätschaften, die er beim ersten Eintritt zurückgelassen hatte, heraus, vertauschte alsdann nochmals mit den Goldgewändern die Leinengewänder, die nun für immer beiseite gelegt wurden. Nun brachte er noch das tägliche Abendopfer dar, räucherte und zündete die Lichter auf dem heiligen Leuchter an. Zum Schluß des Dienstes wusch er Hände und Füße. Fünfmal hatte er gebadet und zehn Waschungen hatte er vorgenommen.
Seine Gestalt strahlte in lichter Herrlichkeit, wie die Sonne in ihrer Majestät. Frisch und fröhlich legte er nun die eigenen Kleider an, und die ganze Schar der Andächtigen geleitete unter Jubel in feierlichem Aufzuge den treuen Hirten heim in seine Wohnung.
Einen Festtag und ein Freudenmahl bereitete der Hohepriester allen seinen Freunden, wenn er in Frieden hereingezogen und in Frieden herausgekommen war aus dem Heiligtum.
Und also lautete das Gebet des Hohenpriesters am Sühnetage, wenn er wohlbehalten und ohne Unfall zurückgekehrt war aus dem Allerheiligsten:
„Es sei Dein Wille, unser Gott, und unserer Väter Gott, daß dieses Jahr, das für uns und ganz Israel nun anhebt, ein Jahr sei, in dem Du Deinen Segensschatz uns auftust, ein Jahr der Fülle, des Segens und heilvoller Verhängnisse, ein Jahr des Getreides, Mostes und Öles, ein Jahr des Gedeihens, Gelingens und des Bestandes, ein Jahr des Vereinens in Deinem Heiligtum, ein Jahr des Überflusses und des glücklichen Lebens, ein Jahr des Regens und der Sonnenwärme, ein Jahr der süßen Früchte, ein Jahr der Sühne all unserer Sünden, ein Jahr der Blüte für Verkehr und Gewerbe, ein Jahr der Förderung der Gottesfurcht und Tugend, ein Jahr des Friedens und der Ruhe, ein Jahr, in dem der Starke nicht den Schwachen bedrücke, ein Jahr, in dem der eine nicht die Mildtätigkeit des andern bedürfe, ein Jahr, in dem Dein Volk Israel glücklich und ungefährdet wohne unter den Völkern, ein Jahr, in dem Du Gedeihen gebest jeglichem nützlichen Schaffen unserer Hände.“ Und für die Bewohner des Tales Saron betete er noch: „Es sei Dein Wille, o Gott, daß ihre Häuser nicht ihre Gräber werden.“
Herrlich über alles war der Anblick des Hohenpriesters, wenn er wohlbehalten zurückkehrte aus dem Allerheiligsten:
Gleich dem blauen Himmelszelte,
Wolkenlos und frei und licht,
War des Priesters Angesicht.
Gleich dem Blitze, der als Feuer
Glühend durch die Wolken bricht,
War des Priesters Angesicht.
Gleich dem Bogen, bunt sich wölbend
Durch der Lüfte höchste Schicht,
War des Priesters Angesicht.
Gleich der Rose, die da pranget
Unter Blumen, hold und schlicht,
War des Priesters Angesicht.
Gleich dem Diadem des Königs,
Das den Blick mit Macht besticht,
War des Priesters Angesicht.
Gleich dem Bräut'gam, der die Liebe
Preist im herrlichsten Gedicht,
War des Priesters Angesicht.
Alles dies war also, als der heilige Tempel noch auf seinen Festen ruhete und der Hohepriester des Dienstes waltete. Heil dem Auge, das dies alles geschaut!
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Gebet zu Mincha am Versöhnungstage.
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Herr und Vater! Das Ziel unserer Sehnsucht und unsere Bitte am heutigen Tage ist Deine Gnade und Dein Erbarmen, Deine Milde und Deine Freundlichkeit. Wir haben diese Bitte schon vielfach vor Dir ausgesprochen, und hoffen, daß Du liebend sie gewähren wirst. Wohl aber wäre es einseitig und fehlerhaft, wenn wir bei all diesen Gaben nicht bedenken wollten, daß wir für ebendieselben Dir schon längst auch zu danken haben. So möge sich denn auch mein Blick heut rückwärts wenden auf die Tage, die vergangen sind, so daß ich bei diesem Rückblick nicht mich betrachte, sondern Dich, Herr, Deine ganze Liebe und Barmherzigkeit, daß meine Seele auch auf dem Altar des Dankes Dir opfere, die beste Spende meiner innigsten Empfindung, das herzlichste Wort meines jubelnden Mundes.
Ja Du, Herr, bist ein Gott der Liebe! Was wäre ich ohne Dich!
Ich habe nicht nötig, um Deine Wunder zu rühmen, aufzuschauen zur strahlenden Sonne, die die Welt erleuchtet, ich habe nicht nötig, mich zu vertiefen in die Tage der Vorzeit, um Dich als den Wohltäter der Menschheit zu preisen, ich habe nicht nötig, mit meinem Blicke die Oberfläche des Erdballs zu durchmessen, um die unzähligen Zeugen zu finden, die von Dir lehren, daß Du der allweise, allgütige Ernährer aller Wesen bist. Ich kehre nur mit meinen Gedanken zurück in den engen Kreis meines eigenen alltäglichen Lebens, und vermag auch da nicht Deine Wohltaten zu zählen, die unendliche Größe Deiner Liebestaten zu überschauen.
Wenn früh am Morgen der Schlaf von meinem Auge weicht, und ich gesund an Leib und Seele von meinem Lager mich erhebe, dann frage ich mich: Wer hat für mich, wer hat über mir gewacht? Habe ich selbst das neue Leben mir zurückgerufen, habe ich selbst mein Auge ausgerüstet mit Kraft, das Bild der Außenwelt in meine Seele zu führen, habe ich selbst meinem Ohre das Reich der Laute eröffnet, habe ich selbst mich behütet vor jeglicher Gefahr, die ungeahnt und unbewußt dem menschlichen Geiste, im Verborgenen weilen kann? Nein, mein Gott, Dir sei Dank! Das hast Du getan, was wäre ich ohne Dich!
Und wenn ich an mein Tagewerk schreite und meiner Hand die rüstige Kraft nicht fehlt, die nützliche Pflicht zu üben, und mein Geist das Urteil anwenden kann, das er gewonnen in tausend Dingen, und lauter kleine Freuden meiner warten, die ein jedes Gelingen und gutes Vollbringen in ihrem Gefolge führen, dann frage ich mich: Wer hat das alles mir vergönnt? Habe ich der Gesundheit gebieten können, daß sie meinen Leib nicht verlasse? Habe ich meiner Seele befohlen, daß sie nicht zurückbleibe hinter den Anforderungen der Einsicht und des Verstandes? Habe ich selbst mein Herz von den Abwegen bewahrt, daß es fähig bleiben konnte, die Süßigkeit vollbrachter Pflicht zu empfinden?
Nein, mein Gott, Dir sei Dank! Das hast Du getan, was wäre ich ohne Dich!
Und wenn ich mich umschaue im Kreise all der lieben Meinigen, wenn mein Herz tausendfach die Seligkeit empfindet, sie zu besitzen, wenn sich die Liebe und Zärtlichkeit (meiner lieben Eltern und Geschwister) (meiner lieben Kinder) (meines teuern Gatten) hundertmal mir bewährt, dann frage ich mich: Wer hat diese Güter mir geschenkt? Habe ich selbst das alles erworben? Habe ich selbst durch meine Weisheit und Tugend die Wonne verdient, Liebe zu genießen und Liebe zu fühlen?
Nein, mein Gott, Dir sei Dank! Das hast Du mir geschenkt, was wäre ich ohne Dich!
Und so sei denn, Herr und Vater, die Anerkennung des innigsten Dankes eines von den Opfern, die mein Herz Dir am heiligen Tage der Versöhnung darbringt!
Das soll mir die Heiligkeit des Tages erhöhen, daß ich selbst dazu beitrage, das Werk der Versöhnung zu vollziehen in dem Teile, der in meiner eigenen Macht liegt. Versöhnt will ich sein mit meinem Schicksale, daß ich nicht fürder ungerecht mit ihm rechte.
Die Unzufriedenheit sei aus meinem Herzen verbannt, und die Freude an Deinen Gaben ziehe an ihre Stelle. Für Sünde will ich es halten, wenn ich das Gute genieße, stets das Bessere zu verlangen. Wo hätte sonst menschliches Wünschen und Begehren ein Ziel? Der Besitz der höchsten irdischen Güter wird gleichgültig, wenn er alltäglich wird, und der Genuß der friedlichen Alltäglichkeit hat ewig neue Reize, so ich alles herzuleiten weiß aus Deiner Liebe, mein Gott.
Nur vor Unglück und Torheit, vor Sünde und Schande bewahre Du mich, o Herr!
O nimm nun meines Herzens Dank
Für jede Gnadengabe,
Die ich, o Herr, mein Leben lang
Von Dir empfangen habe.
Dies sei es, was die Heiligkeit
Mir dieses Tages kröne,
Daß mich mein Dank — Dir, Herr, geweiht —
Mit dem Geschick versöhne.
Zufriedenheit, es sei dein Platz
Im Herzen mein, im Innern;
Die Liebe Gottes ist mein Schatz.
Des will ich mich erinnern,
Und wachen will ich, daß der Neid
Nie Deine Macht verhöhne,
Daß mich Dein Geist, Zufriedenheit,
Stets mit mir selbst versöhne.
Das Gottvertrauen sei mein Glück!
Und freudig Gott zu loben,
Das sei mein Stern, zu dem mein Blick
Im frohen Dank erhoben.
Der leuchtet mir in Lieblichkeit,
In wunderbarer Schöne,
Er glänzt mir, daß ich jederzeit
Mich mit der Welt versöhne. Amen!
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נְעִילָה
Vor Sonnenuntergang am Versöhnungstage.
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Herr! o Gott! schon sinkt die Sonne,
Und es wendet sich der Tag,
Und noch steh'n wir hier und beten,
Wie's die schwache Kraft vermag!
Noch einmal im Staube flehen
Wir, o Herr! um Deine Huld,
Gnadenreicher! o versöhne,
Mach' zunichte uns're Schuld.
Noch einmal, bevor wir scheiden,
Sei vor Dir das Knie gebeugt
Und der Blick zu Dir erhoben,
Herr, bevor der Tag sich neigt.
Dieses Tages kurze Stunden
Waren reich und inhaltvoll,
Und sie brachten, was der Seele
Sabbatfeier bringen soll:
Demut, Glauben, Trost und Hoffen
Und der Tugend neuen Mut,
Und Erkenntnis manches Fehlers,
Der verborgen in uns ruht.
Und der Dünkel ist verronnen,
Und des Stolzes Stimme schweigt,
Und der Hochmut sank hernieder,
So, wie jetzt der Tag sich neigt.
Ja, wir haben uns're Blicke
In die Herzen tief versenkt
Ach, da haben tausend Dinge
Vor die Seele sich gedrängt:
Kummer, Sorgen, Gram und Schmerzen,
Alles, was das Herz bedrückt,
Und wir haben die Gebete
Hoffnungsvoll zu Dir geschickt.
Und es hat in dem Gemüte
Sich die Zuversicht erzeugt:
Daß, o Herr! nie Dein Erbarmen
Schwindet, wie der Tag sich neigt.
O verlösche, o vernichte
Was das Herz uns noch bedrängt,
Heute hat es all sein Sehnen,
Vater, nur zu Dir gelenkt;
Dich gesucht in diesem Hause,
Ja, mein Gott! das haben wir,
Und wir waren eng vereinigt,
Du bei uns, und wir bei Dir,
O, wir sah'n, daß zu den Deinen
Gern Dein Geist herniedersteigt,
Und wir fühlen Deine Nähe
Jetzt noch, da der Tag sich neigt.
Doch, o Herr, wo eine Seele
Noch in ihrem Schmerze weilt,
Wo noch eine Herzenswunde
Nicht des Tages Macht geheilt,
Wo noch nicht der Himmelsfrieden
In die Brust sich eingesenkt,
Wo ein Geist noch unbefriedigt
Traurig seines Kummers denkt,
O, da sende, Gott der Liebe,
Dem Gemüte, tief gebeugt,
Deinen Trost und Deine Gnade
Jetzt noch, da der Tag sich neigt.
Laß versöhnt den Gramerfüllten
Mit dem Schicksal wieder sein,
Daß der Hoffnung Sonnenschimmer
Strahle ihm ins Herz hinein,
Daß er mit Vertrauen richte
Mutvoll auf den freien Blick,
Daß die Kraft ihm wiederkehre
In den matten Geist zurück,
Daß er ferner nicht mehr meine,
Von des Harmes Last gebeugt,
Daß der Tag der Lebensfreude
Sich für immer ihm geneigt.
Laß versöhnt den Schuldbewußten,
Gnäd'ger Gott, von hinnen geh'n,
Laß der Tugend Kraft in Fülle
Wiederum in ihm ersteh'n,
„Nicht verloren, nicht verstoßen
Bin ich“, das sei sein Gefühl,
„Mir auch gibt ein neues Streben
Mit der Unschuld gleiches Ziel,
Fühl' ich's doch, daß nicht die Stimme
Des Gewissens in mir schweigt,
Heute bin ich neu geboren,
Jetzt schon, da der Tag sich neigt“.
Laß versöhnt den Zweifler scheiden,
Vater, aus dem Vaterhaus,
Daß er gehe — Gott im Herzen —
Wieder in die Welt hinaus.
Wenn Dein Wesen ihm, Dein Walten
Immer auch ein Rätsel war,
Nicht ergründen, nein! empfinden
Laß' es ihn unmittelbar.
Hier, im Kreise all der Deinen,
Fühlt das Herz sich überzeugt:
Du, im Himmel und auf Erden,
Bist's, vor dem der Tag sich neigt.
Laß versöhnt den Bruder eilen
Zum verkannten Bruder hin:
„Reiche, Freund, mir Deine Rechte.
Weil ich nicht dein Feind mehr bin,
Laß uns wandeln eine Straße,
Laß uns gehen Hand in Hand,
Einigkeit und Lieb' und Frieden
Sind der Menschheit schönstes Band,
Laß den Hader nimmer währen,
Bis empor die Sonne steigt,
Laß ihn schwinden und vergehen
Stets, bevor der Tag sich neigt“.
Laß uns nimmer, nimmer weichen
Einen einz'gen Schritt von Dir,
Wenn wir Dich im Herzen haben,
Sind wir glücklich für und für;
Laß zurück uns freudig blicken
Auf des Lebens Wechselzeit,
Wenn wir an der Pforte stehen,
Einzugeh'n zur Ewigkeit;
Wenn in Ruf: „Der Herr ist einzig!“
Uns're Lippe noch bezeugt,
Daß noch dann auf Dich wir hoffen,
Wenn der letzte Tag sich neigt.
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Owinu malkenu.
(Siehe [Seite 122].)
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Zum Schluß des Versöhnungstages.
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Herr und Vater! Der heilige Tag ist vorüber! Dank Dir für die Andacht, die mein Herz gelabt! Dank Dir für die Erhebung, die mein Geist gefunden, und für die Hoffnung, die meine Seele gestärkt hat. Laß mich noch einmal das heilige Bekenntnis vor Dir aussprechen:
שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד׃
בָּרוּךְ שֵׁם כְּבוֹד מַלְכוּתוֹ לְעוֹלָם וָעֵד׃
(dreimal.)
יְהֹוָה הוּא הָאֱלֹהִים
(siebenmal.)
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