Gebet.
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An der Stätte wehmütiger Erinnerungen sind wir versammelt, und lebendig treten uns geliebte Gestalten entgegen, deren liebevolle Nähe wir schmerzlich vermissen. Wir haben viele hierher begleitet, mit denen wir gern gewandelt sind, bis wir zu diesem Orte hin den letzten Gang mit ihnen gemacht haben; erst dann werden wir mit ihnen wieder vereinigt, wenn auch uns die letzte Erdenstunde geschlagen hat. Manches teure Haupt ruht hier, das Gedanken voll Ernst in sich gehegt, mit Hingebung für uns gesorgt und gewirkt hat, und Herzen sind hier vergraben, die bis zu ihrem letzten Hauche in Zärtlichkeit und Wohlwollen sich für uns bewegt haben. Hier schweigen die Lebenskämpfe; auch die Mühseligkeiten finden hier ihr Ende, auch die Eitelkeit hier ihr Grab. Was den Menschen an die Sinnlichkeit und die Selbstsucht fesselt, das ist der Vergänglichkeit preisgegeben; ein wenig Staub, das ist der Überrest seines irdischen Teiles. Aber der Geist, der hienieden schon das Unendliche umfaßt, der hienieden schon über Zeit und Raum sich erhebt, er verwest nicht hier, das liebende Herz, welches seinen Reichtum auf andere überträgt, welches überfließend in der Teilnahme und im Wirken für andere lebt, es ist nicht tot. Aus dem Frieden der Gräber tönt es hervor: was irdisch war an uns, das ist der Erde zurückgegeben, aber der Geist ist unsterblich, die Liebe ist unendlich, ewig. Die Stimme der im hiesigen Leben uns Teuern rufen uns zu aus den Wohnungen der Verklärten: nicht der finstern, dahinbrütenden Trauer ergebt euch, weil wir von euch geschieden sind; wir sind dem Rufe des ewigen Geistes, des Vaters der Liebe, gefolgt, sein Geist wird auch über euch wachen, seine Liebe auch euch beschützen. Lernet aber hier, dem Geiste und der Liebe, der Wahrheit und der tätigen Fürsorge für die Gesamtheit, dem Ewigen und dem Allgemeinen eure Kräfte zu widmen; es ist das Einzige, das die Brücke bildet zwischen dem Leben hienieden und dem in der Ewigkeit, es allein füllt die Kluft aus, welche das Grab öffnet. Säet Liebe aus, und die Frucht wird euch werden; es heilen die eigenen Wunden, wenn wir anderer Wunden zu heilen bemüht sind.
Ja, mit Ruhe und Ergebung wollen wir zu euren Gräbern hinwandern, die ihr im Leben uns nahe gestanden und Lieblichkeit auf unseren Pfaden verbreitet habt. Im Geiste sind wir noch verbunden, für die Liebe gibt es keine Trennung; die Selbstsucht aber wollen wir bannen, und die Stimme, die den Genuß bejammert, der uns durch euch geworden ist, wollen wir zum Schweigen bringen. Ein edles, reines Band umschlingt uns auch heute noch, und euer Andenken möge uns stärken und erquicken in den Kämpfen des Lebens, auf daß wir in Redlichkeit und mit reichen Gaben des Geistes das Leben durchwandern, bis uns einst des Sieges und des Friedens Palme weht. Dort leben wir dann vereint in den Geistesräumen, wo, wie hier, ein ewiger Vater uns alle beschirmt. Amen!
(Die einzelnen verfügen sich an die Gräber ihrer Angehörigen oder Freunde und verrichten dort ihre Gebete.)
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