An dem Grabe der Eltern.

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An dein Grab trete ich, lieber Vater (liebe Mutter), deine teuern Züge treten mir vor die Seele, deiner Liebe gedenke ich lebhaft. Deine zärtliche hingebende Sorgfalt gegen mich hat mich während deines Lebens so treu geführt, und im gegenwärtigen Augenblick erinnere ich mich so vieler Beweise deines unerschöpflichen Wohlwollens, deiner Güte und Freundlichkeit gegen mich. Nicht immer erkennt das Kind bei Lebzeiten seiner Eltern genügend diese reiche Liebe an, die unermüdete Tätigkeit, mit der die Eltern wachen und sorgen, nicht genügend beweiset es ihnen Dank und Erkenntlichkeit. Auch ich habe dich wohl zuweilen, geliebte Seele, betrübt, selbst in den Jahren der Reife, auch ich mag nicht immer deinen Erwartungen entsprochen haben, die nur meinem wahren Wohle galten. Lieber Vater, (liebe Mutter), Du blickest dennoch segnend auf mich herab, denn die Liebe ist nachsichtig und milde! Mir aber fehlt deine Stütze, dein weiser Rat, dein freundliches Wort, deine liebevolle Tat, mir fehlt der seelenvolle Blick, der das Innerste meines Herzens erwärmte, der mich ermutigte und belehrte, mich kräftigte und abmahnte. Jedoch die Weisheit der göttlichen Weltregierung bestimmt es so, daß die Kinder zur Selbständigkeit heranreifen sollen, daß sie, der eigenen Stütze beraubt, andern wieder Stütze werden sollen. (Wohl bist du mir frühzeitig entrissen worden, du hast nicht das gewöhnliche Lebensziel erreicht; mir ward nicht das Glück zuteil, meine Eltern um mich zu sehen, bis sie satt an Tagen, segnend von hinnen geschieden, und in Zeiten ernster Lebensentscheidungen, wo das Kind des Rates und der Führung bedarf, da fehlte mir, da fehlt mir dein gewichtig Wort. Doch wird dein unsichtbarer Geist mich beratend umschweben, ich fühle deine Nähe in solchen Augenblicken, und der alliebende Vater wird auch mich nicht verlassen). (Kaum habe ich dich, lieber Vater (liebe Mutter), gekannt, kaum habe ich jenen Namen, der alle Süßigkeit in sich schließt, aussprechen gelernt; ach, jene schützende Fürsorge, die andere so sehr beglückt, sie ist mir durch den Ratschluß Gottes, durch dich nicht geworden; dein brechendes Auge sah wehmütig auf mich, damals noch Unmündigen (Unmündige), dein enteilender Geist zögerte in Bekümmernis um mich, ach, ich wußte es nicht. Dennoch hängt mein Herz mit Verehrung an dir, ich füge mich in den göttlichen Willen, der eine große Freude meinem Leben entzogen hat. Deine äußere Persönlichkeit vermochte nicht auf mich einzuwirken, deine Liebe blieb mir doch, und, mir unsichtbar, leitest du mich doch.)

Drum sei mein Leben, lieber Vater (liebe Mutter), der Aufgabe geweiht, einen Wandel zu führen, der deinem reinen Geiste wohlgefällt Deine Liebe soll nicht einem (einer) Unwürdigen zugewandt sein. Dein Andenken steht mir allezeit nahe, und dein Name soll durch mich stets geehrt werden. Ich fühle mich mit dir verbunden, und dir nachzueifern in allem Guten und Edlen, sei mein Streben. Blicke auf dein Kind herab und umgib es in allen Lagen des Lebens. Bewahre mein Herz vor Stolz und vor Verzagung, vor der Genußsucht und der Gleichgültigkeit gegen das Leben, lenke meinen Geist auf die Bahn der Klarheit und flöße meinem Herzen Vertrauen ein auf Gott und Wohlwollen gegen die Menschen. In Zeiten der Gefahr und der Versuchung mögest du mir ein unsichtbarer Berater (eine unsichtbare Beraterin) sein, daß ich nicht wanke und strauchle und mich schämen müßte, dann zu dir aufzublicken, damit, wenn ich einst zu dir komme, du mich freudig begrüßen kannst und nicht der Blick des Vorwurfs und des Kummers mich von dir fernhalten müsse.

Für dein Seelenheil aber flehe ich zum ewigen Vater. Bei aller Liebe zu dir, bei aller Verehrung gegen dich darf das Kind es doch aussprechen; kein Mensch ist ohne Fehl, und nur die Gnade Gottes bedeckt die Sünde, nur seine Verzeihung führt zum ewigen Heile. Dunkel ist meinem Geiste jetzt noch die Bahn, die du nun wandelst! Aber du bist, du lebst noch, das fühle ich tief in meinem Innern. Wenn eine solche Gotteskraft schwinden könnte, wenn eine solche tiefe Innerlichkeit, wie deine Liebe war, wenn solche Gefühle, wie du sie gegen mich gehegt, bloß ein Erzeugnis von Erde, von Fleisch und Blut und deshalb vergänglich wären, dann müßte alles zusammenstürzen, dann gäbe es auch hier keinen Geist, keine Höhe, keine Würde, keine Liebe, keine beseeligende Innigkeit. Nein, du lebst, du lebst bei Gott, und in seiner geistigen Nähe strahlt auch dein Geist für und für.

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