An dem Grabe eines Sohnes oder einer Tochter.

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Du bist mir vorausgeeilt mein liebes Kind! Schon manche Träne habe ich dir nachgeweint, schon mancher Seufzer ist meiner Brust entstiegen, weil du mir fehlst. Es ist eine harte Prüfung, die Gott mir auferlegt, und mein Herz ist tief betrübt, sooft ich deiner gedenke. Du hattest schöne Hoffnungen in mir erweckt, und manche Freude strahlte mir von dir aus der Zukunft entgegen. Ich glaubte, du würdest mein Alter schmücken, du würdest der jugendliche Kranz auf meinem Haupte sein, wenn es greis wird; ach, ich habe dir den Totenkranz auf dein Haar gedrückt! Gott wollte es so! Ich kann nicht, ich darf nicht gegen sein Gebot murren. Habe ich etwa gesündigt gegen dich? War mein Herz zu stolz in der Liebe zu dir? Habe ich meine ganze Hoffnung zu sehr auf dich gesetzt und Gott wollte meine Kraft wachrufen? Ich weiß es nicht. Aber das weiß ich, daß das Leben des unvollkommenen Menschen Leiden haben muß, damit das Herz geläutert werde, damit der Mensch tüchtiger werde an Kraft. Ich habe Jahre der Seligkeit genossen in deinem Besitze, die Liebe freut sich der Gabe, freut sich der Sorge um den geliebten Gegenstand, freut sich lieben zu können. Diese Liebe sei mir ein unentreißbares Gut, sei mir das teure Vermächtnis von dir, die Liebe zu dir schwinde nicht aus meinem Herzen, sie lehre mich auch, andere lieben. Der Genuß, auch der reinste, ist vergänglich, aber die Liebestat bereitet immerwährende Freude, sie ist ein Balsam für das verwundete Herz. Mein geliebtes Kind: ich hätte gern noch weiter um dich gesorgt, gern dich eingeführt in die höheren Stufen des Lebens; du bist frühzeitig in ein anderes Dasein versetzt und meiner Sorgfalt entrückt worden. Ob du dort schon als vollendeter Geist wirken kannst? Ich vertraue auf Gottes Güte, er wird dir, was du hier nicht erreichen konntest, dort leicht machen, er wird den jugendlichen Geist rasch zu den Zielen der Vollendung gelangen lassen. Du bist hier über die Mühen des Lebens rasch hinweggeglitten, du hast die harten Prüfungen nicht zu bestehen gehabt, harmlos und heiter wie in diesem Leben gingst du in das Gottesreich ein. Dort ist deine Seele, nicht berührt von den verunreinigenden und niederdrückenden Kräften des Erdendaseins, verklärt, und du weilest im Chore der Edlen. Sollte ich um deinetwillen klagen? Nein, auch ich will den Verlust tragen mit der Kraft der Liebe, welche du mir eingeflößt hast. Dein Andenken sei mir ein reines, nicht getrübt durch die Tränen bittern Schmerzes, welche es mir entlocken könnte, nicht entstellt durch den Gram, der in meine Züge sich einprägen möchte. Wir vereinigen uns einst wieder, die Sehnsucht des elterlichen Herzens ist wahr, sie ist wahrer als alle Erscheinungen der Welt, denn sie lebt im Tiefsten des Gemütes, diese Sehnsucht ist wahr, und der ewige Gott der Liebe wird sie befriedigen.

Für dein Seelenheil aber, mein frühverklärtes Kind, bete ich innigst zu Gott; bist du in jugendlicher Unreife eingegangen in sein Reich, hast du noch Spuren des Leichtsinns in jener ernsten Stunde an dir getragen, der Allgütige wird sie dir vergeben. Ein Vater verzeiht gern, und er ist ja unser aller Vater!

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