An dem Grabe des Gatten oder der Gattin.

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Wir hatten ein unauflösliches Band geknüpft, wir wollten gemeinsam durch das Leben wandern; das Band ist zerrissen, ich stehe einsam da. Ich danke dir, mein guter Mann (mein gutes Weib), für die Treue, welche du gegen mich geübt, für die Sorgfalt, mit der du mich umgeben, für die Innigkeit, die du mir bewiesen hast; überall, wenn ich in mich, wenn ich um mich her blicke, da gewahre ich die Spuren deines Wirkens. (Kurz war unsere gemeinschaftliche Erden-Wallfahrt, aber die Erinnerung an die empfundene Liebe bleibt immer erquicklich, das treue Andenken ist unverlöschlich) — (Du hast unsere Kinder (unser Kind) mit einer Zärtlichkeit gehütet, die nur ich verstand, du hast sie (es) gelehrt, daß sie (es) Gott verehren (verehre) und auf ihn vertrauen (vertraue), daß sie (es) das Gute lieben (liebe) und in der Erfüllung der Menschenpflichten ihre schönste Aufgabe finden (finde); du hast ihnen (ihm) als teures Vermächtnis auch die Liebe gegen mich hinterlassen. Auch dafür danke ich dir, mein guter Mann (mein gutes Weib). Deine Sorgfalt kann ich unsern Kindern (unserm Kinde) nicht ersetzen, aber ich werde, soweit es in meiner Kraft liegt — das verspreche ich dir hier, wo deine Asche ruht, und wo dein Geist sich losgerungen hat, das verspreche ich dir hier im Angesicht Gottes — ich werde sie (es) führen nach meiner Kraft, auf daß dein frommes Auge wohlgefällig auf ihnen (ihm) ruhe, ich werde sie (es) führen in Gottesfurcht und Menschenliebe, daß sie (es) ehrenhaft leben (lebe) in redlichem Willen und nicht verachtet seien (sei) bei Gott und den Menschen, ich werde sie (es) lehren, dein teures Andenken ehren und die Liebe zu dir im Herzen tragen.) — Was du mir warst, ich werde es ewig tief fühlen. Doch ich muß noch in diesem Leben weilen, während du schon einen verklärten Himmelssitz einnimmst. Gott will es so. Soll ich fragen? Soll ich klagen? Die Frage wird nicht beantwortet. Der Mensch ist unvollkommen, seine Wallfahrt hienieden, damit er seine Kraft erprobe und ausbilde, nicht, damit er ungestört genieße. Ich will nicht als ein verdrossener Knecht, sondern als ein williges Kind Gottes erfunden werden (verlange ich ja auch von unsern Kindern (unserm Kinde), daß sie (es) sich ohne Murren ergeben (ergebe), und verlange ich ja Gehorsam von ihnen (ihm), wenn sie (es) auch nicht einsehen (einsieht), daß es zu ihrem (seinem) Wohle gereicht). Darum will ich ruhig hienieden fortwandeln, bis es einst dem Herrn über Leben und Tod gefällt, auch mich einzusammeln zu allen, die mir vorangegangen sind, auch zu dir, mein guter Mann (mein gutes Weib). Was rein und edel hier an uns war, das lebt dort sicherlich fort, und schöner wird das Band sein, das uns dann in Wahrheit unauflöslich umschlingt.

Ach, daß es dir dort wohlergehe, bis ich wieder mit dir vereint bin, das ist mein täglich Flehen zu Gott. Wie dein wachsames Auge uns von dort auch umgibt, mich und alle, die uns in Liebe angehören, so möge Gottes Vaterhuld dir die Fülle seiner Segnungen gewähren! Mein guter Mann (mein gutes Weib), dieser Grabhügel decket deine Asche, dein Herz ist nicht tot, dein liebevolles Gemüt ist nicht gestorben, du lebst in mir, du lebst bei Gott!

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