Gebet am Freitag.
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Und es bildete Gott der Herr Menschen aus Staub von der Erde und blies in seine Nase einen lebendigen Geist.
Schöpfer des Himmels und der Erde! Du hast den Menschen am sechsten Schöpfungstage aus Staub von der Erde gebildet, und einen lebendigen Geist ihm eingehaucht, also daß er ein lebendiges Wesen wurde. Staub von der Erde ist der Urstoff seines Daseins und dennoch hast Du ihn in Deinem Ebenbilde geschaffen, daß er Dir ähnlich sei. Wie könnte ich bei dieser Betrachtung noch Zweifel hegen, daß Du den Menschen als ein Doppelwesen geschaffen hast, das eine Verbindung ist von Körper und Geist. „Der Staub kehrt wieder zur Erde zurück, davon er genommen ist“, der Geist aber ist [lebendig und unsterblich] und „kehret wieder zu Gott zurück, der ihn gegeben hat“. O möge es Dein Wille sein, mein Gott und Vater, daß ich nicht abweiche von der Lebensbahn, die diese Erkenntnis mir vorschreibt. Eingedenk will ich immerdar dessen sein, daß mein Leib nur Staub ist. Vergänglich ist die Hülle wie alles Irdische, ihre Tage sind gezählt, und ihr Wesen ist leicht zerstörbar. Und daß ich nicht töricht mit meinem Leibe verfahre, dazu hast Du den Geist als seinen Wächter eingesetzt. Ich will seiner Stimme gehorchen, denn sie ist die Stimme der Vernunft, die mich warnt, dem Genusse zu fröhnen, der Trägheit und der Unmäßigkeit anheimzufallen, auf daß ich nicht Schaden leide. Mehr als dies kann ich für das Wohlsein meines Leibes nicht tun; daß er außerdem gesund und rüstig bleibe, das hängt von Deiner Gnade ab, die Du mir gewähren wollest gütiger Vater!
Eingedenk will ich aber auch immer dessen sein, daß mein Geist nicht sterblich ist, daß er nicht der Erde angehört, daß er bestimmt ist, zu Dir aufzustreben, Dich als Inbegriff aller Vollkommenheit zu verehren und immer mehr und mehr Dir ähnlich zu werden. Mein Körper wird in Staub zerfallen und im Haushalte der irdischen Natur zu neuen Zwecken dienen; dann aber wird der Geist frei sein von den Fesseln des Körpers und des Ranges teilhaftig werden, dessen er sich würdig gemacht hat durch Weisheit und Tugend auf Erden. Darum soll meine Seele nicht meinem Leibe untertänig sein, wohl aber sollen die Kräfte meines Leibes dem reinen Begehren der Seele dienen, zu sammeln Lehre und Erfahrung, Tugend und Weisheit. Amen!
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Gebet am Neumondstage.
רֹאשׁ חֹדֶשׁ
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Großer, erhabener Lenker der Welten! Die Erde wandelt dahin in ihrer Bahn, und der Mond begleitet sie nach jenen unabänderlichen Gesetzen, die Du ihnen vorgeschrieben hast, und wenn sie tausend- und abertausendmal ihren Kreislauf durchmessen, so wandeln sie dennoch fort in junger Kraft und ewiger Schönheit. Daß auch sie altern und einem Ende entgegengehen, ist für ein menschliches Auge nicht ersichtlich. Wie anders ist es mit mir! Des Menschen Dasein auf Erden ist vergänglich und hinfällig; und selbst der Glückliche, der in Fülle der Gesundheit und in Kraft der Jugend seines Lebens sich erfreut, wird durch das Erscheinen des wieder sichtbar gewordenen Mondes daran erinnert, daß abermals ein Zeitabschnitt hinter ihm liegt, daß er näher gerückt ist dem Ziel seiner Tage, daß die Zeit unwiederbringlich für ihn dahingeht und ihr Wert nur in dem liegt, was er Gutes in ihr verrichtet. Darum betrachte ich den Wechsel des Mondes mit ernsten Gedanken und bitte Dich, mein Gott, laß meinem Geiste die Einsicht und meiner Hand die Kraft, die Zeit zu nützen nach Deinem Wohlgefallen. Wenn mir dies gelingt, das fühle ich wohl, so bin ich mehr als Mond und Erde. Du hast ihnen ihren Weg bezeichnet, den sie wandeln müssen, und es liegt nicht in ihrer Macht und in ihrem Willen, davon zu weichen, es ist kein Verdienst für sie, wenn sie fortschreiten nach Deinem Gesetze. Auch mir hast Du die Bahn der Religion und Tugend vorgeschrieben und dennoch mir es überlassen, sie zu wählen oder zu verlassen: ich kann das Verdienst der Tugend mir erwerben. Mond und Erde können Dich nicht preisen, Dir nicht danken und nicht zu Dir beten, ich aber kann mein Herz zu Dir erheben, kann zu Dir mich wenden, wie das Kind zu seinem Vater. Ich weiß es, daß Du der Lenker meines Schicksals bist, daß Du mich beschützest und behütest.
Darum flehe ich denn auch zu Dir, mein Vater! Beschütze und bewahre mich vor Leid und Trübsal, vor Krankheit und Gefahr. Sei in Deiner Gnade mit mir und den Meinigen allen auch im Laufe dieses Monats. Amen!
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