Gebet einer Mutter am Hochzeitstage der Tochter.
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Allgütiger! Deine Vaterliebe waltet über uns, und ohne Deinen Beistand ist kein Gelingen und Gedeihen unserer Bestrebungen, das müssen wir täglich empfinden, und nur ein undankbares Gemüt könnte daran nicht gemahnt werden durch die Freude am Tage der Freude. Nein, Du guter Gott, ich will nicht undankbar sein für das Glück, das Du mir heute gewährest. Heute ist der Tag, an dem ich ein Ziel erreicht, für das ich so lange, so lange schon gesorgt und gedacht, das ich ins Auge gefaßt habe bei so vielen meiner Entschlüsse und Handlungen, das der Ausgangspunkt sein sollte mütterlicher Fürsorge und mütterlicher Sehnsucht. Heute führe ich mein liebes Kind dem Manne zu, dem ich mein erstes Anrecht auf seine Liebe übertrage, dem Manne, dem meine Tochter Gattin und Hausfrau sein soll, und zu meinem Kinde spreche ich: Gehe hin mit meinem Segen, heiligere Pflichten warten dein als die, die bisher deine heiligsten waren, als die Zärtlichkeit und der Gehorsam gegen deine Eltern. Und alles das tue ich mit freudigem Herzen, mit den Gedanken der frohesten Hoffnung. Darum sei Dir, gütiger Gott, Dank und Preis dargebracht, denn Du hast diesen Tag mir geschenkt, daß ich sein mich freue und fröhlich sei.
Aber auch für das Wort der Bitte darf meine Lippe nicht geschlossen bleiben, denn die Gedanken der Menschen sind zwar mannigfach, aber nur der Ratschluß Gottes erfüllet sich, und wenn meine Pläne das Glück in ihrem Schoße bergen sollen, so kann es nur wahr werden durch Deinen Willen.
Und so flehe ich Dich denn in Demut an: O, gütiger Gott, halte Deine schützende Hand ferner über dem Haupte meines lieben Kindes. Laß die Stunde ihres Eintritts in das Leben einer Ehefrau eine Stunde sein, die meine Tochter fröhlichen Herzens noch in späten Tagen ihres Lebens als den Anbeginn ihres reinsten Glückes segnet. Halte fern von ihr und dem Hause, dem sie angehören wird, die trüben Erfahrungen des Ungemachs, mache die Prüfungen, die in keines Menschen Leben ganz ausbleiben, ihr nicht so schwer, daß sie die Heiterkeit ihres Herzens vernichten. Laß auch das Band der Liebe nicht locker werden, das uns, die ihrigen, bisher mit ihr verknüpfte, und laß sie in dem neuen Bande der Verwandtschaft und der Liebe, das sie umschlingen soll, immer eine anmutige Fessel finden, der sie nie sich zu entziehen strebe.
Mein Gott, ich hoffe auf Dich, ich vertraue Dir, und unter Deinen Schutz stelle ich mich mit allen Wünschen meines Herzens. Amen!
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