Gebet einer Stiefmutter.

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Mein Gott! Wie die Liebe der Mutter zu ihren Kindern das festeste Band auf Erden ist, das Menschenseelen aneinanderknüpft, so ist die Mutterliebe auch die süßeste Empfindung, die das Menschenherz beglückt. Dieses natürliche Band kann durch kein gewähltes ersetzt, diese Empfindung nicht willkürlich hervorgerufen werden. In dieser Überzeugung betrachte ich die Aufgabe, die Du mir zugeteilt hast, die Stelle der Mutter bei Kindern zu vertreten, die nicht leiblich mir angehören, als eine sehr schwere, als eine so schwere, daß ich meiner schwachen Einsicht nicht zutraue, sie zu vollbringen, wenn nicht Deine besondere Hilfe mir beisteht. Und um diese Hilfe flehe ich, Herr! Dich mit Inbrunst an, denn ich bin weit entfernt davon, die Arbeit von mir zu weisen oder sie als eine Last zu betrachten, ich fühle mich vielmehr glücklich, ihr unterworfen zu sein, und mein höchster Wunsch ist es, das Höchste und Beste in ihrer Vollziehung zu erreichen, was einem redlichen Herzen erreichbar ist.

Darum, mein Gott, flehe ich Dich an, schenke mir Einsicht, das Rechte jederzeit zu treffen, damit ich bestehen kann vor Deinem Auge und vor dem Auge der Menschen. Laß mich nie müde werden in der Ausübung meiner Pflichten und verscheuche jeden Gedanken aus meiner Seele, der nur dahin zielt, mir die Rechte einer Mutter zu erkaufen, gib mir Geduld und Ausdauer, daß ich auch mit den Mängeln und Schwächen meiner Kinder Nachsicht übe wie eine Mutter. Laß mir immer die Vorstellung gegenwärtig sein, daß meine Arbeit nur Stückwerk ist, und daß ich ihnen nie in Wahrheit die Mutter zu ersetzen imstande bin. Laß mich nie Mißtrauen fassen gegen sie, als ob sie nicht bereit wären, die Mutter in mir zu suchen und zu erkennen. Laß die Kinder gedeihen unter meiner Pflege, auf daß ich Freude habe an ihrem Wohlsein und meine Aufgabe mir leicht werde.

Laß mich in der Erziehung der Kinder auch die Wünsche meines Gatten befriedigen, daß der Kummer, den ihre Mutterlosigkeit ihm verursacht, gänzlich von ihm genommen werde und sein Herz immer mehr und mehr Zutrauen zu mir fasse.

Um alles dies flehe ich Dich, Allgütiger, in Demut an, zu all dem bedarf ich Deiner besonderen Hilfe. Du wirst sie mir nicht versagen, so ich mit Redlichkeit strebe, eine gute Mutter zu sein den Unschuldigen, die ihre leibliche Mutter verloren haben. Auf Dich will ich vertrauen. Amen!

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