Gebet einer Witwe

(die in dürftigen Verhältnissen lebt.)

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Allgerechter! Du hast in Deiner Weisheit es so gewollt, daß ein schweres Los mein Anteil sei auf Erden, und so oft ich mein Herz im Gebete zu Dir erhebe, ist es überwiegend das Wort der Bitte, das ich an Dich richte, weil das Drückende meiner Lage mir stets gegenwärtig ist, und Zagen und Bangen meinem Gemüte zur Natur geworden sind, so daß ich mich selten in reiner, ungetrübter Fröhlichkeit aufzurichten vermag.

Allein und fast einsam, als Witwe, stehe ich da inmitten der rauschenden Welt, die an mir vorübereilt in ihrem Jagen nach Genuß und Vorteil, die meinen Kummer nicht kennt und kaum einen Blick des Mitleids auf mich wirft, weil die Augen der Glücklichen nicht gern bei der Betrübnis weilen.

Da muß ich wohl oft der Zeiten gedenken, da es noch anders war; da mein treuer Gatte noch lebte, da er mit redlichem Herzen und rüstigem Fleiße der Versorger und Ernährer meines Hauses war. Der treu mich liebte, ist von mir gegangen, meine Stütze ist gebrochen, meine Sorglosigkeit vernichtet. Statt dessen ist das Brot, das ich esse, mir karg zugemessen, und oft vermag ich kaum den Mangel zu wehren, daß er meine Schwelle nicht überschreite (den Mangel, der mich doppelt drücken muß, um meiner lieben Kinder willen.)

Wenn ich aber auch dies alles bedenke und der Betrübnis mich nicht entschlagen kann, so will ich dennoch nicht murren und nicht rechten mit Deiner Allweisheit. Denn wenn ich eines Teiles nicht weiß, ob nicht die Prüfungen, die Du mir bestimmt hast, zu meinem Heile sind, so weiß ich andernteils gewiß, daß noch manches teure Gut mir geblieben ist, und daß es Menschen gibt, die weit tiefer hinabsteigen mußten in die Tiefe des Unglücks.

Über alles dies ist ja eine Freudigkeit mir geblieben als die Grundlage alles dessen, was mir noch Trost und Hoffnung gibt: es ist das Vertrauen auf Dich, die Zuversicht, daß Du mich nicht verlassen wirst, daß Du mich hörst, so oft ich Dich rufe. Darum auch will ich es nimmer unterlassen, die Bitte um Deinen Beistand vor Dir auszusprechen:

O mein Gott! sei mir gnädig und erhalte meine Gesundheit.

(Laß meine Kinder wohl gedeihen an Leib und Seele und gib mir die Kraft, ihnen jederzeit beizustehen mit Rat und Tat.)

Wende den Mangel von meiner Tür und laß mich in Redlichkeit und Ehre mein Brot mir erwerben.

Laß mich nicht der Hilfe der Menschen bedürfen und nie Fremden oder Angehörigen eine Last sein.

Erhalte die Zufriedenheit in meinem Herzen, daß aus ihr wieder aufsprieße der frische Lebensbaum der Seelenruhe und der Freudigkeit.

Du, mein Gott, bist ein Versorger der Witwen und Waisen, Du bist auch der meinige. Das sei Dein Willen! Amen!

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