Gebet um Geduld und Zufriedenheit.
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Allmächtiger! Verschieden verteilt auf Erden sind die Lose der Menschen. Der eine wandelt sorglos dahin und kann nicht eindringen in den Kummer seines Nächsten, wenngleich er ihn oberflächlich zu überschauen vermag; der andere seufzt unter der Bürde drückender Verhältnisse und vermag nicht seinen Geist zu erheben zu urteilsfreier Anschauung der Dinge, weil eben das Leid seinen Blick umnebelt. So ist und bleibt jeder Mensch darauf angewiesen, eine Welt in sich selbst zu finden, daß er den Maßstab von Glück und Unglück nicht anlege an die vermeintlichen Lebensschicksale anderer, auch nicht an Dinge, die außerhalb seines eigenen Willens und seiner Kraft liegen, und ebensowenig an die Erscheinungen der nebelhaften Welt, die seine Einbildungskraft sich aufbaut, und an das Zauberreich, das seine Wünsche aus dem Nichts hervorrufen.
Wohl ist der Mensch nicht dazu geschaffen, unschuldige Wünsche in sich zu unterdrücken, keinerlei Hoffnungen Raum zu geben und in dumpfer Hingebung nie die Frage in sich aufkommen zu lassen: was bin ich? und was möchte oder könnte ich? Im Gegenteil! Wünsche und Hoffnungen sind die freundlichen Sonnenstrahlen, die gar oft die Dunkelheit der Gegenwart verscheuchen, und Streben nach Höherem, Streben nach Besserem ist ganz gewiß ein Zeichen und ein Bedürfnis einer edlen Natur, selbst das Streben nach zeitlichem Wohlsein. Streben ist Leben!
Aber verwerflich ist es, zu hadern mit dem Schicksal, daß es uns nicht gleich gemacht hat denen, die wir für glücklich halten; vermessen ist es, zu behaupten, daß wir glücklicher wären, so dasjenige unser Teil würde, was wir als solches annehmen und eintauschen wollen; töricht ist es, dem Glücke verächtlich den Rücken zu kehren, das wir auch in unserer Lage finden können. Im eignen Herzen ist die Welt, die wir nach unserm Wohlgefallen uns einzurichten vermögen.
Darum, mein Gott, will ich mich bestreben, nicht nachzuhängen eitlen Wünschen, will ich mich bestreben, in redlicher, gewissenhafter Ausübung meiner Pflichten meine Ruhe, in dem Gedeihen meiner Arbeit meine Freude, in den Stunden der Erholung und der Sammlung mein Vergnügen zu finden; nicht sorgen um das, was morgen mich treffen könnte, sondern Dir danken für das, was Du heute mir beschieden hast; nicht immer und immer hinschauen auf das, was mir fehlt, sondern mich erfreuen an dem, was ich besitze. Still vor mich hin will ich das Rechte tun und Dich walten lassen. Ich will mich zu schützen suchen vor Ungebühr, die an mich herantritt, aber nicht anstürmen gegen die Scheidewand, die mich trennt von den Beneideten.
Das ist nicht Trägheit, das ist Ausdauer, das ist nicht Torheit, das ist Besonnenheit, das ist nicht Stumpfsinn, das ist Zufriedenheit.
O Herr, laß mich immerdar also wandeln vor Dir, dann wird auch das Leid mir den Frieden meines Herzens nicht rauben können, dann werde ich ausgerüstet sein mit Geduld und Stärke, wenn Schweres mich trifft. Und wenn der Himmel meines Lebens nicht freundlich ist, dann wird nicht meine Torheit und Unzufriedenheit ihn mit Wolken bedecken. Ich werde fähig sein, das Böse zu ertragen und das Gute zu genießen. Amen!
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