I. Aus der Handschrift des »Pandämonium Germanicum«.

Gleim tritt herein mit Lorbeern ums Haupt, ganz erhitzt, in Waffen. Als er den neckischen tollen Hauffen sieht, wirft er 5 Rüstung und Lorbeer von sich, setzt sich zu der Leyer und spielt. Der ernsthafte Zirkel wird aufmerksam, Utz tritt aus demselben hervor, und löst Gleimen ab. Der ernsthafte Zirkel tritt näher. Ein junger Mensch folgt Utzen, mit verdrehten Augen, die Hände über dem Haupt zusammengeschlagen: 10

Ω πω ποι, was für ein Unterfangen, was für eine zahmlose und schaamlose Frechheit ist dies? Habt ihr sowenig Achtung für diese würdige Personen, ihre Augen und Ohren mit solchen Unfläthereyen zu verwunden? Erröthet und erblaßt, ihr sollt diese Stelle nicht länger 15 mehr schänden, die ihr usurpirt habt, heraus mit euch Bänkelsängern, Wollustsängern, Bordellsängern, heraus aus dem Tempel des Ruhms!

Ein Paar Priester folgen dicht hinter ihm drein, trommeln mit den Fäusten auf die Bänke, zerschlagen die Leyer und jagen 20 sie alle zum Tempel hinaus. Wieland bleibt allein stehen, die Herren und Damen beweisen ihm viel Höflichkeiten, für die Achtung die er ihnen bewiesen.

Wieland. Womit kann ich den Damen itzt aufwarten, ich weiß in der Geschwindigkeit wahrhaftig nicht 25 — sind Ihnen Sympathieen gefällig — oder Briefe der Verstorbnen an die Lebendigen — oder ein Heldengedicht, eine Tragödie?

Kramt all seine Taschen aus. Die Herrn und Damen besehen die Bücher und loben sie höchlich. Endlich weht sich die eine mit dem Fächer, die andere gähnend:

Haben Sie nicht noch mehr Sympathieen?

Wieland. Einen Augenblick Geduld, wir wollen 5 gleich was anders finden — nur einen Augenblick, gnädige Frau! lassen Sie sich doch die Zeit nur nicht lang werden. (Geht herum und findt die zerbrochene Leyer, die er zu stimmen anfängt.) Wir wollen sehn, ob wir nicht darauf was herausbringen können. 10

Spielt. Alle Damen halten sich die Fächer vor den Gesichtern. Hin und wieder ein Gekreisch:

Um Gottes willen, hören Sie auf!

Er läßt sich nicht stören, sondern spielt immer feuriger.

Die Franzosen. Oh le gaillard! Les autres 15 s'amusoient avec des grisettes, cela debauche les honnetes femmes. Il a bien pris son parti au moins.

Chaulieu und Chapelle. Ah ça, descendons notre petit (lassen Jakobi auf einer Wolke von Nesseltuch nieder, wie einen Amor gekleidt), cela changera bien la 20 machine.

Jakobi spielt in den Wolken auf einer deinen Sakvioline. Die ganze Gesellschaft fängt an zu danzen. Auf einmal läßt er eine ungeheure Menge Papillons fliegen.

Die Damen (haschen). Liebesgötterchen! Liebesgötterchen! 25

Jakobi (steigt aus der Wolke in einer schmachtenden Stellung). Ach mit welcher Grazie! —

Wieland. Von Grazie hab ich auch noch ein Wort zu sagen. 30

Spielt ein anderes Stück. Die Dames minaudiren entsetzlich. Die Herren setzen sich einer nach dem andern in des Jakobi Wolke und schaukeln damit. Viele setzen die Papillons unters Vergrösserungsglaß und einige legen den Finger unter die Nase, die Unsterblichkeit der Seele daraus zu beweisen. Eine 35 Menge Offiziers machen sich Kokarden von Papillonsflügeln, andere kratzen mit dem Degen an Wielands Leyer, sobald er zu spielen aufhört. Endlich gähnen sie alle.

Eine Dame, die, um nicht gesehen zu werden, hinter Wielands Rücken gezeichnet hatte, unaufmerksam auf alles was vorgieng, giebt ihm das Bild zum Sehen. Er zuckt die Schultern, lächelt bis an die Ohren hinauf, reicht aber doch das Bild großmüthig herum. Jedermann macht ihm Complimente darüber, er 5 bedankt sich schönstens, steckt das Bild wie halb zerstreut in die Tasche und fängt ein ander Stück zu spielen an. Die Dame erröthet. Er spielt. Die Palatine der Damen kommen in Unordnung, weil die Herrchen zu ungezogen werden. Er winkt ihnen lächelnd zu und Jakobi hüpft wie unsinnig von einer zur andern 10 umher. Alle klatschen wohllüstig gähnend:

Bravo, bravo, bravo! le moyen d'entendre quelque chose de plus ravissant!

Goethe (stürzt herein in den Tempel, glühend, einen Knochen in der Hand). Ihr Deutsche? — Hier ist eine 15 Reliquie eurer Vorfahren. Zu Boden mit euch und angebethet, was ihr nicht werden könnt.

Wieland macht ein höhnisches Gesicht und spielt fort. Jakobi bleibt mit offenem Mund und niederhangenden Händen stehen. 20

Goethe (auf Wieland zu). Ha daß du Hecktor wärst und ich dich so um die Mauren von Troja schleppen könnte! (Zieht ihn an den Haaren herum.)

Die Frauenzimmer. Um Gotteswilln, Herr Goethe, was machen Sie? 25

Goethe. Ich will euch spielen, obschon's ein verstimmtes Instrument ist. (Setzt sich, stimmt ein wenig und spielt. Alles weint.)

Wieland (auf den Knieen). Das ist göttlich!

Jakobi (hinter ihm, gleichfalls auf Knieen). Das ist 30 eine Grazie, eine Wonnegluth!

Eine ganze Menge Damen (Goethen umarmend). O Herr Goethe! Die Chapeaux werden ernsthaft, einige lauffen heraus, andere setzen sich die Pistolen an die Köpfe, setzen aber gleich wieder ab. Der Küster, der das sieht, läuft und stolpert 35 aus der Kirche.

II. Aus den »Meynungen eines Layen«.

Leipzig 1775 S. 113–119.

Nun noch ein Wort für die galante Welt. Wir haben itzt das Säkulum der schönen Wissenschaften. Paradox und seltsam genug würd' es lassen, zu sagen, 5 daß sich aus den Schriften der Apostel so wie überhaupt aus der Bibel, eben so [114] gut eine Theorie der schönen Künste abstrahiren ließe, wie aus dem großen Buche der Natur. Verstehn Sie mich nicht unrecht, ich sage dies nicht grade zu, ich will Ihnen nur einen Wink geben, 10 daß die wahre Theologie sich mit dem wahren Schönen in den Künsten besser vertrage, als man beym ersten Anblick glauben möchte. Diesen Satz weiter auszuführen, würde mich hier zu weitläufig machen, erlauben Sie mir nur, ein paar hier nicht her zu gehören scheinende Anmerkungen 15 anzuhängen, ehe ich schließe. Man fängt seit einiger Zeit in einer gewissen Himmelsgegend sehr viel an, von Sensibilité (bey den Deutschen Empfindsamkeit) zu diskuriren, zu predigen, zu dichten, zu agiren, und ich weiß nicht was. Ich wette, daß der hundertste, der dies 20 Wort braucht, nicht weiß was er damit will, und doch wird das Wort so oft gebraucht, daß es fast der Grundsatz aller unsrer schönen Künste, ohne daß die Künstler es selbst gewahr werden, geworden ist. Der Grundsatz unserer schönen Künste ist also noch eine qualitas occulta, 25 denn wenn ich alle Meynungen derer, die das Wort brauchten, auf Zettel geschrieben, in einen Topf zusammen schüttelte, wette ich, ein jeder würde dennoch dieses Wort auf seine ihm eigene Art verstehen [115] und erklären. Und das ist auch kein Wunder, da wir als Individua 30 von einander unterschieden sind, und seyn sollen, und also jeder sein individuelles Nervengebäude, und also auch sein individuelles Gefühl hat. Was wird aber nun aus der Schönheit werden, aus der Schönheit, die wie Gott ewig und unveränderlich, sich an keines Menschen Gefühl binden, 35 sondern in sich selbst die Gründe und Ursachen ihrer Vortreflichkeit und Vollkommenheit haben soll? Homer ist zu allen Zeiten schön gefunden worden, und ich wette, das roheste Kind der Natur würde vor einem historischen Stücke von Meisterhand gerührt und betroffen stehen bleiben, wenn er nur auf irgend eine Art an diese Vorstellungen 5 gewöhnt wäre, daß er gewisse bestimmte Begriffe damit zu verbinden wüste. Dessen kann sich aber das Miniaturgemählde und das Epigramm nicht rühmen, und jener macht eben so wenig Anspruch auf den Titel eines Virtuosen in der Mahlerey, als dieser auf den Titel eines 10 Genies κατ εξοχην, eines Poeten, wie Aristoteles und Longin dieses Wort brauchten, eines Schöpfers. Das muß doch seine Ursachen haben. Ja, und die Ursachen liegen nicht weit, wir wollen nur nicht drüber wegschreiten, um sie zu suchen. Sie liegen[116] darinn, daß jene Produkte 15 hervorzubringen, mehr Geist, mehr innere Konsistenz, und Gott gleich stark fortdaurende Wirksamkeit unserer Kraft erfordert wurde, welche bey dem, der sie lieset oder betrachtet, eben die Erschütterung, den süßen Tumult, die entzückende Anstrengung und Erhebung aller in uns verborgenen 20 Kräfte hervorbringt, als der in dem Augenblicke fühlte, da er sie hervorbrachte. Es ist also immer unser Geist, der bewegt wird, entflammt, entzückt, über seine Sphäre hinaus gehoben wird — nicht der Körper mit samt seiner Sensibilité, mag sie auch so fein und subtil 25 seyn als sie wolle. Denn das Wort zeigt nur ein verfeinertes körperliches Gefühl an, das ich durchaus nicht verkleinere, verachte, noch viel weniger verdamme, behüte mich der Himmel! verfeinert euren Körper ins unendliche wenn ihr wollt und wenn ihr könnt, distillirt ihn, bratet 30 ihn, kocht ihn, wickelt ihn in Baumwolle, macht Alkoholl und Alkahest draus, oder was ihr wollt — der ehrliche Deutsche, der noch seiner alten Sitte getreu, Bier dem Champagner, und Tabak dem eau de mille fleurs vorzieht, der nur einmal in seinem Leben heyrathet, und wenn 35 sein Weib ihm Hörner aufsetzen will, sie erst modice castigat, dann prügelt, [117] dann zum Haus nausschmeißt, hat einen eben so guten Körper als ihr, und noch bessern wann ihr wollt, wenigstens dauerhafter, weiß er ihn nicht so schön zu tragen als ihr, nicht so artig zu beugen, nicht so gut zu salben und zu pudern, er braucht ihn wozu er ihn nöthig hat — und sucht das Schöne — wenn der 5 Himmel anders unser Vaterland jemals damit zu beglücken, beschlossen hat — nicht in dem, was seine verstimmte Sensibilität in dem Augenblicke auf die leichteste Art befriedigt, oder vielmehr einschläfert, sondern in dem, was seine männliche Seele aus den eisernen Banden seines 10 Körpers losschüttelt, ihr den elastischen Fittig spannt, und sie hoch über den niedern Haufen weg in Höhen führet, die nicht schwärmerisch erträumt, sondern mit Entschlossenheit und Bedacht gewählt sind. Da mihi figere pedem, ruft er, nicht mit halbverwelkten Blumen zufrieden, die 15 man ihm auf seinen Weg wirft, sondern Grund will er haben, felsenvesten Grund und steile Höhen drauf zaubern, wie Göthe sagt, die Engel und Menschen in Erstaunen setzen. Ist es Geschichte, so dringt er bis in ihre Tiefen, und sucht in nie erkannten Winkeln des menschlichen 20 Herzens die Triebfedern zu Thaten, die Epochen machten, ist [118] es Urania, die seinen Flug führt, ist es die Gottheit, die er singt, so fühlt er das Weltganze in allen seinen Verhältnissen wie Klopstock, und steigt von der letzten Stuffe der durchgeschauten und empfundenen 25 Schöpfung zu ihrem Schöpfer empor, betet an — und brennt — ist es Thalia, die ihn begeistert, so sucht er die Freude aus den verborgensten Kammern hervor, wo der arbeitsame Handwerker nach vieler Mühe viel zu genießen vermag, und der Narr, der euch zu lachen machen 30 soll, ein gewaltiger Narr seyn muß, oder er ist gar nichts. Ists endlich die Satire selbst, die große Laster erst zur Kunst machten, wie große Tugenden und Thaten die Epopee, so schwingt er die Geißel muthig und ohne zu schonen, ohne Rücksichten, ohne Ausbeugungen, ohne 35 Scharrfüße und Komplimente grad zu wie Juvenal, je größer, je würdigerer Gegenstand zur Satire, wenn du ein Schurke bist — kurz —

Wo gerathe ich hin? Ich habe nur mit zwey Worten anzeigen wollen, daß weder Nationalhaß, noch Partheylichkeit, noch Eigensinn und Sonderbarkeit mich begeisterten, wenn ich jemals Unzufriedenheit über die französische Bellitteratur, die so wie alle ihre Gelehrsamkeit 5 [119] mit ihrem Nationalcharakter wenigstens bisher noch immer in ziemlich gleichem Verhältniß gestanden, bezeugt habe: doch das ist grad zu und ohne Einschränkung noch nie geschehen, und geschicht auch jetzt nicht.