Bekenntnisse eines Offiziers
Die Stille des Gefängnisses ist der Selbsteinkehr günstig. Ich werde also das Papier zu meinem Beichtiger machen und der Wahrheit gemäß berichten, wie sich die Dinge abgespielt haben, und wie ich zu der Tat gelangt bin, durch die ich mein Leben verwirkt habe. Ich bin des Todes schuldig und ich werde aus dieser Erkenntnis alle Folgerungen ziehen, zu denen ich als Mann und Soldat so berechtigt als verpflichtet bin. Immerhin könnte ich beschönigend von einem verhängnisvollen Irrtum sprechen, durch den mein Glück, meine Freiheit, meine Zukunft, meine ganze Existenz der Vernichtung preisgegeben wurde, aber die Schmach würde dadurch um nichts geringer werden, und wenn ich gleich die furchtbare Leidenschaft, die mich ergriffen und ruiniert hat, zu verurteilen imstande bin, so ist es selbst in diesem Augenblick noch unmöglich, sie gänzlich aus meinem Herzen zu reißen.
Ich bin mit der Vorliebe für den Soldatenstand geboren. Doch trieb mich dabei keineswegs Ehrgeiz oder Ruhmsucht; auch nach Abenteuern stand mir nicht der Sinn, wie das bei Knaben oder Jünglingen sonst der Fall zu sein pflegt, sondern ich wollte meine Person in den Dienst des Vaterlandes stellen, und wonach ich strebte, war eine würdige Verwendung meiner Kräfte und Fähigkeiten. Ich besaß Mut und war körperlich gewandt und tüchtig; auch hatte ich, was für den Militär jedes Ranges von Wichtigkeit ist, Disziplin im Leibe, das Talent und den Willen zur unbedingten sachlichen Unterordnung. Da ich von Haus aus vermögend bin, meine Mutter besitzt eine große Gutsherrschaft bei Arnstein, wurde der Wahl meines Berufs kein Hindernis in den Weg gelegt, und nach Absolvierung der Schule trat ich als Freiwilliger bei der Marine ein. Aber ich fand dort kein Genügen, das Leben war eintöniger, als ich gedacht, und nach Verlauf von zwei Jahren trat ich zur Feldartillerie über, wo ich mich als brauchbarer Offizier eines gewissen Ansehens erfreute und wegen meiner Begabung für militärwissenschaftliche Fächer die besondere Gunst der Vorgesetzten genoß.
Da entbrannte in Südafrika der Burenkrieg; ich sah die Gelegenheit, etwas zu leisten, ich hatte keine Lust mehr am Garnisons- und Manöverdienst; die Verhältnisse, unter denen ich mich bewähren konnte, erschienen mir zu klein; kurz und gut, ich erbat den Abschied, zur Verwunderung und zum Bedauern meiner Kameraden, die mich gerne hatten, mich aber nach diesem für sie unbegreiflichen Schritt eines Mannes, der die begründetste Aussicht auf Karriere hat, für einen unbesonnenen Haudegen hielten.
Ich habe da unten die Bluttaufe erhalten, die Fremde tat mir wohl, das wilde äußere Leben band mich fester in mich selbst. Als ich nach geschlossenem Frieden in die Heimat zurückkehrte, war ich ein anderer Mensch, und wenn ich noch einen Rest von unreifer Romantik in mir gehabt, so hätte ihn die ernsthafte Zeit, die ich verlebt, mit Stumpf und Stiel ausgetrieben. Ich erfuhr die Genugtuung, sogleich wieder als Offizier in die Armee eingereiht zu werden, und es war der froheste Tag meines Lebens, als ich wieder den dunklen Rock der Artilleristen anziehen durfte. Ich hatte nebenbei die Gewißheit, zum Generalstab berufen zu werden; dies geschah auch, und um meine kühnsten Erwartungen zu übertreffen, wurde ich mit einer Aufgabe betraut, die sonst nur selten einem Offizier meines Dienstalters gestellt wurde; man entsandte mich als Berichterstatter der mazedonischen Vorgänge nach Saloniki.
Ich war noch nicht zwei Monate auf meinem Posten, da brach in unsern afrikanischen Kolonien der Aufstand der Schwarzen aus. Jetzt lag der Fall anders denn damals, wo ich das Heer hatte verlassen müssen, um ins Feld zu kommen; jetzt konnte ich mich meinem kaiserlichen Herrn und Kriegsherrn selber zur Verfügung stellen. Da man tüchtige Offiziere suchte, wurde mein Anerbieten ohne Verzug berücksichtigt, ich wurde zum Hauptmann bei der Schutztruppe ernannt, und vier Wochen später war ich schon auf See.
Ist ja richtig; es war eine elende Katzbalgerei mit den schwarzen Rackern, und viel gutes deutsches Blut ist geflossen, aber wars gleich sauer, so wars doch nahrhaft, wie unsere Exzellenz zu sagen liebte. Es war ein schönes freies Leben, wie ich alles noch sehe und spüre! Die sengende Mittagshitze und die Morgenkühle, die zerstörten Pontonks und die infamen Wege, der Feind in Busch und Dickicht und die unaufhörlichen Schüsse aus den Baumkronen! Wie das surrte und schwirrte und sang und heulte, so dicht, daß es einen erstaunte, wenn man seine Gelenke noch zusammenhängen fühlte. Hungrig legte man sich schlafen, den Revolver im Arm, an Feueranzünden nicht zu denken, und weh dem, der vom Durst getrieben zu den Wasserlöchern schlich, er ward in der Frühe mit Kirris erschlagen gefunden. Da war man doch ein Kerl, da konnte man sich bewähren, da spürte man seine Pulse.
Leider bin ich bei den Gefechten am Waterberg verwundet worden. Ich konnte nicht mehr Dienst tun und mußte alsbald die Heimreise antreten. Dritthalb Monate blieb ich in Berlin; man machte viel Aufhebens mit mir, und viele Leute feierten mich wie einen Blücher, was mir oft die Schamröte ins Gesicht trieb, denn ich war mir nicht bewußt, etwas Sonderliches verrichtet zu haben. Aber dergleichen gibt sich, und wenn man Verdienste hat, empfiehlt es sich, sie den Leuten nicht durch die eigene Gegenwart lästig zu machen. Eine Zeitlang war von meiner Aufnahme als Lehrer in die Kriegsakademie die Rede, doch, vor die Wahl gestellt, zog ich schließlich den subordinierten Posten eines Batteriechefs in der Provinz vor, allerdings mit der baldigen Anwartschaft auf den Majorsrang. Meine Mutter kränkelte, ich wünschte in ihrer Nähe zu leben, und des unruhvollen, weltstädtischen Treibens, an dem ich nie Freude gehabt, war ich ohnedies müde.
Dazu kam noch, daß mir die Fremde ganz wie mit einem Male den Blick verwandelt hatte. Entweder war ich nicht mehr derselbe, oder die Heimat war nicht mehr dieselbe. Aufrichtig gesagt: die Luft im Reich gefiel mir nicht. Sie war mir zu wetterwendisch; winterlich scharf von oben und giftig süß von unten, fast wie eine afrikanische Nacht. Nichts wurde mit Wohlwollen reguliert, alles mit Manometer, und wer hinten nicht gestoßen wurde, der ging nach vorne nicht weiter. Unsre jungen Herren fand ich so ohne jede Herzlichkeit, daß sich einem der Gaumen zusammenzog, wenn man mit ihnen redete. Immer bloß aufs Elegante versessen, geschniegelt wie die Reitpferde und trocken wie Stiefelsohlen. Die Aristokraten hochnäsig und zimperlich, die Bürgerlichen streberhaft und vom frischen Reichtum verdorben und verweichlicht, das Volk rebellisch und respektlos. Keiner, der aus Eigenem was vorstellte, erst durch sein Geld oder sein Amt oder seine Orden oder seine Hemdbrust. Großes Maul, ja, aber kein freies Wort, keine offene Meinung. Hölzernes Getue galt für Form, kaltschnäuziges Nörgeln für Geist und öde Prahlhanserei für Selbstbewußtsein.
Wenn man mir die Berechtigung abstreitet, eine solche Sprache zu führen, so habe ich allerdings keine andere Antwort, als den Hinweis auf eine bis dahin ehrenhafte Existenz. Es war mir eben die Laune verdorben, und eher trübgestimmt als hoffnungsvoll kam ich nach der kleinen Garnison. Auch hier fühlte ich mich nicht wohl; ich begann mich zu langweilen; ich merkte alsbald, was das heißt, in einer Provinzstadt zu leben, die trotz ihrer vierzigtausend Einwohner etwas ist wie ein Sparta des Altertums, mit ebenso streng geschiedenen Kasten, nur daß die kriegerische Härte der Vorschriften durch minder folgenschwere, aber keineswegs leicht zu übertretende Bestimmungen gesellschaftlichen Charakters ersetzt werden. Da sind die Spitzen der Behörden, die militärischen Würdenträger, die Industriellen, die Gutsbesitzer, die jungen Leute, die eine Rolle spielen, die andern, die bloß eine spielen möchten; da ist die Generalin oder Oberstin, die das Wetter macht, und die kleine Apothekersgattin, die gerade noch geduldet ist; da ist die reiche Fabrikantenfrau, die ihre Toiletten aus Berlin bezieht, und die Frau Amtsrichter, die aus ihrem Wirtschaftsgeld mittelst rührender Entbehrungen den Preis für ein einziges schwarzes Seidenkleid erübrigt, das sie unter Beihilfe der Köchin und eines Mädchens vom Lande selber näht und das ihr die abendlichen Feste verbietet, wenn der Stoff an den Ärmeln den fatalen Mattglanz zu zeigen beginnt. Zu Kaisers Geburtstag gibt der Regierungspräsident einen Ball; zur Errichtung eines Kriegerdenkmals wird eine künstlerische Soiree veranstaltet, bei welcher allerlei junge Mädchen wegen ihrer Fortschritte in Gesang und Klavierspiel beklatscht werden; man geht ins Theater, man wird zur Enten- und Hasenjagd geladen, und die verheirateten Frauen holen sich aufregende Romane aus der Leihbibliothek. Einmal im Monat ist Parademarsch, am Sonntag nach der Kirche spielt die Regimentskapelle auf dem Residenzplatz, abends sitzt man dann im Kasino oder im Speisesaal des Hotels de l’Europe, und nach elf Uhr nachts lungern nur noch irgendwo hinter abgesperrten Türen ein paar ausgestoßene Existenzen an einem Kartentisch, und zwei Studenten brüllen vor dem Fenster einer begehrten Kellnerin das Krambambuli.
Alle diese kennen einander und wissen vieles von einander und verbergen sich voreinander und schätzen einander und sind einander im Wege und passen einander auf. Das enge Zusammenleben begünstigt Klatsch und Übelrednerei; jeder kehrt den Schmutz vor des Andern Tür; Dummheit, Bosheit, Neid und Mißgunst lassen selbst den Redlichen nicht ungeschoren, alles, was Aufsehen macht, findet Teilnahme, alles, was in der Mode ist, Nachahmung; für ernsthafte Interessen ist wenig Sinn. Dies erfuhr ich bald. So sehr es anfangs meinem Selbstgefühl schmeichelte, daß ich nun auch zu Hause ein jemand war, der Beachtung verdiente und Ansehen genoß, denn es war ja meine engste Heimat dahier, so wenig wurde ich meines Wirkens froh. Ich kam mir vor wie ein verfaulender Baum.
Ich erinnere mich nicht mehr genau, an welchem Tag es war, als ich die Majorin Westermark kennen lernte. Ich schließe daraus, daß sie mir damals wenig Eindruck gemacht hat. Ich sah sie zum erstenmal bei der Frau von Rütten, die eine Freundin meiner Mutter ist, und die, wie mir meine Mutter vorsichtig verriet, die löbliche Absicht hatte, mich mit ihrer siebzehnjährigen Tochter zu verheiraten. Ich machte mir aber nichts aus dem Mädchen, und das ist lediglich mein Fehler, da sie ein hübsches und vernünftiges, obschon etwas nüchternes Geschöpf ist. Nach allem, was ich bereits über die Majorin gehört, hatte ich mir eine junonische Gestalt gedacht und war deshalb überrascht, sie so klein, zart und kindhaft zu finden. Ihr Wesen gab in Gesellschaft nichts her, nichts von Welt und nichts von Innerem, ihr Lächeln war kühl, in der Bewegung der Lippen zeigte sich eine gewisse Naschhaftigkeit; am meisten gefielen mir die Augen, die blau, durchsichtig, ausgedehnt und voll Perlmutter waren, mit Brauen, schwarz und fein wie zwei Sepiastriche.
Eine solche Stadt wie die, in der ich mich befand, hat alle Späherblicke immer auf den Punkt geheftet, wo eine ungewöhnliche Erscheinung hervortritt und sich auf ihre besondere Art gebärdet. Ich habe schon angedeutet, daß das vielfache Gerede über die Majorin auch zu mir geflossen war. »Was sagen Sie zu der Frau? Ach, Sie wissen nicht? Sie wissen nicht, was die Spatzen von den Dächern pfeifen?« Nein, ich wußte es nicht, ich bezeigte auch kein Interesse dafür. »Sie verstellen sich doch wohl. Oder glauben Sie, daß das eine glückliche Ehe ist? Der Mann ist zwanzig Jahre älter, Sie begreifen. Die Frau hatte früher einen reichen, schlesischen Branntweinbrenner, von dem sie geschieden ist. Sie ist schön wie das Laster, und so elegant, daß unsre Damen vor Neid nicht schlafen können; echte Pariser Hüte, echte Brüsseler Spitzen, echte Pelze, Diamanten wie ein persischer Prinz, und Parfüms, Parfüms sage ich Ihnen, überwältigend wie eine Ananasbowle nach einem Jagdritt.« – »Nun ja, der Major ist sicherlich reich.« – »Nein, die Frau hat Geld, die Frau. Der Major ist ein Sonderling. Ich möchte ihm gern meine Augen leihen.«
O Bosheit aus dem Winkel, die du Augen verleihen willst, dachte ich mir. Aber die üblen Gerüchte waren hartnäckiger als meine Gleichgültigkeit. Ich traf eines Tages einen Freund in der Stadt, einen jungen Ingenieur, der irgendwo in der Nähe den Bau einer Eisenbahnbrücke leitete. Wir waren als Gymnasiasten ein paar Jahre lang unzertrennlich gewesen, und es bereitete mir lebhaftes Vergnügen, ihn wiederzusehen. Wir kamen oft zusammen, bald in einer Weinstube, bald in seiner oder meiner Wohnung; und wie es schon so geht, einmal gerieten wir beim Gespräch auch auf Aurora Westermark und die über sie umlaufenden Gerüchte. Mein Freund kannte sie nur flüchtig, aber er war einer jener Menschen von instinktivem Scharfblick, die in andern Seelen lesen zu können scheinen, und deren Urteil sich daher von selber Vertrauen erzwingt.
Deutlich steht mir noch jene Stunde vor Augen und genau ist mir noch jedes seiner Worte gegenwärtig, die ich nur mit innerem Unwillen anzuhören vermochte. »Diese Frau hat die Gabe, unschuldig zu scheinen und Leidenschaften einzuflößen«, sagte er ungefähr. »Wie sie den schwer zugänglichen Major umgarnt hat, das ist gewiß ein Kunststück gewesen. Ich weiß nicht, ob dir die Umstände bekannt sind; es war während der großen Manöver vor zwei Jahren; umschwärmt von den Offizieren eines ganzen Stabes, hatte sie sich’s offenbar in den Kopf gesetzt, den sprödesten und verstocktesten zu gewinnen, denjenigen, für den eine Weltdame etwas war wie ein seltenes Schmuckstück, das er sich verschafft ohne Freude und Verständnis, nur weil er gerade bei Geld und guter Laune ist und weil es von andern gerühmt und begehrt wird. Sie hatte den schlechtesten Ruf. Man sagt, daß sie Liebe verkauft hatte, unumwunden und unter Vorwänden, um einer Perlenkette willen, um eines Ränkespiels willen, um nichts ungenossen vorübergehen zu lassen von den Lockungen der Jugend, aus Gefallsucht, aus Sinnlichkeit, aus Langerweile, aus Schwäche, aus Lust an der Selbsterniedrigung, aus Vergnügen an einer doppelten Existenz in zwei Sphären der bürgerlichen Welt, von denen die eine nicht weiß, was in der andern geschieht, so daß die Geschicklichkeit, der einen die Kunde aus der andern vorzuenthalten, etwas von der Spannung eines Revolverdramas mit sich bringt und die sonst leeren Tage mit dem Tumult verschwiegener Betätigung erfüllt. Ich bin gewiß,« fuhr mein Freund fort, gegen den ich in diesem Augenblick eine nicht zu überwindende Empfindung des Hasses, ja des Abscheus hegte, »ich bin gewiß, daß sie’s gegenwärtig nicht viel besser treibt. Ich glaube nicht, daß sie je von Liebe erfahren hat, sondern nur von Aufregungen, Sorgen, abwägenden Interessen, Kränkungen des Stolzes, Gefahren der Enthüllung und die Überzeugung von der Nichtswürdigkeit der Männer, so wie eben solchen Frauen die Männer sich zeigen müssen.«
»Aber was wäre denn das für ein Leben!« rief ich kopfschüttelnd. »Welche Einsamkeit setzt das voraus, welche Kraft, alle diese Dinge in der Stille mit sich selber abzumachen!«
Mein Freund zuckte die Achsel. »Es ist das Leben eines Menschen, der auf glühenden Kohlen tanzt und sich stellen muß, als ging’s über einen harmlosen Teppich«, antwortete er. »Wir haben eine Menge solcher Equilibristen in der Gesellschaft, und das vertrackte und verlogene Dasein, das wir führen, fordert die unruhigen Köpfe geradewegs dazu heraus.«
»Gibt es denn irgendwelche faktischen Delikte?« fragte ich.
»Es heißt, daß sie mit jedem hübschen Offizier abenteuert; daß sie sich jedem Laffen hingibt, der sich der Mühe der Werbung unterzieht und den Preis nicht zu hoch findet, den Preis des Verrats nämlich. Auch sagt man, daß sie seit Jahren eine dauernde Beziehung zu einem Berliner Fabrikanten unterhält, der außerdem günstige Börsengeschäfte für sie vermitteln soll, den sie irgendwie draußen oder in der Stadt trifft und der eine unerklärliche Gewalt über sie ausübt, vielleicht die Gewalt bedenkenloser Brutalität. Daß der Major darüber in vollständiger Ahnungslosigkeit verbleibt, gehört zu unsern sonderbaren, aber nicht ungewöhnlichen sozialen Geheimnissen. Alle wissen, er nicht; alle raunen, er ist taub. Man schont ihn wahrscheinlich, man schont seine Stellung, seine Häuslichkeit, und sie hinwiederum profitiert von der Achtung, deren ihr Gatte genießt. Auch macht ihr Auftreten, ihre Schönheit, ihre vollendete Haltung die Argwöhnischen vorsichtig, und den Mut der Übelredner zunichte. Sie hat ja eine Art zu gehen, zu stehen, zu reiten, zu lachen, zu tanzen, die blendend ist, das muß man zugeben. Was tut’s, wenn bisweilen an den Grenzen des Bezirks ein Flämmchen aufzischt und einen Schritt der heimlichen Pfade beleuchtet? Oft sehen Augen, denen keine Zunge dient, die zu reden weiß, und ein anderes Mal schwatzen Mäuler, wo Augen nichts gesehen haben.«
Ich bekenne, daß mich dieses Gespräch bis in die Nieren erkältete. Dies »es heißt« und »man sagt« erfüllte mich mit Mißtrauen gegen den Freund, mit einer Art Furcht vor ihm; ich ging ihm von da an für lange Zeit aus dem Wege. Seine Ehrlichkeit erschien mir durchaus böswilliger Natur; ich bildete mir ein, daß ich einer ritterlichen Pflicht gehorchte, indem ich mich in meinem Innern auf die Seite einer wehrlosen Geschmähten schlug. Kleinstädtischer Klatsch, sagte ich mir, läßt den reinlich Denkenden eher zum Anwalt des Besudelten werden, als daß er die Partei von Feinden nimmt, die sich verbergen. Es war ein Selbstbetrug, dem ich mich hingab. Die Frau hatte ganz einfach mein Gefallen erweckt, und das wollte ich mir verhehlen. Ich traute ihr Schlimmes nicht zu, ich sah ein Kind in ihr, verführerisch, am Ende mißleitet, aber nicht verworfen. Ich sträubte mich nicht gegen die Freundlichkeit, die der Major alsbald in auffälliger Weise gegen mich an den Tag legte. Ich besuchte oft sein Haus, und es schien sich ganz von selbst zu geben, daß ich manche Stunden mit Aurora allein verbrachte.
Sie gestand mir, daß sie von Anfang an aufs innigste gewünscht habe, meine Bekanntschaft zu machen, denn sie habe beim ersten Blick gefühlt, daß ich ihr mit Wohlwollen gegenüber getreten sei. Dies mußte ich bestätigen, ihre schmeichelhaften Worte über meine Vergangenheit, meine Taten, meinen Ruhm usw. lehnte ich höflich ab. Die nichtigen Dinge, von denen sie mit mir plauderte, gewannen einen Reiz von Scherzhaftigkeit, dann wieder von anmutiger Melancholie. Vertrauen schien sie als selbstverständlich zu betrachten und war nicht einmal bedachtsam in ihrem Tadel über die Lebensführung anderer. Sie sprach mit einer unvergleichlich musikalischen Stimme, weich im Ton, klagend in der Färbung, hie und da mit einer Bemerkung voll Witz und Geist. Ihr Zuhören war sympathisch durch den Blick eines wißbegierigen Schülers. Sonst war sie nicht selten gequält, beunruhigt, verschüchtert, also gar nicht mehr Dame. Sie eroberte unbedingt, ich hätte ihr alles geglaubt, und ich glaubte auch alles, selbst das Unwahrscheinlichste, wennschon mir ihr Wesen manchmal wie Dünensand vorkam; erst denkt man etwas Festes zu halten, und wenn man zupackt, verrinnt und verrieselt alles zwischen den Fingern.
Im Verkehr mit ihrem Mann sah ich sie von gemessener Liebenswürdigkeit, Nachsicht mehr gewährend als beanspruchend, gegen launenhafte Bärbeißigkeit sich mit ironischer Duldermine wappnend, wobei ein forschender und spöttisch-kühner Blick den Beobachter zum Mitverschworenen machte. Der Major erweckte den Eindruck eines gutmütigen Mannes; er war untersetzt und korpulent und trotz seiner Jahre nur mäßig ergraut; doch pflegte er den Schnurrbart mit einer Pomade zu behandeln, die diesem das Ansehen eines frisch lackierten Gegenstandes gab. Sein Blick war flackernd wie der eines viel und fruchtlos arbeitenden Menschen; in der Tat verhinderte er nur durch einen fast überstürzten Eifer im Dienst seine langgefürchtete Kaltstellung. Er gehörte zu jenen Offizieren vom alten Schlag, die durch Rauheit und martialisches Auftreten an verjährte Verdienste erinnern und den Mangel an gegenwärtigen verdecken wollen. Er liebte die Jagd, schöne Pferde und Hunde; doch mit diesen Leidenschaften verbarg er nur den Groll gegen ein Regime, das ihn zur schimpflichen Rolle eines Mitläufers und stummen Bittstellers verurteilte, und er erfüllte seine Obliegenheiten wie mit zusammengebissenen Zähnen, war immer in Hast und Angst, und, wie alle unsicheren Beamten, von übertriebener Strenge gegen Untergebene und übertriebener Devotion gegen Vorgesetzte.
Ich glaube, mit solchem Urteil kein Unrecht an dem Major zu begehen; alle diese Umstände waren ja mehr oder weniger öffentliches Geheimnis. Ich habe beschlossen wahr zu sein, und so muß auch dieses gesagt werden. Es trifft nicht zu, daß ich dem Major ohne Achtung begegnet bin; ich hatte anfangs sogar Gefallen an ihm, wie er an mir, erst im Verlauf der Begebenheiten wandelte sich meine Gesinnung auf so verderbliche Art.
Ich begleitete Aurora ins Theater, auf die Promenade, ich kam zu ihren Teestunden, und so vergingen Wochen, ohne daß ich ein Arg gegen mich selber faßte. Wenn ich Gäste bei ihr traf, zeigte sie mir unmißverstehlich, daß ihr Gäste zur Last waren und daß ich allein es nicht war. Ein solcher Beweis von Freundschaft heischte Dank, und ich blieb, nachdem alle sich verabschiedet hatten, auch der Major, der die späten Nachmittagsstunden im Kasino verbrachte und mit einem Oberleutnant vom Train Schach spielte. Oftmals mußte ich ihr von meinen Kriegserlebnissen erzählen, wobei sie atemlos lauschte. Wie sagt doch Othello? »Ich sprach von harten Unglücksfällen, manch rührendem Geschick zu See und Land, wie ich nur auf ein Haar dem Tod entronnen, von grausen Schlünden, öden Wüsteneien, von Klüften, Felsen, himmelhohen Bergen, von Kannibalen, die einander fressen. Und dies zu hören, war Desdemona innerlich gespannt.« Und als er geendet, lohnte ihn das Fräulein mit einer »Welt von Seufzern« und wünschte, sie hätte es nicht vernommen, und wünschte doch, Gott hätte aus ihr einen solchen Mann gemacht.
War auch Aurora nicht dermaßen bezaubert, so stellte sie sich doch ähnlich und ihre Teilnahme war jedenfalls echt. Auch schrieb sie mir Verdienste zu, die ihr trotz aller Selbstverständlichkeit groß und neu dünkten, und vor allem erschien ich ihr verläßlich. Verläßlichkeit war ihr Ideal, wie wenn ihr das Geschick einen Trumpf im Spiel hätte vorgeben können durch die bewunderte Tugend eines andern.
Heute seh’ ich dies klar, damals bestrickte mich ihr bedenkenloses Anschmiegen. Da ich merkte, daß sie wenig oder nichts las, brachte ich Bücher, unter andern schenkte ich ihr die Frithjofssage, ein Gedicht, für welches ich begeistert war. Sie gestand mir aber offen, daß Verse sie langweilten und daß sie zum Lesen überhaupt keine Geduld hätte; so ließ ich es denn sein. Sie wurde jetzt bisweilen karg in der Unterhaltung und von unverständlicher Vorsicht. Darin lag etwas Verwirrendes, denn ich fühlte mich einer Person gegenüber, die ihrer Rede wenig Gewicht beimißt, weil sie Bedeutsames verschweigen muß. Sie hatte immer den auffangenden Blick im Auge, der meine Ungeduld erregte. Ich fragte, hörte, antwortete und war mit der gleichen Aufmerksamkeit beschäftigt, dem Zwitschern eines Vogels oder dem Surren des Windes zu lauschen. Was kann der Major mit einem solchen Weib beginnen? dachte ich oft verwundert; er ist ein Soldat, aber kein Orchideenzüchter. Himmel, wenn ich dies Gesicht beständig um mich wüßte, ich wäre versucht, damit zu verfahren, wie die Kinder, die ihre geliebtesten Puppen aufschneiden, um herauszubringen, was drinnen ist.
So fing es an, mit Abwehr und Wißbegier fing es an. Und wenn es ihr Entschluß war, mein ruhiges Herz in Flammen zu setzen, was bedurfte es da noch viel? Eines Abends fragte sie mich unumwunden nach meinen bisherigen Herzenserlebnissen und darauf mit Offenheit zu entgegnen, war leicht und schwer in einem. Ich hatte nicht viel zu berichten. Schon als Primaner hatte ich Verachtung für die Liebeleien gewisser Kommilitonen empfunden, und fernerhin war mir jede leidenschaftliche Entäußerung ein Greuel gewesen. Ich war freilich kein Kostverächter, kein Joseph; ich nahm stets, was man mir bot, aber zu langgesponnenen Verhältnissen fehlte mir die Zeit, und an die sogenannten großen Passionen glaubte ich nicht. Amüsement, ja; doch durfte es nicht zum Katzenjammer führen; alles übrige schien mir Bummelei und Jugendeselei. Ich weiß, es war erbärmlich, daß ein Kerl wie ich eigentlich nur von käuflicher Liebe wußte, nur von Vergnügen und nichts von Hingabe, nur von Dirnen und nichts von Frauen. Aber das passiert heute tausendmal, es ist viel häufiger, als man denkt, und gerade diejenigen, die ihre Stirn am aufdringlichsten mit dem Heldenlorbeer schmücken, sind, wenn man die Sachen bei Licht betrachtet, ebensolche Jämmerlinge. Dagegen lebt wahrscheinlich in dem Kopf jedes Frauenzimmers eine Vorstellung von Durchschnittspoesie und Schmökerromantik, die ihr unentbehrlich ist wie ein Luxuskleid, auch wenn sie selbst dergleichen nie erlebt hat und so wenig davon hält wie ein Moslem von der Hostie.
Ich wußte nicht, wie mir geschah, als ich nun plötzlich fand, daß ich eine Armut verraten hatte, über die mir bis jetzt kein Skrupel aufgestiegen war. Schon atmeten wir in einer verderblichen Luft. Wir verständigten uns durch Blicke und Mienen, und die Selbstbeherrschung, die wir zu üben wähnten, war nur eine Gaukelei. Ich sagte mir im Anfang bisweilen: die Frau ist kalt, oder noch schlimmer, kühl; die Frau rechnet, die Frau lauert. Aber da war ihre Sanftmut, ihre zarte Stimme, ihr ergebenes, verstörtes, beschwichtigendes Lächeln; da hatte sie eine sonderbare, oft wiederkehrende Bewegung der Hände, die darin bestand, daß sie die Finger ineinanderflocht, um sie dann wie verzweifelt in den Schoß einzusenken. Das riß mich aus allem Gleichmut.
Ihr Wesen blieb mir rätselhaft, bis sie mir eines Tages erzählte, wie ihre erste Ehe das Werk habsüchtiger Eltern und Verwandter gewesen sei; der Mann ein Trinker, ein Wucherer, ein Lüstling. Sie versicherte mir, daß sie im Zusammenleben mit ihm unberührt geblieben sei, und daß hauptsächlich deswegen nach drei qualvollen Jahren die Scheidung ausgesprochen werden konnte. Sie sprach dann von ihren Reisen, von zermarternder Unruhe, vom Wunsch nach Frieden, von ihrem Ekel an Welt und Männern, und da lernte sie Westermark kennen; sie dachte an ihm einen Beschützer zu finden, sie fühlte eine herzliche Kameradschaft für ihn, sie habe sich betören lassen und ihn geheiratet. Als sie nun lange schwieg, blickte ich sie fragend an.
Ja, darüber sei Schweigen geboten, sagte sie, darüber, was jetzt kam, müsse geschwiegen werden.
Geheimnis also? nicht anrührbares Geheimnis? Auroras Gesicht glich einer Uhr, die plötzlich stehen bleibt. Geheimnisse binden, auch wenn sie nicht enthüllt werden. Aber mein Inneres war schon zu sehr ergriffen, als daß ich aus Delikatesse hätte auf Teilnahme verzichten mögen. Ich bat in der dringlichsten Weise um Aufklärung. »Wozu? was soll es nützen?« antwortete mir Aurora. »Warum sollte ich Sie in eine Ungeheuerlichkeit einweihen, die mich allein schon übermäßig bedrückt und lebensuntüchtig macht? Sie würden mir nicht glauben, Sie dürfen mir nicht glauben, denn wer bin ich? Ein verlorenes, verachtetes Geschöpf, der Gegenstand unsauberer Gespräche am Biertisch, die wehrlose Beute aller Nachrichtenjäger der ganzen Stadt, mit meinem Namen in jede Spelunke geschleppt, beneidet, bewacht, einsam, unerhört einsam und unerhört verraten. Wollt’ ich bekennen, was ich in diesem Haus für ein Leben zubringe, so würde ich ja vielleicht auch Sie verlieren, der mir gutgesinnt ist. Nein, nein, erlassen Sie mir das, gönnen Sie mir die harmlosen Stunden mit Ihnen.«
Man sagt gemeinhin, und die Erfahrung macht mich geneigt, dem beizupflichten, daß Männer über dreißig, wenn sie zum erstenmal in ihrem Leben der Gewalt einer Leidenschaft erliegen, sich in nichts von der Unbesonnenheit und Kopflosigkeit der Jünglinge unterscheiden, daß sie im Gegenteil noch großmütiger ihr Gefühl, noch bereitwilliger ihren Stolz, noch unbedingter ihr Vertrauen verschwenden. Ich habe versucht, das Unheil zu bekämpfen, als es da war, ich habe mich noch mit aller Kraft gewehrt, als es mich umschlang. Vielleicht hätte ich es bezwingen können; vielleicht gab es einen Tag, eine Stunde, wo ich noch Meister des Verhängnisses werden konnte, wo ich mit dem Gedanken an ein Abschiedswort, dem Vorsatz einer Reise zu der Frau ging. Aber da mochte es scheinen, als rede die Frau mit einem andern Ton denn gestern; als sei die Hand, die sie mir bot, verwandelt worden. Wenn Früchte reif sind, fühlen sie sich gleichsam wärmer an, und so hatte sich etwa ihre Hand angefühlt, wie eine reife Frucht.
Einverständnis genug; Erwiderung genug; es braucht nicht mehr als den Abglanz der eigenen Sehnsucht in dem geliebten Antlitz und Auge, nicht mehr als ein gestammeltes Wort, als einen flehentlichen Blick, und Pflicht, Gewissen, Zukunftsfurcht entschwinden für immer in der Süßigkeit und Betäubung eines jähen Sicherkennens. Jetzt sind die Tore zugeschlossen, und es gibt keine Reise mehr. Ich entsinne mich eines Tages, wo ich mit Begierde die Gesellschaft eines Mannes suchte, eines Freundes, den außerhalb meines beruflichen Kreises zu finden mir höchst erwünscht war. Da traf ich den Ingenieur, von dem ich schon gesprochen, durch Zufall auf der Gasse. Er blieb unschlüssig stehen, ich reichte ihm die Hand. Ich verzieh ihm alles, was er über Aurora Westermark geäußert hatte, noch mehr, ich empfand das Bedürfnis, ihn mit der wunderbaren Frau näher bekannt zu machen, und ich war überzeugt, daß er sie mit andern Augen ansehen würde. Das Vorhaben war leicht, als Freund Auroras durfte ich es wagen, ihn einfach zu einem ihrer Empfangsnachmittage mitzunehmen. Ich fing alsbald davon an, er war ziemlich betroffen, erwiderte jedoch, wenn ich Wert darauf lege, wolle er mir gern willfahren, obwohl seine Zeit ihm die Pflege gesellschaftlicher Beziehungen sonst nicht gestatte. Wenn ich mir heute dies Gespräch überlege, so muß ich glauben, daß in meinem Benehmen etwas Krankhaftes, ja sogar Krankes enthalten sein mußte, denn der junge Mann blickte mich bisweilen fast mitleidig von der Seite an und meinte schließlich, es tue ihm aufrichtig leid, wenn er mich damals durch seine unüberlegte Offenheit verletzt habe. Am nächsten Tag gingen wir zusammen zur Majorin; Aurora nahm ihn mit Herzlichkeit auf, und sie schmeichelte ihm durch eine gewissermaßen sachliche Hochachtung, die bei Frauen selten ist, und die hier am Platze war. Er kam nun bisweilen an Montagen und Donnerstagen, blieb aber zumeist auffallend schweigsam, trotzdem ihm Auroras Sympathie durchaus nicht verborgen blieb. Einmal gingen wir zusammen weg, und ich sagte ganz unvermittelt zu ihm: »Hast du nun dein Urteil revidiert? Gibst du nicht zu, daß das ein Geschöpf ist, wie es so vollendet nur aus der Meisterhand Gottes hervorgehen kann?« Und als er nur mechanisch nickte, fügte ich hinzu: »Ich hoffe, daß du mich nicht mißdeutest, und daß du meine Worte so auslegst, daß wir uns auch weiterhin gerade in die Augen sehen können.«
»Mehr brauche ich nicht zu wissen«, entgegnete er ernst und anscheinend überrascht. Er besuchte von da an das Westermarksche Haus nicht mehr.
Warum ich die Art meines Verhältnisses zu Aurora vor dem Verdacht eines Freundes schützen zu müssen glaubte, weiß ich kaum. Ich hatte keinen Zweifel an ihrer Ehre und Reinheit. Aber das namen- und gesichtslose Hörensagen, unter dem ihr Ruf litt, war eine Qual sondergleichen für mich. Ich hätte mich gerne gestellt, aber wie durfte ich dies, wer hätte mir das Recht dazu eingeräumt? Ein Blick, ein zweideutiges Lächeln, ein Achselzucken, ein irrlichterndes Wort dann und wann, es überlief mich kalt, wenn ich dessen nur nachträglich gedachte; ich fand mich beleidigt und geschmäht, bald genug bekam ich zu spüren, daß das verleumderische Geschwätz auch schon meinen eigenen Namen bespritzte; aus dem Bewußtsein meiner Schuldlosigkeit, und, da Aurora sich mir gegenüber noch mit keinem Hauch etwas vergeben hatte, zog ich den Schluß, daß all die andern Anwürfe und Gerüchte ebenso trugvoll, lügnerisch und boshaft seien wie dieses. Traurigkeit und Ingrimm nahmen von mir Besitz, ich sonderte mich ab von den Kameraden wo es nur irgend anging, und hatte ich vorher schon für unliebenswürdig gegolten, so erklärte man mich jetzt für abstoßend hoffärtig, oder mildesten Falls für einen finstern Einsiedler. Ja, ich haßte sie, diese still beieinander hockenden Aufpasser, Schlimmredner und Giftkocher, diese gutangezogenen Megären und unbezahlten Spione, die ihrem Dünkel und ihrem Müßiggang kein unterhaltsameres Spiel wußten, als die nie wieder gutzumachende Besudelung eines schönen Herzens und edlen Charakters, denn so erschien mir Aurora.
Indessen wucherte das Grübeln über die furchtbaren Andeutungen, die sie mir in bezug auf ihr eheliches Leben getan, heimlich in mir fort. Ich wagte sie nicht mehr daran zu erinnern, ich wollte nicht mehr fragen, ich glaubte zartfühlend zu sein, doch meine Seelenruhe kam dabei schlecht weg. Tausend Vermutungen erwog ich, bis in die Träume hinein verfolgte mich das haltlose Denken, und so geschah es denn doch, daß ich einstmals, wir saßen im oberen Gesellschaftszimmer vor der Terrasse einander gegenüber, daß ich die Frage stellte, mitten in eine ruhende Minute hinein, in der mir zu Sinn war, als hörte ich das Ziehen der Wolken am herbstlichen Himmel. Aurora erschauerte; sie sah mich eine Weile zornig an, plötzlich stand sie auf, kehrte sich mit dem Gesicht gegen das Fenster, und ich gewahrte am Zucken ihrer Schultern, daß sie weinte. Während ich ratlos dasaß und meine Taktlosigkeit verwünschte, hörte ich die säbelrasselnden, plumpen Schritte des Majors auf der Flurtreppe. Aurora wandte sich um, mit erschrockenen Augen starrte sie gegen die Türe und flüsterte: »Ich kann ihn jetzt nicht sehen.« Damit verließ sie das Zimmer. Der Major trat ein und zeigte ein verwundertes Gesicht, als er mich allein sah. Er begrüßte mich mit zusammengekniffenen Augen und begann mit mir ruhig über dienstliche Angelegenheiten zu sprechen. Meine Nerven waren bis zur Unerträglichkeit gespannt, ich hörte kaum, was er sagte, und ich verfolgte seine Schritte und Bewegungen mit einem beunruhigten und haßähnlichen Gefühl. Plötzlich fragte er mich, wo seine Frau sei. Ich antwortete, sie sei vor wenigen Minuten hinausgegangen. Sein Gesicht verdüsterte sich: »Sie macht mir viel Kopfzerbrechen mit ihren Launen«, sagte er seufzend, indem er sich schwer in einen Sessel fallen ließ. »Ich sollte mich wirklich mehr um sie bekümmern,« fuhr er fort, »aber, lieber Treunitz, Sie haben keine Ahnung, was für Plackereien ich ausgesetzt bin; es kostet mich Überwindung genug, sie nichts merken zu lassen, aber wer kann immer heiter sein, wenn’s einem an den Kragen geht? So eine Frau will nichts als eitel Wonne um sich sehen; ich kann’s ihr nicht verdenken, sie ist jung. Mag sie sich nur amüsieren, ich lege ihr keine Balken über den Weg. Doch wie gesagt, die Launen, die Launen!«
Was er mit den Launen meinte, konnte ich mir nicht enträtseln. Es war mir eine Pein, ihn zu hören, andrerseits rührte mich sein Wesen, und er erschien mir durchaus nicht als böse. Ich wußte nur unbestimmte Redensarten zu erwidern. Meine Situation kam mir ebenso bedrückend wie die seine kläglich vor. Ich verabschiedete mich von ihm. Als ich über den Korridor schritt, stand Aurora neben der Treppe. Sie winkte mir, ihr zu folgen. Ich trat in ein kleines, boudoirähnliches Gemach. Aurora blickte mich forschend an. Etwas Trauriges, aber nicht bloß Trauriges, sondern auch Wildes, eine Art von Außersichsein in ihren Zügen brachte mich vollkommen um den Verstand. Plötzlich umschlangen mich ihre Arme, und ich fühlte ihre Lippen auf den meinen. »Geh, geh«, stieß sie dann durch die verpreßten Zähne hervor. Ich ging.
Mir brannte Hirn und Herz. Nie mehr über diese Schwelle, rief es in mir. Ich scheute mich, den Menschen in die Augen zu blicken. Und doch war ich glücklich; ich hatte ihre Schultern gespürt, ihre Arme, ihren Mund. Ich begab mich nach Hause, lief wie toll in meinem Zimmer auf und ab, ging wieder fort und stand in der Nacht, ich weiß nicht wie lange, vor der Villa des Majors, zu den schwarzen Fenstern emporstarrend. Die Stunden bis zum andern Nachmittag schlichen qualvoll hin. Als ich zu Aurora kam, waren Gäste da. Sie scherzte und plauderte wie gewöhnlich. Dies war mir unbegreiflich. Erst um sechs Uhr waren wir allein. Mit rauher Stimme bat ich sie um Aufklärung. Ich sagte, daß ich den Zustand des Zweifels und der schlimmen Befürchtungen nicht mehr ertragen könne.
»Was wollen Sie von mir?« entgegnete sie hart. Ich blickte sie erstaunt an, aber sie senkte nicht die Augen und flammte mich drohend an. Da packte ich ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. Sie ließ mich ruhig gewähren, indes sie den Kopf in die andere Hand stützte. »Wenn ich alles sagen wollte, wer könnte mir glauben«, murmelte sie vor sich hin, und ihr Körper schrumpfte zusammen wie unter der Gewalt eines physischen Schmerzes. »Gehen wir ein wenig ins Freie«, schlug sie vor. Wir gingen in den Garten. Dort erzählte sie mir alles; während wir über die dunklen Wege schritten, schilderte sie mir ihre Ehe. Sie schilderte mir diese Ehe als ein Martyrium, das ohne Beispiel war. Sie schilderte den Major als einen argwöhnischen, neidischen, boshaften, ohnmächtigen, lügenhaften, und gewalttätigen Greis. Sie sagte mir, daß er sie schlüge. (O Gott, der Speichel im Munde wurde mir bitter wie Galle.) An ihr räche er die Unbill und Zurücksetzung, die er überall zu erleiden wähne. Wo er ihre Wünsche erfülle, sei es zum Schein; wenn er sich freundlich stelle, sei es zum Schein. Er behandle sie schlimmer als einen Hund. Seit sechzehn Monaten lebe sie wie in einem Starrkrampf, und was sie lache und rede, wisse sie nicht. Zuerst habe sie geschwiegen aus Furcht vor ihm, dann aus Furcht vor der Welt, denn noch einmal als geschiedene Frau bodenlos und heimatlos dastehn, das zu ertragen, sei sie nicht fähig, lieber wähle sie den langsamen Tod aus Kummer, Zorn und Angst.
Ich glaubte. Man denke nach, ob es für mich eine andere Möglichkeit gab, als zu glauben. Es gibt im Ungeheuerlichen einen Punkt, wo der Zweifel erstickt, anstatt genährt wird. Man kann der Raserei mißtrauen, man kann der Wut oder dem Haß mißtrauen, aber der sanften, schwermütigen und verzweifelten Ruhe, mit der mich Aurora zum Mitwisser ihres Geheimnisses machte, ist schwer zu mißtrauen. Ich wußte zu wenig von Leidenschaft, zu wenig von dieser schrecklichen Narkose des Gemüts. Die Gewohnheit kalter Sinnenlust und bezahlter Vergnügungen hatte mich einem Sträfling ähnlich gemacht, der die Kette nicht mehr spürt, aber vor Freude verrückt wird, wenn man ihm die Freiheit schenkt.
Wie hätte ich ahnen sollen, was in diesem Weibergehirn vor sich ging? ahnen sollen, daß Neugier sie zur Verderberin und Verbrecherin machen konnte? Neugier, wie weit sie mich zu treiben imstande war! Sie glaubte nicht an Männer, sie glaubte nicht an mich. Daß ich in der Schlacht gewesen, daß ich Feindesblut und eigenes Blut vergossen hatte, das verlockte sie, und sie wollte mich erproben. Sie wollte ihre Macht an mir erproben. Sie hatte die unbestimmte Sehnsucht, Urheberin einer Tat zu werden, aber sie glaubte nicht an diese Tat, so wenig wie sie an Worte, Schwüre, Vorsätze und Empfindungen glaubte. Die unergründliche, unermeßliche Leere ihrer Brust verzerrte ihr alles ernste Bestreben, Wissen, Wollen, Denken und Vollbringen zu spottwürdigen Schemen. Und so wurde meine Ergebenheit zu einem Piedestal für ihren lasterhaften Willen, und es war eine unheimliche Begierde in ihr, mich zu entfalten, mich gleichsam auseinanderzureißen, um zu sehen, – was in mir drinnen sei. Dieses und sonst nichts.
Das weiß ich jetzt; ich habe es erfahren müssen in einer Stunde, die mich aus dem Himmel in die Hölle stürzte, einer Stunde, wie sie vielleicht nur wenige Menschen je erlebt haben, und die ich auch um keinen Preis noch einmal erleben möchte. Aber wie hätte ich es damals spüren oder nur denken sollen? frage ich. Vor mir stand eine Frau, jung und unvergleichlich schön, den Sammet rührender Duldung in den Augen, und so hingeschmolzen vor meinem Wort und schlechten Trost, daß ein Tier weich geworden wäre. Kann man das noch Verstellung oder Heuchelei nennen? Ist dies nicht vielmehr eine böse zauberische Kraft, für die es noch keinen Namen gibt?
Ich will es nicht versuchen, meinen jammervollen Zustand zu schildern. Ich wandelte herum wie ein Vergifteter, auch schmeckte mir kein Bissen mehr. Daß ich liebte, war kein Glück mehr für mich, daß ich geliebt wurde, spürte ich nur wie im Traum. Wie ich es fertigbrachte, mich täglich anzukleiden, zu waschen, zu frühstücken und den Obliegenheiten meines Berufs zu genügen, ist mir heute noch ein Rätsel. Offenbar gibt es irgendeine Maschine in unserm Innern, welche die alltäglichen Pflichten gewohnheitsmäßig erfüllt. Eines Tages war ich bei meiner Mutter zu Tisch, und da ich alle Speisen unberührt ließ, stellte sie mich plötzlich in ernstem Ton zur Rede. Sie sagte, sie wisse alles; sie beschwor mich, von Aurora zu lassen und nannte sie eine gefährliche Kokette. Ich packte ihre Hände, wie man die Fäuste eines Gegners packt, der zum Schlag ausholt. »Auch du,« rief ich, außer mir vor Wut und Enttäuschung, »auch du gehst zu den Verleumdern. Du weißt ja nichts von ihr. Ach, wenn du wüßtest, wenn du wüßtest, es soll sich mir nur einer stellen! nur einmal Aug’ in Auge! Mich dürstet ja danach, sie vor die Pistole zu bekommen, die feigen Hunde!« Meine Mutter war erschrocken, sie umarmte mich schluchzend und sagte: »Daß du den Appetit verloren hast, mein Junge, ist für mich das beste Zeichen, daß deine Leidenschaft verderblich und unnatürlich ist.«
So zeigt sich einem jeden die Welt anders; dem einen von der Herzensseite, dem andern von der Magenseite. Aber meine Mutter hatte Recht. Dennoch vermied ich es in der Folge, sie zu besuchen, und vom November bis zum Februar sah ich sie nur zweimal. Auch mit andern Menschen sprach ich nicht mehr als das Notdürftigste; ich gab jeden Verkehr auf und stellte Aurora meine freie Zeit völlig zur Verfügung. Nachdem ich mich lange in einem Zustand der Zerschmetterung befunden hatte, begann ich die Unhaltbarkeit der Lage zu spüren, um so mehr, als meine finstere Apathie in Aurora sichtlich eine gewisse Ungeduld erweckte. Ich sagte zu ihr, ich müsse mich mit dem Major schlagen. Sie erwiderte mit der ihr eigenen brennenden und faszinierenden Ruhe: »Wie? Du willst dein Leben gegen das seine in die Wagschale werfen? Ein Zufall, und er bleibt Sieger, und ich, verlassener als je, bin nicht nur auf seine Gnade angewiesen, sondern habe auch noch dich verloren. Bevor du mir das antust, schieß’ ich mir selber eine Kugel in den Kopf, das sollst du wissen.«
Ihre Beredsamkeit war groß. Es ist von jeher meine Schwäche gewesen, daß ich gegen beredsame Naturen schnell unterlag. Ich faßte den Plan einer Flucht. »Fliehen wir!« schlug ich ihr vor, »ich bin reich, laß uns übers Meer fahren und ein neues Leben anfangen.«
Sie schüttelte den Kopf. »Fliehen heißt, mich in den Augen der Welt für schuldig und ungetreu bekennen,« sagte sie. »Heutzutage ist die Welt zu klein für solche Wagnisse. Wer kann mich zwingen oder mir es als nützlich einreden, daß ich wie ein Dieb in der Nacht ein Haus verlassen soll, in dem man mit Füßen auf mich getreten ist, in dem man mich bespien und besudelt hat? Nein, Treunitz, das kann ein stolzer Mann nicht von mir wollen.«
Da stand ich wie ein Schüler. »Was wollen wir also tun?« fragte ich.
»So geben wir uns doch auf!« rief sie trotzig und wie ermüdet. Ich schwieg, muß jedoch sehr blaß geworden sein, denn sie sah mich an, erst besorgt, dann nachdenklich, düster und kalt. An jenem Tag verstand ich den Blick noch nicht. Der nächste Tag war Allerseelen. Ich war gegen Abend gekommen, und Aurora bat mich dringend, zu Tisch zu bleiben. Ich konnte es ihr nicht verweigern, obwohl mir vor dem Beisammensein mit dem Major graute. Ich hatte dienstlich mit ihm nichts zu schaffen; in der Stadt sah ich ihn fast nie, von den Veranstaltungen der Offiziere hielt ich mich fern; daß ich dennoch sein Haus betrat, dennoch an seiner Tafel speiste, fähig war, ihn zu begrüßen, ihm zuzuhören und zu antworten, dies alles müßte mich als einen hinterhältigen und niedrigen Charakter denunzieren, wenn es nicht durch die Macht, die Aurora über mich ausübte, einigermaßen erklärt würde. Ihre Worte hatten eine solche Gewalt über mich, daß in meinem Kopf gar keine Überlegung mehr war, wenn sie einmal gesprochen hatte. Da ich sie selber dulden sah, glaubte ich es unserer Liebe schuldig zu sein, mich ebenfalls zu beherrschen und alles zu versuchen, um ihr Los zu erleichtern. Was für Kämpfe und Leiden mich dies kostete, davon will ich nicht reden.
Mit dem Augenblick, wo der Major das Zimmer betrat, pochte mir das Herz vor Haß, Ingrimm und Verachtung bis in den Schlund hinauf. Ich gewahrte ihn nur wie durch Schleier, jede seiner Bewegungen erregte mir Ekel, bei jedem seiner Worte zuckte ich zusammen; meine Stimme klang heiser, und wer weiß, wozu es gekommen wäre, wenn ich nicht Auroras Blick wie einen geisterhaften Bann beständig auf mir ruhen gefühlt hätte. Mitten in einem belanglosen Gespräch unterbrach sich der Major, stocherte mit der Gabel im Salat, führte ein Blättchen an die Lippen, indem er daran leckte, und warf dann Besteck und Serviette mit einem Fluch auf den Tisch. »Kreuzmillionenschwerenot,« schrie er, »wie oft soll ich denn noch sagen, daß ich den Salat mit Zitrone und nicht mit Essig angemacht will! Was haben denn die gottverdammten Frauenzimmer sonst zu denken? Bin ich denn der Niemand im Hause, daß man Schindluder mit mir treibt? Wahrhaftig, eine Lammsgeduld gehört dazu.«
In diesem rüden Feldwebelton ging’s noch eine Weile weiter, bis er aufsprang, die Tür hinter sich zudonnerte und hinausstürzte.
Ich war vollkommen perplex. Das Blut stieg mir langsam zu Kopf, und ich blickte Aurora schweigend an. Sie saß da und lächelte wie eine Frau, die es endlich zur Augenscheinlichkeit gebracht hat, was sie sonst nur insgeheim erleidet. »Dies ist ein Affront,« murmelte ich, »ich werde ihn zur Rechenschaft ziehen.« Aurora lachte. »Zur Rechenschaft ziehen? Einen Unzurechnungsfähigen? Was fällt dir ein!« erwiderte sie herrisch. »Abrechnen mit einem Vieh!«
Ich zitterte vor innerem Frost an allen Gliedern. Und wie mich nun Aurora so anschaute, mit blitzendem Blick, mit geschlossenen Lidern und mit einer unbeweglichen Stirn, da war es mir, als ob mein Herz in siedendes Wasser getaucht würde, und, Gott möge mir verzeihen, ich fing an, jenen Blick zu verstehen, er ging auf in meiner Brust wie das Saatkorn in gedüngtem Boden. Es war mir klar, es war ein unabwendbarer Beschluß, daß der Major von meiner Hand sterben müsse. Aurora zu retten, war mein einziger wütender Drang, ich fühlte meine Liebe zu ihr so ungeheuer, daß ich die wenigen Worte, die alles entschieden, trotz des Flüsterns mit einer Festigkeit hervorbrachte, als ob dieses Fürchterliche eine alltägliche Angelegenheit sei. Aurora, der aus weitoffenen Augen die Tränen über das Gesicht liefen, hörte plötzlich zu weinen auf, ihre linke Hand bebte mir entgegen, ich ergriff die Hand und bedeckte mein Gesicht damit.
Der Major kam nach einer Viertelstunde zurück und bat, anscheinend sehr betreten, um Entschuldigung, die ich meinerseits kalt quittierte. »Aurora,« rief er gezwungen scherzend, »komm einmal zu mir.« Sie erhob sich sogleich und trat eilig vor ihn hin. Diese Bewegung sklavischer Unterwürfigkeit und Angst rührte mich tief. Daß sie wahrscheinlich nur für mich berechnet war, ahnte ich ja nicht. Wie Napoleon, wenn er einen seiner Günstlinge wieder versöhnen wollte, zupfte der Major seine Gattin am Ohrläppchen und lachte. Unter irgendeinem Vorwand verabschiedete ich mich alsbald.
Ich war jetzt bei ziemlich kaltem Blut, und während der ganzen Nacht überlegte ich meinen Plan. Am nächsten Vormittag um elf Uhr traf ich Aurora, wie oft bei schönem Wetter, im Stadtpark. Ich vermochte, mit ihr davon zu sprechen. Es fiel mir auf, daß sie dabei fortwährend mit niedergeschlagenen Augen lächelte. Dies dünkte mich sehr kurios. Ich wußte nicht, war es Unglaube, Befriedigung, Gedankenlosigkeit oder irgendeine Träumerei. Der Ausdruck ihrer Züge rief eine dunkle Erinnerung in mir hervor. Erst viel später entsann ich mich, daß vor Jahren, als ich in Basel war, das Bild der Herzogin vom sogenannten Basler Totentanz eine lange nicht verwischbare, fast unheimliche Wirkung auf mich ausgeübt hatte. Es war genau dieses süß-friedsame Gesicht, in dem etwas Wildes und Kindisches war, eine zerstreute und lustige Grausamkeit und ein Lächeln, als ob der Tod nur ein Schreckmittel für Schwachköpfe sei.
Nun, was half’s; ich war darum nicht weniger verstrickt, der Gedanke wurde uns vertraut. Er erweckte kein Schaudern mehr in mir. Er nahm Gestalt an, und ich war von ihm besessen. Gleichwohl quälte mich Auroras Verhalten. Wenn wir eine Zeitlang ernst über das Vorhaben gesprochen hatten, klatschte sie plötzlich in die Hände und lachte, als ob es sich um ein Märchen handle, an dem zu sinnen angenehm war, das aber niemals in Erfüllung gehen könne. Dergleichen regte mich ungemein auf. Wenn sie mir die Perfidien und zahllosen tyrannischen Handlungen ihres Gatten klagte, beobachtete sie mit Angst, bisweilen mit einem Gemisch von Freude und hungriger Erwartung die geringste meiner Gebärden. Mein Geständnis, daß mich ihre Berichte unsinnig folterten, schien sie oft beinahe fröhlich zu stimmen, und es bestürzte mich, wenn sie unmittelbar nach einem der unheilvollen Gespräche mit dem Vergnügen eines kleinen Mädchens einen Hut probieren konnte und sich selber in den Spiegel hinein entzückt anlächelte. Ich habe während der ganzen Monate Dezember und Januar in keiner Nacht mehr als zwei Stunden Schlaf genossen, und am Ende sah ich aus wie ein Schwindsüchtiger.
Dazu die gestohlenen Liebesstunden, in denen meine Leidenschaft nur durch versprechungsvolle Küsse Genüge fand. Was Genüge! Ein verzweifeltes Aufflackern war es immer wieder, das den Körper ruinierte und mir alle Klarheit des Gemüts und Geistes raubte. Aurora gab sich mir nicht hin; sie erklärte, das schände sie, sie wolle sich nicht noch mit Lug und Trug beladen, sie wolle ihr Gewissen fleckenlos bewahren. Ich ehrte diese Gründe, ich konnte nicht wissen, daß es ihr bloß darum zu tun war, mein Gefühl ins Maßlose zu steigern. Denn sie, sie hatte ja genossen! Sie wollte sich einnisten in der Anbetung eines vertrauensseligen Mannes, das verlieh ihr einen Halt, eine letzte Würde und weckte vielleicht ihr abgestumpftes Herz zu einer Regung von Zärtlichkeit. Das war es, das war das Ganze, und ich Tropf lief in die überdeckte Falle und stürzte so tief, daß keine Faser an meinem Leibe heil blieb.
Eines Abends um sieben Uhr kam Aurora in meine Wohnung, dicht verschleiert. Sie war still und finster, wie ich sie nie gesehen. Sie entblößte ihre Brust und zeigte mir einen blutigen Striemen. Ich stotterte eine Frage. »Dies ist von ihm«, sagte sie dumpf. Da schlug ich besinnungslos mit der Faust um mich und zertrümmerte das Fenster. Mit meiner von Glassplittern verwundeten Hand wollte ich sie an mich ziehen, aber sie, auf das Blut starrend, wich sehr erschrocken zurück. »Du weißt, ich kann kein Blut sehen«, hauchte sie. »Und doch sollst du bald Blut sehen«, antwortete ich. »Nein sehen nicht«, versetzte sie abermals hauchend. »Ach, wenn das wäre«, fügte sie hinzu und schaute mich glühend an, »wenn du das vollbringen könntest, dann könnte ich sterben aus Liebe zu dir.«
Daß sie gewagt hatte, zu mir zu kommen, erschütterte mich, da ich in dieser Verwegenheit nur eine Handlung des Vertrauens und der Zuneigung erblickte. Besorgt um ihren Ruf, holte ich selber einen Wagen; ich begleitete sie, und während der Fahrt setzten wir Tag und Stunde der Tat fest. Ich sagte »morgen«. Aurora antwortete, morgen sei der große Ball im Kasino, da wolle sie noch einmal tanzen. Dieses »noch einmal« zerstreute eine unangenehme Verwunderung, die mir der Einwand zunächst erregt hatte. Ich sagte also: übermorgen. Sie wünschte auch dieses nicht. Sie sagte, am Sonntag sei in Weidenberg Jahrmarkt, ihre Mädchen und der Bursche des Majors hätten für den Nachmittag und die Nacht Urlaub erbeten, und so könne ich ins Haus kommen ohne Gefahr, einen Unberufenen zu wecken. Ich fügte mich, obwohl mir jeder Tag und besonders jede Nacht bis dahin zur Ewigkeit werden mußte. An das, was nachher kam, dachte ich nicht im geringsten. Vermutlich spürte ich schon, daß ich auf eine Zukunft nicht mehr zu rechnen hatte.
Als ich am nächsten Mittag in Gesellschaft des Regimentsadjutanten über den Domplatz ging, gewahrten wir einen sehr fetten und auffallend elegant gekleideten jungen Menschen, der offenbar fremd in der Stadt war. In der Provinz wird der Fremdling, und gar der Großstädter durch ein Etwas in Miene und Schritt sofort erkennbar. Ich hatte nur einen Blick auf ihn geworfen und fühlte gleich den äußersten Widerwillen gegen dies abgelebte, hochmütige und bornierte Gesicht. Der Regimentsadjutant zwinkerte mit den Augen und bemerkte spöttisch: »Aha, da ist ja der Fabrikant Dotterwachs aus Berlin.«
Mich durchfuhr eine unklare Erinnerung von nicht sympathischer Art, aber erst hernach fiel mir ein, daß das vielleicht jene Person sein könne, von der mein Freund, der Ingenieur, gesprochen. Als ich am Nachmittag in die Westermarksche Villa kam, wurde mir gesagt, die gnädige Frau sei nicht zu Hause. In meiner Wohnung angelangt, übergab mir mein Bursche einen Brief. Es war ein anonymes Schreiben folgenden Inhalts: »Wenn Sie das geheime Absteigequartier der Majorin Westermark kennen lernen wollen, so verfügen Sie sich in den dritten Stock des Hauses Nummer 15, Schönlandstraße. Eine frühere Kammerjungfer und jetzige Vertraute der Majorin ist Kupplerin und Mieterin dortselbst.«
Ich zerriß den Fetzen und heftete nicht zwei Gedanken daran, schon, weil mir die Sache zu albern erschien. Leider hatte ich Aurora versprochen, auf den Kasinoball zu kommen, wenn auch nur, um sie zu sehen. Ich überwand meine Abneigung, die mir in der jetzigen Stimmung derlei Festlichkeiten hassenswert machte, schob aber die Stunde möglichst hinaus, und so war es bereits recht spät, als ich den Saal betrat. Aurora war von einem Kreis junger Leutnants umgeben. Sie war hinreißend schön; die Haut von Busen, Hals und Antlitz glänzte wie Silber, darunter floß fischhaft das dunkelgrüne Spitzenkleid; sie war heiter, allzu heiter; und ich, ich war finster. Ich war einer Ohnmacht nahe, so schrecklich empfand ich in diesem Augenblick meine leidenschaftliche Liebe. Frau von Rütten, an der ich nicht grußlos vorübergehen konnte, saß mit einigen andern Leuten in einer Säulennische. Alle diese Leute sahen mich mit seltsamen Blicken an, wenigstens schien es mir so. Ich bemerkte darunter auch das siebzehnjährige Kind, mit dem man mich hatte verheiraten wollen. Ich glaubte die Augen dieses Mädchens mit einem rührenden Gefühl auf mich gerichtet. Ich wandte mich hastig ab und hatte gerade noch Zeit, dem Major Westermark aus dem Weg zu gehen, der auf mich zukam, lachend und winkend, als ob ich sein bester Freund wäre. Es überrieselte mich eiskalt.
Ich stellte mich nun an das untere Ende des Saales und starrte in das lichtübergossene Geflimmer der Uniformen und Roben. Die Walzermusik stimmte mich traurig, und ich weiß nicht, wie es zuging, aber ich mußte beständig an den Mann denken, den ich mittags gesehen, und dessen fleischige und gemeine Züge nicht aus meiner Vorstellung schwinden wollten. Ich sah ihn essen, ich sah ihn Bier trinken, ich sah ihn widerlich lachen und prahlen, und voll Bitterkeit dachte ich mir: das ist also der jetzige Deutsche, ein solcher Mann darf den Namen eines Deutschen führen; Emporkömmling; dickfelliger, ohrenloser, aufgeblasener, herzloser Geselle, dem alles gehört und der nichts respektiert; und so sind sie alle, sie haben das Zittern verlernt und brauchen wieder einmal die Peitsche des Schicksals. Dabei kannte ich den Mann doch gar nicht und verband nur einen Eindruck mit dem Groll über eine allgemeine Kalamität, denn ich war in diesen Dingen schon zum Schwarzseher geworden und war deshalb auch nicht mehr mit innerer Freude Soldat.
Nach dem Kotillon gelang es mir, Aurora für ein kurzes Alleinsein zu erobern. In ihrem Wesen war etwas Schmachtendes, das ich nicht lediglich der Wirkung des Tanzes zuschreiben mochte. Die Luft zitterte zwischen unsern Mündern und unsre Blicke bohrten sich fest ineinander. Trotzdem Leute um uns herumstanden, hatte sie die Verwegenheit, mich zu fragen, ob es beim Sonntag abend verbleibe, und als ich schweigend und bestürzt nickte, lächelte sie mit entblößten Zähnen. Noch lange nachher, als sie sich schon von mir entfernt hatte, beobachtete ich, daß ihre Augen bisweilen forschend, ja ängstlich auf mir ruhten. Plötzlich ging sie zu ihrem Mann, sagte ihm ein paar Worte und verließ den Saal. Der Major, der bei Frau von Rütten saß, erhob sich, um ihr zu folgen. Sie kehrte noch einmal um, und sie redeten wieder eine Weile miteinander, dann ging Aurora. Der Major schien unschlüssig und zeigte ein nachdenkliches Gesicht. Da Aurora nicht zurückkam, entschloß ich mich, Frau von Rütten zu fragen, ob sie wisse, was geschehen sei. Sie antwortete mir kalt, die Majorin habe sich nicht wohl gefühlt und sei nach Hause gefahren; sie habe nicht gewünscht, daß der Major sie begleite, weil sie bestimmt wiederkommen wollte. Ich wunderte mich und wurde besorgt. Ehe eine Viertelstunde verflossen war, hatte ich mich in aller Stille aus dem Saal entfernt, nahm außen meinen Mantel und eilte nach der Westermarkschen Villa. Daß meine Abwesenheit unter der Ballgesellschaft bemerkt und auffällig gefunden werden könne, darüber machte ich mir keine Gedanken. Da ich im Souterrain der Villa noch Licht sah, läutete ich am Gartentor. Eine Mädchenstimme fragte vom Fenster aus, wer da sei. Ich erkundigte mich, ob sich die gnädige Frau noch oben befinde; weil der Wagen nicht da war, mußte ich annehmen, daß sie schon zurückgekehrt wäre. Das Mädchen erwiderte mir, die gnädige Frau sei auf dem Ball. Sie sei aber doch vor kurzem nach Hause gefahren, versetzte ich. Dies wurde verneint.
Ich spazierte auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf und ab und wartete, bis die Glocke zwölf schlug. Darauf machte ich mich wieder auf den Weg und dachte, sie habe am Ende das Kasino gar nicht verlassen. Als ich in die Wilhelmstraße einbog, rasselte eine Droschke an mir vorüber und blieb etwa zweihundert Schritte weiter stehn, ungefähr in der Mitte des Wegs zwischen mir und dem Kasino. Es stieg ein Herr aus, und der Wagen setzte sich wieder in Bewegung. Der Herr kam mir auf demselben Trottoir entgegen, und ich erkannte den Fabrikanten aus Berlin. Er trug einen Zylinder und rote Handschuhe. Sein fettes Gesicht hatte einen angestrengt überlegenden Ausdruck, und seine Lippen waren wie zum Pfeifen gespitzt. Niedergeschlagen, ohne recht zu wissen, weshalb, wandelte ich noch ziemlich lange Zeit auf den Straßen herum. Als ich dann wieder den Ballsaal betrat, erfuhr ich, daß Westermarks schon nach Hause gefahren seien. Dies beschwichtigte mich einigermaßen.
Als ich am folgenden Nachmittag zu Aurora kam, fand ich sie lesend. Sie hatte unter alten Sachen gekramt und ein Stammbuch aus ihrer Mädchenzeit entdeckt. Ich beugte mich über sie und sah, daß ihre Blicke auf einen Vers gerichtet waren, der in großväterischen Schriftzügen ein vergilbtes Blatt bedeckte. Er lautete:
Mit einer Blume zu spielen, ist dir erlaubt,
und sie zu pflücken.
Mit einem Herzen, das du geraubt,
sollst du nicht tücken.
Vergiß nicht, o Mann, o Weib,
Herz, das sich schenkt, ist Gottes Leib.
»Ein hübscher Spruch«, sagte ich. Aurora schaute mich geistesabwesend an. Sie ergriff meine Hand und hielt sie fest. Ihre Finger waren heiß. Ihr Wesen war so gemsenhaft scheu und so bedrängt, daß ich den Augenblick sehnlich herbeiwünschte, wo ich ihr zurufen konnte: du bist erlöst. Sie hatte viel Gesichter und jeden Tag zeigte sich mir ein neues. Hätte sie nur ein einziges Gesicht besessen, so hätte ich vielleicht ergründen können, was in ihr vorging; aber von der hinschmelzenden Schwermut bis zur Trunkenheit des Vergnügens alle Verwandlungen mitzuerleben, hatte ich kein Talent. Ich hätte lernen müssen zu sehen, bevor ich sie liebte.
Endlich brachte ich es über mich, sie zu fragen, wo sie gestern während des Balles gewesen sei. Ihr Gesicht verfinsterte sich erschreckend. »Bedeutet dies Mißtrauen?« flüsterte sie langsam. Ich schüttelte den Kopf. »Hast du denn gar keine Geheimnisse?« fragte sie in derselben düstern Weise. »Gar keine«, antwortete ich. »Aber ich,« fuhr sie fort, »ich habe Geheimnisse, und auch die sollst du lieben. Bin ich nicht mit meinem ganzen Dasein so und soviel tausend Zuschauern offenbar? Wenn ich kein Geheimnis hätte, müßte ich sterben. Übrigens magst du wissen,« fügte sie hinzu, »daß gegenwärtig ein ehemaliger Freund von mir in der Stadt weilt, ein Mensch, dem ich einst viel zu verdanken hatte, der aber meine Dankbarkeit jetzt ausbeutet. An Bedrückern hat es mir nie gefehlt. Aber von alledem sprechen wir ein andermal.« »Ein andermal?« versetzte ich mit stockender Stimme. »Ja, ein andermal«, bekräftigte sie mutig oder auch gedankenlos. Sie näherte sich mir, legte ihre Hände auf meine Wangen und flüsterte: »Ach, wir werden viel beieinander sein müssen, damit ich dir alles, alles sagen kann.« So verstand sie es, mich zu beunruhigen und mich sicher zu machen mit ein und derselben Rede.
Als es zu dunkeln begann, gingen wir gegen den Fluß hinaus spazieren. Es war dies ein einsamer Weg, wo selten jemand zu sehen war. Da wir uns am folgenden Tag nicht sehen wollten, verabredeten wir alle Einzelheiten des mörderischen Vorhabens. Aurora gab mir den Schlüssel zur Gartenpforte. Der Hund, der während der Nacht im Garten frei war, brauchte keine Sorge für mich zu sein, denn das Tier kannte mich, die beiden Jagdhunde wurden nachts in den Verschlag neben den Keller gesperrt. Den Hausschlüssel könne sie mir nicht geben, sagte Aurora, es sei nur ein einziger vorhanden, und den habe ihr Mann. Sie wollte an der Rückseite der Villa das Flurfenster offen lassen, dort sollte ich einsteigen und mich der Stiefel entledigen, bevor ich ins Schlafzimmer des Majors ging, das er unversperrt zu lassen pflegte. Daß sie keinen Hausschlüssel besaß, war eine Lüge, davon konnte ich mich selbst überzeugen, ehe zweimal vierundzwanzig Stunden vergingen. Den Grund dieser Lüge vermag ich allerdings auch jetzt noch nicht einzusehen. Vielleicht wollte sie die Vorbereitungen abenteuerlicher machen, oder, was wahrscheinlicher ist, sich vor Überraschungen sicherstellen. Dies schlug fehl durch meine aufrichtige Entschlossenheit.
Ich gestehe, daß mich schauderte. Aber ich war ja schon verdammt durch den Willen. Die Ausübung war nur noch eine mechanische Folge für mich. Aurora verwunderte mich dann und wann durch eine Miene des Staunens und eine mir unerklärliche, neugierige Spannung. Während des Rückwegs jedoch blieb sie bei einer Weide stehn, strich mit ihren Händen den Schnee von einem Ast und warf sich plötzlich, erst lachend, dann weinend an meine Schulter.
In welcher Verfassung ich den nächsten und den übernächsten Tag verbrachte, ist zu beschreiben unmöglich. Wozu sollte ich auch dabei verweilen. Erst im Gefängnis habe ich erfahren, daß der Major gerade an jenem Sonntag sein Geburtsfest feierte und daß ihn Aurora mit einer neuen Jagdflinte, einem neuen Portefeuille und einem Paar von ihr selbst gestickter Pantoffeln beschenkte. Gleichfalls habe ich erfahren, daß sie ihm, wie das Stubenmädchen aussagte, schon am Morgen die Erlaubnis abschmeichelte, den Abend außer Haus verbringen zu dürfen, bei einer Freundin, die aus Stettin gekommen sei. Um zwei Uhr nachmittags schickte sie den Burschen des Majors mit einem Brief in meine Wohnung. In diesem Brief standen nur die Worte: »Aufschieben. Gründe mündlich.« Ich bekam aber den Brief nicht mehr in die Hand, und das war ein Unglück. Ich war um zwölf Uhr zum letztenmal in meinem Zimmer gewesen, hatte Zivilkleider angelegt, den Revolver zu mir gesteckt und war über Land gegangen. Ich hatte mir vorgenommen, nicht mehr nach Hause zurückzukehren, denn mir graute vor den vier Wänden. Dies war, wie gesagt, ein Unglück.
Die schrecklichste Unruhe trieb mich draußen über Landstraßen, durch Wiesen, Äcker und Wälder. Ich war todmüde, als ich spät abends in die Stadt zurückkam, aber mein Kopf war klar. Um dreiviertel zwölf stand ich vor dem Gartentor der Villa. Im Zimmer des Majors brannte kein Licht mehr. Ich wußte, daß er sich täglich um elf Uhr zur Ruhe begab, denn des Morgens war er der erste Offizier in der Kaserne. Ich sperrte die Gartentür auf, und als ich nach der Rückseite des Hauses ging, folgte mir der große Bernhardinerhund mit freundlichem Wedeln seines Schweifes. Als ich das bezeichnete Fenster, entgegen der mit Aurora getroffenen Verabredung, fest zugeschlossen fand, stutzte ich. Eine Weile war ich ratlos. Ich zog aus dem Umstand nicht den vernünftigen Schluß, den ich hätte ziehen sollen. Ich beschloß zu tun, was die Diebe und Einbrecher tun. Mit der pelzbehandschuhten Hand preßte ich so lange an das Glas, bis es sprang. Die Jagdhunde im Verschlag fingen an zu bellen, da sich aber sonst nichts regte, entfernte ich mit Bedachtsamkeit die Scherben, öffnete den Innenriegel und stieg ein. Ich hatte Gummisohlen an den Stiefeln und stieg unter dem fortwährenden Gekläff der Hunde die Treppe hinan bis zum Schlafzimmer des Majors, in das ich ohne zu zögern eintrat. Es war eine ziemlich stürmische Mondscheinnacht, und obgleich der Mond häufig durch Wolken verdeckt wurde, fiel doch durch das unverhängte Fenster Licht genug, daß ich den Major sehen konnte. Er hatte eine Mütze auf dem Kopf und schnarchte laut. Er erschien mir sehr dick. Dicke Menschen waren mir von jeher zuwider, und in diesem Augenblick empfand ich nur die rein tierische Abneigung gegen den Mann. Als ich neben das Bett trat, gewahrte ich auf dem Nachtkästchen ein Buch, und ich konnte im Mondlicht ohne Mühe den Titel auf dem bunten Umschlag lesen. Es waren »Lederstrumpfs Erzählungen«. Einfältig und lächerlich kam es mir vor, daß ein Soldat in den Jahren des Majors solches Zeug zur Abendlektüre wählte; aber diese Betrachtung ließ mich nur um so mehr spüren, wie schändlich es sei, einen Mann im Schlafe zu töten. Einer derartigen Regung fühlte ich mich nicht gewachsen, ich legte meine linke Hand auf die Schulter des Majors, in der rechten hielt ich den Revolver. Der Major wachte sofort auf und sah mich stier an. »Nehmen Sie einen Revolver,« sagte ich kalt, »wir müssen uns auf der Stelle schießen.« Seine Augen rollten furchtsam im Kreis, und es war, als verstehe er mich nicht. Ich wiederholte meine Worte. Er fing an zu murmeln; ich schnitt ihm die Rede ab und wiederholte meine Worte. Er schüttelte sich ein wenig und sprach jetzt deutlich, ich hörte nichts und wiederholte abermals meine Worte. Plötzlich sprang er auf, die andere Seite des Bettes war ebenfalls wandlos, er taumelte aus dem Bett und schrie mit heiserer Stimme um Hilfe.
Da schoß ich. Ich schoß zweimal. Er streckte gleich darauf die Arme in die Luft und stürzte zu Boden. Ich näherte mich ihm und sah, daß er tot war. Es rann mir eisig durch alle Glieder. Ich verließ das Zimmer und ging über den Korridor hinüber zu Auroras Schlafgemach. Sie mußte die Schüsse gehört haben. Was jetzt? fuhr es mir durch den Kopf; das beständige Geheul der Hunde machte mich rasend. Ich hatte mir das Nachher ganz und gar nicht vorgestellt, aber daß ich mich nun gemütsruhig entfernte, um zu warten, bis am Morgen die Untat, als von einem Unbekannten verübt, entdeckt wurde, das ging nicht an. Ich fühlte, daß ich sterben müsse, und es entstand in mir der Wunsch, daß Aurora mit mir sterben möge. Wie ward mir aber, als ich Auroras Zimmer leer fand und ihr Bett unberührt! Ich schritt der Reihe nach durch alle Zimmer des Stockwerks, und die wohlbekannten Möbel und Bilder blickten mich an, wie lebendige Dinge. Indes ich wie ein Gespenst dort herumirrte, vernahm ich das Rollen eines Wagens auf der Straße. Ich stand gerade wieder auf dem Korridor, welcher auf eine Tür zulief, die gegen einen kleinen Gassenbalkon oder Vorbau führte. Diese Tür öffnend, trat ich hinaus und kam eben recht, als der Wagen vor der Gartenpforte hielt. Durch die kahlen Baumzweige hindurch konnte ich sehen, daß Aurora ausstieg. Ich erblickte aber noch jemand im Wagen, ein Gesicht erschien am Fenster, das ich wohl erkannte. Aurora blickte flüchtig am Haus empor, aber nicht dorthin, wo ich stand, sondern gegen die Seite, wo des Majors Zimmer war. Darauf beugte sie sich noch einmal in den Wagen, ich sah einen roten Handschuh auf ihrem Arm und ich hörte sie flüstern und lachen. Gott! ich hatte kaum mehr die Kraft zu stehen, ich spürte, daß mich die Blässe überströmte wie Sand. Treunitz! Treunitz! schrie es in mir, du hast verspielt.
Aurora war inzwischen ins Haus gegangen, den Schlüssel hatte ich in ihrer Hand blinken gesehen, ihre Schuhe schlürften auf den Steinfliesen im untern Flur, dann knarrte eine Tür, dann wieder eine. Ich ging in den Flur, blieb aber in der Ecke stehen. Aurora kam mit den beiden Jagdhunden die Stiege herauf. Sie hielt die Tiere, die sich wie toll gebärdeten, fest an der Leine. Wahrscheinlich hatte das unaufhörliche Gebell Furcht in ihr erweckt, und sie hatte den Verschlag geöffnet, um die Hunde mitzunehmen. Sie gewahrte mich nicht, sie ging in ihr Zimmer. Ich hörte, wie sie mit beinahe wilden Lauten die Hunde zu bändigen suchte, was ihr jedoch nicht gelang. Ich kehrte unterdes zum Zimmer des Majors zurück, blieb aber auf der Schwelle stehen. Jetzt trat Aurora mit der Kerze auf den Flur, sie hatte noch den Hut auf, der lange Schleier hing zu beiden Seiten herunter wie zwei blaue Fahnen. Die Hunde, der Leine entledigt, stürzten an mir vorüber in das Zimmer des Majors. Sie blieben an der Leiche stehen und verbellten den toten Mann wie ein im Feuer verendetes Stück. Aber auf einmal wurden sie alle beide still und winselten nur noch. Aurora schaute mit kaltem Blick in den Raum, dann mit demselben kalten Blick auf mich und fragte mit dem seltsamsten Gleichmut: »Was hast du denn da gemacht?« Und als ich schwieg, fuhr sie mit genau derselben matten und unbewegten Stimme fort: »Er ist wohl tot?« Und als ich abermals schwieg, begann sie wieder: »Warum hast du denn das getan?«
Im ersten Augenblick glaubte ich den Verstand verloren zu haben. Ich konnte kein Wort aus meiner Kehle pressen, meine Zähne rieben sich hörbar aufeinander, und ich mußte das unbegreifliche Weib nur immerfort anstarren. Sie blickte sich noch einmal um, etwa wie wenn man in einem Museum Bilder anschaut, dann pfiff sie den Hunden und ging. Die Hunde folgten nicht, sie hörten nicht auf zu winseln. Da entfernte sie sich allein. Sie ging in ihr Zimmer. Ich blieb wie versteinert auf meinem Platze, die beiden Tiere zu sehen und zu hören, war mir plötzlich das hellste Grauen. Ich fing an zu zittern und wußte nicht, woran ich denken sollte. Ich weiß nicht mehr, wieviel Zeit verflossen war, möglich eine halbe Stunde, möglich eine ganze, als ich mich entschloß, in Auroras Zimmer zu gehen. Die Türe war unversperrt. Aurora war im Bett, die brennende Kerze stand noch auf dem Nachttisch. Im Zimmer selbst war die größte Unordnung, Kleider und Wäschestücke lagen umher, eine kleine Reisetasche stand, wie zum Gepacktwerden, offen auf einem Stuhl. Ich blieb am untern Bettpfosten stehn und fragte Aurora, ob sie es denn nicht gewollt habe. Aus den Kissen heraus antwortete sie: »Laß mich jetzt schlafen.« »Um Gotteswillen!« flüsterte ich. Da erhob sie den Kopf und fragte kalt, ob ich das Billett nicht erhalten habe. »Was für ein Billett?« fragte ich. Sie sah mich unwillig an, lachte plötzlich und sagte fast verächtlich und als ob ich ihr völlig fremd sei: »Gehen Sie hinaus und lassen Sie mich schlafen. Es schickt sich nicht, daß Sie bei meinem Bette sind.« Mit diesen Worten blies sie die Kerze aus, und ich hörte sie wieder leise ins Kissen lachen.
Ich begriff es nicht. Ich hätte begriffen, wenn sie zornig, wenn sie wütend, wenn sie verzweifelt gewesen wäre, ich hätte alles begriffen, aber dies begriff ich nicht. Mir war es, als ob aus einer schönen Verkleidung ein Unhold hervorgetreten wäre, ein bestialisches Gebilde, ein grinsendes Affenwesen, wie es dermaßen furchtbar die Welt noch nicht erblickt. Ich tastete mich hinaus, das Entsetzen lag mir in allen Gliedern. Auf dieselbe Weise, wie ich gekommen war, mußte ich auch das Haus verlassen. Nachdem ich das Gartentor aufgesperrt und hinter mir zugeklappt hatte, warf ich den Schlüssel über den Zaun zurück. Es war ein Uhr, als ich nach Hause kam. Auf dem Tisch lag Auroras Brief. Ich öffnete ihn nicht. Es war mir alles zum Ekel und alles rätselhaft. Ich legte mich erschöpft aufs Bett und schlief bis sieben Uhr. Als mein Bursche kam, beauftragte ich ihn, eine Droschke zu holen, und zog unterdes die Uniform an. Ich fuhr in die Kaserne und wartete in der Kanzlei auf den Obersten. Er erschien erst gegen neun Uhr; er war bleich und fragte mich, ob ich schon wisse. Die Ermordung des Majors war bereits in der Stadt bekannt. Ich bat ihn um ein Wort unter vier Augen. Mein Geständnis machte seinem wohlwollenden und gegen mich stets vertraulichen Wesen ein schnelles Ende. Ich mußte den Degen abliefern und wurde sogleich inhaftiert. Dies alles war von keinem Belang mehr für mich. Ich wurde gefragt, ob ein Zweikampf beabsichtigt gewesen sei. Ich verneinte, weiß aber kaum, warum. Ich hätte meine Verteidigung darauf bauen können, ich tat es nicht. Ich hätte ja dem Major eine zweite Waffe in die Hand drücken können, bevor ich das Haus verließ. Ich tat es nicht, weil es mir gleichgültig war. Ich erfuhr von der Verhaftung Auroras, von dem Erstaunen und dem Schrecken, den meine Tat überall erregte, und auch dieses war mir gleichgültig. Am andern Morgen besuchte mich der Oberst, fragte, ob ich vor dem Transport ins Militärgefängnis noch etwas zu ordnen hätte, legte ein Terzerol auf den Tisch und stellte sich ans Fenster. Ich tat nicht, was er erwartete. Er entfernte sich ohne Gruß. Die Kameraden glaubten, daß ich aus Feigheit unterlassen habe, ein Ende zu machen, aber dem ist nicht so. Ich habe nichts vom Feigling in mir. Ich war bloß regungslos in meinem Innern. Ich war ganz wie aus Blei. Ich grübelte beständig ins Finstere hinein. Erst mit dem Verlauf vieler Tage kam ich wieder zur Besinnung. Ich fing an, meine Beichte dem Papier anzuvertrauen. Ich hinterlasse sie der geringen Zahl meiner Freunde. Es ist mir nun klar, daß mich die Menschen für schuldig halten und daß ich zu sterben die Pflicht habe. Ich selbst, ich kann nicht sagen, ob ich mich schuldig fühle oder nicht. Ich kann es nicht sagen. Aurora hat es ja gewollt. Um meiner Mutter willen bitte ich um ein anständiges Begräbnis.
Und nun geschehe, was geschehen muß.
Hilperich
Kanzlist Johann Querschneider zu Nürnberg, ein seltsamer Kauz, ein Hungerleider doch nach Diogenes’ Art, erzählt:
Vierundzwanzig Jahre sind seit meines Vaters Tod verflossen. Ich bin ein uneheliches Kind und führe den Namen meiner Mutter. Bis zu meinem zweiundzwanzigsten Jahr wußte ich von meinem Vater nichts, nicht einmal ob er lebte. Ich hatte mich nicht sonderlich dafür interessiert; Gott weiß aus welchem Grund ich stets darüber hinweg dachte. Meine Mutter verfuhr in diesem Punkt sehr kategorisch. Wenn ich fragte, so lachte sie mir ins Gesicht. Ich zerbrach mir nicht den Kopf, sondern lebte so hin, nicht schlechter und nicht besser als andere; Geld hatten wir wenig, litten aber keinen Mangel. Meine Mutter bezog irgendwoher eine kleine Pension, besorgte Nähereien für einige Bürgersfrauen im Bezirk, und ich selbst war beim Amtsgericht als Schreiber angestellt.
Ich lebte also und beschäftigte mich nach meiner Art. Bis zu meinem zweiundzwanzigsten Jahr wie gesagt. Da ereignete es sich eines Morgens im Frühling, ich ging gerade zum Amt, daß ich im düsteren Korridor unseres uralten Gerichtsgebäudes ein junges Mädchen stehen sah, welches forschend und unruhig den langen Gang bald hinauf, bald hinunter blickte. Ich trat zu ihr hin und fragte unverhohlen nach ihrem Begehren. Sie antwortete etwas in italienischer Sprache, und da ich sie nicht verstand, schüttelte ich den Kopf und ging langsam meiner Wege. Das ist ein teuflisches Frauenzimmer, sagte ich mir, denn ich hatte im Leben Schöneres nicht gesehen. Voller Gedanken kam ich in die Amtsstube und setzte mich an meinen Tisch. Drei Personen von den Parteien waren schon anwesend. Der Diener schrie in den Flur hinaus: »Bianca Spinola!« und das schöne Mädchen trat ein.
Die Verhandlung betraf einen schwierigen und absonderlichen Fall. Der alte Rat Hilperich (ein Mann, den jedes Kind auf der Straße kannte, und dessen abenteuerliche Vergangenheit den Gegenstand vieler Erzählungen bildete) war auf den Einfall gekommen, eines seiner unehelichen Kinder, ein junges Mädchen aus dem Trentino, an einen Bankbeamten zu verheiraten. Alles war schon im besten Zug gewesen, die jungen Leute selbst im Einvernehmen, als plötzlich die Mutter des Beamten mit Zeter und Mordio erschien: der junge Ehekandidat sei gleichfalls ein Kind Hilperichs. Was der alte Herr vorerst gründlich bestritt. So kam die Sache vors Gericht und bildete lange Zeit das Gelächter der amtlichen Personen und der ganzen Stadt. Mit Neugierde sah ich den alten Mann an, der nun vor dem Richter erschienen war. Sicherlich zählte er mehr denn siebzig Jahre, obwohl seine blauen Augen strahlend und lebhaft waren. Seine hagere und etwas gebogene Gestalt hatte etwas Majestätisches, und dieser Eindruck wurde verstärkt durch das Trotzige, Verbissene, Verächtliche seines Gesichtes. Wenn unter den zusammengezogenen Brauen die Augen verschwanden und die verkniffenen, schmalen Lippen sich hinter dem weißen Bart wie hinter dünnem Buschwerk versteckten, mochte man wohl Furcht empfinden, und das rote Gesicht, das vom Alter weniger versengt schien als von den Leidenschaften, konnte man nicht leicht vergessen. Das ist also der alte Hilperich, dachte ich mir und mußte gleichzeitig lächeln, weil ich sah, daß die Sonne auf die schwarze Kappe und den schwarzen Bart des Richters ein goldenes Emblem gemalt hatte. Das alles sehe ich noch deutlich. Auch den hübschen und verschwiegen aussehenden jungen Mann, den Bankbeamten; er hatte eine Narbe mitten auf der Stirn. Dann seine Mutter, eine sehr dicke Frau, welche fortwährend Schokoladestückchen aus der Tasche zog, wodurch aber die Redekraft ihrer Zunge keineswegs verringert wurde. Dann das junge Mädchen, aber von diesem will ich jetzt nicht reden. Der Richter wiegte den Kopf, fragte dies und jenes, und seine Klugheit war bald erschöpft.
Ich weiß nicht mehr, wie ich daheim beim Mittagessen die Sprache auf den alten Hilperich brachte. Ich erzählte die ganze Geschichte, die mir sehr belustigend erschien. Meine Mutter aber verlor sofort ihr munteres Wesen, wurde nachdenklich und entfernte sich vom Tisch. Der Zufall fügte es – ich bin alt genug geworden, um das Wort Zufall nicht ohne ein Gefühl von Andacht hinzuschreiben – daß ich an demselben Tage der jungen Trentinerin wieder begegnete. Wir trafen uns nämlich beim Krämer, wo sie für ein Gewürz, das sie kaufen wollte, den deutschen Ausdruck nicht wußte. Ich machte nun den Dolmetsch, und zwar auf die komischste Weise der Welt, denn ich verstand ja selber nichts von der fremden Sprache. Ich schleppte alles herbei, was in dem Laden zu finden war, und stapelte es vor der schönen Dame auf, wie man einem fremden Monarchen etwa die Reichtümer eines Magazins zeigt. Es gab ein großes Gelächter, und der Krämer selbst, der mein guter Bekannter war, fand sich bei dem Spaß am besten amüsiert.
Da die junge Bianca, wie ich mit Mühe erfuhr, in der Nähe wohnte, begleitete ich sie nach Hause, und es verursachte uns weiterhin großes Vergnügen, uns zu verständigen. Unsere Mißverständnisse waren so heiter, daß eins das andere übertraf und wir gewiß mehr davon hatten, als von einer regelrechten Unterhaltung. Ich sah, daß sie ein Mädchen aus dem Volk war, und daß es nicht schwer fiel, sie heiter zu stimmen und ihr zu gefallen. Ja, ich gefiel ihr, und meine drollige Zeichensprache, mein Murmeln und Kauderwelsch trieben Tränen des Lachens in ihre schönen Augen.
Überflüssig, von all den Einzelheiten zu erzählen; nicht lange darauf konnte ich Bianca mit meiner Mutter bekanntmachen. Meine Mutter erinnerte sich sofort daran, was ich ihr von jener Verhandlung erzählt hatte. Sie führte mich beiseite und fragte mich sehr ernst, ob das jene Bianca Spinola sei. Mein unbefangenes Ja machte sie noch ernster und feierlicher, so daß ich besorgt zu werden anfing. Aber ich wußte nicht, was ich daraus machen sollte. Am folgenden Morgen, es war ein Sonntag, gebot sie mir, mich sorgfältiger als sonst anzukleiden, denn ich war immer ein wenig nachlässig darin. Sie nahm mich also wie einen Schuljungen mit sich und führte mich zu einem alten Haus in der Pfannenschmiedsgasse. Wir stiegen zwei knarrende Treppen empor, und meine Mutter zog die Klingel. An der Art ihrer Gebärde sah ich, daß ihr Gemüt heftig bewegt war, und ich fragte sie darum. Aber sie gab mir keine Antwort. Mein Erstaunen wuchs, als ich das Porzellanschildchen an dem gelben, staubigen Gitter sah, welches den Korridor von der Stiege trennte. Hilperich las ich; aber ehe ich meine Mutter von neuem fragen konnte, erschien eine Bedienerin. Meine Mutter zog einen Brief aus der Tasche und sagte, sie wolle auf Antwort warten. Die Frau führte uns in ein großes, leeres Zimmer, welches nichts als einen Spiegel und ein paar Stühle enthielt. Vor dem Spiegel stand ein dünner Mann mit einer Glatze und richtete sich eine rote Krawatte. Unser Eintreten störte ihn nicht im mindesten; ich war erstaunt, denn nie hatte ich ein so verhungertes, grämliches und furchtsames Gesicht gesehen.
Die Bedienerin kam alsbald zurück und bat meine Mutter, ihr zu folgen. Wieder verging eine Weile, während ich saß und lauerte und mir den Kopf zerbrach über das, was vorging. Der dünne Mann stelzte komisch vor mir auf und ab, murmelte und schielte mich von der Seite an, so daß ich lachen mußte. Endlich öffnete sich die Türe, der alte Rat kam heraus, faßte mich schnell ins Auge, schritt auf mich zu, nahm meinen Kopf zwischen seine beiden Hände, verkniff seine Lippen streng, nickte und küßte mich auf die Stirn. Im Rahmen der Tür stand meine Mutter und sagte mit ganz verweintem Gesicht: Johann, das ist dein Vater. Immer sonderbarer wurde mir zumut, und das Sonderbarste war mir wohl in diesem Augenblick, daß mein Freund mit der roten Krawatte ganz ruhig weiter auf- und abstelzte, als ob er daran gar nichts Auffälliges fände oder es längst vorausgesehen hätte. Es ist wahr, das Wort Vater machte in diesem Augenblick keinen Eindruck auf mich, aber wer will mir das verübeln? Ich erinnere mich, daß ich für meine Mutter ein unbestimmtes Mitleid empfand und daß ich mich im übrigen weit weg wünschte. Auch war ich erstaunt und verlegen und wurde es immer mehr, so daß mir der Schweiß auf die Stirne trat.
Ich erinnere mich, daß meine Mutter und der alte Mann einander noch lange Zeit gegenübersaßen und über die Vergangenheit plauderten. Der Rat Hilperich, den ich nicht einmal in Gedanken Vater zu nennen wagte, blieb dabei gelassen, ja sogar ein wenig spöttisch. Es fiel mir auf, daß die fernliegendsten und vergessensten Dinge ihm so nahe schienen wie die Gegenwart. Er sprach nicht wie ein alter Mann und nicht wie ein junger Mann, sondern als ob er ein Gebieter über die Zeit und über die Jahre wäre, und als ob es für ihn kein Verschwinden gäbe. Das ist mir freilich jetzt viel deutlicher als damals; denn ich habe ja erst durch ihn gelernt, was menschlich ist, abzuwägen.
Die Rede kam auch auf mich, auf meinen Beruf und meine Beschäftigung. Die Mutter rühmte meine Fähigkeiten; ihre Augen glänzten dabei, als ob sie von etwas Großem spräche, und ich mußte lachen. Das schien meinem Vater zu gefallen. Er nahm meine Hand, tätschelte sie ein wenig und sah mich halb liebevoll an und halb wie einen seltsamen Zwerg. Plötzlich aber sprang er auf und kreischte mit einer zerbrochenen, gehässigen Stimme: Mittelmann, scheren Sie sich zum Teufel! Und der schweigsame Spaziergänger machte sich wie ein armer Hund auf die Beine. Mein Vater lachte uns triumphierend an und wandte sich dann unvermittelt zu mir. Er habe viele Schreibereien, sagte er, und brauche einen, dem er sein ganzes Vertrauen schenken könne. Er glaube, daß ich nicht auf den Kopf gefallen sei, denn ich sei ja von seinem Blut. Wenn es mir recht sei, möge ich täglich zwei Stunden zu ihm kommen; es wäre nicht umsonst, und meine Stelle beim Amt könne ich ja behalten. Ich erklärte mich bereit, und meine Mutter fing sogleich vor Freude wieder zu weinen an. So entließ er uns.
Am andern Morgen brachte ein Dienstmann ein herrliches Geschenk für meine Mutter, eine Stehlampe, deren gläserne Kugel von zwei nackten Frauen getragen wurde. Das war ein zarter Beweis für die Gesinnungen meines Vaters, und mit Genugtuung trat ich den Weg zu seinem Hause an. Ich war so in Nachdenken verloren, daß ich beinahe überfahren worden wäre. Beständig sah ich mich an einem Wendepunkt meines Schicksals, das sich glänzend vor mir aufrollte.
Ich fand meinen Vater in seinem Wohnzimmer. Er war in Unterhosen, betrachtete mich komödiantisch forschend, mit seinem gewohnheitsmäßigen, halb grinsenden Lächeln, doch mit ernst blitzenden Augen. Man hatte ihm gegenüber das Gefühl, daß man stets scharf beobachtet war, und daß nichts seiner Beobachtung entging. Alles an ihm war voll Leben und Lebendigkeit trotz seiner schlottrigen, mageren, baufälligen Gestalt. Das Zimmer war vernachlässigt und unordentlich. Keine Bilder schmückten die Wände. Neben dem Bett hing ein riesenhaftes Löschblatt, vom Gebrauch schwarz marmoriert, und auf dem Boden stand ein Schreibedeckel neben einem eisernen Tintenfaß, denn mein Vater pflegte im Bett zu schreiben. Wäschestücke, Briefe und Schachteln lagen umher; auf einer gelben Kommode pendelten zwei Uhren, von denen die eine Mitternacht oder Mittag, die andere fünf Uhr wies.
Mein Vater hieß mich sogleich vor dem Schreibtisch Platz nehmen und diktierte mir eine ziemlich unverständliche Abhandlung, welche, wenn ich mich recht entsinne, Kultur und Mode hieß. Später erfuhr ich, daß er dergleichen viel schrieb, und manches, was mir recht überflüssig vorkam. Er tat es für Geld. Das war mir im Anfang unerklärlich, denn ich wußte nicht nur, daß er ein schönes Privatvermögen besaß, sondern auch, daß er das Geld verstreute, als ob es Kleie wäre. Er besah es nicht, sondern gab hin, nach allen Seiten. Dabei lebte er selbst in strenger Einfachheit, war genügsam wie ein Bauer, stand mit der Sonne auf, im Winter und im Sommer. Bald, bald erfuhr ich, wohin das viele Geld wanderte. Aber darüber laßt mich vorerst nicht reden. Damals verwirrte es meinen Sinn wie vieles andere Neue, und heute noch, in der Erinnerung, bewegt es mich sehr. Einmal, während ich bei ihm schrieb – es war immer noch über Mode und Kultur, denn das ging von Adams Zeiten an – kam ein Brief mit der Post. Mein Vater las ihn, und sein Gesicht zeigte dabei Zorn und Haß. Da! herrschte er mich an und warf das zusammengefaltete Papier vor mich hin. Ich schlug es auseinander und überflog ein Schreiben voller Vorstellungen und Vorwürfe; Religion bildete die Quelle der Beredsamkeit, so daß bisweilen der Ton etwas Prophetisches und Salbungsvolles hatte. Zum Schluß wurde der verderbte Greis flehentlich gebeten, in den Schoß der Kirche zurückzukehren.
Ich hatte von der geschiedenen Ehe meines Vaters munkeln hören. Dieser Brief war von seiner Frau. Sie verdummt in den Händen der Pfaffen, sagte der Alte bitterböse zu mir; aber zugleich nahm ich einen traurigen Ausdruck in seinem Gesicht wahr, der mir naheging. Er schickte mich an diesem Tag fort. Als ich am folgenden Tag wiederkam, schenkte er mir eine wunderschöne, goldene Uhr – für meine Dienste, wie er sich ausdrückte, hieß mich jedoch abermals gehen. Als ich durch den Korridor schritt, sah ich ein Mädchen von nicht mehr als fünfzehn Jahren, die voll Unbefangenheit in Blick und Miene an mir vorüberging, in die Wohnung meines Vaters. Sie war sehr elegant gekleidet, doch hatte man gleich den Eindruck, daß dies etwas Selbstverständliches an ihr war. Ich schaute ihr neugierig, fast freudig nach, und die Freude an meinem Geschenk ließ mich ihre flüchtige Erscheinung doch nicht vergessen.
Als ich nach Hause kam, traf ich zu meinem Erstaunen Bianca Spinola bei uns. Sie war auf Geheiß meines Vaters gekommen, wie ich hörte; sie solle nur mit uns Umgang suchen, hatte er gesagt. Ich lachte und erwiderte, daß es wie in einer türkischen Familie sei, aber im Grunde fand ich etwas Wohliges und Geheimnisvolles in der neuen Verwandtschaft von fernher. Bianca Spinola sprach schon viel besser deutsch; ihr Radebrechen entzückte meine Mutter. Ich selbst fühlte mich gehobener durch ihre Gegenwart, doch ohne die frühere Bewegtheit; auch war mein Kopf voll von Gedanken. Ich zeigte meine prächtige Uhr, die eitel Bewunderung weckte, und wir waren herzhaft vergnügt den ganzen Abend über.
Ich weiß nicht mehr recht, ob es der darauffolgende Tag war, an dem ich von Mittag bis zum Abend bei meinem Vater Briefe schrieb. Ich erinnere mich nur, daß es draußen stürmte und regnete und gewitterte. Mein Vater saß an der Seite des Tisches und diktierte. Er schien eine große Vermögensordnung im Sinn zu haben, denn in allen Briefen war davon die Rede; auch zeigte die ganze Art meines Vaters wohlerwogene Entschlüsse. Meines Vaters ... An diesem Tag wurde mein Gehirn aufgeweckt, und ich sah mich nur als ein Körnchen unter vielen. Ich sah einen wahren Stammvater vor mir, dessen langes Leben, ein Leben, welches er noch nicht fühlte, in der Erzeugung von Kindern verflossen war. Freilich damals war es mir nur wie ein Schauer; heute verstehe ich. Jeder Brief war entweder an einen Sohn oder an eine Tochter oder an eine frühere Geliebte gerichtet, die jetzt alterte und arm war, und der er ein Scherflein zukommen ließ. Hier gab er Ratschläge und ermunterte, dort setzte es eine Strafpredigt; im Norden und im Süden, so schien es, hatte seine Jugend die gleichen Erfolge aufzuweisen gehabt, und in der Heimat selbst erblühte kräftig der junge Nachwuchs aus seinem Blut. Manchmal hatten mir Leute gesagt, daß Fürstinnen und Prinzessinnen von Liebe zu ihm geplagt worden seien, ja, daß eine gewisse Herzogin, nun schon bei hohen Jahren, oftmals ein Plauderstündchen beim alten Hilperich einhole. Das hatte man mir erzählt, und ich leugne nicht, daß ich dazu ein ungläubiges Gesicht aufgesetzt hatte. Jetzt wurde mir die Zeit zur Lehrerin, und ich verlachte meine eigene Zweifelsucht. Ich erfuhr freilich im Lauf der Zeit, daß mein Vater einst eine große Rolle gespielt habe. Der Hof und das Volk hätten gleichermaßen Vertrauen in ihn gesetzt; jener hätte seinen Kopf, dieses sein Herz zu würdigen gewußt, und beide seien auf ihre Rechnung gekommen. Im Revolutionsjahr soll er der Regierung wichtige Dienste geleistet haben, und man sagte, daß er auf die Neugestaltung unseres Strafgesetzes den größten Einfluß ausgeübt hätte. Ich erwähne alles dies mit Ängstlichkeit, denn ich kann nicht dafür bürgen. Aber zwei Umstände will ich noch anmerken, die für meine Augen ein Licht über meines Vaters Leben verbreiteten. Einmal zeigte er mir ein Ölgemälde, das ihn selbst in seinen jungen Jahren darstellte. Man konnte nichts Liebenswürdigeres sehen! Um die Stirne glitten braune Locken, die Augen blickten freundlich träumend, und das griechisch runde Kinn war fest wie ein junger Apfel. Der Maler mochte phantasiert haben, aber sicherlich hatte ihm das Entzücken über das lebendige Antlitz die Arbeit verschönt. Ich dachte mir damals, so muß man aussehen, um der Welt mehr zu sein, als sie uns ist. Oder vielleicht denk ich dies heute, denn damals war ich jung.
Das zweite ist dies. Vor etwa zehn Jahren lernte ich einen alten Mann kennen, der mir von meinem Vater erzählte, und zwar in einem Ton wie von eigenen Heldentaten. Dieser Mann hatte meinen Vater als Fünfzigjährigen noch gekannt und behauptete, daß seine Anmut, sein weltmännisches Betragen, sein Witz und seine Güte einen eigenen Ruhm genossen hätten. Mein Erzähler berichtete tausend Einzelheiten mit einfältigem, aber rührendem Eifer. Nicht das jüngste Fräulein habe ihm zu widerstehen vermocht, dem Graubart, sagte der Schelm und lachte wie ein gackerndes Hühnchen. Schon damals sei die Zahl seiner Kinder zum Gegenstand vieler Witze geworden, und als er sich um diese Zeit verheiratete, hatte man in der Stadt gesagt, nun sei der Sultan zur Galeere verurteilt. Aber Hilperich war weiterhin auch Sultan geblieben, so meinte mein humoristischer Mann und fügte hinzu: wer ihn kannte, vermochte durchaus nicht an seinen Tod zu glauben. Etwas Starkes, Über den Tod-Starkes sei in ihm gewesen.
Die Briefe, die mir mein Vater diktierte, mochten für einen Unvertrauten etwas Geheimnisvolles, sogar Wahnsinniges haben. Denn wer sollte denken, daß ein und derselbe Mann Söhne, Töchter, Frauen in allen Richtungen der Windrose besitze? Mich selbst zwang damals etwas Seltsames zu ungeprüfter Hinnahme. Ihr müßtet gesehen haben, wie mein Vater jedem einzelnen Brief gegenüber ein besonderer Mann wurde! Bei dem einen wurde sein Gesicht hämisch und verdrossen; bei dem andern leuchtete es erinnerungsvoll; jetzt war er karg und spröde, später von zärtlicher Geschwätzigkeit; hier verurteilte ihn ein kluger Ratschlag zu langem Nachdenken, dort war er zornig wie eine alte Katze, schlug vor Zorn auf den Tisch, fletschte die Zähne, und ich, ich wußte keinen Grund, sah ein Stück Vergangenheit wie in den Scherben eines Spiegels. Aber zugleich muteten mich all die Gesichter vertraut an, denen ich mich schreiberhaft zugewandt hatte. Ich trug etwas nach Hause, was ich vordem nicht besessen hatte; wer kann dafür Worte finden? Kummer und Freude sah ich fließen in der weiten Gasse der Zeit. Mein Vater, ein fleißiger Angler, angelte sein Teil heraus. Was er nach Haus trug, war sein, wie meins, was ich.
Jetzt muß ich aber etwas Neues erzählen, denn viel Verwirrendes drängt sich vor mir. Damit ich jedoch nicht vergesse, will ich erwähnen, daß ich an jenem Abend vor meines Vaters Haus den Mittelmann traf (den dünnen Mann mit der roten Krawatte) der mir eine Viertelstunde lang Unsinn vorschwatzte. Er tat so, als sei er wohl Hilperichs Kind, doch enthalte man ihm dies Recht vor. Darüber schwatzte der Arme wie ein Besessener; später erzählte mir mein Vater, daß dies Mittelmanns fixe Idee sei, mit der er seit Jahren durch alle Kneipen hausieren gehe. Oder glaubst du, daß einer, den ich gemacht, so aussieht? fuhr mich mein Vater grob an, stieß mich mit dem Zeigefinger vor die Stirn, lachte aber sogleich in seiner keuchenden Weise.
Es war an einem Oktoberabend, kaum eine Woche nach jenem Brieftag, und ich hatte meine Arbeit eben beendigt, da kam jenes junge Mädchen zur Tür herein, welches mir damals an der Treppe begegnet war. Mit allen Zeichen der Bestürzung und Eile ging sie auf meinen Vater zu und flüsterte etwas. Der alte Mann warf den Kopf zurück und blickte mit einem drohenden Ausdruck ins Leere. Darauf schielte er mich boshaft und finster von der Seite an und befahl mir durch eine Gebärde, zu gehen. Bevor ich aber noch meinen Hut ergriffen, hatte mein Vater eine der Türen geöffnet, die aus seinem verwahrlosten Schlafgemach in ein mir bisher unbekanntes Zimmer führte. Dorthin sah ich nun die beiden gehen, und mein Blick erhaschte zugleich gierig den fremden Raum, den mein Vater nie betreten hatte, während ich zugegen war. Ich gewahrte nun ein kleines Boudoir, das meinen unverwöhnten Augen einen fürstlichen Prunk zeigte. Aber es schien mir zugleich wohnlich und warm drinnen, und als ich auf der Straße war, empfand ich eine Begierde nach diesem Gemach wie nach einem verbotenen, verzauberten Garten.
Die kurze Szene, kaum der Rede wert für einen Unbeteiligten, hatte trotzdem tiefen Eindruck auf mich gemacht. Zu Hause fand ich Bianca Spinola, welche zum Essen blieb und den ganzen Abend bei uns verbrachte; meine Mutter war bei trefflicher Laune; ich blieb schweigsam und nachdenklich. Ich mußte fortwährend an das junge Fräulein denken, und das nicht vielleicht mit den Gedanken von Mann zu Weib. Es war so, daß sie vor meinem inneren Auge nicht entwich und ich mich quälte, zu ergründen, was mir an ihr, seltsam genug, ein für alle mal unergründlich schien. Noch jetzt, wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihren graziösen, müden Gang. (Sie ging, als ob sie wüßte: so wie ich muß man gehen, aber wer wird darauf achten?) Ihre Verachtung der Welt schien groß, aber kindlich. Sie hatte etwas Bemitleidenswertes und zugleich Damenhaftes, etwas Wiegendes und Achtloses. Ihre Augen, voll Trauer und Ironie, zeigten zwei reine Augensterne wie schöne braune Perlen in gefrorener Milch.
So schwebt sie mir vor, und was ich weiterhin erfuhr, erhorchte und herausspionierte, will ich hier gleich sagen. Nicht nur als neugieriger Tor wollte ich wissen, sondern was meinen Vater anging, ich nahm es immer stärker wahr, betraf mich tief. Um seiner würdig zu werden, hatte ich mich in den letzten Monaten mit einem bunten Studieren abgegeben. Auf eigne Faust lernte ich fremde Sprachen, trieb allerlei Wissenschaft, ohne Plan und Kraft, aber mit mehr Erfolg, als man bei einem Menschen wie mir vermuten sollte. Doch die größte Ausdauer zeigte ich bei der Erforschung des Verhältnisses zwischen meinem Vater und Henriette, eben jenem Mädchen, das ich bei ihm und vorher schon im Korridor gesehen hatte. Den leisen Andeutungen entnahm ich Wissenswertes; Ohr und Auge waren geschärft und einmal, gleichsam als Belohnung kam es zwischen mir und meinem Vater zu einer wirklichen Plauderstunde. Er hatte Zutrauen zu mir gefaßt; das wußte ich, oder ich weiß es jetzt; denn damals gab ich mir nicht Rechenschaft über die Dinge, sondern nahm sie nur mit Glut in mich auf.
Eine flüchtige Leidenschaft hatte die Ehe meines Vaters geknüpft. Den damals schon Sechsundfünfzigjährigen hatte eine kühle und elegante Dame rasch entflammt. Doch bald bröckelte aller Schmuck von jener Frau ab wie von einer schlecht getünchten Wand. Sie war zäh in ihrem Dünkel und besaß eine unverwüstliche Einfalt. Ein bösartiges Schaf und doch wollte sie herrschen, sagte mein Vater unverhohlen von ihr. Er selbst war für die Ehe wie Feuer für Stroh; nach drei Jahren führten die Unverträglichkeiten zum Bruch, und die Frau ergab sich den Pfaffen. Mein Vater führte sein Leben weiter, ungestümer noch, als ob ihn der Ehekampf erregt hätte, aber eines war, das ihn sogar der Frau verpflichtete: Henriette. Er liebte diese Tochter mit der ganzen unbeschreiblichen Gewalt seines Temperamentes, und wenn ich es recht bedenke, war es etwa so, daß man sein Gefühl für Henriette und das für seine übrigen Kinder in die zwei Schalen einer Wage legen konnte, und jenes einzige wäre schwerer gewesen als die andern alle. Auch mich liebte der Alte, auch den blonden Ingenieur, den ich kannte, auch die drei Töchter aus Prag, wie er sie hieß, auch den überseeischen Kapitän oder den hübschen lebhaften Studenten, der einer Frühlingsliebe am Meer entstammte, aber wir alle waren gegen Henriette wie blasse Sterne gegen den Mond. Wie wunderlich, daß aus der einzigen Verbindung, die sich in Alltäglichkeit und Haß verlor, sein Liebstes kam.
Da er ihre Erziehung nur bis zum dritten Lebensjahr überwachen konnte und das Kind der Frau verbleiben mußte, hatte in der ersten Trennungszeit seine väterliche Sorge alle andern Interessen vertilgt. Er konnte nicht täglich das Haus einer Verabscheuten betreten, welche ihrerseits das nicht sehr geliebte Kind dem Wüstling, wie sie seinen Vater nannte, entfremden wollte. Der Vater bestach die Dienstboten, ja er wußte es durchzusetzen, daß eine ihm ergebene Person das Mädchen völlig in ihre Obhut bekam. Diese würdige Frau Jakobea führte Tag für Tag Henriette in die Wohnung ihres Vaters.
Tag für Tag also, seit zwölf Jahren, hatte mein Vater eine paradiesische Stunde in dem kleinen Gemach, das nur für ihn und Henriette war, und welches gemütlich und heimlich auszustatten er nicht müde wurde. Kein Kunstgegenstand war ihm zu teuer, um dieses oder jenes Eck zu schmücken, und mit Geschmack und Phantasie begabt, gestaltete er diesen Raum zu einem Werk gleich einem Künstler, der aus Sehnsucht nach Vollkommenheit seine letzte Arbeit bis ans Grab schleppt. In den Kinderjahren Henriettes spielte der alte Mann mit ihr und vergaß Zeit, Arbeit und Vergnügen darüber. Das frühkluge Mädchen fand selbst dem Spiel gegenüber eine Überlegenheit, welche komisch und reizvoll wirkte. Wenn auch nichts Starkes in ihr war, so doch etwas Sanftes, im Sanften Tüchtiges (da sie doch wußte, wie angenehm es war, sanft zu sein). Indem sie das Spiel beiseite schob, spielte sie, aber schon frühe wußte sie aus Klugheit für Ernstes ernst zu bleiben. Ihr Vater wollte sie aus den Reihen des Geschlechts erheben, wollte sie gleichsam mit Weisheit und Voraussicht kränzen, eben mehr zu Schmuck als zu Nutzen. Er selbst, in allen Künsten der Verführung Meister, wollte sie vielleicht auch gegen einen jüngeren Hilperich schützen. Ich erfuhr späterhin, daß er schon in ihrem zehnten Jahr den Storch aus ihrer Phantasie vertrieb, daß er ihr langsam, mit Nachdruck und Würde das Menschlichste nahe brachte. Nichts Verschleiertes also gab es mehr; er gedachte sie zu ehren durch Vertrauen und zu beruhigen durch Wissen. Schon mit dreizehn Jahren kam Henriette allein, und schwer ist es zu sagen, was sie im tiefen Grund des Herzens zum Vater trieb. Er saß stets lange vor ihrem Kommen im Henriettenzimmer und wartete wie auf eine Geliebte. Sie kam, erregt durch die Heimlichkeit ihres Besuches (ach, das hatte mein Vater nicht ermessen!), lächelte, plauderte, fragte und urteilte, war plötzlich müde und verstimmt, kopfhängerisch und von entzückendem Pessimismus. So wuchs sie heran und teilte sich zwischen dem Haus des Vaters und der Mutter. Ihr ganzes Wesen wurde so entzwei geschnitten.
Das Ende des Jahres nahte heran. Zu Weihnachten schenkte mir mein Vater einen wundervollen spanischen Mantel, den er einst in Sevilla gekauft. Er war mit roter Seide gefüttert und aus dem kostbarsten schwarzen Tuch gefertigt, das ich je gesehen; wenn man ihn auf die Erde breitete, war er so groß wie ein Zeltdach. Als ich mit diesem Geschenk freudestrahlend durch das Vorzimmer ging, stürzte Mittelmann auf mich los, der noch immer irgendwo da herumlungerte. Mit kreideweißem Gesicht stellte er atemlose Fragen an mich, ob er etwas geschenkt bekomme, was es sei und wie es aussehe. Ich war sehr unfreundlich gegen ihn, aber ich hätte es vielleicht nicht sein sollen. Der arme Mensch war immer hungrig und machte der alten Bedienerin den Hof, um ein paar Bissen zu ergattern. Dabei ging er mit seinen Sohnesansprüchen an Hilperich umher wie mit einem sicheren Kapital, und was ihn in seinem Glauben so befestigte, war nur das Gewäsch eines Anverwandten, der einst im Hilperichschen Hause Aufwärter gewesen war.
Mein Vater ging in diesen Tagen mit einer festlichen geheimnisvollen Miene herum. Er diktierte mir einen Aufsatz, der den merkwürdigen Titel führte: »Die Erziehung zur Liebe«, und von dem ich nicht das mindeste verstand. Zwei Tage vor Neujahr wurden wir fertig. Es war schon dunkel, mein Vater stand lange Zeit am Fenster und blickte auf die schneeblaue Straße. Plötzlich wandte er sich heftig um und fragte scharf: Na, willst du kommen? Ich wußte nicht, was er meinte, und blieb still. Er stampfte zornig auf den Boden, lachte verächtlich, doch bald wurde er sanft und streichelte mir die Wangen. Ich hatte dabei meist ein schüchternes, fast furchtsames Gefühl; denn wenn er liebevoll tat, war er oft gefährlich. Doch erklärte er mir kichernd, daß es am Sylvesterabend »etwas gäbe«, und damit mußte ich zufrieden sein.
Am folgenden Abend zog ich meine besten Kleider an und war voll Erwartung. Jedenfalls ist Henriette da, dachte ich mir; denn ich wußte, daß ihre Mutter sich seit Wochen in einem Kloster aufhielt und das junge Mädchen die ohnehin gewohnte Freiheit so in noch höherem Maße genoß. Ich sah in Henriette durchaus keine Schwester, eher eine ganz Fremde, aber liebe Fremde.
Als ich hinkam, war Henriette schon da, auch eine alte, vornehme Dame mit glatten, silberweißen Haaren, die in einem Lehnstuhl saß und mich spöttisch anlächelte. Mein Vater schalt mich, weil ich zu spät gekommen. Ich schämte mich, denn ich hatte es für sehr vornehm gehalten. Stolz und vornehm war ich mit meinem spanischen Mantel durch die Straßen geschritten.
Wir saßen im Henriettenzimmer, und ich wagte mich kaum zu bewegen, so sehr gefiel mir alles, was ich erblickte. Herrliche Teller und Gläser schmückten den weißen Tisch; von der Decke hing ein zwölfarmiger Leuchter herab, ganz von Gold, wenigstens schien es mir so. Die Fenster waren mit dunkelblauem Stoff verhängt, und an den Wänden hingen die schönsten Bilder. Henriette trug ein einfaches, blaues Kleid, und ihr Gesicht hatte etwas Geplagtes. Sie sprach wenig, aber immer sehr betont und aufmerksam, und die alte Dame, deren schwarzseidenes Kleid beständig knisterte, weil sie so belebt war, schien voller Liebe gegen sie. Ich glaube, daß sie eine sehr vornehme Person war; weder damals noch später erfuhr ich ihren Namen. Aber was sie auch sein mochte, ihr gewinnendes Wesen ließ mir jedes heimliche Forschen frevelhaft erscheinen. Sie duzte meinen Vater, wie er sie, und eine lange Vertraulichkeit, viel Zusammenerleben mußten es sein, die einen so herzlichen Ton geschaffen hatten, wie er unter ihnen bestand.
Während des Essens erhob sich mein Vater zu einem Trinkspruch. Ich erinnere mich heute nicht mehr an seine Worte. Damals schien es mir hinreißend, ihn so zu hören, und mein Blick, der auf ihn gerichtet war, zitterte förmlich. Er sprach zu uns von seinem Leben, von dem was untergeht und was bleibt, Erinnerungen, die wie Schiffe am Horizont vorbeizogen, – und eines ist mir unvergeßlich. Er sagte: Wenn ich einmal alt sein werde ... Er war im Oktober dreiundsiebzig geworden. Er dachte so wenig an den Tod wie ein Knabe.
Als er geendet hatte, stand Henriette auf, beugte sich zu ihm und küßte ihn auf die Nasenspitze. Das war ihre Art etwas Scherzhaftes mußte dabei sein. Die alte Dame klatschte in die Hände. Mit einem kindlichen, fast mädchenhaften Lachen ergriff sie das Glas und sagte, indem ihre Augen tief und warm strahlten: Mein unsterblicher Hilperich soll leben. Wer sie und Henriette zusammen sah, den mochten wohl sonderbare Gedanken über Jugend und Alter gefangen nehmen.
Mein Vater wurde immer aufgeräumter. Er stieß mich in die Seite, drohte mir mit Prügeln, wenn ich fortführe, so schweigsam zu sein. Henriette antwortete etwas zu meiner Entschuldigung, was mir sehr verständig vorkam. Überhaupt fand ich ihren Verstand immer bewundernswerter. Über alles ringsumher schien sie sich spielerisch klar zu werden. Dennoch sah ich Unruhe in ihren Augen.
Wie lang ist es eigentlich her, daß wir uns schon kennen? fragte die alte Dame in träumerischer Erinnerung.
Mein Vater wiegte den Kopf. Lange, lange, erwiderte er und tat einen tiefen Schluck aus dem Glase.
Ich glaube, es war an dem Tage, da Goethe starb, fuhr sie fort und lächelte. Mich durchzuckte es wunderbar, und ihr Seufzen kam mir lieblich vor, womit sie weiterredete, (indem sie einen Blick auf Henriette heftete): So blühen die Jungen auf und werden den Alten teuer. Was wirst du tun, wenn Henriette heiratet? fragte sie und blinzelte dabei schalkhaft.
Sie heiratet nicht, entgegnete der Greis kurz. Oder nicht sobald, fügte er hinzu, indem er das Ohr bis auf die Schulter senkte; heiraten ist ein Unfug.
Gut. Sie ist ja auch noch jung. Aber schließlich, Weib ist Weib. Nicht wahr? Die alte Dame zeigte ihre weißen Zähne und ließ den Blick naiv fragend von einem zum andern gehen. Dann lachte sie und fuhr heiter fort: Alle schreien wir: nie, und auf einmal sagen wir ganz leise Ja. Gut, Heirat hin oder her, aber – ihr Blick wurde plötzlich versonnen – nimm an, man verführt sie dir. Wie? Nun ja, das ist schon dagewesen. Du, der Freidenkende, was wirst du tun?
Henriette lachte mit gesenkten Augen kurz vor sich hin. Mein Vater kniff die Lippen zusammen und erwiderte mit einem unbestimmt jovialen Ausdruck und mit weinglänzenden Augen: Das ist plausibel; ich sag ihr: Gehe hin, was du verdienst ist dein Gewinn. Nachdem er dies gesagt hatte, stand er so heftig auf, daß der Stuhl hinter ihm zur Erde fiel, schlug mit der Faust auf den Tisch und brüllte oder kreischte: Ich würde sie zum Fenster hinunter werfen.
Henriette erhob sich, gänzlich blaß, ging zum Kamin und hielt wie frierend die Hände dagegen. Mein Vater folgte ihr, klopfte mit der flachen Hand auf ihren Rücken, lachte, setzte sich und nahm sie auf sein Knie. Sie hielt aber die Augen geschlossen.
Da die Glocken zu läuten anfingen, erhob sich auch die alte Dame vom Tisch, öffnete ein Fenster, so daß man nun die Glockenschläge dröhnend und deutlich von allen Seiten vernahm. Der kalte Winter dampfte herein, und Leute schrien auf der Gasse. Die alte Dame blickte andächtig gegen den Himmel, und ich blieb sitzen wie ein Vergessener.
Noch im Traum in der Nacht sah ich die wohlwollende alte Dame, die vielleicht gegen keinen Menschen Böses hegte; meinen Vater, von Lebenskraft und -Größe erfüllt wie einen Gott des Altertums; Henriette, unentschieden, graziös und fatalistisch kühl. Es war mir einen Augenblick im Traum, sonderbar, als übe sie nur Nachsicht mit meinem Vater, ihrem Vater, beuge sich dennoch gütig unter seiner Liebe.
Den Neujahrstag verbrachte ich mit der Mutter, und als ich am nächsten Tag zu meinem Vater kam, fand ich ihn unruhig und finster. Er begrüßte mich kaum, sagte, es sei nichts los heute. Ohne Arges zu denken, ging ich wieder. Am nächsten Tag erklärte mir die Bedienerin, der Herr Rat sei nach Z. gegangen. Mich erstaunte das; er konnte dort nur das Kloster besuchen, in welchem seine Frau war. Vor dem Hause lungerte Mittelmann herum. Ohne weiteres erklärte er mir in seiner singenden, hastigen Redeweise, daß Henriette verschwunden sei. Der einzelnen Ausdrücke erinnere ich mich nicht mehr, die das dünne Männlein gebrauchte, aber mir wurde der Kopf heiß.
Den Tag darauf war ich nicht wenig überrascht, meinen Vater und Mittelmann miteinander Schach spielen zu sehen. Ich wagte nicht zu reden, nicht zu fragen, setzte mich und sah zu. Das Gesicht meines Vaters war verändert wie ein laubreicher Baum nach einer Orkannacht. Aber mit ruhiger Hand schob er die Figuren, ohne den Blick vom Brett zu erheben. Seine weißen Wimpern schienen schwer. Er verlor die Partie; Mittelmann grinste entzückt, als ihm mein Vater verächtlich einen Gulden hinwarf, und ohne von meiner Anwesenheit Notiz zu nehmen, begannen sie eine neue Partie. Plötzlich aber stieß mein Vater das Tischchen mit dem Fuße um, und von dem Getöse erschreckt, flüchtete Mittelmann in eine Ecke. Mit schweren Schritten ging mein Vater auf und ab, dann ergriff er nacheinander die Stehuhr, die Lampe, eine Wasserkaraffe, den Handspiegel und seine Waschschüssel und warf sie mit voller Wucht gegen die Dielen. Sein Gesicht war blau, die Adern an der Stirn und an den Händen wie Stricke geschwollen; so ging er auf mich Zitternden zu, packte mich beim Kragen, schüttelte mich mit riesiger Kraft wie eine Puppe und schrie hohl krächzend: Wo ist sie? Wer hat sie verführt? Wo ist sie? Schaff sie mir her, Lumpenhund! Dann ließ er ab von mir, öffnete das Fenster, wie um Luft zu schöpfen, und stieß einen langen, tiefen Seufzer aus, der wie das Geheul eines Hundes klang. Die Bedienerin war aus der Küche gekommen und betrachtete schweigend und erschrocken das Bild der Verwüstung.
Wie ich heim kam, wie ich die Nacht verbrachte, was in meinen Gedanken vorging, das weiß ich nicht mehr. Ich säumte nicht, am folgenden Tag wieder zu meinem Vater zu gehen; wie gestern fand ich ihn mit Mittelmann Schach spielend. Wie gestern beachtete er mich nicht, und ich sah geduldig zu. Der Abend kam, und es geschah nichts. Fast wäre ich froh gewesen um einen Ausbruch seines Zorns. Aber er saß still und in sich gekehrt. Alle Tage ging ich hin, wartete, trauerte. Immer fand ich ihn mit Mittelmann beim Schach und hie und da beim Domino. Zu arbeiten gab es nichts für mich; ich haßte und verwünschte das Schachspiel und das andere Spiel, verwünschte Mittelmann in meinem Herzen. Was mein Vater auch sagen mochte, Mittelmann wiederholte es wie ein lästiges Echo, auch wenn es eine Beschimpfung war, die ihm selbst galt. Seine Körperhaltung zeigte die tiefste Unterwürfigkeit, aber zugleich die Unruhe eines Kobolds. Wenn eine Partie für ihn schlecht stand, hüpfte er auf seinem Sitz, wiegte sich aufgeregt hin und her, steckte die dünnen Fingerchen in den Mund, murmelte sinnlose Worte, fuhr förmlich wehklagend mit der Hand über die Stirn, und wenn er keine Rettung mehr sah, zeigte sein Gesicht einen Ausdruck geisterhafter Frechheit. Dies schien meinem Vater zu behagen und ihn zu erwärmen.
Die Ungeduld, zu wissen, verzehrte mich. Ich dachte mich an Mittelmann zu halten, der doch beständig um meinen Vater war. Ich hatte erfahren, daß er ein Zeitungsreporter war, und glaubte, einen guten Spion an ihm zu haben. Ich nahm ihn mit in ein Wirtshaus und ließ ihm Speisen, Wein und Bier vorsetzen. Zwei Stunden hindurch aß er, ohne daß in seinem Munde Raum für ein überflüssiges Wort verblieb. Mich erbarmte seiner, wie er mit vollen Backen stammelte oder glückselig auf die heißen Kartoffeln blies. Ich ließ es also dabei bewendet sein und begriff, daß Mittelmann meinem Vater nichts anderes war, denn ein Haustier, ein folgsamer Hund, der sprechende Hund. Er brauchte ihn nur, um für sein düsteres Schweigen ein Ohr zu haben.
Henriette war fort; sie hatte sich einem an den Hals geworfen, und war Gott weiß wohin gegangen, ohne Wort noch Zeichen. Mehr wußte ich nicht und konnte nichts sonst erfahren. Für meinen Vater war ich wie Luft. Warum, das weiß ich selber nicht. Oft stieg es mir bitter auf: hat er ihr das Blut vererbt, so vielleicht auch die Tat; aber es zu sagen, hütete ich mich wohl.
An einem wunderschönen, sonnigen Nachmittag kam ich hin und fand Bianca Spinola in seiner Schlafstube. Das Henriettenzimmer war zugeschlossen, war seit dem Neujahrstag nicht mehr betreten worden. Ja, sogar die leeren Teller und Flaschen standen noch auf dem Tisch, wie mir Bianca später erzählte. Die Bedienerin war am Feiertag über Land gefahren, und schon am Abend war das Unheil geahnt und mein Vater hatte die Türen versperrt.
Bianca war also da. Mein Vater lag auf seinem mageren Bett, und sie saß am Fußende und hielt ein Buch in den Händen, aus welchem sie Verse ihrer Heimatsprache vorlas. Mein Vater sah mich fremd und unwillig an, schloß aber gleich wieder die Augen, um weiter zu lauschen. Nie habe ich ein schöneres Bild gesehen; das schlanke heitere Mädchen mit den tintenschwarzen Haaren und den regungslos hingestreckten Greis und die helle Februarsonne im Zimmer und dazu wie Musik die italienischen Worte. Ich entfernte mich auf Zehen. In dem kühlen Vorzimmer schlief auf einem Stuhl fahl und zusammengesunken der wunderliche Mittelmann.
Am Abend erzählte mir Bianca etwas Schreckliches. Ihrem welschen Gerede entnahm ich nur, daß mein Vater jetzt herumging und sich vor dem Sterben fürchtete. Er! Sie habe ihn beobachtet, sagte Bianca, auch habe er gesprochen. Die Phantasie des jungen Mädchens war wie durch Gespenster erschüttert. Ich glaubte ihr nicht. Meine Mutter lachte sogar darüber.
Mit bangem Sinn trat ich das nächste Mal den mir so vertrauten Weg in die alte Gasse an. Mein Vater war allein. Er saß am Fenster und starrte vor sich hin. Mit schüchternen Worten suchte ich ihn zu einem Spaziergang zu bewegen. Er verzog die Lippen verächtlich und erwiderte nichts. Ich begriff meinen Vater, begriff seine Einsamkeit. Als es dunkelte, wollte ich gehen; jedoch er hielt mich zurück mit einem Gebaren, das ich noch nicht an ihm bemerkt hatte. Er wurde sanft, seine Stimme klang weich und wie zerbrochen; er bat mich, die Lampe anzuzünden, und als dies geschehen war, wurde er sichtlich ruhiger. Er sagte, er wollte nicht mehr diktieren, ihm sei das zu mühsam, er wollte sich überhaupt um all die Geschichten nicht mehr kümmern. Zum erstenmal wagte ich es, von Henriette zu sprechen. Er sah mich groß an und schüttelte den Kopf. Das Frauenzimmer hat jetzt mehr Pläsier von der Welt als von mir, sagte er und kicherte zynisch vor sich hin. Ich wußte keine Antwort, verbarg meine Überraschung. Wieder wollte ich aufbrechen, denn ich fürchtete ihn zu stören. Er nahm meine Hand zwischen seine beiden, hielt sie fest und sagte, ich sollte warten, bis er im Bette sei. Dann nahm er eine Kerze, öffnete die Tür zu dem großen Zimmer, leuchtete hinein, ging mit schlürfenden Schritten dem Licht förmlich nach, spähte in alle Ecken, spähte auch in den Flur hinaus, wobei er kurz auflachte, wie um irgend einen Lauerer aufzustören, und ich saß da, schaudernd und von neuem begreifend.
Man darf es nicht wagen, sagte er zurückkommend und schielte mich von der Seite an. Man ist nirgends sicher. Wenn du die Treppe hinuntergehst, kannst du dir das Genick brechen, mein Söhnchen. Überall wartet etwas auf dich, und was du verlachst, kann dein Verderben sein.
Er entkleidete sich mit Hast, warf sich auf das Bett und seufzte. Jetzt kannst du gehen, brummte er mürrisch, aber sieh zu, daß das Schloß einklappt.
Ich ging. Es war schon späte Nacht. Ich irrte herum und kam bis in die Vorstädte.
In den nächsten acht Tagen suchte ich meinen Vater nicht mehr auf. Eine neue Stellung, die ich erlangt hatte, nahm mich sehr in Anspruch. Aber während dieser Zeit wurde mein Geist so von Unruhe gepeinigt, daß ich für die Arbeit ganz abgestumpft wurde. Dennoch hielt mich etwas Schweres ab, zu ihm zu gehen. Ich war feig, ja, ich fürchtete mich vor seiner Furcht. Es war der letzte Sonntag im Februar, als ich mich meiner Pflicht erinnerte. Still war ich herumgegangen und hatte niemandem etwas davon gesagt; und auch das quälte mein Gewissen, als hätte die Welt helfen können.
Es regnete an diesem Tag. Obgleich so viele Jahre verflossen sind, erinnere ich mich, daß vor meines Vaters Haus ein Betrunkener lag, und daß dies einen fatalen Eindruck auf mich machte; besonders das matte, gedunsene, gleichgültige Gesicht des Mannes und seine halboffenen Augen. Johlende Kinder sprangen um ihn herum.
Oben öffnete mir die Bedienerin. Wieder fand ich meinen Vater allein, und zwar in dem großen, leeren Zimmer. Er saß neben dem Spiegel, vor dem kleinen, runden Schachtisch. Er hatte mich nicht bemerkt, meine Schritte nicht gehört. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt und war anscheinend in tiefes Sinnen verloren. Kein Laut störte die Ruhe; nichts Belebtes machte die Einsamkeit vergessen. Es sah aus, als ob er seit vielen Stunden so sitze, mit etwas Unerklärlichem beschäftigt. Endlich wagte ich es, laut den Tagesgruß zu rufen, und er hob langsam den Kopf. Er besann sich, nickte; ich trat näher, und er gab mir die Hand wie er in guten Stimmungen zu tun pflegte, fest, mit festem Druck. Aber sein Aussehen war verstört.
Ich denke über die Toten nach, die hinter mir liegen, sagte er. Ich schaue zurück, und jedes Jahr ist ein Zaunpfahl, an dem eine Leiche hängt.
Es ist das allgemeine Los, Vater, entgegnete ich beengt.
Sein Gesicht verzerrte sich wie vor einer Flamme. Allgemeine Los? Warum? Warum? Antworte, du Zeisig? Warum fühl ich dabei? Warum? Warum weiß ich davon? Warum erst alles und dann nichts? He? Warum? Er stand auf und sah mich gebieterisch an.
Gott will es, flüsterte ich.
Gott? Wer ist Gott? Was kann Gott wollen, was nicht ich will? Muß ich sterben, weil ein Gott will, den ich nicht kenne? Ich glaube nicht an den Tod. Oder wie? Wer könnte mich von meinem eigenen Tod überzeugen? Er blickte gegen das regennasse Fenster und gegen den Himmel; sein Hals war dunkelrot gefärbt, und die rechte Hand war geballt. Und doch, was ist zu tun? fuhr er nun mit feierlicher Stimme fort, ohne seine Stellung zu verändern. Es nützt nichts, daß ich leben will, leben, leben. Es nützt nichts, daß ich weiß, auch ihr werdet tot sein, wenn ich’s bin. Es nützt nichts. Wenn’s auch nur noch zehn Jahre sind, was sind zehn Jahre für mich?
Ich erinnere mich, daß ich etwas sagte von unserer Liebe für ihn. Aber er schwieg und hörte nicht. Langsam wanderte er auf und ab, die Hände auf dem Rücken und wiederholte noch einmal vor sich hin: was sind zehn Jahre für mich? Mir standen plötzlich die hellen Tränen in den Augen, und voll Betrübnis schlich ich davon. Immerfort glaubte ich ihn zu hören, den anklägerischen Ton seiner Stimme, den Trotz seiner Worte; immer sah ich ihn einsam in seiner leeren Stube gehen und konnte nicht die Inbrunst und das Furchtbare seiner Augen vergessen, als er ausrief: Was kann Gott wollen, das nicht ich will? Raum und Zeit verachtend, stand er im Mittelpunkt des Weltalls, allein, aufrührerischen Geistes, ein aufrührerischer Fährmann, die abendliche Flut des Lebens befahrend. Die Jahre konnten ihm nichts sein, denn seine Seele hatte stets den Augenblick besessen – und nun verloren.
Den nächsten Tag verbrachte ich mit meinen Angelegenheiten. In der Nacht, die folgte, fand ich keinen Schlaf. Die Luft schien mir schwül, und kaum daß es Morgen geworden, trieb es mich nach der Wohnung meines Vaters. Als ich in sein Schlafzimmer trat, sah ich ihn ruhig auf dem Bett liegen, und daneben hockte Mittelmann, das Schachbrett vor sich, anscheinend stumpfsinnig in ein Problem vertieft. Mich wunderte das so früh am Tag. Mittelmann gewahrte mich und sagte scheu: Ich war die ganze Nacht hier, es war um zwölf Uhr, solange spielten wir. In dieser Stellung brachen wir ab. Sehr interessante Stellung, sehen Sie nur.
Geschwätzig redete er weiter. Ich blickte unbeweglich auf die geschlossenen Augen des Greises. Sein Gesicht zeigte denselben Ausdruck des Trotzes, wie vor zwei Tagen.
Die Fenster waren geöffnet, und die Sonne strahlte herein. Ich wurde so traurig wie nie zuvor; und doch war es mir, als hätte ich meinen Vater schon tot hingestreckt gesehen damals, als Bianca ihm vorlas.
Am nächsten Tag begrub man ihn. Den armen Mittelmann führte ich darnach in ein Wirtshaus und gab ihm satt zu essen.