5. December.

Um 6 Uhr früh sind schon alle auf den Beinen, die ersten Kohlenleichter kommen auf uns zu, und wir entgehen dem Schmutz und Lärm, indem wir alle ans Land übersetzen. Der »Poseidon« liegt 2 Meilen von Steamer-Point, dem Hafen von Aden, die rothen vulcanischen Felsen des Gebel Shamshan machen sich prächtig; auch hier kein Baum, kein Grashalm, hie und da ein kleines, in den Berg hineingebautes Bungalow; neben uns eine Menge Dampfer, ein indisches Wachtschiff, der riesige Truppentransport »Euphrates«, eine französische Corvette, die deutsche Glattdeckcorvette »Victoria«, daneben viele arabische Segler, in der Luft Tausende von Möven. Wir landen unter grossem Geschrei der Somalis, welche die Hauptbevölkerung auszumachen scheinen, und fahren in einem netten, mit einem Zeltdache versehenen Einspänner nach rechts zur Post, dann wieder zurück und weiter zu den räthselhaften »Water-Tanks«, die, wahrscheinlich 600 a. D. errichtet, von den Engländern theilweise hergestellt worden sind und jeden auf der Halbinsel Aden fallenden Regentropfen auffangen sollen. Wer die ursprünglichen Erbauer dieser riesigen Reservoire waren, ist unbekannt – vielleicht die Sabäer? Vor den Tanks ist ein kleiner Garten, Victoriapark, der mit unsäglicher Mühe und fortwährender Bewässerung grün erhalten wird. Die Stadt Aden ist eine sehr grosse, reinliche arabische Stadt; ganz im Osten liegt Aden Camp, die Residenz der Officiere, wo die Kasernen, Kirche, Spital u. s. w. stehen. Der felsige Weg zum Hafen ist ganz an den Bergwänden und durch dieselben hindurch ausgehauen, lange Tunnels bilden einen sicheren Schutz gegen jeden Ueberfall, Züge von Kameelen aus dem Innern, schlanke, gut gewachsene Araber in weissen Mänteln, nackte Derwische, prächtige Somalis und Suahelis, Juden in langen Kaftanen, auch indische Soldaten beleben die Strasse, die 5 Meilen bis Steamer Point sich hinwindet. – Biegeleben, Sapieha und ich kaufen in einem Parsiladen schöne rothe Leibbinden (Kummerbands) und schlürfen dann im grossen, kühlen Salon des Hôtel de l'Europe deliciösen arabischen Kaffee, während Coudenhove die Somaliweiber näher untersuchen will. – Die Hitze ist hier wieder kolossal, 38° C. im Schatten, wie denn Aden der heisseste Fleck der ganzen Erde sein soll, – seit 2½ Jahren hat es nicht geregnet! Um Mittag wandern wir zurück zum »Gun Wharf«, der indische Polizist verschafft uns ein Boot, und wir werden wieder zum alten »Poseidon« gerudert. Hier ist am Promenadedeck reges Leben: jüdische Händler mit schlechten Straussfedern, indische Geldwechsler mit Rupien, mexicanischen Dollars und Maria Theresia-Thalern; Suahelis mit hübschgefärbten Graskörben, Araber aus Hadramaut mit merkwürdigen Fischen und Krabben drängen sich heran, und kleine Somalijungen mit gelbgefärbten Haaren springen für Silberstücke ins Wasser, die sie geschickt herausbringen, – für eine Rupie springen sie auf einer Seite hinein, tauchen unter das Schiff und kommen auf der anderen Seite wieder herauf, – andere umschwärmen in schmalen Canoes den Dampfer, bereit, jeden Augenblick ein weisses Geldstück aus der Tiefe herauszufischen, und alle füllen die Luft mit fürchterlichem Lärm: »Have a dive, have a dive, ha-hi, ha-hi, have a dive, à la mer, à la mer«, so geht es im Takt fort, am lautesten ein etwa 10 Jahre alter Bub mit einem Beine, das andere hat ein Haifisch gefressen, trotzdem schwimmt er frech wie alle anderen herum. Endlich sind wir fertig, die »Natives« werden mit Strickenden zum Schiff hinausgejagt, und wir gleiten um 2 Uhr hinaus in den Ocean; den ganzen Abend höre ich es aber nachklingen: »have a dive, ha-hi«. – Der kleine einbeinige blondköpfige Schwarze war ein lieber Kerl.

CISTERNEN ADEN