Freitag 4. Jänner.
REISBOOT
Heute geht unsere Reise zu Ende nach 44tägiger Fahrt seit Triest! Die »Hecuba« dampft schon Montag Abends wieder nach Singapore und berührt unterwegs Bang-tah-phan an der Westküste; auch wollen die Neads mit ihr fahren, um die dortigen Goldminen anzusehen. – Das Wasser wird bereits trübe; grosse Strecken sind mit Seetang bedeckt, die Maschine arbeitet mit halber Kraft, – östlich zeigen sich einige ganz kleine Felseninseln, von denen der König eine zum Sommeraufenthalte ausgewählt; bald sollen die Arbeiten zur Errichtung eines Palais dort beginnen. – Im Norden erscheint schon ganz deutlich die flache Küste von Siam. Der Capitän ist in grosser Aufregung: Wird die »Hecuba«, die 14 Fuss Wasser zieht, im Stande sein, über die Barre zu gleiten? Um 11 Uhr ist hier heute Hochwasser, und es ist bereits Mittag: ängstlich schauen wir alle mit Fernrohren und Feldstechern auf eine hölzerne Hütte, welche auf einem winzigen Eilande als Leuchtthurm dient, – dort wohnt seit vielen Jahren ein Deutscher, der durch Flaggensignale die anlaufenden Schiffe von der Passirbarkeit der Barre in Kenntniss setzt, die hier höchst merkwürdigen, täglich sprungweise sich ändernden Ebbe- und Fluthverhältnisse studirt hat und ziemlich genaue Tabellen über dieselben alle Monate verkauft, und zwar um den Spottpreis von 1 Dollar. Da flattert von der Hütte eine Fahne mit einer grossen 15 – Hurrah! ruft der Capitän, Hurrah! rufen alle Passagiere: Volldampf voraus, – die »Hecuba« schraubt sich ordentlich durch die Wellen; einen Augenblick knarrt es unter uns, die 15 Fuss müssen nicht ganz richtig sein, noch eine Anstrengung, und wir sind drüben! Immer näher rückt das Festland; wir bewundern die dichten Wälder, die fast bis ans Meer herabreichen, um 3 Uhr fahren wir in die Mündung des Menam, des »grossen Flusses«, ein und halten bald vor Pak-nam, – rechts eine Menge Hütten und einige veraltete Befestigungen, links eine reizende Pagode oder Wat, wie die Buddhistentempel heissen, ein schlanker, immer spitzer auslaufender Thurm, blendend weiss – der obere Theil feurig roth, – dazu der dunkelgrüne Hintergrund der Palmenwaldungen, – es ist herrlich. Um uns schiessen zahlreiche Boote umher, Sampans jeglicher Form mit halbnackten gelben Ruderern bemannt. In Pak-nam wurde früher der Zoll erhoben; jetzt genügt eine kurze Visitation der Schiffspapiere, und wir dampfen wieder weiter stromaufwärts. – Eine weisse Dampfbarkasse mit der königlichen Flagge, blau mit einem gelben Elephanten, kommt uns entgegen, und wir glauben zuerst, es ist zum Empfang der Gesandtschaft. – Doch nein, die Barkasse hat zwar gewendet, holt uns aber nicht ein. – Der Menam wird immer enger, – etwa wie die Donau bei Budapest, – es wird dunkel; der dichte Jungle der Ufer wird unsichtbar; da tauchen zu beiden Seiten Tausende und aber Tausende von Lichtern auf, – Lärmen, Schreien, Gongs, Singen, Trommeln erfüllen die Luft, – die Kette fällt in den Fluss, wir sind in Bangkok, dem Venedig Ostasiens – 8 Uhr Abends. Unser Consulatsgerent Herr M., ein Compagnon des leider in Europa abwesenden tüchtigen Honorarconsuls Kurtzhalss, und ein riesig dicker Siamese, der »Introducteur des Ambassadeurs«, kommen an Bord und führen uns in einer Dampfbarkasse ins Oriental-Hôtel, einem erst kürzlich errichteten grossen Gasthof, wo im ersten Stock ein Louis XV.-Salon nebst Schlafzimmer für den Gesandten und zwei Zimmer für uns dii minorum gentium hergerichtet sind. – Die »Ambassadors Hall«, wo alle fremden Gesandten wohnen, auch Baron Schäffer, Herr v. Hofer und Graf Zaluski, soll wegen weisser Ameisen, Termiten, jetzt unbewohnbar sein, – wir müssen daher, natürlich auf Kosten des Königs, im Hôtel absteigen, wo mehrere dienstbare Chinesen, die erwähnte Dampfbarkasse und einige Wagen mit rothlivrirten Kutschern zu unserer Verfügung stehen. – Der Gesandte fährt noch zum Minister des Aeussern, dem Prinzen (Krom Luang) Devawongse, Varoprakar, einem Bruder des Königs, um die morgige Ceremonie zu besprechen, – ich bewundere die ungezählten Bewohner meines Zimmers, Mosquitos gross wie Elephanten schwirren in der Luft, – am Boden huschen mehrere herzige Mäuse und eine Monstreratte herum, – im Bette ruhen ein halbes Dutzend Riesenschwaben, – an den Wänden laufen fusslange grüne Eidechsen und pfeifen sanft, – sie heissen Tokh-Keh und fressen die Mosquitos. Letztere bringen sogar den phlegmatischen Harrison aus seiner Ruhe, – er klopft leise an meine Thüre und frägt: »Beg pardon, Sir, are those fourfooted animals with a long tail hanging on the walls dangerous, Sir?« – »No«, – brülle ich zurück, »they are peculiar to, and the pride of this lovely country!« Mitternacht – 33° Celsius!!