Samstag 5. Jänner.
Eine Frau des Königs.
Vom frühen Morgen an werden die Vorbereitungen für das grosse Ereigniss getroffen. – Die verlötheten Blechkoffer werden mühsam aufgeschnitten, die darin ruhenden Uniformen sorgfältig geputzt und gebürstet, – Sapieha, der keine mitgebracht, verbreitet die Nachricht, die seinige sei unterwegs in Verlust gerathen. Ein langes Schreiben an den Prinzen Devawongse wird auf Englisch (die hiesige diplomatische Sprache) concipirt und abgeschrieben, auch an der Ansprache des Gesandten noch gebessert und gefeilt. – Gegen 4 Uhr sind wir fertig und rücken feierlich und schwitzend ab. Im ersten Wagen, an dem die rückwärts hängenden Hoflakaien in rothen Röcken, weissen Handschuhen und barfuss vornehm aussehen, sitzt Baron Rüdiger in Diplomatenuniform, mit Orden bedeckt, – ihm gegenüber der Oberceremonienmeister und unser Introducteur des Ambassadeurs Phya Smud Buranurahse, Gouverneur von Paknam, beide in Gala, d. h. in goldbrocatenen Gehröcken, blauen Sarongs, den gelben und rosa Bändern des Elephanten- und Kronenordens, den indischen Helm auf dem Kopfe. – Im zweiten Wagen bin ich, auch in Uniform, die kaiserliche Accreditive haltend, neben mir Sapieha im Frack, gegenüber Herr M. mit gesticktem Hemde, silberner Uhrkette und schwarzem Melonhute! Nach halbstündiger Fahrt durch staubige Strassen passiren wir die die königliche Residenz umgebenden Mauern und steigen vor einem prächtigen, mit dem vergoldeten siamesischen Wappen verzierten Thore aus. Zu beiden Seiten Hunderte von Zuschauern, die nach der hiesigen guten alten Sitte flach am Bauche liegen. – Einige Schritte und wir sind in einem Riesenhofe, ringsum grosse Gebäude halb in Renaissance, halb im chinesischen Pagodenstile, vorne das imposante Palais mit schöner Einfahrt und zwei prächtigen Bronzeelephanten als Wächter. – Alles weiss angestrichen und die zahllosen Thürme und Thürmchen vergoldet und geschnitzt, rechts und links salutiren die ganz europäisch ausgerüsteten Truppen, theils »Garde du Corps«, theils Linie, theils Marine-Infanterie, in rothen, weissen, die letzten in blauen Uniformen, – nur für Schuhwerk muss das siamesische Aerar keine grossen Auslagen haben. – Die aufgestellten Militärcapellen spielen die österreichische Volkshymne, und zwar sehr gut und correct. Der feierliche Aufmarsch durch eine Allee mit sonderbar zugestutzten Bäumchen zum Hauptportal zu, zwischen die präsentirenden Ehrenwachen hindurch, hinter diesen überall das Volk auf dem Bauche liegend, – ist überwältigend und die lange Reise wohl werth. In der Eingangshalle, deren Wände mit Waffen geziert sind, empfangen uns Prinz Dewang, wie Devawongse von den Europäern genannt wird, der Kriegsminister und ein Schwarm von Kämmerlingen und Hofbeamten, alle in prachtvollen gold- und silberbrocatenen Röcken, weissen Strümpfen und Schnallenschuhen. An einem langen Tische wird uns deliciöser hellgelber Thee und Cigarren gereicht, wir müssen Namen und Titel in ein schön gebundenes Album eintragen, – dann geht's einige Stufen links hinauf, wo zu beiden Seiten kleine, schwarze, in rothen Mänteln gekleidete und mit langen Lanzen bewaffnete Buben Wache halten, durch einen prächtigen, ganz mit Officieren und Höflingen gefüllten Saal hindurch in ein geschmackvoll eingerichtetes Boudoir, wo uns der König stehend erwartet. Er ist eine höchst interessant, intelligent und sympathisch aussehende Erscheinung, mittelgross, schlank, mit sehr gewinnenden Zügen. Das kurz geschnittene Haar und der kleine schwarze Schnurrbart sind sehr gepflegt, – die Zähne im Gegensatze zu allen seinen Unterthanen blendend weiss, dabei in seinem blauseidenen anliegenden Waffenrock, dessen Kragen und Manschetten mit Gold gestickt sind, dem blauseidenen Sarong und ebensolchen Strümpfen, mit dem Bande des St. Stephans-Ordens, fesch und elegant. An der Brust des ungefähr 34jährigen Chulalonkorn haften einige Sterne seiner eigenen Orden, darunter jener der »Neun Edelsteine« mit ganz kolossalen Cabochonrubinen und einem immensen Diamanten. Biegeleben hält seinen englischen Speech und überreicht ihm sein Creditiv, das der König selbst (dies ist der erste Fall) persönlich übernimmt und dann an Dewang weitergibt. – Mit klangvoller, lauter Stimme antwortet der König auf siamesisch, obwohl er englisch geläufig sprechen soll, und Devawongse verdolmetscht: »Er freue sich dieses neuen Beweises der Freundschaft Seiner Apostolischen Majestät und hoffe, Baron Biegeleben werde die guten Beziehungen noch mehr pflegen und befestigen. Die Anwesenheit des Erzherzogs Leopold, der ihn vor Kurzem auf der ›Fasana‹ besucht, habe ihm sehr geschmeichelt, er sei der erste Habsburger, der zu ihm gekommen. Auch habe er den auf der Reise nach Europa befindlichen Prinzen Sai Sani Dhwongse beauftragt, Seiner Majestät zu seinem Jubiläum nachträglich zu gratuliren und ihm den höchsten an Nichtbuddhisten verleihbaren Orden, den Mahadakrki-Orden, zu überbringen.« – Nun wurden wir vorgestellt, über unsere Reisen u. s. w. befragt, und nach etwa 20 Minuten hatte die feierliche Audienz ihr Ende. – Drei tiefe Verbeugungen, der König reicht uns allen die Hand, wieder durch das Spalier von brocatenen Kämmerern, wieder über den Riesenhof, die Wachen präsentiren, die Musik spielt »Gott erhalte«, und wir sitzen wieder im Wagen und wischen den Schweiss von der Stirne. – Es war grossartig, an bunter Pracht wohl sonst nirgends erreichbar! Aber heiss! –
Die Königin von Siam.
Der König von Siam.
Haupteingang ins königliche Palais.
Wir speisen in einem kleinen für uns reservirten Zimmer, und zwar recht gut, das Menü ist französisch, und der chinesische Koch muss von einem europäischen Meister in seine Künste eingeweiht worden sein. Auch die Weine sind reichlich, Rheinwein, Bordeaux und Sect, dazu eine vorzügliche Crême de Cacao. – Mit dem langen, durch das ganze Zimmer sich hinziehenden Fächer, Punkah, ist die Hitze erträglich; wehe aber, wenn der vor der Thür sitzende chinesische Punkah-Wallah, der mit einer Schnur den Fächer in Bewegung hält, einschläft! Das wird dann fürchterlich! Der uns zugetheilte Phya Smud ist ein sehr geriebener, gescheidter, wenn auch etwas einfältig aussehender Kerl, der sich vom niedersten Ursprung zu grossem Reichthum und Ansehen emporgearbeitet; der erste Fall einer Adelserhebung, – er besitzt in Compagnie mit dem Prinzen Dewang bedeutende Reisschälfabriken und exportirt riesige Mengen Teakholz, seine lächerliche Körperfülle ist in ganz Siam berühmt.
Königlicher Palast in Bangkok.
Thronsaal im königlichen Palaste.