Sonntag 6. Jänner.

 Vor 5 Uhr Früh fahren wir in unsererkleinen Dampfbarkasse den Menam hinauf;von allen Seiten schiessen lange sogenannteHausboote hervor, mit einer geräumigen Cabineversehen und mit 8-20 auf venezianischeArt stehenden Ruderern bemannt, –hunderte und aberhunderte solcher Bootesammeln sich vor dem königlichen Landungsplatze,wo die Hofboote warten mit reicherVergoldung und 40 Ruderern, – die Nationalflagge,weisser Elephant im rothenFelde, und die königliche Flagge, gelberElephant in blauem Felde, flattern von allenMasten und Stangen. – In unserer Barkasselässt man uns nicht bleiben, führt uns durchverschiedene Paläste hindurch, an Ehrenwachenvorbei zu einem riesigen Pavillon,der mit Honoratioren, Prinz Dewang an derSpitze, gefüllt ist. Monstresänften, ganz vergoldet,mit rothen sammtenen Vorhängen,werden vorbeigetragen, darinnen hockenPrinzlein und Weiblein, – die Soldatenpräsentiren, ein schwindsüchtig aussehenderschwedischer Officier ruft unverständlicheCommandolaute, die Bande spielt eine Artsiamesischer Volkshymne, Kanonen donnern,und pfeilschnell fahren die 40 Ruderer desköniglichen Bootes den Strom hinauf, alleanderen nach, – das Gefolge soll über10.000 Personen betragen. Durch geschicktesArrangement hat man uns gehindert, Königund Königin zu sehen. – Dewang und PhyaSmud überströmen von Entschuldigungen;den Grund hiezu können wir aber nicht errathen.– Bei der Rückfahrt ins Hôtel findenwir den Fluss aufs Neue und auf ganzandere Art belebt, – es wird der Markt abgehalten,Tausende von Kähnen sind theilsmit Waaren, Fleisch, Gemüsen, Obst, theilsmit feilschenden Hausfrauen gefüllt, – Allesschwimmt, ein grosser Theil der Häuser istauf Flössen gebaut, die zu beiden Seiten desMenam verankert liegen; die Seitenstrassenbilden Canäle, die sich nach allen Richtungenverzweigen und von unzähligen Brückenüberspannt werden. Ueberall wimmelt es vonBooten, von Kähnen, von Barkassen, da fastder ganze Verkehr auf dem Wasser stattfindet.In Seelentränkern huschen gelbgekleideteBonzen herum, ihre tägliche Nahrung zu erbetteln;zu Hunderten sehen wir diese ehrwürdigenBuddhapriester. – Im Wasserselbst baden und schwimmen Kinder jederGrösse und jeden Alters und scheinen sichwenig vor den Krokodilen zu fürchten, derenschwarze, gepanzerte Köpfe hie und da emportauchen.– Dabei blitzen und glitzerndie bunten, mit Majolica verzierten Thürmeder zahllosen Tempel, und die üppigen Aesteder dunklen Tropenbäume tauchen tief insWasser ein. – Gegen 600.000 Einwohnersoll Bangkok enthalten, nach anderen Quellensogar eine Million, wovon über 100.000 Einwandereraus dem Reiche der Mitte, derengelbe, magere, bezopfte Gestalten überallzwischen den kleineren bräunlichen Siamesenmit ihren kurzgeschnittenen schwarzen Kopfhaarennicht gerade vortheilhaft auftauchen.Kinder beiderlei Geschlechtes tragen bis zumneunten oder zehnten Jahre als einzige Kleidungeine kleine Metallplatte in Form einesFeigenblattes mit seidener Schnur oder Silberkettchenum die Hüften gehängt, – bei Reicherensind die Plättchen aus Silber mit eingehämmertenGoldornamenten. – Strassensind hier eine Erfindung der neuesten Zeit,da erst der jetzige König solche nach allenRichtungen angelegt und sogar mit Tramwaysversehen hat, die aber ausschliesslich vomVolke benützt werden. Wenn irgend möglich,ziehen wir den Wasserweg vor, da wirdadurch dem kolossalen Staube (»dirt in thenose« – wie Phya Smud täglich erklärt)entgehen. – Chulalonkorn ist für seine Verhältnisseein sehr aufgeklärter Monarch, wohlder Tüchtigste seiner Landsleute: er hat zuerstvon allen siamesischen Königen seinLand verlassen und Singapore, wo er einenbronzenen Elephanten stiftete, sowie Calcuttaund Bombay besucht, wo er europäischeCivilisation kennen lernte. – Sein ganzesLand wurde mit Posten versehen, und er zahltjährlich über 36.000 Tikals darauf, – dieTelegraphenlinien gehen bis Laos, und momentanist Sir Andrew Clarke, der frühereGouverneur der Straits Settlements, mit derTracirung einer Eisenbahn bis Tseng Mai(500 englische Meilen nach Norden) beauftragt,wobei der vom Könige selbst aufgesetzteVertrag diesem völlig freie Hand beider Vertheilung der Arbeiten vorbehält. Dasflach auf dem Bauche liegen bei dem Erscheinender Majestät, das bisher de rigueurwar, hat Chulalonkorn aufgehoben, und wirddiese früher allgemeine Sitte den Chawfasund Phyas gegenüber nach und nach abgeschafft.Es herrscht allgemeine Wehrpflicht,doch in der Form einer Art Miliz, währenddie stehende Armee ziemlich schwach ist. –Die Truppen sind nach englischem Musteruniformirt und disciplinirt und werden voneuropäischen Officieren unter Leitung desMajors Walker vom Bombay-Contingent befehligt.– In den nächsten Tagen erwartetman die Ankunft von 280 Walers, Pferdenaus New-South Wales, welche für die Gardecavalleriebestimmt sind, da die hiesigenstämmigen und sehr flinken Ponies (meistFalben) zwar sehr resistenzfähig, aber allzuklein sind. – Eine hässliche Sitte ist dasBetelkauen, das von allen Siamesen ohneAusnahme betrieben wird. – Etwas geriebeneBetelnuss, etwas Kalk, noch einigeIngredienzien sauber in ein Blatt der Arecapalmegewickelt, das wird den ganzen Tagin den Mund gesteckt, – sogar die Königinkaut, und als kürzlich die längere Zeit inEuropa gewesene Frau des Gesandten PrinzenPrisdang zurückkehrte, wurde sie förmlichgezwungen, diese siamesische Unsitte wiederaufzunehmen. (Uebrigens wurde auch SeineHoheit auf sechs Monate in ein feuchtes, ungesundesGefängniss gesteckt, weil er inEuropa zu viel Geld ausgegeben hätte! Jetztist der frühere Botschafter Postmeister vonBangkok!) Ekelhaft ist der dunkelbrauneMund jedes Siamesen, aus dessen Winkelndie scheussliche Sauce herabsickert, undüberall auf den Strassen erinnern grosse röthlichePatzen und Flecke an diese übrigensauch bei allen Malayen übliche Gewohnheit.Der uns zugetheilte Phya Smud kaut merkwürdigerweisenicht, dafür raucht er vonfrüh bis nachts starke Cigarren und trinktfortwährend Thee, den ihm sein Leibsclavestets in einer grossen Kanne nachträgt. –Auch der König hatte beim Empfang einenreinen Mund. – Nachmittags fahren wir zumWat-Sakhet, einem der höchsten TempelBangkoks; nicht ausgebaut, macht der in derForm eines babylonischen Thurmes geplanteWat, der schon theilweise zerfällt, einenwüsten Eindruck. – Herrlich ist dafür derBlick auf die Stadt, – soweit das Auge reichtHäuser und Tempel, theilweise in dunklesGrün verhüllt, überall die in der Sonneblitzenden Canäle, und mitten hindurch, wieeine silberne Schlange, der Menam. – Ringsum den Wat liegen die ausgedehnten Wohnungender Priester, die in ihren gelbenMänteln recht würdevoll herumhocken. Anstossendist der Begräbnissplatz, wo nachden verschiedenen Classen unserer Pompefunèbre die Leichen mit mehr oder wenigerLuxus verbrannt werden. – Das Verbrenneneines Grossen kostet viele Tausende von Tikals,die Cremation des letzten zweiten Königs(diese Institution ist seitdem eingegangen)erforderte vor zwei Jahren sechsMonate Vorbereitung und mehrere MillionenTikals – ein Prachtbau aus edlen Hölzern,vergoldet und versilbert, mit den schönstenSchnitzereien und Bronzearbeiten wurde inGegenwart der ganzen Bevölkerung und desHofes, sowie des zufällig anwesenden GesandtenGrafen Zaluski angezündet. – AlleMonate schickt der König Holz, um die Armenzu verbrennen; doch reicht das nichthin, und in einem reservirten Raume sehenwir die Leiche eines Bettlers von Dutzendenriesiger Geier zerreissen, – einige Bonzenbilden die Wache, und auf allen Bäumen,sowie auf den Mauern sitzen und warten diescheusslichen Vögel auf frische Nahrung, –der Anblick, wie zwei solcher Bestien einKnie des armen Teufels auseinanderrissenund heissgierig verschlangen, wird wohl nichtso bald von uns vergessen werden!
MÜNZEN AUS SIAM

STEMPEL

Königliche Boote am Menam.

Abends Diner um 8 Uhr bei Consul M., – wir erscheinen »in dress« und finden die Gesellschaft (den Herrn Consulatsgerenten mit seinem Commis, den Apotheker und Frau u. s. w.) in ihren weissen leinenen Jacken! Es war zu komisch! Dann ein Whist bei mörderischer Hitze! –

ZIEGELTHURM DES WHAT SEKHET