Drittes Kapitel.
Ein Besuch beim Regenten. — Der Durchgang der Venus. — Folgen ihres Kults. — Ein tahitisches Begräbnis. — Ein Hundebraten. — Hoher Besuch. — Eine Reise um die Insel. — Lockungen.
Am 27. Juni beschlossen wir, dem Oberhäuptling Tootahah einen Besuch abzustatten, um ihn zur Lieferung einiger Schweine zu veranlassen. Ich ruderte daher frühmorgens mit Banks, Dr. Solander und drei andern Herren in der Pinasse ab. Da wir den Weg nach Atahourou, der neuen Residenz Tootahahs, nur zur Hälfte im Boote zurücklegen konnten, so langten wir erst gegen Abend bei ihm an. Wir fanden ihn in seinem gewöhnlichen Staatsgewand unter einem großen Baum inmitten seines Volkes thronend und überreichten ihm unser Geschenk, das aus einem gelben Frauenunterrock und andern Kleinigkeiten bestand und das er in Gnaden anzunehmen geruhte.
Die Menge des Volkes und der angesehensten Häuptlinge war so groß — auch die Königin war mit ihrem Gefolge erschienen — daß die Häuser nicht alle beherbergen konnten. Wir waren also gezwungen jeder woanders zu logieren. Oberea bot Herrn Banks höflich einen Platz in ihrem Quartier an. Banks war froh, so gut versorgt zu sein, wünschte uns gute Nacht und ging mit der Königin weg. Nach dem Landesgebrauch legte er sich frühzeitig schlafen, und da die Nacht sehr heiß war, so entkleidete er sich. Oberea bestand darauf, die Kleider in ihre eigene Verwahrung zu nehmen, damit sie nicht gestohlen würden. Unter dem so mächtigen Schutze der Königin schlief Banks sorglos wie in Abrahams Schoß. Als er um 11 Uhr aufstehen wollte, waren seine Kleider verschwunden. Er weckte also die Königin, die sofort Licht machen ließ und ihm schwur, ihm die Kleider zu verschaffen. Auch Tootahah, der nebenan schlief und von dem Lärm erwachte, entfernte sich mit der Königin, um den Dieb zu suchen, der dem guten Banks nichts weiter zurückgelassen hatte als seine Beinkleider und seine Kugelbüchse, die nicht geladen war. Pulverhorn, Pistolen, Rock, Weste usw. waren verschwunden. Nach einer halben Stunde kamen Oberea und Tootahah mit der Nachricht zurück, daß sie von dem Diebe keine Spur entdeckt hätten. Banks, der keine Ahnung von unserem Quartier hatte, machte gute Miene zum bösen Spiel. Gegen Morgen suchte er uns halb nackt auf. Uns war es nicht viel besser ergangen; mir waren die Strümpfe gestohlen, einem andern das Wams. Oberea brachte ihrem Gastfreund einen Eingeborenenrock, und in diesem halb englischen, halb indianischen Kostüm ging Herr Banks einher. Nur Dr. Solander, der bei ehrlichen Leuten übernachtet hatte, war mit heiler Haut davongekommen. Unsere Kleider waren und blieben verschwunden. Wir hegten deshalb den ziemlich begründeten Verdacht, daß der Diebstahl mit Wissen und Willen der Königin und Tootahahs begangen worden war. Wir traten sobald als möglich den Rückmarsch zum Boote an und kamen des Abends spät nach dem Fort zurück.
Lord Morton hatte mir bei meinem Abschiede dringend ans Herz gelegt, den Durchgang der Venus von verschiedenen Orten aus beobachten zu lassen. Green und ich wollten das Ereignis vom Fort aus beobachten. Die erste Expedition unter dem Befehl des Herrn Hicks sollte im Osten der Insel, die zweite unter dem Befehl des Leutnants Gore auf Imao im Westen von Otahiti, einer Insel, die Kapitän Wallis Herzog-York-Insel nannte, die Beobachtung anstellen. Zu diesem Zwecke stattete unser Astronom Green beide Expeditionen mit den nötigen Instrumenten aus und unterwies deren Leiter in ihrem Gebrauche. Herr Hicks brach mit seinen Leuten in der Pinasse auf. Für die zweite Expedition wurde das lange Boot ausgerüstet, aber man wurde erst Donnerstag nachmittag fertig. An dieser Expedition nahm auch Banks mit Tamaide und mit Tomio teil, einer Verwandten des Königs von Imao. Nachdem die Bootsleute den größten Teil der Nacht hindurch gerudert harten, gelangten sie an die Insel, wo sie sich vorläufig vor Anker legten. Bald nach Anbruch des Tages erblickte man einen indianischen Kahn, den Tamaide anrief, um sich nach einer Einfahrt zu erkundigen. In dieser erblickten sie einen von der Insel etwa 450 Fuß entfernten Korallenfelsen, der für ihre Zwecke günstig schien. Er war 240 Fuß lang, 60 Fuß breit, und zeigte in seiner Mitte einen Sandflecken, der für den Aufbau der Zelte reichte. Man beschloß daher die Sternwarte hier anzulegen. Während Gore und seine Leute die Zelte aufschlugen, ging Banks mit Tamaide und Tomio an Bord des Indianerkahns und fuhr nach der Hauptinsel, um Nahrungsmittel einzutauschen. Bei seiner Rückkehr fand er die Sternwarte in Ordnung und die Fernrohre befestigt und geprüft. Der Abend war sehr heiter. Allein jedermann besorgte, daß der Himmel sich trüben könne, und so fand keiner den Schlaf. Sobald der Tag anbrach und die Sonne hell und klar aufging, stieg die Aufregung der Beobachter aufs höchste. Banks wünschte den Herren Gore und Monkhouse viel Glück und fuhr in Begleitung der Indianer nach der Insel. Um 8 Uhr bemerkte er, daß sich zwei Kähne dem Platze näherten, den er sich für seine Geschäfte ausgesucht hatte. Man teilte ihm mit, daß die Kähne dem König der Insel, Tarrao, gehörten, der zum Besuche käme. Als der König sich näherte, bildete das Volk eine Gasse vom Strande bis zum Marktplatz, und Seine Majestät traten hierauf nebst dero Schwester Nuna ans Land. Als sie sich dem Baume näherten, unter dem Banks hielt, ging er ihnen entgegen und geleitete sie feierlichst zu seinem Platze, wo er ein Tuch ausbreiten und seine Gäste darauf sitzen ließ. Der König überreichte hierauf Herrn Banks ein Schwein, einen Hund und Früchte zum Geschenk, das dieser mit einem Beil, einem Hemd und einigen Glaskorallen erwiderte, womit er Sr. Majestät und der erlauchtesten Prinzessin viele Freude bereitete. Kurz darauf erschienen Tamaide und Tomio. Diese stellte sich als Verwandte Tarraos vor und überreichte ihm einen großen Nagel und der Nuna ein Hemd zum Geschenk.
Als die erste innere Berührung des Planeten Venus mit der Sonne vorüber war, begab sich Herr Banks mit Tarrao und seinem Gefolge, worunter sich auch drei junge Schönheiten befanden, nach der Koralleninsel. Er zeigte ihnen durch das Fernrohr den Planeten auf dem Sonnenspiegel und suchte ihnen begreiflich zu machen, daß wir aus unserm Vaterlande nur deshalb hergekommen wären, um dieses Ereignis zu beobachten. Am folgenden Morgen fuhren die Mitglieder der zweiten Expedition wieder nach dem Fort zurück. Auch die Ergebnisse unserer Beobachtungen waren befriedigend. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang war die Luft rein und der Himmel klar. Nach den Aufzeichnungen Greens geschah die erste äußere Berührung des Planeten der Sonnenscheibe um 9 Uhr 25 Minuten 42 Sekunden, die erste innere um 9 Uhr 44 Min. 4 Sek., die zweite innere Berührung um 3 Uhr 14 Min. 8 Sek., und die zweite äußere Berührung um 3 Uhr 32 Min. 10 Sek. Die Breite unserer Sternwarte war 17 Gr. 29 Min. 15 Sek., die westliche Länge von Greenwich 149 Gr. 32 Min. 30 Sek.
So große Ursache wir auch hatten, uns über den Erfolg unserer Observationen zu freuen, so sehr gab uns ein Teil des Schiffsvolks Anlaß zum Ärger. Während wir nämlich den Durchgang der Venus beobachteten, brachen verschiedene Matrosen in eine unserer Vorratskammern ein und entwendeten ungefähr einen Zentner großer Nägel — eine Tat, von der wir den größten Nachteil zu befürchten hatten, denn wenn die Diebe diese Nägel an die Insulanerinnen verhandelten, so entwerteten sie unsere Haupttauschware. Wir entdeckten einen der Diebe, fanden aber nur sieben Nägel bei ihm; auch verriet er, obwohl ich ihm vierundzwanzig Hiebe aufbrennen ließ, keinen seiner Mitschuldigen.
Um diese Zeit starb eine alte Frau von Rang, die mit der Tomio verwandt war. Dies verschaffte uns die längstersehnte Gelegenheit, einem Leichenbegängnis beizuwohnen. In der Mitte eines Vierecks, das mit einem schönen Gitter umgeben war, wurde eine Wetterdecke über zwei Pfosten ausgespannt. Darunter wurde die Leiche auf eine primitive Bahre gelegt und der Verwesung überlassen. Neben ihr wurden Brotfrüchte und andere Lebensmittel niedergelegt, und in der Nähe wurden einige Hütten errichtet, worin die nächsten Anverwandten und der vornehmste Leidtragende, diesmal Tubourai Tamaide, den Zeitpunkt der Verwesung abwarteten, um dann die Gebeine zu beerdigen.
Herr Banks war so begierig, in die Geheimnisse einer solchen Feierlichkeit einzudringen, daß er sich zur bestimmten Zeit nach dem Orte begab, wo der Leichnam lag. Die Tochter der Verstorbenen empfing ihn daselbst, umgeben von allen Leidtragenden, unter denen sich auch ein Knabe von etwa vierzehn Jahren befand. Tamaide trug als der Hauptleidtragende eine seltsame Maske. Herr Banks mußte sich nackt ausziehen; man wickelte ihm ein Lendentuch um den Leib und färbte seinen Oberkörper mit Kohlenstaub und Wasser so lange, bis er schwarz wie ein Neger war. Diese Förmlichkeit nahm man auch mit den andern, unter ihnen einige Frauen und Mädchen, die sich gleichfalls nackt ausziehen mußten, und mit dem Knaben vor. Tubourai Tamaide sprach jetzt eine Art von Trauergebet, dann setzte sich der Zug in Bewegung. Als man an das Haus Tamaides kam, betete dieser wiederum, dann nahm der Zug seinen Weg nach dem Fort hin. Die nicht zum Trauergeleite gehörenden, in der Nähe des Forts angesiedelten Insulaner flüchteten beim Herannahen des Zuges in die Wälder, und so war es überall, wo sich dieser zeigte. Banks hatte als sogenannter »Niniveh« mit noch zwei andern das Amt, darüber zu wachen, daß kein lebendes Wesen in den Häusern weilte, und hatte dies Tamaide mit dem Worte: imatata! es ist niemand da! zu melden. Der erste Leidtragende trug in seiner Hand einen langen, flachen Stock, dessen Ränder mit scharfen Seehundszähnen besetzt sind. Entdeckt er einen Fremden, so verprügelt er ihn aufs unbarmherzigste mit dieser Waffe. Nach dem Umzug wuschen sich alle Teilnehmer im Flusse.
Die letzten Fleischteile der Leiche wurden im Verwesungshause, dem Tupapow, sorgfältig von den Knochen abgeschabt, worauf diese in dem ummauerten Begräbnisplatz, dem Morai, begraben wurden. War der Verstorbene ein Arrih, ein Häuptling, so wird seine Hirnschale in einem besonderen Kästchen neben seinen Gebeinen begraben. Alsdann ist die Trauer zu Ende. Offiziell wenigstens. Es kommt oft vor, daß sich besonders die Frauen später noch mit den Seehundszähnen verwunden, wenn sie sich bei irgendeiner Gelegenheit an den Verlust eines teuren Anverwandten erinnern. Dies war auch bei der Terapo der Fall, als sie sich in unsrer Gegenwart scheinbar ohne jeden Grund mit dem Seehundszahn bearbeitete. Ihren Begräbnisplatz halten die Eingeborenen heilig. Ich hatte ein Boot unter dem Kommando eines Offiziers an Land geschickt, um Steinballast zu holen. Weil nun der Offizier nicht gleich die nötigen Steine fand, ließ er eine Moraimauer niederreißen. Die Insulaner widersetzten sich dem mit Gewalt. Herr Banks eilte hinzu und stiftete Frieden, indem er die Matrosen nach dem Flusse schickte, wo es Steine genug gab. Es ist gewiß sehr charakteristisch, daß die Eingeborenen von Otahiti gegen das, was man ihren Toten antat, weit empfindlicher als gegen das waren, was man mit den Lebenden vornahm. Das einzige Mal, wo sie es wagten, die Hand an einen von uns zu legen, geschah dies aus ähnlichem Anlaß. Unser Schiffsarzt Monkhouse pflückte nämlich eines Tages eine Blüte von einem Baum, der sich in einem Morai befand. Einer der Eingeborenen, der ihn mit Entrüstung beobachtet hatte, rannte ihn wütend an und schlug auf ihn ein. Monkhouse erwischte den Kerl, doch eilten diesem zwei andre zu Hilfe und zogen Monkhouse an den Haaren, so daß er seinen Gefangenen los lassen mußte, der mit seinen Befreiern schnellfüßig flüchtete.
Am Abend des 19. Juni bekamen wir einen Besuch der Königin; es befremdete uns aber nicht wenig, daß Oberea ohne die uns gestohlenen Kleider erschien, obschon sie wußte, daß wir sie für die Hehlerin hielten. Sie erklärte uns zwar, daß sie ihren Günstling Obadec davongejagt hätte, der der Dieb sei, allein sie mußte fühlen, daß wir ihrem Märchen keinen Glauben schenkten. Trotzdem lud sie sich wieder bei Herrn Banks zum Nachtquartier ein, was ihr abgeschlagen wurde. Daraufhin zog sie sich maulend zurück. Am nächsten Morgen erschien sie wieder und brachte uns zur Versöhnung ein Schwein und einen Hund mit. Weil wir erfahren hatten, daß die Insulaner das Fleisch ihrer Hunde für einen großen Leckerbissen halten und es sogar dem Schweinefleisch vorziehen, kam uns die Lust an, uns den Hund braten zu lassen. Der Minister und Oberpriester der diebischen Königin, Tupia, erhielt den Auftrag, das Tier für uns zuzubereiten. Um den Hund zu töten, hielt er ihm mit aller Kraft über eine Viertelstunde Maul und Nase zu. In dieser Zeit war ein fußtiefes Loch gegraben und in dieses waren kleine Steine schichtweise zwischen das brennende Holz gelegt worden. Hierauf wurde der Hund über das Feuer gehalten, seine Haare wurden abgesengt und seine Haut wurde mit einer Muschel so rein abgeschabt, als wäre er in heißem Wasser gebrüht worden. Alsdann wurde er mit derselben Muschel geöffnet. Man nahm die Eingeweide heraus, reinigte sie in der See und legte sie dann in die Kokosnußschalen, in denen man das Blut aufgefangen hatte. Alsdann entfernte man den Brand aus dem Loch, in das ein Teil der heißen Steine gelegt wurde. Über diese kam frisches Laub, auf das der Hund und die Eingeweide gelagert wurden. Man bedeckte beides mit Blättern und legte über diese den Rest der heißen Steine. Dann wurde das Loch mit Erde zugedeckt. Nach etwa vier Stunden wurde der Braten herausgenommen, der nach unserm einstimmigen Urteil ganz delikat schmeckte. Die zum Verspeisen gezüchteten Hunde werden nicht mit Fleisch, sondern mit Brotfrucht, Kokosmilch und Yamswurzeln, einer Kartoffelart, gemästet.
Am 21. Juni wurden wir von Oamo besucht, einem sehr mächtigen Oberhäuptling, dem die Eingeborenen mit großer Ehrfurcht begegneten. Oamo kam mit einem Knaben von sieben Jahren und einem jungen Mädchen von etwa sechzehn Jahren. Der Knabe wurde von einem Manne getragen. Sobald man sie kommen sah, entblößten Oberea und sämtliche Eingeborenen innerhalb und außerhalb des Forts den Oberkörper und schritten so den Ankommenden entgegen. Diese Entblößung war so gut wie die des Unterkörpers seitens der Ooratooa ein Zeichen ganz besonderer Ehrfurcht. Noch merkwürdiger war, daß die Insulaner wohl Oamo, nicht aber den Knaben und das Mädchen zu uns ins Fort ließen. Wir hörten später, daß Oamo der Gemahl der Königin war, von der er getrennt lebte. Der Knabe (der Thronerbe) und das Mädchen waren ihre Kinder. Das Mädchen war die Verlobte ihres Bruders Teridiri. Der wirkliche Oberkönig war ein Sohn des Oberhäuptlings Whappai namens Outou. Whappai, Oamo und Tootahah waren Brüder; Whappai war der älteste und Oamo war der zweite Bruder. Weil nun Whappai nur einen einzigen Sohn hatte, nämlich den Outou, so war Teridiri als der Sohn Oamos Kronprinz. Nach den Gebräuchen des Landes erbt ein Sohn mit seiner Geburt den Titel und die Macht seines Vaters. Das Volk wählt alsdann einen Regenten, gewöhnlich den Vater. Diesmal war die Wahl zum Regenten für Outou auf seinen Oheim Tootahah gefallen, weil sich dieser in einem Kriege ganz besonders ausgezeichnet hatte. Der intelligenteste von den drei Brüdern war jedenfalls Oamo, wie aus seinen Erkundigungen über England u. a. hervorging.
Die Besuche der verschiedenen Potentaten reizten uns zu einer Umschiffung der Insel, die denn auch Banks und ich am 26. Juni früh um 3 Uhr mit dem Maler Parkinson in der Pinasse bewerkstelligten. Wir nahmen unsern Weg ostwärts und landeten in Oahounue, das von dem jungen Oberhäuptling Ahio regiert wurde, der uns bereits mehrere Male besucht hatte. Außer ihm trafen wir dort noch unsre alten Freunde Tituboalo und Hoona an, die uns hoch erfreut bewirteten. Von hier gingen wir zu Fuß weiter, während uns die Pinasse in Hörweite folgte. Unsre Freunde gaben uns das Geleite bis zum Hafen Ohidea, wo Herr von Bougainville mit der »Boudeuse« vor Anker gelegen hatte. Die Eingeborenen zeigten uns noch den Lagerplatz der Franzosen.
Wir stiegen hierauf in die Pinasse und luden Tituboalo ein, uns an die andere Seite der Bai hinüberzubegleiten. Er weigerte sich aber und riet uns von diesem Wagnis ab, weil die Eingeborenen auf der andern Seite nicht Untertanen des Tootahah wären und uns alle ermorden würden. Man kann sich leicht denken, daß wir uns dadurch nicht ins Bockshorn jagen ließen. Wir luden aber unsere Büchsen mit Kugeln. Tituboalo, der das mit ansah, setzte so viel Vertrauen in den Blitz und den Donner unserer Gewehre, daß er sich anders besann und zu uns an Bord kam. Nachdem wir die Nacht hindurch gerudert hatten, gelangten wir im Innern der Bai an eine Landenge, die Otahiti in zwei Teile teilte. Wir übernachteten auf unsrer Seite. Auf Befehl der Ooratooa, eben jener Dame, die Banks im Fort eine so eigenartige Reverenz erwiesen hatte, wurden wir hier gastfreundlich aufgenommen und beherbergt. Am nächsten Morgen sahen wir uns unsere Umgebung an und fanden, daß sie aus einem etwa zwei englischen Meilen breiten, sumpfigen Moorland bestand, über das die Eingeborenen ihre Kähne bis zur See hinüberziehen. Wir setzten hierauf unsere Reise nach dem feindlichen »Königreich« fort, das nach Tituboalos Angaben Tiarrabou hieß und von dem König Waheatua beherrscht wurde. Unser indianischer Reisegefährte schien neuen Mut gefaßt zu haben. Das Volk von Tiarrabou, prophezeite er uns jetzt weniger bedrohlich, würde uns zwar nicht töten, aber es würde uns regelrecht verhungern lassen. Und in der Tat hatten wir, seitdem wir mit ihm unterwegs waren, keine Brotfrüchte gesehen. Nachdem wir etliche Meilen weit gerudert waren, landeten wir in einem Gebiete, dessen Oberhäuptling Maraitata, der Männer Grab, hieß. Der Name seines Vaters war nicht weniger einladend, denn dieser nannte sich Pahairedo oder der Boote Dieb. Diese Namen schienen allerdings die Weissagungen Tituboalos zu bestätigen, allein wir erfuhren doch bald zu unserer angenehmen Überraschung, daß unser Freund grau in grau gemalt hatte, denn Vater und Sohn empfingen uns mit ungemeiner Höflichkeit, gaben uns Lebensmittel und verkauften uns sogar ein sehr großes Schwein für ein Beil. Das Volk strömte in Menge herbei, uns zu bewundern, doch fanden wir in dem großen Haufen nicht mehr als zwei bekannte Gesichter. Wir bemerkten auch keine Glaskorallen oder sonstigen Zierate an ihnen, die von uns hätten herstammen können, obwohl wir europäischen Tand genug an ihnen bemerkten. Wir entdeckten in einem der Häuser sogar zwei Kanonenkugeln, die nach der Angabe des Besitzers von den Franzosen herstammen sollten, nach dem breiten Pfeil aber, den sie als Zeichen trugen, vom Dolphin des Kapitäns Wallis stammen mußten.
Hierauf kamen wir in ein Gebiet, das unmittelbar unter der Regierung des Königs Waheatua stand. Ob er, da er einen Sohn hatte, die Regierung als Regent oder als Selbstherrscher führte, ist uns nicht bekannt geworden. Dieses Reich bestand aus einer großen, fruchtbaren Ebene, die von einem Fluß durchquert wird, der so breit ist, daß wir uns in einem Kahne übersetzen lassen mußten. Unser indianisches Gefolge aber wollte lieber hinüberschwimmen und sprang munter wie eine Koppel Jagdhunde ins Wasser. In dieser Gegend fanden wir kein bewohntes Haus, dagegen die Reste vieler Häuser, die sehr groß gewesen sein mußten. Die Küste bildet hier eine von den Eingeborenen Oaitipeha genannte Bai. Wir marschierten den schönen Strand entlang und fanden endlich den mächtigen Beherrscher dieses Teils der Insel neben schönen Wetterdecken sitzen, unter denen er mit seinem ganzen Hofstaat zu schlafen pflegte. Waheatua war ein hagerer alter Mann mit schneeweißem Haar und Bart; er hatte eine wunderschöne Frau von etwa fünfundzwanzig Jahren bei sich, die Toudide hieß. Wir hatten den Namen dieser Dame oft gehört, und nach allem, was man uns von ihr erzählt hatte, mußte sie die Oberea dieser Insel sein. Wir verweilten einige Zeit und kauften Nahrungsmittel ein, darunter von dem Sohne des Königs, dem Prinzen Tiarih, ein Schwein. Tiarih entschloß sich dann uns zu begleiten. Nach feierlichem Abschied von dem alten König und der schönen Königin marschierten wir weiter. Das Land, in das wir alsdann gelangten, war besser kultiviert als alle andern, die wir bisher gesehen hatten. Die Bäche waren zu beiden Seiten mit Dämmen von Steinen eingefaßt und glichen regelrechten Kanälen; selbst die Küste war mit Steindämmen versehen. Die Häuser waren weder zahlreich noch groß. Dagegen fanden wir viele schöne, große Kähne längs der Küste auf den Strand gelagert, die mit großer Sorgfalt gebaut, mit größeren Hinterteilen und mit Wetterdächern versehen waren, die auf Pfeilern ruhten. Fast auf jeder Landspitze befand sich ein Grabmal, das mit großer Sorgfalt und vieler Kunst ausgeführt war. Die Pfosten waren mit Schnitzwerk versehen, das aus Figuren von Menschen und Vögeln bestand. Unter den Figuren fielen uns ein rot und gelb bemalter Hahn und unförmliche Menschengestalten auf, die reihenförmig übereinander angebracht waren. Trotz der scheinbaren Fruchtbarkeit dieses Landstrichs gab es keine Brotfrüchte. Die Bäume waren leer, und die Einwohner schienen hauptsächlich von Nüssen zu leben, die den Kastanien ähnelten und Aehi genannt wurden.
Müde vom Marsch riefen wir die Pinasse herbei, fanden aber unsere indianischen Freunde Tituboalo und Tuahow nicht darin. Wir nahmen daher Tiarih und seinen Begleiter an Bord und steuerten dann nach dem Eiland Otooareite, wo wir übernachteten. Ein Teil des nächsten Morgens verstrich unter den fruchtlosen Bemühungen Lebensmittel zu erhalten, dann setzten wir unsere Reise um die südöstliche Landspitze fort. Diese Reise machten wir teils im Boot, teils zu Fuß. Nach einem Marsche von drei Meilen gelangten wir an einen Platz, wo wir viele Kähne und viel Volk antrafen, in dem wir außer Tuahow noch eine Reihe guter Bekannten entdeckten, von denen wir einige Kokosnüsse einhandelten. Wir nahmen Tuahow, der lange bei Waheatua auf uns gewartet hatte, an Bord und ruderten weiter. In einer Gegend, die der Oberhäuptling Mathiabo beherrschte, hielten wir an, um Lebensmittel einzutauschen. Mathiabo kam selbst an den Strand, überhörte aber hartnäckig unsere Wünsche. Bei seinen Untertanen konnten wir uns besser verproviantieren. Dem Reiz einer leeren Glasflasche vermochte aber Seine Exzellenz nicht zu widerstehen; er gab uns ein junges Schwein dafür und schien stolz auf sein Handelstalent. Er hatte eine Gans und einen Welschhahn im Besitz, die der Dolphin zurückgelassen hatte. Die Indianer hatten ihre ganz besondere Freude an diesen Tieren, die erstaunlich fett und zahm geworden waren. In einem Hause fanden wir fünfzehn frische menschliche Kinnbacken an einem halbrunden Brett befestigt. Was das bedeuten sollte, konnten wir nicht in Erfahrung bringen, weil man uns entweder nicht verstand oder nicht verstehen wollte. Mathiabo erbot sich uns zu begleiten. Mit Freuden erteilten wir ihm die Erlaubnis, denn wir ahnten nicht, daß er uns als Pilot nur deshalb die vorzüglichsten Dienste leistete, um uns desto besser bestehlen zu können. Am Abend gelangten wir vor die Bai, die sich an der nordwestlichen Seite der Insel an der die letztere teilenden Landenge befindet, und fast ganz bis an jene auf der südöstlichen Seite der Insel gelegene Bai heranreicht. Wir ruderten an der Küste dieser Bai hin. Als wir zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatten, entschlossen wir uns an Land zu übernachten. Wir steuerten auf ein großes Haus zu, das, wie Mathiabo sagte, seinem Freunde, dem Oberhäuptling Wiverou, gehörte. Es dauerte nicht lange, so kamen uns verschiedene Kähne vom Strand entgegen. Wir entdeckten darin eine Anzahl auffallend hübscher Frauen und Mädchen, die ihren Gesten und Winken und ihrem unzweideutigen Betragen nach ausdrücklich abgeschickt zu sein schienen, um uns durch ihre Reize ans Land zu locken. Da wir die Absicht hatten an Land zu gehen, so bedurfte es seitens der braunen Sirenen keiner großen Verführungskünste.
Der Oberhäuptling empfing uns sehr freundlich und befahl seinen Leuten, uns unser Nachtessen, zu dem wir Mathiabo eingeladen hatten, bereiten zu helfen. Die Häuptlinge speisten in unsrer Gesellschaft, und es ging sehr heiter und aufgeräumt zu. Während der Nacht flüchtete Mathiabo mit einem ihm von uns geliehenen Überrock. Wir entdeckten den Frevel sogleich und verfolgten den Dieb, der in seiner Angst den gestohlenen Mantel von sich warf, worauf wir ihn laufen ließen. Der Zwischenfall hatte das ganze Haus in Aufregung gebracht. Allein unser Schrecken wurde zur Verzweiflung, als uns um 5 Uhr des Morgens unsre Schildwache mit der Nachricht weckte, daß das Boot verschwunden sei. Der Mann hatte es noch vor einer halben Stunde vor Anker liegen sehen. Kurz darauf hörte er rudern, und als er sich umblickte, war das Boot verschwunden. Nunmehr stand es äußerst mißlich mit uns, und wir hatten alle Ursache in Verzweiflung zu geraten. Da völlige Windstille herrschte, so konnten wir natürlich nicht vermuten, daß sich die Pinasse von ihrem Anker losgerissen habe, sondern wir befürchteten, daß die Insulaner unsere schlafenden Bootsleute überfallen und ermordet und sich der Pinasse bemächtigt hätten. Wir waren nicht mehr als unser vier und besaßen ein paar geladene Pistolen, eine geladene Kugelbüchse, aber sonst keine Munition, und waren gegenüber einem Angriff der Eingeborenen, den wir jeden Augenblick befürchten mußten, rettungslos verloren. Man kann sich also unser Entzücken ausmalen, als wir die Pinasse nach einigen Stunden mit der Flut zurückkehren sahen. Sie war durch die Ebbe losgerissen und abgetrieben worden, ein Umstand, an den wir in der Bestürzung und Verwirrung nicht gedacht hatten. Nach dem Frühstück fuhren wir unserer Halbinsel zu.