Viertes Kapitel.

Im Hause der Oberea. — Eine Desertion. — Unanständige Tänze. — Die Lustseuche. — Körperschönheit, Sitten und Gebräuche der Bewohner von Tahiti.

Wir waren nach mehrstündigem Rudern in der Nähe von Paparra angekommen, dem Landesteil, der unserm Freunde Oamo und unserer diebischen Freundin Oberea erbeigentümlich gehörte. Wir hatten beschlossen, dort zu übernachten, hörten aber bei unsrer Landung, daß unsre Freunde nach Matavai gegangen wären, um uns dort zu erwarten. Wir quartierten uns trotzdem in dem kleinen, sehr geschmackvoll ausgestatteten Hause der Königin ein, deren alter Vater uns auf das gastfreundlichste empfing. Nachdem wir uns ausgeruht und gestärkt hatten, machten wir einen Spaziergang nach der Landspitze hin, auf der wir von weitem etwas gesehen hatten, eine Art von Trauerbäumen, die die Eingeborenen um ihre Morais herum zu pflanzen pflegen.

Wir waren überrascht, dort ein ungeheures Bauwerk zu finden, das, wie man uns sagte, der Morai der Oamo und der Oberea und zugleich das größte Meisterwerk indianischer Baukunst auf der ganzen Insel war. Dieser Grabbau war ganz von Stein pyramidenförmig auf einem Fundament von 267 Fuß Länge und 87 Fuß Breite in elf Staffeln von 4 Fuß Höhe errichtet. Jede Staffel oder Stufe war aus einer Reihe weißer Korallensteine erbaut, die regelmäßig viereckig gehauen und geglättet waren; die übrigen Teile bestanden aus runden, bearbeiteten, ganz gleichen Kieselsteinen. Einige von den Korallenquadern waren 4½ Fuß lang und 3½ Fuß breit. Unter den gewöhnlichen Felsenquadern fanden wir einen, der 4 Fuß 7 Zoll lang und 2 Fuß 4 Zoll breit war. Ein solches Gebäude, von einem Volke aufgeführt, das weder eiserne Werkzeuge für die Steinhauerarbeiten noch den Mörtel unsrer Mauern kannte und doch so gut und dauerhaft wie die besten unter unsern Baumeistern baute, mußte uns in sprachloses Erstaunen setzen. In der ganzen Gegend entdeckten wir keinen Steinbruch, also mußten die Quadern aus großer Entfernung hergeschafft worden sein. Allein mit welcher Mühe! Zumal da den Eingeborenen unsre Transportmittel, Wagen und Pferde fehlen! Die Korallenblöcke mußten aus der Meerestiefe heraufgeholt werden! Und dann die Bearbeitung und Glättung des rohen Gesteins, die sie nur mit Steinwerkzeugen bemeistern konnten! Eine unglaublich mühsame Arbeit auf alle Fälle. Das Glätten konnte mit dem sehr scharfen Korallensande wohl leichter bewerkstelligt worden sein, aber auch hier fehlt uns der Maßstab für die Berechnung und Bewertung. Mitten auf dem Gipfel dieser veritabeln Pyramide stand ein aus Holz geschnitzter Vogel, neben ihm lag ein aus Stein gehauener Fisch, der aber zerbrochen war. Die ganze Pyramide nahm die Seite eines Platzes ein, der 360 Fuß lang, 354 Fuß breit, im Innern mit flachen, breiten Steinen regelmäßig gepflastert, von einer Steinmauer umgeben und mit Trauerbäumen bepflanzt war. Etwa 300 Schritte von diesem imponierenden Mausoleum entfernt befand sich ein anderer gepflasterter Hof, worin etwa 7 Fuß hohe Gerüste, sogenannte Ewattas, aufgerichtet waren, auf denen die Opfer für die Totengötter dargebracht wurden. Ein schöner Morai wird hier als Maßstab des Ranges betrachtet, und der der Oberea ist ein sehr ins Auge fallender Beweis von der früheren Macht und dem Reichtum dieser Königin.

Als wir am Strande zurückgingen, fanden wir den ganzen Weg mit Menschenknochen dicht besät. Auf unsre Frage erzählte man uns, daß etwa fünf Monate vor unsrer Ankunft das Volk von der südöstlichen Halbinsel, die wir soeben bereist hatten, gelandet sei, eine große Menge der Untertanen Oamos niedergemacht, viele Häuser vernichtet und fast alle Tiere, den Reichtum des Königs, geraubt habe. Die Kinnbacken, die wir gesehen hatten, seien von ihnen als Siegeszeichen mitgenommen worden. Oamo und Oberea seien damals ins Gebirge geflüchtet und halb ruiniert worden. Dieser Überfall erklärte uns auch, warum Oberea nicht mehr so viel Macht und Ansehen besaß wie zu der Zeit, wo Kapitän Wallis hier war. Wir kehrten nach der Residenz der Königin zurück und übernachteten daselbst in voller Ruhe und Sicherheit. Am folgenden Abend kamen wir nach Atahourou, der Residenz unseres Freundes Tootahah, der uns mit vieler Freude beherbergte, und am nächsten Tag, Sonnabend, den 1. Juli, zogen wir wieder in unser Fort zu Matavai ein. Zu unserm Empfang strömten unsre indianischen Freunde herbei, und keiner kam mit leeren Händen.

Wir bereiteten nunmehr unsre Abreise vor. Der Wasservorrat war bereits an Bord und der Proviant wurde energisch ergänzt. In dieser Zeit besuchte uns Oamo mit der Oberea und ihren Kindern Terridiri und Toimata. Letztere war sehr begierig, das Fort zu besichtigen, allein ihr Vater gab es nicht zu. Auch Tearih hatte sich zu dieser Zeit eingestellt. Am 7. rissen unsre Zimmerleute das Tor und die Palisaden des Forts ein und zerkleinerten das Holzwerk zu Brennholz. Tags darauf schleiften wir die Festung. Um Mitternacht desertierten zwei junge Seesoldaten, Clement Webb und Samuel Gibson, im Einverständnis und mit Hilfe der Sippen ihrer jungen indianischen Geliebten, um diese zu heiraten und auf der Insel zurückzubleiben. Die Deserteure wurden mir erst ausgeliefert, als ich den Tootahah, die Königin und andre Häuptlinge mit ihren Frauen als Geiseln an Bord des Schiffes zurückbehielt, worüber sie nicht besonders mißvergnügt schienen. Wir söhnten uns nach diesem Zwischenfall vollständig mit unsern Freunden aus, die einsichtsvoll genug waren mein Verfahren zu begreifen. In dieser Nacht wurde alles, was wir noch an Land hatten, an Bord gebracht.

Unter den Eingeborenen, die fast beständig um uns waren, befand sich Tupia, der zur Zeit der Macht der Oberea ihr erster Minister und der oberste Tahowa oder Oberpriester der Insel war. Er war ein guter Kenner von Land und Leuten, der Religion und der Sitten seiner Heimat. Auch besaß er große Erfahrung in der Schiffahrt seines Landes und eine ungemeine Kenntnis von der Anzahl und der Lage der benachbarten Inseln. Dieser hervorragende Mann kam am 12. mit seinem Diener Tayeto, einem dreizehnjährigen Knaben, an Bord und bat uns inständig, ihn auf unsre Reise mitzunehmen. Zu unserm Glücke wurde das Anliegen einstimmig angenommen. Indessen fand sich, daß das Holz unserer Buganker von Würmern zerfressen war und ersetzt werden mußte. Tupia machte sich diesen kurzen Aufschub zunutze; er ging noch einmal an Land und nahm ein Porträt Banks', um es seinen Freunden zu zeigen, und verschiedene Kleinigkeiten als Andenken für diese mit. Wir besuchten nochmals Tootahah, bei dem wir die Oberea und unsern Freund Tupia fanden, der in dieser Nacht zum erstenmal an Bord schlief.

Am folgenden Morgen, Donnerstag, den 13. Juli 1769, wurde das Schiff sehr früh von unsern sämtlichen Freunden besucht und von einer Menge Kähne umringt, die von Eingeborenen niedern Standes dicht besetzt waren. Zwischen 11 und 12 Uhr lichteten wir die Anker. Sobald das Schiff unter Segel war, nahmen die an Bord befindlichen Häuptlinge und ihre Frauen rührenden Abschied von uns, wobei es nicht ohne Tränen abging. Auch das Volk in den Kähnen klagte laut. Tupia bewies bei diesem rührenden Auftritt eine wahrhaft bewundernswerte Standhaftigkeit und Entschlossenheit, trotz der Tränen, die er vergoß. Er machte der Lieblingsfrau Tootahahs, der Potomai, zum Abschied noch ein Hemd zum Geschenk; dann stieg er mit Banks in den Mastkorb, von wo er seinen scheidenden Freunden seine letzten Grüße zuwinkte. So nahmen wir nach dreimonatigem Aufenthalt Abschied von den gastlichen Gestaden der schönen Insel und unsern lieben Freunden, mit denen wir in letzter Zeit ziemlich handeln mußten, weil sie unsre Nägel im Kurs stark herabgesetzt hatten. Durch den Diebstahl der Nägel seitens eines Teiles der Bemannung waren die Insulanerinnen in der Lage, die Nägel viel leichter als durch den Verkauf von Lebensmitteln zu erwerben. Zuletzt mußten wir für ein Milchschwein von zehn Pfund ein Beil bezahlen, ein Umstand, der unsre Abreise wesentlich beschleunigte.

In allen Ländern hält man die Mädchen und Jungfrauen von Dingen fern, die sich auf den Verkehr mit dem andern Geschlechte beziehen. Hier findet das gerade Gegenteil statt. Unter andern Lustbarkeiten hat man auf Otahiti einen von jungen Mädchen zu tanzenden Tanz, den Timorodi, der in Gebärden und in Bewegungen besteht, die höchst unzüchtig sind, und der ihnen in frühester Jugend eingeübt wird. Während dieses Tanzes, mit dem wir oft empfangen wurden, stoßen sie die unanständigsten Worte aus. Allein das, was den Mädchen erlaubt ist, ist den verheirateten Frauen durch die Sitte streng verboten. Nach allem bisher Gesagten ist es klar, daß unter ihnen die Keuschheit nicht sehr hoch geschätzt wird. Doch alle Vorstellungen, die man sich darüber machen kann, sind nicht hinreichend, die Ausschweifungen dieses Volkes in ihrem ganzen Umfang zu charakterisieren. Denn es gibt hier einen Grad von ausgelassener Üppigkeit, den kein andres Volk je erreicht hat. Eine große Anzahl der vornehmsten Leute in Otahiti gehören einer Geheimgesellschaft an, in der der Weiberkommunismus herrscht. Diese Gesellschaften werden die Arreoys genannt. Hier tanzen die Frauen den Timorodi mit mänadenhafter Üppigkeit. Die Folgen dieser Orgien werden durch Mord beseitigt, und in dieser Gesellschaft ist der Name »Mutter« ein Schimpfwort. Wir haben verschiedene Mitglieder der Gesellschaft befragt. Sie waren weit davon entfernt, ihre Mitgliedschaft als Schande zu betrachten. Im Gegenteil, sie rühmten sich ihrer und bekannten, daß sie noch immer Mitglieder wären, und daß sie verschiedene Kindsmorde begangen hätten.

Die Ehe ist denn auch hier, wie uns schien, weiter nichts als ein Vertrag zwischen einem Mann und einem Weibe, mit dem der Priester nichts zu tun hat. Wenn dieser Vertrag einmal geschlossen ist, so pflegt er von beiden Seiten gehalten zu werden, doch trennen sich oft die Parteien mit beiderseitiger Einwilligung, und alsdann wird die Ehe so leicht aufgehoben wie sie geschlossen wurde. Kein Wunder, daß Vater und Mutter die Tochter, der Bruder die Schwester, der Mann das Weib aus Gastfreundschaft und um einen Nagel prostituierte. Sowenig auch die Frauen der Eingeborenen vor uns mit Europäern Umgang hatten, so war dieser doch hinreichend, auch über die Insulaner jene fürchterliche Krankheit, die Lustseuche, zu bringen, durch die die von den Spaniern in Amerika verübten Grausamkeiten gerächt worden sind. Da es erwiesen ist, daß außer mir nur Kapitän Wallis und Herr von Bougainville hierher gekommen sind, und da Kapitän Wallis aus seinen Schiffspapieren bewiesen hat, daß keiner seiner Leute krank war, ich aber bei meiner Ankunft fand, daß diese Pest auf der Insel die fürchterlichsten Verheerungen angerichtet hat, so steht fest, daß sie von den Leuten Bougainvilles eingeschleppt worden ist. Einer von unsern Leuten wurde angesteckt. Dies gab uns Veranlassung, unter den Eingeborenen Nachforschungen anzustellen, und sie erzählten uns, daß die »Fäulnisseuche«, wie sie sie nannten, von jenen Schiffen eingeschleppt worden sei, die fünfzehn Monate vor uns auf der östlichen Seite der Insel vor Anker gelegen hatten, also von den beiden Schiffen des Herrn von Bougainville. Zum Troste fanden wir, daß die Eingeborenen Heilkräuter dagegen entdeckt hatten. Hätten wir ihre Sprache besser verstanden und ihre Heilmittel wider diese Seuche erfahren können, so wären wir ihnen sehr dankbar gewesen, denn als wir die Insel verließen, fand sich, daß mehr als die Hälfte des Schiffsvolks von diesem Übel angesteckt war.

Indianer vom Feuerland in ihrer Hütte. Nach einem alten Stiche.

Das Volk ist schön gewachsen. Die Männer sind groß, stark, von schönem Gliederbau und durchaus ansehnliche, stattliche Leute. Der größte, den wir sahen, Huaheina, maß 6 Fuß, 4½ Zoll. Die Frauen von Stand sind über europäisches Mittelmaß groß und ausnehmend schön gewachsen. Die Frauen aus dem Volke sind etwas kleiner, was von ihrem frühen Geschlechtsverkehr herrühren mag. Denn außer diesem Umstand wüßte ich nichts, was sie von den vornehmen Frauen unterscheiden sollte und zugleich dem Wachstum so nachteilig wäre wie dieser. Die Hautfarbe ist von heller Oliven- oder Brünettentönung, die viele Europäer dem schönsten Weiß vorziehen. Bei den Leuten, die mehr dem Wind und der Sonne ausgesetzt sind, ist sie natürlich dunkler. Die vornehmen Frauen haben eine ungemein glatte, samtweiche Haut, ihre Gesichtszüge sind wohlgebildet, nur ist die Nase meist etwas flach. Dagegen sind ihre Augen voller Ausdruck, bald glühen sie wie Feuer, bald sind sie zärtlich schmachtend. Die Zähne sind fast ohne Ausnahme ungemein schön, ebenmäßig und glänzend weiß. Der Atem ist rein und von allen unangenehmen Gerüchen frei. Die Haare sind durchgehends glänzend schwarz und nur etwas grob. Die Männer tragen Bärte, von denen sie meist die Wangenhaare ausrupfen. Beide Geschlechter entfernen auch die Haare der Achselhöhle mit den Wurzeln und hielten es für unreinlich, daß wir es nicht ebenso machten. In ihren Bewegungen bemerkt man zugleich Stärke und Elastizität; ihr Gang ist angenehm, ihre Gesten sind edel, und ihr Betragen gegen Fremde und gegeneinander ist höflich und zuvorkommend. Ihrer Gemütsart nach sind sie ritterlich, tapfer, offenherzig, freimütig und ohne Argwohn, Falschheit, Hinterlist, Grausamkeit und Rachsucht. Deshalb setzten wir auch das Vertrauen in sie, das man in seine besten Freunde setzt. Viele von uns, so Herr Banks insbesondere, schliefen allein mit ihnen mitten im Walde und waren folglich ganz in ihrer Gewalt. Dagegen waren sie insgesamt diebisch und ausschweifend. Auch trafen wir mehrere Albinos unter ihnen.

In den meisten Ländern pflegen die Männer ihre Haare zu schneiden und die Frauen ihr Haar lang zu tragen. In Otahiti ist es umgekehrt, denn hier schneiden die Frauen ihr Haar kurz, während es die Männer mit Ausnahme der Fischer in großen Locken über die Schulter wallen lassen oder in Buschform aufknüpfen. Da sie keine Kämme haben und ihr Haar mit Kokosnußöl fetten, so können sie ihren Kopf auch nicht rein von Ungeziefer halten. Die Kinder und die gemeinen Leute machen es wie die Affen, sie speisen ihr Ungeziefer auf. Diese häßliche Gewohnheit widerspricht ihren Vorzügen einer peinlichen Reinlichkeit, denn sie baden und waschen sich oft und gern. Unsre Freunde, denen wir Kämme schenkten, reinigten sich das Kopfhaar so eifrig und sorgfältig, daß man wohl bemerken konnte, wie unangenehm und ekelhaft ihnen dieses Parasitentum war.

Auch pflegen sie insgesamt ihren Körper trotz der Schmerzhaftigkeit der Operation mit einer gezähnten, aus einer scharfen Muschel hergestellten Klinge zu tätowieren, und zwar mit Bildern, Zeichen, Halbmonden usw. je nach dem Rang und dem ortsüblichen Geschmack. Hauptsächlich werden die Gesäßteile vom Schenkel bis zu den Rippen hinauf mit dunkelschwarzen Tätowierungen, Figuren und Bogenlinien überladen, worauf Männer wie Frauen so stolz sind, daß sie sie mit demselben Vergnügen zeigen, wie wir etwa eine Gemäldesammlung. Nur das Gesicht bleibt frei. Herr Banks wohnte einmal einer solchen Operation bei: es handelte sich um ein dreizehnjähriges Mädchen, dem ein Gesäßteil tätowiert werden sollte. Das bei dieser Operation gebrauchte Instrument hatte dreißig Zähne. Auf jeden Schlag auf das Instrument, deren in einer Minute wenigstens hundert getan wurden, kam eine wässerige Feuchtigkeit, die mit Blut gefärbt war, auf der Haut zum Vorschein. Das Mädchen hielt die Qualen mit stoischer Tapferkeit ungefähr eine Viertelstunde aus, dann aber überwältigten sie die Schmerzen. Sie begann sich zu sträuben, weinte und flehte ihre Peiniger um Erbarmen an. Zwei Weiber hielten die Ärmste fest, liebkosten, schalten und schlugen sie, um sie willfährig zu machen. Banks wartete eine Stunde; als er sich entfernte, war die Tätowierung nicht einmal in ihrem schmerzlichsten Teil vollendet.

Die Insulaner verfertigen den Stoff zu ihrer Kleidung hauptsächlich aus der Rinde des chinesischen Papiermaulbeerbaums, des Brotbaums und einer Feigenart. Sie färben ihn scharlachrot und gelb; ihre rote Farbe, die sie aus der Frucht der Matefeige und den Blättern der Cordia pressen, ist glänzender und feiner als die, die wir in Europa haben. Aus der Rinde des Poerou verfertigen sie die feinen Mattengewebe, die sie bei Regenwetter tragen, dem ihre Tuchkleider nicht standhalten. Die Kleidung der Frauen von Rang besteht aus dem Parou, der 6 Fuß breit und 33 Fuß lang ist und den sie rockähnlich um den Unterleib wickeln; ferner aus der Tebuta, die dem Poncho der Südamerikaner ähnelt, und aus einem Gürtel. Die Kleidung der Männer ist die nämliche: nur tragen sie den Parou nicht als Rock, sondern als Hose, die sie Maro nennen. Während der heißen Jahreszeit gehen sie fast ganz nackt. Die Frauen aus dem Volke tragen dann nur einen dünnen Unterrock, die Männer nichts als ein Lendentuch. Auch die Frauen von Stand legen alles, was sie am Oberkörper tragen, in Gesellschaft und zu Hause so gleichgültig weg, wie unsre Damen ihren Hut und ihren Mantel ablegen. Auch die Häuptlinge trugen vielfach nichts weiter als einen Lendenwulst, der allerdings aus so viel Tuch zusammengewickelt war, daß man bequem ein Dutzend Personen damit kleiden könnte. Die Kinder pflegen ganz nackt zu gehen, die Mädchen bis zum vierten Jahre, die Knaben bis zum siebenten. Männer wie Frauen tragen kleine Muscheln, Beeren, rote Erbsen, kleine Perlen und Glaskorallen als Ohrringe, aber nur an einem Ohr, und als Haarschmuck Blumen und schöne Federn. Die vornehmen Frauen tragen zum Schutze gegen die Glut der Tropensonne kleine Mützen und den Tomou, einen aus Haaren gewebten Turban, der aufgewickelt über eine englische Meile lang ist. Herr Banks kaufte einen Tomou von dieser Länge, der nicht einen Knoten aufwies, so kunstvoll war das Gewebe. Die gütige Natur, die hier so fruchtbar ist, daß diesem glücklichen Völkchen der biblische Fluch: »du sollst dein Brot im Schweiße deines Angesichts verdienen!« nicht gilt, gewährt jeder Frau zu dieser Webarbeit reichlich Zeit.

Es berührte uns sehr eigentümlich, daß dieses gesellige, üppige Völkchen bei seinen Mahlzeiten die Geschlechter scheidet. Stets speisen die Männer und die Frauen gesondert, auch in der Familie. »Wir essen allein, weil es sich so schickt!« sagten sie, wenn wir nach dem Grunde fragten, und sie gaben ihrem Ekel darüber Ausdruck, daß wir mit unsern Frauen zusammen speisen würden. Wenn einer von uns mit einem Mädchen allein war und sie einlud mit ihm zu speisen, dann tat sie uns zwar den Gefallen, wir mußten ihr aber schwören, nichts darüber verlauten zu lassen, denn wenn dieser Verstoß gegen die gute Sitte ruchbar würde, wäre es um ihren Ruf geschehen. Wenn wir zufällig einmal in einem Hause den Korb anrührten, worin sich die für die Frauen des Hauses bestimmten Speisen befanden, so konnten wir sicher sein, daß von den ältern Weibern die Speisen mit dem Korbe weggeworfen wurden.

Ich kann den Bericht über das häusliche Leben dieses Völkchens nicht schließen, ohne seiner persönlichen Reinlichkeit rühmend zu gedenken. Männer, Frauen, Knaben und Mädchen baden tagtäglich dreimal in fließendem Wasser: einmal am Morgen, dann zu Mittag und schließlich am Abend, bevor sie zur Ruhe gehen, einerlei ob der Fluß und die See in der Nähe sind oder ob sie meilenweit zu gehen haben. Auch waschen sie Mund und Hände fast nach jedem Bissen, ebenso reinlich halten sie ihre Kleidung. Ich glaube, daß man dieses Lob nicht einmal den vornehmsten Gesellschaftsklassen in Europa erteilen kann.

Über die Religion unserer braunen Freunde konnten wir nur wenig erfahren. Was wir sahen, war in mystische Gebräuche gehüllt und durch handgreifliche Widersprüche verwirrt, wie in andern Religionen ja auch. Der Umstand, daß auf Otahiti wie in China die gottesdienstliche Sprache von der Landessprache abweicht, erschwerte uns das Eindringen in dieses Mysterium ganz bedeutend. Tupia gab sich zwar viele Mühe uns zu unterrichten, weil er dies aber in seiner Priestersprache tat, von der wir nichts verstanden, so erfuhren wir nur sehr wenig. Wie alle Menschen von primitiven Religionsbegriffen glauben auch die Eingeborenen von Otahiti, daß die Welt auf dem Wege der Zeugung — von der die Existenz zweier Personen von verschiedenem Geschlecht unzertrennlich ist — erschaffen worden sei. Die höchste Gottheit nennen sie Taroathaihetumuh; die zweite, die weibliche, die ihrem Wahne nach ein Felsen gewesen ist, Tepapa. Eine Tochter beider war Tettowmatayo oder das Jahr, denn so pflegen sie auch die dreizehn Monde ihres Jahres zu benennen. Diese Tochter zeugte mit ihrem Vater die Monate, und die Monate paarten sich und zeugten die Tage. Die Sterne sind teils unmittelbare Abkömmlinge des ersten Paares, teils haben sie sich untereinander selbst fortgepflanzt. Eine ähnliche Anschauung haben sie von der Entstehung der verschiedenen Gattungen der Pflanzen. Zu den Abkömmlingen Taroathaihetumuhs und der Tepapa zählen sie auch das zahlreiche Geschlecht ihrer Untergötter, die Eatuas. Zwei von diesen waren die Eltern des ersten Menschen, der in Kugelform geboren wurde und den seine Mutter zu seiner jetzigen Gestalt reckte und streckte und Eothe, d. i. »Vollendet« nannte. Eothe zeugte mit seiner eigenen Mutter eine Tochter und mit dieser einen Sohn und mehrere Töchter, mit denen Eothes Sohn die Welt bevölkerte. Taroathaihetumuh zeugte mit der Tepapa auch einen Sohn, den Tane, zu dem die Insulaner, die den obersten Gott »den Urheber der Erdbeben« nennen, am liebsten beten, weil sie glauben, daß Tane der hervorragendste Sachwalter der Menschen im Himmel sei.

Die Untergötter, die Eatuas, sind sehr zahlreich und männlichen und weiblichen Geschlechts. Die männlichen Eatuas werden von den Männern des Volkes, die weiblichen von den Frauen verehrt. Männer und Frauen haben an den Morais ihre besondern Altäre für ihre speziellen Götter. Es gibt nur männliche Priester, doch hat jedes Geschlecht seine eigenen, denn die, die das Amt speziell zur Anbetung der Geschlechtseatuas für das eine Geschlecht versehen, dürfen es für das andere nicht verwalten.

Man glaubt in Otahiti an die Unsterblichkeit der Seele, an ein ewiges Leben nach dem Tode und daran, daß es zwei Orte und verschiedene Abstufungen der Glückseligkeit gibt, was sich mit unsern Begriffen von Himmel und Hölle in etwas deckt. Den obersten Himmel heißen sie Tavirua l'erai; er ist für ihre Herrscher und ihre Vornehmen, der zweite Himmel, der Tiahobuh, ist für das gewöhnliche Volk bestimmt. Sie glauben indes nicht im entferntesten, daß ihre Handlungen in diesem Leben nach dem Tode von ihren Göttern »gewogen und zu leicht befunden würden«, sie sind vielmehr der Meinung, daß ihre Götter mehr zu tun hätten, als sich um die irdischen Handlungen jedes einzelnen von ihnen zu bekümmern. Ihre Religion hat demgemäß keinen Einfluß auf ihre Sitten, aber sie ist dafür auch frei von jedem Eigennutz. Sie beten nicht, auf daß es ihnen auf Erden wohl ergehe, sondern ihre Ehrfurcht vor dem Höchsten entsteht aus dem Bewußtsein ihrer eigenen Niedrigkeit im Vergleich mit der unaussprechlichen und unfaßbaren Erhabenheit der göttlichen Vollkommenheit. Götzen hatten sie nicht; auch der Fetischdienst war ihnen fremd.

Die priesterliche oder Tahowa-Würde ist erblich. Es gibt viele und verschiedenartige Priester, doch ist der Oberpriester gewöhnlich der jüngere Sohn einer sehr vornehmen Familie und dem Range nach die nächste Person nach dem Könige. Der größte Teil der Gebildeten besteht aus den Priestern. Aber die Bildung beschränkt sich auf das Wissen und die Kenntnis der zahlreichen Eatuas und ihres Kultes, sowie der mündlichen Traditionen des Priestertums, die in Weisheitssprüchen festgehalten und in unglaublicher Menge vorhanden sind. Die vornehmeren Priester sind zugleich Ärzte, Astronomen und Schiffahrtskundige. In der Tat bedeutet der Name Tahowa eigentlich nur einen Mann von Wissen und Einsicht. Da nun jeder Stand seine Priester hat, so verwenden die Vornehmen niemals einen Tahowa von der Klasse des gemeinen Volkes, und umgekehrt wird ein Priester der höheren Stände niemals für andere als für seine Standesgenossen zu haben sein.

Mit der Arzneikunst der Priester ist es allerdings nicht weit her; sie besteht hauptsächlich in (Gesund-) Beten. Wenn der Priester seine Kranken besucht, so sagt er gewisse für diese Zwecke verfaßte Gebete her, wickelt die Finger und Zehen des Kranken mit Kokosnußfasern ein, gibt ihm den heilbringenden Zweig irgendeines Strauches in die Hand und kommt und betet so lange, bis der Kranke entweder genesen oder gestorben ist. Ist er gesund geworden, dann hat die »Arznei« geholfen; ist er gestorben, dann ist die Krankheit eben unheilbar gewesen. Was meinen die Leser: ist in dieser Hinsicht das Völkchen von Otahiti wirklich von den europäischen Völkern so sehr verschieden?