Neuntes Kapitel.

Neuseeländische Sitten. — Die Ursache des Kannibalismus. — Gastfreundliche Prostitution. — Zeitehen. — Abscheuliche Tänze. — Die Frauen. — Die Religion.

Am 14. befanden wir uns dem Schneegebirge gegenüber; am 16. entdeckten wir eine größere Insel, der ich Banks' Namen gab; am 25. segelten wir bei heftigem Nordnordostwind an einem Kap vorüber, dem Kap Saunders; am 4. März erblickten wir einige Walfische; am 10. März endlich befanden wir uns an der südlichsten Spitze von Neuseeland, die ich das Südkap taufte. Von hier steuerte ich nach Westen.

Das westliche Kap lag in einer Breite von 45 Gr. 54 Min. und in einer Länge von 193 Gr. 17 Min. Wir hatten hier die Nacht über beigelegt und gingen um 4 Uhr des Morgens mit einem gelinden Südsüdostwind nach Norden hin wieder unter Segel. Man kann sich unmöglich eine rauhere, schroffere und ödere Gegend vorstellen als das felsige Land, das sich während dieser ganzen Fahrt nordwärts unsern Blicken bot. Endlich erreichten wir die Insel, die ich bei der Einfahrt in den Königin-Charlotten-Sund erblickt hatte; wir hatten also das ganze Land umschifft. Nun war der große Tag des Abschieds gekommen. Wir beschlossen über Neuholland (Australien) und Ostindien nach England zurückzukehren. In dieser Absicht gingen wir am 31. März 1770 bei Tagesanbruch unter Segel.

Abel Jansen Tasman hat Neuseeland am 13. Dezember 1643 zuerst entdeckt. Weil er aber in der Bai, der er den Namen Mörderbai gab, von den Eingeborenen angegriffen wurde, so ging er nicht ans Land. Man weiß jetzt, daß dieses Land, das man vielfach für den Teil eines südlichen festen Landes gehalten hatte, aus zwei großen Inseln besteht, die durch eine 4–5 Seemeilen breite Straße voneinander getrennt sind. Die nördliche dieser Inseln wird von den Eingeborenen Eaheinomauwe, die südliche Tavai Poenammoo genannt. Die Neuseeländer sind ungewöhnlich groß, kräftig, muskulös, ungemein tätig und rührig, und nicht so fett und träge wie die üppigen Bewohner der Südsee-Inseln. Die Frauen haben fast männliche Gesichtszüge; allein um so sanfter und lieblicher ist ihre Stimme, an der man sie erkennt, denn die beiden Geschlechter tragen dieselbe Tracht. Männer und Frauen sind sanftmütig und höflich; sie verkehren miteinander auf das zärtlichste und liebreichste. Gegen ihre Feinde jedoch sind sie grausam und unversöhnlich.

Das Hauptnahrungsmittel der Neuseeländer sind Seefische. Der Hunger treibt die Stämme aus dem Innern des Landes an die Küste, deren Bewohner also gezwungen sind, fortwährend um ihre älteren Besitzrechte zu kämpfen. Daher die befestigten Dörfer an der Küste, daher der Kannibalismus. Der Hunger war es, der den Sieger zwang, den Leichnam des Erschlagenen zu verspeisen; und die Rachsucht ist es, die den Satten veranlaßt, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Auf diese Weise hat sich unter den Neuseeländern der Gebrauch eingebürgert Menschenfleisch zu essen. Der Hunger ist hier tatsächlich die Ursache aller Greuel, die Ursache, daß ein an sich sanftmütiges Volk nicht nur dem Kannibalismus huldigt, sondern auch dem Kriege ergeben und geneigt ist, jeden Fremden für seinen Feind anzusehen. So waren die Neuseeländer auch stets bereit uns anzugreifen, doch beugten sie sich fatalistisch unsrer Überlegenheit. Als sie aber erkannten, daß wir unsre Macht nicht mißbrauchten, da wurden sie unsre ergebenen Diener und Freunde.

Die Schamlosigkeit unserer Freunde auf Otahiti in ihrer ganzen naiven Verderbtheit ist den Neuseeländern fremd. Diese beobachten in ihren Gesprächen und Handlungen ebensoviel Wohlanstand, als man unter den gesitteten Völkern antreffen kann. Die ziemlich üppigen, buhlerischen und sehr koketten Neuseeländerinnen waren weder spröde noch unerbittlich, allein sie knüpften an ihre Gunst die Bedingung der Abschließung einer sogenannten Zeitehe. Dieser Vertrag war unerläßlich. Wenn irgendeiner von unsern Leuten einem jungen Mädchen einen Antrag machte, so machte sie ihn darauf aufmerksam, daß er die Einwilligung ihrer Eltern einholen müsse und ihnen das übliche Geschenk zu bringen habe. Diese Ehe auf ein paar Stunden oder Tage wurde von den jungen Frauen für so ernst und heilig genommen wie jede wirkliche Ehe. Einer von unsern Reisenden wandte sich an einen Häuptling wegen einer seiner Töchter und erhielt folgenden Bescheid: »Ein jedes von unsern jungen Mädchen wird es sich zur Ehre anrechnen, daß Sie sich die Mühe geben um sie anzuhalten. Sie müssen mir aber zuvor ein anständiges Geschenk machen und alsdann kommen und bei uns am Lande übernachten, denn das Sonnenlicht darf ja nicht Zeuge von dem sein, was zwischen Ihnen beiden vorgeht.«

Die Neuseeländer baden des viel kälteren Klimas wegen nicht so häufig wie die Tahitiindianer. Das Ekelhafteste an ihnen ist jedoch das ranzige Fischöl, mit dem sie ihr Haar einfetten. Dadurch riechen sie so übel wie die Hottentotten. Auch sind ihre Köpfe, obschon sie sich Kämme zu machen verstehen, nicht rein von Ungeziefer. Die Männer tragen den Bart kurz; das Haupthaar binden sie auf dem Kopfwirbel zusammen und verzieren es mit Federn. Die Frauen tragen meist das Haar lang und lassen es frei über die Schulter hängen. Auch verunstalten sich Männer und Frauen mit Tätowierungen und einer greulichen Schminke, dem Bergrot, womit sie Gesicht und Körper reichlich bemalen.

Die Frauen sind weniger eitel auf ihre Kleider als die Männer; aber im Gegensatz zu den Frauen auf Otahiti legen sie ihre Kleider nur dann ab, wenn sie baden oder ins Wasser gehen, um Krebse zu fangen, wobei sie Sorge tragen, von keinem Manne überrascht zu werden. Einige von uns landeten eines Tages auf einer kleinen Insel in der Toloyabai und überraschten zufälligerweise verschiedene Frauen und Mädchen beim Krebsfang. Aber die keusche Diana war gewiß nicht verschämter, als sie den neugierigen Aktäon erblickte, als die braunen Nymphen bei unsrer Annäherung. Ein Teil der Gesellschaft versteckte sich zwischen den Klippen, die übrigen duckten sich so lange ins Wasser, bis sie sich aus Seetang eine Art Schürze gemacht hatten. Als sie mit dieser Hülle dem Walde zu flüchteten, geschah es mit allen Zeichen holder Verwirrung und Schamhaftigkeit.

Der Kriegstanz der Neuseeländer besteht aus vielen heftigen Bewegungen und aus abscheulichen Verdrehungen des Körpers und der Glieder. Auch das Gesicht, das scheußlich verzerrt wird, spielt eine abschreckende Rolle. Die Zunge wird oft unglaublich lang herausgestreckt; die Augenlider werden so verzogen, daß das Weiße im Auge sichtbar wird. Kurzum, sie machen alles, um schrecklich, wild und furchtbar auszusehen. Dabei schwenken sie die Lanze, schütteln die Wurfspieße und hauen mit dem Pätuh-Pätuh wie besessen in der Luft herum. Der Kriegsgesang, den sie bei diesem gräßlichen Tanz anstimmen, ist zwar wild, aber doch nicht unangenehm. Jeder Vers wird mit einem lauten, seufzerähnlichen Gestöhne beendet, dessen Wirkung auf die Nerven dem Zweck des Angstmachens entsprechend ist. So abscheulich aber auch bei diesem Tanze die Gliederverrenkungen und die scheußlichen Drehungen des Körpers sein mochten, so sehr begeisterte uns der Umstand, daß alles dabei klappte und daß keiner unter den Tänzern aus dem Takte fiel. Wenn sie den Kriegstanz mit dem Ruder begleiteten, d. h. wenn oft hundert Ruderer mit ihrem Ruder gegen die Bootswand schlugen, so klang es wie ein Schlag. Ich habe nie gehört, daß irgendeiner vor- oder nachschlug. Genau so abgemessen waren auch die groteskesten Episoden des Tanzes selbst.

Die Lieder der Frauen, deren weiche, biegsame, melodische Stimmen uns auffielen, sind rührend sentimental und voll rhythmischer Schönheiten, aber unsagbar wehmütig und ergreifend innig. Wir waren in der Tat überrascht, unter den armen Wilden dieses öden Landes einen solchen Reichtum an Tönen, an Melodien zu finden, deren Gemütstiefe und Ausdrucksschönheit an die schönsten Volkslieder unsrer Heimat erinnert; sie atmen Schmerz und Trauer!...

Ich will noch erwähnen, daß die Neuseeländer die Schädel ihrer erschlagenen und aufgespeisten Gegner zu schauderhaften Schmuckgegenständen verzieren; sie setzen ihnen falsche Augen ein, präparieren den Haarboden derart, daß die Haare nicht ausfallen, und schmücken sie mit Ohrgehäng.

Es scheint, daß die Frauen auf Neuseeland weniger geachtet sind als die Frauen auf Otahiti. Wenigstens sagte es Tupia, und er äußerte sich darüber sehr mißbilligend. Näheres konnten wir nicht ermitteln. Wir sahen Männer und Frauen zusammen speisen, sahen die Frauen fischen, weben und kochen. Das war alles. Wie also Tupia zu seinem Urteil kam, wurde uns nicht recht verständlich. Auch über die Religion der Neuseeländer erfuhren wir nicht viel. Sie glauben an einen höchsten Gott und an Untergötter; von der Entstehung der Welt und der Schöpfung des ersten Menschen haben sie dieselbe Meinung wie die Eingeborenen von Otahiti. Doch schien Tupia in seiner Religion aufgeklärter und entwickelter zu sein. Er predigte den Neuseeländern wiederholt, und es fehlte ihm nie an Zuhörern, die ihm so ehrerbietig und aufmerksam zuhörten, daß wir ihnen herzlich gern einen bessern Lehrer gewünscht hätten. Sonst erfuhren wir nichts davon, wie sie ihre Götter ehrten; auch entdeckten wir keine Morais. Ebensowenig erfuhren wir Näheres über die Art der Bestattung ihrer Toten. Im Norden sagte man uns, man begrabe die Toten; im Süden, man werfe sie ins Meer. So viel aber ist gewiß, daß wir nirgends ein Grab entdecken konnten, und daß die Neuseeländer alles, was ihre Toten betraf, mit dem größten Geheimnis umgaben. Nur die Körper der Überlebenden zeugten von einem Totenkult. Denn wir entdeckten fast an allen Männern und Frauen jene tiefen Narben, die von den Wunden herrührten, die sie sich aus Trauer über den Tod ihrer Verwandten beigebracht hatten. Wir fanden diese Trauerwunden noch frisch, waren sogar Zeugen davon, wie sich eine Trauernde Arme, Beine und Busen verwundete; ein Leichenbegängnis indessen bekamen wir merkwürdigerweise nicht zu sehen.

Gewisse Ähnlichkeiten zwischen der Sprache von Neuseeland und der von Otahiti lassen darauf schließen, daß beide Völker von ein und demselben Urvolk abstammen. Beide Völker haben auch eine gemeinsame Sage, nach der ihre Ahnen vor langen Jahren aus einem Lande, das beide Hiwije nennen, eingewandert sind. Auch konnte sich Tupia überall verständlich machen. Die Verwandtschaft wird noch größer, wenn wir die Ähnlichkeit der Sprache berücksichtigen; so haben die Neuseeländer und die Otahiti-Insulaner dasselbe Wort für die meisten Begriffe. Bei beiden heißt z. B. Taata: Mann; Eupo: der Kopf; Erai: die Stirn; Mata: die Augen, usw. usw. Uns schien jedoch aus verschiedenen Ursachen die Annahme, daß die gemeinsamen Stammeltern der beiden Inselvölker etwa aus Amerika gekommen wären, nicht berechtigt zu sein.

Unsre Entdeckungsfahrt hat den Beweis dafür erbracht, daß sich im Süden von Ozeanien kein festes Land befindet. Es kann keinen großen südlichen Weltteil geben. Hingegen gibt es noch eine Menge unbekannter Inseln, die bisher von keinem europäischen Schiffe besucht worden sind...