Zehntes Kapitel.
Entdeckung der australischen Ostküste. — Die Macht der Feuerwaffen. — In der Botanybai. — Gefährliche Havarie. — Wir retten das Schiff.
Am 28. März erblickten wir Land[6]. In der Nacht segelten wir der Küste entlang nach Norden. Sobald der Tag anbrach, sahen wir eine Bai. Da sie gegen Winde geschützt zu sein schien, so nahm ich mir vor, mit dem Schiff einzulaufen. Wir kamen denn auch etwa zwei Seemeilen von der Einfahrt in sechs Klaftern Wasser vor Anker. An dieser Stelle hatten wir die südliche Landspitze der Bai im Südosten und die nördliche im Osten. Während der Einfahrt hatten wir daselbst einige Hütten und eine Anzahl Eingeborene gesehen; unter der südlichen Landspitze bemerkten wir vier kleine Kähne mit je einem Mann an Bord. Die vier waren mit der Fischjagd beschäftigt und so eifrig bei der Arbeit, daß sie uns nicht bemerkten, obwohl wir in einer Entfernung von kaum einer englischen Viertelmeile an ihnen vorübersegelten.
Der Ankerplatz des Schiffes lag einem kleinen, ungefähr aus acht Hütten bestehenden Dorfe gegenüber. Als wir das Boot freimachten, sahen wir eine alte Frau in Begleitung von drei Kindern aus dem Gehölze kommen. Sie trug eine Ladung Brennholz. Am Dorfe kamen ihr noch drei Kinder entgegen. Während sie im Freien Feuer anmachte und mit den Vorbereitungen zur Herrichtung eines Mahles beschäftigt war, blickte sie zwar oft nach dem Schiffe aus, schien aber völlig unbesorgt zu sein. Unterdessen kamen auch die Fischer mit ihren Kähnen zurück, landeten, zogen ihre Kähne an das Land und kochten sich ihr Essen. Von uns nahmen sie kaum Notiz. Die vier Männer gingen wie die Kinder völlig nackt; selbst die Frau trug nicht einmal ein — Feigenblatt. Um die Mittagszeit ließ ich die Boote bemannen, und wir ruderten direkt nach dem Dorfe hin, überzeugt, daß uns die Wilden, die unsre Anwesenheit so gleichgültig ließ, die Landung nicht streitig machen würden. In dieser Erwartung sahen wir uns getäuscht; denn kaum waren wir in der Nähe der Felsen, als zwei von den Männern, die mit langen Lanzen und Keulen bewaffnet waren, herankamen, uns in ihrer rauhen, übeltönenden Sprache die Landung verboten und entschlossen Vorbereitungen zur Verteidigung ihrer Küste trafen. Ich bewunderte ihren Mut und versuchte sie durch Zeichen und kleine Geschenke freundlicher zu stimmen.
Die Wilden hoben zwar die Nägel und Glaskorallen, die ich ihnen zuwarf, mit Vergnügen auf, widersetzten sich aber ebenso energisch unsrer Landung. Ich feuerte einen Schreckschuß gegen sie ab. Allein sie begannen daraufhin Steine gegen uns zu schleudern. Wir feuerten sodann einen Schrotschuß ab, der den einen von ihnen in die Beine traf; er rannte sofort nach einer der Hütten. Wir stiegen unterdessen ans Land. Kaum waren wir aus dem Boote, als der Verwundete mit seinem Schilde zurückkam und mit seinem jüngern Gefährten ein paar Lanzen gegen uns schleuderte, die zum Glück niemand verwundeten. Ich ließ einen zweiten Schrotschuß gegen die tapfern Burschen abfeuern, worauf sie dann flüchteten. Da Herr Banks von vergifteten Waffen sprach, so hielt ich es nicht für ratsam, die beiden in den Wald verfolgen zu lassen. Wir gingen aber nach den Hütten hin und fanden in einer von ihnen die Kinder hinter Schilden und Baumrinden versteckt. Wir begnügten uns jedoch damit, einige verstohlene Blicke auf sie zu werfen und die Knirpse in dem Wahn zu lassen, als hätten wir sie nicht bemerkt. Beim Weggehen legten wir Bänder, Glaskorallen, kleine Stücke Tuch und andre Geschenke hin, nahmen aber sämtliche Lanzen, etwa fünfzig an der Zahl, als Siegesbeute mit. Die Lanzen waren sechs bis fünfzehn Fuß lang und hatten gleich einer Fischgabel vier Zinken. Als wir die Kähne untersuchten, fanden wir, daß sie von allen, die wir bisher untersucht hatten, die primitivsten waren und aus Baumrinde bestanden, die in der Mitte durch hineingeklemmte Knüppel auseinandergehalten wurde, an den beiden Enden aber zusammengezogen und gebunden war. Wir suchten hierauf nach frischem Wasser, fanden aber nichts. Nachdem wir die eroberten Lanzen an Bord verbracht hatten, ruderten wir zur nördlichen Landspitze der Bai hinüber, wo wir bei unsrer Einfahrt eine Horde Wilder erblickt hatten, fanden sie aber verlassen. Am andern Morgen entdeckten wir einen kleinen Bach und ergänzten hier unsern Wasservorrat.
Das Dorf war verlassen. Unsre Geschenke lagen unberührt da. Als jedoch die Holzfäller und unsre Wasserleute eine Pause machten und an Bord zurückkehrten, erschien ein Dutzend Wilder, die unsre Fässer anstaunten und dann ihre Kähne in Sicherheit brachten. Am Nachmittag erschien ein Trupp bewaffneter Eingeborener in der Nähe der Wasserstelle, war aber nicht zum Näherkommen zu bewegen. Am Abend fing ich mit den Herren Banks und Dr. Solander mit dem großen Netz in wenigen Zügen drei Zentner Fische, die unter das Schiffsvolk verteilt wurden. Am folgenden Morgen erschienen die Wilden wieder in ihrem Dorf. Wir hörten sie laut rufen und sahen sie auch am Strande. Kurz darauf zogen sie sich in ihre Wälder zurück, wo sie an verschiedenen Stellen Feuer anzündeten.
An diesem Abend verschied der Matrose Forby Sutherland. Am nächsten Morgen beerdigten wir ihn an der Wasserstelle. Zu seinem Andenken taufte ich die südliche Spitze der Bai Sutherland-Point. Kurz darauf trat ich mit den Herren Banks und Dr. Solander und sieben Leuten der Besatzung eine Forschungsreise an. Wir fanden viele Hütten und Lagerplätze der Wilden, begegneten aber niemand. Die Kühnheit, womit uns die Wilden bei unsrer Landung begegneten, und die namenlose Furcht, mit der sie jetzt bei unserm Herannahen zu flüchten und sich zu verkriechen pflegten, standen in gewaltigem Gegensatz. Wir erklärten diese Wandlung mit der Wirkung unsrer Schußwaffen, die sie von ihren Verstecken aus aufmerksam beobachteten.
Die große Menge verschiedenartiger Pflanzen, die die Herren Banks und Dr. Solander hier sammelten, gab mir Veranlassung, die Bai die Botanybai zu nennen; sie liegt in der südlichen Breite von 34 Grad und in der westlichen Länge von 208 Grad 37 Minuten. Sie ist geräumig, sicher und bequem. Die Anwohner der Bai, die uns zu Gesicht kamen, gingen splitternackt; sie schienen nicht zahlreich zu sein und lebten in vereinzelten Familien. Ihre Hauptnahrungsmittel waren Muscheln, Krebse und Fische. Von ihrer Lebensweise konnten wir nichts erfahren, da sie sich uns fernhielten.
Am 6. Mai 1770 segelten wir aus der Botany-Bai hinaus und steuerten bei leichtem Nordwestwind, der sich bald nach Süden drehte, nach Nordnordost längs der Küste hin. Am Mittag befanden wir uns einem Hafen gegenüber, den ich Port Jackson taufte. Je weiter wir uns von der Botanybai entfernten, desto gebirgiger wurde das Land; die Aussicht zeigte abwechselnd Berg und Tal, Hügel und Ebenen, die ziemlich waldreich waren. Wir hatten bereits 1300 englische Seemeilen ohne Unfall an einer gefährlichen, klippenreichen Gegend zurückgelegt. An einem Kap, das in der südlichen Breite von 16 Grad 6 Minuten und in der westlichen Länge von 214 Grad 39 Minuten liegt, sollte uns das Verhängnis erreichen. Es war am späten Abend, als wir fast plötzlich in 12, 10 und 8 Klafter Wasser gerieten. Um 10 Uhr fanden wir 20 Klafter; alle Gefahr schien beseitigt und wir begaben uns zur Ruhe. Um 11 Uhr nahm die Tiefe plötzlich wieder bis auf 7 Klafter ab; das Schiff saß kurz danach fest und senkte und hob sich knirschend mit den Wellen. Dadurch aber schlug es nur um so heftiger auf die schroffen Spitzen der Klippe, worauf es gestrandet war. In ein paar Sekunden befand sich alles auf Deck, und jeder las aus den Mienen der andern die Größe der Gefahr ab, in der wir schwebten. Jeder wußte, daß wir fern von der Küste auf eine Korallenklippe aufgelaufen waren und nur durch ein Wunder gerettet werden konnten. Ich ließ sogleich die Segel reffen, die Boote aussetzen und das Wasser sondieren. Unsre Lage war verzweifelt genug: die Wellen hatten das Schiff über den Rand der Klippe gehoben und in eine Vertiefung eingeklemmt. Wir warfen die Anker am Hinterteil aus, wo tiefes Wasser war, und versuchten das Schiff mit der Schiffshaspel loszuwinden, aber es war nicht von der Stelle zu bringen. Dabei schlug es unaufhörlich auf, und beim Mondschein sahen wir Bretter von der Schiffswand und zuletzt auch den Afterkiel abschwimmen. Ein jämmerlicher Anblick, der uns so erschütterte, daß wir die See bereits als unser Grab betrachteten.
Indes war es nicht an der Zeit solchen Gedanken nachzuhängen. Wir ließen das Wasser aus den Fässern laufen und heraufpumpen. Sechs Kanonen, die auf dem Verdeck standen, unsern Ballast an Eisen und Steinen, Fässer, Krüge usw. warfen wir über Bord. Jedermann arbeitete unermüdlich und mit aller Energie, und keinem, selbst dem Rohesten nicht, entfuhr dabei ein Fluch. Mit einem Dankgebet begrüßten wir den jungen Tag. Wir sahen jetzt, daß wir etwa 8 Seemeilen vom Land entfernt waren. Zum Glück trat nun eine Windstille ein; bei starkem Winde wäre das Schiff in Stücke zerschellt. Als die Flut wieder eintrat, führten wir die Anker wieder aus, um den Versuch zu erneuern, das Schiff, falls es durch die Flut flott würde, über die Klippe zu heben. Allein zu unserm Entsetzen war die Flut am Tage niedriger als in der Nacht; wir mußten also die Mitternachtsflut abwarten und den Tag über mit zwei Pumpen das eingedrungene Wasser aus dem Schiff pumpen.
Um 5 Uhr des Abends bemerkten wir, daß die Flut sich einstellte, wir machten aber auch gleichzeitig die fürchterliche Entdeckung, daß das Leck sich immer mehr vergrößerte. Wir mußten unsre letzte Pumpe in Aktion treten lassen. Um 9 Uhr richtete sich das Schiff wieder auf. Das Leck hatte sich aber so vergrößert, daß wir befürchten mußten, nach dem Flottbringen des Schiffes dem sofortigen Untergang geweiht zu sein. Wir wußten wohl, daß weder die Anzahl noch die Größe unsrer Boote ausreichte, uns alle ans Land zu führen. Wir wußten, daß, wenn jener fürchterliche Augenblick da war, ein entsetzlicher Kampf um die Boote entstehen würde. Wir wußten aber auch, daß das Los der Unglücklichen, die mit dem Schiffe ihren Untergang finden mußten, im Vergleich mit dem Schicksal, das die Schiffbrüchigen in diesem wilden Lande erwartete, beneidenswert war. Wer das vor Augen hatte, der kann von sich sagen, daß er den Tod in seiner fürchterlichsten Gestalt kennengelernt hat. Als der Augenblick sich näherte, der über unser Schicksal entscheiden sollte, konnte jeder das, was er selber fühlte, auf dem Gesichte seiner Leidensgefährten ausgedrückt finden.
Inzwischen wurden so viele Leute, als beim Pumpen entbehrlich waren, an die Winde und den Haspel gestellt. Ungefähr 20 Minuten nach 10 Uhr wurde das Schiff flott. In demselben Augenblick wurden Winde und Haspel mit der äußersten Kraft angezogen. Dadurch wurde das Schiff von der Klippe glücklich in tiefes Wasser hinabgehoben. Zu unsrer Freude fanden wir, daß das Schiff hier nicht mehr Wasser einließ als auf der Klippe. Und mit neuem Mut kämpfte die Mannschaft an den Pumpen die ganze Nacht hindurch mit dem eindringenden Wasser. Nach vierundzwanzigstündigem Ringen aber ermatteten auch die Tapfersten unter uns, und selbst die Mutigsten verzweifelten an der Rettung.
Die Leute waren so übermüdet, daß sie es kaum länger als fünf Minuten an den Pumpen aushalten konnten; sie fielen auf dem nassen Verdeck sofort in tiefen Schlaf, aus dem man sie zur Ablösung rütteln mußte. Als sich am Morgen herausstellte, daß das Wasser im Schiffsraum nachgelassen hatte, schöpfte jeder wieder neuen Mut und arbeitete mit frischen Kräften. Um 8 Uhr des Morgens lichteten wir die Anker, wobei wir den kleinen Buganker und das Kabeltau des Stromankers einbüßten. Doch waren das in unsrer jetzigen verzweifelten Lage Kleinigkeiten, um die sich niemand bekümmerte.
Um 11 Uhr bekamen wir Wind von der See her, gingen glücklich wieder unter Segel und steuerten dem Lande zu.
Durch beständiges, eifriges Pumpen hielten wir das Schiff zwar über Wasser, aber auf die Dauer war diese schwere Arbeit unmöglich. Einer meiner Unteroffiziere schlug mir vor, das Schiff zu »füttern«, ein Mittel, durch das es einem Kauffahrteischiff möglich war, von Virginien nach London zu fahren. Gleichzeitig erbot er sich, das Schiff auf diese Weise zu füttern. Ich gab ihm dazu die nötigen Mittel und Gehilfen, und er ging nun in der Weise vor, daß er einen Brei aus Wolle und den Fasern von aufgedrehten Seilen mischte, diesen Brei an einem leeren Segel befestigte, alles mit Schafsmist und Dünger bedeckte und dann das Segel unter dem Schiffsboden bis zum Leck hinzog, den es so bedeckte und füllte, daß eine Pumpe genügte, um das Wasser zu bewältigen. Wir faßten jetzt neuen Mut.
Als wir in der Nacht vor Anker gingen, fanden wir, daß das Schiff in einer Stunde ungefähr 15 Zoll Wasser einließ. Das bedeutete keine unmittelbare Gefahr. Um 6 Uhr morgens hoben wir den Anker und steuerten langsam auf das Land zu. Die Pinasse brachte am Abend die Nachricht, daß ungefähr zwei Seemeilen weit unter dem Wind hin ein Hafen liege, der so beschaffen sei, daß dort das Schiff zur Reparatur ans Land oder auf die Seite gelegt werden könne.
Auf diese Nachricht hin hob ich morgens in der Frühe den Anker. Zwei Boote mußten vorausrudern und hatten Befehl, sich zur Sicherheit des Schiffes auf die Untiefen zu legen, die wir auf unserm Wege sahen. Als dies geschehen war, segelten wir dem Hafen zu, wobei wir trotz unsrer Vorsicht in Untiefen gerieten. Um diese Zeit fing der Wind an immer stärker zu wehen.
Es war ein Glück für uns, daß der Hafen so nahe war, denn das Schiff parierte dem Steuer nicht mehr. Auch hatten wir die Gefahr noch nicht ganz überwunden, denn wir waren von Untiefen umgeben. Ich ließ daher Anker auswerfen und steckte im Kanal Ankerwächter aus, um mich beim Einlaufen danach richten zu können. Ich fand die Einfahrt sehr schmal und auch den Hafen bedeutend enger als ich geglaubt hatte, sonst aber wie geschaffen für unsre Zwecke. Den ganzen Tag und die Nacht über stürmte es so heftig, daß wir nicht wagen durften in den Hafen einzulaufen; bei all unsrer Freude über unsre Errettung durften wir doch nicht vergessen, daß eine Handvoll Wolle die Scheidewand zwischen uns und dem Tode bildete. Der Sturmwind hielt am 15. den ganzen Tag über an, auch am 16. setzte er wieder ein, als wir im Begriff waren den Anker zu lichten.
Wir hatten am Abend nicht weit vom Strand ein Feuer erblickt; ein Zeichen, daß die Gegend bewohnt war. Wir hofften daher mit den Eingeborenen in Verbindung zu treten. Auch heute erblickten wir mehrere Feuer und sahen durch unsre Ferngläser vier Indianer, die diese Feuer anzündeten. Der Zweck der Feuer war uns natürlich ein Rätsel. Der Skorbut begann sich unter uns auszubreiten. Tupia klagte über Schmerzen im Gaumen und bekam gelbblaue Flecken an den Beinen. Auch Herr Green war sehr krank. Am 17. lichteten wir die Anker und eilten dem Hafen zu. Das Schiff geriet dabei zweimal auf Grund. Das erste Mal wurde es ohne Mühe wieder flott, das zweite Mal nur mit Hilfe der Flut, worauf wir es an Seilen in den Hafen zogen und an der Südseite an einer Stelle, wo der Strand sehr steil war, festlegten. Am Morgen des 18. wurde eine Brücke vom Schiff bis zum Strande gebaut und wurden am Strande zwei Zelte aufgeschlagen. Das eine war für die Kranken, das andre war für die Schiffsvorräte bestimmt, die sofort ausgeladen wurden. Kaum war das Krankenzelt aufgeschlagen, so schickte ich unsre Kranken, acht an der Zahl, ans Land. Auch fertigte ich ein Boot zum Fischfang ab; leider kam es leer zurück. Tupia angelte seine Fische selbst und lebte davon. Der Erfolg blieb nicht aus, denn er genas sehr schnell, während Herr Green andauernd gefährlich krank blieb. Die bergige Gegend war trostlos unfruchtbar und öde, die Ebene sumpfig und mit Mangrovebäumen bedeckt.
Am folgenden Morgen ließ ich die vier Kanonen, die uns übriggeblieben waren, aus dem Schiffsraum heraufbringen und auf den Überlauf pflanzen. Hierauf transportierten wir allen Ballast und die Schiffsschmiede ans Land; am Nachmittag wurden die Vorräte der Offiziere und die unterste Reihe der Wasserfässer ausgeschifft, so daß im untersten Schiffsboden nichts als die Kohlen zurückblieben.
Herr Banks war inzwischen über das Revier hinaus auf die andre Seite des Hafens hinübergegangen; er traf hier große Flüge Tauben an, von denen er etliche schoß, die ungemein schön waren.
Am 20. wurden der Pulvervorrat und der Steinballast ans Land geschafft. Dadurch wurde das Schiff so erleichtert, daß es vorne nur noch 8 Fuß 10 Zoll und hinten 13 Fuß tief im Wasser lag. Ich ließ dann die Kohlen vom Vorderteil des Schiffes, um diesen zu heben, nach dem Hinterteil verbringen. Dabei zeigte sich, daß das Leck unter dem Kohlenraum war; wir konnten hören, daß das Wasser ein wenig hinter dem Fockmast, ungefähr drei Fuß vom Kiel entfernt, hereinschoß.
Ich mußte mich also dazu bequemen, den ganzen Schiffsraum leeren zu lassen. Am 21. nachmittags um 4 Uhr war diese Arbeit geschehen, worauf wir das Schiff an Seilen an eine Stelle hinzogen, wo es meines Erachtens am bequemsten ans Land gelegt und das Leck verstopft werden konnte. Vorne lag es nunmehr 7 Fuß 9 Zoll, hinten 13 Fuß 6 Zoll tief im Wasser. Um 8 Uhr während der Flut ließ ich das Vorderteil herumwenden und fest aufs Ufer ziehen. An verschiedenen Stellen des Schiffsbodens entdeckten wir glatte Löcher; das Hauptleck aber war merkwürdigerweise durch den Felsen, der es verursacht hatte, wieder verstopft worden, indem das betreffende Stück vom Felsen abgebrochen und zum Glück für uns in dem Loche steckengeblieben war.
Wir fanden bei dieser Untersuchung aber auch, daß die Fütterung diejenigen Ritzen des Lecks, die das Felsenstück offengelassen hatte, größtenteils verstopft hatte. Wir waren also wie durch ein Wunder gerettet worden, denn das Leck war so groß, daß uns ohne diese glücklichen Umstände alle Schiffspumpen der Welt nicht vor dem Untergang gerettet hätten. Bei der ferneren Besichtigung entdeckten wir noch, daß das Schiff auch sonst an seinem Boden beträchtlich Schaden genommen hatte; vom Afterkiel fehlte ein Teil, auch waren Vordersteven und Hauptkiel stark beschädigt. Das Hinterteil des Schiffes schien nicht viel gelitten zu haben.
Um 9 Uhr gingen die Zimmerleute und Schmiede an ihre Arbeit, während die Seesoldaten zur Taubenjagd abkommandiert wurden. Bei dieser Gelegenheit entdeckten sie das Känguruh und, was für uns momentan wichtiger war, einen Quellbach mit frischem Wasser. Mit dem großen Netze fingen wir, obschon die See im Hafen von Fischen wimmelte, nur drei Fische. Der Zimmermann war mit den Ausbesserungen an der Steuerbordseite fertig; wir neigten also das Schiff auf die andre Seite und zogen es aus Furcht, es möchte auf dem Grunde sitzen bleiben, 2 Fuß tiefer ins Wasser. Am Abend erzählte ein Matrose, er hätte den Teufel gesehen, und er beschrieb uns eine — Riesenfledermaus.
Am 24. besserten die Schiffszimmerleute die Haut (d. i. die äußeren Bretter) unter dem Backbordbug aus, und da fand sich denn, daß auch zwei von den innern Planken durchgerieben waren. An diesem Tage sah ich zum ersten Mal ein Känguruh. Ich ließ während der Ebbe das Hinterteil des Schiffes untersuchen. Dabei stellte es sich heraus, daß die Haut durchgescheuert und der innere Boden gefährdet war. Dem konnte aber nur durch eine gründliche Ausbesserung im Dock, wozu wir leider nicht in der Lage waren, abgeholfen werden; ich veranlaßte daher die möglichen Notausbesserungen. Der 25. wurde zum Wassereinnehmen, zur Besichtigung der Taue usw. bestimmt. Auch wurden die Schiffszimmerleute an diesem Tage mit ihren Arbeiten fertig.
Die Herren Banks und Dr. Solander benützten diesen Tag zu botanischen Exkursionen im Walde; sie entdeckten dort Kohlbäume, Kokos und einen Wildrenettenapfel, der nach Lagerung von einigen Tagen eßbar wurde und wie eine mittelmäßig gute Pflaume mundete. Am folgenden Morgen fingen wir an, das Hinterteil des Schiffes zu entlasten. Der Schmied fuhr unverdrossen in seiner Arbeit fort, während der Zimmermann das Schiff kalfaterte. Am Vormittag ruderte ich in der Pinasse den Hafen hinauf, um zu fischen; ich fing aber nur 20–30 Fische, die ich an die Kranken und Rekonvaleszenten austeilte. Die nächsten Tage war der Fischfang so ergiebig, daß auf jeden Mann etwa 5 Pfund Fische kamen. Die eingesammelten Gemüse ließ ich mit Erbsen kochen; dieses Gericht in Verbindung mit delikat zubereiteten Fischen war uns allen ein kulinarischer Genuß ersten Ranges.
Am 1. Juni gab ich dem ganzen Schiffsvolk Landurlaub. Die Ausflügler sahen wohl viele Tiere, konnten aber keines erlegen. Da ich bei einem Ausflug auf den an der südlichen Landspitze gelegenen Berg die Küste mit Bänken und Untiefen wie besät fand, so erteilte ich dem Steuermann den Auftrag, die Untiefen zu untersuchen und zu sondieren, ob es gegen Norden nicht einen Kanal gebe, in dem wir sicher auslaufen könnten. Auch an diesem Tage bekamen wir das Schiff trotz angestrengtester Versuche nicht flott. Der Steuermann dagegen brachte gute Nachricht zurück; er hatte tatsächlich einen Kanal zwischen den Untiefen entdeckt, der nach der hohen See führte. Die Bänke bestanden aus Korallenfelsen; viele davon waren, wie er mir erzählte, während der Ebbe außer Wasser. Er selbst war auf eine solche Klippe gestiegen und hatte dort eine Anzahl großer Muschel- und Schalentiere gesammelt, die so groß waren, daß von einem solchen Tiere zwei Mann mehr als satt wurden. Er erzählte, daß er in einer Bai im Norden, drei Seemeilen von uns entfernt, einige Eingeborene bei der Abendmahlzeit überrascht hätte, die bei seinem Erscheinen sofort geflohen wären.
Am nächsten Tag endlich gelang es uns, das Schiff flottzubekommen. Da jedoch gleichzeitig eine Planke zwischen den Verdecken losriß und dieser Schaden sofort ausgebessert werden mußte, so mußten wir das Schiff wieder ans Land legen. Am nächsten Morgen ließ ich den Ballast im Schiff wieder segelrecht verteilen, und am Nachmittag ließ ich das Schiff selbst mit Hilfe der Flut auf eine Sandbank legen und während der Ebbe ausbessern, worauf es zur Flutzeit wieder flottgemacht wurde. Wir machten es dann segelfertig. In dieser Zeit fand Herr Banks am Strand eine Menge angeschwemmter Früchte. Am 6. unternahm er mit Herrn Gore und drei Matrosen einen größern Ausflug, von dem er erst am 8. nachmittags zurückkehrte. Während der Nacht waren die Ausflügler derart von Moskitos geplagt worden, daß sie nicht schlafen konnten. Kurz nach Anbruch des Tages erblickten sie einige Känguruhs. Zu Mittag kehrten sie nach dem Boote zurück und ruderten darin weiter in das Revier hinauf. Als sie am Abend nach einem Lagerplatz Umschau hielten, sahen sie in der Nähe Rauch aufsteigen. Sie eilten sofort darauf zu, fanden aber niemand mehr an dem Feuer. Ärgerlich darüber, daß die Wilden, mit denen sie gerne zusammengetroffen wären, entflohen waren, kehrten sie zu der Sandbank zurück, auf der sie sich sorglos niederlegten, ohne im geringsten an die Möglichkeit zu denken, daß die Wilden sie beschleichen und im Schlafe ermorden könnten. Im Gegenteil, sie schliefen, todmüde wie sie waren, fest bis tief in den Morgen und kehrten dann, weil das Land dem Ansehen nach nicht viel versprach, nach dem Schiffe zurück. Kurz nach ihnen traf auch der Steuermann ein und brachte drei große Schildkröten mit, die zusammen fast acht Zentner wogen.
[6] Die Ostküste von Australien.