Elftes Kapitel.
Verkehr mit den Australiern. — Ihre Lebensweise. — Ein Streit und seine Folgen. — Ausfahrt. — Die Besitzergreifung von dem neuentdeckten Lande. — Die Eingeborenen und ihre Lebensgewohnheiten.
Am Nachmittag des folgenden Tages ließen sich sieben Wilde an der Südseite unsres Reviers blicken; bei meiner Annäherung entflohen sie. Am nächsten Morgen tauchten vier Wilde in einem Kahne bei der nördlichen Landspitze auf, um dort mit der Fischgabel zu fischen. Gewitzigt, wie ich durch meine Erfahrung mit diesen scheuen Gesellen geworden war, ließ ich sie gewähren und nahm von ihrer Anwesenheit scheinbar keine Notiz.
Meine Kriegslist hatte den gewünschten Erfolg, denn es dauerte nicht lange, so kamen zwei von ihnen in ihrem Kahn auf Schußnähe an uns heran und riefen uns in ihrer Sprache laut einige Worte zu, die wir natürlich nicht verstanden. Ich machte ihnen beruhigende Zeichen und lud sie zu uns an Bord. Sie kamen auch wirklich näher und deuteten uns an, daß sie Waffen hätten, sich zu rächen, wenn wir ihnen ein Leid antun würden. Als sie dicht am Schiffe waren, warfen wir ihnen Nägel, Glaskorallen, kleine Stückchen Tuch zu, woraus sie sich anscheinend wenig machten. Als ihnen jedoch einer unsrer Leute einen Fisch zuwarf, äußerten sie ihre Freude und gaben uns gleichzeitig zu verstehen, daß sie auch ihre Kameraden herbeiholen würden. Mittlerweile war Tupia mit einigen Matrosen ans Land gegangen. Die Wilden kamen jetzt ganz dicht an uns heran. Wir teilten an die Neuangekommenen einige Geschenke aus. Die Gesellschaft ruderte dann ans Land, wo sie Tupia so weit brachte, daß sie ihre Lanzen niederlegten und sich ihm ohne diese näherten. Er lud sie durch Zeichen ein, neben ihm Platz zu nehmen, was sie auch taten. Ich ging mit einigen Begleitern ebenfalls ans Land und beschenkte die Wilden wiederum, um ihnen jedes Mißtrauen zu nehmen. Hierauf unterhielten wir uns mit ihnen bis zur Essenszeit durch Zeichen; wir luden sie dann ein, an Bord mit uns zu speisen, was sie ablehnten. Kaum waren wir im Boote, so stiegen sie in ihren Kahn und ruderten davon. Der eine der Wilden war ein älterer Mann, die drei andern hingegen waren junge Leute; alle waren von Durchschnittsgröße, fielen mir aber durch ihren zarten Gliederbau auf. Die Farbe ihrer Haut war schwarzbraun, das Haar pechschwarz, kurz geschnitten und straff. Der Leib war an verschiedenen Stellen mit einer roten Farbe angestrichen; einer von ihnen hatte sich die Oberlippe und die Brust mit weißen Streifen bemalt, die er »Carbanda« nannte. Die Gesichtsbildung der Wilden war sehr angenehm, ihre Augen waren lebhaft, ihre Zähne weiß und ihre Stimme wohlklingend und biegsam, so daß sie mühelos allerlei Worte nachsprechen konnten.
Am folgenden Morgen erschienen drei von ihnen wieder bei uns; sie hatten einen Vierten mitgebracht, den sie uns als Herrn Näpärico förmlich vorstellten. Dieser Herr zeichnete sich durch einen sehr in die Augen fallenden Schmuck aus; er hatte sich nämlich den Nasenknorpel durchbohrt und trug in dem Loch einen fingerdicken Vogelknochen als Zierat. Wir überzeugten uns, daß auch die Nasen seiner Genossen durchbohrt waren. Auch die Ohrläppchen unsrer Gäste waren durchlöchert; am Arme trugen sie als Schmuck ein Armband aus geflochtenen Haaren, und obwohl sie sonst völlig nackt gingen, waren sie auf ihr Armband besonders eitel. Ich schenkte einem von ihnen ein Stück von einem alten Hemd; er band es sich als Turban um den Kopf. Unsre Gäste hatten uns einen Fisch zum Gegengeschenk gebracht und schienen sich häuslich bei uns niederlassen zu wollen. Als aber einer der Forschungsreisenden ihren Kahn genauer untersuchen wollte, erschraken sie dermaßen, daß sie augenblicklich in den Kahn hinabsprangen und eilig als ginge es auf Leben und Tod davonruderten.
Am folgenden Morgen um 2 Uhr brachte Herr Gore in der Jolle drei gewaltige Schildkröten und eine große Sole mit. Nach dem Frühstück ruderte er wieder hinaus, um die Jagd auf Schildkröten fortzusetzen. Drei Wilde wagten sich jetzt an Tupias Zelt heran; einer von ihnen ruderte davon, um noch zwei andre zu holen, die er uns dann unter Nennung ihres Namens vorstellte. Die Gesellschaft blieb den ganzen Vormittag über bei uns; wir überzeugten uns bei dieser Gelegenheit, daß die natürliche Hautfarbe der Herrschaften durch eine Schicht von Ruß und Schmutz bedeckt war. Auf der gegenüberliegenden Landspitze ließ sich eine nackte Frau mit einem Knaben blicken; wir bemerkten durch unsre Ferngläser, daß ihre Arme und Beine ungemein zart und zierlich geformt waren. Als sie ihre Neugierde befriedigt hatte, eilte sie schnellfüßig davon. Einer von den Fremden trug ein Muschelhalsband, ein Armband aus Schnüren und vor der Stirn als Schmuck ein Stück Baumrinde. Die Sprache dieser Wilden klingt rauher als die der Südseeinsulaner; sie wiederholten sehr oft das Wort »Tscherkau«, auch pflegten sie, wenn ihnen etwas Neues in die Augen fiel, auszurufen: »Tscher tut, tut, tut!«, wohl beides Ausdrücke der Überraschung und Verwunderung. Der Kahn war nicht über 10 Fuß lang, aber mit einer Seitenrahme versehen und ähnelte dadurch den Südseekähnen, war jedoch viel primitiver gebaut. Ihre Lanzen glichen den Lanzen, die wir an der Botanybai erobert hatten, doch hatten sie nur eine einzige, mit Widerhaken versehene Spitze. In der Tat, eine fürchterliche Waffe!
Herr Gore erlegte am folgenden Tag ein »Känguruh«, wie es die Eingeborenen nannten. Wir fanden das Fleisch dieses merkwürdigen Wildes ungemein zart und wohlschmeckend. Damals lebten wir ziemlich lukullisch: Tag für Tag Schildkrötensuppe, Schildkrötenfleisch, ausgezeichnet mundende Fische, Känguruhfleisch in Hülle und Fülle. Meist fingen wir die köstliche grüne Schildkröte in Exemplaren von 2–3 Zentnern Lebendgewicht; sie waren ungleich besser von Geschmack als die, die wir in England zu essen bekommen hatten. Vermutlich rührt dies daher, daß wir sie hier frisch erhielten.
Am 17. schickte ich den Steuermann wieder aus, um eine bequemere als die bisher entdeckte Durchfahrt zu suchen. Ich selbst begab mich mit den Herren Banks und Dr. Solander in den Wald. Tupia war daselbst drei Indianern begegnet, die ihm dort einige wohlschmeckende Wurzeln gezeigt hätten. Wir erhofften ein ähnliches Abenteuer, das uns mit den Eingeborenen in nähere Beziehung bringen würde, dergestalt, daß sie uns mit ihrem Hauswesen und ihren Frauen bekannt machen würden. Es dauerte auch wirklich nicht lange, so bemerkten wir vier Wilde in einem Kahn. Als sie uns erblickten, kamen sie ans Land und ohne Furcht auch so dicht an uns heran, daß wir mit ihnen verhandeln konnten. Nachdem sie eine Weile bei uns geblieben waren, entfernten sie sich. Wir folgten ihnen in der Erwartung, daß sie uns in ihr Dorf führen und mit ihren Frauen bekanntmachen würden, allein sie gaben uns durch Zeichen zu verstehen, daß ihnen unsre Begleitung wenig zusage.
Am nächsten Tage kamen wieder einige der uns bereits bekannten Wilden zu uns. Wir baten einen von ihnen, er möge uns zeigen, auf welche Art sie ihre Lanzen zu schleudern pflegten; er war auch gleich dazu bereit und schleuderte seine etwa acht Fuß lange Lanze, die mit bewundernswerter Kraft und Schnelligkeit vier Fuß hoch über dem Boden hinsauste und in einen fünfzig Schritte von uns entfernten Baum fuhr. Hierauf lud ich die Gesellschaft an Bord, wo ich sie unter der Obhut meiner Leute ließ, weil ich von innerer Unruhe getrieben mich durch einen Blick auf die See davon überzeugen wollte, ob wir wirklich in einem Klippenlabyrinth gefangensäßen. Ich bestieg daher mit Herrn Banks einen hohen Berg, von wo wir uns davon überzeugen konnten, daß unsre Lage weit gefährlicher war, als wir bisher geglaubt hatten. Denn wohin der Blick auch fiel, überall zeigten sich drohende Klippen und Bänke. Wir überzeugten uns durch den Augenschein davon, daß es keine andre Ausfahrt nach der hohen See als die gab, die durch die krummen Kanäle zwischen den Klippen hindurch führte. In diese Kanäle konnte man sich aber ohne die größte Gefahr nicht wagen.
Wir kehrten in trüber Stimmung nach dem Schiffe zurück. Hier fanden wir noch einen Teil der Eingeborenen vor, die höchst begehrliche Blicke nach unsern Schildkröten warfen. Tags darauf kamen zehn Wilde von jener Seite des Reviers her, wo diesmal sieben Weiber, alte und junge, in ihrer paradiesischen Nacktheit so lange verweilten, als ihre Männer bei uns an Bord blieben. Unsre Gäste hatten eine größere Anzahl Lanzen als gewöhnlich mitgebracht; sie lehnten die Lanzen an einen Baum und stellten eine Wache dabei auf, ehe sie an Bord kamen. Hier zeigte es sich bald, daß sie es auf unsre Schildkröten abgesehen hatten, die sie genau so wie wir zu würdigen wußten. Anfänglich baten sie uns durch Zeichen, ihnen eine zu geben. Als man sich weigerte, gerieten sie in Wut. Einer von ihnen wandte sich an Herrn Banks; als aber auch dieser abwinkte, wurde der Wilde so zornig, daß er mit dem Fuße aufstampfend ihm einen kräftigen Stoß versetzte. So versuchten sie vergebens der Reihe nach bei jedem ihr Glück, der nach ihrer Meinung auf dem Schiffe von Bedeutung war. Als sie endlich einsahen, daß ihre Bitten vergeblich waren, versuchten sie mit Gewalt zwei Schildkröten über Bord in ihren Kahn zu werfen, was ihnen jedoch gleichfalls verwehrt wurde. Daraufhin verließen sie wütend das Schiff und ruderten dem Strande zu, wohin ich ihnen mit Herrn Banks und sechs Matrosen zum Schutz unsrer daselbst arbeitenden Leute folgte.
Kriegsboot der Neuseeländer. Nach einem alten Stiche.
Kaum waren die Wilden am Strand, als sie ihre Waffen ergriffen, einen Feuerbrand unter einem Pechkessel herausrissen und damit während ihrer Flucht das trockene Gras in Brand setzten. Ehe wir uns ihres Treibens und der uns drohenden Gefahr bewußt wurden, stand das dürre, fünf bis sechs Fuß hohe Gras in Flammen, die mit ungeheurer Schnelligkeit um sich griffen und Banks' Zelt sowie die Schmiede bedrohten. Es gelang uns noch, das Zelt zu retten; die Schmiede jedoch wurde ein Raub der Flammen. Auch versuchten die Wilden, unsre zum Trocknen aufgespannte Wäsche und das große Netz zu verbrennen, indem sie auch hier das Gras in Flammen setzten. Wir konnten jedoch die Gefahr abwehren und sandten den Brandstiftern einen Schrotschuß nach, der einen von ihnen verwundete. Unterdessen griff das Feuer den Wald an, in den sich die Wilden geflüchtet hatten. Ich feuerte ihnen eine Kugel nach, worauf sie sich zurückzogen. Kurze Zeit darauf vernahmen wir wieder Stimmen im Walde. Ich ging daher mit Banks und einigen Seesoldaten dem Schalle nach. Als wir die Wilden erblickten, hielten wir; sie sandten uns einen Greis entgegen, der uns durch eine Rede beschwichtigen wollte. Wir verstanden leider nicht, was er sagte. Nach dem Speech ging er zu seinen Leuten, mit denen er sich dann zurückzog. Wir folgten ihnen jedoch und bemächtigten uns bei dieser Gelegenheit einiger Wurfspieße. Auf diese Weise verfolgten wir sie eine Meile, worauf wir uns auf einem Felsen niederließen, von dem wir ihre Bewegungen aufs genaueste beobachten konnten; die Wilden lagerten sich 300 Fuß von uns entfernt. Nach einer Weile kam der Greis mit einer Lanze ohne Spitze wieder auf uns zu. Wir gaben ihm Zeichen, daß wir ihnen nicht zürnten, worauf er sich an seine Stammesgenossen wandte und sie veranlaßte, sich uns ohne Waffen zu nähern. Zum Zeichen der Versöhnung händigten wir ihnen ihre Lanzen wieder aus, worauf sie uns die Leute mit Namen vorstellten, die wir noch nicht kannten. Wir teilten einige Kleinigkeiten, die wir bei uns hatten, als Geschenke unter sie aus, worauf sie uns versöhnt zum Schiffe folgten. Unterwegs gaben sie uns durch Zeichen zu verstehen, daß sie das Gras nicht mehr anzünden wollten. Als sie sich dem Schiffe gegenüber befanden, setzten sie sich nieder und waren unter keinen Umständen zu bewegen, mit an Bord zu kommen. Wir schieden daher von ihnen. Nach Verlauf von zwei Stunden gingen sie zurück. Nicht lange nachher sahen wir den Wald in einer Entfernung von einigen Meilen in Flammen aufgehen. Wir ließen uns den Vorfall, der leicht zu einer Katastrophe für uns hätte werden können — denn nur wenige Stunden zuvor hatten wir unser Schießpulver an Bord zurückgebracht — zur Warnung dienen und nahmen uns vor, unsre Zelte künftig nur in feuersichrer Gegend aufzuschlagen. Am folgenden Tage ruderte ich zur Ebbe aus, um die Untiefen zu sondieren und Ankerwächter aufzustecken. An diesem wie an den folgenden Tagen ließen sich keine Eingeborenen blicken, aber die Gipfel aller Berge rings um den Hafen standen die Nacht in Flammen und gewährten ein Schauspiel voll schauriger Erhabenheit und Schönheit.
Da das stürmische Wetter, das uns bisher an der Abfahrt verhindert hatte, immer noch anhielt, so machten die Herren Banks und Dr. Solander täglich kleinere oder größere botanische Entdeckungsreisen. Bei dieser Gelegenheit fingen sie ein weibliches Opossum nebst zwei Jungen. Durch diese Entdeckung widerlegten sie die Meinung des Herrn von Büffon, der Amerika für die Heimat dieser Tiergattung erklärte. Unsre wilden Freunde ließen sich nicht mehr blicken. Nach ihren Feuern zu urteilen hielten sie sich wenigstens sechs Meilen weiter innen im Lande verborgen; wahrscheinlich fanden sie den Streich, den sie uns gespielt hatten, für so unverzeihlich, daß sie dem Landfrieden nicht mehr trauten.
Am 1. August fand der Zimmermann, daß die Pumpen angefault waren; wir mußten uns daher in der Hauptsache auf die Dichtigkeit des Schiffes verlassen, das in der Tat so gut ausgebessert war, daß es in der Stunde nicht über einen Zoll Wasser einließ. Am 4. August gelang es uns das Schiff herauszuziehen; um 7 Uhr gingen wir unter Segel. Um 12 Uhr ließ ich eines drohenden Unwetters wegen die Anker wieder fallen; wir befanden uns fünf Seemeilen vom Hafen entfernt; wir blieben im Sturme so bis zum 10. August liegen. Um 7 Uhr konnten wir die Anker lichten. Ich hatte mich entschlossen, längs der Küste zu segeln und einen Durchgang nach Norden zu suchen. Nach vielen Mühen und unter den größten Gefahren gelang uns die Durchfahrt durch den engen, krummen Kanal, an dessen Ende wir in 7½ Klaftern auf einem sichern Grunde vor Anker gingen. Hier breitete sich der Kanal ziemlich aus; die Inseln, die zu beiden Seiten lagen, waren eine Meile von uns entfernt. Wir hofften endlich den Weg in das Indische Meer gefunden zu haben. Um mich darüber vergewissern zu können, beschloß ich, auf einer der Inseln zu landen. Als ich in Begleitung Banks' und Dr. Solanders vom Schiff abstieß, erblickten wir ein Dutzend Eingeborene auf dem Berge. Einer von ihnen war mit Bogen und Pfeil, die andern waren mit Lanzen bewaffnet; auch bemerkten wir solche, die eine Halskette von Perlmuttergegenständen um den Hals trugen. Drei der Wilden kamen zum Strande herab, entfernten sich aber, als wir landeten. Wir kletterten sogleich auf den Berg hinan, von dessen Gipfel ich mich davon überzeugen konnte, daß ich hier den Kanal gefunden hatte, der nach dem Indischen Meere führte.
Da ich der erste Europäer war, der an der östlichen Küste von Neuholland vom 38. Breitegrad an bis hierher gekommen war, so ließ ich die englische Flagge entfalten, taufte das Land mit allen Häfen und Inseln Neusüdwales und nahm es im Namen Georgs III., meines Königs, in Besitz. Wir feuerten drei Salven ab, die vom Schiff aus erwidert wurden. Daraufhin kehrten wir zum Schiffe zurück und blieben die ganze Nacht hindurch vor Anker liegen. Am Morgen sahen wir einige Eingeborene am Strande Muscheln suchen; mit Hilfe der Ferngläser erkannten wir in ihnen Weiber, die ganz nackt gingen. Um 10 Uhr lichteten wir die Anker und steuerten südwestwärts und nach Westnordwest. Verschiedene Anzeichen bestärkten mich in dem Gedanken, daß wir bereits den Carpentariagolf im Norden Neuhollands durchquert hatten und die Indische See vor uns liegen haben mußten. Die Frage, ob Neuholland und Neuguinea zwei verschiedene Inseln wären, war gelöst. Die Straße, die beide trennt, habe ich nach meinem Schiffe die Endeavourstraße[7] genannt.
Im Verhältnis zur Größe von Neusüdwales scheint die Zahl seiner Einwohner sehr gering zu sein; die größte Anzahl, die wir je beisammen gesehen haben, beträgt nicht mehr als dreißig Personen. Dies war in der Botanybai, als sich Männer, Weiber und Kinder auf einem Felsen versammelten, um das Schiff im Vorbeisegeln zu betrachten. Selbst in den Fällen, wo sie uns angreifen wollten und also Leute nötig hatten, brachten sie nie mehr als 14 bis 15 streitbare Männer auf die Beine. Auch sahen wir nie mehr als ein paar Hütten beieinander. Es ist wahr, wir haben von dem ungeheuern Lande nicht mehr als die Küste gesehen, allein es ist doch mehr als unwahrscheinlich, daß das öde Innere des Landes reicher bevölkert ist als die der Ernährung günstigere Küste. Ohne Ackerbau würden sich die Bewohner des Festlandes schwerlich halten können; es ist aber nicht gut möglich, daß die Küstenbewohner von diesem Ackerbau nichts wissen sollten. Wir haben an der Küste nicht einen Fußbreit angebauten Landes gefunden; es läßt sich daher mit großer Sicherheit die Behauptung aufstellen, daß das Innere des Landes nur sehr spärlich bewohnt sein kann. Wir haben allerdings nur mit einem Stamme der wilden Völkerschaften, die Neuholland bewohnen, näheren Verkehr unterhalten. Das war in dem Hafen, wo wir unser Schiff ausbesserten. Es waren alles zusammengenommen nur 21 Personen: 12 Männer, 7 Weiber, 1 Knabe und 1 Mädchen. Die Frauen haben wir nie in der Nähe zu sehen bekommen, denn wenn die Männer über das Revier kamen, ließen sie die Weiber und Kinder zurück. Die Männer waren von mittlerer Größe, schön gebaut, gradgliederig, dabei stark, lebhaft und gelenkig; ihrer Gesichtsbildung fehlte es nicht an Ausdruck, und ihre Stimme war sanft, beinahe weiblich fein. Am ganzen Leibe waren sie jedoch mit Schmutz so überzogen, daß ihre natürliche Hautfarbe nicht mehr zu erkennen war. Wir tauchten den Finger in Wasser und rieben und kratzten die Haut an einzelnen Stellen ab, aber es war unmöglich, die Schmutzkruste, die sie so schwarz wie Neger machte, zu lösen; und alles, was wir ermitteln konnten, war, daß ihre Haut ursprünglich schokoladebraun gewesen sein mußte. Die Gesichtsbildung dieser Wilden war nicht unangenehm; sie hatten weder platte, eingedrückte Nasen noch dick aufgeworfene Lippen. Die Zähne waren blendend weiß und klein, ihr Haar, das sie kurz trugen, war schwarz und straff, verschiedentlich war es leicht kraus, es war sehr klebrig, aber merkwürdigerweise frei von Ungeziefer. Die Bärte, die sie ebenfalls kurz geschnitten trugen, waren buschig und stark und pechschwarz wie die Haare. Wir sahen eines Tags einen Mann bei uns, der einen längeren Bart als seine Genossen trug; als er sich am nächsten Tage wieder einstellte, bemerkten wir, daß er seinen Bart gekürzt hatte. Bei näherer Untersuchung fand sich, daß die Spitzen des Barthaares abgesengt waren. Aus diesem Umstande, und weil wir niemals ein Messer bei ihnen sahen, schlossen wir, daß sie ihre Haare zu der von ihnen gewollten Kürze abzusengen pflegen.
Beide Geschlechter gehen ganz nackt, was ihnen sowenig unanständig vorkommt, wie uns die Entblößung des Gesichtes und der Hände. Ihr Hauptschmuck besteht in einem Vogelknochen, den sie durch den zu diesem Zweck durchbohrten Nasenknorpel stecken. Wie diese unbequeme, unschöne, schmerzhafte Mode unter ihnen entstehen konnte, konnten wir nicht ergründen. Diese Mode, die ihnen ein schreckliches Aussehen verleihen sollte, war ihnen selbst so lästig, daß sie den Knochen nur bei besonderen Gelegenheiten in der Nase trugen, denn er ist 5 bis 6 Zoll lang, reicht über das ganze Gesicht, verstopft beide Nasenlöcher, zwingt sie ständig den Mund offen zu halten und behindert sie sogar derart im Sprechen, daß sie sich selbst kaum verstehen können. Der Matrosenwitz taufte diesen Schmuckknochen »die blinde Rahe«, und wir hatten Mühe ernst zu bleiben, wenn sich die Herren Wilden mit der blinden Rahe in der Nase einstellten.
Als weitere Schmuckstücke tragen unsre Wilden noch Muschelhalsbänder, Armbänder aus Schnüren am Oberarm, sowie eine aus Menschenhaar geflochtene Schnur um den Leib. Die Gecken unter ihnen besitzen noch Muschelbrustbänder, die von den Schultern über die Brust getragen werden. Außerdem bemalen sie die Schmutzkruste ihres Körpers mit weißer und roter Farbe; mit der roten schmieren sie sich große Flecken auf die Schultern und die Brust; mit der weißen Farbe tragen sie schmale Streifen, die über Arme und Beine laufen, und breite Bruststreifen auf, die ziemlich genau gezeichnet sind. Auch legen sie sich weiße Schönheitspflästerchen auf und malen sich weiße Ringe um die Augen, was grotesk genug aussieht. Die rote Farbe war Bergrot, die körnigen Bestandteile der weißen Farbe konnten wir zu unserm Bedauern nicht analysieren.
So erpicht unsre Wilden auch auf ihren Schmuck waren, sowenig machten sie sich aus unsern bunten Bändern, unsern Glaskorallen und anderm europäischem Tand. Von Tausch und Handel hatten sie ebenfalls keine Ahnung. Was wir ihnen gaben, nahmen sie, aber sie konnten nicht begreifen, daß wir gegen unsre Geschenke auch etwas von ihnen im Tausch haben wollten. Übrigens hielten sie ihren Schmuck in so hohem Werte, daß sie ihn uns um alle Güter der Welt nicht überlassen hätten; wir konnten tatsächlich für unsre Sammlung nicht das geringste von ihnen erwerben. Die Gleichgültigkeit gegen unsre Schätze war auch die Ursache, daß sie nichts stahlen. Hätte sie danach gelüstet, so würden sie uns bestohlen haben, so aber warfen sie unsre Geschenke achtlos in den Wald, wo sie Herr Banks wieder auffand. Die tiefen Narben, die unsre Wilden, die sich einer kernigen Gesundheit erfreuten, an ihrem Körper trugen, waren, wie sie uns durch Zeichen verständlich machten, sogenannte Trauernarben, die sie sich aus Trauer über den Tod ihrer Lieben selbst beibrachten.
Ihrem Charakter als Nomaden entsprechend bauen sich unsre Wilden so erbärmlich primitive, unzulängliche Hütten, daß die der Feuerländer wahre Paläste dagegen sind. Ihre Hütten sind kaum so hoch, daß ein Mann aufrecht darin sitzen kann, und so ungenügend lang, daß sich keiner darin lagern kann. In diesen elenden Löchern fanden wir sie oft zu vieren, in gekrümmter Lage, die Knie am Kopf; vor der offenen Seite ihrer Hütte, deren Wand stets gegen den Wind gerichtet war, brannte zum Schutz gegen die Moskitos ein qualmiges Feuer; sie blieben immer nur so lange an einem Orte, bis sie der Hunger vertrieb. In den wärmeren Gegenden und auf den Inseln bauten sie ihre Hütten mit der Öffnung gegen den Wind. Interessant ist, daß sie, obschon sie keinerlei Kochgeschirre haben, doch das von ihnen erjagte Fleisch nie roh verschlangen, und daß sie es mit frappanter Sicherheit verstanden, sich Feuer zum Rösten ihres Wildes und ihrer Fische zu verschaffen. Um Feuer zu erhalten, nehmen sie einen acht Zoll langen dürren Stock, den sie spitzen. Mit dieser Spitze quirlen sie ein flaches Stück Holz so emsig, daß das Holz in weniger als zwei Minuten glimmt. Den Funken wickeln sie in eine Handvoll dürren Grases, und damit rennen sie gegen den Wind. Dann geben sie das glimmende Büschel in die Streu; einige Sekunden darauf brennt sie lichterloh. Auf diese Weise sahen wir sie oft an verschiedenen Stellen Feuer anmachen; sie nennen das den Feuerlauf, der ihnen gleichzeitig zur Unterhaltung dient. Wir beobachteten einen solchen Feuerläufer und sahen, daß an jeder Stelle, wo er sich bückte, um den Funken niederzulegen, bald eine Flamme loderte. Es schien uns, daß die Wilden durch den Feuerlauf die Känguruhs, die sich vor dem Feuer außerordentlich fürchten, durch dieses einkreisen, um sie desto leichter zu erjagen; eine andre Erklärung des wegen der Dürre der Grasflächen so gefährlichen Sportes fanden wir nicht.
Die Waffen unsrer Wilden bestehen aus Lanzen von verschiedener Größe und Art. Wir sahen Lanzen mit vier Spitzen oder Zinken, die mit Widerhaken versehen waren. Die einzelnen Spitzen waren mit einem harten und glatten Harz überzogen, wodurch sie tiefer in den Gegenstand eindringen, den sie treffen. In den nördlichen Gegenden der Küste hat die Lanze, deren Schaft aus einem geraden Rohr besteht, nur eine Spitze. Der Schaft ist aus mehreren Stücken in der Gesamtlänge von 8–14 Fuß zusammengesetzt, die Spitzen bestehen entweder aus Fischgräten oder aus hartem Eisenholz. Wir sahen verschiedene Lanzen, die den Stachel des Stechrochens als Spitze hatten; die Widerhaken waren sehr sinnreich an den Stacheln befestigt. Die Widerhaken der Holzspitzen bestanden aus scharfen Muschelstücken, die in das Holz hineingebohrt und mit Harz befestigt waren. Erklärlicherweise ist diese Waffe außerordentlich gefährlich, denn entweder bleiben die Widerhaken im Fleische stecken oder die Wunde wird beim Herausnehmen des Geschosses furchtbar zerfetzt. Mit der Hand werfen die Wilden 30 bis 60 Fuß weit, mit ihrem Wurfstock dagegen bis auf 150 Fuß; sie treffen damit ihr Ziel ebenso sicher wie wir mit unsern Gewehren. Außer diesen Lanzen besitzen sie keine Offensivwaffen; wir sahen nur einmal in weiter Entfernung einen Mann, der mit Pfeil und Bogen bewaffnet schien, allein wir können uns auch geirrt haben; jedenfalls sind Pfeil und Bogen nicht allgemein im Gebrauch. Als Schutzwaffe dient ein Schild aus starker Baumrinde; wir fanden oft Bäume, an denen die Rinde genau in der Größe eines Schildes herausgeschält war.
Die Kähne dieses Volkes sind ebenso primitiv wie ihre Hütten. An der Botanybai bestehen sie aus Baumrinde, im Norden dagegen aus ausgehöhlten Baumstämmen. Hier waren sie 14 Fuß lang, sehr schmal und mit einem Seitenrahmen versehen, der das Umkippen verhinderte.
Auf welche Weise die Wilden, die keinerlei Werkzeuge besitzen, ihre Bäume fällen, konnten wir nicht in Erfahrung bringen; daß ihnen das primitive, schlecht gearbeitete Steinbeil, in dessen Besitz wir sie fanden, dazu diente, schien uns unglaublich. Zum Glätten ihrer Ruder, Lanzen und Wurfstöcke bedienen sie sich der scharfen und rauhen Blätter einer Feigenart, mit denen sie das Holz ebenso scharf angreifen wie unsre Schreiner mit dem Schachtelrohr. Mit solchen Werkzeugen einen Kahn zu bauen ist eine Leistung, die wir nicht genug bewundern konnten; unser Schiffszimmermann hielt die Sache geradezu für unmöglich.
Durch welchen Umstand die Zahl der Eingeborenen, vorzüglich aber der Weiber, in diesem Lande so zurückgegangen ist, daß man beinahe von einem Aussterben sprechen kann, ist uns ein Rätsel geblieben. Ob sie Kannibalen sind wie die Neuseeländer, ob sie durch Seuchen oder durch Kriege so dezimiert wurden, wie sie es sind, konnten wir ebenfalls nicht erfahren. Mit Ausnahme der zwei tapfern Wilden, die uns in der Botanybai an der Landung verhindern wollten, betrugen sich uns gegenüber fast alle Eingeborenen so scheu und feige, daß wir sie mit dem besten Willen nicht für kriegerisch halten können. Auch fanden wir unter ihnen niemand, an dessen Körper wir die Zeichen seiner kriegerischen Tapferkeit entdeckt hätten. Jedenfalls schien uns der Krieg nicht die Ursache des auffallenden Mangels an Menschen in diesem Lande zu sein.
[7] Die heutige Torresstraße.