Zwölftes Kapitel.
Fahrt durch die Endeavourstraße. — Abenteuer während der Fahrt. — Kranke an Bord. — Savu. — Kleinliche Schikanen. — Sitten und Gebräuche.
Ich hatte anfänglich die Absicht, so lange nach Nordwest zu steuern, bis ich die südliche Küste von Neuguinea erreichte, wo ich einlaufen wollte. Da ich aber auf diesem Wege gefährliche Klippen und Bänke antraf, so änderte ich meinen Kurs, um tieferes Wasser zu finden, und dies gelang mir auch nach Wunsch. Schon am Mittag segelten wir in einer Tiefe von 17 Klaftern. Land war nirgends zu sehen; wir setzten unsern Kurs bis Sonnenuntergang fort und fanden eine Tiefe von 23–27 Klaftern. Als es Nacht wurde, kürzten wir die Segel und lavierten acht Stunden gegen den Wind. Bei Anbruch des Tages setzten wir alle Segel auf und steuerten erst gegen Westnordwest, dann gegen Nordwest, und zwar den ganzen Tag über. Bei Sonnenuntergang kürzten wir die Segel wieder und steuerten hart am Winde gegen Norden. Um 8 Uhr des Morgens wendeten wir und steuerten gegen Süden; um 12 Uhr richteten wir unsern Kurs wieder nach Norden; je weiter wir kamen, desto seichter wurde die See. Sobald es Tag wurde, setzten wir alle Segel auf und steuerten auf die Küste von Neuguinea hin. Die Wassertiefe war bis auf 12 Klafter gefallen. Am Abend flatterte ein kleiner Vogel um das Schiff; als es dunkel wurde, setzte er sich auf die Wand, wo wir ihn erhaschen konnten.
Wir setzten unsern Lauf gegen Norden bis zum 3. September fort, und zwar hielten wir uns der Untiefen wegen der Küste von Neuguinea so fern, daß wir sie vom Schiffe aus nur undeutlich sehen konnten. Unsre wiederholten Landungsversuche schlugen fehl. Wir verloren so sechs Tage, und da wir den südöstlichen Passatwind, der uns nach Batavia führen sollte, nicht länger unbenützt lassen wollten, so beschlossen wir, in der Pinasse ans Land zu rudern. Der Wind, der vom Lande wehte, führte uns den Duft der Blumen und Baumblüten zu, so daß wir begierig waren, die Vegetation des Landes zu untersuchen. Um 9 Uhr legten wir in einer Entfernung von 3–4 Meilen von der Küste bei. Ich ließ sofort die Pinasse aussetzen, ging mit Banks und Dr. Solander an Bord und ruderte dann mit noch zwölf bewaffneten Leuten ans Land. Allein das Wasser wurde so seicht, daß wir ungefähr 600 Fuß von der Küste stecken blieben; wir ließen also das Boot unter der Obhut von zwei Matrosen zurück und wateten ans Land. Wir hatten vorher noch keine Anzeichen davon gefunden, daß das Land in dieser Gegend bewohnt wäre. Jetzt entdeckten wir im Sande hart am Ufer Fußspuren, die noch frisch waren. Da die Bewohner von Neuguinea von verschiedenen Reisenden als kriegerisch, grausam und hinterlistig geschildert waren und der Urwald ihnen die gefährlichsten Verstecke bot, so erforderte es die Klugheit, vorsichtig zu sein, um nicht in einen Hinterhalt zu fallen und vom Boote abgeschnitten zu werden. Wir drangen daher nicht in den dichten Wald ein, sondern gingen dem Waldsaum entlang bis zu einem Haine von Kokosbäumen, die voller Früchte hingen. Unterhalb des Haines befand sich, in der Nähe eines Baches mit salzigem Wasser, eine verlassene Hütte; sosehr uns auch die Früchte locken mochten, sowenig schien es uns ratsam, sie zu brechen. Nicht weit davon fanden wir einige Bataten- und Brotfruchtbäume. Wir waren jetzt etwa eine englische Meile vom Boote entfernt. Plötzlich, ehe wir uns dessen versahen, kamen drei Indianer mit Kriegsgeheul aus dem Walde heraus auf uns zu. Der vorderste schleuderte etwas nach uns, das wie Schießpulver brannte, aber keinen Knall von sich gab; die beiden andern schleuderten ihre Lanzen. Wir feuerten sofort mit Schrot auf sie, trafen aber anscheinend niemand, denn wenn sie auch erschreckt stehenblieben, so warfen sie doch wieder ihre Lanzen nach uns. Wir luden unsre Gewehre mit Kugeln und feuerten zum zweitenmal. Wir mußten getroffen haben, denn sie ergriffen jetzt in aller Schnelligkeit die Flucht, worauf wir uns langsam nach dem Boote hin zurückzogen. Während wir der Küste entlang schritten, machten uns die Leute im Boote darauf aufmerksam, daß etwa 1500 Schritte von uns entfernt auf einer Landspitze die Indianer sich in großer Anzahl versammelten. Wir wateten sofort nach dem Boote, während sie untätig auf der Landspitze blieben, ohne uns zu belästigen. Als wir im Boote waren, ruderten wir auf sie zu; ihre Anzahl war etwa auf hundert angewachsen. Mit Muße beobachteten wir sie und fanden, daß sie viel Ähnlichkeit mit den Neuholländern hatten; sie waren von derselben Größe, trugen die Haare wie jene und gingen vollständig nackt. Die Hautfarbe schien etwas heller, ein Kaffeebraun zu sein. Wahrscheinlich waren sie reinlicher als die Wilden der Botanybai. Während wir vor ihnen hielten, forderten sie uns unter beständigem Geheul heraus, wobei sie ihr Feuer abbrannten. Was das für ein Feuer war, welchem Zweck es diente und wie es abgebrannt wurde, konnten wir nicht sehen. Wir sahen nur, daß sie ein kurzes Rohr in der Hand hielten und es ein paarmal im Kreise herumschwenkten, worauf aus dem Rohre Feuer und Rauch hervorkamen. Obwohl kein Knall zu vernehmen war, machte die Sache vom Schiff aus den Eindruck, als feuerten sie richtige Gewehre ab; unsre Leute glaubten in der Tat, die Wilden hätten Feuerwaffen. Nachdem wir sie in Muße betrachtet hatten, ohne uns durch ihr Blitzen und ihr Geheul stören zu lassen, schossen wir unsre Gewehre über ihre Köpfe ab. Als sie die Kugeln in den Bäumen rasseln hörten, zogen sie sich langsam zurück. Wir ruderten dann nach dem Schiffe. Die Lanzen, die sie nach uns geworfen hatten, bestanden aus Bambusrohr mit einer Spitze aus Eisenholz, die mit Widerhaken versehen war. Die Wilden schleuderten ihre Lanzen mit ungeheurer Kraft, denn obwohl sie fast 200 Fuß von uns entfernt waren, so flogen die Geschosse doch weit hinter uns. Wir nahmen daher an, daß sie Wurfstöcke verwenden.
Als wir an Bord des Schiffes waren, ließ ich sofort westwärts steuern, denn ich hatte keine Lust, meine kostbare Zeit noch länger an dieser Küste zu verlieren. Das Schiffsvolk jubelte über diesen Befehl. Zu meinem Leidwesen rieten mir meine Offiziere, eine Abteilung Matrosen ans Land zu schicken und die Kokosbäume fällen zu lassen. Das wäre nicht ohne Blutvergießen abgegangen; und wegen einiger Nüsse setze ich kein Menschenleben aufs Spiel. Dergleichen blutige Auftritte sind mir zuwider, und selbst wenn ich Mangel an allem gelitten hätte, so wäre es mein letztes gewesen, Gewalt anzuwenden und Menschen zu töten, um sie ihres Eigentums zu berauben. Auch fehlte es mir an der Zeit, denn das Schiff war so leck, daß es noch fraglich war, ob wir es nicht in Batavia gründlich ausbessern lassen müßten. Und dies war der Hauptgrund, weshalb wir Eile nötig hatten. Außerdem hatten wir in einer Meeresgegend, wo es nichts mehr zu entdecken gab, keine Zeit zu verlieren.
Am 17. September erblickten wir morgens um 6 Uhr eine Insel in Westsüdwest. Anfangs glaubte ich eine neue Entdeckung gemacht zu haben; als wir aber um 10 Uhr an der Nordseite waren, sahen wir Häuser und Schafherden auf der Insel, die von den Eingeborenen Savu genannt wird und zu den Kleinen Sundainseln zählt — für Leute in unsern Umständen Grund genug einzulaufen. Und so beschloß ich denn, der Kranken wegen, die mir nicht verzeihen konnten, daß ich vor Timor nicht beilegen wollte, hier vor Anker zu gehen und mit den Bewohnern dieser Insel, die mit allem, was wir so dringend nötig hatten, reichlich versehen waren, in Verbindung zu treten. Die Pinasse wurde also ausgehoben, und der zweite Schiffsoffizier Gore wurde abgeschickt, um einen Ankerplatz für das Schiff ausfindig zu machen. Kaum war er fort, so erblickten wir zwei Reiter, die das Schiff mit großem Interesse betrachteten. Aus diesem Umstand schlossen wir, daß sich auf der Insel Europäer befänden, wodurch wir uns aller Weitläufigkeiten enthoben wähnten. Unterdessen landete Gore in einer kleinen, sandigen Bucht, an der etliche Häuser standen. Wir beobachteten, daß ihm ein Dutzend Eingeborener entgegenging. An Gestalt und Kleidung waren sie den Malaien ähnlich. Auch trugen sie wie diese ein Messer im Gürtel. Einer von ihnen führte einen Esel bei sich. Wir sahen, daß sie Herrn Gore freundlich einluden ans Land zu kommen, und daß sie sich mit Zeichen verständlich zu machen suchten. Kurz darauf kam er an Bord und teilte uns mit, daß es in dieser Gegend keinen Ankerplatz für das Schiff gebe. Ich sandte ihn wieder ans Land und gab ihm Geld und Waren mit, um einige Erfrischungen für die Kranken einzukaufen. Dr. Solander ging zur Begleitung mit. Inzwischen lavierte ich mit dem Schiffe hin und her; ich mochte ungefähr eine Meile vom Land entfernt sein. Das Boot war noch nicht am Lande, da erblickten wir zwei Reiter, von denen der eine ganz nach europäischer Art gekleidet war; sie schienen ihre ganze Aufmerksamkeit dem Schiffe zu schenken. Sobald Herr Gore und Dr. Solander aus dem Boote stiegen, versammelten sich um sie einige Leute zu Pferd und eine große Menge Fußgänger. Wir sahen, daß man ihnen einige Kokosnüsse ins Boot trug, ein Anblick, der uns das Beste hoffen ließ.
Nach 1½ Stunden signalisierte uns Herr Gore, daß sich leewärts eine Bai befinde, in der wir ankern könnten. Wir steuerten sofort dahin; das Boot folgte uns, und die beiden Herren kamen an Bord. Gore berichtete, daß er einige der Vornehmen des Landes gesprochen, und daß man ihm die Kokosnüsse als Geschenk überreicht habe. Auch erzählte er, auf welch umständliche Weise er von dem Hafen Nachricht erhalten hätte.
Um 7 Uhr des Abends erreichten wir die Bai und gingen daselbst eine Meile weit vom Land in 38 Klaftern Wasser auf reinem Sandboden vor Anker. Als wir um die nördliche Landspitze segelten, erblickten wir eine Stadt, weshalb wir eine Flagge aufzogen. Es dauerte nicht lange, so wurden in der Stadt gleichfalls Flaggen aufgezogen, und zwar zu unsrer Verwunderung holländische; zur gleichen Zeit wurden drei Kanonenschüsse abgefeuert. Bei Anbruch des folgenden Tages bemerkte ich auf dem Strande uns gegenüber einige aufgezogene holländische Flaggen. Da ich nun annehmen mußte, daß die Holländer hier eine Kolonie hätten, so schickte ich Herrn Gore in großer Uniform ans Land, um dem Statthalter oder dem Residenten unsre Aufwartung zu machen und ihm zu melden, wer wir wären und was uns gezwungen hätte, diese Küste anzulaufen.
An der Stelle, wo Herr Gore landete, fand er eine Wache von dreißig Eingeborenen, die mit Musketen bewaffnet waren; der Befehlshaber der Wache meldete sich und geleitete ihn mit wehender Fahne nach der Stadt, wo er dem Rajah, d. i. dem Könige der Insel, vorgestellt wurde. Gore stattete mit Hilfe seines portugiesischen Dolmetschers seine Meldung ab: daß der Endeavour ein dem Könige von Großbritannien gehöriges Kriegsschiff sei, viele Kranke an Bord habe und für diese Kranken Erfrischungen aller Art einzukaufen wünsche. Der Rajah erwiderte höflich, daß er persönlich gerne bereit wäre, uns mit allem, was wir verlangten, zu versorgen; weil er aber mit der Holländisch-Indischen Kompanie ein Bündnis abgeschlossen hätte, so müsse er, ehe er mit uns in Handelsverbindung trete, dem Residenten der Kompanie, der der einzige weiße Mann auf der Insel sei, Kenntnis von unserm Anliegen geben. Er schickte sogleich einen Brief an den Residenten, der in der Nähe der Stadt wohnte, während Herr Gore einen Boten an mich abfertigte, um mir von dem Verlauf der Verhandlungen Kenntnis zu geben. Nach einigen Stunden beantwortete der Resident den Brief in Person, und wir erfuhren bei dieser Gelegenheit, daß er ein geborener Sachse war und Johann Christoph Lange hieß. Er war der Reiter in europäischer Tracht, den wir vom Schiff aus beobachtet hatten. Der Resident kam Herrn Gore außerordentlich liebenswürdig entgegen und versicherte ihm, daß er seinerseits unsern Einkäufen in jeder Weise förderlich sein werde. Auch äußerte er den Wunsch, das Schiff zu besichtigen. Als der Rajah denselben Wunsch äußerte, erbot sich Herr Gore sofort, die Herrschaften an Bord zu geleiten. Um 2 Uhr erschien Gore mit seinen Gästen an Bord. Da unser Mittagsmahl gerade zubereitet war, so luden wir sie ein daran teilzunehmen. Der Rajah schien verlegen und meinte, er könne es nicht glauben, daß wir ihm erlauben wollten, sich neben uns zu setzen, da wir doch weiße Männer wären und er ein farbiger sei. Wir beruhigten ihn, und nun setzten wir uns heiter und fröhlich zu Tisch. Um Dolmetscher waren wir nicht verlegen. Dr. Solander verstand so viel Holländisch, sich mit dem Residenten unterhalten zu können; einige unsrer Matrosen konnten sich mit dem Rajah verständigen, der portugiesisch sprach. Unsre Mahlzeit bestand aus Hammelfleisch, was den Rajah veranlaßte, sich ein englisches Schaf auszubitten. Obwohl wir nur noch ein einziges Exemplar an Bord hatten, wurde ihm die Bitte bewilligt; auch seine Bitte um einen englischen Hund konnte erfüllt werden, indem ihm Herr Banks sein Windspiel verehrte. Der Resident erhielt auf seinen Wunsch ein Fernglas zum Andenken. Hierauf erzählten uns unsre Gäste von dem großen Reichtum der Insel an Ochsen, Schafen, Schweinen und Federvieh, von dem wir so viel erhalten könnten als wir gebrauchten. Der Becher kreiste öfter als der Rajah und der Resident vertragen konnten; doch hatten sie so viel Gewalt über sich, daß sie sich noch rechtzeitig entfernten. Unsre Seesoldaten machten die Honneurs. Der Rajah wollte einige militärische Übungen sehen. Man willfahrte ihm und ließ drei Salven abfeuern. Das erste Mal, als er die Präzision bemerkte, womit die Soldaten den Hahn spannten, anschlugen und feuerten, schrie er vor Bewunderung laut auf. Als die Gäste vom Schiff abfuhren, wobei ihnen Herr Banks und Dr. Solander das Geleite gaben, feuerten wir zu ihren Ehren neun Kanonenschüsse ab.
In der Stadt wurden die Herren Banks und Dr. Solander von dem Rajah mit süßem Palmwein bewirtet. Dieses Getränke ist nichts anders als der Saft, der aus der angebohrten Palmknospe träufelt; er schmeckt süß, aber nicht unangenehm. Dr. Solander verordnete ihn sofort unsern Skorbutkranken, nachdem er zu diesem Zweck einige Krüge davon gekauft hatte. Am nächsten Morgen stattete ich mit den Herren Banks und Dr. Solander sowie den ersten Offizieren dem Rajah einen Gegenbesuch ab, um gleichzeitig einige Ochsen, Schafe und Federvieh von ihm einzuhandeln. Darauf besuchten wir die von der Holländisch-Indischen Kompanie erbauten Gebäude. In dem größten trafen wir Herrn Lange und den Rajah, der Ae Mädocho Lomi Dära hieß und diesmal mit seinem ganzen Hofstaat erschienen war. Als wir dem Residenten vorschlugen, einen Tauschhandel zu etablieren, wies er uns an die Eingeborenen und empfahl sich unter irgendeinem Vorwand. Der Rajah lud uns zu Tisch ein, was wir annahmen. Den Wein stellten wir. Das Essen bestand aus Reis und Schweinefleisch, das auf verschiedene Weise zubereitet worden war und in 36 Schüsseln aufgetragen wurde. Nach der Landessitte nahm der Rajah nicht daran teil; ihn vertrat sein Premierminister. Auch der Resident erschien wieder und wohnte der Festlichkeit bei. Die verschiedenen Gerichte mundeten ausgezeichnet; auch die verschiedenen Suppen, die dazu gereicht wurden, waren vorzüglich. Die aus Blättern verfertigten Löffel, deren wir uns bedienen mußten, waren zu klein, so daß nur wenige die Geduld besaßen, sich ihrer zu bedienen. Nach Tisch begaben wir uns, um uns den Freuden des Weines zu ergeben, in einen andern Raum, während die Matrosen unsre Plätze einnahmen, um die Reste unsres Menüs zu verzehren, was ihnen unmöglich war, so reichlich wurde aufgetischt. Die Frauen und Mädchen, die die Speisen auftrugen, nötigten unsre Leute, das, was sie nicht verzehrten, mitzunehmen.
Wir aber saßen fröhlich beim Wein! Und da der Wein die Zunge löst und das Herz fröhlich macht, so brachten wir das Gespräch wieder auf unsre Angelegenheiten, den Einkauf von Ochsen usw. Unser sächsischer Holländer setzte jetzt eine Amtsmiene auf und erklärte, von seinen Vorgesetzten den Befehl erhalten zu haben, uns nur mit dem Nötigsten zu versehen und einen längeren Aufenthalt nicht zu gestatten. Wir hielten diesen Befehl für eine Fabel, ersonnen, uns zu brandschatzen, und beschlossen dem vorzubeugen. In der Tat war das für uns bestimmte Vieh vom Markte abgetrieben worden. Wir beschwerten uns sehr energisch bei dem verräterischen Residenten, der uns scheinheilig vertröstete. Der Rajah machte uns Hoffnung für den nächsten Tag, an dem wir wieder auf dem Markt erschienen, wo ein kleiner Ochse angetrieben war, für den fünf Guineen, zweimal soviel als das Tier wert war, verlangt wurden. Wir boten drei und erhielten den Zuschlag unter der Bedingung, daß der Rajah den Kauf gestatte. Dr. Solander war inzwischen zu dem Residenten gegangen, um dort vorstellig zu werden; er kam in Begleitung von etwa 100 Bewaffneten zurück und meldete mir, daß uns der Rajah den Kauf verbiete, weil wir seine Leute übervorteilten. Wir bezweifelten nicht, daß dieser Befehl auf den Residenten zurückzuführen war, der sich auf erpresserische Weise an uns bereichern wollte, was er am besten dadurch zu erreichen hoffte, daß er die Eingeborenen vom Markt vertreiben ließ. In diesem Augenblick erkannte ich den alten Premierminister des Rajahs und sah ihm an, daß er das Verfahren des Vertreters des Residenten mißbilligte. Ich begrüßte ihn und schenkte ihm einen Soldatendegen; er nahm den Degen mit Entzücken, schwenkte ihn über dem Kopf des Portugiesen und befahl ihm und dem Offizier der Wache, sich hinter ihn zu setzen und ruhig zu sein. Ein Zeichen des alten Herrn, und der Markt war mit einem Male wieder belebt. Wir konnten einkaufen und eintauschen, was wir wollten; wir erhielten sogar im Tausch die größten Ochsen gegen alte Flinten.
Savu ist von Osten nach Westen ungefähr acht Seemeilen lang und überaus fruchtbar. Die Einwohner sind im großen und ganzen eher klein als groß; besonders aber sind die Frauen klein und in einem gewissen Alter untersetzt. Die Vornehmen sind von lichter, hellbrauner Farbe; die Haut der gewöhnlichen Leute, die viel in der Sonne arbeiten, ist fast so dunkel wie die der Eingeborenen von Neuholland. Die Männer sind körperlich schön gebaut; ihre Gesichtsbildung ist verschieden. Die Frauen dagegen sehen einander so ziemlich ähnlich; sie binden ihr Haar nach hinten in einen dichten Busch zusammen, eine Mode, die sie nicht verschönt. Die Männer tragen ihr langes Haar mit einem Kamm auf dem Kopfwirbel zusammengesteckt; beide Geschlechter epilieren ihr Haar unter der Achsel, die Männer sogar den Bart. Zu diesem Zwecke tragen die Vornehmen eine kleine silberne Zange bei sich, die an einer Zierschnur um den Hals hängt. Die Stutzer tragen einen winzigen Schnurrbart, der die Hälfte der Oberlippe von der Nasenwurzel aus bedeckt. Männer wie Frauen kleiden sich in blauen, wolkenmäßig schattierten Kattun, den sie selbst weben. Zwei Stücke Kattun in Länge von 6 und Breite von 5½ Fuß reichen zur vollständigen Kleidung; das eine dient als Ober-, das andre als Unterkleid. Arme, Beine und Füße bleiben unbekleidet. Die Frauen tragen ihr Haar frei, während die Männer eine Art von Turban um den Kopf wickeln. Auffallend ist ihre Vorliebe für Schmuck, echten und unechten. Die Vornehmen tragen goldene oder vergoldete Ketten um den Hals, Ringe an den Fingern, Korallenschmuck, Armbänder und Ohrgehänge von überladenem, oft protzenhaftem Umfang. Die Söhne des Rajahs trugen als Zeichen ihrer Würde Schlangenarmbänder um den Oberarm. Außerdem schmückten sich Männer und Frauen mit Tätowierungen an den Armen; bei den Frauen waren es meist Quadrate, bei den Männern Namenszüge. Die unverkennbare Ähnlichkeit dieser Zeichen mit denen, die sich die Südseeinsulaner einzutätowieren pflegen, war überraschend; über den Ursprung dieser gemeinsamen Unsitte vermochten wir natürlich Bestimmtes nicht zu erfahren; sie ist traditionell wie die Erbsünde.
Die Häuser auf dieser Insel sind nach einem System und je nach dem Range und dem Vermögen ihrer Besitzer kleiner oder größer erbaut; sie sind auf Pfeilern und Pfosten ungefähr 4 Fuß hoch über dem Erdboden errichtet. Das schräge, mit Palmblättern gedeckte Dach reicht bis auf 2 Fuß gegen den Fußboden hinunter. In jedem Hause befindet sich ein von den übrigen Räumen abgesondertes Frauengemach. Der Haustrunk auf Savu und auf den übrigen Sundainseln ist der auf sinnreiche Weise von der Fächerpalme gezogene Palmwein, der Toddy. Um ihn zu gewinnen, schneiden die Eingeborenen die Knospen der geschlossenen Blüten auf, unter die man kleine, aus Blättern so dicht geflochtene Körbchen hängt, daß nichts hindurchtropfen und der aus den Knospen laufende Saft gesammelt werden kann. Zur Einsammlung dieses Saftes sind gewisse Leute bestellt, die morgens und abends auf die Bäume klettern und die Sammelkörbchen in einen großen Behälter leeren. So groß auch die Quantitäten dieses Weines sein mögen, die die Insel selbst verbraucht, so ist doch die Ernte immer noch größer, weshalb der überschüssige Saft zu Syrup, der Gula, eingekocht wird, deren heilende Wirkung wir an unsern Kranken beobachten konnten. Mit Reis gemischt dient die Gula zur Mästung der Schweine und des Geflügels. Die Blätter der Fächerpalme dienen zur Herstellung von Körben, Bechern, Sonnenschirmen und — Tabakspfeifen; auch deckt man die Dächer damit.
Männer wie Frauen sind dem häßlichen und schädlichen Laster ergeben, fortwährend Betel und Areka zu kauen, woran sie von Jugend auf gewöhnt werden. Auch mischen sie Betel und Areka mit Muschelkalk und Tabak. Der Tabak verpestet den Atem, und der Betel mit der Kalkmischung greift die Zähne so an, daß sie bald einer ausgebrannten Kohle gleichen. Ich habe junge Männer gesehen, die fast keine Zähne, sondern nur noch ekle, schwarze Zahnstumpen im Munde hatten. Meines Wissens sind viele Schriftsteller der Ansicht, daß es die zähe, faserige Hülse der Arekanuß sei, was die Zähne so verdirbt, allein ich bin andrer Meinung. Ich glaube entschieden, daß der Kalk die Schuld an diesem Übel trägt, denn die Zähne sind nicht abgebrochen oder ausgebissen, wie es sein müßte, wenn das beständige Kauen harter Gegenstände allein in Betracht käme, sondern nach und nach abgefressen wie Metalle, die der Wirkung starker Säuren ausgesetzt sind; ich kann nur der zerfressenden Wirkung des ätzenden Muschelkalks die Schuld geben. Männer wie Frauen sind auch leidenschaftliche Raucher; sie rollen den Tabak und stecken ihn in ein 6 Zoll langes, aus einem Palmblatt verfertigtes Röhrchen. Da sich in ein solches Röhrchen nur sehr wenig Tabak einfüllen läßt, so schlucken sie, um seine Wirkung zu verstärken, den Rauch in die Lunge. Mit Vorliebe tun das wieder die Frauen.
Der Resident versicherte uns, daß das Volk sehr tapfer und kriegerisch sei, und daß die Rajahs der fünf miteinander verbündeten Fürstentümer der Insel 2300 Mann mit Musketen, Spießen, Lanzen, Kriegsbeilen und Schilden bewaffneter Krieger auf die Beine stellen könnten. Die Lanzen sollen sie, wie er uns erzählte, so geschickt zu schleudern wissen, daß sie auf 60 Fuß Entfernung das Herz des Feindes treffen. Inwieweit dieses Zeugnis berechtigt ist, lasse ich dahingestellt. Wir haben nie Leute mit Lanzen gesehen, und die Musketen waren in schlechtem Zustand, außen zwar rein, aber innen vom Rost zerfressen. Von Kriegszucht war bei den sogenannten Truppen keine Spur zu entdecken. Auf dem Marsche liefen sie wie ein Haufen zusammengerottetes Volk einher; der eine trug ein Huhn, der zweite Tabak, der dritte Waren, um sie zu Markt zu bringen; in den Patrontaschen fehlten die Patronen. Die große Kanone vor dem Pseudozeughaus lag auf einem Steinhaufen mit dem Zündloch nach unten. Kriegerisch sah das alles nicht aus.
Die Sklaven gehören hier zum Grundbesitz und werden gut gehalten; ohne Vorwissen des Rajahs, d. h. ohne Urteil, darf kein Sklave gezüchtigt werden. Manche Grundherren haben 500 Sklaven. Wenn ein vornehmer Herr ausgeht, so trägt ihm ein Sklave sein Schwert nach, dessen Griff meist von Silber ist; ein zweiter trägt den Betel- und Tabaksbeutel. Der gewöhnliche Preis für einen Sklaven besteht in einem gemästeten Schwein. Die Religion dieser Leute ist, wie uns der Resident sagte, eine ungereimte Art Heidentums. Jeder wählt sich seinen eigenen Gott. Es gibt beinahe so viel Götter und Götzen als es Eingeborene auf der Insel gibt. Doch ist ihre Sittenlehre rein und verfeinert. Niemand darf mehr als eine Frau nehmen; der uneheliche Verkehr beider Geschlechter ist verpönt. Der Diebstahl ist verachtet. Beleidigungen werden ausschließlich von dem Rajah gesühnt, dessen Urteil allein entscheidend ist.