Verheißung.
Nahe dem bräunlichen Zelt, das kühlumschattet von Mamres[1]
Luftigem Hain, sich erhob, ruht’ Abraham aus in des Mittags
Stund’, und blickte zurück auf das Land voll weidender Heerden,
Wo er sich eben erging, und Segen gewahrte die Fülle.
Thränen des Danks umschimmerten hell ihm die Augen; er hob sie
Freudig zum Himmel empor, und lispelt’ ein leises Gebeth hin.
Doch nun wandt’ er das Haupt: er sah, mit wachsendem Staunen,
Kommen den Hügel herab drei Fremd’ in männlicher Schönheit,
Eng’ verschlungen am Arm, und jetzt noch einen dem andern
Aehnlich an Höhe, Gestalt, und Gesicht, als wäre nur Einer
Von des Glases gebrochenem Strahl dem Auge verdreifacht.
Schwebend däucht’ ihn ihr Gang, und es wichen der Hain und die Fluren
Hinter den Hohen zurück, wie ein Nebelgewölk in des Sturmes
Brausendem Hauch. Doch so, wie im Abendschein vor dem Westwind
Eilend im Fluge dahin, das Gewölk bald purpurn erglänzet,
Bald in dunkelen Schatten verglimmt: so schwand von den Beiden,
Die an der Seite des Herrn[2] als dienende Männer erschienen,
Plötzlich der Hoheit Strahl, und nur er, in der Mitte der Beiden,
Heischte Verehrung durch Huld und Ernst in den herrschenden Blicken.
Abraham fuhr in die Höh’, da es schien, als gingen die Pilger
Eilig vorüber an seinem Gezelt’. Ehrwürdigen Anseh’ns
Schritt er einher, der Hirtenfürst, dem, rings in den Fluren
Canaans, Jung und Alt annahte mit kindlicher Ehrfurcht.
Unter dem schneeigen Bund, gewebt aus der Wolle des Baumes,
Der ihm die Stirn’ und die Scheitel umgab, erglänzten die Augen
Ihm so mild, und der Bart in braun gekräuselten Wellen,
Hüllt’ ihm die Brust umher, von welcher herab zu den Füßen
Sank das häusliche Unterkleid in räumigen Falten.
Doch nun beugt’ er sich tief zum Staub vor den nahenden Fremden,
Stand dann flehenden Blicks, und sprach voll Trauer zu ihnen:
„Winkte nicht Wanderern stets der Eingang meines Gezeltes
Freundlich willkommen zum Gruß, und ihr denkt vorüber zu ziehen,
Ungelabt, jetzt in der Hitze des Tags? O, kommt, und erholt euch
Dort im Schatten des Baum’s! Bald soll im Becken des Wassers
Silberfluth die ermüdeten Füß’ euch, reinend, umspülen,[3]
Und erquicken euch noch, eh’ ihr weiterreiset, ein Stückchen
Brot, mit freudigem Herzen gereicht: denn wahrlich, ein Segen
Ist es von oben, ihr Herrn, daß ihr an dem einsamen Zelt hier
Eueres Dieners vorüber kommt: so mußt’ es sich treffen!“
D’rauf begann der Ein’ in der Mitte der Beiden: „Du ladest
Uns gastfreundlich zu dir: wir folgen dem Rufe mit Freuden.
Stets beglücke dich selbst und die Deinen der Segen des Himmels!“
Also der Fremd’, und eilte sogleich mit seinen Gefährten
Nach dem Gezelt. Sie ruhten im Schatten des säuselnden Eichbaum’s.
Abraham trat nun schnell in das Zelt, und sagte der Gattinn:
„Theuere, nimm drei Maß des feinsten Mehles, und backe,
Wie du’s trefflich gelernt, das Brot für die Fremdlinge draußen,
Die uns der Herr gesandt: denn stets willkommen erscheinet
Uns der Reisend’ allhier, und ihn zu bewirthen, ist löblich.
Aber ich selbst enteile zur Heerd’,[4] und wähle mit Vorsicht
Dort das fetteste Kalb aus der Zahl der andern, daß solches
Dann der wohlerfahrene Knecht bereite zur Nahrung:
Schürend gehörig die Gluth in der Grub’, und, kundig zerstücket,
Legend die saftige Brust und die Schenkel voll reichlichen Fettes,
Auf Steinplatten umher, wo verhüllt, im eigenen Dunst noch
Schneller sich brate das Fleisch zur herzerfreuenden Mahlzeit.[5]
Liebe, nicht soll es dann auch an der labenden Milch uns gebrechen!“
Also enteilt’ er zur Heerd’, und trieb den blöckenden Säugling
Bald in den Hofraum ein, der hinter dem Zelt sich erstreckte,
Wo der treffliche Knecht und die sorgsamwaltende Gattinn
Seines Herrn, mit den Mägden vereint, Alljedes bestellten,
Wie er es ihnen geboth. Er trug nun selber die Speisen:
Käse mit Brot, im zierlichgeflochtenen Korb’, und den Braten
Vor den Fremdlingen auf, und ging, und kehrete wieder,
Bringend im hölzernen Napf die süß’ und geronnene Schafmilch
Eilig zum labenden Trunke heran, und rief dann ermunternd:
„Möchte doch euch, ihr Herrn, es gefallen, von eueres Dieners
Gaben euch nun zu erquicken nach Lust, und zu ruh’n in des Baumes
Schatten allhier, bis uns die heisseren Stunden entfliehen,
Abendkühl’ uns die Stirn’ umweht, und ermüdeten Pilgern
Freudige Kraft einhaucht zur eilegebiethenden Wand’rung.“
Sagt’ es, und ließ sich am Zelteingang vor den Schweigenden nieder.
Als nun diese von Speis’ und Trank, stillschweigend, genossen,
Sprach der Ein’ in der Mitte der Beiden zu Abraham also:
„Trefflich hast du uns heut’ in der einsamen Steppe bewirthet,
Redlicher! Doch verkünd’ uns jetzt: weß Stamm’s und Geschlechtes
Du dich rühmest, und ob du schon lang’ hier wohnest, ein Fremdling?
Heiß ist der Tag; gern weilen wir noch im lieblichen Schatten.“
Jener begann alsbald: „Mit Freuden verkünd’ ich, weß Stammes
Und Geschlechts ich mich rühm’, und woher ich gekommen ein Fremdling:
Denn ich preise dadurch des Ewigen Huld und Erbarmung.
Noch ist die Erde nicht alt; wir schau’n zu den Tagen der Schöpfung
Noch hinauf;[6] doch ach, mit herzbeklemmender Trauer:
Denn nicht ertrug das erst’ erschaffene Paar in des Edens
Himmlischen Auen sein Glück, und ward durch arge Verführung,
Ungehorsam und stolz, und mit allen kommenden Menschen,
Wie der Sünde, so auch der Strafe der Sünde: dem Tod selbst
Unterthan! Weh’ ihm, so der Herr nicht selber den Retter
Ihm aus seinem Geschlechte verhieß![7] Schon blutete Abel,
Sterbend von Bruders Hand; entsetzlich erhob sich auf Erden
Frechheit, Mord, und Verrath, und es tilgte die schreckliche Sündfluth
Bald das Menschengeschlecht ob seiner Vergehungen schnell hin.
Sieh’, und ob auch der Herr den siebenfarbigen Bogen
Hebend empor an des Himmels Gewölb, zum ewigen Zeichen
Seiner Gericht’ ihm wies, so verleitet’ es wieder der Dünkel
Bald zu erneuerter Schuld! Es wurden die stolzen Erbauer
Eines g’en Himmel ragenden Thurms verwirrt, und auf Erden
Rings zerstreut umher: die Väter unseliger Kinder.
Aber es zeugte noch Adam den Seth; aus dem Samen des Frommen
Kam dann Noah zur Welt, der Erhalter der Menschen im Fluthschiff;
Dessen Erzeugter war Sem, und diesem entsproß mein Erzeuger
Terach. Fern in Chaldäas Flur erblickt’ ich mit Nachor,
Und mit Haran, den Brüdern, das Licht der freundlichen Sonne,
Ward gesegnet an Hab’, und mächtig umher in dem Land dort,
Bis der Herr mir geboth: „Zieh’ aus von dem Erbe der Väter,
Aus von dem traulichen Kreis’ der theuern Verwandten: ich will dir
Geben ein herrliches Land zum Besitz, dich erhöhen als Vater
Eines erlesenen Volk’s, und mit dauerndem Segen beglücken:
Denn er komme durch dich auf alle Völker auf Erden!“
Schnell gehorcht’ ich dem Herrn, und zog mit Sara, der Gattinn,
Allen Genossen des Hauses, und Lot, dem Sohne des Bruders
Haran, nach Canaan her, und errichtet’ ihm, früher zu Sichem,
Am Terebinthen-Hain, dann Bethel, zu Ehren, den Altar.“[8]
„Doch einst drückte die Hungersnoth das Land, und wir eilten
Nach Aegypten hinab, als Fremdlinge Rettung zu suchen.
Schwester vom Vater her war mir die Gattinn: ich hieß sie
Schwester im fremden Gebieth’, und als der Ruf von der Schönheit
Sara’s in Pharaos[9] Ohren erscholl, ward sie nach des Herrschers
Hofe geführt, ihm dort als Gattinn die Rechte zu reichen.
Aber der Herr verhängte zuvor erschütternde Strafen
Ueber Pharaos Haupt, daß er schnell sie wieder zurückgab,
Und ich kehrte mit ihr und den Meinen nach Canaans Fluren,
Reich an Silber, an Gold, und landdurchweidenden Heerden.
Nimmer reichte für jene des Lot, und die meinen, des Grases
Menge mehr hin, und wir trennten uns: er bewohnte des Jordans
Wasserreiches Gefild bis Sodomas Marken hinunter;
Mir ward kargeres Land, bei Hebron, am Terebinthen-Hain
von Mamre, zu Theil; doch lohnte mich reichlicher Segen.“
„Drauf entspann sich im Land’ ein Krieg. Die Fürsten[10] verheerten
Sodom, die Stadt, auch Gomorra, und führten Lot mit den Seinen
Schmählich gefangen mit fort. Ich waffnete meine Genossen
Dreihundert an der Zahl, und eilte den Feinden im Nachtgraun
Rastlos nach, bis ich sie, im Lager vom Schlafe bezwungen,
Fand, mit Geschrei angriff, und besiegt’. Erfreuende Kriegsbeut
Sammelt’ ich dann, und gab auch Lot und den Seinen die Freiheit.
Da kam Melchisedek, der König von Salem, und Priester
Gottes, des wahren und einigen; trug herbei in den Händen
Brot und Wein, und begann: „Gesegnet sey von dem Höchsten,
Von dem einen, allmächtigen Herrn der Erd’ und des Himmels,
Abram;[11] doch der Unendliche sey gelobt, daß er jetzt ihm
Gegen die Feinde den Sieg verlieh, auf immer und ewig!“
Schaudernd vor Ehrfurcht sah ich dem Greis’ in die Augen; mich däuchte:
Vor mir stehe, verklärt, ein Vorbild künftiger Zeiten,
Deutend auf Huld zur Rettung der schuldbelasteten Menschheit.
Aber ich gab ihm den zehnten Theil der Beute zum Eigen!“
„Jahr’ entfloh’n — da schwebten mir hehre Gesichte vorüber.
Leise verscholl des Tages Geräusch’, und nächtliche Stille
Sank auf die schlummernde Flur, als ich, vor dem einsamen Zeltthor
Sitzend, mit Trauer im Blick empor zu den schimmernden Sternen
Sah, und zuweilen laut aufseufzte vor inniger Wehmuth:
Denn mein Haar ergraut’, und mir fehlte der Erbe noch immer.
Plötzlich erscholl mir die Stimme des Herrn, erschütternd im Nachtgraun:
„Fürchte dich nicht! Geschirmt von meiner gewaltigen Rechten
Lebst du im Frieden allhier, und sieh’, noch größere Wohlthat
Soll dir werden: du wirst die Völker der Erde beglücken!“
„Herr!“ entgegnet’ ich d’rauf mit tiefbekümmertem Herzen,
„Was erfüllete mir jetzt mehr die Brust an des Lebens
Neige mit Trost? Scheid’ ich doch kinderlos von hienieden,
Und mein Erbe wird dann Elieser, der redliche Diener.“
Wieder erscholl die Stimme des Herrn mit erhebendem Laut mir:
„Nein, nicht dieser — du irrst: dich beerbe dein eigner Erzeugter.
Hebe die Augen empor zu dem leuchtenden Himmel: unzählbar
Siehst du die Stern’ erglüh’n: so zahllos werden die Scharen
Seyn des erlesenen Volk’s, das deinen Lenden entsprießet,
Und dir geb’ ich dieß Land auf immer zum reichen Besitz hin.“
„Herr,“ rief ich, „welch’ Zeichen bestätiget mir die Verheißung?“
„Sieh’, ein Gewittergewölk’ aufthürmte sich plötzlich im Westen,
Endlos; rasch durchfuhr zuweilen der röthliche Blitzstrahl
Seinen dunkelen Schooß, erhellte des rauschenden Bergstroms
Fluthen im weitumschlängelnden Lauf’, und der furchtbare Donner
Rollte dumpf, bald nah’, bald fern’ im Gewölbe des Himmels.
Da geboth mir der Herr: ich solle die Ziege, den Widder,
Und die Kuh’, dreijährig sie all’, als Zeichen des Bundes
Mitten entzwei getheilt, an dem Pfad hinlegen, und diesen,
Unzerstückt, noch die Taub’ und die Turteltaube vereinen:
Wie es zum Sinnbild dient, seit lange, den Bundesgenossen,
Die, inmitten der blutenden Thier’ auf dem Pfad sich begegnend,
Sollten sie freveln am Wort, zu gleicher Strafe sich weihen.[12]
Also geschah’s. Ich setzte mich nun, und verjagte mit Sorgfalt
Von den Geschlachteten dort Raubvögel in wimmelnder Anzahl.
Plötzlich sank ich, verzücket, dahin: es wandelte furchtbar
Sich der Abend in Nacht; noch schrecklicher flammte der Blitzstrahl —
Krachte der Donner umher, und Angst und Beben ergriff mich,
Als die Stimme des Herrn erscholl aus den wetternden Wolken:
„Sieh’, es sollen am Nil dein’ Enkeln als Fremdlinge wohnen
Vierhundert Jahr’ entlang, und, in Sklavenbanden mißhandelt,
Dienen dem Herrscher selbst und dem grausamgesinneten Volk dort;
Aber ich will mich an ihm verherrlichen; reich an Geschenken
Werden sie dann auszieh’n mit ihrem erlesenen Führer.[13]
Doch dir wird in dem spätesten Alter ein Grab in dem Land hier,
Das ich dir geben will, und den Deinen, nach meiner Verheißung.“
Als er gesprochen das Wort, da fuhr, wie aus finsteren Essen,
Qualmender Rauch empor, und die Opferstücke durchbraus’te,
Flammend, die Gluth. Ich erwacht’, und sah noch den Rauch und die Flamme:
Mir zum Zeichen des Bund’s, und unendlicher Huld und Erbarmung.
„Sara, die Gattinn, gebar noch nicht. Nach Kindern verlangend
Wünschte sie selbst, daß Hagar, ihr’ ägyptische Sklavinn,
Fruchtbarer etwa denn sie, mir gebe den Sohn der Verheißung.
Und sie gebar mir nun den Ismael, als sie vertrieben
Erst von der zürnenden Hausfrau, fern aus den einsamen Wüsten
Heim von dem Engel geleitet ward mit freundlichem Zuruf.
Doch der Hehre verkündet’ ihr dort: ein schrecklicher Krieger
Würd’ er seyn mit allen von ihm abstammenden Völkern.[14]
D’rauf erscholl mir die Stimme des Herrn von neuem, gebiethend:
Alle vom Männergeschlecht, nebst mir und Ismael selber,
Freie und Knecht’, und Jung und Alt der Genossen des Hauses
Soll ich beschneiden, und dieß sey dann ein heiliges Denkmaal
Des mit mir geschlossenen Bund’s, auf ewige Zeiten.[15]
Schnell gehorcht’ ich dem Rufe des Herrn, der jetzt mir den Nahmen
Abraham gab, daß ich heiss’: „ein erhabener Vater der Völker.“[16]
Seht, so naht’ ich dem hundertsten Jahr’ des beseligten Lebens!“
Nun erhob sich der Herr mit den beiden Gefährten, und sagte:
„Sprich: wo ist Sara, dein Weib?“ Und Jener: „Sie ruhet im Zelt dort.“
„Wohl,“ so begann dann wieder der Herr, „kehr’ ich nach dem Zeitraum
Eines Jahres zurück, dann soll dir Sara den Knaben —
Ihn, den Sohn der Verheißung und Huld, zur Freude gebären!“
Sara, vernehmend das Wort, dicht hinter der hüllenden Zeltwand,
Lachte für sich leis’ auf, und dacht’ im zweifelnden Herzen:
„Meinem bejahrten Gemahl werd’ ich, die bejahrte, gebären?“
Aber, verweisend, rief der Erhabene jetzt nach dem Zelt hin:
„Sara lachte? Warum denkt sie, noch zweifelnd: wie könnte
Solches gescheh’n, da neun- und neunzig der Jahre sie zählet —
Dir schon hundert entfloh’n? Was wäre vor Gott denn unmöglich?
Ja, ich betheure es dir, erneut: eh’ im rollenden Lauf noch
Euch entschwindet ein Jahr, wird sie den Erben dir geben!“
Jetzo winkt’ er voll Ernst den beiden Gefährten. Sie beugten
Schweigend das Haupt, und zogen den Pfad g’en Sodomas Mauern,
Eilenden Schrittes, hinab. Doch Abraham trat in das Zelt ein,
Warf den Mantel behend’ um beide Schultern und Lenden,
Faßte den Stab, und kam, nach der Sitte des heiligen Gastrechts,
Auch das Ehrengeleit dem Fremdling zu geben. Sie schritten
Langsam erst, dann rasch den Sandpfad fort an dem Berg’ auf,
Der in das herrliche Land am Jordanstrome hinabschaut.
Als sie erreichten die Höh’n, da sah die leuchtende Sonne,
Scheidend, noch einmal mit sanfterglühendem Blick von des Abends
Goldenem Thore heran, und sank hinunter am Erdrand.
Röthlicher Duft umhüllte die Erd’; aufwogte des Jordans
Silberstrom in dem Widerschein des rosigen Aethers;
Aus den Zweigen umher, aus dem Wolkenreich, und dem Saatfeld
Tönete jubelnder Ruf der befiederten Lüftebewohner,
Und unendlicher Staub hob sich aus den weiten Gefilden,
Wirbelnd, empor: denn heim von der ferneren Weide getrieben,
Eilte die blöckende Heerd’, im Gebell des muthigen Schafhund’s
Und im Gesang’ und Schalmeiengetön der fröhlichen Hirten.
Doch nun saßen sie dort, und ruheten. Plötzlich erhob sich
Von dem Boden der Herr, und sah auf Abraham nieder.
Dieser fuhr, erst staunend, und dann von Schauder ergriffen,
Rasch in die Höh’, er wollt’ aufschreien — vermocht’s nicht, und beugte
Nun, auf die Kniee gesunken, die Stirn’, erbebend, zum Boden:
Denn er erkannte den Herrn an dem Blick voll himmlischer Klarheit.
„Abraham,“ also erscholl des Ewigen Stimme dem Frommen,
„Richte dich auf, und horch! Was ich zu vollbringen gesonnen
Bin — wie sollt’ ich es nun vor Abraham bergen, dem Vater
Eines unzähligen Volk’s, in dem der Erde Bewohner
Ehren des Retters Stammherrn einst, und auf den ich vertraue,
Daß er den Seinen mit Ernst einprägen wird: die Gesetz’ all’
Ihres Gottes zu halten; zu thun, was gut und gerecht ist,
Und ich erfüllen könn’ an ihm das Wort der Verheißung.
„Abraham,“ fuhr er dann fort mit erschütternder Stimme, „betrachte
Sodomas Mauern noch und Gomorras drüben im Blachfeld:
Wie sie ragen empor, erhellet vom Schimmer des Abends,
Wie die Gefild umher so schön, so blühend und fruchtbar
Lächeln, als hätte sich dort die Pracht des einstigen Eden
Wieder erneut... und morgen soll, zur Strafe, Zerstörung
Tilgen die beiden Städt’, und die Fluren verwandeln in Wüsten,
Schrecklich anzuschau’n noch kommenden Menschengeschlechtern:
Denn laut schrie von jenen die Sünd’ empor zu dem Himmel,
Und ich gehe nun hin, an den Frevlern Rache zu üben!“
Abraham fuhr zusammen: ihm bebte das Herz vor Entsetzen
Ob der unendlichen Schuld der beiden Städte der Frevler;
Doch in des Frommen Brust wohnt gern versöhnendes Mitleid —
Solches erfüllet’ auch ihn: er nahte dem furchtbaren Richter,
Bleich vor inniger Angst, und rief mit flehendem Blick so:
„Wolltest du, Herr, den Frommen zugleich mit dem Sünder vernichten?
Wären in Sodom vielleicht noch fünfzig Fromme zu finden,
Wie, du würdest sie nicht um der fünfzig willen verschonen?
Nein, du Erbarmer, nein, das wirst du nicht thun: dem Gerechten
Und dem Gottlosen ein und dasselbe Verderben bereiten
So, daß es hieß’: Ein’s sey’s, ob gottlos, oder gerecht wir
Leben! Nicht wirst du, o Herr, der du der Richter des Weltalls
Bist, so richten im Zorn — so wirst du nicht strafen, Erbarmer!“
Sanft entgegnet’ ihm d’rauf der Herr: „So ich fünfzig der Frommen
Fänd’ in der Stadt, soll sie noch um dieser willen verschont seyn.“
Hastig trat jetzt Abraham ihm noch näher, und sagte:
„Hab’ ich zuvor es gewagt — ich, Staub und Asche, zu reden
Vor dem Antlitz des Herrn, und er zürnte nicht, will ich noch einmal
Flehend ihm nah’n! Wenn dort der Gerechten nur vierzig und fünf noch
Lebten — verschonst du sie nicht? So klein ist der Mangelnden Anzahl.“
„Nein,“ sprach wieder der Herr, „nicht treffe sie Fluch und Verderben,
Wenn sie in ihrem Schooß der Gerechten nur vierzig und fünf zählt.“
„Auch um der Zahl von vierzigen nicht?“ rief jener mit Angst auf.
„Auch um der vierzig wegen noch nicht,“ so erscholl ihm die Antwort.
Abraham wandte sich jetzt, vergehend vor Schmerz, von dem Herrn ab,
Stand, und zitterte. Sollt’ er noch einmal es wagen, und flehen
Um Erbarmen, wo ihm schon jegliche Hoffnung dahinschwand?
Dennoch, es sprach der Erhab’ne so mild! begann er, gewendet,
Wieder vor ihm: „Ach, Herr, nicht zürne mir, daß ich zu reden
Mich erkühnte! Vielleicht sind doch noch dreißig — noch zwanzig
Fromme daselbst: willst du auch um dieser willen verschonen?“
„Ja,“ sprach jetzt, nach einigem Zögern zu ihm der Erbarmer,
„Find ich die zwanzig nur, so sey dir die Bitte gewähret!“
Abraham stand verstört. Zwei Mal erhob er die Augen,
Wollte sprechen — umsonst! Die erstarrende Zunge versagt’ ihm
Jegliches Wort; doch endlich rief er mit sterbendem Laut noch:
„Fändest du zehn?“ „Auch dann verschon’ ich,“ so tönte die Antwort.
Jetzt schwand ihm auf immer der Muth: er ließ sich, ermattet,
Nieder im Gras’, verhüllte mit beiden Händen die Augen,
Und ihm rann, wie ein Strom, die Thräne herab von den Wangen.
Sieh’, und als er sich wieder erhob, und forschend umhersah,
Stand er allein: ihm war der Herr entschwunden im Nachtgraun!
Doch wie erfüllete sich das Gottesgericht an den Städten
Sodoma und Gomorra, schon heut’, am dämmernden Morgen?
Beide Gefährten des Herrn (ihm dienende Geister des Himmels)
Nahten in Menschengestalt den Thoren der ersteren, gestern
Noch in dem Abendlicht, und fanden, im Kreise der Richter
Sitzend daselbst, auch Lot.[17] Er ward ein Städtebewohner.
Als er die beiden jetzt gastfreundlich zur nächtlichen Herberg
Führete; d’rauf die schändlichen, gottvergessenen Städter,
Schauend das holde Gesicht und die Jugendanmuth der Fremden,
Schmähliches dort mit entflammter Begier zu verüben entschlossen,
Stürmten das Haus mit Geschrei in todandräuender Anzahl:
Da kämpft’ er mit redlichem Eifer, die wüthenden Frevler
Abzuhalten von ihm, bis jene die himmlischen Bothen
Blendeten so, daß alle herum im Finsteren tappend,
Nicht mehr fanden die Thür’, und heim, entmuthiget, kehrten.
Aber die beiden Gefährten des Herrn ermahneten dringend
Lot, daß er eile sogleich mit der Gattinn vereint und den Töchtern,
Nach den Bergen hinaus, und sich rette von nahem Verderben.
Und da er zögerte, nahm der ein’ ihn bei’m Arm, und der and’re
Führte die Frau mit den Töchtern entlang des offenen Stadtthors
Wölbung, voll Hast, durch Hain und Flur nach dem winkenden Bergpfad.
Sieh’, und eh’ sie ihm nahten, begann der eine der Engel:
„Lot, nun rette dich schnell! Wenn dir dein eigenes Leben
Werth ist, und jenes der Deinen mit ihm, so wende die Augen
Nicht mehr zurück; nicht rast’ in dem Thal; erklimme die Berghöh’n.“
„Herr,“ entgegnete Lot, „nach Zoar, dem sicheren Städtchen
Laß uns zieh’n, uns droht auch dort auf den Höhen Verderben!“
„Wohl, so ziehet denn hin,“ sprach jener, „bis ihr’s nicht erreichet,
Kann ich die Rach’ an den fluchbeladenen Städten nicht üben.“
Laut rief er’s, und entschwand den Augen der flüchtenden Wand’rer
Dann mit dem trauten Gefährten zugleich. Doch jene gedachten
Seines dräuenden Wort’s, und eileten rascher den Pfad fort.
Abraham saß auf den Höh’n, wo er gestern in flehender Stellung
Stand vor dem Herrn, und sah auf die dämmernden Fluren hinunter.
Lieblich weht’ ihn der Frühwind an, und der herrlichste Morgen
Sank vom Himmel herab, zum letzten Male die Gegend
Noch um die Städte herum, zu schau’n, paradiesischer Schönheit:
Ach, denn es solle sie bald unendliche Trauer umhüllen!
Aber schon hob sich der junge Tag, rothwangig, in Osten
Heiter empor. Wie das Kind an dem Busen der zärtlichen Mutter,
Leise geküsset von ihr, erwacht, und mit glänzenden Augen
Schaut, holdlächelnd, umher: so sah er, mit Rosen bekränzet,
Drüben aus Osten heran. Schon glühete heller und heller
Ueber ihm hoch das zarte Gewölk, bis jetzt von dem Erdrand
Plötzlich ein Strahl auffuhr, und d’rauf in erschütternder Hoheit
Sich die Sonn’ erhob, zu beginnen die herrliche Laufbahn.
Sie begrüßte vom Feld, von dem säuselnden Hain und des Himmels
Blauem Gezelt der jubelnde Ruf unzähliger Vögel,
Und die Wälder, die duftende Blum’, und ein jeglicher Grashalm,
Schimmernd im reichsten Schmuck von des Thau’s hellblitzenden Perlen,
Beugten sich ihr in des Lüftchens Hauch, willkommend, entgegen.
Aber ach, da erscholl urplötzlich von Süden herüber,
Furchtbarn Lautes, ein Sturm; da zog im brausenden Eilflug
Her ein schwarzes Gewittergewölk, verhüllte der Sonne
Strahlende Bahn, und umnachtete rings die Städt’ und die Fluren!
Sieh’, und alsbald fuhr, wie im Sommer der prasselnde Hagel
Dicht aus dem Luftraum stürzt, und die Aehrengefilde vernichtet,
Blitz auf Blitz’, im Donnergetümmel, auf jene herunter —
Nimmer rastend, bis sie nicht allein zerstöret im Schutte
Lagen mit allem Volk, das sie bewohnete, sondern
Unterirdische Glut, genährt von Schwefel und Erdharz,
Aus der berstenden Erde herauf, gleich Fluthen getrieben,
Sich auf die Felder ergoß, und rings Verderben zu schau’n war!
Abraham stand, an den Stamm der Eiche gelehnt, vor Erstaunen
Starr, und an jeglicher Nerv’ erbebend vor Angst und Entsetzen;
Hob die Hände zum Himmel empor, und wollte noch einmal
Fleh’n um Erbarmen — umsonst, ihm erstarb der Laut auf den Lippen.
Als er hinab auf den Jammer starrete, wogte der Flamme
Bläulicher Widerschein, erzeugt von des brennenden Schwefels
Odemerstickendem Qualm, auf seinen erblasseten Wangen.
Heiße Thränen umhüllten sie schon: denn Lot’s und der Seinen
Schrecklicher Tod schwebt’ ihm vor den Augen; nicht war ihm die Rettung
Seines Verwandten bekannt, er wähnt’ ihn verloren im Gluthmeer.
Jetzt verstummte der Sturm; die Wolken entschwanden; der Donner
Schwieg. Vom bläulichen Aether herab sah wieder die Sonne
Strahlenden Blick’s; doch ach, sie erhellt’ auf Sodomas Fluren
Und Gomorras nur qualerregende Schau der Zerstörung!
Dort, wo sonst die goldenen Halm’ im Hauche des Lüftchens
Wogten im Feld, die Gärten, mit Edens Reizen geschmücket,
Voll fruchttragender Bäum’ und gewürzreichduftender Blumen
Schimmerten, und auf der Weid’ unzählige Heerden, dem Eigner
Inner den Mauern der Städte zur Lust, sich letzten, bedeckte
Jetzt ein schwärzlicher See die Gefild’, um welchen sich rings her,
Völlig verödet und kahl, die versengeten Ufer erhoben.
Nie durchschwimmt die muntere Schar von gleitenden Fischen
Sein Gewässer: ein todtes Meer[18] genennet der Nachwelt
Noch, wo, bebend, der Wanderer einst die Spuren der Strafen
Gottes: am seichteren Strand aufragende Mauern und Pfeiler
Jener versunkenen Stadt’, umhüllt von harzigem Salzschlamm,
Schaut; im dürren Gefild von kränklichen Zweigen die Frucht bricht,
Die in der Hand alsbald in Staub und Asche zerstiebet,
Und nicht weilet daselbst in der weitumherrschenden Stille:
Denn er fühlt sich ergriffen von Angst und heimlichem Schauder,
Denkend der schrecklichen Schuld und der schweren Gerichte des Himmels.
Schon gedachte der Greis der Heimkehr, als er, verwundert,
Einen ergrauten Mann im Gefolg zwo blühender Mädchen,
Gegen sich kommen sah auf dem Seitenpfade der Felshöh’n.
„Wie,“ so begann er, und rieb sich noch mit den Fingern die Augen,
Klarer zu schau’n, da jen’ ihm naheten, „Lot — und die Töchter
Lot’s, errettet vom Herrn? O, Preis ihm auf immer und ewig!“
Sagt’ es, und ließ sich dann, vor Freude zitternd, im Sandstaub
Nieder, sie dort zu erwarten, bereit, mit Gruß und Umarmung.
Doch nun setzten auch sie, mit zögernden Schritten genahet,
Sich vor ihm hin, und Lot, ergriffen von schrecklichem Herzleid,
Streuete Staub auf sein grauendes Haupt, und weinte; die Töchter
Weinten mit ihm, ihr Aug’ im erhobenen Schleier verbergend.
Aber nach dauerndem Schweigen begann jetzt Abraham also:
„Jammer und Noth ist das Los des Sterblichen hier auf des Lebens
Dornenpfad’. Wohl ihm, so er schuldlos duldet — und dennoch
Muß er obsiegen dem Schmerz mit gottergebenem Herzen:
Dann ist der Trost ihm gewiß, und sicher des Ewigen Beifall.
Zwar ereilte vor uns die sündigen Städtebewohner
Dort entsetzliche Straf’; doch laßt uns gebeugt in dem Staub hier
Ehren die hohen Gerichte des Herrn, und rein uns bewahren
Von Vergehung und Schuld, daß uns nicht ein Gleiches geschehe.
Seine Macht errettete dich mit den Töchtern; nur seh’ ich
Deine Gattinn noch nicht: wird sie mit den Eidamen folgen?“
Furchtbarer schwieg nun Lot; doch endlich kündet’ er, schluchzend
Erst, dann, steigenden Grimm’s, dem Abraham Alles und Jedes,
Was sich mit ihm begab vor Sodoma’s grauser Zerstörung
Wie er die Fremden (die Bothen des Herrn: sie erschienen als Engel
Später ihm erst) gastfreundlich auf, in sein räumiges Haus nahm;
Wie die unendliche Schmach an ihnen das Volk zu verüben
Droht’, und er muthig sie schirmt’ in der Nacht, bis selbes geblendet
Heimzog; wie sie ihn mahnten, dem Gottesgericht zu entfliehen,
Schnell mit der Gattinn vereint, mit den Töchtern und ihren Verlobten,
Und ihn d’rauf, als dies’, ungläubig, verhöhnten die Mahnung,
Faßten am Arm, und die Gattinn zugleich mit den weinenden Töchtern,
Führten hinaus auf das Feld, und dort urplötzlich verschwanden.
„Doch, eh’ solches gescheh’n,“ so sprach er nach einigem Zögern,
„Warnten sie uns zwei Mal mit tieferschütterndem Laut noch,
Daß wir, fliehend, die Blicke nicht mehr zurück nach den Mauern
Wenden, an welchen der Herr, mit all den frechen Bewohnern
Sich zu rächen beschloß, schon jetzt, ob schändlichem Frevel.
Glücklich erreichten wir bald, Zoars, des sicheren Städtchens,
Marken auf eiliger Flucht: ach, da gedachte die Mutter
Meiner Kinder der Eidame noch, und des Goldes und Silbers
Das sie zu retten vergaß, und wandte die Schritte zur Stadt hin!
Plötzlich fuhr im brausenden Sturm ein Donnergewitter
Von dem Himmel herab: der Erd’ entströmte des Schwefels
Feuriger Brodem, vermengt der trübaufschäumenden Salzfluth;
Ueberall barst der Boden entzwei, und, wehe, die Gattinn
Sank, vom Verderben ereilt, in eine der Gruben; die Salzfluth
Brandet’ an ihr empor, und umzog mit harzigen Krusten
Rings die Entseelete so, daß sie, der Säule von Marmor
Gleichend, am Strande des Sees noch jetzo mit Schrecken zu schaun ist!“
Jetzo begann, erneut, vor Abraham Klagen und Weinen;
Aber er rief: „Der Wille des Herrn gescheh’!“ und erhob sich
Von dem Boden, die drei unglücklichen, theuren Verwandten
Heim in das eigene Zelt mit gastlicher Sorgfalt zu leiten,
Doch sie folgten dem Liebenden nicht. Geschreckt von dem Jammer
Unten auf ebener Flur, gedachten sie eine der Höhlen
Auf den felsigen Höh’n zu bewohnen in einsamer Stille.
Ach, nicht ahneten sie’s, daß dort der Erde gezeuget
Würden die Völker Moab und Ammon, in grauser Umarmung!
Abraham schritt dann schweigend und ernst nach seinem Gezelt heim.
Schon entfloh ihm ein Jahr, seit er der hohen Verheißung
Worte vernahm; doch heut, was reget so laut, so geschäftig
Auf die dienende Schar in des Zeltes dunkelen Räumen?
Emsig eilen die Mägd’ und die Knecht’, in festlichen Kleidern
Alle, heraus und hinein, und stellen so manches Geräth dort,
Reingescheuert am Quell, zurecht; besorgen zum Gastmahl
Jeden Bedarf, und geben mit vielgesprächigen Zungen
Unter sich frohen Bescheid im Winke der lächelnden Augen.
Doch der ergrauete Hirtenfürst sitzt draußen im Schatten
Auf der niederen Bank, an den Stamm des mächtigen Eichbaums
Lehnend den Rücken, im Festgewand’, und heftet die Augen,
Sinnenden Ernstes, hinab auf den Boden. Zuweilen erhebt er
Sie, und ein Lächeln erhellt sein leis’erröthendes Antlitz
Dann, geweckt von des seligen Herzens Empfindung; zuweilen
Schaut er dankend empor zu dem gütigen Vater im Himmel
Und es drängt sich die Freudenthrän’ ihm schnell aus den Wimpern.
Ha, was bewegt ihn so in dem lauten Gezelt mit den Seinen?
Wahrlich das höchste Glück für die überseligen Aeltern:
Denn ein Sohn ward heut den kinderlosen geboren!
Isaak nannt’ er ihn d’rauf, beschnitt ihn, der Worte gedenkend
Seines Herrn, an dem achten Tag, zum Zeichen des Bundes,
Den er geschlossen mit ihm, inmitten der blutenden Opfer,
Und bereitet’ ein herrliches Mahl, als der Säugling entwöhnt ward.
Aber der Knabe gedieh, und wuchs in blühender Schönheit
Munter heran. Einst fing er im Angesichte der Mutter,
Die dem Spielenden oft mit Wonn’ im Blick, vor dem Zeltthor
Zusah, jauchzend ein Täubchen auf, wie es eben verwundet
Durch den grausamen Weih’, im Flug’ aus den Lüften herabsank.
Aber er sah, daß es blutete. Schmerz ergriff ihn; er eilte,
Rasch nach dem ragenden Zelt’, und holte die Milch aus der Kammer,
Ihm, hinknieend im Gras’, die blutende Wunde zu kühlen.
Siehe, da kam mit wildem Gejauchz’ sein finsterer Bruder,
Ismael, aus dem Hain gesprungen, herbei, und ersehend
Isaaks fromme Sorg’ um das Thier, verhöhnt’ er den Knaben
Frech; naht’ ihm, und zertrat es mit stampfendem Fuß in dem Staub dort!
Isaak strebte das Täubchen vor ihm zu schützen — vergeblich:
Denn schon lag es zermalmt in dem Staub. Da fing er zu weinen
An mit so kläglichem Laut, daß Sara, die liebende Mutter
Bebend vor Schreck, hersprang, und des Stiefsohns Frevel gewahrend,
Unaussprechlichen Zorns, dem nahenden Abraham zurief:
„Wehe, daß ich mir selbst mit der Magd den Jammer bereitet
Hab’, im verzeihlichen Wunsch, dir endlich den Erben zu geben:
Denn nun siehst du ihn dort, den Störer des häuslichen Friedens,
Wie er mit dunkelem Aug’ umspäht, und im brauneren Antlitz
Kenntlich als Sohn der Aegypterinn, die Wuth in dem Herzen
Nährt, zu betrüben vor mir mein zartgesinnetes Kind da!
Wahrlich, so du nicht bald vertreibest die Magd mit dem Knaben,
Denkend als Gatt’ und Vater der Pflicht um die Deinen, so bricht mir
Sicher das Herz, und mich tödtet mit unserm Erzeugten der Kummer!“
Glühender Schmerz durchzuckte die Brust des ehrwürdigen Greises,
Abraham, als er die Worte vernahm. Er sollte den Knaben,
Hagars Sohn, mit der Mutter zugleich auf immer entlassen,
Und er war ihm doch auch, gleich jenem der hohen Verheißung,
Isaak, ein theuerer Sohn, von der ewigen Huld ihm gewähret?
Aber er schwieg, und ging in des Abends sinkender Dämm’rung
Nach dem räumigen Zelt, in der einsamen Kammer zu ruhen.
Dort erweckt’ ihn der Herr alsbald mit den tröstenden Worten:
„Abraham fasse nur Muth, und erfülle Saras Verlangen
Ohne Verzug: denn so wie ihr Sohn unzähligen Volkes
Stammherr wird, so sollen auch Ismaels Enkeln sich mehren
Sonder Zahl, und ihr Muth auf der Jagd und im Kampfe bewährt seyn.“
Solches vernahm er im Geist. D’rauf reicht’ er am dämmernden Morgen
Hagar zur Nahrung Brot; umhing ihr den Schlauch mit dem Wasser,
Und entließ, gefaßt, die Weinende dann mit dem Knaben,
Daß sie wandle hinaus in das Land im Segen des Himmels.
Bald verirrten sie sich, durch die Wüste Berseba ziehend.[19]
Leer war schon von erfrischender Fluth der Schlauch; in dem Sandstaub
Nirgend der rieselnde Bach, nicht der kühlige Brunnen zu schauen,
Und kein schattender Baum both ihnen Erholung. Verschmachtend
Lag der Knabe im Sand vor der lautaufheulenden Mutter.
Doch sie riß sich, ergrimmt, von ihm auf, und sagte für sich hin:
„Nein, nicht kann ich den schrecklichen Tod des theuern Erzeugten
Schauen dahier: so weit ein Pfeil von der Sehne geschleudert
Fleugt, will ich, hinsinkend im Staub’, in Verzweifelung harren
Selber des Hungertod’s, da mir denn solcher bestimmt ist!“
Aber ihr scholl von des Himmels Höh’n, die Stimme des Engels:
„Hagar, was sinnest du da? Erhebe dich! Ismaels Thränen
Wurden im Himmel gezählt: führ’ ihn nach der Wüste von Pharan
Jetzo zuerst; erlies ihm dann, in den reiferen Jahren,
Selber, nach freier Gewalt, wie die fromme Sitt’ es erheischet,[20]
Sorgend für ihn mit Mutterhuld, die liebende Gattinn:
Denn er werd’ als Jäger berühmt, und gepriesen als Vater
Eines mächtigen Volk’s, das weithin herrscht in den Wüsten!“
Als die Stimme verscholl, da sah mit frohem Erstaunen
Hagar die rieselnde Quelle vor sich: ein Wunder der Allmacht,
Ihr zur Rettung gewährt. Sie labte sogleich den Erzeugten;
Füllete dann den Schlauch, und sie wallten fort auf des Lebens
Wechselndem Pfad, geschirmt von des Herrn allmächtiger Rechten;
Denn alljegliches wurd’ erfüllt nach den Worten des Engels.
Sieh’, jetzt naht’, ein Tag für Abraham, wo er, im Glauben
Vor dem Herrn geprüft, der Zukunft herrliches Vorbild
Weis’ in seinem Geschlecht, zur Rettung der sündigen Menschheit!
„Abraham, höre!“ so rief ihm der Herr, und mit inniger Demuth
Sprach er sogleich: „Hier bin ich; gebiethe mir nur: ich gehorche!“
„Wohl, denn,“ fuhr der Ewige fort, „so nimm den Erzeugten
Isaak, welchen du liebst, und opf’re ihn mir auf dem Altar
Von geschichtetem Holz, auf dem Berg’ in Morrias Gefilden.“[21]
Abraham stand, erschüttert im Geist’, und ihm bebten die Glieder
All’ im plötzlichen Schreck; doch bald bezwang er des Herzens
Odemberaubendes Weh’; er warf mit hehrem Vertrauen
Sich auf die Knie’, und bethete leise die Wege des Herrn an.
Jetzo, nach schlafloser Nacht, erweckt’ er am dämmernden Morgen
Isaak mit Vorsicht, daß ihn die liebende Mutter nicht höre;
Ließ auch das Saumthier schnell von zwei verschwiegenen Knechten
Satteln; es dann mit gespaltenem Holz zu dem Opfer, beladen,
Und begab mit dem Sohn’ und den beiden Knechten, verstummend,
Sich auf die Reis’ in Morrias Gefild zu dem winkenden Ziel hin.
Dort an dem Fuße des Berg’s, nach drei erschöpfenden Tagen
Angelangt, ließ er die Knechte zurück mit dem weidenden Saumthier;
Lud das gespaltene Holz auf die Schultern des Sohnes; ergriff dann
Schnell das Geräth’: in der Linken die Gluth, in der Rechten das Messer
Tragend, und stieg mit dem Sohn’ aufwärts zu den ragenden Höhen.
Immer schwieg er noch still; da begann, tiefathmend im Aufgang
Unter der Last, der fromm- und mildgesinnete Jüngling:
„Vater!“ Und er: „Ich höre, mein Sohn!“ „Wohl seh’ ich das Messer,
Sehe die Gluth,“ fuhr jener noch fort, „doch nirgend ein Opfer?“
Abraham hielt sich die Brust mit der Rechten, und sagte beklommen:
„Still, mein Sohn: das wird sich der Herr schon selber erlesen!“
Und sie erstiegen die Höh’n Morria, des heiligen Berges.
Dort errichtete nun, mit Thränen im Auge, der Vater
Einen Altar von dem Holz’, und der Sohn — errathend der Thränen
Quell’, und, lesend im Auge des Vaters des Ewigen Rathschluß,
Both nun tief, wie ein Lamm verstummend, das auf der Schlachtbank
Liegt, und ergeben dem Willen des Herrn, die Hände den Banden,
Daß er, den Opfern gleich, gebunden, lieg’ auf dem Holz dort.
Schauernd ruhten die Lüft’ umher; durch Wolken verhüllet
War das hehre Gezelt des bläulichen Himmels; die Fluren
Bebten verstummt, und feierlich schwiegen die Hain’ und die Wälder,
Als der erhabene Augenblick des Opfers genaht war.
Abraham griff nach dem Stahl’, erhob ihn... da scholl aus den Wolken
Plötzlich der herzerschütternde Laut auf Abraham nieder:
„Halte das Messer zurück. Genug ist gethan: denn bewähret
Hat sich dein Glaub’ an mich in demuthvoller Ergebung,
Weil du aus Liebe zu mir den eigenen Sohn nicht verschontest.
Dunkel liegen die Wege des Herrn vor Sterblicher Augen;
Nicht verschonet er einst des eigenen Sohnes, nur Er kann
Sühnen unendliche Schuld vor dem Richterstuhle des einen,
Wahren, unendlichen Gott’s, und erretten die sündige Menschheit.
Zahllos, wie an dem Strande des Meers gehäufet der Sand liegt,
Und an dem Himmels-Gewölb die funkelnden Sterne sich weisen,
Sollen aus dir die Enkeln blüh’n, und Großes vollbringen;
Doch in dem Einen allein ihr Heil die Völker erlangen.“
Also der Herr. Da beugte sich Abraham bethend zum Boden,
Und, ersehend im Strauch den am Horn gefangenen Widder,
Opfert’ er ihn dem Herrn auf dem erst errichteten Altar;
Faßte den Sohn an der Hand, und kehrte mit ihm in das Zelt heim.
Sara erreichte ihr Lebensziel in Arba[22], dem Städtchen
Canaans. Dort erschien jetzt Abraham, sie, auf dem Boden
Sitzend im Schmerz, zu beweinen durch sieben Tage der Trauer.
Dann begrub er die theuere Leich’ an dem Felsen des Haines
Machpela, bei Hebron, den er von dem Volk der Chetiten
Kaufte zum Eigenthum, und zum Grabe für sich und die Seinen.[23]
Doch schon fühlt’ er, gebeugt, des jahrebelasteten Alters
Schwindende Kraft stets mehr, und sann für den Sohn der Verheißung,
Isaak, die liebliche Braut, mit väterlichsorgender Weisheit
Selbst auf Jegliches achtend, zu frei’n. O seliges Bündniß,
Wenn in der Rosenzeit des blühendentfalteten Lebens,
Von dem liebenden Herzen gedrängt, der treffliche Jüngling
Sich die Hold’ erkies’t im Schmucke der Schönheit und Unschuld,
Und sie auf immer dann zu glücklicher Ehe sich einen!
Also gedacht’ er, für ihn Rebekka, die Enkelinn Nachors,
Seines Bruders, zu frei’n, in Chaldäas blühender Landschaft,
Die er als Knabe geliebt.[24] Er rief in geheim Elieser,
Seines Gehöft’s Verwalter, herbei, und sprach zu ihm also:
„Redlicher, horch: du zieh’st in den reichen Gefilden Chaldäas
Eilig nach Charan hinab, wo meine Verwandten noch leben —
Nachor mit seinem Geschlecht’, um dort für meinen Erzeugten,
Um die ersehnete Braut, aus jenem, gebührend, zu werben;
Aber schwöre mir erst bei Gott, dem wahren und einen,
Daß du mir jen’ allein, nicht eine von Canaans Töchtern,
Götzenverehrern entsprossene Brut, uns allen zum Unglück
Heimbringst!“ Als der Treue den Eid, laut bethend, geschworen,
Schüttelt’ er sinnend das Haupt, und begann: „So ich aber die Jungfrau
Nicht bewegte zur Reise hieher, soll ich den Erzeugten
Dir hinführen, daß er um sie werb’, ein glücklicher Freier?“
„Nein,“ rief Abraham laut, „nicht darf er aus Canaan zieh’n mehr:
Also will es Jehova, der Herr, der mir, und den Meinen
Selbes zum Eigen verhieß auf immer und ewige Zeiten.
Seinen Engel wird er vor dir her senden, und Segen
Dir gewähren, daß du zu uns her die Ersehnte geleitest.“
Sagt’ es, und übergab dem Treuen an Gold und an Silber
Reiche Geschenke, die er auf zehn Kameele mit Allem,
Was an Bedarf die Reis’ in die Fern’ erheischte, geladen
Hatte zuvor, und entließ ihn dann mit den Knechten im Segen.
Als Elieser jetzt unferne den Mauern des Städtchens
Charan, den Brunnen ersah im Rosenschimmer des Abends,
Hielt er, gedenkend des wichtigen Ziels, mit seinem Gefolg’ an:
Denn aus dem Thore der Stadt kam ihm ein blühendes Mädchen
Freundlich entgegen. Sie trug den irdenen Krug auf der Schulter
Eilig einher, ihn heim, mit Wasser gefüllet, zu bringen.
Schnell erhob Elieser die Recht’ und die Augen zum Himmel;
Flehte zu Gott, und sprach mit lispelnder Zunge für sich hin:
„Herr, so ich jetzt den Trunk verlang’, und es labt mich das Mädchen,
Das dort naht; auch meine Kameel’ erquickt mit des Brunnens
Milderfrischender Fluth, so dien’ es mir heute zum Zeichen:
Jene sey’s, die ich such’, und zu finden mein heißester Wunsch ist!“
Sagt’ es, und staunte der hohen Gestalt der herrlichen Jungfrau:
Ihrem bräunlichen Haar, das sich, gar zierlichgeflochten,
Rings an der Scheitel umher aufwand, und von welchem der Locken
Zween, wie die Wellen des Sees, wenn säuselnde Lüftchen sie heben,
Wogten auf ihrer schneeigen Brust und dem Halse voll Anmuth;
Auch der edelen Stirn’ und den hellerglänzenden Augen,
Welche dennoch so mild, in dunkelbläulichem Schimmer
Glüheten; dann der zartgeformten Nase, der Lippen
Rosiger Gluth, und dem lieblichen Kinn, dem Zeichen der Sanftmuth.
Eilig kam sie heran, und ihr Kleid, aus glänzender Wolle,
Welches die stattlichen Glieder umfing, erhob sie an Huld noch
Mehr vor dem prüfenden Aug’, in züchtiggeordneten Falten.
Als sie hinab zur Quell’ auf den steinernen Stufen gestiegen,
Und das erfüllte Gefäß, mit der Linken und Rechten die Henkeln
Fassend, zum Kranz des Brunnens herauftrug, rief Elieser:
„Reiche den Labetrunk, du Gute, dem dürstenden Wand’rer!“
„Trink’, mein Herr!“ so sprach sie mit holderklingender Stimme,
„Nach Genügen; auch will ich dann noch den müden Kameelen
Schöpfen die Fluth, bis alle sich satt getrunken.“ Sie reichte
Freundlich den Krug ihm dar. Doch als er jetzo des Durstes
Lechzende Gier gestillt, und den Krug ihr dankend zurückgab,
Stieg sie noch oft zu der Quelle hinab, und kehrete wieder,
Stets entleerend den Krug an der Tränk’ in die eichenen Rinnen,
Bis die Thiere sich dort mit vollem Behagen erlabten.
Freud’ erfüllte das Herz des redlichen Dieners, und dennoch
Hielt er noch, klugvorschauend, an sich, zu erforschen in Wahrheit:
Ob es die Jungfrau sey, die Isaak ersehnte zur Gattinn?
Jetzt langt’ er Kleinode hervor, Armbänder und Kettchen,
Schimmernd von Gold. „Nimm hin, die selt’nen Geschenke,“ so sprach er,
„Für den gefälligen Dienst, den du mir erzeigtest, dem Fremdling.
O, wie erhebend ist’s, wenn uns wohlwollende Seelen
Auf des Lebens unsicherem Pfad’ begegnen, uns freundlich
Reichen die Hand, und hold sich erweisen in liebender Sorgfalt!
Sey dir Segen des Himmels dafür! Doch sprich: wie erfahr’ ich,
Wessen Erzeugte du seyst; ob Raum in eurer Behausung
Für mich selbst, und die Thiere sich find’ in der sinkenden Dämm’rung?“
Freudig erröthend nahm die werthen Geschenke das Mädchen,
Hob den Krug auf die Schulter, und sprach nach dem Thore sich wendend:
„Bethuels Tochter rühm’ ich mich, des Erzeugten des Nachor,
Den ihm Milka gebar. Genügender Raum ist im Wohnhaus
Meines Vaters für dich, und die Thier’ auch Futter die Fülle;
Folge mir nach: ich künde dich nun den Meinen zur Freud’ an.“
Thränen des Danks umhüllten das Auge des redlichen Dieners,
Als er der Eilenden stumm nachsah. Dann bethet’ er also:
„Ewiger, Lob sey dir, weil du an deinem Verehrer,
Abraham, huld- und erbarmungsvoll auch heut’ dich erwiesen
Hast: mich geleitend hieher in seines Bruders Behausung!“
Und nun brach er mit seinem Gefolg nach dem Thore des Städtchens
Auf. Da kam Laban, der ältere Bruder Rebekkas,
Ihm entgegen, und rief: „Sey uns willkommen, o Fremdling,
Den uns der Segen des Herrn beschied! Tritt ein in die Wohnung
Nachors; dein harrt die freundliche Kammer, und deinen Gefährten
Oeffnen die Hallen sich weit, wie auch deinen Kameelen die Ställe
Mit erquickender Streu und der Menge des nährenden Futters.“
„Möge der Herr,“ sprach jener, „euch all’, ob euerer Großmuth
Und erfreuender Huld, hinfort, und auf immer beglücken!“
Also betrat er das Haus mit segnenden Worten, aus welchem
Er nun bald heimführen soll die erlesene Jungfrau,
Seinem Gebiether zur Wonn’, und zum Glück noch spätester Nachwelt:
Denn aus Abrahams Stamm kömmt ihr der Retter gesendet.
Als denn Jedes besorgt, und erfüllet das freundliche Wort war,
Riefen sie nun den Fremdling zum Mahl; doch sagt’ er: nicht woll’ er
Deß sich erfreu’n, so er ihnen zuvor nicht verkündet die Bothschaft
Seines Gebiethers an sie. Man hieß ihn reden, und alsbald
Saßen all’ um ihn her, da er muthig begann zu erzählen:
Wie ihn aus Canaans Fluren heran sein hoher Gebiether,
Abraham, dem der Herr unendlichen Reichthum verliehen,
Sandte, daß er für Isaak, den, erst im Alter mit Sara,
Seiner Gattinn, erzeugten Sohn, begehre zur Hausfrau —
Ihre aus seinem Geschlecht’ entsprossene Tochter, Rebekka;
Wie, fürwahr, nach Abrahams Worten, der Ewige selber
Sandte den Engel vor ihm einher, daß er glücklich nach Charan
Kam; zum frohen, von Gott erbethenen Zeichen, die Jungfrau
Eben am Brunnen erschien; ihn selbst, sein Gefolg’ und die Saumthier’
Labte mit kühlendem Trunk’, und endlich zur freundlichen Herberg
Lud, wo ihm auch von ihnen viel Huld und Liebe geworden!
„Doch,“ so sprach er nun mit bewegterem Herzen, „erklärt euch
Offen noch heut’: ob ihr ihm die blühende Tochter gewähret,
Oder versagt, und ich dann heimkehr’, ein Bothe des Unglücks?“
Sieh’, da rief Laban, der erfahrene Bruder der Jungfrau,
Hebend die Händ’ empor zum Himmel, in freudiger Hast auf:
„Ha, dieß kömmt von Gott: wir können dem Wink nicht entgegen
Handeln, im thörichten Wahn’: als sey ihr ein Bess’res beschieden!
Redlicher, nimm sie denn hin; hier steht Rebekka, die Schwester:
Denn es entraffte der Tod uns jüngst den trefflichen Vater,
Lieblich erblühet vor dir; zieh’ freudiger heim mit der Guten,
Daß sie, wie Gott es gefügt, dort Isaak, als Gattin, vereint sey!“
Sagt’ es, und stellte sie ihm nun dar, bei der Rechten sie fassend;
Doch sie neigte sich sanft, wie die Ros’ in knospender Fülle,
Hold erröthend des Bruders Red’: ein Engel an Unschuld;
Schlug die Augen zur Erd’, und weinete häufige Thränen.
Auch die liebende Mutter umfaßt’ an dem Hals’ und den Schultern,
Heftig, die Tochter jetzt, und drang mit thauenden Wimpern
In Elieser, daß er ihr dreißig der Tage gewähre
Unter den Ihren zu seyn, und dann erst beginne den Heimzug.
Aber als er der Eile gedacht’, und Rebekka befragt ward,
Sprach sie beherzt: „Ich reise mit ihm nach des Ewigen Rathschluß.“
Alsbald langt’ er Geschenk’ an silbern- und gold’nen Gefäßen,
Und an kostbarn Kleidern hervor, und gab sie der Braut hin;
And’re der Mutter dann, und den Brüdern. Nun endlich genossen
Sie des köstlichen Mahls, und eilten zu ruhen die Nacht durch.
Doch kaum färbte das Morgenroth den Saum des Gebirges
Drüben in Osten, so zäumt’ Elieser, vereint mit den Knechten,
Rasch die Kameel’, und hob die verschleierte Braut, mit der Amme
Dann auf die stattlichsten; sprach den tiefbewegten Verwandten
Rührende Worte des Trost’s, und trabte hinaus auf dem Feldweg;
Aber sie riefen ihr dort, lautweinend, noch Segen und Glück nach.
Welch Getümmel der Freud’ erschallt um Abrahams Zelt her?
Siebenzig Pfannen mit Pech und brodelndem Oehle gefüllet,
Tragen die Jüngling’ auf Stäben von Holz, und es leuchtet die Flamme
Hoch empor in die Nacht. Gesang, dem Getöne der Zither
Lieblichvereint, erschallt aus der Ferne; des Zeltes Bewohner
Eilen heraus auf den Rain, die jauchzenden Gäste zu schauen:
Denn vom Gehöft Eliesers führt, hochzeitlichgekleidet,
Isaak die herrliche Braut nach Abrahams, seines Erzeugers,
Wohnung heran. Schon war sie vor zehn entflohenen Tagen
Angelangt dort mit dem Treu’n aus der fernentlegenen Heimath,
Und verweilte bei ihm, der frommen Sitte gehorchend.[25]
Doch nun schritt sie im Kreis’ der Gespielinnen, brautlichgeschmücket
Erst mit der Kron’ auf dem Haupt’ und dem antlitzhüllenden Schleier,
Nach dem Geliebten einher; auch ihn umgab der Gefährten
Blühende Schar, und erblickend am Thor des hellen Gezeltes
Abraham, der schon zitternd vor Freud’ und inniger Sehnsucht,
Ihrer harrete, sank sie vor ihm auf die Knie’, und umfaßte
Sie mit den Armen in glühender Hast und mit thränenden Augen.
Mild erhob der Greis die Weinende; drückte sie zwei Mal
Fest an die Brust, und begann vor den schnell verstummenden Scharen:
„Seht, wie erhaben und groß, barmherzig und gütig der Herr ist!
Jegliches wurd’ erfüllt, was seine unendliche Weisheit
Ueber mich und die Meinen verhängt’ in den Tagen der Prüfung.
Freudig gewahr’ ich vor mir die künftige Mutter der Kinder
Meines Erzeugten — des Sohn’s der himmlischen, hohen Verheißung.
Ach, daß Sara, die sein’, ein solches Glück nicht erlebte!
Doch du, Gute,“ so sprach er zu ihr, „verließest die Mutter,
Von Elieser gedrängt, in Trauer: nicht gönnt’ er im Eifer
Ihr die ersehnete Zeit der Brautausstattung zu denken.
Groß ist der liebenden Mutter Müh’ und Sorg’ um die Tochter,
Von dem Tag der Verlobung zu jenem, wo sie sich auf immer
Mit dem Erwählten vereint. Geschäftig schafft zu dem Haushalt
Sie das Ein’ und das And’re herbei, und rastet, und ruht nicht,
Bis nicht im Ueberfluß ein Jedes, genügend, erscheinet;
Dennoch, kömmt nun die Stunde heran, wo draußen im Hofraum
Laut der Gesang der Hochzeitgäst’ erschallt, und die Tochter,
Noch vor dem einenden Spruch ihr naht mit Thränen des Dankes
Abschied zu nehmen, und dann zu gehören dem Manne für immer:
Wendet sie sich, wie entrüstet, von ihr, und schluchzet im Stillen,
Daß sie von ihr sich trennt, und die weinende Mutter zurückläßt.
Ach, daß Sara für uns solch glücklichen Tag nicht erlebte:
Denn sie wär’ auch dir die liebende Mutter geworden!
Doch, nun tretet herbei: ihr sollt für immer vereint seyn!“
Sagt’ es, und legte die Rechte des Sohn’s in jene Rebekkas;
Hob die Händ’ empor, und rief mit umschallender Stimme:
„Komme der Segen des Herrn in nieversiegender Fülle
Ueber euch, daß ihr, wandelnd vor ihm mit redlichem Herzen,
Spät im grauenden Alter noch die glücklichen Enkeln
Eurer Erzeugten schaut, und auf sie den Segen vererbet!“
Lauter Jubel erscholl ringsher aus den wimmelnden Scharen.
Dann ergötzten sich all’ an dem Hochzeitmahl’ in des Zeltes
Schimmerndem Raum; nur Rebekka enthielt sich der Speis’ und des Trunkes,
Schweigend, und hold verschämt, bis jetzt nach dem heiteren Festmahl
Isaak mit ihr, umjauchzt, entschwand in die brautliche Kammer.
Jahr’ entfloh’n; da saß im sinkenden Schatten des Abends
Abraham vor dem Gezelt’, und sah, bald auf zu des Himmels
Funkelndem Sternenheer’, und bald nach dem Sand auf dem Boden,
Thränenden Blickes, hinab. Er dachte der hohen Verheißung,
Welch’ ihm ward: daß ein Volk, gleich diesem, und jenem, unzählbar,
Seinen Lenden entsprieß’ in der endlosdauernden Zukunft;
Daß die Völker ihr Heil durch Einen aus seinem Geschlecht nur
Finden dereinst, und, daß gütig der Herr ihm jeglichen Segen
Spendete so, daß er überbeglückt noch am Rande des Grabes
Schaue vergnügt zurück’ auf das wonnegesättigte Leben.
Jetzt erhob sich der volle Mond an des Himmelsgewölbes
Oestlichem Rand’, und beschien, stets heller schimmernd im Nachtgrau’n,
Abrahams milde Stirn und seine erblassenden Wangen;
Doch er streckte dem freundlichen jetzt — sein Ende gewahrend,
Weit die zitternden Händ’ entgegen, und stammelte sterbend
Noch ein Dankgebeth mit brechendem Auge für sich hin,
Als er gesenkt das Kinn an die Brust, verhauchte das Leben.
Isaak begrub mit Ismael ihn an der Seite der Mutter,
Sara, im Felsengrab nach den Tagen unsäglicher Trauer.
Vater von Israels Volk, du wandeltest selig hinüber
Nach dem ewigen Reich der göttlichen Huld und Erbarmung:
Denn wie ein Blitz auffuhr vor deinen entschleierten Augen,
Ehe du schiedst, das Bild der Rettung der sündigen Menschheit,
Und du sah’st, entzückt, den Einen, den Sohn der Verheißung,
Kommen aus deinem Geschlecht als huldvollwaltenden Mittler
Zwischen dem ernsten Richter und uns, und, schuldlos ihn sterben
Auf dem Holz, um uns all’ von dem ewigen Tod zu erretten!
Aus Gehorsam verschonetest du den einzigen Sohn nicht,
Hatte der Herr ihn nicht selber verschont; doch ein rührendes Vorbild
War er von ihm auf dem Holz’, erhöht zum Opferaltar dort,
Das er geduldig selbst auf den Schultern getragen. O, Heil, dir,
Edeler Greis! Den Glauben an Gott, den wahren und einen,
Mußte bewahren dein Volk bis hin zu der Fülle der Zeiten,
Wo der Verheißene kam im Siegesrufe der Rettung!
Moses
in drei Gesängen.
Erster Gesang.
Gott!
Abendlich ruhte die Flur, als pfeilschnell über des Horebs
Höhn[1] sich Wettergewölk’ aufhob, und nächtliches Dunkel
Ueber das Thal sich ergoß. Aus seinem gährenden Schooß her
Ras’te der Sturm, und zuckte der Blitz, und krachte der Donner,
Schlag auf Schlag, daß gebeugt in dem ringsergossenen Gluthmeer
Seufzten die Wälder, und Angst die hochaufragenden Berghöh’n
Schüttelte, bis zu den Vesten hinab, unendlich und furchtbar.
Aber nicht bebte der Mann, der erst mit der blöckenden Schafheerd’,
Längs der Seite des Bergs hinzog, und jetzt vor dem Aufruhr
Sich in der Felsschlucht barg, vom wölbenden Schiefer umhüllet.
Vorn’ an dem Eingang saß er, und sah nach den leuchtenden Blitzen,
Sinnend, hinaus. Sein Bart, ob er auch der Jahre schon achtzig
Zählete, war nur wenig ergraut, und floß ihm in Wellen
Tief in den Busen hinab, den über dem räumigen Kleid noch,
Dichten Gewebes, der Mantel umwand, nach der Sitte des Ostlands.
Herrschend war die Gestalt des Sitzenden; doch so er aufstand
Erst, und im Kreise des Volks mit feurigen Blicken umhersah,
Faßte Schauer die Brust auch des kühngesinneten Mannes.
Jetzo sah er mit steigendem Ernst’ in die Schrecken der Sturmnacht.
Finsterer Groll, wie er oft nach furchtbarn Schlägen des Schicksals:
Trug, Verrath, und Verlust des Theuersten sich in des Menschen
Antlitz gräbt, zog ihm die Brau’n an der Stirne herunter,
Und, zum Bogen gekrümmt, erzitterten leis’ ihm die Lippen.
Ha, da riß ein Wetterstrahl, dem plötzlicher Donner
Nachfuhr, weit die Wolken entzwei: sie barsten, und alsbald
Stürzte die Regenfluth mit lautem Geprassel herunter —
Rauschten auch schon unzählig-aufschäumende Bäch’ an der Bergwand
Nieder, und deckten die Flur, wie ein See, mit trüben Gewässern.
Endlich verhallte der Sturm; nicht schlug der prasselnde Regen
Mehr; empor in des Himmels Blau, der freundlicher wieder
Lächelte, schwamm das zerriss’ne Gewölk, und hob in des Abends
Gold’nem Strahl sein thürmendes Haupt, verklärt, in die Luft auf.
Frischer grünte der Wald und die Flur; mit sanftem Gesäusel
Schüttelte dort vom Laub das Lüftchen gewichtige Tropfen,
Hier enttroff das glänzende Naß dem Vließe der Lämmer,
Die mit frohem Geblöck’ umhüpften den einsamen Hirten.
Schweigend saß er noch da. Der Allmacht herrliches Walten
Weckte zuvor sein Herz zur Anbethung, Lieb’, und Ergebung
Aus den Nachtgesichten des tiefgenähreten Grams auf.
Heiße Thränen umhüllten sein Aug’, und er blickte, verlangend,
Rings um sich her: ob ihm nicht ein Sterblicher jetzt, wie gerufen,
Nahete, der ihm erhellte das Grau’n beklemmender Zweifel.
Siehe, da kam sein Schwieher heran, Sohn Reguels, Jethro,[2]
Der vom nächtlichen Traum, voll Wundergesichte, getrieben,
Ob des Eidams besorgt, sich erhob, und herüber den Sandweg
Wanderte: noch ein rühriger Greis, dem silbern das Haupthaar,
Wie auch der Bart, die röthlichen Wangen umgab! Von Gestalt klein,
Schaltet’ er selbst, und immer mit Fug und Geschick, in dem Haushalt,
Und aneiferte stets das Gesind zu erneuertem Mühen.
Durch Erfahrungen weis’, erhob er die Tage der Vorzeit,
Rühmend, und schalt die Jugend im vielgesprächigen Alter.
„Moses!“ scholl es durch Wald und Gebüsch, und „Moses!“ in Horebs
Schluchten umher, wie er nahete, bis ihm das Blöcken der Lämmer
Jene verrieth, wo er saß, in hohe Betrachtung versunken.
„Ha,“ so rief er, „dem Ewigen Dank, der hier in Gefahren
Dich mit der Heerde beschirmt’! Ich eilte herüber — zu schrecklich
Tobte der Sturm, im Drang des angstergriffenen Herzens.“
Aber ihn sah der Hirt’ mit tieferforschendem Blick’ an;
Neigte das Haupt, und begann: „Ich danke dir; gütig besorgst du
Stets der Deinigen Wohl; es erblüh’t unendlicher Segen
Um dich her, und du rühmst dich den glücklichsten Vater und Gatten.
Dennoch dünkt es mich fast, ganz andere Sorgen bewegten
Deine Füß’ im Grau’n des entsetzlichen Donners herüber.“
„Nun,“ so entgegnete Jethro schnell, „Tollkühner, zu warnen
Kam ich: denn welch ein Grund, den du zur Weide gewählt hast?[3]
Hieß nicht der Horeb „Gottes Berg“ in der heiligen Vorzeit
Schon, weil Gott sich auf ihm einst offenbarte dem Volk hier?
Keiner wagt’ es zuvor — auch der frömmsten und mächtigsten Hirten
Keiner vor dir, Vermessener, ihm mit der Heerde zu nahen;
Doch erwäge die Schuld, und reize den Herrn nicht zur Rach’ auf!“
Moses schwieg. Wohl winkt’ ihm Jethro drei- und auch viermal,
Antwort heischend; er schwieg. Da sprach, sich ereifernd, der Greis so:
„Du verstummst, daß ich jetzt, ob solchem Frevel bekümmert,
Dich zur Rede gestellt? Ich werde so lange nicht weichen,
Bis du nicht öffnest die Brust, die verschlossene: denn nicht verhehl’ ich’s,
Was mich heran durch Sturm und Wetter getrieben. Entfloh’n sind
Vierzig der Jahr’, seit du, der scheuumirrende Fremdling,
Midians[4] Fluren betratst. Da waren der Töchter mir sieben —
Ach, versagt blieb mir der männliche Sproß’, in des Abends
Kühlerem Hauch die Heerd’ im Felde zu tränken, beschäftigt.
Sie zu verdrängen, erschien die Hirtenschar von den Söhnen
Amalek’s, die den Brunnen erspähten zuvor, und die Weiber
Bebten vor Angst; doch dir, Gewaltigem, mußten die Hirten
Weichen: sie floh’n! Du, füllend sofort zur Tränke die Rinnen,
Labtest die Heerde mit kühliger Fluth, vor den staunenden Töchtern.
Daß ich sie schalt, die allein heimkehrten, und nicht auch den Fremdling
Riefen zum gastlichen Mahl; daß dir der dankbare Vater
D’rauf zur Gattinn sein liebliches Kind, die holde Zipora,
Ohne Geschenk,[5] Kaufgeld, und Habe gegeben — des Priesters
Tochter, um welche im Land die erlesensten Jünglinge freiten,
Weißt du. Ha, sie gebar dir zwar den einzigen Sohn nur:[6]
Denn die Mutter wirft ja dem Leu’n die Jungen nur einmal!
Aber er wächst dir, blühend, heran, und mit Reichthum gesegnet
Ward ich, seit in dem Feld’ und daheim mit emsigem Mühen
Du die Sorge getheilt, die auf mir, dem Reichen an Jahren,
Lastete. Sieh’, und dennoch trübte noch stets in des Lebens
Stillumkreisendem Lauf, wie den heiteren Himmel im Herbst oft
Nebelgewölk umflort, ob deiner ein heimlicher Kummer
Meine von Angst ergriffene Brust! Du staunest? Nicht hast du
Mir noch entdeckt: woher du, ein irrender Fremdling, gekommen?
Nicht, weß’ Landes und Stammes du sey’st? Was dich von Aegyptens
Fruchtbaren Auen zu uns, g’en Midian, führte? Vielleicht nur
Schreckliche Schuld? Entflohst du dort den dräuenden Strafen?
Oder, bist du sogar, tollkühner Hirt an des Horebs
Berghöh’n, auch ein Abgötter noch im heimlichen Herzen:
Obgleich lange geprüft, du fromm erscheinest, und schuldlos?“
Moses fuhr bei dem Wort’ in die Höh’, und zerriß an der Brust sich,
Stöhnend, das Kleid.[7] Sein Aug’ entflammte sich, wie des Gewölks Nacht,
Die der leuchtende Blitz durchfährt, da er fürchterlich aufschrie:
„Ich, ein Abgötter, ich? Das fehlte noch! Fluch und Verwünschung
Ueber mich, so ich es bin! Entfleuch, sonst nah’ ich dir schrecklich!“
Rief’s, und blickte dem Greis’ in die thränenumflossenen Augen,
Die mit der rosigen Gluth auch die heilige Ruhe des Abends
Spiegelten. Sieh’, er erschrack vor sich selbst, und seiner Entrüstung;
Faßt’ ihm die Hand, und sprach: „Verzeih’n, ehrwürdiger Vater,
Wirst du das raschere Wort dem Sohn’: ein schmähliches floh dir
Von den Lippen zuvor. Wer könnte mit Ruh’ es ertragen,
Der in dem glühenden Haß des Götzengräuels erwachsen,
Heilige Sehnsucht nährt ihn rings von der Erde zu tilgen?
Aber sie zehrt, wie Schwefel und Harz in den unteren Räumen
Brennend, mir nun schon des Herzens gewaltige Kraft auf;
Schon erfüllt mich die Angst und Verzweiflung: völlig verworfen
Habe der Herr sein Volk, das er, wie ein Adler die Jungen
Auf den Fittigen, liebend, empor in die bläuliche Luft trägt,
Einst auf den Händen trug, wenn Noth und Gefahr es bedrängte.
Doch“ (er ließ sich jetzt, wo er stand, gehaltener nieder)
„Eben ersehnt’ ich den Mann, dem ich nun endlich des Busens
Tiefverschlossenen Gram enthüllete; wunderbar nahtest
Du mir jetzt. Vernimm denn, woher ich, ein irrender Fremdling,
Kam; weß Stamm’s und Landes ich sey; was mich aus des Fluch’s- nicht
Segens-Flur g’en Midian führt’, und Alles und Jedes,
Das ich verschwieg seither, ergriffen von düsterem Unmuth.
Wiss’ es, mich zeugt’ Amram, mit der trefflichen Gattinn Jochebed.
Levi, Jakobs Sohn’, entsproß mein Stamm, und die Beiden
Rühmten sich dessen zugleich.[8] Doch segnete nimmer der Vater,
Nimmer die Mutter den Tag, an dem ein Sohn ihr geboren
Ward in Goschems Gefild, des weidegesegneten Landes,
Das, aus Pharao’s[9] Mild’ einst Joseph, als herrschender Pfleger,
Unserem Volke verlieh: denn ach, ein grausamer Wüthrich
Hielt nun Pharao’s Thron im Besitz, der Israels Knaben,
Kaum geboren, empört von herzverengendem Mißtrau’n,
Werfen hieß in des Nils verschlingende Tiefen. So lag ich
Schon, ein Opfer der Rach’, im Korb’ von geflochtenem Schilfrohr,
Wimmernd am Strom’, und mit Angst umspähte die Schwester — ein Kind noch,
Wie die Wellen verschlangen den Raub: da führte Jehova’s
Huld die Königstochter[10] vorbei. Den blühenden Säugling
Sah sie, bewegt, und gab ihn der Mitleid Flehenden selber,
Daß sie die Amme ihm fand’, und einst hinbrachte den Knaben
Ihr an den Hof. Sie trug mich heim zu der jauchzenden Mutter,
Die schon zuvor mit Angst und mütterlichsorgendem Herzen
Mich im dunkeln Gewölb, durch fünfzig Tage, versteckt hielt.
Kräftigerblüht, fand ich, von der mildgesinneten Tochter
Pharao’s so gerettet, mich dann am schimmernden Hof’ ein.[11]
Was Aegypten an Weisheit, Kunst, und Wissenschaft seither
Hagt’ in dem Schooß, ward mir von erlesenen Meistern enthüllet:
Zauberer nannte das gläubige Volk die betrog’nen Betrieger,
Die, nur selber sich fröhnend im Land, des Wahren und Falschen
Achtlos, auf Irrwege das Volk verleiteten; aber
Mein aufstrebender Geist erkannte das goldene Fruchtkorn
Unter nichtiger Spreu, das noch aus den Tagen der Unschuld,
Bei dem gefall’nen Geschlecht sich erhielt, und, herüber gerettet
Von den acht, in der Arche Noah’s erhaltenen, Seelen,
Mitten im Dornengefild des sinneschmeichelnden Irrthums
Und unendlichen Trugs festwurzelte. Glühend vor Wißgier,
Las ich es sorglich mir auf. Von den Höhen und Tiefen der, ureinst
Freierschaffenen, hehren Natur: wie im dunkelen Schooß sie
Wirket, und schafft: nun bindet und lös’t, nun hemmt und beweget;
Aus Verwesung das Leben ruft; das Leben in Staub wirft;
Wie in dem Sturme sie braus’t; im Lüftchen säuselt; im Donner
Rollt; anzieht, abstößt; unzählig erleuchtete Welten
Schweben heißt in dem Aethergefild’; im unendlichen Eilflug
Sendet das Licht umher aus den rastloskreisenden Sonnen,
Und in Allem der Allmacht Werk so erhaben und groß ist:
Davon sagte die Schule mir viel; gar Vieles erkannt’ ich,
Ahnend im Geist, und verschloß es im heimlichen Busen mit Sorgfalt.
Also reift’ ich zum Manne heran; doch, mitten im Zauber
Eines üppigen, Geist- und Sinne bethörenden Hofes,
Flammte mir stets noch heiß in dem Herzen die Ehre Jehova’s,
Und die Liebe des Volks, des erkorenen, dem ich entrückt ward.
Aber der Wüthrich sah die schnellvermehreten Stämme
Israels — sah’s, und zürnt’ in dem feigerbebenden Herzen,
Das der Schranze noch mehr verschüchterte. Daß sie nicht heimisch
Würden im Land, verdrängten sogar die Kinder Aegyptens
Aus dem ererbten Besitz’, und unterjochten als Sklaven:
Hieß er sie peitschen zur Frohne gesammt mit eherner Geißel,
Und berauben des Muths in lebenerschöpfender Arbeit.
Sohn der Wüste! Mit Staunen würdest du seh’n in dem Land dort
Blühende Städt’, erbaut im blutigen Schweiße der Kinder
Israels; seh’n die Pracht der götzengeweiheten Tempel,
Wo das säulengetragene Dach, unendlich an Umfang,
Dunkle Hallen bedeckt, und nichtige Götter beherbergt;
Seh’n wie sie, nach dem Wink werkkundiger Meister, vollbrachten
Räthselgestalt:[12] in ihr den Leib der ruhenden Löwinn,
Launenhaft, mit des Weib’s huldschönem Gesichte vereinend,
Daß sie, in dräuender Zahl, an den Thoren bewachten des Tempels
Heiligthum — sie, wie die Götter selbst, ein todtes Gebild nur;
Auch in Reihen vor ihm Spitzsäulen[13] erhöhten, auf welchen
Bilderschrift das Gesetz in den Schleier der Irrthümer hüllet;
Seh’n, wie sie aus dem finstern Basalt Grabmäler der Herrscher[14]
Hoben empor zum Gewölk, die, sich vierseitig verjüngend,
Schau’n in der Welt umher; doch, unvergänglichen Baues
Trotzend der Zeit, nicht schirmen den sterblichen Leib vor Verwesung:
Wie sie formten den fetten Lehm, und in glühenden Oefen
Backten zum Stein, da stets die thürmenden Städte sich mehrten;
Hattest du solches geseh’n: gebrochen wäre das Herz dir
Schnell in der fühlenden Brust, und verhaßt erschien’ dir das Leben!
Doch mich trieb’s zu entsetzlicher That: am dämmernden Abend
Sah ich auf einsamer Bahn den Vater unmündiger Kinder
Hingesunken im Staub’, und blutend den schrecklichen Hieben.
Ha, nicht ruhte der Frohnvogt noch: der schallenden Geißel
Tönte Gestöhn matt nach! Ein Rächer des Mords ist Jehova
Seit dem ersten, bis hin zu dem letzten, am Ende der Zeiten;
Blut versöhne das Blut, vergossen in kalter Verachtung
Schützenden Menschenrechts und Geboths der Mild’ und der Schonung;
Doch mir sagt noch heute das Herz: des Lebens und Todes
Herr ist Jehova: er gibt es, und nimmt’s — er drängte mich: „Tödt’ ihn!“
Ich erschlug, und begrub ihn im Sand’, und trug auf der Schulter
Dann den Mißhandelten heim zu den Seinen.[15] Es regte den Busen
Jetzt ein großer Gedanke mir auf: der Tag sey gekommen,
Wo Jehova sein Volk aus der Hand unmenschlicher Gegner
Führen würd’ in Freiheit hinaus, und ihm geben zum Erbtheil
Dann das verheißene Land auf ewige Zeiten, wie solches
Er, voll Huld, verhieß an Abraham, Isaak und Jakob;
Würdig werde das Volk der Freiheit seyn, und der Knechtschaft
Fessel kühn abschütteln, auf ihn, den Ewigen bauend;
Ja, mir brannte das Herz, ihm ein Führer zu werden... Entsetzlich:
Nacht umhüllet den Geist des Sterblichen; täuschender Schimmer
Führet ihn oft, abseit von dem Pfade des Wahren, zum Irrgang!
Werth der Freiheit hielt ich mein Volk? Ach, dauernde Knechtschaft
Hatt’ ihm den Nacken gebeugt: es kroch im niedrigen Staub gern!
Also geschah’s, daß einer aus ihm mir drohte: dem König
Woll’ er verrathen die That, da ich ihm verwies sein Vergehen.
Bald erreicht’ ich dein Zelt, ein Flüchtiger. Wohl hat Jehova
Dich gesegnet und mich in dem häuslichen Bunde des Lebens;
Doch was frommte die That, die blutige, mir und dem Volk dort?
Bald verlor sich der Strahl, dem ich voll Hoffnung gefolgt bin,
Und ich stehe allein, gequält von nächtlichen Zweifeln:
Völlig verwirkt, durch eigene Schuld unwürdigen Lebens,
Habe mein Volk vor ihm des verheißenen Segens Gewährung:
Denn er schweigt, und der Jahre vierzig, seit ich der Antwort
Harrete, sind mir entfloh’n, auf den einsamen Triften der Wüsten.“
Jethro stand, erschüttert im Herzen, vor ihm, und begann so:
„Furchtbar klang’s, was du aus der Nacht entschwundener Zeiten
Mir enthülltest, und noch beklemmt Entsetzen die Brust mir;
Aber dich rief Jehova, so sprachst du? Folg’, und vertrau’ Ihm.
Täusche dich nicht. Gott trau’: er helfe dir jetzt und für immer!“
Sagt’ es, und eilte den Sandpfad fort, in der sinkenden Dämm’rung
Heimzukehren, und bald erhob sich vor ihm aus den Zelten
Bläulicher Rauch. Der Schafhund lief, laut bellend, herüber;
Sprang an ihm auf, und folgt’ ihm dann an der Fers’. In dem Hofraum
Kam ihm die Schar der Kinderchen, die dort sieben der Töchter,
Trefflichen Schwiehern vermählt, gebaren, entgegen. Die Kleinen
Faßten ihm schmeichelnd die Hand, und fragten zugleich nach dem Vater,
Nach dem Bruder und Freund, der fernhin weidet die Schäflein;
Aber er schwieg, und ging, von den Lieben umringt, nach dem Zelt heim.
Sieh’, auf den einsamen Höh’n des gottgeheiligten Berges
Saß noch Moses im sinnenden Ernst: da däucht’ ihn, zur Linken
Lodere Flamm’ empor. So war’s. Ein ragender Dornbusch
Brannte vor ihm. Vielleicht, daß erst ein Blitz im Gewitter
Ihn entzündet’, und jetzt die Glut anfachte der Nachtwind?
Lange sah er nach ihm, und jetzo mit wachsendem Staunen,
Daß der brennende Busch nicht, mattverglimmend, in Staub sank.
Schnell erhob er sich, ging, umforschete wieder, und nahte
Schon dem Wundergesicht: da scholl’s — der Engel Jehova’s,
Der ihn sendete, rief aus dem Busch mit erschütterndem Laut’ ihm:[16]
„Halte dich fern’; entblöße die Füß’: auf heiligem Erdreich
Stehst du allhier. Ich spreche zu dir, Gott deines Erzeugers,
Abrahams, Isaaks, Jakobs Gott, die Vater ihm waren.“
Moses sank auf die Knie’, und beugte die Stirne zum Boden,
Schaudernd. Der Herr fuhr fort: „Ich schaue den Jammer der Kinder
Israels dort in dem Joch des Frohnvogts; höre den Wehruf
Meines erlesenen Volks erschallen vom Land der Aegypter;
Will es erretten, und leiten zurück in die herrlichen Fluren
Kanaans,[17] wie ich’s verhieß: du sollst ein Führer ihm werden.
Eile, von mir gesandt, zu Pharao, heische den Abzug.“
„Ich, Herr, ich?“ so stammelte jener, „vor Pharao stehen —
Führer werden des Volks, ich langvergessener Fremdling?“
Gott sprach: „Rüsten werd’ ich mit Kraft und Stärke dich, daß du
Jedes vollbringst, und so, wie ich dich nun sende, so wahrhaft
Sollet ihr auch bald, hier auf dieses geheiligten Berges
Höh’n mit freudigem Muth Dankopfer mir bringen.“ Und Jener:
„Herr! Jahrhunderte lebte dein Volk in dem Land der Aegypter —
Hörte von Göttern dort, nicht von dir, dem Ewigen, Einen,
Sprechen: wie künd’ ich es ihm, welch’ Nahme der dein’ ist?“[18] Und Gott rief:
„Der dich sendet, bin Ich, der war, und seyn wird auf immer:
Abrahams, Isaaks, Jakobs Gott, so spricht es Jehova:
Denn so heißt er hinfort auf ewige Zeiten. Verkünd’ es
Also dem Volk, und d’rauf, mit den Aeltesten, eilend zum Thronsitz
Pharao’s, sprich: er lass’ euch fort in die Wüste hinauszieh’n,
Drei Tagreisen entfernt, daß ihr Dankopfer mir bringet.
Zehnfach trifft zwar ihn und das Land entsetzlicher Jammer,
Eh’ er euch selber entläßt, und drängt zum eiligen Abzug;
Aber euch werden zugleich, so will ich es, reichliche Spenden
Von den Aegyptern zu Theil an dem huldbezeichneten Tag dort,
Auf daß die Eueren deß’ noch fern in der Zukunft gedenken.“
„Ach, sie kennen mich nicht,“ so sprach mit bangendem Herzen
Moses vor Gott, „noch glauben sie je, daß Jehova mich sende!“
Aber da hieß ihn der Herr, den Wanderstab in der Rechten
Schleudern zur Erd’, und sieh’ zur Schlange von gräulichem Anblick
Ward er! Er bebte zurück; doch fassen mußt’ er das Unthier;
Faßt’ es, und hielt, wie zuvor, den Stab in der Hand. In den Busen
Sollt’ er sie bergen: er that’s, und weiß von schrecklichem Aussatz
Ward sie;[19] doch, auf Jehova’s Geboth, hervor aus dem Busen
Zog er sie wieder gesund. Da sprach, verweisend, Jehova:
„Sahst du’s? Wer kann so aus dem Todten das Lebende rufen —
Heilen Unheilbare, wer? Jehova allein! Und erkennen
Als den Gesendeten, trotz der zween erschütternden Wunder,
Sie dich noch nicht, so geuß von den Fluthen des Nils an dem Ufer
Wasser umher auf den glühenden Sand, und es wird sich urplötzlich
Wandeln in Blut, zum Zeichen: es sey der Eine, Jehova,
Er, der allmächtige Gott, der Herr des heiligen Strom’s auch,
Wie ihn dieß Volk benennt, das ihm, im kläglichen Irrthum,[20]
Huldigt als Gott, und ihn noch mit andern Göttern bevölkert,
Und ob solcher Gewalt entläßt euch Pharao schnell dann.“
„Herr!“ rief Moses mit steigender Angst vor Jehova, „nicht lös’t sich
Leicht das gefällige Wort von der Zunge mir; schwer und unlenksam
Träge, blieb sie mir stets: nicht würd’ ich als Redner bestehen.“
„Thörichter!“ also der Herr, „wer hat die Zunge dem Menschen,
Wer der Zunge die Macht lauttönender Worte gegeben?
Wer macht sehend und blind? wer, redend und stumm? — nicht Jehova?
Siehe, mein Hauch, wenn du vor Pharao stehest, entfahre
Deinem Mund mit erschütterndem Laut’: ich werde dir beisteh’n!“
Moses stand hell angestrahlt von des heiligen Dornstrauchs
Röthlicher Flamm’, und den Blick, verklärt, g’en Himmel erhebend.
Hehres erfüllt’ ihm die Brust: er dachte Vergangenheit, Zukunft
Also, im schwindenden Augenblick’, erschüttert im Herzen:
„Groß ist der Herr in seiner Erbarmungen Fülle: den Retter
Wies er dem Menschengeschlecht, dem gefallenen, schon in des Edens
Blühendem Hain’, der einst der feindlichen Schlange zertreten
Solle das furchtbare Haupt![21] Er wies auf dem Holz’ ihn, auf welches,
Still gehorsam dem Ruf, den Ungehorsam zu sühnen,
Selbst den einzigen Sohn der mildgesinnete Vater
Heftete, dann das Messer erhob[22]... o dunkeles Vorbild!
Schont er des Kommenden auch? Denn Abraham hörte des Trostes
Himmlische Wort’: aus seinem Geschlecht entsprieße des Segens
Zweig, der uns erlöst von der Schuld, und allen zum Heil wird.“[23]
Solches sann er im Geist’, und rief dann flehenden Blickes:
„Jenen send’, o Herr, den du zu senden gewillt bist!“[24]
Jetzt aufflammte der Busch, und, gleich gewaltigen Donnern,
Scholl die Stimme des Herrn, da er sprach: „Wer wagt es, den Vorhang,
Welcher der Zeit erhabenstes Ziel umhüllt, zu erheben?...
Doch, schon seh’ ich, daß Aaron dir mit erschütternden Worten
Beisteh’n wird vor Israels Volk’ und vor Pharao selber,
Mächtig als Redner durch mich! Bald kommt der treffliche Bruder
Dir mit freudigem Blick’ und froher Umarmung entgegen.
Also vereint, sollt ihr Gewaltiges wirken. Du sollst dann
Lenker ihm seyn, und er künde, was du ihm zu reden gebothen.
Auf, ergreife den Stab’, und führ’ ihn zum Ruhme Jehova’s!“
Moses lag noch dort, und heftete, schreckenbetäubet,
Seine thauende Stirn’ in den Staub. Doch langsam erhob er
Jetzt sich, und faßte den Stab: ihn umfing im dunkelen Schleier,
Schweigend, die Nacht. Nur über ihm, hoch im Gewölbe des Himmels
Flammten die Sternenheer’, und zogen die endlose Bahn fort.
Wie er auch forschte, nicht brannt’ in dem Feld der heilige Dornstrauch
Mehr, der jetzt, gewiegt von des Lüftchens Hauch’, in dem Dunkel
Säuselte. Schnell entfloh er, von heimlichen Schauern ergriffen;
Faßte sich, stand, und rief, die Hände zum Himmel erhebend:
„Einer — Jehova ist Gott! O, diese beglückende Wahrheit
Soll mein freigewordenes Volk, von andern geschieden,
Bis zur Fülle der Zeit mit eifernder Treue bewahren!
Hell ist das Ziel, zu welchem Jehova mich ruft, und ich folg’ ihm.“
Sagt’ es, und eilte dahin, wo dichtgelagert die Schafheerd’
Schnob auf dem Sand, vom Schlummer umfangen. Er kehrete, rufend
Oft, und drängend zugleich, mit ihr zu den Seinen, bewegt, heim.
Dort erweckt’ er zuvor die muthigen Knechte, gebiethend:
„Auf, nicht gesäumt, und sattelt mir zehn Saumthiere, mit Allem,
Was die dauernde Reis’ erheischt an wolligen Tüchern,
Speise- geräth und -bedarf, an Zelt- und Gewanden, beladen!
Harret des Winkes am Thor’: ich gehe, die Gattinn zu wecken.“
Rief’s hinschreitend. Sie staunten dem Wort’, und thaten in allem,
Wie’s der Ernste geboth. Doch er durcheilte das Vorzelt,[25]
Das zur rauheren Nachtzeit oft den zarteren Lämmern
Obdach gab, und d’rauf, erhebend den hüllenden Vorhang,
Schritt er hin in dem mittleren Raum, den, über den Pfahl sich
Wölbend, deckte das Tuch, aus Ziegenhaaren gewoben
(Sein, und der Männer Gemach) bis er jetzt erreichte die Frau’nhuth,
Wo Zipora, zugleich mit dem Sohn’ und den dienenden Mägden
Schlummerte. Dort erhob er wieder den scheidenden Vorhang
An dem Gezelt’, und rief der Gattinn mit freundlicher Stimme:
„Treue, erhebe dich schnell mit dem Sohn! Die Stimme Jehova’s
Heißt uns fort, aus dem einsamen Weidegefild nach Aegyptens
Fluren ziehen, wo mein der Bruder harrt mit der Schwester,
Und mein Volk des Retters bedarf aus unsäglichem Jammer.“
Sagt’ es, und Weh’ erscholl in dem dunkeln Gezelt’. Um die Hausfrau
Weinte die Schar der Mägd’, und sie schluchzete leise, der Trennung
Von dem liebenden Vater, den liebenden Schwestern gedenkend.
Doch sie that nun jegliches schnell nach dem Willen des Gatten,
Der nach Jethro’s Zelt, das, mitten im Schooße des Dörfchens,
Sich vor den andern erhob, enteilete. Siehe, nicht grüßt’ er
Dort die Schwäger, und nicht die Schwestern der Gattinn zum Abschied:
Denn eintretend, voll Hast, in das Zelt des schlummernden Greises,
Rührt’ er ihm leise die Schulter, und sprach, im Busen beklommen:
„Vater, ich ziehe, so will es der Herr, nach den Fluren Aegyptens
Jetzt mit dem Kind’ und der Gattinn hinab, daß ich grüße die Brüder
Dort, und erforsch’: ob mir die Freund’ und Verwandten noch leben?
Gib des Vaters Segen uns mit: er ruht auf den Kindern,
Wie auf der schmachtenden Flur die thauende Wolke des Himmels!
Ruft mich gebieth’risch die That, da send’ ich dir wieder die Tochter
Und die Kinder zurück: sie trägt jetzt unter dem Herzen,
Nährend, die Frucht — ein Söhnchen wohl? Jehova wird helfen!
Also heiß’ er dereinst; du pflegst sie mit liebender Sorgfalt.“
Sagt’ es, erweicht. Der Greis erhob sich, bewegt, auf dem Lager,
Streckte die Händ’ empor, und bethete Worte des Segens.
D’rauf ergriff er des Sohnes Hand; ließ schnell, wie ergrimmt sie
Wieder fahren, und als er sofort sich zur Wand des Gezeltes
Wendete, barg er sein Haupt in das Kissen, und weinte dann leis’ fort.
Moses enteilte dem Zelt mit tief erschüttertem Herzen.
Ein — allmächtiger Gott! Die Sternenheer’ in dem Luftraum,
Zeugen von dir — von dir auf Erden unzähliger Wesen
Wundergestalt, Natur, und Eigenheit: aber vor allen
Zeuget der Mensch: begabt mit Vernunft und Willen, in Freiheit
Sich empor zu schwingen zu dir, dem einigen Gotte!
Ach! entsetzliche Schuld des ersten erschaffenen Paares,
So verlocktest du jen’ im Grau’n endloser Verirrung,
Daß sie den Einen nicht mehr erkannt’, und nichtigen Götzen
Huldigte, selbst in dem Schooß einst hochgefeierter Völker?
Doch, der Ewige wählt’ in seiner Erbarmungen Fülle
Israels Volk: durch ihn hinüber zu retten den Glauben
An den einigen Gott zum Tag der hohen Erlösung,
Als der Verheißene kam, und im Lichte der himmlischen Wahrheit
Ihm auf immer den Sieg errang. O, Preis dem Erretter,
Der aus des Todes Grau’n uns führt’ auf strahlenden Lichtpfad:
Denn er führt’ uns zu Gott, dem Ewigen, Wahren, und Einen!
Zweiter Gesang.
Erlösung.
Schon umhüllt Aegyptens Gefild’ in der Helle des Tages
Finstere Nacht. Wie sank sie jetzt, urplötzlich, am Mittag
Von dem Himmel herab, als über ihr herrlich der Sonne
Strahlendes Antlitz glüht, die Welt umher, und vor allen
Goschem, Israels Land, das einst voll Huld ihm zum Antheil
Pharao gab, als Jakobs Sohn ihm Segen gespendet,[1]
Freundlichen Blickes erhellt? Wer ist’s, der, göttlicher Macht voll,
So den Lüften gebeut, und das Licht verwandelt in Nachtgrau’n?
Moses, der Herrliche, that’s mit dem Wunderstabe Jehova’s.
Siehe, dem Horeb nicht fern, lief ihm sein älterer Bruder,
Aaron, entgegen im Feld, da er jüngst von Arabiens Steppe
Her mit den Seinen vereint, nach Aegyptens prunkender Stadt kam.
Freudig umarmten sich dort die lange Getrennten, und Moses
Kündigte nun Jehova’s Geboth’, und wirkte die Wunder
Alle vor Israels Volk’ und dem Könige: heischend den Abzug.
Aber umsonst, denn Pharao’s Herz, von eitelem Schimmer,
Herrschsucht, Eigendünkel und Stolz, gleich Felsen, verhärtet,
Horchte der Stimme des Warnenden nicht, und sah von dem Thronstuhl
Kalt auf den Jammer herab, der achtmal schon auf Aegypten
Lastete. Wie, unmenschlicher Fürst, so konntest du fühllos
Schauen die Noth, als Blut durchwogte die Ström’, und die Fisch’ all’
Tödtete? Schau’n, daß unzählige Frösch’ und gräuliche Kröten
Füllten die Stadt und das Land’ mit Gestank des Pfuhles; der Mücken
Rastlos quälenden Schwarm, und die Plag’ erbitterter Fliegen?
D’rauf Viehseuch’ in dem Land umher; der schwärenden Beulen
Schreckliche Qual; im Donnersturm hersausenden Hagels
Wüthen, und endlich den Zug verheerender Heuschrecken? Immer
Wandtest du zwar die Noth des Land’s: verheißend den Abzug
Israels Volk’. Aufdrang zu Jehova die flehende Stimme
Seines erlesenen Horts, und frei, wie Goschem geblieben,
Ward es davon; doch nie erfülltest du dann die Verheißung:
Eilend entgegen dem Sturz’ in die Nacht entsetzlichen Todes.
Furchtbarer wurde der Grimm des Herrn nach jeglichem Wortbruch.
Jetzt, als wieder getäuscht in Sclavenbanden das Volk blieb,
Senkt’, urplötzlichen Flugs, die Finsterniß sich auf des Landes
Reiche Gefilde herab, da Goschem noch in der Sonne
Heiterem Strahl, geschirmt von der Huld Jehova’s, erglänzte.
Nicht das Dunkel der Nacht, nein, schwarzumschleiernder Schatten,
Dampf, und fühlbarer Qualm, dem’s Licht verlischt in dem Bergschacht,
War’s, das drei entsetzliche Tag’ und Nächt’, auf Aegyptens
Fluren lag. Da hielt inmitten der Furche der Pflüger
Sein Gespann, und der Sclav’ an der Mühle den sausenden Stein an;
Fest an die Stelle, wo ihn auf der Flur Entsetzen ereilte,
Stand der Hirte, gebannt, mit der blöckenden Heerde; der Weidmann
Hemmte den Spürer, und sank in das Gras. Auf dem lärmenden Marktplatz,
Wo das unzählige Volk, gleich Wogen, hinauf und hinunter
Fluthete; so in dem hallenden Thor, wo die Aeltesten saßen,
Recht zu sprechen dem Volk’, als erwählete Richter; im Umkreis
Hoher Palläst’, in der Hütte zugleich und der emsigen Werkstatt —
Ueberall senkte die Angst auf den Fittigen finsteren Nachtgrau’ns
Sich auf die Menschen herab. Das Wort erstarb in des Redners
Mund; der rasch Hineilende stand, und das Leben verstummte
Ringsum, gräßlich dem Ohr’ und dem Aug’, in des Todes Umschattung.
Aber schrecklicher noch die Schuld, und des Sünders Bewußtseyn:
Wie er in grausamer Lust einst Israels wimmernde Söhnlein
Werfen hieß in den Strom, das Volk zu vertilgen, entschlossen,
Und der Ein’, im Schilf gerettete, jetzo mit Hoheit,
Macht und Wundergewalt von Jehova begabt, und gesendet,
Stand, ein furchtbarer Rächer, vor ihm; wie er solches in Banden
Hielt; der quälendsten Noth und des Frohnvogts eiserner Geißel
Preis gab, daß es nur bald erliege dem lastenden Jammer:
Denn nun sah er sich hier, umgarnt von der Finsterniß ringsum,
Selber in Banden, und regte sich nicht. Wie ein feuriger Blitzstrahl,
Fahrend urplötzlich im Donner herab, den einsamen Hirten
Unter dem laubigen Zweig des schirmverheißenden Baumes,
Lähmend, berührt: er schaut, und hört der nahenden Menschen
Aengstliches Müh’n nach Hülf’, in qualenvoller Erstarrung:
Also lähmte, herab von Jehova gesendet, die Sünder
Hier urplötzliche Nacht, und Angst war rings in Aegypten.
Ha, nun saßen sie dort, und bebten vor jeglichem Hauch schon:
Wenn entzündeter Qualm hinfuhr in den Lüften, erhellend
Schnell, wie ein Blitz, mit zuckendem Schein die umnachtete Gegend;
Wenn der Schlangen Gezisch’ um sie scholl, die, ernährt in dem Hofraum
(Ach, dem erhabensten Wesen gleich verehrten die Thoren
Solch’ verworfenes Thier)[2] hervor der Hunger getrieben;
Oder das Säuseln am laubigen Zweig’, einstürzender Felsen
Dumpfes Geroll, des Waldstroms brausender Fall, und des Wildes
Lautes Brüllen heran aus dem nahen und fernen Gefild’ drang:
Da wich jegliche Kraft aus ihrem erschütterten Herzen
So, daß, ohnmächtig, sie oft entschlummerten! Doch nicht erquickte
Sie der Schlaf: entsetzliche Grau’ngestalten der Hölle
Weckten, im wechselnden Flug, sie schnell zu erneuerten Qualen.[3]
Jetzt erscholl in der Königsburg die jammernde Stimme
Pharao’s. Angst und Entsetzen bezwang denn endlich des Wüthrichs
Wildaufgährenden Grimm: unzählige Diener und Sclaven,
Immer bereit sich vor ihm im Staube zu beugen in Demuth,
Jammerten, lautumschallenden Ruf’s, ihm jegliches Wort nach:
„Moses, Moses, erbarme dich, komm’, und schaff’ uns Errettung!“
Moses stand alsbald vor Pharao. Schrecklich erklang ihm
Durch umnachtendes Grau’n des Ungesehenen Stimme:
„Moses steht vor dir: warum ertönte sein Nahmen,
Jammerndgerufen, umher in des Königs weiten Gemächern?“
„Ach,“ so entgegnete jener ihm leis’, „entsetzliches Unglück
Hast du auf mich und Aegypten gebracht! Ich habe gesündigt.
Schaff’ uns des Tages Licht: es soll dir Jedes gewährt seyn.“
Moses nahte dem Fenster (ihm barg kein Dunkel des Himmels
Freundlichen Strahl) erhob, mit flehendem Blick’, in das Nachtgrau’n
Seinen gewaltigen Stab, und rief, erschütternd: „Entweiche!“
Plötzlichen Flugs entschwand die Finsterniß, und an dem Mittag
Sah aus unzähligen, ringsumher verkläreten Augen
Wieder der bläuliche Himmel herab, daß lange der Mensch noch
Vor dem blendenden Licht die Lieder verschloß, und, erstarrt, saß.
D’rauf erwachte Getös’, und Lärm, und unendlicher Jubel
Rings in dem Land’, und geschäftige Hast erfüllte die Straßen.
Pharao schritt, ergrimmenden Blicks, hinauf und hinunter
Durch den wölbenden Saal; ihm kochte der Zorn in dem Busen;
Jenen zu schau’n, der ihm und dem Volk so schreckliche Plagen
Schuf. Da sprach er zu ihm jetzt noch mit verhöhnendem Trotz so:
„Wohl, ihr ziehet denn fort, nach des Horebs wüsten Gefilden
Schreitend die Bahn — ihr alle, so Jung als Alt, mit des Hauses
Dienender Schar; nur bleibe das Vieh zurück’ in dem Land hier,
Dem es gehört nach Recht: hier mehrten sich alle die Heerden.“
„Nein,“ rief Moses im Zorn, „nicht die Heerde, nicht eine der Klauen
Bleibe zurück; nicht wissen wir noch, welch’ Opfer Jehova:
Ob er Brand- und ob Sühn’-Opfer er heischt in den Wüsten?“[4]
Jener tobte noch mehr, und rief: „So willst du mich täuschen?
Gier nach Herrschaft nur, nicht der Dienst und das Opfer Jehova’s,
Heißt dich empören das Volk, und entführen nach fremden Gefilden.
Mir aus dem Antlitz fort für jetzt und für immer, und wagst du’s,
Ihm zu nahen, so sollst du schnell mit dem Leben es büßen.“
Moses entgegnet’ ihm d’rauf: „Es sey — nie siehst du mich wieder!
Aber vernimm! So spricht Jehova: Ich will durch Aegypten
Gehen um Mitternacht, und die Erstgebornen der Armen,
Wie der Reichen, zugleich mit des Throns aufblühendem Erben
Und dem Erzeugten der Magd, die im Schweiß umdrehet den Mühlstein —[5]
Selbst auch jene des Vieh’s erwürgen in seinen Gefilden
So, daß Weinen erschallt, und Geheul, wie nimmer gehört ward.
Seines Heils harrt ruhig mein Volk: dann läßt du es fortziehn!“
Sagt’ es, und ging von dem Könige, der, verhärteten Herzens
Frevelnd an Gott, und von ihm verworfen, dem schwindligen Abgrund
Selber entgegen sich stürzt’, und dort den schrecklichen Tod fand.
Doch schon naht’ um die Mitternacht die Stunde des Grauens,
Wo sich Jehova’s Macht, verherrlicht an Israels Stämmen
Durch unendliche Huld — durch Straf’ unendlichen Frevels
An Aegyptens Volk’ und Könige, spätester Nachwelt
Noch zum Trost, zur Bewunderung, und zur Warnung erwiesen.
Sieh’, es war, nach Jehova’s Geboth, in den Häusern der Kinder
Israels schon geschlachtet das jährige Lamm, und besprenget
Dann mit dem Blute die Schwell’ und die Pfoste der Thüre zum Zeichen:
Daß sie gehorchend dem Herrn, sein harrten mit wachender Sorgfalt!
Haltend den Stab in der Hand, und zur Reise geschuht, und gegürtet,
Standen sie all’ um den Tisch, und verzehreten das, an dem Feuer
(Unzerstückt) gebratene Lamm,[6] mit bitteren Kräutern
Und mit ungesäuertem Brot, in freudiger Andacht.
Wer der Kinder Schar ermangelte, rief zu dem Mahl noch
Freund und Nachbar herbei, und tilgt’ in der Flamme den Abhub.
Also sollte hinfort, Jehova zum Ruhme, der Freiheit
Hehres Mahl von dem Volk gefeiert, und allen bekannt seyn:
Wie er sich sein erbarmt’, aus Pharao’s Banden es rettend
Dort in der grau’numhülleten Nacht, als rings der Aegypter
Klag’ um die Erstgeburt scholl, und vor Angst erbebten die Frevler.
Ha, nun blitzt’ es vom Himmel herab! Von Jehova gesendet,
Nahete schon (das flammende Schwert in erhobener Rechten,
Furchtbarn Ernst in dem Blick’, und Zorn auf den Lippen) des Todes
Engel heran. Verhüllt, wie im Nebel des Abends der Vollmond,
War sein strahlender Leib von düsterem Flor’, und die Locken,
Sonst voll himmlischer Schön’, aufsträubten sich ihm von der Scheitel.
Also schritt er einher, mit den Schrecken des Todes bewaffnet,
Durch die entschlummerte Königsstadt, durch Thäler und Eb’nen,
Wo ein Aegyptier wohnt’. Empor in die Höhen der Wolken
Ragte sein Haupt, und unter den Sohlen erbebt’ ihm der Boden,
Als er den Häusern genaht, das Schwert vor jeglichem aufschwang.
Sieh’, und es fuhr alsbald der Erstgeborne des Königs,
Wie des Aermsten im Land’, aus herzbeklemmenden Träumen
Auf von dem Lager! Er klagte sich selbst und die Seinen der Schuld an,
Und verhauchte den Geist, hinstürzend, in schrecklichen Qualen.
Da war Lärm und Getös’, war lautes Geheul und Verzweiflung
Allwärts. Keiner verschont, der, andern zuvor, an der Mutter
Brust die strahlende Sonn’ ersah; die blühendste Jugend
Schnell erwürgt; entsetzlich die Menge der Leichen, daß jetzo
Kaum hinreichte die Zahl der Lebenden, sie zu begraben,
Und nun alles und jedes erfüllt, wie es Moses verkündet.
Aber in freudiger Hast verzehrten Israels Stämme
Das, vom Herrn gestiftete Mahl der hohen Erlösung.
Sie gelobeten all’, einmüthig, mit heiligem Eidschwur:
Treu zu verharren Jehova’s Gesetz’ im Glück’ und im Unglück,
Und lobsangen dem Herrn, als draußen, nach jeglicher Richtung
Wehklag scholl, und Aegyptens Stolz im Staube, gestürzt, lag.
Sieh’, und noch in der Nacht hieß Pharao Moses und Aaron
Kommen, und sprach: „Zieht aus, ihr alle, mit Hab’ und Vermögen —
Schnell aus Aegypten fort, dem ihr unsäglichen Jammer
Spendetet; doch, erflehet auch mir noch Huld und Erbarmen!“
Sprach’s mit verhaltenem Grimm’ und weggewendetem Antlitz:
Denn in den Tiefen der Brust nährt’ er verderbende Rachgier
Noch, die jetzt nur die Angst bezwang in der Stunde des Unglücks.
Aber auch all’ die Trauernden, die vor des furchtbaren Engels
Todesschwert hinsinken sah’n die Erzeugten, bestürmten
Jetzt das versammelte Volk von Israel: „Ziehet von hinnen,“
Riefen sie laut, „ach, fort, daß wir nicht alle vergehen!“
Wie die Störch’ im Herbst, nach wärmeren Zonen zu wandern,
Sich versammeln am Moor’ um den selbsterkorenen Führer:
Er erhebt sich im Schwung’, und all’ ihm folgen, mit einmal
Schwebend empor zu den Wolkenhöh’n, in unendlichen, weiten,
Keilgestalteten Reih’n, mit Geschrei und der schlagenden Flügel
Lautem Gerausche, hinab g’en Süden zu ziehen: nicht anders
Sammelten sich, um Moses zugleich und Aaron, die Kinder
Israels, noch in der Nacht in die Wüste den Zug zu beginnen.
Jetzt erschien Mirjam, die gottgesegnete Jungfrau,
Moses und Aarons Schwesterkind,[7] und blickte nach jenem,
Mildverklärten Gesichts mit tiefer und inniger Ehrfurcht!
Schön war sie: wie im Lenz die Ros’ und Lilie, blühten
Ihre Wangen; ihr Aug’ erglänzt’ in des lieblichen Veilchens
Blau; wie der schlanken Zeder ihr Wuchs — des munteren Rehes
Sprung ihr Gang, und ihr Laut der Nachtigall wonniges Flöten.
Ging sie einher in dem Volk, da sah ihr mit staunenden Blicken
Jeglicher nach; ihr folgt’ aus jeglichem Munde der Beifall:
Denn noch schöner ihr Herz, der Seherinn göttlicher Weisheit:
Immer mild, und bereit beglückende Gabe zu spenden.
Jetzo kam sie heran, und sprach zu Moses und Aaron:
„Wohl, ihr führet denn Israels Volk aus den Banden der Knechtschaft
Frei von hier, nach dem Wink Jehova’s, des einigen Gottes!
Aber es klagt das Volk: nicht werd’ ihm Ersatz für den Boden,
Den es in Goschems Flur mit Haus und Habe verliere,
Nicht des blutigen Schweißes Lohn, den früher der Frohnvogt
Für den Zwingherrn karg bedingt’, und noch karger zurückhielt.
Aber ich seh’ es im Geist: schon drängten uns laut die Aegypter
Fortzuzieh’n aus dem Land, daß nicht alle Verderben ereile;
Jeglichen Eigens Herr ist Jehova: er will’s, und des Drängers
Herz wird mild: er spendet uns Gold und Kleider die Fülle.[8]
Einst soll’s ihm zum Dienst’ in der einsamen Wüste geweiht seyn.
Aber bedenket denn auch, was Joseph, dem herrschenden Pfleger
Hier des ägyptischen Land’s, da er sterbend solches noch heischte,
Euere Väter, gesammt, verhießen mit heiligem Eidschwur:
Führt des Frommen Gebein mit fort nach den Segensgefilden
Kanaans, daß er im Herrn dort ruh’, zu den Vätern versammelt.
Denket wie groß und rührend zugleich an dem heiligen Manne
Sich Jehova’s Huld, des ewigen Gottes, erwiesen:
Als er in blühender Jugend schon ein Opfer des Neides
Seiner Brüder, hervor aus der Todesgrube gezogen,
Schnöde verhandelt ward nach Aegypten, und dort in der Hofburg
Pharao’s, frech der Sünde gezieh’n, die er, reinen Gemüthes,
Von sich wies. Doch schmachtet’ er dann im schmählichen Kerker
Jahrlang, bis er die Träum’, ein gotterleuchteter Seher,
Deutend, von schrecklicher Hungersnoth die Völker Aegyptens
Rettete, Ruhm sich erwarb, und das Land beherrschte mit Weisheit.
D’rauf, als jene zu ihm die hülfbedürftigen Brüder,
Von dem Vater entsendet, geführt, nicht vergalt er das Unrecht,
Das sie geübt: denn bald nach der liebendersonnenen Prüfung,
Weint’ er an ihrer Brust — des grauenden Vaters gedenkend,
Selige Thränen. Er lockt’ ihn so nach Aegypten herüber,
Wie auch die Seinen, und schenkt’ ihm Goschems Fluren zum Wohnsitz.
Dessen gedenkt, und erfüllt des Frommen Wünsche mit Ehrfurcht.“
Also geschah’s: da ging in schauererregender Hoheit
Moses vor allen einher. Von Cair-Raemses nach Succoth[9]
Zog das Volk, geführt von Jehova’s Gesandten. An sechsmal-
Hunderttausend allein der streitbarn Männer gerechnet
(In dem Gefolg der Ihren, der Knecht’, und des frommenden Hausthiers)
Eileten jetzt, voll Hast, der langersehneten Freiheit
Heiligem Zufluchtsort, der Wüst’, entgegen im Nachtgrau’n.
Doch nicht im Nachtgrau’n irret’ ihr Fuß, und, nicht in des Tages
Glänzendem Licht von dem Pfad: denn sieh’, der Engel Jehova’s
Zog, erschütternd zu schau’n, bei Tag in des dunkeln Gewölkes
Thürmender Säul’, und bei Nacht im röthlichen Schimmer des Feuers
Vor den Scharen einher, und führete sie nach dem Ziel fort!
Erst an die Flur Etham’s, dann wieder zurück an des Schilfmeers
Bergumschlossenen Strand, unfern Pahachiroth und Migdol,
Wo die Quell’ aufwallt, gelangten die wandernden Stämme
Israels — so verfügt’ es der Herr: an Pharao’s Falle
Sein erlesenes Volk zu verherrlichen, noch bei der Nachwelt.
Schon zernagt’ ihm zuvor unendliche Reue den Busen,
Daß er das Volk zieh’n ließ, von dem Zauberer, Moses, bethöret,
Sich zum Spott’ und dem Lande zum Harm: da er solchem der Sclaven
Fröhnende Hand entriß, die ihm all den Reichthum erwarben.
Jetzt verkündeten ihm Eilbothen: verirrt, und verlassen
Von Jehova sogar, der ihm als Retter gerühmt war,
Irre das flüchtige Volk von Israel noch an des Schilfmeers
Felsigem Strand, voll Angst umher, und erliege dem Hunger.[10]
Alsbald rief er nach seinem Heer’. In brausender Schnelle
Waren die Rosse gezäumt — Streitwagen und Waffen geordnet
Dann mit dem Volk’, und er jagte den Flüchtigen nach zu dem Schilfmeer.
Jetzt versank die Sonn’ am westlichen Himmel; die Kühlung
Schwebt’ aus dem Meere herauf, und des Abends dunkeler Schleier
Senkte sich tiefer stets auf die schweigenden Fluren der Umwelt,
Als unendlicher Staub empor zu dem wölbenden Himmel
Drüben im Westen sich hob, und mit Sorg’ erfüllte die Scharen
Israels. Bald entstürzten zugleich die entsendeten Bothen
Alle den ragenden Höh’n, und verkündeten, lallend vor Schrecken:
„Pharao’s Macht stürmt an so zahllos, wie nach dem Meersturm
Sich aufhäufet der Sand am Gestad’, und im dunkelen Luftraum
Flammen die Sterne bei Nacht. Der Boden erzittert den Hufen
Seiner Ross’ und der Last zum Streit gerüsteter Wägen.
Wehe, nichts rettet uns mehr, wir sind verloren für immer!“
Jetzt erscholl alsbald unendliches Weinen und Klagen,
All’ die Scharen entlang: denn so, wie auf ruhiger Meerfluth,
Brausend daher ein Sturm urplötzlich die Wogen auf Wogen
Wirft, und im weitverbreiteten Forst die Wipfel an Wipfel
Schleudert mit lautem Geheul: so pflanzte die furchtbare Nachricht
Sich in den Haufen des lagernden Volks, im Toben der Angst fort.
Bald umgab, voll Wuth in dem Blick’, ein frecherer Haufen,
Der in Gefahr nur lärmt, nicht handelt, Moses und Aaron,
Beide Gesandten des Herrn, und immer lauter erscholl’s nun:
„Weh’ euch Führern, Weh’! Ihr seht dem gewissen Verderben
Preisgegeben das Volk durch euren unbeugsamen Starrsinn:
Denn ihr wandtet den Rücken uns nur, wenn wir in Aegypten,
Ahnend die dräuende Noth, euch sagten: viel besser, in Knechtschaft
Dort zu leben, als draußen im Grau’n unendlicher Wüsten
Sterben den Hungertod, den schrecklichen, oder des Feindes
Würgendem Schwert’, ohnmächtig und hülf’entblößt, zu erliegen.
So habt ihr uns bethört: wir fallen durch euere Schuld nur.“
Also die Kühnen, und rings erscholl noch empörteres Klagen.
Moses sah mit erhabenem Ernst nach den lärmenden Rednern
Hin; dann rief er laut zu den angstergriffenen Scharen:
„Fasset nur Muth: Jehova’s Arm ist erhoben, zu schirmen
Sein erlesenes Volk! Bald sind die unzähligen Gegner,
Die euch bedroh’n, nicht mehr — aus eueren Augen verschwunden.
Habt Vertrau’n zu Jehova, dem Herrn; verzaget nicht; ruht nur!“
Sagt’ es, und stieg den Hügel empor, der schroff an des Schilfmeers
Nacktem Gestad’ sich erhebt, Baalzephon nicht ferne, der Herberg’
Einst der Höhlenbewohner im Land’. Unzählige Höhlen
Birgt sein Schooß.[11] Die Wolkensäule Jehova’s, des Volkes
Führerinn, ruht’, als sollt’ es die Nacht an die Stelle gebannt steh’n!
Doch er beugte die Stirne zum Staub’, erhob sich, und rief nun:
„Herr, errette dein Volk!“ mit weitumschallenden Tönen
Auf in die Nacht. Da kam aus der Wolkensäule die Stimme:
„Dein Geschrei drang laut zu mir auf: Kleinmüthiger, zagst du?
Zieht nur weiter, sogleich!“ „Doch wie? Die Gegner im Rücken,
Vorne das Meer?“ „Streck’ aus den Wanderstab in der Rechten
Ueber die Fluthen des Meers — zertheile sie; führe die Scharen
Mitten durch, zu dem Strand jenseits, und, trockenen Fußes
Wandelt ihr. Bald folgt euch die Macht der Aegypter, empört, nach;
Aber an ihr, an Pharao’s Heer’, an Wagen und Reitern
Werd’ ich vor euch mich dann verherrlichen, daß sie bekennen:
Nur Jehova ist Gott, der Schöpfer der Erd’ und des Himmels.“
Siehe, die Wolkensäul’, und in ihr der Engel Jehova’s
Wich in Eile zurück’, und schied, errettend, im Rücken
Sein erlesenes Volk von Pharao’s drohender Heersmacht:
Dieser ein finsteres Nebelgewölk, das selbe die Nacht durch
Fest in das Lager gebannt steh’n hieß — ein strahlendes Feuer
Jenem: den hellen Pfad in des Schilfmeers Bette zu wandeln!
Moses stieg den Hügel herab, dem Strande des Meeres,
Eilenden Schrittes, zu nah’n. Jetzt sah das staunende Volk ihn
Dort, wie er, mutherfüllt, den Wanderstab in der Rechten
Ueber die Fluthen erhob. Alsbald herbraus’te des Ostwinds
Stürmender Hauch. Er warf sie, querdurchwühlend den Abgrund,
Links und rechts, und siehe, der Engel Jehova’s, des Volkes
Leitender Hort, fuhr jetzt aus der Wolkensäul’ in des Erdballs
Tiefen hinab![12] Dicht unter der erst empöreten Meersfluth
Kocht’ Erdharz und Naphta, vermengt mit bläulichem Schwefel,
Mitten im finsteren Raum der ringsumschlossenen Felsen.
Kaum berührte das feste Gestein, mit des schwebenden Fußes
Leisem Druck, der Himmlische, da hob, plötzlich, des Felsens
Berstendes Haupt sich empor — nachbrauste der feurige Brodem
Mit unendlicher Wuth und schreckenvollem Geprassel
Durch den gewaltigen Spalt, und drängt’ urschnell in des Meeres
Tiefgehöhletem Bette den Grund im donnernden Flug’ auf
So, daß erfüllet die Kluft, und Israels zagenden Scharen
Durch das Schilfmeer hin, allmächtig, geebnet die Bahn war:
Breit und getrocknet sogleich vom dörrenden Hauche des Ostwinds.
Moses wandte sein Aug’, umhüllt von Thränen des Dankes,
Erst g’en Himmel, und dann zu dem Volk, das, staunengefesselt,
Stand, und jetzt aufjauchzt’, ergriffen von Freud’ und Entzücken.
Alsbald hatten sich alle zugleich auf dem Pfade der Rettung
Vorgedrängt; doch Moses hieß je fünfzig, in Haufen
Wandeln. Angestrahlt von der feurigen Wolke die Nacht durch,
Zogen sie nun, lobsingend dem Herrn, wie auf grünenden Matten
Hüpfende Lämmer, dahin, und jubelten, ähnlich der Rosse
Munterer Schar, die, frei von der Halfter, zur Weid’ an dem Waldbach,
Wiehernd vor Lust, enteilt, bis jetzt am dämmernden Morgen
All’ erreichten den Strand, der, sanftgehügelt, emporstieg.[13]
Leis’ entschwand die Nacht. An dem Saum des östlichen Himmels
Wallt’ ein Purpurglanz empor, und glühete heller,
Feuriger stets, der bald aufschwebenden Sonne zur Feier.
Doch nicht sollte sie noch auf die weiten Gefilde des Schilfmeers
Strahlend, schau’n: denn siehe, die Wolkensäule Jehova’s,
Die dem erwähleten Volk zur Rettung leuchtete — grau’nvoll
Erst die Verworfenen hemmt’ im Lauf’, erhob in die Luft sich,
Gährend, und lag, ein Wettergewölk, das Blitze des Todes
Trug in dem finsteren Schooß, weit über dem Meere verbreitet!
Pharao schrie, als jetzt die hemmende Wolke sich aufschwang,
Und des Morgens Strahl erglühete, laut zu den Scharen:
„Auf, verfolget, erhascht, erwürgt die Verräther! Ihr sollt dann
Theilen die Beut’, und mit mir der Rach’ unendliche Sehnsucht
Kühlen in ihrem Blut. Nicht raste das Schwert vom Gewürg’ mehr.“
Also entflammt’ er das Volk. Zugleich ertönte der Schlachtruf —
Scholl das Wiehern der Ross’, und der rollenden Räder Getümmel
Rings dem Klirren der Waffen vereint, in dem weiten Gefild hin.
Wirbelnd erhob sich der Staub. Verblendete! Noch sind die Thränen
Kaum versiegt; noch bebt euch die Hand, die gestern die Leichen
Euerer Söhne begrub, und schon verfolget ihr wieder,
Treulos, Israels Volk, das ihr mit flehenden Worten
Fortgetrieben zuvor aus dem Land’ entsetzlicher Knechtschaft?
Also stürzet ihr euch den frechverschuldeten Strafen
Selber entgegen; ihr stürzt in die Nacht endlosen Verderbens!
Lärmender brauseten jetzt die Aegyptier fort auf dem Sandpfad,
Den, allmächtig, erst der Herr aus dem Meere gehoben,
Und ersah’n, jenseits an dem Strand, die entlassenen Sclaven
Schon, voll lechzenden Grimm’s, sie niederzuschmettern, verlangend;
Aber inmitten der Bahn ereilten ihr schreckliches Ziel sie.
Tiefer sank das Wettergewölk’:[14] ein flammender Blitzstrahl
Zuckt’ aus seinem Schooß vor dem Heere herunter; der Donner
Kracht’ unendlich ihm nach; des Erdballs Vesten erbebten;
Ringsum drönte die Welt, und Pharao rief voll Entsetzen:
„Laßt uns flieh’n vor Jehova: er kämpft für Israel selber.“
Alsbald wandt’ er das Roß, und die angstergriffenen Scharen
Folgten ihm. Da war Lärm und Getös’ — war grause Verwirrung
Und Verderben zugleich. Wild drängten sich alle mit einmal,
Durch die Reih’n, und es schlang der Mann, das Roß, und der Wagen
Sich zum verworrenen Knäul. Wie ein heißgetriebener Damhirsch
Sich in dem Netze verstrickt, das drüben am buschigen Waldsaum
Trüglich umher der Weidmann zog: erst haften die Klau’n ihm,
Dann sein ästig Geweih’ in dem Netz; doch, wie er sich abmüht
Sich zu befrein, schlingt er stets fester die hemmenden Fessel
Noch um sich her, und sinket dann athemberaubet zu Boden:
So verstrickte sich hier das Heer. Die flüchtenden Krieger
Schrien; auftobten die Ross’; an den schnellgewendeten Achsen
Brachen die Räder entzwei, und hemmten die Flucht und die Rettung.
Jetzt fuhr Blitz auf Blitz im brüllenden Donner herunter.
Sieh’, und wieder hinab zu den Felsenvesten des Meeres
Schwang sich im eiligen Flug der Himmlische; sah zu Jehova,
Anbethend, dort empor, und stieß mit des schwebenden Fußes
Leisem Druck’ an den Fels: da stürzte des flammenden Abgrunds
Wunderbar erst erhob’nes Gewölb’ urplötzlich zusammen;
Hoch aufwogte des Meer’s getrennete Fluth, und ergoß sich,
Rauschend daher links, rechts, in ihr versinkendes Bette.
Ha, welch Jammergeschrei? Wohin verschwinden die Völker
Pharao’s — Wagen und Rosse, wohin? Verschlingt sie der Abgrund
Alle? Ja, er verschlinget sie all’! Unzählige Leichen
Schwimmen über der Tief’; eintönig rauschen die Wogen;
Kein Blitz flammt; kein Donner rollt; die wetternden Wolken
Heben sich strahlend empor, und die Sonn’ erleuchtet den Erdkreis.
Drüben am breitaufragenden Strand des ruhigen Meeres
Hemmte Moses zuvor die Flucht der wimmelnden Scharen
Israels. Angstbetäubt, erzitterten sie dem Verfolger,
Da stets näher und näher sein Wuthgeschrei mit dem Wiehern
Seiner Ross’, und dem Rollen der streitgerüsteten Wagen,
Scholl; doch Schauer der Furcht, Verwunderung, Hoffnung, und Wonne,
Faßten, wechselnd, ihr Herz, da er scheu vor dem flammenden Blitz, nun
Wieder entfloh. Und als das Bette des Meer’s in den Abgrund
Kollerte; d’rauf im Tumult der lautaufrauschenden Wogen
Sich die getrennete Meeresfluth schnell wieder vereinte,
Und das unzählige Heer, die Wagen, die Ross’, und die Reiter
Pharao’s, dort verschlang: da hob aus den seligen Herzen
Sich kein jubelnder Laut herauf; es beugten, mit einmal,
All’ die Geretteten hier die Stirne zum Staub’, und benetzten
Ihn mit den Thränen des Danks: Jehova, den Retter, den starken,
Gütigen Gott verehrend im Staub’, in erschütternder Stille!
Aber es reiheten jetzt die Jünglinge, Frauen, und Jungfrau’n,
Vor den Männern, auf Moses Wink, in gesonderten Haufen,
Sich an dem Strande des Meer’s. Er stand auf dem ragenden Felsriff
Höher denn sie. Kein Laut erscholl. Da faßten die Künstler,
Jair und Bentubal, die goldenbesaiteten Harfen;
Sieh’, und bald erklang, wie im Blüthengezweige des Fruchthains
Säuselt des Windes Hauch, und bald, wie er brauset im Herbststurm,
Der den nächtlichen Forst durchfährt, der heiligen Harfen
Herzentflammender Laut, am Fuße des ragenden Felsens!
Moses sah zu dem Himmel empor. Er faltete, kreutzweis
Ueber der pochenden Brust die Händ’, und begann in der Saiten
Frohem Getön sein Jubellied. Laut sang ihm das Volk nach:
Mosis Siegeslied II. Buch 15. Cap.
„Laßt uns singen dem Herrn: denn herrlich erwies er sich — stürzte
Schnell das Roß und den Reiter in’s Meer.“[15] Die Seherinn Gottes
Mirjam, Aarons Schwesterkind, erhob in der Rechten,
Jubelnd, die Pauk’, und sang im Reigen der Frau’n und der Jungfrau’n:
„Laßt uns singen dem Herrn: denn herrlich erwies er sich — stürzte
Schnell das Roß und den Reiter in’s Meer.“ Mein Ruhm ist Jehova,
Meine Stärke, mein Heil! Er ist mein Gott — ich erheb’ ihn;
Aber auch meiner Väter Gott, und ich preis’ ihn auf immer:
Denn, ein tapferer Held ist er, und sein Nahmen ist Allmacht!
„Pharao’s Wagen und Heer stürzt’ er in die Fluthen des Meeres,
Und die erlesenen Führer versenkt’ er all’ in dem Schilfmeer.“
Sie bedeckte die brausende Fluth: wie Steine versanken
Sie in die Tief’. O Herr, mit Kraft verherrlicht, erwies sich
Deine Rechte. Sie schlug den Feind. Du stürztest die Gegner,
Strahlend in Fülle des Ruhms. Dein Grimm flog hin, und verzehrte
Sie, wie Feuer die Stoppeln im Feld’. Aufthürmte die Fluth sich
Deinem gewaltigen Hauch — die strömende stand, und der Abgrund
Hob aus der Mitte des Meer’s sich empor.[16] Da sagte der Gegner:
Will sie verfolgen, erhaschen, und theilen den Raub; in des Herzens
Freud’ entblöß’ ich den Stahl, und meine Rechte vertilgt sie.
„Doch dein Hauch stürmt an: alsbald bedeckt sie die Meerfluth,
Und wie Blei versinken all’ in den brausenden Wässern.“
Wer gleicht dir, Jehova, an Macht und der Heiligkeit Fülle?
Wer ist so herrlich an Ruhm, und wer so wundergewaltig?
„Ha, du erhobst die Hand, und schnell verschlang sie der Abgrund!“
Du warst deinem erretteten Volk’, erbarmend, ein Führer,
Und, voll Kraft, trägst du’s zu deinem heiligen Sitz hin!
Dann auffahren die Völker im Zorn’, und Philisthims Bewohner
Toben vor Wuth; doch Angst verwirret die Fürsten von Edom;
Moabs Gewaltige faßt die Furcht, und Kanaans Völker
Zittern. Schleudr’ Entsetzen und Grau’n aus der mächtigen Rechten,
Daß sie erstarren zum Stein, so lang’ auf jene herunter,
Als hinwandelt dein Volk, das du zum Eigen erwählt hast.
Herr, du führst es dahin; verpflanzest es rings um die Berghöh’n
Deines erkorenen Erbtheils — dort an dem dauernden Wohnsitz,
Den du erhöhst, und am Heiligthum, das du selber bereitest:
Herrschen wird Jehova, der Herr, auf immer und ewig!
„Singen wir dem Herrn: denn herrlich erwies er sich — stürzte
Schnell das Roß und den Reiter in’s Meer!“ so scholl es von drüben
Jauchzend heran, und in Wonn’ erbebte das horchende Weltall.
Heil dir, o Moses, Heil: erlös’t von den Banden der Knechtschaft
Hast du dein Volk, und mit Wundermacht in den Tiefen des Meeres
Ihm eröffnet die Bahn der Rettung vom Tod’ und Verderben!
Also solltest du hier dem Welterlöser vorangeh’n,
Der vom ewigen Tod’ und von gränzenlosem Verderben
Einst errettet das Menschengeschlecht. Verloren auf immer
Waren wir alle. Zerstreut, wie auf einsamer Steppe die Heerden,
Irreten wir. Er kommt, und nimmt freiwillig die Sühnung
Für die ererbte Schuld — die Schuld des Menschengeschlechtes
Nimmt er auf sich, und leidet, und stirbt. O Tiefe der Weisheit
Gottes, wer ergründet dich! Kann den Frevel am Heil’gen
Sühnen der Gottmensch nur? Nur er, der ewige Mittler,
Tilgen die Schuld? Ihr Völker der Erd’, o preis’t den Erbarmer,
Dem, von schauernder Ehrfurcht voll, sich beuget das Weltall:
Denn nur er vollbracht’ es — im Werk der hohen Erlösung!
Dritter Gesang.
Auferstehung.
Hell in des Mittags Glanz ragt Sinais felsige Scheitel
Auf in die Luft; unzähliges Volk zieht hin an des Abhangs
Krümmungen, dem (erschütternd zu schau’n!) empor zu dem Himmel
Schwebend, die Wolkensäul’ als mächtige Führerinn voreilt’.
Israels Scharen sind’s. Von Elim und Mara herüber
Kamen sie jetzt, dem Lagerplatz voll bitterer Quellen,[1]
Die der Sohn Amrams, mit Wundermacht von Jehova
Ausgerüstet, den Dürstenden schnell in süße verwandelt’.
Aber er schlug auch vor Rephidim den Boden, und Wasser
Sprang aus dem Fels, als ihnen auf Sin’s[2] unendlichen Steppen
Früher schon Jehova herab die Schwärme der Wachteln,
Und das Manna gesandt, die Wunderspeise, zur Nahrung.
Doch Rephidim gewahrte den Sieg von Israels Söhnen.
Gleich dem reißenden Bach herstürzten die kriegrischen Scharen
Amalecks dort auf das wandernde Volk. Da erkieset’ ihm Moses
Josua, Nuns Erzeugten, zum Hort. Er stieg auf den Hügel,
Aaron und Chur an der Seit’, und hob, als unten der Schlachtruf
Scholl, huldflehend, die Händ’ empor zu dem Himmel. Das Volk sah
Mitten im Kampfe nach ihm, und es drang, in hehrem Vertrauen,
Siegend, vor in dem Feld, so lang’ er die Hände zum Himmel,
Flehend erhob; es wich, wenn solch’, ermattet, ihm sanken.
Da vereinten die zween mit den seinen die ihren, und hielten
Jene gestützt empor, bis nun am dämmernden Abend
Schnell der Gegner entfloh, und unzählige Leichen zurückließ.
Dort, dem Horeb nicht fern’, dem heiligen Berg, wo er vormals
Aus dem brennenden Busch die trosterfüllte Verheißung,
Bebend, vernahm: „Bald sollt’ ihr hier Dankopfer mir bringen.“
Naht’ ihm Jethro nun, sein Schwieher, zugleich mit Zipora,
Und den Söhnen, die er heimsandt’ an dem Tage des Auszugs
Von Aegypten: vor Noth und Gefahr die Theuren zu wahren.
Gerschom hieß ihm der ältere Sohn: ein Fremdling geboren
War er im fremden Land’, und er nannte den jüngeren freudig
Jetzt Elieser: denn Gott half, und errettete machtvoll.[3]
D’rauf, als sie sich erfreut in holden Gesprächen, und Jethro
Immer, zu helfen, bedacht, mit alter, geschäftiger Sorgfalt
Ihm gerathen, dem Volk’ erlesene Richter zu wählen,
Daß er nicht selber erliege der Last: vom dämmernden Morgen
Bis in des Abends Grau’n Alljegliches ordnend, und schlichtend;
Als er Jehova’s Macht vor allem Volke gepriesen,
Und ihm selbst Dankopfer gebracht, da kehret’ er wieder
Heim in sein Land: beglückt mit den Segenswünschen des Eidams.
Doch in dem Steppengefild’ um Sinai lagerte jetzo
Israels Volk. Jehova rief, und Moses erhob sich
Nach dem Gipfel des Berg’s. Dort hört’ er die Worte des Segens:
„Sieh’, ich habe, dem Adler gleich, der liebend die Jungen
Trägt auf den Flügeln empor, euch her aus Aegypten geführet!
Werdet ihr, treu dem Bund, mir stets gehorchen in Demuth,
Dann erles’ ich euch: denn mein ist die Erd’ und das Weltall,
Gnädig zu meinem Volk’, und ein königlich Priesterthum herrsche
Ueber euch mild. Dieß künde dem Volk’, und es möge sich reinen
Bis zu dem dritten Tag; dann werd’ ich im Wetter ihm nahen.“
Und einmüthig gelobte das Volk ihm Treu’ und Gehorsam,
Als nun Moses, gekehrt, Jehova’s Willen ihm kund that.
Sieh’, ein Wettergewölk verhüllt urplötzlich des Berges
Ragende Höh’n! Schon zuckt der Blitz, hellleuchtenden Glanzes
Nach den Fluren herab; ihm murrt unendlicher Donner
Nach; Posaunengetön’ erschallt, und es zittern die Scharen
Israels, die, aus dem Lager heraus durch Moses geführet,
Nahten dem Fuße des Berg’s, auf welchem die Herrlichkeit Gottes
Ruht’ im Wettergewölk: denn gleich dem finsteren Gluthrauch,
Der erzschmelzenden Essen entsteigt, quoll selbes im Luftraum
Dunkel empor; stets furchtbarer schollen die eh’rnen Posaunen
Jetzt mit dem rollenden Donner vereint, aus dem Wettergewölk her,
Und der Berg erzitterte tief auf den Vesten des Erdballs.
Moses sprach, und die Antwort kam aus dem Donner herüber:
Denn ihm geboth der Herr: er solle hinauf in die Wolken
Kommen mit Aaron allein, und das Volk entfernter sich halten
Von dem Saume des Berg’s, daß Keinen Verderben ereile;
Doch blieb Aaron bald, erbebend, zurücke: nur Moses
Rang zu dem Gipfel des Berg’s mit gottvertrauendem Muth’ auf.
Jetzt trat er aus der Wolkennacht in strahlendes Licht ein.
Hoch in des Himmels Höh’n hob sich’s, wie die riesige Kuppel,
Wölbend empor, und reicht’ an die Gränzen der Erde hinüber,
Rings im Kreise umher, vor seinen entschleierten Augen.
Alsbald beugt’ er die Stirne zum Staub; dann stand er mit Ehrfurcht,
Harrend entgegen dem Wink’ unendlicher Huld und Erbarmung.
Noch erbebte der Berg, noch flammten die Blitz’ aus den Wolken
Nach den Fluren herab; noch rollte der furchtbare Donner —
Scholl Posaunengetön’, als Moses des hohen Gesetzes
Worte vernahm, wie im Freundesruf, vor dem Ewigen selber:
I. „Ich, Jehova allein, bin Gott — ein Gott! Nicht auf Erden,
Nicht an dem Himmel ersiehst du mein Bild. D’rum sollst du nicht Bilder
Dir gestalten zum Gott, und anbethen sollst du den Schöpfer,
Nicht das schwache Geschöpf, willst du gesegnet von ihm seyn!“
Sanft ertönete jetzt, wie im Lenzgebüsche das Lüftchen
Säuselt, die Stimm’ an dem Ohr’ des still aufhorchenden Moses:
„Der die Welt allmächtig erschuf, ist Gott der Vater.“
Und alsbald erscholl ein Ruf unzähliger Stimmen,
Gleich dem Brausen des Sturms, ringsher, aus dem kreisenden Weltall:
„Hallelujah! O, Anbethung, Preis, und Ehre dem Vater!“
II. „Nenne den Nahmen des Herrn, den Nahmen Jehova nicht eitel:
Ehre das göttliche Wort, willst du gesegnet von ihm seyn.“
Wieder ertönete sanft, wie im Lenzgebüsche das Lüftchen
Säuselt, die Stimm’ an dem Ohr’ des still aufhorchenden Moses:
„Nicht ward Gott, das Wort, und sein heiliger Wille geehret,
Darum folgte dem Ungehorsam der Tod. In der Zeiten
Füll’ erscheinet das Wort im Fleisch,[4] gesendet vom Vater:
Von dem ewigen Tod’ erlöset der göttliche Sohn nur.“
Und alsbald erscholl ein Ruf unzähliger Stimmen,
Gleich dem Brausen des Sturms, ringsher in dem kreisenden Weltall:
„Hallelujah! O, Anbethung, Preis, und Ehre dem Sohn’ auch.“
III. „Festlich begehe den Ruhetag, das göttliche Denkmaal
Von der Erschaffung der Welt. In sechs erlesenen Tagen
Ward sie erschaffen vom Herrn; am siebenten ruht’ er, ihm Segen
Spendend. Heilige den, willst du gesegnet von ihm seyn.“
Und es ertönte so sanft, wie im Lenzgebüsche das Lüftchen
Säuselt, die Stimm’ an dem Ohr’ des still aufhorchenden Moses:
„Hehre Geheimnisse beut zur Heiligung dir die Verehrung
Gottes: mild enthüllt sie der Welt, gleich feurigen Zungen,
Schwebend herunter, die ewige Lieb’ im Heiligen Geist’ einst!“[5]
Und alsbald erbraust’ ein Ruf unzähliger Stimmen
Ringsher: „Hallelujah!“ und es scholl im kreisenden Weltall
Fort: „O, Anbethung, Preis, und Ehre dem Heiligen Geist’ auch!“
IV. „Sey dir Vater und Mutter geehrt, so wird dir auf Erden
Lange das Leben zu Theil“ — in Kanaans Segensgefilden.
V. „Tödte nicht:“ denn des Ermordeten Blut, vergossen in Willkühr,
Schreit um Rache zu mir. Dein Leben verkürze der Herr nur.
VI. „Fliehe die Unzucht:“ denn sie entwürdigt dich selber, und and’re:
Nur dem Reinen enthüllt der Herr einst, lohnend, sein Antlitz.
VII. „Stiehl nicht.“ Reich ist die Quelle des Glücks im irdischen Leben,
Die der Achtung allein für fremdes Eigen entströmet.
VIII. „Zeuge nicht falsch.“ Auf Wahrheit, Treu’, und Glauben gegründet
Stehet des Einen, und Aller Wohl in dauerndem Segen.
IX. „Nicht des Nächsten Gattinn begehr’:“ entsetzlichen Frevel
Uebtest du sonst an dem Theuersten, was die Menschen vereinet.
X. „Nicht begehre sein Gut:“ ihm solches entreißen ist sündhaft;
Sünde die That nicht allein — denn zu ihr die böse Begier schon.
„Solches verkünde dem Volk’; auch sey’s zum ewigen Denkmaal
Eingegraben in Stein, verwahrt an heiliger Stätte.
Wird es gehorchen, so will ich vor euch einher in den Wüsten
Senden den Engel: Er wird euch dann zum Ziele geleiten,
Und beschirmen mit Huld. Nur horcht auf ihn, und erzürnt ihn
Nicht: denn Wir sind Eins,[6] nicht würd’ er vergeben. Er führt euch
Ein in des Segens Land, und vor euch zerstieben die Gegner.“
Also der Herr. Da säuselten sanft, wie die Lüftchen im Lenzhain
Säuseln, dem Ohr’ des Horchenden hier die Worte vorüber:
„Ja, gesendet von ihm, kommt einst der Engel des Friedens,
Und der Erlösung vom Tod: mit dem Vater, und Heiligen Geist’ auch
Eins, der göttliche Sohn — den Tod mit der Sünde besiegt Er!“
Sieh’, und er gab dem Volk von Israel noch auf den Pfaden
Seiner Wanderung bis zu dem huldvollwinkenden Ziel hin,
Wo der Verheißene kommt ein neues Gesetz zu verkünden,
Viele Gesetz’, Er selbst, sein Gott und König,[7] zur Wohlfahrt.
Moses behielt sie all’, ein Bothe Jehova’s im Herzen,
Und schritt dann aus dem Wettergewölk nach der Eb’ne herunter.
Noch entflammten den Berg unzählige Blitze; der Donner
Krachte noch fort im Posaunenruf, und das bebende Volk stand
Unten im Felde, verstummt. Nur hier und drüben erhob sich
Zarter Kinder Geschrei und das Weinen der sorglichen Mutter.
Laut aufriefen sie all’, ersehend den kehrenden Führer:
„Komm’, und verkünd’ uns Jehova’s Geboth’: wir wollen gehorchen;
Stürben wir doch, so er selbst mit uns redete, plötzlichen Todes!“
Moses richtete nun, wie Jehova gebothen, den Altar
Aus zwölf unbehauenen Steinen auf: nach der Stämme
Heiliger Zahl; hieß schlachten die jährigen Stier’, und besprengte
Dann mit dem Blute das Volk: zum Zeichen des Bundes. (Erneut einst
Wird der Bund, und das heiligste Blut besiegelt ihn: Allen
Hier zur Erlösung von Schuld, und vom ewigen Tode.) Nicht säumt’ er,
Faßte das Rohr, und schrieb, auf das Blatt der Staude,[8] Jehova’s
Zehen Geboth’, und las mit tieferschütternder Stimme,
Diese dem Volk dann vor. Ein Ruf: „Wir wollen gehorchen!“
Scholl, erneut, um ihn her, und er eilte zurück in die Wolken.
Vierzig Tage und Nächt’ — o Zeit der Weih’ und Entzückung,
Schnell entflohst du ihm dort, dem Seligen! Herrlich erhöhet
Stand in dem hehren Gesichte vor ihm die Hütte des Bundes[9]
Schon, mit den Säulen umher, mit den hängenden Tüchern, dem Obdach,
Ihr zum Schirm g’en Wetter und Wind, und dem dreifachen Vorhang,
Der von dem Allerheiligsten erst das Heilige trennte,
Dann den Vorhof schied, und vor diesem verhüllte den Eingang.
Dort in des Vorhofs Raum gewahrt’ er das eherne Becken
Nahe des Opfers Brandaltar’. In dem Heiligen sah er
Rechts den goldenen Tisch, und auf ihm Schaubrote geschichtet;
Sah zur Linken entflammt den siebenarmigen Leuchter,
Und den Rauchaltar vor dem Allerheiligsten stehen;
Doch in dem Allerheiligsten sah mit staunender Ehrfurcht
Er die Bundeslad’, und in ihr auf steinerne Tafeln
Eingegraben, Jehova’s Gesetz; auch den Stab, und des Manna
(Für die kommende Zeit) erhaltenes Maß in dem Steinkrug.
Anbethend beugten die Stirn’ zween Cherubim dort nach dem Deckel
Jener geheiligten Lade von Gold (von solchem gestaltet
Waren sie selbst, und der Tisch mit dem Rauchaltar und dem Leuchter)
Und umhülleten ihn mit den weitgebreiteten Flügeln.
Moses erbebt’ im Wonnegefühl: denn hoher Verheißung
Worte vernahm er: „Ich will in der Mitte der Cherubim künftig,
Dir, dem Sterblichen, mich enthüllen mit Huld, und ertheilen
Antwort dir im Grau’n beklemmender Zweifel. Des Jahres
Einmal wird nur der Hohepriester der Lade des Bundes,
Angethan mit dem Kleid’ und dem Schmuck, der jetzo dir kund wird,
Nah’n, und im Allerheiligsten dort, ihm Gnade gewährt seyn;
Doch nicht also mit dir: durch vierzig der Jahre von nun an,
Führst du im wüsten Gefild’ dieß Volk aus Abrahams Stamme,
Das ich erlas, den Glauben an Gott, den wahren und einen,
Rein zu bewahren, umher. Von den Götzendienern gesondert
Soll es mir seyn. Ihr Frevel verdarb sein Herz, und die Knechtschaft
Raubt’ ihm den Sinn für Wahrheit und Recht. In den Jahren der Wand’rung
Sterbe das gegenwärt’ge Geschlecht — nur Wenige schau’n dort
Kanaans Segensgefild’: ein neues, gesäugt in den Wüsten,
Blüh’, und erringe das Land, wie ich Abraham, Isaak, und Jakob,
Einst verhieß. Jehova ist treu, barmherzig, und gnädig.“
Moses begann: „Ach Herr, Jehova, Gnade gefunden
Hab’, Unwürdiger, ich, vor dir: dein Wille geschehe!
Nicht wie am Horeb, träg, als dort vom brennenden Dornbusch
Deine Stimme mir scholl — nein, freudigen Muthes gehorch’ ich
Deinem erhabenen Wink’. Ach, zürne nicht, Herr! In Gesichten
Sah ich enthüllet zuvor das eherne Becken, den Altar,
Leuchter, und Tisch, die Lade des Bund’s, und die heilige Hütte,
Wie ich hinfort gestalten sie soll auf dem Zug’ in den Wüsten;
Doch, was sollen sie einst? Verborgenes liegt in dem Bild wohl?“
Alsbald säuselten sanft, wie im Lenzgebüsche das Lüftchen
Säuselt, an seinem Ohr’, erneut, die Worte vorüber:
„Dreimal Heilig“ erschallt in den Himmeln umher dem Erschaffer,
So dem Erlöser zugleich, und dem Heiliger! Bebst du der Gottheit
Hehrem Geheimniß’ im Geist’? Ein Bothe des kommenden Retters
Eilst du dahin. Er führt aus den Banden des ewigen Todes,
Selbst, das entartete Menschengeschlecht zurück zu dem Schöpfer.
Kommen wird er voll Huld, und erbau’n den schöneren Tempel:[10]
Seinen Erlös’ten dereinst zur Heiligung. Nur in dem Vorbild
Siehst du sein Werk, und jetzt, in den Stunden der Weihe, nur ahnen
Sollst du, was einst auch dir in seiner Verklärung[11] enthüllt wird.
Sieh’, in dem ehernen Becken die Fluth: durch Wasser gereinet
Trittst du in’s Heiligthum ein?... So werden durch Wasser die Völker
Einst dem Himmel geweiht in des dreimal Heiligen Nahmen!
Opferst du Rinder ihm jetzt, und biethest des dankbaren Herzens
Gaben auf Brandaltären ihm dar?... Die Pfade der Kindheit
Wandelst du noch: denn dunkele Bilder gewahret dein Aug’ nur
Von dem erhab’nen Altar und jenem unblutigen Opfer,
Deß’ unendlicher Werth die Schuld versöhnet für immer![12]
Wallt Rauch auf in dem Allerheiligsten?... Nur die Erlös’ten
Weihen, mit ihm, dereinst ein mir gefälliges Opfer![13]
Doch auf dem gold’nen Tisch’ ersiehst du die Brote, zur Rechten,
Aufgeschichtet zur Schau?... O Tiefe der göttlichen Weisheit,
Wer ergründet dich? Einst ernährt zum ewigen Leben
Nur das lebendige Brot die Seel’, und, in Wonne gesättigt
Fleugt sie zu Gott! Du siehst den siebenarmigen Leuchter
Dort zur Linken gestellt?... Wie sieben der obersten Engel,
Knie’n am Thron’[14] — im Beginn des weltbeglückenden Reiches
Sieben Hirten zuerst des Meisters erkorener Jünger
Offenbarung[15] enthüllt, auf dem meerumflutheten Eiland,
Und der Geheimnisse sieben in seiner Kirche hienieden
Heiligend walten:[16] so flammt sein Licht vor dem dunkelen Vorhang,
Der das Allerheiligste birgt! Ein Sarg ist des Bundes
Lade vor dir?... ein Grab, aus dem in der Fülle der Zeiten,
Strahlend im Siegestriumph, der Welterlöser erstehet!
Sieh’ die Cherubim knie’n mit gebeugter Stirn’, und umhüllen
Dort mit den Flügeln, im Bild, der Gottheit hehres Geheimniß!
Auch errichtest, und brichst du die Hütte noch ab auf der Wand’rung
Wechselndem Pfad’?... Einst steht sie, verwandelt in herrliche Tempel
Oben auf Zions Höh’n von den Königen; aber den schönsten,
Herrlichsten baut nur Er, von erwählten und lebenden Steinen,[17]
Aus dem Schatten empor zu dem Reiche des Lichts und der Wahrheit!“
Tag’ und Nächt’ entfloh’n. Der gottbeseligte Führer
Israels sah im Geist’ auf Augenblicke der Zukunft
Dunkeln Schooß, wie im Licht des schnellaufflammenden Blitzes
Nächtliche Fluren, erhellt: sein Volk in den Segensgefilden
Kanaans; erst der Richter, und dann der Könige Herrschaft,[18]
Frevel und Götzendienst; zweimal den herrlichen Tempel
Zions zerstört, und so oft in die Fremde geführt von den Siegern
Sein entwürdigtes Volk.[19] Umsonst erheben die Seher
Warnende Stimmen; doch sie künden zugleich in des Jammers
Füll’ auch Trost: zur verheißenen Zeit, von der Reinen geboren,
Kommt der Retter heran. Er lehret die Worte des Lebens —
Uebt die Thaten des Heils... und, ach, an dem schmählichen Kreutz dort
Hängt er, und stirbt? Triumph dem Auferstand’nen: vom Oehlberg
Schwebt er, huldumstrahlt, empor in den jauchzenden Himmel!
Sieh’, und das dürre Holz, an welchem er hing — in die Wolken
Grünt es plötzlich empor, und breitet die schattenden Zweig’ all’
Ueber die Erd’, im Segen, umher! Sie kühlen des Müden
Glühende Stirn’; sie biethen dem Hungernden Speise des Lebens;
Laben den Dürstenden mild, und, gestärkt, erklimmt er von einem,
Immer höher empor, zum ander’n, das Ziel in dem Lichtreich,
Wo der Sohn, mit dem Vater und Heiligen Geiste vereinet
Ein- dreieiniger Gott, allmächtig in Ewigkeit herrschet.
Moses sank in Wonne dahin; doch, nahe der Rechten
Fand er, erwacht, Jehova’s Gesetz, auf steinerne Tafeln
Eingegraben, und trug’s im Arm von dem Berge herunter.
Wehe, wie trifft jetzt Lärm und Geschrei, von dem Lager herüber,
Sein aufhorchendes Ohr? Er sah — die steinernen Tafeln
Fielen aus seinen, voll Angst erhobenen Händen, und brachen
Mitten entzwei: er sah um ein güldenes Kalb sich erheben
Opfer, und Mahl, und Reigentanz, als hätt’ er Aegyptens
Söhn’ in die Wüste geführt.[20] Unsinnige! Habt ihr vergessen,
Was Jehova für euch, barmherzig und gnädig, gethan hat?
Aaron, auch du? Doch nein: zum Dienste des Einen und Wahren
Hast du gerufen das Volk auf den kommenden Tag — ihm die Thorheit
So zu enthüllen gesinnt, am heiligen Feste Jehova’s.[21]
Moses ergrimmt’, ergriff, zermalmte des schmählichen Götzen
Bild, und schleuderte selbst den Staub in die Fluthen des Bergstroms,
Daß sich reine das Volk, und im Durst noch erbebe dem Frevel.
Doch die Schuldigen weiht’ er dem Tod: dreitausend erwürgte
Levi’s Schwert, zur Strafe des Götzendienst’s... und es kehren
Einst zu dem einigen Gott so viele zurück’ an dem Festtag,
Da, gleich feurigen Zungen, herab die göttliche Huld sich
Senkt, und mit donnerndem Laut’, ein Jünger die Herzen erschüttert.[22]
Als in Osten der Tag aufdämmerte, stieg zu Jehova’s
Wolkensitze, mit zwei, von neuem gemeißelten Tafeln
Moses in Eile hinauf. Dort fleht’ er, weinend, im Staub noch,
Daß er verzeihe dem Volk die Missethat, und es fürder
Leite mit Huld — er selber, zum Ziel, nach seiner Verheißung.
O, und der Allerbarmer verzieh! Erneut (und erneut einst
Wird der Alt’- in dem Neuen-Bund) gewahrt’ auf den Tafeln
Er Jehova’s Gesetz, und vernahm nun weiter in Ehrfurcht:
„Sieh’, ich führ’ euch zum Ziel, wie ich Abraham, Isaak, und Jakob
Solches verhieß, in das Land der Götzendiener! Vertilgt soll
Werden ihr Volk, und der Götzendienst; doch, fliehet ihr Bündniß,
Ihre Verirrung, und Schuld. Erst frevelten Israels Kinder,
Jenen gleich, vor mir, und den Aaron selber besiegt’ ihr
Dräuender Trotz; doch sann er ihr Heil: ich hab’ ihm verziehen.
Priester soll er mir seyn mit seinem Geschlecht’, und als solcher
Sühnen die Schuld und die Missethat. Nun schau’ es im Vorbild,
Was ich gewollt, und salb’ ihn darauf zum Priester Jehova’s!“
Moses gewahrete jetzt des Hohenpriesters Bekleidung,
Staunend im Geiste, vor sich: das Horn, und die Wort’ um die Stirn her:
„Heilig Jehova dem Herrn.“[23] Den azur-bläulichen Mantel,
Wogend zur Ferse hinab; das Unterkleid, und das Ephod,[24]
Das ihm vorn an der Brust, und so an dem Rücken, gefestigt
Ueber den Schultern mit zween hellschimmernden Steinen, hinabhing.
Sah auf dem einen der Stein’ und dem ander’n die Nahmen der Stämme
Israels; d’rauf den Brustschild,[25] der an goldenen Kettchen
Ueber dem Ephod hing mit zwölf hellschimmernden Steinen:
Saphir, Rubin, Smaragd, Granat, Chalcedon, und Jaspis;
Onyx, Achat, Chrysolith, Opal, Amethyst, und Berylle
Herrlich verziert. Auf jeglichem stand ein Nahme der Stämme
Israels; dann auf dem Schild’ auch noch das Urim und Thumim:[26]
Heilige Loos’ aus der Urzeit her, auf den Sohn von dem Vater,
Frommen Geschlechtes, vererbt, wo auf einem das Ja, auf dem andern
Aber das Nein, befragt von dem Hohenpriester, ihm Antwort
Gab zur Leitung des Volks, noch eh’ ihm ein König erwählt war;
Sah, wie jener also geschmückt, in der Hütte des Bundes
Opferte; wie er den Bock, des Jahrs einmal, in die Wüsten
Trieb, nach Buß’ und Gebeth, mit der Sünde des Volkes belastet.[27]
Dann ertönete sanft, wie im Lenzgebüsche das Lüftchen
Säuselt, die Stimm’ an dem Ohr’ des still aufhorchenden wieder:
„Euere Rede sey Ja, und Nein“ — in jeglichem wahrhaft!
O, in der Wüste verkündet zuvor, erscheinet der Meister
Einst voll göttlicher Huld, und lehret die Pfade der Wahrheit,
Ruh’, und ewigen Glücks! Er nimmt freiwillig die Sünden
Aller auf sich, und sühnt, am Kreutz’, unschuldig — das Opfer
Und der Hohepriester zugleich,[28] die entartete Menschheit.“
Leise, wie Harfengetön, verhallten die Wort’ in dem Luftraum.
Doch nun stieg er vom Berge herab, und trug in der Rechten
Sorgsam, Jehova’s erhab’nes Gesetz. Von Staunen gefesselt,
Sah ihn das Volk (nicht ahnet’ er’s) von den Strahlen der Gottheit
Glänzend, nah’n, und er hüllete dann in den Schleier das Antlitz
Stets, so er näher trat mit dem bebenden Volke zu reden.
Bald erbauten Bezaleel, Sohn Ur, und Oholiab,
Sohn Achimsach, die Hütte des Herrn vor ihm, und er stellte
All’ die Geräthe zurecht, wie Jehova ihm solches gebothen.
Aaron salbt’ er darauf zum Hohenpriester, und salbte
Nadab und Abihu, die Erzeugten Aarons, zu Priestern.
Doch nun stieg von dem Rauchaltar die Säule des Rauches,
Duftend empor! Zerstücket lag der jährige Stier schon
Auf dem Altar: das Volk erzitterte! Moses begab sich
Langsam gegen den Berg, und rief mit gewaltiger Stimme:
„Deine Herrlichkeit laß mich sehen, o Herr, und enthülle
Dich vor Israels Volk, daß solches dir diene mit Ehrfurcht!“
„Mich selbst wirst du nicht seh’n — wer wird mich sehen, und leben?“
Also erscholl’s aus dem dunkeln Gewölk; doch plötzlich erhob sich’s
Von dem Gipfel des Bergs: da wies in der Bläue des Himmels,
Strahlend hin, wie der zuckende Blitz, sich dem Volke Jehova’s
Herrlichkeit. Sieh’, ein Blitz fuhr nieder; verzehrte das Opfer
Schnell, und die Wolkensäul’ umthaute die Hütte des Bundes!
Doch, schon schwebt, wie ein Siegespanier der kehrenden Heersmacht,
Sie von neuem dem Volk von Israel in den Gefilden
Einsamer Wüsten vor. Sie waren ihm jetzo die Heimath —
Also beschloß es der Herr: ein neues Geschlecht zu erziehen,
Das entfernt von dem Joch’ und dem Truge der Götzenverehrer
Sich erhebe, den Glauben an Gott, den einen und wahren,
Durch die Nacht schuldvoller Unwissenheit bis zu dem Zeitraum
Seines verheißenen Lichts aus Bethleh’m hinüber zu retten.
Jahr’ entfloh’n: da hielt an den Marken des herrlichen Landes
Kanaan, still das wandernde Volk, und Moses entsandte
Zwölf der Bothen (aus jeglichem Stamm sich einen erwählend)
Ueber das nahe Gebirg: zu erforschen die Lage des Landes,
Seine Fruchtbarkeit, Muth, und Zahl der Bewohner. Er heischt’ auch,
Daß sie ihm brächten ein Pfand, als Zeichen erfülleter Sendung.
Jene erforschten das Land, und nach vierzig entflohenen Tagen
Kehreten sie, von dem Thal’ Eschkol heimtragend der Reben
Lastende Purpurfrucht, zum Zeichen erfülleter Sendung.
Wohl erhoben sogleich die Lag’ und den Reichthum des Landes
Josua, Nuns Erzeugter, vereint mit Caleb, Jephuna’s
Sohne; doch, in geheim: denn feiggesinneten Herzens,
Schlichen bei dunkeler Nacht die andern umher, und erfüllten
Dort die Stämme mit Angst durch schaudervolle Geschichten
Von gesehenem Riesengeschlecht’ in dem Lande des Fluches —
Nicht des Segens, und Weh’ und Jammer erscholl in dem Lager!
Laut g’en Moses zugleich und Jehova, murrten die Feigen,
Schrie’n, und sehnten zur Schmach und in’s Grab im Lande der Knechtschaft,
Sich von neuem zurück’. Umsonst bezeugten die beiden,
Kaleb und Josua, selbst des dräuenden Todes nicht achtend:
Lüge sey’s, und Trug, was jene Verirrten gesprochen,
Bis nun Moses, vom Herrn gesandt, inmitten des Volkes
Stand, und ihm die lang’gedrohete Züchtigung kund that:
„Alsbald wieder zurück nach den einsamen Fluren der Wüsten
Soll es kehren, und sie durch vierzig der Jahre durchwandern;
Auch aus der Zahl, die Aegypten gebar, nur Nuns und Jephuna’s
Sohn, mit dem neuen Geschlecht, — weil sie, voll Muthes, die Wahrheit
Kündeten, siegumstrahlt, in Kanaans Herrlichkeit einzieh’n.“
Trauer erfüllte das Volk, als solches die Rede vernommen.
Doch, am Morgen erhoben sich dann zehntausend der Männer
Aus dem Volk, die unendliche Schmach zu sühnen entschlossen,
Nach dem Gebirg, von dem heimkehrten die Bothen. Vergeblich
Warnte Moses die Kühnen: „Nicht sey Jehova mit ihnen:
Denn still ruhe die Wolkensäul’ an der Lade des Bundes.“
Aber sie hörten ihn nicht, von empörtem Stolze getrieben.
Welch’ Getümmel erschallt? Den Flüchtenden liegen die Gegner
Hart im Rücken, und sä’n, zur schrecklichen Ernte, die Leichen
Hin in dem stäubenden Feld. Nur wenige kehrten in’s Lager.
Mirjam erhob sich schnell im Gefolg mitleidiger Seelen,
Dort den Verwundeten Hülf’ und Rettung zu bringen; doch alsbald
Faßt sie unendlicher Schmerz, als sie die zerstümmelten Leichen
Schaut, und ein heimlicher Groll erstickt ihr im Auge die Thränen:
Denn sie theilte zuvor des murrenden Volkes Gesinnung.
Schweigend kehrte sie heim in das nachtumhüllete Lager.
Weder Jehova’s Dienst, noch auch des trauernden Volkes
Lieb’ erfreute sie mehr. All’ ihres Glanzes beraubet,
Wie die Ros’ in den Tagen des lautherrauschenden Regens,
Schien sie, und schmähete jetzt, von Aaron begleitet, im Jähzorn,
Moses eh’lichen Bund, nach Zipora’s Tod, mit der Fremden.[29]
Aber sie litt die Strafe der Schuld in schmählicher Krankheit;
Ward nun wieder geheilt auf Moses Fleh’n zu Jehova,
Und sie umfing dann bald das Grab im Gefilde von Kadesch.
Jahr’ entfloh’n. Ach, viel erduldete Moses, der Führer
Israels, noch auf dem weitumirrenden Pfad zu den Fluren
Hin des verheißenen Land’s! Und wie, nicht im schallenden Siegsruf
Soll’ er’s jetzt erringen dem Volk — des unendlichen Mühsals
Lohn nicht ernten, und auch nicht ruh’n im ersehneten Grab dort?...
Wandle getrost: hell strahlt dereinst der umnachtete Pfad dir!
Ha, welch Meut’rergeschrei! Wie, Korah, Dathan, Abiron,
Wagt ihr’s frech dem Erwählten des Herrn entgegen zu stehen —
Ihn zu schmäh’n vor dem Volk’? Allein, schon berstet der Boden:
Euch, und die Euern zugleich, verschlingt der Rachen des Abgrunds.
Ihr, die ihr Aaron verhöhnt, und seines Dienstes euch anmaßt,
Seh’t: sein Wunder-Stab ergrünt vor dem Herrn in der Hütte —
Euere liegen verdorrt — und soll in der Lade des Bundes
Aufbewahrt, zum Denkmaal seyn noch späten Geschlechtern![30]
Doch ihm winkte der Herr, und er schlummert im Grab’ in des Horebs
Niederung, wie er ihm solches zuvor, und auch Mose verkündet’
Ueber der Haderquell’, als Mißtrau’n dort ihn erzürnte:
„Nicht sollt ihr in das Land der Verheißung, Kanaan, einzieh’n!“[31]
Weh’ und Rettung zugleich euch Murrenden! Tausende liegen
Schon auf der Erd’, entseelt vom Biß’ entsetzlicher Schlangen;
Tausende harren des Todes in Qual; doch winket Jehova
Mose: er eilt, und erhöhet die eherne Schlang’ auf dem Stammholz —
Schnell sind alle geheilt, die auf sie die Blicke geheftet,
Gläubigen Sinn’s. Auf dem Holz both einst der arge Verführer,
Heva, in Schlangengestalt, die Frucht, aus welcher zum Erbtheil
Wurde die Schuld. Ihn ereilte der Fluch und die Strafe des Frevels;
Aber das Bild des tief Verworfenen zeigte dem Volk jetzt,
Daß, wie dort von dem Holz der Jammer ihm kam, auch die Hülf’ ihm
Komme daher: denn so wie die Schlang’ einst Moses erhöhte,
Wird auch des Menschen Sohn erhöht auf dem Holze, daß alle,
Die an ihn glauben, ihr Heil durch ihn erlangen auf ewig.[32]
Jahr’ entfloh’n. Schon beugte sich Ogg, der König von Basan,
Sichon, von Amorrhaa, besiegt, vor Israels Waffen;
Aber warum vertilgt es die schändlichen Götzenverehrer
Nicht mit des Siegers Schwert, wie Jehova gebothen? Warum, ach!
Eint es in sündiger Lust sich mit ihren verworfensten Töchtern?
Doch schon schwingt Phineas, der Sohn Eleazar, und Aarons
Enkel, den Speer, und durchstößt, voll Grimms, den frechen Verächter
Von Jehova’s Gesetz’, mit der Buhlerinn: ihm und den Seinen
Wurde darum die Würde des Hohenpriesterthums erblich.
Bileam rief nur Segen, nicht Fluch, auf Israels Völker
Von dem Himmel herab. Verwirrt flieht Balak, der König:[33]
Denn schon nahe dem Ziel, nach vierzigjähriger Wand’rung,
Schau’n sie des Jordans Fluth, und theilen die Beut’ und das Land bald
Unter sich zum Besitz: das Land der hohen Verheißung.
Siehe, die Sonne sinkt, mit sanftverglühenden Blicken
Scheidend, g’en Westen hinab; der Lärm des Tages verhallet,
Und es entschlummert die Welt: so wandelte Moses am Abend
Seines herrlichen, Gott und den Menschen gewidmeten Lebens
Jetzt im rosigen Abendlicht dem Ufer des Jordans,
Hehren Blicks, entgegen; er stand, und rief zu dem Volk so:
„Hundert und zwanzig Jahr’ erlebt’ ich. Nicht dunkeln die Augen
Mir noch; ungeschwächt ist die Kraft dem Greise geblieben;
Aber Jehova zürnete mir, ob eurem Vergehen
Dort an der Haderquell’: euch führt in das Land der Verheißung
Josua jetzt, Nun’s Sohn, mit siegverherrlichter Recht’, ein.
Ehret den heiligen Bund, den ihr vor Sinai’s Felshöh’n,
Als der Herr im Posaunenruf’ und im rollenden Donner
Sein Gesetz verkündete, treu zu halten, gelobtet.
Bald soll euch von Garizims Höh’n nur Segen erschallen,
So ihr gehorcht; doch Fluch und Verwünschung schallen vom Ebal,[34]
Solltet ihr einst, verkehrt, sein spotten im sündigen Abfall.
Laßt mich Jehova ein Lied — daß es doch zum rettenden Wink’ euch
Dienete, weih’n, bevor ich von euch nun scheide für immer!“
Rief’s, und sah bewegt nach der Bundeshütte hinüber.
Liebliches Harfen Getön’ erscholl um ihn her; zu dem Himmel
Hob er die Recht’, und begann mit weitumschallender Stimme:
Mosis letztes Lied. V. Buch, 32 Cap.
„Hört, ihr Himmel, mein Wort, und die Erde vernehme den Ausruf
Meines Mund’s! Bald schwell’ er an, wie Regengewässer;
Fließe bald wie der Thau und der träufelnde Schauer des Morgens
Von dem Gras’ und den Kräutern der Flur. Den Nahmen Jehova’s
Will ich preisen. Dem Herrn sey Ruhm, ihm, unserem Gotte!
Er ist der Schöpfer der Welt, und vollkommen Alles und Jedes,
Was er gemacht. Gerecht sind seine Wege, des treuen
Und unfehlbar’n Horts, des ewig Heiligen, Wahren.
Ach, an ihm sündigten sie — nicht Kinder ihm mehr, in der Schandthat:
Ein verderbtes, verworf’nes Geschlecht! So lohnst du’s Jehova,
Sinnlosthörichtes Volk? Ist er nicht Vater, nicht Herr dir,
Der dich erschuf, und erhob? Gedenke der Tage der Vorzeit;
Sinne vergang’nen Geschlechtern nach; frag’ deinen Erzeuger,
Und er kündet es dir; erforsche die Alten — sie sagen
Solches dir an: schon als der Herr die Völker zerstreute,
Schied er von Adams Söhnen dich aus, und setzte den Völkern
Gränzen rings um dich her; er zählte dich: denn wie sein Eigen
Bist du ihm, Israels Volk, wie ein zugemessenes Erb’ ihm.
Draußen im öden Gefild hat er dich ernährt, und im Wohnort
Grauser Schrecken umhergeführt, in den einsamen Wüsten:
Dort dich lehrend, und, wie sein Auge bewahrend vor Unbill.
Wie der Aar, ermunternd zum Flug, nah’ über den Jungen
Flattert, und sie mit weitgebreiteten Flügeln emporträgt
Auf dem Rücken zur Luft: so war dein einziger Führer
Dort Jehova der Herr — kein anderer war dir genahet.
Sieh’, er führte dich über die Höh’n! Dich sollte des Feldes
Frucht ernähren, der Fels dir Honig träufeln, und Oehl dir
Fließen vom harten Gestein. Dir ward die Butter der Heerden,
Milch der Schaf’, und das Fett der Lämmer, der Böck’ und der Widder
Basans zu Theil. Dich sättigte Weitzenmehl, und der Trauben
Köstliches Blut trankst du nach Lust. So wurde der Liebling
Wohlgenährt: schlug aus mit der Ferse; verließ in der Fülle
Seinen Schöpfer, und trat von Gott zurücke, dem Retter.
Ach, so empörten sie ihn durch fremde Götter! Sie reizten
Ihn durch Gräuel zum Zorn: nicht Gott — nein, Dämonen opfernd,
Die sie nicht kannten zuvor, und die nicht ehrten die Aeltern,
Deren Söhne sie sind: denn jen’ einwanderten jüngst erst!
Gott verließest du, ach! der dich gezeugt, und vergessen
Hast du sein, des Erschaffers sogar? Er sah’s, und entbrannte
Gegen jen’ im Zorn, die als seine Kinder ihn reizten.
Aber er sprach: verwenden will ich von ihnen mein Antlitz,
Schau’n ihr Ende vor mir: denn frevelnde Kinder erzeuget
Dieß Geschlecht. Sie erzürneten mich durch nichtige Götzen,
Und durch eitelen Tand: so will auch ich in dem Volk hier,
Welches nicht mein hieß, sie dann reizen, und höhnen vor Thoren.
Schnell entflammt mein Zorn die Gluth: hinunter zum Abgrund
Braus’t sie im Flug, verzehret die Keime der Erd’, und zerwühlet
Auch die Vesten der Berg’. Auf ihr Haupt versamml’ ich des Jammers
Füll’, und schleud’re mein tödtend Geschoß nach ihnen, daß ringsum
Sie verschmachten in Noth, und die Vögel, voll Gier, sich an ihnen
Sättigen. Raubthiers Zahn soll sie zerfleischen — entseelen
Plötzlich der giftige Biß der trägumschleichenden Schlangen;
Draußen tilgen das Schwert, und daheim verzehren der Schrecken
Jüngling und Mädchen, und so mit dem Greise den wimmernden Säugling.
Dann ruf’ ich: wo sind sie? Ihr Andenken selber vergehe...
Aber noch zögr’ ich ob des Grimms der Gegner; in Hochmuth
Rühmten sie sich: „Nur unser gewaltiger Arm, nicht Jehova,
Hat es vollbracht.“ O Volk, des Raths und Verstandes beraubet:
Sähst du’s ein, und erkenntest ihr Ende! Würden vor Einem
Tausend entflieh’n, und Zween in die Flucht Zehntausende schlagen,
Wenn ihr Schutzgott sie nicht verkauft’, und Jehova dahingab?
Denn nicht wie unser Gott sind ihre Götter: deß’ geben
Zeugniß sie selbst. Von Sodom und Gomorrha’s Flur ist ihr Weinstock —
Galle die Beer’ an den Trauben von ihm, und des geifernden Drachen,
Wie auch der Natter unheilbares Gift ihr Wein. Nicht erkennst du’s,
Daß es verhüllt, und versiegelt bei mir, im heimlichen Schatz war?
Ha, die Rache ist mein! Einst will ich vergelten: ihr Fuß soll
Gleiten — der Tag des Falles ist nah’: ihn ereilet die Zukunft.
Gott wird richten sein Volk; an seinen Knechten Erbarmen
Ueben, und seh’n, daß die Kraft erlag, die Umvestigten sanken,
Und hinschwanden zugleich die Entronnenen. Dann wird er rufen:
Euere Götter, auf welch’ ihr fest vertrautet, wo sind sie?
Mögen denn jene, von deren Opfer-Fett ihr gekostet,
Und getrunken hattet den Wein, aufsteh’n, und euch schirmen
Dann in der Noth. Seht ihr’s, daß nur Ich — und außer mir kein Gott
Sey? Daß ich tödt’, und erhalt’, und schlag’, und heil’, und erretten
Keiner aus meinen Händen vermag? Zum Himmel erheb’ ich
Meine Hand, und rufe: So wahr ich, Ewiger, lebe:
Wetzen will ich mein Schwert; ausstrecken die Rechte mit Nachdruck
Dann zum Gericht; will rächen mich an dem Feind’ und vergelten
Jenen, die mich gehaßt! Satt trinken soll in dem Blutstrom
Sich mein Pfeil, und mein Schwert vollsättigen sich an den Leichen
Ihrer Erschlag’nen — am Mord der Bund-entblößeten Häupter.
Preis’t, ihr Heiden, sein Volk: denn rächen wird er das Blut einst
Seiner Erwählten; für sie Vergeltung üben am Gegner,
Und ihr Land vor allen mit Ruhm und Segen erfüllen!“
So vollbracht’ er das Lied: dann gab er den Stab in die Vollmacht
Josua’s; hob die Händ’ empor, und segnete laut noch
Israels Stämm’ in dem Herrn. Ein Schluchzen und Weinen ertönte.
Doch nun stieg er die Höh’n Abarims mit langsamen Schritten
Aufwärts, bis er umher die Berg’ und Hügel versunken
Sah, und unendlich vor ihm das Gelobte-Land sich enthüllte.
Jetzo stand er am Ziel. Die in Rosen versinkende Sonne
Wand den Strahlenkranz um seine erhabene Scheitel:
Schweigend sah er hinüber nach ihr. Da scholl ihm Jehova’s
Stimm’ an das Ohr: „Nun schaue hinab in die herrlichen Fluren
Kanaans. So wie ich dort an Abraham, Isaak, und Jakob
Eidlich verhieß: erringen soll’ ihr Enkelgeschlecht einst
Dieß gesegnete Land: so geb’ ich es ihm zum Besitz hin;
Nur du allein betrittst es nicht.“ Sieh’, da er’s hatte vernommen,
Schwand ihm die Kraft sogleich, und mit weitverbreiteten Händen
Strebt’ er, erblaßt, auf den brechenden Knie’n, den Staub zu erfassen —
Staub, des Menschen Beginn und Ende!... Wie liegen so dunkel
Gottes Wege vor uns! Ach, er, der herrliche Führer
Israels, steht an den Marken des langverheißenen Landes,
Schaut es vor sich, und endet dort, verlassen, die Laufbahn?
Doch, o wonnige Schau: sein brechendes Auge gewahret
Drüben schon von des Tabors Höh’n, im himmlischen Lichtglanz
Schweben, verklärt, empor den Welterlöser, und sieht dort
Ihm zur Seite sich selbst mit Helias, dem Seher von Thesbi,
Wiedererweckt, und beglückt auf immer![35] O, seliges Enden!
Bethend haucht’ er den Geist in den Schooß des ewigen Mittlers
Aus; sank heiter hinab in das Grab: denn einst hin zum Tabor
Schwebt er aus ihm, verklärt, und zu nie versiegender Wonn’ auf!
„Auferstehung, o Licht auf dem dunkeln Pfade des Lebens!
Schlummern werden sie einst im Grab die Unzähligen alle;
Plötzlich tönt die Posaun’, und, verklärt, erstehen die einen —
Zieh’n, wie ein Fest-Kleid an die Unsterblichkeit: denn mit dem Tod nur
Siegt dem Vergänglichen ob das unvergängliche Leben!“[36]
Dreimal festlicher Tag: der Heilige ruht in dem Grab noch!
Aber die drönend’ Erd’ ergreift ein Beben und Schauern;
Felsen spalten entzwei; hervor aus dunkeler Felsnacht
Kommt, erstanden, der Herr des Lebens und Todes, und alsbald
Schallt dann Hallelujah in den Höh’n, in den Tiefen, und ringsum:
Ihm sey Ruhm und Preis; was Keiner vermochte — geöffnet
Hat er die Siegel des Buchs:[37] er zeigt uns die himmlische Stelle —
Zeigt uns die Wonne der Auferstehung auf irdischem Pfad’ schon!
Samuel.
Gericht.
„Vater, o sieh’, dort zuckt mit mattaufflimmerndem Flämmchen
Aus dem Fenster ein Licht, und scheint Herberge dem Wand’rer
Freundlich zu biethen! Wie ist mir sonst auf nächtlichen Pfaden
Solches ersehnt; doch hier erbeb’ ich ihm. Laß’ uns entfliehen
Vor dem täuschenden Strahl: des furchtbarn Weibes von Endor[1]
Hütt’ ist vor uns, der Todtenbeschwörerinn! Einst, in der Herrschaft
Frohem Beginn, hast du die Zauberer, Todtenbeschwörer,
Und die Abgötter selbst aus dem Reiche geschafft, und Jehova’s
Huld erworben zum Lohn. Nun höhnst du ihn? Israels König,
Kehre zurück’! Entsage der That, die selber dem Volk du
Wehrtest, treu Jehova’s Gesetz — o, kehr’ in das Zelt heim!“
„Fluch sey dir,“ sprach Saul zu Jonathan, seinem Erzeugten,
„Wenn du fürder mich hemmst, dem Weibe von Endor zu nahen!
Rückte nicht gestern das Heer der Philister dem unsern entgegen,
Rache schnaubend? Und ha, vielleicht ist Isai’s Sohn auch,
David, mit ihm, der frech nach der Kron’ und dem Leben mir strebet!
Schon befragt’ ich den Herrn: des furchtbarn Schlachtengeschickes
Ungewiß, nach dem Gesetz’,[2] und siehe, nicht gab er mir Antwort!
D’rum zu der Zauberinn hin: nun sollen die Todten mir kund thun,
Was er im nächtlichen Dunkel verhüllt. So völlig verworfen
Steht vor ihm Saul, der König? Warum? Wer rief ihn zur Herrschaft?“
Sagt’ es, ergrimmt; doch schnell erhob sich vor seinem Gemüth jetzt,
Als er rasch hinschritt, ein Bild voll Schreckengestalten
Von der vergeudeten Huld und Gnade Jehova’s. Mit Wehmuth
Dacht’ er — ein Sohn der ärmlichen Hütte, des Tages, da, keuchend,
Er verfolgte die Spur der zwei Saumthiere des Vaters,
Die sich verirrten im Land’, und von Samuel, Gottes Propheten,
Erst bei dem Mahle geehrt, und d’rauf zum König gesalbt ward;[3]
Dachte der Gegner, die er besiegt’ im Segen Jehova’s,
Ach, und des festen Vertrau’ns auf den Herrn, und des redlichen Muthes,
Der ihn beseelte zum Sturz des Götzengräuels im Land dort:
Wehe, denn ihn verblendete bald, auf dem schimmernden Thronstuhl
Thörichter Dünkel, daß er, als Samuel säumte zu kommen
Wie er verheißen: ihm glänzenden Sieg g’en mächtige Gegner
Vor Gilgal zu erfleh’n — am siebenten Tage, vermessen,
Opferte![4] Da verkündet’ ihm jener: nicht werde die Herrschaft
Seinem Geschlechte zu Theil. Er siegte noch fort an den Völkern
Amaleck, Moab, Edom, Philisthim, und Amorrhaa,
Und, so er sühnte die Schuld durch Reu’ und frohen Gehorsam,
Ward ihm Vergebung gewährt: denn mild, barmherzig, und gnädig
Ist Jehova der Herr; doch wählt’ er die Pfade des Sünders,
Trotzend im Uebermuth. Sein Ruf erscholl ihm: „Die Völker
Amalecks auszutilgen zur Straf’ entsetzlichen Frevels.“
Aber für schnöden Gewinn verschont’ er Agag, den König,
Mit dem erlesensten Rind, den Opf’rern (so hieß es) zum Vortheil.[5]
Samuel rief ihm jetzt, da er stolz nach den Höhen des Karmel
Zog, ein Siegsdenkmaal sich selbst zu erbau’n (nicht Jehova
Gab er den Ruhm) die Worte: „Gehorsam ist besser, denn Opfer“
Schrecklichen Lautes, und rief ihm zugleich: den verliehenen Zepter
Würd’ ihm entreißen der Herr. Doch, ach, auf immer verworfen,
Nannt’ er ihn, als er, tobend vor Wuth, dem Tod’ und Verderben
Nobe, die Stadt, mit den Priestern des Herrn, mit dem Greis’ und dem Säugling,
Preisgab, weil auf der Flucht vor seiner unmenschlichen Rachgier
Isai’s Sohn sich dort am heiligen Brot’ in dem Tempel
Sättigte; dann das Schwert, das einst er dem Goliath selber,
Siegend, entriß, ergriff, und Rettung fand in dem Schlachtfeld!
Solches erwog nun Saul im Gemüth: wie schrecklich die Schuld sich
Oft erzeugt aus der Schuld, und den Sterblichen fort an des Abgrunds
Rand hin treibt, bis er schwindelnd stürzt — und er seufzete laut auf.
Wieder begann, voll Muths, sein edelgesinnter Erzeugter:
„Immer wähnst du noch Isai’s Sohn der schwärzesten Unthat
Schuldig? Gedenk’, o Vater, wie er, ein blühender Jüngling,
Einst an dem Hof’ erschien, und dir in Stunden der Schwermuth
Heiterkeit weckt’ in der Brust mit lieblichem Harfengetön dort;[6]
Wie er den Riesen erschlug, und Israels herrlicher Retter
Ward an dem Tag! Doch bald ergriff dich unendliches Mißtrau’n,
Als, von Jehova gesandt, ihn Samuel laut vor den Seinen
Israels künftigen Retter pries, und zum König ihn salbte.
Zweimal strebtest du, ihn bei dem Saitenspiele zu tödten —
Ihn beschirmte der Herr, und so oft war er mit dem Schlachtschwert
Dir genaht, und entriß dir heimlich die Quaste des Mantels
Nur, und den Becher und Speer, untrügliche Zeichen der Unschuld.[7]
Schone des Trefflichen, Herr, und erhalt’ in dem Jüngling, o Vater,
Deinem Sohne den Freund, den längst sein Herz sich erkoren!“
„Schweig,“ so rief der König ergrimmt, „dir raubt er den Zepter —
Dir und deinem Geschlecht’, und der Freundschaft denkst du mit David?“
„Both dein Zepter dir Glück, mein Vater?“ entgegnete jener
Trauernd. „O, daß Israels Volk sich jenem Jehova’s
Thöricht entzog, und ihn in der Hand des sterblichen Menschen,
Gleich den übrigen Völkern zu seyn, verlangte, zu sehen:
So verkennend sein Heil, und den herzerhebenden Vorzug,
Welcher ihm ward![8] Schwer büßt es dereinst. Unglücklicher Vater,
Zeugt nicht die nächtliche Bahn, die du nun wandelst, wie furchtbar
Er sich dir und den Deinen erweis’t? O, laß uns zurückgeh’n!“
Saul aufstöhnte vor Zorn, und eilte mit schnelleren Schritten
Vorwärts: kaum vermochten die zween, sein Sohn, und des Sohnes
Waffenträger, im Lauf’ ihm zu folgen zur winkenden Hütte.
Ueber ihr wölbte sich hoch empor in die Wolken die Felswand,
Die dem Wand’rer im Sturm und Wetter ein schirmendes Obdach
Both: denn Jeglicher mied die Hütte selbst mit Entsetzen.
Harren sollten sie dort, bis er mit der Kunde der Zukunft
Kehrte, und sieh’, er nahete schon der furchtbaren Schwelle!
Nie sank schwärzere Nacht in das Thal. Auf der Scheitel des Felsens
Heulte der Wald, und jagte die herbstlichen Blätter im Sturmwind
Zischenden Fluges, daher; in der Fern’ erbrauste der Gießbach;
Eulen durchkreuzten die Luft mit lautem Gekreisch’, und die Käutzchen
Wimmerten. Angst und Schauder ergriff die beiden Gefährten
Sauls; doch er trat kühn, sich beugend zuvor, in die Hütt’ ein.
Nun verstummt’ ihm die Welt. Der Zauberinn struppiges Haupthaar
Wähnt’ er zu schau’n; ihr starres Aug’ in der nächtlichen Zukunft
Tiefen versenkt, und um sie Werkzeug’ entsetzlicher Schwarzkunst;
Aber es wandte sich jetzo nach ihm an der finsteren Oeffnung,
Die von der Hütt’ in den Schooß der hochaufragenden Felswand
Eingang both, ein Jüngling, voll Himmelshuld in dem Blick’, um;
Staunte des Mannes Riesengestalt, und ordnete wieder
Duftende Blumen zum Kranz’, als wär’ kein Fremdling zugegen.
„Wie, der Engel im Haus der Zauberinn?“ dachte der König,
Bebend, für sich; trat näher, und sah des herrlichen Jünglings
Lilienweißes Gewand; sein lockiges Haupt, und der Wangen
Sanftgeröthetes Paar, mit heimlichen Schauern im Busen.
„Deine Mutter ist fern’?“ begann, erforschend, der Fremdling.
„Welche du suchst ist fern’,“ so erscholl ihm in lieblichen Tönen,
Wie er sie nimmer gehört, aus den rosigen Lippen zur Antwort;
„Noch ist, zum Glück, vor Mitternacht dir eine der Stunden
Frei, bis jen’ erscheint. Laß dich, Ermüdeter, nieder
Hier auf die Bank, und harre nach Wunsch der Kehrenden — oder
Kehre noch selber zurück: nichts Seliges bringt dir das Harren.“
Sagt’ es, und sang, an dem Kranz fortordnend, leise für sich hin.
Jener staunte dem Wort; besann sich, und ließ sich ergrimmter
Nieder. Jetzt, nach dauerndem Schweigen, begann er: „So heiter
Weilest du hier, allein in der grauenerregenden Hütte?“
„Wohnt,“ so entgegnet’ er mild, „nicht Heiterkeit uns in dem Busen,
Weil die Schuld die holde vertrieb: dann wandelt die Hofburg
Selbst des Königs sich bald in die Wohnung des Grau’ns und Entsetzens.
Bist du nicht glücklich?“ „Nein, ich bin es nicht;“ sagte der Fremdling,
Bebend vor Wuth, „ha, kennst du die Welt nur, dann ist des Herzens
Ruh’ und Friede dahin: verhaßt erscheint dir das Leben!
Wie, des Morgens freust du dich noch — des blühenden Frühlings
Deiner Jahr’? Ach, schon erscheint im Glanze des Mittags
Dir errungen das Ziel, und im Weltrund schaust du dich stolz um,
Glücklicher? Weh’, urplötzlich treibt an der Schwelle des Abends
Ein Gewitter herauf: im Hauche des Winters zerschmettert
Hagelndes Eis, urschnell die Fluren umher, und die Hoffnung
Selber entfliehet vor dir mit höhnendem Blicke für immer!
Lieb’? — ein Wort gesprochen im Wahnsinn; Trug ist die Freundschaft;
Thorheit, Glaub’ und Vertrau’n. O sieh’, ich nährte die Natter
Groß an der Brust: sie entschlüpft’ ihr dann, und lauert im Dunkeln
Nun, voll heimlichen Grimms, mir das Leben zu rauben, entschlossen!
Kennst du den Harfner nicht auch? Doch Samuel ist an dem Jammer
Schuld: er steig’ aus dem finsteren Grab’, und ertheile mir Antwort.“
„Samuel nannte dein Mund?“ sprach jener mit sichtbarem Staunen,
„Fremd’ in diesem Gefild, hört’ ich, in frommer Verehrung
Preisen den Mann, der rings in dem Lande nur Segen gespendet.
O, wie heiß ersehnt’ ich es, von dem Erwählten zu hören!“
„Kind, dein Aug’ ist so mild,“ entgegnete Saul, „und es fließt dir
Sanft die Rede vom Mund: du entlockst auch gegen den Willen
Mir ein trauliches Wort; nun sollst du von Samuel hören!
Ihn erbath sich vom Herrn Elkanans treffliche Gattinn,
Hanna, und weiht’ ihn dem Dienst des Heiligthums. Dort, in dem Nachtgrau’n,
Scholl ihm Jehova’s Ruf. Er weckte vom lieblichen Schlummer
Heli, den Hohenpriester, sogleich, und kündete muthvoll
Ihm das nahe Gericht: weil er die empörenden Frevel
Seiner Erzeugten nicht strenge bestraft’, und dem Volke zum Fall ward.
Bald scholl Jammergeschrei in Israel: Krieg und Verderben
Nahte heran. Die frech das Heiligthum selber verhöhnten,
Hofften Heil und Rettung von ihm: die Lade des Bundes
Führend entgegen dem Feind’ in der Mitt’ unkrieg’rischer Scharen.
Wehe, sie ward ihm zur Beut’ im Gefecht, und mit Heli’s Erzeugten
Lag erwürget das Volk! Doch er saß drüben im Armstuhl
Vor der Hütte des Bund’s, schon lang’ erblindet vor Alter,
Ob der heiligen Lade besorgt, und horchte begierig
Dort mit wankendem Haupt dem redlichen Bothen entgegen.
Keuchend lief er herbei, und verkündet’ ihm Alles und Jedes:
Wie der entsetzliche Feind das Volk erschlug in dem Schlachtfeld,
Und die Lade des Herrn erbeutete. Ach, in den Staub hin
Stürzte der Greis: er brach das Genick, und verhauchte das Leben![9]
Samuel reifte zum Manne heran. Seit Moses, entschlummert,
Lag in dem Grab, gehorchte das Volk von Israel Richtern —
Männern von tapferem Muth’ und Weisheit, im Krieg und im Frieden.
Bald ward Richter auch er; verbannte, voll brennenden Eifers,
Aus dem Lande den Götzendienst; schlug dann auf den Feldern
Mizpas im Donnergewitter den Feind, und sollte für immer
In dem erhabenen Amt dem Volk von Israel vorsteh’n;
Aber es heischte von ihm das Volk im unseligen Eifer
Einen König... hinweg, hinweg entsetzlicher Anblick,
Noch erfüllst du mit Wuth und Mordentschlüssen die Brust mir!
Wär’ ich gestorben zuvor, eh’ solches geschehen! Sie bargen
Frech den Verhaßten vor mir — erlesene Speise zur Nahrung
Reichten sie ihm. O, Nobe, Stadt voll grauser Gestalten:
Gib die Todten heraus! Sie liegen noch all’ in dem Blutstrom —
All’ erwürgt mit dem Schwert. Schon braus’t er, schäumend, herüber,
Daß er auch mich verschlinge. Hinweg — zum schrecklichen Wahnsinn
Führte die Schau! Doch, wie? Bin ich denn schuld an dem Frevel?
Wer entrinnt dem Geschick? Ich war zum Jammer geboren!
Weh’ mir; Thränen füllen mein Aug’... in erschütterndem Herzleid
Siehst du mich, Kind! Nicht kann ich dir mehr von Samuel sagen;
Aber er steige herauf aus dem Grab’, und ertheile mir Antwort.
Horch — ein Ruf erscholl! Winkt jetzt der ersehnete Lichtstrahl?“
Nun erhob er sich schnell von der Bank. Aus der finsteren Oeffnung
Kam ein leises Gestöhn’. Eiskalt entfuhr ihr der Zugwind
So, daß Schauder den Fremdling ergriff, und die Haar’ auf der Scheitel
Ihm aufsträubte vor Angst, und röthliche Flammen erhellten
Sie, wie zuckende Blitze die Nacht, in zischendem Flug nur.
Aber die zarte Gestalt saß ruhigen Blickes, und sagte:
„Samuel willst du schau’n, und hören die Kunde der Zukunft
Aus dem Munde des lang’ Verblichenen? Hoffst du Belehrung,
Rath, und Hülfe von ihm? Gedenke der Worte des Lebens,
Die er dir einst an die Seele gelegt; Jehova’s gedenke,
Deines Herrn. O kehre zu ihm! Nur er ist der Helfer —
Er, barmherzig und mild auch dem Sünder, der, ihm vertrauend,
Innig bereuet die Schuld! Laß ruhen die Todten — entfliehe!“
Rief’s mit mächtigem Laut’. Umsonst: denn stöhnend vor Ingrimm,
Drang er ein in die Höhle des Graun’s. Wohl sah er noch einmal
Nach dem Holden zurück; doch war er ihm plötzlich entschwunden.
Sieh’, er schritt nun rasch im gehöhleten Raume des Berges
Vorwärts, bis er dem Licht’ annahete, das in der Fern’ ihm,
Dämmernd, erschien. Herab aus der Felsendecke des Schachtes
Schwebte die eiserne Leucht’, und verbreitete rings in den Klüften
Dunkelröthlichen Schein im Qualm betäubenden Rauches.
Bald erbraus’te der wirbelnde Sturm mit dumpfem Gebrülle
Ueber und unter dem Schacht; bald scholl ein Stöhnen und Aechzen
Aus den Klüften, und bald das Zischen der Schlangen im Abgrund.
Lange stand der Fremdling verwirrt, und ihm bebten die Glieder;
Doch nun irrte sein scheuer Blick umher in dem Zwielicht,
Bis er auf kärglichem Stroh, matt hingesunken, die Zaub’rinn —
Hundert der Jahre entfloh’n ihr schon, gewahrte. Sie hob sich,
Langsam, auf von dem Grund’; ihr Auge, schon lange verglommen,
Starrete wild; um die Stirn’ ihr flog das schneeige Haupthaar,
Und das finstere Kleid, seit Jahren in Trümmer sich lösend,
Floß von den Schultern ihr zu den wankenden Füßen hinunter.
Jetzo streckte die dürre Hand aus den Falten des Kleides
Sie nach dem Fremdling’ aus, und begann mit keuchender Brust so:
„Ha, was treibt dich im Sturm auf Endors einsamen Pfaden,
Ruhestörend, heran? Der sterblichen Menschen Gemeinschaft
Meid’ ich schon lange. Ich kenne dich nicht — vergönne mir Frieden!“
„Weib, halt’ ein,“ sprach Saul mit erwachendem Stolze (gehorchend
Beugte sich sonst alljeder vor ihm) „und empöre die Wuth mir
Nicht in der Brust! Verstorbene rufst du herauf von des Todes
Nachtumhülletem Reich’? Erhebe dich, rufe den Einen,
Den ich dir nenn’, und ich will mit reichlichem Gold es dir lohnen.“
„Sinnest du Arges im Geist,“ sprach jene mit zögernder Stimme,
„Lauernd naht der Wolf dem Gehöft’ im nächtlichen Dunkel,
Daß er erwürge nach Lust: willst du mich verrathen? Du weißt doch,
Daß hier Saul, der König selbst, die Todtenbeschwörer
Und die Zaub’rer vertilgt’? Er sandte dich, finstergesinnet,
Mich zu erforschen vielleicht, und dann zu ermorden?“ Er sagte:
„Nein, ich schwöre es dir vor Jehova dem Herrn: nicht Verderben
Sinn’ ich dir im Gemüth!“ — „Wen soll ich dir rufen?“ so sprach sie
Jetzt voll Grimmes, und er: „Laß Samuel kommen, den Seher.
Viel des Schlimmen erwies er mir in dem sterblichen Leben,
Dennoch ehrt’ ich ihn. Nun enthüll’ er des kommenden Tages
Schicksal mir: denn solches erfüllt mir die Seele mit Kummer.“
Jen’ erbebte dem Wort’, und schritt der finsteren Halle,
Die zur Linken sich tief in des ragenden Felsengewölbes
Wände verlor, entgegen: der täuschenden Künst’ und des Truges
Spiel zu vollenden, und sich zu erfreu’n an dem schnöden Gewinn dann.[10]
Doch urplötzlich entfährt ein lauter Schrei des Entsetzens
Ihrer fliegenden Brust; mit vorgehaltenen Händen
Steht sie, und starrt, und ruft, mit gebrochener Stimme, dem Fremdling:
„Bist du nicht Saul, der König?“ — „Ich bin’s. Wen hast du gesehen?“
„Ha, da schreitet ein Greis,“ so sprach sie, „göttlichen Anseh’ns,
Leise daher! Sein Oberkleid ist blendendem Schnee gleich —
Flammendem Blitze sein Aug’, und des Reihers zartem Gefieder
Sein an der Brust verbreiteter Bart: wie entflieh’ ich dem Furchtbar’n?“
„Samuel ist’s!“ rief Saul, und beugte die Stirne zum Boden,
Knieend, und faltend die Hände zugleich vor die dunkelnden Augen.
Jetzt verstummte der Spuk in den Höhlen und Klüften; der Zugwind
Heulte nicht mehr; das Licht entschwand mit dem hängenden Leuchter,
Und die erbebende Zauberinn ging, sich vor jenem zu bergen.
Sieh’, ein lieblicher Glanz erhellete ringsum des Schachtes
Dunkelen Raum: er entstrahlte dem Leibe des heiligen Greises,
Der vor dem Könige stand, und auf ihn mit Trauer hinabsah!
Jetzo begann er, und sprach mit sanftertönender Stimme:
„Saul! was wolltest du mir — die Ruhe der Todten zu stören,
Kamst du? Thor! Jehova, des Lebenden, hast du vergessen;
Suchest dir Hülf’ in des Grabes Nacht, und erliegest der Täuschung?“
„Herr,“ sprach Saul, die Stirne noch stets zu dem Boden geheftet,
„Rings umdrängt mich die Noth! Philisthiims mächtige Scharen
Stehen im Feld’ mir entgegen, und ach, Jehova verläßt mich:
Denn ich fragte, nach heiligem Brauch, bei dem Urim und Thumim;
Durch die Priester zugleich, und die Seher, welchen im Traum’ er
Oft die Zukunft enthüllt — umsonst: nicht gab er mir Antwort!
Also trieb mich die Sehnsucht her, dich wieder zu sehen.
Du hast einst mich gewarnt; nun rathe mir, was ich beginne?“
„Wie,“ sprach jener mit furchtbar’m Ernst, „von Jehova gewichen
Bist du, und staunst, daß er nun von dir und den Deinen sich wendet?
So wird Jedes erfüllt, was ich dir verkündet’: entrissen
Wird der Zepter dir, und Isai’s Sohne gegeben,
Den du verfolgst, — er herrscht hinfort als König im Land hier:
Denn verhöhnt hast du, dem Ungehorsam zum Beispiel
Dienend, den Herrn vor Israels Volk’. An dem kommenden Morgen
Fällst du, besiegt, in dem Kampf sammt deinen Erzeugten. Des Grabes
Schauer umfangen dich bald, und Israels Volk mit dem Lager
Wird Jehova, der Herr, preisgeben der Rache der Gegner.“
Laut aufstöhnete Saul dem Wort’, und sank auf das Antlitz,
Langgestreckt, wie er war, vergehend in schrecklicher Ohnmacht.
Als er erwacht’ aus ihr, da fiel des dämmernden Morgens
Rosiger Strahl in das Felsengewölb’: er hob sich, ermattet,
Auf von dem Boden, und schritt, todbleich aus den finsteren Räumen
Nach der Hütte heraus, wo ein Ruf ihn warnte zuvor erst.
Aengstlich fuhr sein Blick umher; doch sah er den Jüngling
Nimmer. Er kehrte dann mit den Beiden zurück’ in das Lager.
Horch, der Schlachtruf schallt schon stundenlang’ auf dem Blachfeld!
Zahllos liegen im Staub die Erschlagenen; näher und näher
Dringt der Sieger in jauchzender Wuth, daß Keiner dem Schwert mehr,
Flüchtend, entrinn’. Allein wer kämpft unbändigen Muthes,
Gegen die Wüthenden an? Und um ihn die wenigen Treuen,
Sind es erlesene Diener vielleicht, ihn zu retten, entschlossen?
Saul, der Herrscher, mit Jonathan, Abinadab, und Malchisa,
Seinen Erzeugten, ist’s, der hier des Todes Gefahren
Kühn entgegen sich wirft. Die Bogenschützen bestürmen
Rings die Tapferen. Schon durchfuhr ein tödlicher Bolzen
Ihm das Schultergelenk’, und Blut entströmte den Adern.
Jonathan, ach, der sanfte, der edelgesinnete Jüngling,
Sinkt, an der Brust durchbohrt, in den Staub, und die tapferen Brüder
Kämpfen, und sterben mit ihm als Helden! Da wandte, verzweifelnd
Ganz an der Hülfe des Herrn, der unglückselige König
Sich zu dem Waffenträger, und both ihm die muthige Brust dar,
Daß er sie schnell mit dem Schwert durchstieß’, eh’ schmähliche Fesseln
Ihn in der Feinde Gewalt belasteten. Aber nicht wagte
Dieser die frevelnde Hand an des Herrn Gesalbten zu legen
So, daß Saul, o Jammergeschick’, in das eigene Schwert sank;
Blutend im Staube sich wand, und das schwindende Leben verhauchte!
Furchtbar sind die Gerichte des Herrn! Zuweilen ereilen
Schon auf irdischer Bahn den Sünder entsetzliche Strafen.
Oft erhebt er das Haupt, und schaut hohnlächelnden Blickes
Auf den Frommen herab. Unglücklicher, schon ist des Todes
Stunde dir nah’! Vor den Richterstuhl des Ewigen ruft sie
Dich mit erschütterndem Laut. Doch einst zu dem letzten Gericht noch,
Weckt dich Posaunen-Schall, wenn er, von den Scharen der Engel
Und Erwählten umringt, als furchtbarer Richter erscheinet,
Und die Wage nun steigt, nun fällt. O, Tag des Entsetzens!
Riefen sie auch: „Verschling’ uns, Erd’, und ihr Berge, bedeckt uns!“
Ach, sie riefen umsonst! Herr! Herr! barmherzig und gnädig:
Ruf’ uns mit Huld und Erbarmen zu dir, an dem letzten Gerichtstag!
Helias der Thesbit,
in drei Gesängen.
Erster Gesang.
Glaube.
Vorn’ in dem Felseingang der umschatteten Höhle des Waldes
Saß, in düst’re Gedanken vertieft, der Thesbit, Helias,[1]
Gottes Prophet. Am Karith, dem lautaufrauschenden Bergstrom,
War in des Waldthals Nacht die Höhle[2] geborgen, und ringsher
Faßte die steilaufragende Wand das öde Gefild’ ein,
Wo nur selten die Spur sich wies umwandernder Menschen.
Schon entschwand ein Jahr im eilenden Laufe, daß dorthin
Jesabels Wuth ihn trieb, des fluchbeladenen Weibes:
Weil sie Gott, den ewigen, wahren, und einen verläugnend,
Baal,[3] dem Götzenbild’, Altär’ in den Hainen und Tempeln
Weihte zum schändlichen Dienst’, erwürgte die Schüler der Seher,
Und noch immer zur Qual für Israel, Schande für Achab,
König und Gatten zugleich, der ihr nicht wehrte die Schandthat,
Wüthete, bis der Prophet, vom Geiste getrieben, vor ihn trat,
Ihm verkündend Jehova’s Gericht: „Nicht Thau und nicht Regen
Solle befeuchten das Land, bis er’s nicht selber versühnet.“
Jetzt entbrannte des Mittags Gluth. Kein kühlendes Lüftchen
Drang in die Schlucht. Ein Feuermeer durchwogte den Luftraum —
Hatte die starrenden Bäume schon lange des Laubes beraubet,
Lange verschlungen das Grün in der Niederung, lang’ auf den Höhen.
Oben am Felsriff stand, verschmachtend, die Gemse. Die Hirschkuh,
Und das flüchtige Reh, die keine Jungen geworfen
Seither, lagen, erschöpft, im vertrockneten Bette des Bergstroms
Karith, der die schäumende Fluth aus schwindligen Höh’n sonst
Durch sein Felsenbett’ herwälzte mit lautem Getümmel.
Gähnend öffnete sich der Grund, und lechzte nach Labung
Ringsum. Also verzehrte das Land der Fluch des Propheten.
Sieh’, nun kam ein Jüngling, hold und lieblichgestaltet,
Von den Höhen herab! Ein Pilger schien er von Anseh’n,
Der, voll Hast, mit ängstlichem Blick, durchforschte des Waldthals
Krümmungen: ob er, verirrt, nicht erspähte den Pfad in die Heimath?
Dürres Laub umhüllte den Grund; doch rauschet’ es leis’ nur
Unter dem Fuß des Schwebenden auf, wie ein fernes Geflüster.
Jetzt erhob Helias die gramerfülleten Augen
Von dem Boden, und sah dem nahenden Fremdling’ entgegen.
Dieser hielt, wie erstaunt, nicht ferne dem Felsen, und sprach so:
„Friede mit dir, holdseliger Greis, allhier in der Wildniß.
Kannst du mir sagen den Pfad, der sicher mich leite zur Heimath?
Fern’ ist sie. Wohl hörte ich dort den Nahmen Jehova’s
Preisen, und kam, und flehte zu ihm an heiliger Stätte;
Doch, heimkehrend, seh’ ich mich jetzt verirrt im Gehölz hier.
Heiß ist der Tag: o gib dem dürstenden Pilger die Labung!
Aber verkünde mir erst, warum denn weilst du hier einsam?“
„Labung verlangst du von mir,“ sprach jener, „nicht biethet des Bergstroms
Quelle sie mehr. Vernimm, und erzähle den Deinen den Jammer,
Heimgekehrt, der Israels Volk so schrecklich belastet.
Seit hier Jeroboam,[4] der König, Gottes Gebothen
Treulos, Götzen Tempel erbaut’, und im Haine den Altar
Weihte zum schändlichen Dienst: seit jenem unseligen Zeitraum
Herrschten König’, ihm gleich gesinnt; doch keiner wie Achab
Frevelnd, weil er Jesabel sich erwählte zur Gattinn:
Eine Sidonierinn, Ethbaals, des Priesters Astartens,
Tochter, der den tyrischen Thron, ein schändlicher Mörder,
Sich gewann, da er meuchlings erwürgte den König Philetus.
Erbend die Mordlust schon von solchem Erzeuger, und Götzen
Dienend, war Jehova’s Ruhm dem Weibe zum Gräuel,
War es dem Manne denn auch, der feig dem Weibe gehorchet.
Schnell zu vernichten den Dienst des Herrn, und, gleich der Hyäne
Dürstend nach Blut, warf sie die Prophetenschulen in Trümmer;[5]
Würgte die Jünglinge dort, zu entreißen die künftigen Lehrer
Unseres Volks im Dienste Jehova’s, des einigen Gottes.
Doch nun trieb mich der Geist des Einigen, daß ich vor Achab
Stand, erfüllet von heiligem Muth’, ihn zur Rede zu stellen:
Rügend an ihm die Schuld und Verblendung, weil er nicht abließ
Noch von unsinnigem Götzendienst, der Israels Herrscher
Schon vor ihm, mit den Ihren zugleich, in Verderben gestürzt hat,
Und verkündend Jehova’s Gericht: „Nicht Thau und nicht Regen
Solle befeuchten das Land, bis ich’s nicht selber versühne:“
Ob er nicht also sich wende zu Gott, die schreckliche Geißel
Fühlend, mit seinem Volk’, und Reu’ errette den Sünder.
D’rauf entfloh ich, Jehova geboth’s, zu entgehen der Rachsucht
Jesabels; floh, geleitet durch ihn, in’s einsame Thal hier,
Wo die Höhle mich barg; wo Raben, vom Vater gesendet,
Fleisch und Brot mir brachten zur Kost am Morgen und Abend,
Und den brennenden Durst ich kühlt’ in den Wellen des Bergstroms.
Schrecklich erfüllte sich schon der Fluch, du hast es erfahren,
Rings im versengten Gefild’, wo Thier’ und Menschen verschmachten.
Aber auch mir versagte der Strom die kühlende Welle:
Denn ach, schon aufleckte der Strahl des glühenden Himmels
Jeglichen Tropfen am moosigen Stein. Was frommt mir das Leben
Fürder? Ich lege mein Haupt zur Erd’, und gedenke, zu sterben.“
„Wie,“ sprach jener erschütternd, „so oft erfahren, durch Wunder,
Hast du Jehova’s Macht, und verzagst, für jetzt an der Rettung?“
Sieh’, und als er es sprach, da ward verjünget sein Antlitz,
Und verkläret sein Leib in glänzender Himmelsgestaltung!
Wenn die Sonne die weitumkreisende Scheib’ an des Ostens
Duftigem Thor’ erhöht im lieblichen Schimmer der Rosen,
Da schau’n wir entzückt, mit thränenumflossenen Augen,
Noch hinüber nach ihr; doch bald aufschwingt sie voll Hoheit,
Sich in des Himmels Blau: vom strahlenden Glanze geblendet,
Sinken die Blicke zum Staub’, und, bethend, bewegt sich die Lippe:
Also sah der Greis in des schnellverkläreten Jünglings
Augen, erstaunt, und senkte den Blick dann, bethend, zum Boden.
Aber der Himmlische sprach zu ihm jetzt mit lieblicher Stimme:
„Mache dich auf, o Greis, den Wink zu erfüllen Jehova’s,
Der g’en Sidon hinaus dich eilen heißt, nach Sarepta,[6]
Jener phönikischen Stadt, die noch des grausamen Ethbaal’s
Zepter gehorcht! Du staunest dem Wort, weil rings in den Landen
Achab forschte nach dir, und Jesabel glühend vor Rachgier
Wüthet? Fürchte dich nicht. Ein mächtiger Hort ist Jehova,
Der die Witwe erfüllt mit Freudigkeit, daß sie den Abend
Dir ein gastliches Obdach beut, und heimlich ernähret.
Dort den Nahmen des Herrn verherrlichen wirst du, Helias!“
Sagt’ es, und schwand aus den Augen des tieferschütterten Sehers.
Wie uns des Morgens Traum, voll holdumgaukelnder Bilder,
Schwindet, und wir, erwacht, nachsinnen: ob uns nur Täuschung
Also entzück’, ob nicht? — so dünkte dem Greis’ die Erscheinung.
Aber er säumte nicht; schnell ergriff er den Stab mit der Rechten:
Denn die Link’ erhob den weitumhüllenden Mantel
Von dem Boden, und schlang ihn umher an den Schultern und Lenden,
Ueber dem langen Kleid’ aus Lämmerfellen bereitet.[7]
Also stieg er die Felsen empor, nicht achtend des Schweißes,
Der von der glühenden Stirn’ ihm träufelte, dann von den Wangen
Strömend, hinunter sank in die Silberwellen des Bartes
Ueber der Brust umher, und ging, nicht des Hungers und Durstes
Achtend, der ihm die Zung’ anklebt’ an den trockenen Gaumen:
Denn Jehova geboth, und Muth erhöhte die Kraft ihm,
Freude das Herz, und Wonne die Seele, dem Herrn zu gehorchen.
Mild g’en Westen hinab mit rosenumhülleten Wangen
Sank die Sonn’ im eilenden Lauf’, und liebliche Kühlung
Wehte vom Meere heran, als er mit wankenden Schritten
Jetzt den Thoren Sarepta’s naht’. Aufquoll von den Straßen
Finsteren Staubes Gewölk’, wo, zahllos blöckende Heerden
Von der Weide zum Stall heimkehrten. Sie blöckten so kläglich:
Denn nicht stillte den armen die Trifft, versenget, den Hunger,
Nicht den quälenden Durst der langvertrocknete Quell mehr.
Abgehärmten Gesicht’s, und mit flehendgefalteten Händen,
Standen die Stadtbewohner am Rain. Sie blickten nach Westen,
Blickten nach Süden hinaus, und forscheten: ob nicht am Himmel
Endlich sich weis’ ein Regengewölk’, und der nahen Verzweiflung
Wehre? Nicht bellend mehr, nur winselnd schleppte der Haushund
Langsam dem Eigner sich nach auf der Spur, und legte verschmachtend
Sich vor ihn hin. Sein Aug’ umhüllten von neuem die Thränen.
Nahe dem Thor’ ersah der Greis die Witwe Benaja’s
Häufend das Reisig im Schooß mit rothgeweineten Augen.
Bald von dieser und bald von jener Seite des Weges,
Trug Adoniram, ihr Sohn, die dürren Zweige herüber,
Welch’ er fand, laut schreiend vor Freud’: ein liebliches Kind noch,
Hold an Körper und Geist, der Mutter ergeben und folgsam.
Schnell enthüllt’ ein Himmelsstrahl, vor den Augen Helias
Theilend den Nebelflor, der noch den sterblichen Blick deckt,
Die, von dem Herrn Bezeichnete sey’s, die jetzo sich aufhob,
Und mit zweifelndem Blick’ ihn maß, den seltsamen Fremdling.
Aber er sprach mit wichtigem Blick zu der Staunenden also:
„Friede mit dir, o Weib! Dir Heil, der Witwe Benaja’s!
Heil auch deinem Sohn’, Adoniram! Gib mir zu trinken,
Holend das Wasser im ird’nen Gefäß, das dir noch erübrigt.
Heiß ist der Tag: der Greis ermattete, kommend von fern’ her.“
Jene staunte dem Wort. Nicht unbekannt war ihr, der Heidinn,
Selbst in Sarepta, Jehova’s Macht, und der Ruhm des Propheten
Längst erschollen im Land; doch hatte der heilige Mann sie
Nie gesehen zuvor — und er nannte Geschlecht ihr und Nahmen?
Schweigend ergriff sie des Knaben Hand, und wandte die Schritte
Heimwärts, daß sie den Labetrunk, den dürftigen, letzten,
Holte herbei: sich mild an dem flehenden Greise bewährend.
Lächelnd blickt’ er ihr nach; er dacht’ im Geiste des Segens,
Den der Himmelsbothe verhieß, und freute sich innig.
Laut nachrief er zugleich der Eilenden: „Bringe vor allem
Auch ein Stückchen Brot mit dem Krug, mir den Hunger zu stillen.“
Jene wandte betroffen sich um. Ihr bebten die Lippen
Ob des unendlichen Weh’s in der Brust, und mit Thränen begann sie:
„O, so wahr Jehova, dein Gott, der lebende Gott ist —
Denk’ ich der Götter hier, die taub und stumm, nicht erhören
Unser Gebeth, ich habe daheim kein Brot und Gebäck mehr;
Nur des Mehles im Kasten so viel, als ich mit den Händen
Faßte zur Noth, und das Oehl?[8] — kaum deckt es im Kruge den Boden!
Eben las ich das Reisig mir auf, den dürftigen Vorrath
Will ich daheim für mich und das Kind nun backen, und essen —
Essen, und dann? Wir wollen zur Ruh’ uns legen, und sterben.“
Schluchzend sprach sie das Wort; Helias entgegnete sanft ihr:
„Fasse Vertrauen zu Gott, dem Ewigen! Brot noch die Fülle
Backst du für dich und das Kind dann später: mir sollst du bereiten
Einen Kuchen zuvor, und heraus ihn bringen zur Labung.
So spricht Israels Gott, Jehova: „Nicht sollst du im Kasten
Missen das Mehl, nicht im Kruge das Oehl, bis, gnädig, Jehova
Wieder zur Erde herab euch sendet gedeihlichen Regen.“
Nicht begriff die Weinende noch den heiligen Seher,
Der, die Trauer ihr bald in Freude zu wandeln, herankam.
Aber sie naht’ ihm schnell, und begann mit leiserer Stimme:
„Wohl erscholl uns der Ruf: daß rings, in den Reichen der Völker
Achab forsche nach dir, und selbst nach dem Leben dir strebe,
So zur Rache empört durch Jesabel. Siehe, die Nacht sinkt
Dunkel herab; ein Fremdling stehst du im fremden Gebieth hier!
Möchte es dir gefallen, o Herr, in der armen Behausung
Deiner Magd für heut’, und die künftigen Tage zu weilen!
Sicher wohnst du bei mir, der Witwe. Wir wollen dich bergen
Vor dem lauernden Feind’, und pflegen mit Lieb’ und Ergebung.“
Sagt’ es, und eilte voran. Ihr folgte der Greis in den Vorhof,
Dann die Treppe hinauf in die Kammer des Oberen Hauses,
Das von dem Vorhof sich erhob: der stillen Betrachtung,
Wie des Gebethes Stunden geweiht, und dem Fremdling zur Herberg’.[9]
Als er den Stab gelehnt an die Wand, und den wolligen Mantel
Hin auf das Lager gelegt: da brachte geschäftig die Hausfrau
Wasser im Krug’, und das Becken herbei. Sie dünkte: der Krug sey
Voller denn erst, und reichte den Trunk dem Greise zur Labung.
D’rauf, als dieser, nach Lust, mit zurückgebogenem Nacken,
Schlürfte vom labenden Krug’, und ihn, dankend, wieder zurückgab,
Sank sie vor ihm auf die Knie’, und begann ihm die Füße zu waschen,
Rufend auch ihren Liebling herbei, mit ermahnenden Worten:
„Komm, mein Kind, und wasche mit mir die Füße des Greises,
Daß du den Fremdling einst bei dir gastfreundlich zu ehren
Lernest, und so durch Mild’ und Erbarmung dir Segen bereitest!“
Alsbald eilte das Kind, den Lehren der Mutter gehorsam,
Näher; sank auf die Knie’, und hielt mit den Händchen die Füß’ ihm:
Heftend den Unschuldsblick auf den Lächelnden. Aber er legte,
Segnend, ihm die Händ’ auf das Haupt, und sagte mit Rührung:
„Mögest du, treu dem Gesetz, vor Jehova wandeln in Unschuld:
Dann ist Fried’ in deinem Gemüth’, und Segen die Fülle
Blüht um dich her, und blüht um die Deinigen immer und ewig!“
Als sie jetzt, ihm trocknend die Füße, die freundliche Handlung
Endete, ging sie hinaus, auf dem Herde den Kuchen zu backen.
Dort eröffnend den Kasten — starr, und des Athems beraubet,
Stand sie den Augenblick: denn voll von der Blüthe des Mehles
War der Kasten, und voll vom köstlichen Safte der Oehlkrug.
Ach, sie vergaß im freudigen Schreck des Kuchens und Backens;
Eilte die Treppe hinauf, und schlug die Hände zusammen;
Jubelte, schrie, und weint’, und lachte zugleich vor dem Seher;
Schauend den Ueberfluß nach drückender Noth und Entbehrung!
Jener lächelte nur, und pries im Geiste Jehova’s
Nahmen. Sie ging; bereitete nun die köstliche Nahrung
Schnell, und sie aßen darauf. Nicht schmolz das Oehl in dem Krug mehr,
Nicht in dem Kasten das Mehl in des Jahr’s umrollenden Tagen.
Sieh’, auf dem Söller erging sich einst, in der Stille des Abends,
Bethend, der Greis! Ihm pochte die Brust in freudiger Rührung:
Denn schon nahte der Augenblick, wo, kräftig im Glauben
An Jehova, den Herrn, sich erhebe die Witwe Benaja’s,
Da verherrlicht vor ihr sich erwies die Macht des Propheten.
Aber des Weibes Kind, voll zartaufblühender Schönheit,
Welkte dahin, wie Rosenblüth’ im frostigen Nordwind
Welkt, und athmete matt, und matter, und hauchte den Geist aus.
Unten im Vorhof scholl urplötzlich ein Heulen und Weinen —
Scholl des Weib’s Weh’ruf, in der Still’, erschütternd den Ohren.
Alsbald hörte der Greis die Jammernde; sah mit Vertrauen
Auf zu dem Himmel, und stieg die Treppe herab in des Vorhofs
Halle. Er saß auf der Bank, und sah, verstummend, vor sich hin.
Aber mit losgewühletem Haar, mit bebenden Lippen,
Starrem Schmerz und Verzweif’lung im Blick, todbleich und vergehend,
Trug die Mutter den Sohn auf den Armen heraus in die Halle,
Nahte dem Seher mit wankendem Schritt’, und legte den Knaben
Ihm zu Füßen. Sie sank mit brechenden Knieen der Last nach,
Stöhnt’ im Fall’, und preßt’ auf die eisigen Lippen des Kindes
Ihren Mund, und bebte vor Schmerz, und weinete laut auf.
Doch nun fuhr sie empor: sie blickt’ umher in dem Vorhof;
Sah dem Propheten in’s Aug’, und begann, mit gefalteten Händen,
Leis’ erst; rief dann laut, schnell, zögernd, entschlossen, und furchtsam:
„Gottes Prophet! Was hattest du hier mit der Witwe... wie sagt’ ich,
Witwe? ja, doch jetzt auch kinderlos! — was zu verkehren
Du mit mir, o Prophet? Betratest du darum die Schwelle
Meines Hauses, daß du Jehova, dem Furchtbaren, Strengen,
Aufhüllst meine Sünden von einst — er strafe die Sünden?
Doch ist die Strafe zu groß, und zu hart dieß entsetzliche Schicksal!
O, du sahst ja dieß Engelskind, die Blicke voll Unschuld,
Sanftmuth, Leben, und Geist! So oft hörtest du selber, wie süß ihm
Tönte vom Munde das Wort, wie gut mein liebliches Kind war.
Doch, nun liegt es entseelt! Da liegt mein Reichthum, mein Alles:
Jetzo bin ich erst arm, Prophet — mein Kind ist gestorben!“
Also jammerte hier die Mutter im schrecklichen Herzleid
Wegen des Sohns, und beugte die Stirn’ jetzt wieder nach ihm hin:
Ihren Augen entfloß ein Strom von Thränen, und netzte
Ihm das bleiche Gesicht, die erstarreten Wangen und Lippen.
Nun erhob sich der Greis: sein Blick voll düsteren Ernstes,
Ruhete lang’ auf dem jammernden Weib; dann sprach er, verweisend:
„Wie, vergaßest du schon der Noth, der Hülf’, und Errettung,
Die Jehova dir schafft’ in der Noth? Des Guten vergißt nur
Also der Mensch, und labt die Erinnerung nur an dem Uebel,
Das ihn manchmal ereilt auf wechselndem Pfade des Lebens?
Hast du Glauben an Gott, den Einigen? Hast du Vertrauen
Auf Jehova’s Macht, unendliche Huld, und Erbarmung?
Hast du solches, o Weib, dann wirst du erringen die Rettung!“
Langsam erhob sie ihr Haupt, und dann den Blick von dem Knaben
Nach dem Greise hinauf, bis jetzt, in der Einung der Seelen,
Ruht’ auf seinem, ihr Aug’; dann sank es wieder hinunter,
Thränenumhüllt. Doch bald gewahrt’ er mit heiliger Wonne,
Wie die Gebeugte die Recht’ aufhob zu dem Himmel, und dorthin,
Erdwärtsblickend, wies, mit verständlichen, stummen Geberden.
„Mutter, gib mir das Kind!“ so rief er, und hob es vom Boden
Alsbald auf, und trug’s (sie sank ohnmächtig zusammen)
Ueber die Treppe hinauf in die Kammer des oberen Hauses
Auf sein Lager. Er fleht’, auf die Kniee gesunken, zum Himmel:
„Herr, Jehova, mein Gott, Alleiniger, Ewiger, Höchster!
Soll die Witwe in Jammer vergeh’n, die gütig mich aufnahm —
Vor Verfolgung und Noth, in ihrem Hause verbergend,
Rettete? Soll sie vergeh’n, ihr Kind in den Armen des Todes
Schauend? Von dir kommt Hülfe; du bist allmächtig und gütig.“
Als er die Worte gesagt, da beugt’ er sich über den Knaben
Dreimal hin. Er hauchte mit kraftaussprühendem Odem
Ihm in das toderblaßte Gesicht, und drückte die Lippen
Dreimal ihm auf den Mund; dann knieet’ er wieder, und rief so:
„Herr, du sprichst zu dem Berg: stürz’ ein — und er sinket zusammen!
Rufest dem Sturm’: er fährt in brausendem Flug’ auf des Meeres
Fluthen einher, und wühlt sie, entsetzlich, rings aus dem Grund’ auf.
Du gebiethest dem furchtbar’n Blitz, und in rauchenden Trümmern
Liegt, vernichtet, die Stadt. Dein mächtiger Odem beweget
Sonn’, und Mond, und die Sternenheer’ im unendlichen Weltall:
Hauch’ in dieß Kind, Allmächtiger, jetzt den Athem des Lebens!“
Als er es rief: da fuhr ein Strahl in Windesgesäusel
Durch die Decke herab, und hellte die Stirne des Knaben.
Alsbald regten zum Leben sich die erstarreten Glieder:
Liebliches Roth umzog die erbleichten Wangen. Nicht anders
Wie die rosige Früh’ auf die schneeigen Lilienblätter
Hauchet den Purpurglanz: so erglühten die Lippen und Wangen
Ihm; doch jetzt aufschlug er die festgeschlossenen Lieder;
Sah mit verkläretem Blick den Himmel, den weinenden Greis an;
Setzte sich auf in dem Bett’, und schlang mit leisem Gewimmer,
Festumklammernd, ihm die Händ’ um den Nacken, und küßt’ ihn.
Freudig erhob ihn der Greis auf den Arm, und trug ihn die Stufen,
Eilenden Schrittes, herab, daß sie dröneten. Doch Adoniram’s
Mutter saß, schwerathmend noch, nach dauernder Ohnmacht,
Dort auf der untersten Stuf’, und senkt’ ihr Haupt zu dem Busen.
Aengstlich horchte sie jetzt dem Geräusch’: ihr bebten die Glieder —
Schlug das ermattete Herz in empörteren, stärkeren Schlägen
Bis zum Halse hinauf, und droht’ ihr schnelle Vernichtung.
Sterbend vor Angst, nicht wagte sie, hin die Blicke zu wenden;
Doch als —„Mutter!“ erscholl aus dem Munde des jauchzenden Kindes,
Fuhr sie empor: denn Schreck, und Schauder, und kaltes Entsetzen,
Faßten, wechselnd, sie an, und, als ihr Wiedererweckter
Lebend, und warm, und hold, und reizender als er zuvor war,
Ihr an dem Hals hing, o, da stürzte sie schnell auf die Knie’ hin,
Hielt ihn dankend empor, und sagte dem göttlichen Manne,
Der an der seligen Schau sich weidete, laut und entschlossen:
„Ha, nun glaub’ ich fest, daß Jehova der Einige Gott ist,
Der durch dich, den wahren Propheten, des ewigen Lebens
Heiligen Pfad mir wies — barmherzig, und gütig, und mild ist!“
„Recht, o Weib,“ so rief Helias, „du sagtest die Wahrheit!
Manches beginnen wir hier in den Tagen der irdischen Wandrung —
Schaffen, und bau’n gar viel des Nichtigen; suchen, und irren;
Dünken uns oft am Ziel’, in des Fleisches enger Begränzung
Fern’ umirrend von ihm — des ungehorsamen Stolzes
Frühes Geschick’! Als dort der Schöpfer hinaus in das Dunkel
Stieß das Geschöpf, da gab zur Leiterinn er ihm den Glauben.
Hoch vom Himmel herab, in die Nacht all’ endlichen Strebens,
Strahlt sein Licht, und leitet allein zum Ziel’ uns hienieden:
Denn es leitet zu Gott, dem Ewigen, Wahren, und Einen.
Folg’ ihm getrost: dir hat, o Weib, geholfen der Glaube!“
Zweiter Gesang.
Hoffnung.
Einsam ging den stäubenden Weg der Thesbit, Helias,
G’en Samaria hinauf, wo Israels Könige herrschten.
Amri erbaute die Stadt und die Königsburg, der Erzeuger
Achab’s — beid’ ergeben der schändlichen Götzenverehrung:
D’rum verworfen vom Herrn, und ausgeschlossen vom Erbtheil
Abrahams, Isaaks, und Jakobs, der allverehreten Männer,
Das der Vater vererbt’ auf den Sohn: die Gnade Jehova’s.
Heut’, in dämmernder Frühe, verließ in dem stillen Sarepta
Endlich der Seher das Haus der gastlichen Witwe mit Rührung;
Schied, und segnete noch den schlummernden Sohn und die Mutter,
Die auf den Knie’n mit Thränen ihn bath, daß er weile noch länger
Unter dem freundlichen Dach, wo er Glück und Segen gespendet.
Aber er sprach: „Mich ruft Jehova’s Stimme; vor Achab
Muß ich erscheinen noch heut’, und ihn erschüttern im Herzen:
Auf daß er wiederkehre zu Gott, dem wahren und einen.
Zwei und ein halbes Jahr hast du mich, den Fremdling, beherbergt;
Aber dafür gab Gott dir Segen die Fülle: du hast ihm
Ehre gezollt; schwurst ab Vielgötterei, Trug und Verblendung;
Breitest Jehova’s Ruhm — den Glauben des Einigen Gottes,
Aus in deinem Geschlecht’, und Tausende wirst du beglücken.“
Sagt’ es, und ging. Sie stand, und barg ihr thränendes Antlitz,
Schluchzend, in beide Händ’, und zitterte. Kurz ist das Leben,
Dunkel die Zukunft: d’rum so schmerzlich das Scheiden für Seelen,
Die sich liebend gefunden am Weg’ in die ewige Heimath!
Furchtbar drückte die Hungersnoth Samaria, die Hauptstadt.
Tausende schmachteten, bleich vor Jammer und Elend, und Achab,
König, ach, mit dem Herzen von Stein, gewahrte die Noth kaum!
Aber die Mäuler und Ross’, von erlesener Schönheit und Abkunft,
Welche zu hunderten noch die Ställ’ ihm füllten — mit Ingrimm
Sah er sie steh’n vor der Rauf’, und darben. Er zog mit Gefolg jetzt
Selbst in die Hain’ und Thäler hinaus, wo, murmelnd, der Bach sonst
Ihm ergötzte das Ohr, nach grasumwucherten Räumen
Drüben zu späh’n. Umsonst war all’ sein Mühen und Forschen.
Jetzo rief er Obadia, wildempört in dem Busen,
Der, ein Hüther der fürstlichen Burg, in Eile herankam.
Sanft war dieser, und fromm: Jehova dienend in Einfalt
Seines Herzens mit Freudigkeit stets, und mit redlichem Sinne.
Als die Propheten des Herrn und die Schüler der göttlichen Lehrer,
Jesabels mordender Stahl hinopferte, barg er mit Vorsicht
Hundert Jünglinge Nachts in fernentlegene Höhlen:
Fünfzig in einer, und, gleich an der Zahl, in der andern gesondert,
Fünfzig, und schaffte die Speis’ in der Dämmerung, schaffte den Trunk hin:
Sie zu entreißen der Wuth des grausamgesinneten Weibes.
Achab rief ihm sogleich mit donnernden Worten entgegen:
„Fleug g’en Sidon voraus in die nördlichste Gegend, und forsche
Dort sorgfältig umher im Gehölz’: ob tief in der Bergschlucht,
Auf den mittleren Höh’n, und nahe dem sumpfigen Moorgrund
Sich nicht finde die Quell’ und die grasige Weide zur Rettung
Meiner Lieblinge hier, die ich weit mehr acht’ in dem Herzen,
Als dieß niedrige Volk, das mir vor allem verhaßt ist.
Doch weh’ dir, so ich dich des Ungeschicks, oder des Saumsals
Zeihen sollt’. Ich folge dir bald zu dem dunkeln Gebirg nach.“
Jener beugte sich tief im Staub’, und eilte von dannen.
Sieh’, auf dem Heerweg kam ein Greis ihm entgegen: schon fernher
Däucht’ ihn, er kenne die hohe Gestalt. Die strahlende Sonne
War nicht günstig der Schau; er hielt die Fläche der Rechten
Ueber dem Aug’, und sah mit geschärfterem Blicke hinüber:
Ob er sich täusch’, ob nicht? Er war’s — der Seher Helias,
Ihm bekannt, und verehrt vor allen sterblichen Menschen!
Diesem genaht, warf sich Obadia erst auf das Antlitz,
Huldigend; dann erhob er sich rasch, und sagte mit Ehrfurcht:
„Triegt das Auge mich nicht? Ich sehe denn wirklich Helias,
Meinen Herrn, nach Jahren voll Grams und schrecklicher Noth hier?“
„Ja,“ sprach jener mit Ernst’, „ich bin’s! Doch kehre nur wieder,
Deinem Gebiether und Herrn von mir zu verkünden: Helias
Komme zu ihm. Du staunst — erblassest dem Worte vor Angst schon?“
Doch Obadia sprach in mitleidflehender Stellung:
„Herr! was hab’ ich verbrochen an dir, daß du mich, im Jähzorn
Achabs Rache zu opfern gedenkst? So wahr uns Jehova
Hört: er sandte die Späher jüngst in die Länder, und forschte,
Ringsum, gierig nach dir bei den Königen; heischte den Eidschwur,
Heischte Siegel und Schrift, wo es hieß: du wärst nicht zugegen,
Und du forderst von mir: ich soll nun gehen, und sagen
Meinem Gebiether: „Helias ist da.“ Kaum hätt’ ich den Rücken
Dir gewendet, entführte vielleicht ein brausender Sturmwind
Dich von hinnen; er fände dich nicht, und würde mich tödten.
Ich, dein Diener, o Herr, verehre Jehova von Jugend
Auf mit redlichem Sinn. Was that ich, du hast es erfahren,
Als die Propheten des Herrn dort Jesabel mordete? Hundert
Hab ich vor ihr — je fünfzig in einer Höhle, verborgen,
Und ernähret mit Speise und Trank in redlicher Sorgfalt;
Wie, und du willst, ich soll nun gehen, und sagen: Helias
Komme heran? Mein Herr, es würde das Leben mich kosten!“
Ihm antwortete d’rauf Helias mit flammenden Blicken:
„Ha, ich schwör’s bei Jehova, dem Gott des unendlichen Weltalls,
Dessen Diener ich bin, daß ich heut’ erscheine vor Achab,
Deinem Gebiether und Herrn! Nun magst du ihm künden die Bothschaft.“
Zweifelnden Muthes ging Obadia, jenem zu künden,
Was er gehört. Doch sieh’, auf dem vielbewanderten Heerweg
Fleugt nun weitumher, unendlichen Staubes Gewölk’ auf!
Wie in der schrecklichen Zeit des allzermalmenden Krieges,
Jetzo dahier, jetzt dort aufflammt ein friedliches Dörfchen,
Wo der zürnende Sieger im Zug hinschleudert den Mordbrand;
Aber vor allen die Stadt — der Rauch verfinstert den Luftraum:
So von dem Heerweg hier, so dort von den einsamen Pfaden
Wirbelte Staub empor: denn Achab kam mit den Scharen
Seiner Krieger und Rosse heran, und es drängte das Volk sich
Rings an den schwellenden Zug, und jammerte, hülfebegehrend,
Vor dem König im Staub. Zu Tausenden wuchs sein Gefolg’ an.
Tausende folgten dem Furchtbar’n nach: doch einer, Helias,
Trat, mit heiligem Muth’ in der edeln Brust, ihm entgegen.
Als das Volk aufschrie: „Da kommt Helias, der Seher.“
Hielt der König, betroffen, vor ihm den eilenden Zug an;
Stand, und harrete dort des Kommenden. Jetzo vergaß er,
Was er gedrohet zuvor. Er konnt’ ihm Hülfe gewähren
Gegen den Jammer im Land, so er Regen erflehte vom Himmel?
Also dacht’ im Geist der Götzenverehrer, und rief ihm:
„Ha, bist du’s, der Israel stürzt in Jammer und Elend?
Doch nicht wirst du uns jetzt, wie jüngst, entkommen: du sollst uns
Regen erfleh’n von dem Himmel herab, vom Gotte Jehova,
Den du verehrst! Du hast zum Zorn ihn gereizet — versöhn’ ihn.“
„Nein,“ gab jener zurück, „nur du, dein Vater mit allen
Eures Geschlechts empörtet den Zorn Jehova’s, und brachtet
Jammer auf Israels Volk: dem Baal, dem nichtigen Götzen,
Dienend; ich kündet’ ihn nur, ein Seher Jehova’s, dem Volk’ an,
Daß euch Reue versöhne mit Gott — er Hülfe gewähre.“
Wie das stürmende Meer aufrauscht, Orkanengetümmel
Heulende Wälder durchtobt: so war des empöreten Volkes
Lautes Geschrei, und wechselnd erscholl’s: „Versöhne, Helias,
Uns mit Jehova, dem Gott, dem Einigen, daß er uns Regen
Sende vom Himmel herab! „Astarten die Ehre!“ „Dem Gotte
Baal sey Ruhm und Preis!“ „Versöhne die Götter, Helias!“
Also lärmte die Straß’ entlang, und rings im Gefild her,
Tausendzüngig, das Volk; nur spät, als häufig der König
Stille geboth, verhallte der Lärm und das wilde Getümmel:
Wie die brausende See nach dem langverschollenen Sturmwind
Noch hinwüthet zum Strand’, und Schaum aufspritzet g’en Himmel.
Groß und erhaben stand der heilige Greis in der Mitte
Des, ihn umlärmenden Volk’s. Da war ein Lächeln und Zürnen,
Wechselnd, in seinem Antlitz zu schau’n: der nahen Verachtung
Wehrte die Milde den Weg, und herzversöhnendes Mitleid.
Dräuend erhob er die Recht’, und sprach zu den Horchenden also:
„Schnell hast du vergessen, o Volk, wie gütig Jehova,
Dein sich von Anbeginn her erbarmend, mit deinen Erzeugern
Selber sich eint’ in dem Segensbund’, und ihnen zum Eigen
Gab das Gelobte-Land; wie er dich aus den schrecklichen Banden
Pharao’s führt’ aus Aegypten so, wie die liebende Mutter
Führt ihr strauchelndes Kind an der Hand, mit wachsamer Sorgfalt!
Hat sein mächtiger Arm nicht mitten im röthlichen Schilfmeer
Dir gebahnet den Pfad — ersäuft dort Pharao’s Völker?
Nicht durch die Wüste geleitet zum Ziel’, und durch Wunder genähret?
Du verließest den Gott, den ewigen, wahren, und hast dir
Götzengebilde gemacht. Ihr Sinnlichen, kommt, und erfahret,
Was Jehova’s Rechte vermag: in sinnlichen Zeichen
Sollt ihr’s schau’n, und zu ihm euch wenden mit reuigem Herzen!
König, sende die Bothen voraus: versammle die Priester
Baals: vierhundert und fünfzig sind’s, und die Priester Astartens,
Gleich an der Zahl, die im Hain durch Unzucht — Fluch der Verblendung,
Ehren die Göttinn im schändlichen Dienst’, und vom eigenen Tisch noch
Jesabel nährt! Weh’ dir, da ihr Lieblinge sind die Verruchten!
Schnell versammle sie jetzt auf dem Karmel, daß sich’s erweise:
Ob Jehova, ob Baal der wahr’ und ewige Gott sey?“
Eilig flogen die Bothen davon. Die unzähligen Scharen
Folgten dem Könige nach und dem Seher, der ihm voranging.
Ueber den Rücken des himmelemporgethürmeten Karmels
Führte der Felsenpfad die Keuchenden. Frisch wie ein Jüngling
Eilte der Greis: ihm stärkte die Brust und die wankenden Glieder,
Heiliger Eifer für Gottes Ruhm und die Rettung des Volkes,
Das er vom schändlichen Trug der götzendienenden Frevler
Wieder zum reinen Altar Jehova’s zu führen gedachte.
Jetzt war eine der Höh’n an des Berg’s südwestlichem Abhang
Mühsam errungen im Gluthenhauch des nahenden Mittags.
Dort in die Rund’ umher, sonst üppig mit Grase bewachsen,
War verbreitet ein Wiesenplan, und, gränzend, umgab ihn
Dunkeles Zederngehölz. Helias hielt in der Mitte
Jetzt mit thränendem Blick’ am frechzerstöreten Altar
Still, der, einst Jehova geweiht, nun, Jammer zu schauen,
Lag zerstreut in dem Schutt durch Jesabels frevelnde Rachsucht!
Sinnend stand der Prophet. Er sah, nach Westen gewendet,
Ueber die Zedern hinaus auf des Meer’s endlose Gewässer;
Doch nun ruhte sein Aug’ im Süden am bläulichen Oehlberg,
Nahe der heiligen Stadt Jerusalem; dann auf dem Hügel
Golgotha’s, wo er, im Geist, die Tage der herrlichen Zukunft
Sah, und Vollendung und Licht, wo jetzt nur dunkele Bilder
Wiesen an sie der Gegenwart verirrte Geschlechter.
Lauter pocht’ ihm die Brust, und heller flammte sein Aug’ auf,
Als er die Händ’ erhob, und, entzückt, Dank blickte zum Himmel.
Aber zum furchtbarn Ernst verwandelte sich des Propheten
Milder Blick, da er rings, die versammelten Scharen betrachtend,
Leichtsinn, Trug, Verblendung, und Schuld ersah in den Augen
Tausender. Jetzt bewegt’ er das Haupt, und rief zu den Scharen:
„Israels Söhne! Warum dient ihr mit wechselndem Sinne,
Nun Jehova, dann Baal, zum Hohne des ersten Gesetzes,
Das in den Doppelstein eingrub der göttliche Führer,
Moses: „Du wirst nebst mir nicht andere Götter erkennen?“
Wer euch Gott ist: Baal? Jehova? — dem solltet ihr dienen.“
Tief verstummte das Volk. Wohl traf die Herzen des Vorwurfs
Flammengewalt; doch Achab stand unferne dem Seher,
Wuthausstrahlenden Blick’s, und Tausende sah’n auf den Furchtbar’n,
Der als König geboth, und die Götzen selber verehrte.
Sieh’, da nahten die Priester Baals: vierhundert und fünfzig
Eileten rasch, mit Gesang und Lärm, von dem Zederngehölz her;
Jene des Götzenhains, hielt Jesabel, fest in der Hofburg:
Denn ihr dünkte der Ruf des verhaßten Helias gefahrvoll.
Jetzt umzog ihm den heiligen Mund ein bitteres Lächeln;
Wahrlich, er lachte sogar leis’ auf, und rief vor den Scharen:
„Seh’t, ich stehe allein! Da nah’n vierhundert und fünfzig
Mächtige Priester des Baal; Betrogene selbst und Betrieger,
Jauchzend heran. Sucht schnell die walddurchweidende Heerd’ auf;
Holt zwei Rinder herbei. Sie sollen dann eines sich wählen:
Auch ich wähle mir eins; nach Opferbrauch das Zerstückte
Legen auf Holz, und rufen zu dem, der ihnen ein Gott ist.
Auch ich thue wie sie; doch hört: das Feuer erflehen
Wir von unserem Gott. Der Feuer uns sendet vom Himmel
So, wie er dort auf Abels, nicht Kains, erhabenen Altar
Sendete, der ist Gott, dem Fragenden gibt er die Antwort.“
Laut aufjauchzte das Volk: „Das soll zum Zeichen uns dienen:
Weise hast du gesprochen, o Greis; wir wollen gehorchen!“
Achab winkte, verstört, dem Volk’ unwilligen Beifall.
Alsbald trieben sie vom Gehölz zwei blöckende Rinder
Durch das umdrängende Volk in die Nähe des ernsten Propheten,
Haltend fest bei’m Horn die Sträubenden. Aber er sah jetzt,
Schaudernd vor innigem Schmerz, Baals festlichgeschmückete Priester
Vor dem König’, und rief, ergrimmt, den Versammelten also:
„Jetzt nur muthig herbei! Ihr habt es vernommen, wie leicht hier
Baal erringe den Sieg. Erbau’t den Altar, und zerstücket
Eines der Rinder nach Opfergebrauch, dem Gotte zu Ehren,
Den ihr verehrt. Beginnet vor mir: euch werde der Vorzug;
Rufet zu ihm mit Macht, daß er spende zum Opfer die Flamme,
Und ich vor euch ein Thor, als Jehova’s Diener erscheine.“
Jene standen verwirrt, und sah’n mit zweifelnden Blicken
Aengstlich sich an. Da trat Asnad, der oberste Priester,
Aus den Reihen hervor, und knirschte laut mit den Zähnen.
Trotz umwölkt’ ihm die finstere Stirn’, und das struppige Haupthaar
Hielt die Binde von Gold, mit dunkeln Zeichen beschrieben.
Auch umfing ihm das schneeige Kleid ein goldener Gürtel,
Das, von Wolle gewebt, ihm gefaltet zur Ferse hinabfloß.
Jetzt erhob er den Stab, und geboth den zagenden Priestern,
Selber nur heuchelnd den Muth, als Angst ihm füllte den Busen;
„Opfert das Rind! Ruft auf zu Baal, dem mächtigen Gotte,
Eifernden Laut’s, daß der thörichte Greis hier stehe, beschämt, dann!“
Rief’s; doch lächelnd still für sich hin, ließ jetzo Helias
Vor Jehova’s zerstörtem Altar’, im Grase sich nieder;
Stützte das Kinn auf die Hand, und sah, wie die hurtigen Priester
Trugen die Steine herbei, und erhoben in Eile des Altars
Viereck, oben den Bau noch mit Erd’ und Rasen bedeckend;
Wie das blöckende Rind sie schlachteten, dann das Zerstückte
Ordneten auf gespaltenes Holz, und das Opfer bestellten.
Jetzo begann, dem Ohr’ entsetzlich zu hören, der Priester
Baals vereintes Geschrei. Sie wütheten, tobten vor Unsinn,
Hüpfend um den Altar, und schreiend: „Baal, du, erhör’ uns!“
So bis zur Stunde des Mittags schrie’n, und lärmten die Priester
Rastlos fort; doch Niemand war, der höret’, und Antwort
Gab vom Himmel herab in Flammen und Donnergetümmel.
Dort erhob sich der Greis, und rief den eifernden Priestern,
Die schwer athmend, und triefend von Schweiß, ihm horchten, noch laut zu:
„Nun wie kommt es, daß Baal nicht höret, nicht sieht, und verstummet?
Ist er vielleicht vertieft in Betrachtungen? Ist er auf Reisen?
Durch Geschäfte zerstreu’t? Ruft laut zu dem Mächtigen. Oder,
Schläft er vielleicht? Ach, ruft zu dem Gott, daß er endlich erwache!“
Höhnte sie so, und lehnte mit vorgebogenem Leib sich
Dann auf den knotigen Stab, die empörteren Priester betrachtend:
Denn sie geberdeten sich gleich Rasenden; riefen, und lärmten
Fort mit erneueter Wuth. Doch ach, nun ritzten die Thoren
Sich mit Messern und Pfriemen den Leib, daß er grauenerregend,
Blutete:[1] so, nach dem Brauch der Götzendiener im Land dort.
Aber schon rückte die Stunde heran, wo Jehova’s Verehrer,
Nach dem Gesetz’, im Tempel das Abendopfer zu weihen
Pflegten,[2]und sieh’, noch kam von Baal nicht Stimme, nicht Antwort.
Jetzt entbrannte der Greis: er warf den knotigen Stab hin;
Winkte dem Volk’, und es trat voll banger Erwartung ihm näher.
Schweigend, mit Thränen im Blick, las er zwölf Steine zusammen
Von dem zerstörten Altar des Herrn (so viele der Stämme
Hatte Jehova erwählt, aus Jakobs Söhnen, und hieß sie
Israels Volk) und ordnete sie zum Opfer mit Sorgfalt.
Rüstige Männer bewegte sein Wink: sie zogen den Graben
Rings so breit, daß der Raum des kornerfülleten Scheffels
Viertheil faßte zur Saat. Er ordnete kundig das Holz dann
Auf dem Altar; zerstückte das Rind, und legt’ es darauf hin.
Jetzt nach vollendetem Werk’ erhob er die Stimme gebiethend:
„Holt vier Kübel Wassers herbei — dann zweimal so viel noch,
Und begießt den Altar, das Holz, und das Opfer Jehova’s.“
Also geschah’s. Da floß von dem Opfer, dem Holz’, und dem Altar,
Strömend, das Wasser hinab in den dunkelen Graben, und füllte
Voll ihn zum Rand’: ein Staunen ergriff die umdrängenden Menschen.
Als die heilige Zeit des Abendopfers genaht war,
Trat Helias, mit Würd’ und ernstumwölketen Augen
Hin zum Altar’; erhob die Hände zum Himmel, und flehte:
„Künde, Jehova, du, Gott Abrahams, Isaaks, und Jakobs —
Ihnen der ein’- und ewige Gott, und Allen und Jeden,
Die mit redlichem Sinn dich suchen, erkennen, und lieben:
Künd’, allmächtiger Gott, dem Volke dich heut’ in des Feuers
Urkraft an, daß es dir, von den Flammen der Liebe durchdrungen,
Diene hinfort, und jetzt nicht zweifle, was ich begonnen,
Sey dein heiliger Wink! Erhöre, Jehova, erhör’ mich
Flehenden, daß es zu dir sich bekehre mit redlichem Herzen!“
Sieh’, in dem Augenblick’ ein Blitz, ein Feuer, unendlich,
Furchtbar, allbetäubend umher im Donnergetümmel
Leuchtete, krachte herab: des Karmels Scheitel erbebte;
Schauernd wogte der Grund; laut heulten die schwankenden Wälder —
Rauschte das Meer! O, Wunder: verzehrt vom rollenden Feuer
War Brandopfer, und Holz, und Stein, und Erde; das Wasser
Leckte sein Flammenhauch aus dem tiefgehöhleten Grund’ auf!
Bleich, und bebend vor Schreck, stand lange das Volk, und besann sich,
Was da gescheh’n? Doch jetzt warf sich die Menge zum Boden;
Achab beugte die Knie’; Baals Priester sah’n sich voll Angst an;
Lautes Weinen erscholl, und Israels Kinder bekannten:
„Herr, Jehova, du bist alleiniger Gott, und Erbarmer!“
Also versöhnete Volk und Land vor Jehova Helias.
Seinem furchtbarn Blick zu entkommen, schlichen die Priester
Baals sich in Eile davon; doch schrecklich entflammte sein Aug’ sich,
Als er die Recht’ erhob, und rief mit zermalmenden Worten:
„Haltet die Schändlichen fest! Hier steh’ ich im Nahmen Jehova’s
Richtend, vor euch, der über den Tod und das Leben gebiethet.
Gottes erlesenes Volk seyd ihr, und Achab, der König,
Nur der Gesalbte vor ihm. Warum verleiten die Frevler,
Höhnend Jehova’s Gesetz, zur Meute, zur Wuth, und Empörung
Also das Volk — verleitend zu Baals unheiligem Dienst hier?
Aber nicht sollen sie künftig mehr euch Lehren des Unsinns
Pflanzen in’s Herz. Ergreift, und führt sie hinab an den Kison;
Würgt sie gesammt, daß ihr Blut mit den rauschenden Fluthen verrinne!“
Achab winkt’ ihm Beifall zu. Da braus’te des Volkes
Menge den Priestern nach, und that, wie Helias gebothen.
Aber, zu Achab gekehrt, begann er ermunternden Blickes:
„Hast du bereuet die Schuld? Wohl dir! Jetzt eile hinüber
Nach dem Gehölz; dort halte das Mahl mit erheitertem Herzen:
Denn mich däucht, schon rauscht fernher gewaltiger Regen,
Und der schreckliche Fluch wird nun von dem Lande genommen.“
Als sich der König entfernt’, da stieg Helias des Karmels
Höhen empor. Er ließ auf dem moosigen Felsen sich nieder;
Senkte das Haupt auf die Knie’, und rief dem Knechte Hakima:
„Schaue vom Felsenrande hinaus auf des Meeres Gewässer,
Während ich bethe, mein Knecht, und künde mir, was du gesehen.“
Sechsmal sendet’ er schon den Knecht, zu erforschen die Meerfluth;
Stets kam dieser, und sprach: „Ich gewahrete nichts, mein Gebiether!“
Aber zum siebenten Mal, vernehmend die Stimme Helias,
Sprang er heran, und rief: „Ich sah aus den Fluthen des Meeres
Steigen ein winzig Gewölk, wie die Faust des Mannes an Umfang.“
„Nun,“ gab jener zurück, „nun eile hinunter zu Achab:
Möge er spannen die Ross’ an den Wagen, und denken der Heimkehr,
Sonst ereilet ihn noch auf dem Weg’ unendlicher Regen.“
Kaum lief dieser dahin, so stieg empor an dem Himmel
Schwarzumnachtendes Wettergewölk. Des Windes Vermögen
Braus’te heran. Nicht lange, so stürzen des Himmels Gewässer
Nieder im prasselnden Flug’, und tränken die dürstenden Fluren.
Achab schirrte die Ross’, und eilte gen Jesreels Mauern,[3]
Flüchtend, hinab. Helias sann, aufschürzend den Leibrock,
Ihn mit begeisterndem Sang vor allem Volke zu ehren,
Weil er sich abwandte von Baal, dem nichtigen Götzen.
Freudig sah er zuvor, des sanftherrauschenden Regens
Fluthen betrachtend, hinaus nach Bethlehems Hügel, und rief so:
„Groß sind deine Erbarmungen, Gott, Jehova, mein Retter,
Dein’ Erbarmungen groß! Du tränkst den lechzenden Boden
Wieder, und lässest ihm das Gras und die Saaten zur Wohlfahrt
Deiner Geschöpf’ entkeimen, und blüh’n, und Früchte gewinnen.
Auch des Sünders gedenkst du mit Huld! Ich schaue die Hügel
Bethlehems dort, und möcht’ ausrufen in jauchzender Wonne:
„Thauet, ihr Himmel, sanft! Strömt, Wolken, herab den Gerechten![4]
Oeffne dich, Erde, dem Keim’: ihm entsprieße der Retter Ihr Stämme
Israels, streckt die Zweige nur aus, und blühet, und traget
Köstliche Frucht: der Tag des Herrn ist nahe!“ So ruft einst
Laut ein Seher im Volk von Israel. Glühend verlang’ ich
Seine Tage zu schau’n — verklärt ihn am Tabor zu schau’n, ich,
Seliger! Doch Jahrhunderte flieh’n noch dunkel vorüber,
Eh’ er zerstöret das Reich der Sünd’ und des ewigen Todes;
Gründet des Lichtes Reich, und, der Wahrheit Segen verbreitend,
Völlig vernichtet den Götzendienst. Wie lechzen die Frommen
Glühend nach ihm! Was stillt den Hunger und Durst nach Erfüllung
Seiner Verheißungen? Sie — der qualbeladenen Menschheit
Milde Trösterinn, sie, des Himmels Segen: die Hoffnung!“
Dritter Gesang.
Liebe.
Aus zerrißnem Gewölk’, am schimmernden Thore des Abends,
Sah die scheidende Sonne heran, und hellte die Zinnen
Jesreels, als das Gespann des Königs durch räumige Hallen,
Donnernd, fuhr, und die stille Burg aufregte zum Leben.
Achab kam verstört vor Jesabel. Herrscherinn war sie
Ueber den Herrscher des Volks — er, feig’ ergeben den Launen
Des so grausamen Weibes, und leicht zum Bösen zu lenken.
Zwar erschütterte heut’ auf den Höh’n die Stimme Jehova’s,
Sprechend im Donnerruf, sein Herz, und der fromme Helias
Hoffte für Israels Volk heilbringende Tage der Zukunft.
Doch nur am Irdischen klebt das Herz des Irdischgesinnten,
Sündig, fest. Wie die leuchtende Sonn’ auf den Höhen des Nordpols
Von dem erstarrten Gefild nicht die Rinde des Eises hinweg schmelzt:
So nicht wärmt, nicht belebt sein Herz der himmlischen Wahrheit
Strahlendes Licht, bis ganz für das Ewig’ es stirbt, und erstarret.
Jesabel wüthete, als sie vernahm, daß Helias die Priester
Baals erwürgen ließ an dem Felsengestade des Kison.
„Ha, mich strafen die Götter,“ so rief sie vor ihrem Gefolg’ auf,
„Wenn ich an ihm nicht dort ein Gleiches mit Gleichem vergelte
Morgen im Abendlicht, zur Stunde des schändlichen Frevels!“
Furcht ergriff Helias, den Greis. Er wandte sich, flüchtend,
Nun g’en Berseba,[1] wo er den treuen Hakima zurückließ;
Dann nach der Wüste hinaus, wo Arabia’s Steppenbewohner,
Frei in dem freien Gefild, des Städters Sitte verachtet.
Dort im lastenden Alter, erschöpft von der Hitze des Tages —
Jeglicher Nahrung beraubt, ausruht’ er im lieblichen Schatten
Eines Genistbaums;[2] sah, nach dem Tode sich sehnend, zum Himmel;
Rang die Hände zu Gott, ein Flehender, auf, und begann so:
„Nimm mich, Jehova, zu dir! Genug ertrug ich des Schlimmen —
Habe schon lange gelebt, und erreichet die Jahre der Väter:
Bin ich besser denn sie? Laß hier mich sterben, Jehova,
Du, mein Gott — hinüberschlummern in’s bessere Leben,
Wo ich, auf immer entrückt den Wüth’richen, wonnegesättigt,
Ruh’ in Abrahams Vaterschooß’, in ewigem Frieden!“
Sprach’s; dann legt’ er sich dort im Schatten des dunklen Genistbaums
Nieder, und schlummerte sanft. Nun fächelten himmlische Lüftchen
Kühlung ihm zu, und ein höheres Licht erhellt’ ihm die Wangen
Und die erhabene Stirn’: denn sieh’, auf des rosigen Morgens
Fittigen war ihm jetzt der Unsterbliche wieder genahet,
Der schon einst von der waldumschatteten Höhle des Bergstroms
Karith, zieh’n ihn hieß g’en Sidon, zur Witwe Benaja’s!
Sanft berührt’ er sein Haupt, und lispelt’ ihm leis’ in die Ohren:
„Hebe dich auf, Helias, und iß!“ Er blickte verwundert
Um sich her, und ersah den Aschenkuchen, des Landes
Sitte gemäß, im Schooß der glühenden Asche gebacken,[3]
Und den Krug, voll blinkenden Wassers zum Haupt ihm gestellet.
Alsbald aß er, und trank, und legte sich nieder, zu schlummern.
Aber ihn rührte sanft der Unsterbliche wieder am Haupt’ an,
Rufend: „Hebe dich auf, Helias, und labe dich nochmals:
Denn nicht kurz ist der Weg in vierzig Tagen und Nächten,
Fern’ in der Wüst’ umher, zu besuchen die heiligen Stellen
Alle, wo Israels Volk der Herr durch Wunder erhöhte.
So wird Jesabels mordender Stahl dich nimmer erreichen.“
Jener gehorchte dem Wort’. Er aß, und trank, und ermuthigt
Wurde sein Herz, und die Wunderspeis’ erfüllt’ ihm die Glieder
Schnell mit dauernder Kraft, zu ertragen die Mühe der Wand’rung.
D’rauf erhob er sich rasch; ging weiter, und wanderte rastlos,
Bis er den Horeb[4] erreichte, den Berg, der „Gottes“ genannt wird:
Ob der Erscheinung des Herrn auf ihm in den Tagen der Vorzeit.
Doch an dem Fuße des Berg’s, wo hochaufragend, die Felswand
Ueber den Pfad sich bog, ersah er die Höhle, vor welcher
Einst in dem brennenden Dornstrauch Gott dem erhabenen Führer
Israels, Moses, erschien. Schon zitterte goldener Schimmer,
Als die Sonn’ in den Schooß des Abendhimmels hinabsank,
Durch die Gebüsch’, und schaurig wehte der Wind aus den Thälern.
Freundliche Herberg schien die Felsenhöhl’ ihm zu biethen.
Rings verstummte die Welt. Er trat voll heiliger Ehrfurcht
Ein, und ließ auf dem Felsenblock sich nieder, zu ruhen.
Als er im Abendlicht hinstarrte zum Boden, und Bilder
Längstentschwundener Zeit ihn umflatterten: siehe, da scholl ihm
Plötzlich die Stimm’ an das Ohr, erschütternd und lieblich zu hören:
„Wie, Helias, du kommst, verlassend Israels Fluren,
Wo der Thaten so viel’ dein harreten, Gottesgesandter,
Hier in der Wüste zu ruh’n — für Jehova zu streiten, ermüdet?“
Aber er sprach: „Ich habe für Gott, Jehova, des Weltalls
Herrn, gestritten im Kampf’, und die Götzenverehrer gezüchtigt,
Als ich in Israel rings gebrochen sein heiliges Bündniß,
Sein’ Altäre zerstört, und seine Propheten ermordet
Sah mit empörtem Gemüth’. Ich Einziger lebe von diesen,
Glücklich entronnen dem Meuchelschwert; doch fürder gebricht mir,
Altersmüdem, die Kraft, dem Strom des Verderbens zu wehren.“
Sein unsterblicher Freund umschwebte den frommen Propheten,
Unsichtbar, und begann: „Tritt nun aus der Höhle, Helias:
Denn Jehova, dein Gott, barmherzig und gnädig, erscheint dir
Draußen am Berge, wie einst des Volk’s erhabenem Führer!“
Doch Helias erbebte vor Angst — er sollte vor Gott steh’n!
Welches Getümmel erschallt ringsher, urplötzlich auf Erden?
Brausend nahet ein Sturm — hilf Gott: er zertrümmert die Felsen,
Spaltet die Berg’ entzwei! Wohl brauste der Sturm vor Jehova
Mächtig einher, doch war Jehova im brausenden Sturm nicht.
Jetzo wankte der Berg, und bebte der Fels, und die Waldung
Schauderte: Staub flog auf — einstürzten die berstenden Hügel.
Wohl erschütterte rings des Kommenden Nähe den Erdkreis;
Doch nicht im qualmenden Staub, nicht im Erdbeben war noch Jehova.
Finst’res Gewölk umhüllet die Welt; der rollende Donner
Nah’t im Flug’ — ein Blitz, dann tausende, fahren, vereint ihm
Nieder, und d’rauf, urschnell, auch tausendfältiger Donner
Kracht, und wüthet, und tobt, als sollte zerstieben das Weltall.
Wohl ging Donner und Blitz einher vor Jehova, und noch war
Nicht in dem Wettergewölk, nicht im Blitz und Donner, Jehova.
Stille herrschte darauf. Und jetzt, ein wehendes Lüftchen,
Wie nach Gewitterregen im Lenz, es die thauenden Wälder
Sanft bewegt, erklang mit lieblichem, holdem Gesäusel.
Als Helias das Säuseln vernahm, verhüllt’ er sein Antlitz
Schnell mit dem Mantel, und trat aus der Höhle mit pochendem Herzen,
Stand an dem Felseingang, und harrete. Sieh’, ihm erschollen
Wieder die Worte: „Warum weilst du hier einsam, Helias?“
Aber er sprach: „Ich habe für dich, Jehova, des Weltalls
Herrn, gestritten im Kampf mit den Frevlern; doch jetzo gebricht mir,
Lebensmüdem, die Kraft, dem Strom des Verderbens zu wehren.“
„Kehre,“ so rief ihm der Herr, „nun heim durch die Wüste Damaskus;
Schütte das Salböhl aus auf Hasaels Scheitel, und Jehu’s:
Jenem Syriens Thron, und Israels diesem verheißend.
Weih’ Elisa darauf, Sohn Saphats von Abel-Mehola,[5]
Ein in des Sehers Amt: sie werden die Sünder vertilgen.
Tausende dienen mir noch in Israel — beugten die Knie’ nicht,
Flehend, vor Baal, und verehrten ihn nie mit frevelnden Küssen;[6]
D’rum verschon’ ich es noch, dieß Volk; barmherzig und gütig,
Gnädig und mild, langmüthig und treu ist Jehova, sein Gott ihm.“
Tief zum Staube gebückt, anbethete jetzo Helias;
Dann ergriff er den Stab, und wanderte fort durch die Wüsten,
Bis er grünende Fluren ersah, g’en Abel-Mehola.
Dort an dem herbstlichen Tag ging eben der rüstige Pflüger,
Für die ernährende Frucht sein Ackerfeld zu bestellen,
Lenkend die Stiere, gepaart, mit weitumschallender Stimme,
Hinter dem Pflug’ einher. Das regsame Leben erweckte
Freud’ in der Brust des wandernden Greises nach langer Entbehrung.
Doch welch’ mächtiger Landmann ist’s, der, nahe dem Heerweg,
Pflüget sein Feld? Ihm zieh’n eilf Männer gesonderte Furchen
Emsig voraus; er zieht die zwölfte, mit schaltendem Ernst nach.
Ist er den eilfen Gebiether und Herr? Er ist es: Elisa!
Schweigend, blickte Helias nach ihm — er, schweigend, nach diesem
Hin, der jetzo genaht, ihm seinen gewaltigen Mantel
Rasch um die Schultern hing. Elisa erkannte das Zeichen
Hohen Prophetenamt’s; hieß kehren die Pflüger, und eilte
Hinter dem Greis’ einher. Doch jetzt begann er mit Ehrfurcht:
„Gönne es mir, mein Herr, daß ich erst von Vater und Mutter
Scheide mit freundlichem Gruß; dann will ich dir folgen für immer!“
„Wohl,“ sprach jener, „es sey; doch mögen dir häusliche Sorgen
Nicht entrücken das Ziel, das ewige! Denke, was ich dir
Eben verlieh’n, der erhabenen Würde des Amt’s der Propheten!“
Sagt’ es, und ging. Elisa kehrte mit eilendem Schritt heim;
Rief die Freunde herbei, daß sie schlachteten eines der Rinder,
Welche durchpflügten das Feld, und briet das Fleisch an dem Pflug dann,
Den er gelenkt, zerbrach, und zum Feuer aufhäuft’ in dem Hofraum:
Also entsagend dem Pflug und den Sorgen des häuslichen Lebens.
D’rauf genoß er das Mahl mit den Seinigen; drückte die Hand noch
Allen umher zum Abschiedsgruß’, und eilte Helias
Nach, dem er sich geweiht, ein treunachfolgender Schüler.
Trauer erfüllte das Volk: denn Schreckliches war in dem Land dort
Eben gescheh’n durch Jesabel selbst, und des Königes Mitschuld.
Dicht an der Sommerburg von Jesreel grünte der Weinberg
Naboths, des frommen Bewohners der Stadt. Ihm hatte der König
Reichen Ersatz an Geld und Gütern für selben gebothen:
Aber der Israelit verschmäht’, ein heiliges Erbgut
Seiner Väter für Geld und entfremdetes Eigen, zu tauschen.[7]
Achab härmte sich drob; doch Jesabel sandte des Königs
Siegel[8] und Schrift, und ließ (vor Gericht sich dingend der Männer
Lügenbezeugende Schar: als hab’ er Jehova gelästert,
Und den König geschmäht) ihn steinigen draußen am Heerweg,
Auf dem grünenden Rain des kühnverweigerten Weinberg’s.
„Geh’ nun hin,“ sprach sie zu dem Könige, „dein ist der Weinberg:
Naboth lebet nicht mehr.“ Er hieß anspannen die Rosse,
Eilte hinaus, und labte sein Aug’ an dem schnöden Besitz nun.
Doch schon kam, von Jehova gesendet, der furchtbare Richter
Solchen Frevels heran. Ihm nahte Helias am Weinberg;
Stand entrüstet vor ihm, und sprach mit zermalmenden Blicken:
„Deine Hand ist geröthet von Blut. Wie hast du gefrevelt
Jetzt an dem heiligsten Recht’, und, meuchlings, errungen das Eigen
Naboths! Horch, von Jehova verkünd’ ich es: hier an dem Weinberg,
Wo den Gerechten im Volk du ermordetest, sollen die Hund’ einst
Lecken dein Blut; zerreißen voll Wuth, in Jesreels Zwinger
Dein unmenschliches Weib, als, dort aus dem Fenster gestürzet,
Unter des Rosses zermalmendem Huf’, an die Mauer ihr Blut spritzt!“
Achab zittert’, und sprach: „Hab’ ich ermordet den Bürger
Jesreels? Ich vergossen sein Blut? Wann bin ich denn strafbar
Vor Jehova gewandelt? Mein Feind, deß’ kannst du mich zeihen?“
„Ja, deß’ kann ich dich zeih’n, du Abgötter,“ sagte Helias
Jetzt voll Zorn, „du hast, ein niedriger Sclave, dem Weib dich
Feig’ ergeben, und Böses verübt vor des Ewigen Antlitz!
Zitt’re vor ihm: bald wird er dich und die Deinen zerschmettern.“
Als der König die Worte vernahm, da fiel er auf’s Antlitz,
Preßte die Stirne zum Staub’, und weinete laut vor Helias.
Dieser begann von Neuem, und sprach: „Ich sehe die Thränen
Achabs; sehe den Reuigen bald, zerreißend den Leibrock,[9]
Wandeln im här’nen Gewand’, und in Buß’ aufseufzen, und fasten.
D’rum, so spricht Jehova der Herr, verschon’ ich für heut noch,
Wie auch sein Leben lang sein Haus; doch mit dem Erzeugten
Achabs, treffe Verderben es: ja, so soll es geschehen!“
Doch wie erfüllte Jehova das Wort, von Helias verkündet?
Achab zog in den Krieg mit Josaphat, König von Juda:
Auf daß er Benhadad, dem syrischen König, die Freistadt
Ramoth,[10] in Gileads Flur, entrisse vor allen, als Sieger.
Juda’s Herrscher dienete Gott mit redlichem Herzen.
Denkend des Schlachtengeschicks, des wandelbaren, begann er:
„Achab, erforschen wir nicht, ob Huld uns wird von Jehova?“
Jener lieh nur Götzendienern sein Ohr, die ihm Siegsruhm
Kündeten; doch der König von Juda verlangte: Jehova’s
Diener rathe zum Kampf, zum Frieden, wie Gott es bestimmet.
Mürrisch geboth dann Achab, daß Micha,[11] der göttliche Seher,
Schnell erscheine vor ihm und Josaphat. „Künde doch Gutes,“
Sagte der Führer zu ihm, „schon haben vierhundert Propheten
Sieg verheißen im Kampf den Königen.“ Micha versetzt’ ihm:
„Wie Jehova gebeut, so werd’ ich enthüllen die Zukunft.“
Und er trat mit ruhigem Blick vor die mächtigen Herrscher.
Achab begann: „Soll ich um Ramoth in Gilead kämpfen?“
„Sieg,“ so Micha, „verhießen dir schon die weisen Propheten;
Aber Jehova sagt: Ganz Israel seh’ ich wie Lämmer
Auf den Bergen umher zerstreut, die hirtenberaubt sind.
Herrnlos mögen sie nun heimzieh’n, und der Ruhe gedenken.“
Achab rief voll Zorn, zu Josaphat: „Wie ich dir sagte,
Stets weissagt sein Mund nur Böses: ihn treffe Verderben.“
„Wohl denn,“ sprach der Prophet, „so vernimm die Gerichte Jehova’s:
Ein Gesicht, erschütternd und hehr, enthüllte die Nacht mir.
Hoch in den Himmel vezückt, sah ich auf erhabenem Thronstuhl
Sitzen Jehova, den Herrn, und ihm zur Rechten und Linken
Stehen das ganze versammelte Heer der himmlischen Geister.
Von den Stufen des Throns kam rastlos Donner und Blitz her;
Ueber ihm wölbete, gleich dem siebenfarbigen Bogen,
Eine schimmernde Decke sich auf, und es glänzte, verbreitet
Weit, vor den Stufen die Flur, als ruht’ er auf bläulicher Meer’sfluth.
Jetzo erscholl von dort, wie Brausen der stürzenden Wasser,
Wie Posaunenklang und Rollen des Donners, die Stimme:
„Wer bringt Achab dahin, daß er thöricht nach Gilead ziehe,
Ramoth dort zu erringen im Kampf’, und erliege den Feinden?“
Links und rechts begann, wie das Rauschen der Blätter im Sturmhauch,
Unter der Meng’ umher, ein unverständliches Flistern.
Dann aufschwang sich ein Geist auf die glänzende Flur an dem Thronsitz.
So wie ein Stern, vom Nebel umflort, nur düster herabblinkt,
War sein Schimmer erbleicht. Er sah zum Boden, und sagte:
„Ich bring’ Achab dahin: denn ihm weissagen Propheten,
Die ich bethört’, nur Falsches. Er kämpft, und erlieget den Feinden.“
Achab bebte vor Wuth, und sagte: „Du sollest den Hohn mir
Büßen in schrecklicher Haft, mit lastenden Eisen beschweret!“
Und sie führten den Lächelnden fort. Im edelen Herzen
Fühlt’ er sich frei, obgleich den Leib ihm drückten die Fesseln —
Frei von Tyrannenmacht und den Banden des irdischen Lebens:
Denn, erkoren vom Herrn, der tiefverborgenen Zukunft
Ferne Gefilde zu schau’n, entschwang sein himmlischer Geist sich
Freudig der Erdennacht, und schwelgt’ in lichteren Räumen.
Achab’s Ruf empörte die Schlacht. Der niedrige Treubruch,
Weil er mit Benhadad erst jüngst den Frieden beschworen,
Der vor allen auf ihn vordrängte die muthigsten Führer,
Macht’ ihn feig’. Er tauschte die eiserne Wehre des Söldners
Gegen die seine von Gold, jetzt um, und hoffte, vermummet,
So zu entgehen des Todes Geschick’. Doch siehe, von fern her
Schwirrte der Pfeil, und traf ihn fest in die Weiche des Bauches!
„Führt mich heim aus der Schlacht,“ so rief er, und sank in dem Wagen
Auf sein Antlitz hin, und blutete. Aber die Heer’smacht
Floh, zerstreut. Wie, hirtenberaubt, die furchtsamen Lämmer
Irren auf Bergen umher: so floh’n die entmuthigten Krieger.
Achabs rollender Wagen hielt unferne dem Weinberg
Naboths, triefend von Blut: denn dort verhaucht’ er das Leben,
Und die Hunde leckten sein Blut, nach den Worten Helias.
Jetzo ging der heilige Greis mit Elisa von Gilgal[12]
Nach den Höhen von Gaas, in Sarone’s lieblichen Fluren.
Als sie erklommen den Berg, und ruheten, blickte Helias,
Staunend, um sich: er sah den unsterblichen Freund (er allein nur)
Der, von Jehova gesandt, ihm rief: „Der Tag ist gekommen,
Wo Jehova im Sturm und brausendem Feuer dem Erdkreis
Dich entrückt — aufnimmt in die Wohnungen seliger Geister,
Die, nach vollendeter Pilgerschaft, die Krone dir reichen
Ewigen Glück’s, verherrlicht, zum Trost noch später Geschlechter;
Seinem Nahmen zum Ruhm, zur Ermunterung seinem Bekenner:
Auszuharren treu dem Gesetz’, in der Stunde der Prüfung.
Bald vernimmst du den Ruf. Doch siehe, da kommen des Königs
Bothen — Ahasja’s, der, gleich Achab, seinem Erzeuger,
Götzen verehrt! Er fiel, und liegt, verwundet, im Bette.
Hemmend den Lauf der Eilenden, sprich, was Jehova dir eingibt.“
Rief’s, und verschwand. Helias trat den Männern entgegen.
Zorn entflammte sein Aug’; er sprach zermalmenden Lautes:
„Ist dem König Jehova nicht Gott? Ihr sollet befragen
Baal-Sebub, den Gott Ekrons,[13] im Thale Sephela,
Ob er gesunde, ob nicht? Er wird, so richtet Jehova,
Bald aushauchen den Geist, ein niedriger Götzenverehrer.“
Als er’s rief, aufthürmte sich schnell am bläulichen Himmel
Schwarzes Gewittergewölk’, und umnachtete völlig den Erdkreis.
Röthliche Blitze durchzuckten die Luft, und der rollende Donner
Murrete dumpf umher in den tiefverstummenden Thälern.
Jene flohen zurück. Bald sandte der König der Krieger
Scharen herbei mit dem Hauptmann, ihm den Helias zu fahen;
Dennoch wagten sie nicht dem hochbegnadigten Seher
Nah’ in die Augen zu schau’n. Sie riefen hinauf aus dem Thalgrund:
„Gottes Prophete, der König gebeut, schnell komme herunter!“
„Bin ich Gottes Prophet,“ sprach jener, „so fahre der Blitzstrahl
Aus den Wolken herab, und vernicht’ euch, schändliche Söldner!“
Plötzlich zerriß das Gewölk; die weitverbreitete Flamme
Zischte herab; kein Donner rollt’, und siehe, die Krieger
Lagen, entseelt, in dem Staub! So höhnte die folgende Kriegsschar
Gottes Propheten. Auch sie verzehrte die schreckliche Flamme.
Aber der Führer der dritten kam; er sank vor Helias
Nieder, und sprach mit Thränen im Blick: „Verschone mein Leben,
Und das Leben des Volk’s, Prophet des Ewigen, folg’ uns!“
„Folg’ ihm beherzt,“ so rief, unsichtbar, leis’ in das Ohr ihm
Sein unsterblicher Freund. Er folgte den Scharen zum König:
Stand mit strafendem Blick’ an dem Lager des Kranken, und sagte:
„Also spricht Jehova zu dir: Nicht hast du mit Ehrfurcht
Dich gewendet zu ihm, dem Ewigen, sondern vom Götzen
Baal-Sebub, dem Fliegengott’ im Gefilde von Ekron,
Hülfe gehofft; d’rum wirst du nicht mehr verlassen das Lager:
Denn dich ereilet der Tod. Den Abgöttern dien’ es zur Warnung!“
Und Ahasja starb alsbald, wie ihm drohte der Seher.
Aber in Westen sank die wolkenumhüllete Sonne
Tiefer hinab, und sah nur zuweilen mit röthlichem Antlitz
Durch den finsteren Qualm, der, donnerschwer in den Lüften
Gohr. Verstummend ging nach des Jordans schimmernden Fluthen
Mit Elisa Helias hinab. Schon nahte der Zeitraum,
Wo er, der Erd’ entrückt, im Sturm und Donnergewitter
Scheiden sollte von ihm. Dem treuergebenen Schüler
Wollte der mildgesinnete Greis ersparen der Trennung
Bittere Qual. Er stand, hinsinnend, und sagte dann eilig:
„Kehre nach Bethel zurück, zu besuchen die Schulen der Jugend,
Die zu Lehrern des Volk’s erlesene Männer erziehen:
Denn, Jehova gebeut — g’en Jericho muß ich mich wenden.“
Jener begann: „So wahr Jehova der einige Gott ist,
Will ich von dir nicht weichen, o Greis!“ Da liefen aus Bethel
Ihnen die Jünglinge nach, und seitwärts führend Elisa,
Fragten sie ihn: „Weißt du, daß Jehova noch heute Helias,
Deinen Herrn und Meister, von uns und der Erde hinwegnimmt?“
„Ja,“ sprach er, „ich weiß es; doch schweigt!“ und eilte von neuem
Hinter Helias einher. Vor Jericho sagte der Greis ihm:
„Bleibe du hier — mich ruft Jehova’s Geboth an des Jordans
Rauschende Fluthen hinab.“ Sogleich entgegnete jener:
„Bei dem lebendigen Gott, mein Herr, ich weiche von dir nicht!“
Jünglinge standen am Weg’, und fragten, und hörten die Antwort,
Jenen gleich, die heut’ an Elisa sich drängten vor Bethel.
Doch an der Zahl wohl fünfzig, folgten den Beiden zum Jordan,
Schweigend, nach, und erklommen voll Hast dort einen der Hügel,
Der sein grünendes Haupt hoch über die Fluthen emporhebt:
Zeugen zu seyn, wie Gott den erhabnen Propheten hinwegnahm.
Jetzo stand am Gestad des lautaufrauschenden Stromes
Er mit dem Schüler still, und sah mit flehenden Blicken
Himmelempor. Dann rollt’ er den Mantel zusammen, und legt’ ihn
Nieder; schlug in den Strom — o Wunder: da theilten die Fluthen
Links und rechts sich entzwei; gleich festgefügten Mauern
Starrten die grünlichen Wände des Stroms, und, trockenen Fußes,
Wanderten Beide hinab in’s tiefgehöhlete Flußbett,
Und dann jenseits wieder hinauf zum ragenden Ufer.
Hinter dem eilenden Fuß der Wanderer stürzten die Fluthen
Wieder zusammen. So, wie segelnde Nebel des Morgens,
Weitgetrennet von Windeshauch, die Tiefe des Himmels
Zeigen im dunkleren Blau; dann schnell vom brausenden Sturmwind
Wieder vereint, fortzieh’n an dem weitumkreisenden Erdball:
Also stürzten auch hier die Fluthen zusammen, und eilten
Rastlos fort in des ewigen Meer’s verschlingende Tiefen.
Glühend, leuchtete durch das Gewölk die sinkende Sonne;
Hohl her brüllte der Sturm, und, empörend ringsum die Fluren,
Peitscht’ er die Fluth, die blutigroth aufschäumt’, und die Wogen,
Wirbelnd, von einem zum andern Gestad fortschleuderte grimmvoll.
Feurige Blitze zischten umher, und der furchtbare Donner
Rollete nah’ und fern’. Im Aufruhr gohr noch die Schöpfung,
Als der erhabene Greis am östlichen Ufer des Jordans
Bethend, stand. Doch über ihm, hoch in den Lüften, erglänzte,
Nun das dunkle Gewölk’, und der dumpfummurrende Donner
Scholl dort hell, mit ehernem Laut, wie in nächtlichen Stunden
Schallt der Stämme Gekrach, die ein Sturm hinstreckt in dem Waldthal.
Jetzt ergriff er die Hand des theuern Gefährten, und rief ihm,
Schneller athmend vor Hast und Erschütterung, also zum Abschied:
„Segen mit dir, Elisa, mein Sohn! Du wandeltest redlich
Vor den Augen des Herrn. Ermüde nicht, muthig zu kämpfen,
Und zu streiten für ihn — zu verbreiten des einigen Gottes
Heiligen Dienst. Lebt dir ein Wunsch noch im Herzen, so künd’ ihn
Schnell und offen mir an. Gott ruft. Wir sehen uns wieder!“
Jener begann: „In dir, du herrlicher, wohnte Jehova’s
Mächtiger Geist: o würd’ er in doppeltem Maße doch jetzo
Mir Verlass’nem, zu Theil, daß ich kämpfte für ihn, wie Helias!“
„Wahrlich, du forderst viel,“ entgegnete jener, „so höre:
Wirst du mich seh’n, da ich scheide von hier, dann soll es geschehen!“
Jetzt erbraus’te der Sturm, und wirbelte hoch in den Luftraum
Staub vom Gefild’ umher. Des schwarzumnachteten Himmels
Thor flog auf, ein Blitz — wohl tausend Blitze mit einmal,
Tausend Donnern vereint, herstürzten im prasselnden Eilflug:
Faßten, und hoben Elias vor ihm, wie im feurigen Wagen
Durch gluthschnaubende Ross’, empor. Da sah ihn Elisa,
Jauchzenden Rufes, und lief, und schrie: „Helias, mein Vater,
Israels Heer’smacht, du uns entrückt? Der Blitz und der Sturmwind
Sind dir Wagen und Ross’. O Preis dem Lenker Jehova!“
Sagt’ es, und eilte zurück. Da sah er den Mantel Helias
Liegen im Staub’. Er nahm, und küßt’ ihn mit heiliger Ehrfurcht;
Schlug in den wogenden Strom, und, sieh’, dem erkor’nen Propheten
Wich gehorsam die Fluth, daß er trockenen Fußes hinüber
Wanderte! Dort umringten ihn jetzt die Jünglinge, jauchzend,
Weinend vor Freud’ und Schmerz: weil Jehova den Frommen, verherrlicht,
Auf in die ewigen Wohnungen nahm. Elisa begann so:
„Preiset Jehova, den Herrn, in lauten Jubelgesängen;
Ihn mit des Wortes geflügeltem Laut — mit des pochenden Herzens
Heißem, innigem Dank! Barmherzig, und gnädig, und gütig
Ist Jehova. Sein mächtiger Arm erhöhet den Schwachen;
Wirft den Stolzen in Staub. Wie die liebende Mutter des Säuglings
Sich erbarmt, und ihn pflegt mit Liebe: so hat sich Jehova
Seines Volkes erbarmt: verzieh’n Verblendung und Undank.
Habt ihr geseh’n, wie furchtbar groß und erhaben der Herr ist?
Rief dem flammenden Blitz’ und dem brausenden Sturm, und, gehorsam
Seinem Ruf’, entrückten sie schnell den hohen Propheten
Hier mit erschütternder Macht dem armen Leben hienieden.
Mögen die Flammen, die ihr geseh’n, euch mahnen auf immer
An die Liebe des Herrn. Die irdische wird in des Menschen
Brust ein Feuer, verzehrenden Grimms, und, ähnlich des Samums[14]
Glühendem Hauch versengt sie den Keim all’ ewigen Glückes.
Aber der göttlichen Lieb’ uns milderwärmender Lichtstrahl,
Läutert von Schlacken das Herz; verscheucht die finsteren Schatten
Völlig aus ihm, und erhellt es mit nievergehender Klarheit.
Einst, o seliger Tag, wird Gott die läuternden Flammen
Senden vom Himmel herab, gleich feurigen Zungen gestaltet,
Auf sein neues Geschlecht, das er, von Anbeginn liebend,
Sich erkor! Das Alte vergeht, und alles erneut sich
Hier in dem heiligen Reich’ der allerbarmenden Lieb’ einst!“