I.

Ich werde niemals den Eindruck vergessen, als ich nach der langen Krankheit, die mir das Bewußtsein geraubt hatte, gegen Ende jener entsetzlichen Reise durch die luft- und wasserlose Mondwüste die Augen wieder öffnete. Heute, wo ich das Niederschreiben unserer Erlebnisse auf diesem Globus wieder aufnehmen will, steht mir dieser Augenblick so lebhaft in der Erinnerung, als wenn kaum einige Stunden seitdem verflossen wären. Und dennoch, wenn ich die Mondtage zähle, sehe ich, daß auf der Erde bereits das elfte Jahr seit jener Zeit, da wir auf die Mondoberfläche gefallen sind, vorübergegangen ist und zehn Jahre, seit wir den Wagen verließen, in dem wir fast ein halbes Jahr eingeschlossen waren. Jetzt atmen wir längst wieder mit voller Brust, unter freiem Himmel, genau so wie auf der Erde, am Strande eines wirklichen Meeres, und blicken auf Wälder von Pflanzen, die uns seltsam und fremd erscheinen, aber ebenfalls grün und voll von eigenem Leben sind. Hundertvierunddreißigmal hat die Sonne vor unseren Augen diese Welt, an die wir uns fast schon gewöhnt haben, umkreist. Unser Haar beginnt zu ergrauen, und neben uns wächst das neue Geschlecht heran, ein Geschlecht von Menschen, die die Geschichte ihrer Vorväter, wie diese einst von der Erde hierhergelangten, von jenem fernen Stern, der in der Gestalt einer mächtigen leuchtenden Kugel vor ihnen am Horizont emporsteigen wird, wenn sie zu den Grenzen der luftlosen Wüste vordringen sollten, für eine Mythe halten werden. Ihnen wird dieses Himmelslicht eine selten gesehene, interessante Erscheinung am Himmelsdome sein, für uns ist es die Mutter, die wir für immer verlassen und verloren haben. Aber den einzigen und stärksten Faden, der uns noch mit ihr verbindet, konnten wir nicht zerreißen — die bis zum letzten Atemzuge in uns lebende Sehnsucht.

Es werden noch einige zehn oder mehr Mondtage vorübergehen, und wir werden alle sterben, die wir auf der Erde geboren sind. Das neue Geschlecht wird mein Tagebuch lesen und es wahrscheinlich lange Zeit hindurch für ein heiliges Buch halten, Exodus, bis hier ein „Kritiker“ erscheint und unzweifelhaft nachweist, daß die Überlieferung von der Erdenherkunft des Menschen nur eine Phantasie grauer Zeiten ist.

Ich denke daran wie an eine ganz natürliche Sache; erscheint mir doch schon vieles von dem, was ich selbst erlebt habe, nur noch wie ein phantastischer Traum. Vor allem hat die Krankheit, während der ich einen ganzen Mondtag hindurch ohne Bewußtsein daniederlag, in meinem Leben eine seltsame Unterbrechung geschaffen, so daß es mir zuerst schwer wurde, das, was vorher geschehen ist, mit dem zu verbinden, was ich sah und erlebte, als ich wieder zu mir kam, die Wirklichkeit von den Fieberträumen zu unterscheiden. Aber wahrhaftig, mein Erwachen war überaus seltsam.

Ich öffnete die Augen und konnte absolut nicht verstehen, wo ich mich befand. Mich umsehend, gewahrte ich eine weit ausgedehnte Wiese, von Hügeln umgeben, die mit frischem üppigem Grün bedeckt waren. Und alles von einem eigenartigen Halblicht überflutet, den Dämmerungen auf der Erde ähnlich, wenn sich die Sonne am Horizont erhebt. Nur die kahlen Gipfel der hohen Berge glühten in vollem roten Lichte. Über ihnen wölbte sich der blaßblaue Himmel, mit einem leichten Nebelschleier überzogen. Ich schaute und schaute und konnte noch immer nichts begreifen. Da erblickte ich auf der Wiese zwei Menschen, die langsam gingen und sich jeden Augenblick bückten, als wenn sie etwas suchen wollten. Um sie herum sprangen zwei Hunde, fröhlich bellend.

Ich glaubte zuerst, daß ich auf der Erde sei, in irgendeiner unbekannten Gegend, und ich dachte nach, wie ich wohl hierher gekommen, als ich mich plötzlich unserer Mondexpedition erinnerte und der langen Fahrt in dem geschlossenen Wagen durch die Mondwüsten. Ich blickte noch einmal rings umher, soweit ich dies tun konnte, ohne den Kopf zu erheben, der schwer war, als wenn er mit Blei angefüllt wäre. Wo ist der Wagen geblieben, wo sind diese grotesken Landschaften, die ich durch seine Fenster gesehen habe? Ich wollte die Menschen rufen, die sich in der Nähe befanden, aber plötzlich überfiel mich eine so starke Ermattung, daß ich keinen Laut hervorbringen konnte. Im übrigen begann ich anzunehmen, daß alle diese unerhörten Erlebnisse nur ein Traum waren. Ich sollte eine Expedition auf den Mond mitmachen und bin irgendwo auf einer Wiese eingeschlafen, wer weiß, wie lange ich schon geschlafen habe. Und es träumte mir nur, daß ich wirklich dorthin gelangte, daß ich mit furchtbaren Schwierigkeiten kämpfte, Kameraden verlor, dem Tode ausgesetzt war ... Das eine ist nur merkwürdig, daß ich diese Gegend nicht kenne.

Eine unklare Erinnerung an eine schwere, überstandene Krankheit tauchte in meinem Gedächtnis auf. Ja, wahrscheinlich hatte ich Fieber, und in Fieberträumen wandelte ich auf dem Mond. Ah, wie gut, daß diese Phantasiegespinste vorüber sind. Ich fühlte eine wahre Erleichterung bei dem Gedanken, daß das alles nur ein Traum war, daß ich mich auf der Erde befinde und niemals gezwungen sein werde, sie zu verlassen. Es überkam mich ein wohliges, glückseliges Gefühl, nach einer Weile empfand ich, daß ich abermals zu träumen beginne.

Als ich zum zweitenmal erwachte, bemerkte ich, daß über mein Lager gebeugt zwei Menschen standen, die vorher gesehenen Gestalten, und halblaut miteinander sprachen. Ich glaubte den leisen Ausruf zu hören: er schläft, worauf die zweite Stimme antwortete: er wird leben. Das wunderte mich sehr, aber ich wollte sie nicht merken lassen, daß ich wach war und nur unbeweglich dalag und begann sie unter den halb geschlossenen Lidern aufmerksam zu beobachten. Obwohl ich, wie es mir schien, ziemlich lange geschlafen, hatte sich die Beleuchtung der Gegend nicht geändert; es war mir daher schwer, in dem unsicheren Scheine die über mich geneigten Gesichter zu erkennen. Nach einiger Zeit, als meine Augen sich an dieses schwache Licht gewöhnt hatten, schienen mir diese Menschen bekannt zu sein, ich konnte mich nur nicht auf ihre Namen besinnen. Langsam wandte ich meinen Blick von ihnen zu den Bergen, die an der Grenze des Horizontes sichtbar waren und deren Gipfel immer gleich beleuchtet blieben, obwohl, wie ich bemerkte, der Schein von einer anderen Seite auf sie fiel.

In diesem Augenblick sah ich etwas, das meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Über der tiefen Einsattelung, zwischen zwei hohen Bergen, stand ein mächtiger grauweißer Reifen, zur Hälfte aus dem Horizont geneigt. Ich starrte ihn lange an, bis mir alles klar wurde: das war die Erde — dort, am Himmel leuchtend!

Das Bewußtsein, daß ich mich tatsächlich auf dem Mond befinde, kehrte in seiner ganzen Klarheit zurück und durchlief mich wie ein eisiger Schauer. Ich stieß einen Schrei aus und sprang vom Lager auf. Peter und Martha — sie waren es, die ich vor einer Weile über mich gebeugt gesehen hatte — kamen mit lebhafter Freude herbei, aber ich fühlte nur einen Schwindel und verlor abermals die Besinnung.

Das war die letzte Ohnmacht im Verlauf meiner langen Krankheit; ich begann langsam gesund zu werden, obwohl noch über hundert Stunden verflossen, ehe ich es vermochte, mich zu erheben und allein wieder gehen zu können. Peter und Martha pflegten mich mit geradezu rührender Fürsorge, und ich, noch zu schwach, um zu fragen und zu sprechen, dachte nur darüber nach, was um mich vorging, und was sich alles zugetragen hatte. Ich wußte nun, daß wir während meiner Krankheit das so ersehnte Land, wo es Luft und Pflanzen gab, erreichten, aber daß dies auf ganz natürliche Weise geschehen sei, konnte ich mir noch lange Zeit hindurch nicht klar machen. Es fiel mir nämlich schwer, daran zu glauben, daß ich einen vollen Erdenmonat bewußtlos gelegen, und der Wagen, sich indessen immer nach Norden bewegend, endlich zum Pole gelangte, der noch einige hundert Kilometer von uns entfernt war, als mich das Fieber aufs Lager geworfen hatte.

Wir befanden uns also auf dem Nordpol des Mondes. Ein seltsames Land! Ein Land, zugleich des ewigen Lichtes und der Dämmerung, wo es keine Himmelsrichtungen gibt, weder Osten noch Westen, nicht Süden, nicht Norden. Die Mondachse steht fast senkrecht zur Erdbahn, daher sinkt die Sonne hier nicht unter den Horizont, noch erhebt sie sich am Himmel, sondern scheint sich nur in alle Ewigkeit am Horizont hinzuschleppen. Besteigt man einen Berg, deren es mehrere in der Nähe gibt, erscheint diese Sonne wie eine rote feurige Kugel, die sich träge direkt am Horizont bewegt. Die Gipfel der Berge leuchten ewig im rosigen Lichte, das stets von einer anderen Seite auf sie fällt; seitdem die Welt besteht, gibt es für diese Berge keine Nacht. Aber dafür haben die grünen Täler zu ihren Füßen niemals die Sonne gesehen. Sie liegen im Schatten dieser Berge, in immer gleicher, zarter Dämmerung. Ihr frisches dunkles Grün sieht nur den Abglanz der kahlen, von der Sonne geröteten Gipfel, die einem mächtigen Kranze blasser Rosen ähnlich sind. Nur selten, während einiger Erdenmonate, blitzt die Sonne, infolge der Libration des Mondes etwas über dem Horizont erhoben, in irgendeinem tiefen Felsenspalt mit einem flammend roten Antlitz auf und steht so einen Augenblick im Tor der Berge, wie ein in gleißendes Gold gehüllter Cherub. Dann ergießt sich ein mächtiger Lichtstrom durch die Klamm, fällt in Kaskaden von den Felsen herab und malt auf der dämmerigen Wiese einen breiten goldroten Streifen. Einige Stunden gehen vorüber, die Sonne versteckt sich hinter den Bergen, und wiederum überflutet ein sanftes Dämmern das stille Tal. Manchmal nur wird diese Dämmerung von der der Sonne entgegengesetzten Seite her durch ein seltsames, schwaches, einem breiten, schillernden Regenbogen ähnlichen Leuchten unterbrochen — das ist die Morgenröte auf dem Mondpol. Sie verhält sich zu derjenigen auf der Erde wie ein Traum zur Wirklichkeit; wie ein Traum, der schön und rein und traurig ist.

Es liegt etwas Geheimnisvolles in diesem schwachen Licht der Polarländer des Mondes. Ich erinnere mich, daß ich bei ihrem Anblick die Empfindung hatte, als wenn ich mich im Traume auf einem elysäischen Zaubergefilde befände. Leichte Nebelschleier irren dort wie Geister über die Erde; kein Laut unterbricht die tiefe, unheimliche Stille. Ein immerwährender, herrlicher, wenn auch kühler Frühling herrscht in diesem Lande, das wir schon über ein halbes Jahr bewohnen und während dieser Zeit hat sich der blaßblaue Himmel nur einmal mit Wolken überzogen. Es regnet fast niemals und infolgedessen gibt es auch kein Wasser, keine Quellen, keine Bäche. Die Luft ist jedoch so mit Wasserdampf angefüllt, daß diese Feuchtigkeit für die Entwicklung der Pflanzen vollständig genügt. Unsere Gräser, Bäume und Blumen würden hier wahrscheinlich vertrocknen, aber diese Länder am Mondpol haben eine besondere, den Verhältnissen angepaßte Flora ...

Die hiesigen Wiesen bestehen aus saftigen Pflanzen, die dem Moose auf der Erde ähnlich sind und wie jenes die Eigenschaft haben, die Feuchtigkeit der Luft aufzusaugen, nur in weit erhöhtem Maße. Sie nehmen so viel Wasser in sich auf, daß wir durch Ausdrücken der Pflanzen die zum Leben nötige Quantität dieser Flüssigkeit erhalten. Das Getränk gewinnen wir also auf bequeme Weise, aber mit dem Essen ist es schon schwieriger. Wir fanden zwar einige Gattungen saftiger, dafür verwendbarer Pflanzen und eine reichliche Anzahl eigenartiger Lebewesen, die großen Schnecken ohne Schalen ähneln, doch hatten wir nichts, uns eine Nahrung daraus zu bereiten. Unser von der Erde mitgenommener Vorrat an Brennmaterial war bald erschöpft und in der ganzen weiten Gegend nichts zu sehen, womit wir es hätten ersetzen können. Sogar die dickeren, verholzten Moosstengel waren so mit Feuchtigkeit gesättigt, daß wir sie unmöglich zum Feuermachen verwenden konnten und an ihr Austrocknen in dieser Dampfbad-Atmosphäre war gar nicht zu denken. Der Torf, den wir in großen Mengen vorfanden, triefte ebenfalls von Wasser, wenn man ihn nur in der Hand zusammendrückte.

Ich war schon kräftiger und konnte das in aller Eile hergestellte Zelt verlassen, um auf der Ebene spazieren zu gehen, als wir durch diesen vollständigen Mangel an Brennmaterial bedroht wurden. Wir pflogen diesbezüglich große Beratungen und machten verschiedene vergebliche Versuche zur Abhilfe. Peter kam mit dem Vorschlag, man solle die stärkeren, zerspaltenen Zweige und den ausgepreßten Torf auf die Berge tragen, da er hoffte, daß sie dort in der Sonne leichter trocknen würden, wie in diesem immer gleich dämmerigen Tale. Aber auch auf den Höhen war die Wärme der Sonnenstrahlen zu schwach. Nach kurzer Zeit nahm der ausgepreßte Torf durch die Dämpfe der Luft von neuem so viel Feuchtigkeit auf, daß die Arbeit sich als vergeblich erwies.

Wir opferten also alles, was wir von den mitgebrachten Holzgegenständen irgend entbehren konnten und schürten damit ein letztes großes Feuer an, um das in der Gegend gesammelte Brennmaterial auszutrocknen. Wäre uns das gelungen, konnten wir ein stetes Feuer unterhalten, das immer mit neuem, durch sich selbst ausgetrockneten Brennmaterial versorgt wurde. Aber diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Wir erhielten, nachdem wir alles verbrannt hatten, kaum eine kleine Handvoll trockener Äste und Torf. Es zeigte sich, daß zum Austrocknen einer gewissen Menge von Brennmaterial das Dreifache nötig gewesen wäre. Unser „ewiges Feuer“ erlosch nach einigen Stunden ... Wir hatten nur den Vorteil davon, daß wir die Maschine in Bewegung setzten, die die Akkumulatoren des Wagens lud.

So hieß es also ohne Feuer auszukommen! Die von Wasserdampf durchtränkte, immer gleichmäßig temperierte Luft bewahrte aufs glänzendste die spärliche Sonnenwärme, so daß uns die Kühle nichts anhaben konnte. Doch fiel es uns sehr schwer uns an die Rohkost zu gewöhnen. Die Reste der Vorräte an künstlichen, für die Verdauung entsprechend zubereiteten Eiweiß- und Zuckerpräparaten hoben wir für den Fall, bei der weiten Reise in eine Gegend zu kommen, die uns gar keine Nahrung liefern sollte, sorgfältig auf. Wir ließen nämlich die Absicht niemals fallen, noch weiter nach der Mitte der von der Erde abgekehrten Halbkugel des Mondes vorzudringen. Jedoch hielten uns drei Gründe von der Ausführung dieses Planes zurück: vor allem war ich nach der überstandenen Krankheit noch zu schwach, um die Beschwerden der Reise ertragen zu können, und auch Martha, die in Kürze der Geburt des Kindes entgegensah, durfte sich keinen Gefahren aussetzen. Schließlich gesellte sich noch, infolge des Mangels an Brennmaterial, die Angst vor den langen, kalten Nächten hinzu, die über uns hereinbrechen würden, sobald wir uns nur von dem Pol, dem Land des ewig gleichmäßig fahlen Lichtes, entfernten.

Trotz aller Entbehrungen und Befürchtungen sind die auf dem Pol verbrachten Monate die einzigen schönen Erinnerungen meines Lebens auf dem Monde. Das Zelt, das wir von der Erde mitnahmen, stellten wir genau am Polpunkt auf, so daß wir die Konstellation des Drachen, wo der Polarstern des Mondes leuchtet, direkt über uns hatten. Diesen Stern, der uns lange als Wegweiser diente, sahen wir nur einmal, während der Sonnenfinsternis, am Zenit, als wir die weitere Reise antreten wollten. Die Sterne, die auf der luftlosen Wüste Tag und Nacht sichtbar sind, zeigen sich hier niemals, ausgenommen wenn die Sonne hinter der Erdscheibe untergeht und diese Länder der ewigen Dämmerung in kurze Nacht versinken.

Das Zelt benützten wir nur noch zum Schlafen. Unsere Hauptzeit verbrachten wir unter freiem Himmel und berauschten uns an der Landschaft, die, obwohl sie uns schon vertraut geworden, ihren eigenartig ergreifenden Reiz nicht für uns verloren hat. Alles ist so seltsam harmonisch auf einen gleichmäßig ruhigen Ton gestimmt: grüne und rosige Berge unter blauem Himmel und diese frische, kühle, mit dem balsamischen Duft der Pflanzen durchtränkte Luft! In unsere Seelen zog ein tiefer Frieden ein ... Warme Herzlichkeit herrschte in unserm kleinen Kreise. Alle Kränkungen, Leidenschaften, Bitterkeiten und Mißverständnisse lagen weit hinter uns, wie jene furchtbaren Wüsten, die wir durcheilen mußten und die uns noch in der Erinnerung mit Schaudern erfüllten.

Die Zeit floß unmerklich dahin, während wir uns ganze Stunden lang von der Erde unterhielten, deren Segment sich nur noch manchmal zur Zeit des Vollseins in Gestalt einer grauweißen Wolke über dem Horizont zeigte; dann von den teuren Kameraden, die in den stillen Gräbern der Wüsten schliefen, dann wiederum von der unbekannten Zukunft, die unserer wartete. Wir sprachen von dem Kinde, das zur Welt kommen sollte, von Ländern, die wir sehen würden, von allem, mit Ausnahme einer einzigen Sache ... Wir berührten niemals wieder die Frage, wem von uns nun in Zukunft Martha gehören solle. Es klingt seltsam, aber ich glaube wirklich, daß wir in jener Zeit nicht einmal daran dachten. Wenigstens dachte ich nicht daran. Heute, nach Jahren, kann ich es mir eingestehen ... ich liebte diese Frau, ich liebte sie mehr, als ich es heute auszudrücken fähig bin, aber diese Liebe war seltsam ...

Wenn ich sie ansah, ihr liebliches, so schmal gewordenes Gesicht, das immer ein träumerisches Lächeln umspielte, ihre zarten weißen Hände, die stets mit irgendeiner Arbeit beschäftigt waren, schien sie mir jener Martha, die ich einst kannte, so unähnlich zu sein, und ich fühlte eine ganze Welt von Zärtlichkeit für dieses so sanfte, gute und bedauernswerte Wesen. Wie gern hätte ich oftmals mit der Hand ihr Haar berührt und ihr gesagt, daß ich bereit sei, alles für sie zu tun und zu opfern, auf alle eigenen Wünsche zu verzichten, damit nur sie ein wenig glücklich wäre — aus Dankbarkeit, daß ich sie sehen darf.

Auf der Erde würde man über eine solche Liebe lachen; wenn ich heute daran zurückdenke, bin ich nur unsagbar traurig, denn ich weiß, daß ich nichts für sie zu tun vermochte, obwohl ich das größte Opfer gebracht habe, das ein Mensch zu bringen imstande ist.

Und sicherlich, wenn ich lebe, so habe ich es nur ihr zu verdanken. Als mich damals das Fieber befiel, hat mir nur ihre Pflege die Gesundheit wiedergegeben, und auch heute hält mich allein der Gedanke an sie aufrecht. Dieser Gedanke ist schmerzvoll, aber dort auf dem Pol ahnte ich noch nicht, wie sich alles gestalten würde, und daher sagte ich mit Recht, daß das die glücklichste Zeit meines Lebens auf dem Monde war. Ich hatte Martha stets um mich. Während meiner Krankheit wachte sie über mir; als ich wieder gesund war, machten wir zusammen Ausflüge in das Tal und suchten Schnecken zu Mittag oder sammelten duftende Kräuter, mit denen sie dann das Innere des Zeltes schmückte.

Als ich wieder zu Kräften gekommen war, erkletterte ich mit Peter die Berge, um die Sonne zu sehen und den mächtigen blassen Reifen der Erde am Horizont, und mit neugierigem Auge auf unbekannte und geheimnisvolle Länder zu schauen, die noch kein menschlicher Blick erreichte, und zu denen wir vordringen wollten. Martha blieb dann im Zelte zurück; sie durfte sich um diese Zeit derartige Anstrengungen nicht mehr zumuten.

Bei einem solchen Ausfluge zeigte mir Peter vom Berge aus den Weg, auf dem wir in dieses Tal gekommen waren, und erzählte mir von all den Schwierigkeiten, mit denen er in diesem bergigen Lande zu kämpfen hatte, in eine undurchdringliche Nacht gehüllt, mit mir, dem schwer Kranken, und mit Martha, die noch von dem Schmerze über den Verlust des Geliebten halb von Sinnen war.

— Ich mußte alles allein machen, sagte er, und es gab Stunden, wo mich die Verzweiflung packte. Einige Male verlor ich den Weg in den Felsen oder mußte zurückfahren, weil ich in eine Klamm ohne Ausgang geraten war. Oft dachte ich, daß wir nicht lebend ans Ziel kämen. In solchen Momenten erfüllte mich der Anblick des Barometers, der sich stetig hob, mit neuer Zuversicht. Aber einer sicheren Hoffnung gab ich erst Raum, nachdem wir die Ebene hinter dem Gioja erreicht hatten. Die Astronomen der Erde ahnten, als sie jenen Berg mit diesem Namen belegten, gewiß nicht, daß er für uns eine wörtliche Bedeutung haben würde, daß uns nach den unermeßlichen Mühen und Qualen hier tatsächlich endlich die Freude lächeln sollte ...

Die Nacht hatte sich hier schon erhellt. Wir waren dem Pol so nahe, daß das in der ziemlich dichten Atmosphäre zerstreute Licht der Sonne, die nicht tief unter dem Horizont verborgen lag, eine Art grauer Dämmerung hervorbrachte, bei der man die Gegenstände unterscheiden konnte. Dort wagte ich es auch zum erstenmal, den Wagen ohne Luftbehälter zu verlassen. Im selben Augenblick befiel mich ein Schwindel; die Atmosphäre war noch dünn, und ich mußte kräftig mit der Brust arbeiten, um atmen zu können; aber ich werde niemals das Gefühl vergessen, als ich zum ersten Male Mondluft schöpfte.

Er erzählte mir dann weiter, welche ungeheuren Mühen er beim Durchdringen der letzten Gebirgskette bestehen mußte, die die Ebene unter dem Gioja vom Polarlande trennte. Auf die Hilfe Marthas konnte er nicht rechnen, vor allem weil ich, zwischen Leben und Tod schwebend, unaufhörlich ihrer Pflege bedurfte; er mußte daher bei dem schwachen Lichte den Wagen allein auf dem steilen Abhang führen, der mit verwitterten Steinen übersät war.

Ungefähr achtzig Stunden nach Mitternacht war er auf der Einsattelung angelangt. Von dort aus sah er das Polarland schon vor sich liegen.

— Es schien mir, sagte er, daß ich die „versprochene Erde“ sehe; vor meinen Blicken, die nur noch an wilde Felsen und Wüsten gewöhnt waren, breitete sich diese mächtige grüne Ebene aus ... Die Freude hielt mir fast den Atem in der Brust zurück, und Tränen stürzten mir aus den Augen. Durch Freudentränen schaute ich auf die dämmerigen Wiesen und auf die rote Sonne, die von meiner Höhe aus über ihnen sichtbar war, obwohl noch sehr viel an der Zeit fehlte, bis sie auf diesem Meridian aufgehen mußte.

Als er das sagte, wandten wir uns unwillkürlich der Sonne zu. Sie stand am Horizont in der Himmelsrichtung, die für uns bis jetzt Norden war und von nun ab Süden werden sollte. Auf der der Erde abgekehrten Halbkugel des Mondes war es Tag.

Da packte mich zum erstenmal der unbezwingliche Wunsch, diese geheimnisvollen Länder, über denen gerade die Sonne stand, kennen zu lernen. Nach unserer Rückkehr von dem Berge dachte ich nur noch daran und begann im Zelte sogleich die Pläne der weiteren Fahrt zurechtzulegen.

Peter war ebenfalls der Meinung, daß man nach Süden, zur Mitte der unbekannten Halbkugel vordringen müsse.

— Hier haben wir es gut, sagte er, und wir könnten hier schließlich das ganze Leben verbringen, aber leben könnten wir noch ruhiger auf der Erde. Wir sind auf den Mond gekommen, um seine Geheimnisse zu erforschen!

So wurde also die neue Expedition im Prinzip beschlossen. Im Augenblick hielt uns nur die Rücksicht auf Martha zurück. Auf den Zeitpunkt wartend, da es möglich sein würde, die Reise fortzusetzen, trafen wir unsere Vorbereitungen und sammelten Vorräte.

Vor allem haben wir den Wagen genau geprüft und Veränderungen vorgenommen. Es hätte keinen Zweck gehabt, eine so schwere Maschine mit uns zu führen. Wir wollten zunächst seine obere Hälfte abnehmen, wodurch er einem tiefen Boote auf Rädern ähnlich geworden wäre. Aber der Gedanke, daß wir in Gegenden mit kalten Nächten geraten könnten, wo uns der dicht geschlossene und geheizte Wagen unentbehrlich sein würde, hielt uns davon zurück. Wir entfernten infolgedessen nur den ganzen hinteren Teil, der sich abschrauben ließ und bis dahin unsere Magazine enthielt. Zum Verschließen der so entstandenen Öffnung hatten wir eine Aluminiumplatte, die vorher den Verschluß der Magazine von innen her bildete. Außerdem beseitigten wir alle Metallteile, die zur Verstärkung der Wände dienten und jetzt unnötig waren. Den einst den unglücklichen Brüdern Remogner genommenen Motor haben wir, soweit es ging, ausgebessert und im Wagen aufgestellt, falls der unsrige beschädigt werden sollte.

Alle diese Vorbereitungen wie die Fertigstellung der Nahrungs- und Wasservorräte, die wir mühsam aus dem Moos auspressen mußten, nahmen mehr als drei Monate in Anspruch. Schließlich war alles zur Weiterreise bereit.

Das fünftemal schon stand die Erde seit unsrer Ankunft auf der Polarebene voll am Firmament, als ich, von einem weiteren Ausflug zurückkehrend, im Zelte das Schreien eines Kindes vernahm. Kein Laut ist mir im Leben so zu Herzen gegangen wie dieses schwache Stimmchen! Gehörte es doch jenem winzigen kleinen Wesen, das unsern Kreis zu vergrößern und unsere Einsamkeit freudiger zu gestalten kam. Als ich es hörte, warf ich die Bündel mit dem gesammelten Eßmoos hin und stürzte in das Zelt. Da lag Martha blaß und erschöpft, aber vor Freude strahlend. Sie schien sogar meine Ankunft nicht bemerkt zu haben. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem kleinen Geschöpf, das in weiße Tücher gewickelt war und aus Leibeskräften schrie. Sie drückte es mit wahrer Leidenschaft an sich und flüsterte fortwährend: Mein Tom, mein Tom, mein schöner, lieber Sohn! Dabei lächelte sie glückselig durch ihre Tränen. Neben ihr am Lager schwänzelten beide Hunde und streckten die neugierigen Schnauzen aus, um den ihnen unbekannten kleinen Schreier zu beschnuppern.

Ich sah mich nach Peter um und war erstaunt über seine finstere Miene. Er saß in einer Ecke des Zeltes in tiefes Nachdenken versunken, ohne auf Martha zu achten, aber ich dachte im Augenblick nicht weiter darüber nach. Ich lief zu ihr und wollte ihr sagen, wie ich mich über ihr Kind freue, wie ich sie segne für dieses Geschenk des Lebens, aber ich konnte kein Wort hervorbringen.

Ich ergriff nur ihre zarte, magere Hand und stammelte etwas Unverständliches. Sie blickte mich an, als wenn sie mich jetzt erst bemerkt hätte. Ich empfand ein Stechen im Herzen, denn ihr Blick sagte mir, daß ich ihr so gleichgültig bin, wie nur ein Mensch dem andern sein kann. Eine große Traurigkeit erfaßte mich und sie bemerkte dies scheinbar, denn sie lächelte mir zu, als wenn sie die mir unabsichtlich zugefügte Kränkung wieder gut machen wollte, und sagte, auf das Kind zeigend:

— Sieh, Tomas ist zurückgekehrt, mein Tomas ...

Da verstand ich, daß keiner von uns jemals einen Platz im Herzen dieser Frau einnehmen konnte, denn es wird immer nur diesem Kinde gehören, in dem sie nicht nur ihr eigenes Fleisch und Blut, sondern die Seele des Verstorbenen liebt.

Schweigend machte ich mich an die Zubereitung der Nahrung für Martha. Peter ging mit mir aus dem Zelte.

— Was denkst du von alledem? fragte er mich, als wir draußen waren.

Ich wußte zunächst nicht, was ich antworten sollte.

— Nun ja, Woodbells Sohn ist zur Welt gekommen ... murmelte ich nach einer Weile.

— Ja, ja, Woodbells Sohn, wiederholte Peter und verstummte.

Ich wollte nicht weiter fragen, ich wußte, woran er dachte. Wie aus Furcht das zu berühren, was alle unsere Gedanken beschäftigte, sprachen wir von jetzt ab fast ausschließlich von der bevorstehenden Reise. Martha kam schnell zu Kräften, die Gesundheit des kleinen Tom weckte keine Besorgnisse, so beschlossen wir also, vor dem nächsten ersten Viertel der Erde die Fahrt anzutreten. Das war die beste Zeit, da auf dem mittleren Meridian, der entgegengesetzten Halbkugel des Mondes, dem entlang wir uns dem Äquator zu bewegen wollten, gerade mit dem ersten Viertel der Tag beginnt. Wir würden demnach zwei Erdenwochen hindurch Licht vor uns haben und könnten, falls wir keine günstigen Bedingungen vorfinden sollten, vor Einbruch der Nacht zum Polarland zurückkehren.

Indessen verblaßte zwei Wochen nach Toms Geburt die Erde, und währenddem hatten wir Sonnenfinsternis, die zweite, die wir auf dem Monde sehen sollten.

Der ersten, dort auf der Wüste, während wir, von der Angst vor dem uns drohenden Erstickungstode gefoltert, dahinjagten, hatten wir gar keine Aufmerksamkeit zugewendet. Jetzt wollten wir die Gelegenheit besser wahrnehmen. Wir packten daher die astronomischen Instrumente in einen kleinen, von den Hunden gezogenen Wagen und erstiegen einen Hügel, der dem Pol am nächsten gelegen war, von wo man die Erde und die Sonne sehen konnte.

Das Schauspiel war erhaben, aber die Forschungsversuche blieben resultatlos. Der niedrige Stand der Erde über dem Horizont, bei einer mit Wasserdampf gesättigten Atmosphäre, ließ keine genauen Messungen zu und störte die Beobachtungen derartig, daß wir einige Minuten nach Untergang der Sonne hinter die Erdscheibe die astronomischen Instrumente hinwarfen, um mit bloßem Auge das Zauberspiel des Lichtes am Horizont zu bewundern. Die Erde leuchtete auf dem blutiggoldenen Hintergrunde der Morgenröte in Gestalt eines mächtigen schwarzen Halbkreises, von dem dunkel erglühenden, mit Sternen übersäten Himmel umgeben. Ein Anblick, als wenn am nächtlichen Firmament eine riesige Feuersbrunst flammte oder jenes flackernde Polarlicht, das auf der Erde in der Nähe der Pole glüht, plötzlich hierherversetzt, erstarrt und, sich vor unsern Blicken ins Ungeheure dehnend, erloschen wäre.

Gerade jetzt steht mir die Erinnerung daran so lebhaft vor Augen. Es schien mir damals, als wenn sich mir der verkohlte Leichnam der Erde im Feuer zeigte, es war darin etwas Furchtbares und seltsam Erschütterndes. Heute noch, wenn ich an die Erde denke, erscheint sie mir oft in dieser entsetzlichen schwarzen Gestalt, wie ich sie damals gesehen habe, und dann muß ich meine ganze Vorstellungskraft anstrengen, um sie mir als eine silberne, leuchtende Scheibe zu denken.

Ich konnte diesen über allen Ausdruck erhabenen, aber schmerzlichen Anblick nicht lange ertragen und wandte den Blick zu den Sternen, die ich seit einigen Monaten nicht gesehen hatte. Sie leuchteten alle über mir, scharf glitzernd, wie manchmal bei uns auf der Erde in klaren Winternächten. Ich blickte mit heißem Verlangen auf sie, wie auf gute alte Bekannte; ich suchte mir seit den Kinderjahren bekannte Konstellationen auf und frug sie in Gedanken, was es dort auf meinem heimatlichen Globus, der jetzt wie Schlacken auf einer flammenden Feuersbrunst vor mir lag, wohl Neues zu hören gäbe.

Plötzlich bemerkte ich, daß die Sterne verblaßten; ich rieb mir die Augen, weil ich glaubte, die Tränen, die diese Erinnerung mir entlockte, verschleierten mir den Blick. Aber nein, es war keine Täuschung: die Sterne wurden immer schwächer und schwächer. Auch Peter bemerkte es, und wir beunruhigten uns, da wir für diese Erscheinung keine Erklärung fanden. Die Sterne verschwanden gänzlich, ja sogar die Morgenröte wurde in der Richtung, in der die Sonne hinter der Erde unterging, immer undeutlicher und wie verwischt. Einige Minuten später hüllte uns eine sternenlose Nacht ein; nur in südlicher Richtung war noch ein leichter roter Schein am Himmel zu erkennen. Da plötzlich fühlten wir einen starken Windstoß, etwas in dieser Gegend für uns vollständig Neues. Vor Schreck und Staunen wagten wir nicht, uns von der Stelle zu rühren.

Endlich wich die Finsternis, und die Sonne schaute hinter der Erdkugel hervor. Wir schlossen wenigstens nach dem wiederkehrenden Tage darauf, denn wir konnten trotz der Helligkeit weder die Sonne noch die Gegend erkennen. Alles versank in einem dichten milchweißen Nebelschleier ...

Jetzt erst verstanden wir diesen Vorgang. In dem Polarlande fällt weder Regen noch bilden sich Wolken, weil die Luft immer gleichmäßig erwärmt ist; es fehlt also die Anregung für das Ausscheiden des Wasserdampfes.

Dies gilt sozusagen unter gewöhnlichen Bedingungen, aber heute fiel während der Finsternis plötzlich die Temperatur, wodurch sich der Wind erhob und der Wasserdampf sich in kälterer Luft zu Nebel verdichtete.

Diese natürliche Erklärung der erstaunlichen Erscheinung beruhigte uns zwar, jedoch wurde unsere Lage dadurch nicht besser. Eine empfindliche Kälte schüttelte uns, und in dieser Dämmerung war es unmöglich, den Weg ins Tal zu entdecken, wo das Zelt stand. Dazu quälte mich der Gedanke an Martha. Aber es blieb nichts übrig, wir mußten uns setzen und besseres Licht abwarten ....

Bald begann sich denn auch der Nebel zu heben. In nicht ganz einer halben Stunde öffnete sich der Blick auf das Tal; nur noch die Gipfel höherer Berge waren in Wolken getaucht, die mit jedem Augenblick dichter wurden. Es war ohne Zweifel Regen in Aussicht und wir begannen in größter Eile den Abstieg vom Hügel. Ehe wir jedoch den Weg nur zur Hälfte zurückgelegt hatten, blitzte es über uns auf und fast gleichzeitig sauste mit dem dumpfen Echo eines Donners eine wahre Sündflut auf uns nieder. In einigen Sekunden waren wir vollständig durchnäßt. Durch den niederströmenden dichten Regen konnte man absolut nichts sehen; die Blitze und Donner setzten nicht einen Augenblick aus.

So ging es ungefähr zwei Stunden lang, während deren wir uns, durchkältet und durchnäßt, mit den Hunden unter den Vorsprung eines Felsens, der uns übrigens nur einen sehr schwachen Schutz gewährte, flüchteten. Als der Regen aufhörte, wollten wir sofort den Rückweg antreten, aber kaum hatten wir das schützende Felsdach verlassen, als sich uns ein Anblick darbot, der uns das Blut in den Adern gerinnen ließ. An Stelle der grünen Mulde lag ein breiter See zu unseren Füßen.

Mein erster Gedanke war: Was ist aus Martha und dem Kinde geworden? Die Stelle, wo das Zelt stand, muß überschwemmt sein. Ich stürzte zum See, ohne auf Peter zu achten, der mich zurückhalten wollte. Als ich das Wasser erreicht hatte, versuchte ich, hindurchzuwaten; zunächst war es nicht tief, aber bald ging es mir bis an die Hüften. Einen Augenblick zögerte ich, ob ich weiterwaten oder umkehren sollte, indessen war Peter hinter mir ins Wasser gesprungen, packte mich mit aller Kraft und zwang mich, an das Ufer zurückzukehren.

Meine Situation war fürchterlich. Eine wahnsinnige Angst um Martha trieb mir den Schweiß auf die Stirne, und doch mußte ich Peter recht geben, daß ich mein Leben riskierte, ohne ihr damit zu helfen.

— Wenn Martha die Überschwemmung rechtzeitig bemerkt hat, sagte er, und sich auf dem Hügel in Sicherheit brachte, ist unsere Hilfe augenblicklich nicht nötig; es ist Zeit genug, sie zu suchen, wenn das Wasser gefallen ist. Hat sie indessen die Flucht nicht mehr ergreifen können, so kommen wir, ob jetzt oder in einigen Stunden, auf alle Fälle zu spät.

Er sagte das ganz ruhig, sogar mit einer gewissen Grausamkeit, die mich schaudern machte. Ich sah ihm in die Augen, und ich glaubte den furchtbaren Gedanken darin zu lesen: „Lieber soll sie zugrunde gehen, als jemals dein sein!“ ...

— Ich werde ihr zu Hilfe eilen, trotz alledem! rief ich.

— Geh, antwortete er und setzte sich gleichgültig ans Ufer.

Ich wollte wirklich gehen, aber das war leichter gesagt als getan. Und übrigens — wohin sollte ich gehen? Auf die Mitte dieses Sees? Sie unter dem Wasser suchen?

Ich setzte mich neben Peter, wütend und verzweifelt, und starrte ratlos ins Wasser. Auf seiner Oberfläche schwammen hier und da abgerissene Moosstengel, im übrigen war es ruhig und glatt, von keinem Windstoß getrübt. Ich dachte eben darüber nach, wie in so kurzer Zeit so unendlich viel Wasser aus der Atmosphäre herabfließen konnte und wie lange Stunden vergehen würden, ehe dieses Meer austrocknet und wir die Leichen Marthas und des Kindes finden (ich zweifelte gar nicht mehr daran, daß sie umgekommen waren), als ich plötzlich bemerkte, daß die Moosstengelchen alle ziemlich schnell in einer Richtung flossen, also anscheinend vom Strom getragen wurden, ein Zeichen, daß das Wasser irgendwo einen Ausgang aus der Mulde gefunden hatte. Diese Beobachtung beruhigte mich unendlich, da sie mich hoffen ließ, daß wir auf das Fallen des Wassers nicht allzu lange würden warten müssen. Um mich von der Richtigkeit dieser Annahme zu überzeugen, ging ich das Ufer entlang, den anscheinenden Lauf der Strömung verfolgend.

Nachdem ich einige Kilometer gegangen war, kam ich an eine Art Bach, den ich durchwatete. Ich war von dem Vorhandensein eines Abflusses hinter diesem Bach überzeugt, da ich auf der Oberfläche erhabenere Stellen sah, die aus der Flut wie flache grüne Inselchen hervortauchten.

Dies alles bot einen schönen, äußerst interessanten Anblick, vor allem, daß sich in der glatten Scheibe des Wassers, inmitten der grünen Inseln, die am Ufer gelegenen kahlen Berge, die bereits wieder von der Sonne rosa beleuchtet waren, spiegelten. Aber ich achtete nicht im geringsten auf diese Landschaft, weil mich nur ein einziger Gedanke beschäftigte: Martha. Ich fühlte wohl damals zum erstenmal, wie unendlich teuer mir diese Frau war, und was ich durch ihren Tod verlieren würde ... Ich konnte diesen Gedanken auch gar nicht fassen und obwohl ich keine Ahnung hatte, auf welche Weise sie sich hätte retten können, fühlte ich im tiefsten Herzen den Rest einer unbegreiflichen Hoffnung, daß sie leben müsse und eilte immer schneller vorwärts, als wenn ihre Rettung davon abhinge, daß ich so bald als möglich den Abfluß dieses Wasser erreichte. Aber ich war zu aufgeregt, um logisch denken zu können. Nur eines fühlte ich klar, daß ohne dieses Weib, das nicht mir gehörte und ohne dieses Kind, das ebenfalls nicht mein war, mein Leben wert- und ziellos vor mir lag. Ich schwor in meinem Innern, sie niemals für mich zu verlangen, wenn ich sie dadurch retten könnte ... Wer weiß, ob das Schicksal nicht manchmal die stillen Gelöbnisse des Menschen hört ...

Zwölf Stunden waren schon vergangen seit ich Peter verlassen hatte, als mich ein brausender Fluß am Weitergehen hinderte. Durch eine breite Klamm, die, von uns bis jetzt unbemerkt, ein Tor der Polarmulde gegen die unbekannte Seite der Mondkugel bildete, ergossen sich diese Wassermassen. Ermattet und hungrig setzte ich mich an das Ufer und wußte nicht, was ich nun beginnen sollte.

Die Zwecklosigkeit meines Suchens und Jagens wurde mir jetzt erst klar. Übermüdet streckte ich mich, fast gedanken- und willenlos, auf dem Moose aus, das noch von dem frischgefallenen Wasser triefte und starrte in den Himmel, der sich wieder so ruhig und blaß über mir wölbte wie vor jener verhängnisvollen Sonnenfinsternis.

Da war es mir, als wenn mich jemand beim Vornamen riefe; ich sprang auf und horchte gespannt. Nach einer Weile vernahm ich die Stimme abermals, doch schon deutlicher. Als ich mich umsah, bemerkte ich auf der anderen Seite der zu einem Fluß verwandelten Klamm Martha, die mir von ferne Zeichen gab, mit dem Kinde auf dem Arm. Ein wahrer Freudentaumel erfaßte mich. Ohne auf die Gefahr zu achten, warf ich mich ins Wasser und stand bald neben ihr. Das Übermaß des Glücks erstickte mir die Stimme, ich konnte nur ihre Hände mit Küssen bedecken, was sie mir, selbst stark erschüttert, nicht wehrte.

— Mein Freund, mein guter, teurer Freund, wiederholte sie öfter mit blassen, aber lächelnden Lippen.

Als wir uns beide etwas beruhigt hatten, erzählte sie mir, wie sie während des Unwetters die herannahende Überschwemmung bemerkte und es ihr, als das Wasser schon das Zelt unterspülte, noch gelang mit dem Kinde und den für uns wertvollsten Gegenständen in den Wagen zu flüchten, der in der Nähe stand. Der dichtverschlossene Wagen war nach Beseitigung vieler Teile, die ihn vorher beschwerten, leicht genug, um sich auf der Oberfläche des Wassers zu halten, das durch den kolossalen Regenguß und die sich in Kaskaden von den Bergen herabwälzenden Bäche immer gewaltiger anwuchs. Beim Donnern und Aufleuchten unaufhörlicher Blitze trieb der Wagen auf den Fluten dahin wie einst die Arche Noah, ihr um so ähnlicher, als auch er das menschliche Geschlecht auf diesem Globus vor dem Untergang bewahrte.

Marthas Lage war geradezu entsetzlich. Da sie keine Möglichkeit hatte, ihr improvisiertes Schiff zu steuern, wurde der Wagen wie eine Schale hin und her geworfen. Zu ihrer eigenen Angst gesellte sich noch die Sorge um uns und unser Schicksal. Nachdem der Regenguß endlich nachließ und das Wasser aufhörte zu schwellen, bemerkte Martha, daß der Wagen in einer bestimmten Richtung schwimme. Sie dachte sich, daß ihn der Strom eines abfließenden Wassers mitriß, was ihre Angst noch vergrößerte. Der Wagen konnte auf diese Weise in eine Spalte geschleudert oder in eine entfernte Gegend fortgetrieben werden, wo es uns vielleicht unmöglich gewesen wäre, ihn wieder zu finden.

Sie atmete erst auf, als nach einigen Stunden die Spitzen der Hügel aus dem fallenden Wasser wieder hervortauchten. Alle ihre Anstrengungen jedoch, das Fahrzeug nach einer dieser Spitzen hinzulenken, waren vergeblich. Sie hörte schon das Sausen des Stromes, der durch diese Klamm abfloß, über der ich sie antraf, und war auf das Schlimmste vorbereitet, als durch einen glücklichen Zufall der Wagen plötzlich von einem hervorspringenden Felsen angehalten wurde. Martha benützte mit Geistesgegenwart diesen Augenblick, ein Seil durch das geöffnete Fenster auf die Felsspitze zu werfen und brachte ihr Schifflein auf diese Weise in Sicherheit. Als ich kam, war die Gefahr schon vorüber und das Wasser so gesunken, daß der Wagen auf einer trockenen Stelle Halt gefunden hatte. Einige Stunden später waren nur noch kleine Tümpel vorhanden, die wie Glasscheiben inmitten der grünen Wiesen aussahen.

Auf Peter mußten wir noch geraume Zeit warten, schließlich führten ihn die Hunde zu uns, die meiner Spur gefolgt waren. Er maß uns mit einem mißtrauischen Blick, und ohne ein Wort zu sprechen, machte er sich an die Untersuchung der geretteten Vorräte und Instrumente. Ein merkwürdiger Mensch! Schon elf Erdenjahre lebe ich hier mit ihm zusammen und es kommen immer wieder Momente, wo ich mir keine Rechenschaft über seinen Charakter geben kann, der eine sonderbare Mischung von Kühnheit, Aufopferung und Entschiedenheit, von Leidenschaft und Egoismus, von Eifersucht und Verschlossenheit ist. Nur das eine weiß ich bestimmt: er ist gänzlich unberechenbar.

Die Katastrophe hat uns bedeutenden Schaden zugefügt. Wir haben bei der Überschwemmung viele notwendige Gegenstände verloren; andere mußten wir mühevoll in der breiten Mulde suchen. Das vom Wasser davongetragene Zelt konnten wir zunächst nicht finden. Es war ein Glück, daß sich in Anbetracht der seit langem getroffenen Vorbereitungen zur Weiterreise der größte Teil unserer Habseligkeiten zur Zeit der Überschwemmung schon im Wagen befand. Und außerdem hat uns dieses Unwetter einen ungeheueren Nutzen gebracht, indem uns nämlich das abfließende Wasser den Weg zeigte, auf dem wir weiter nach Süden fahren sollten.

Unsere diesbezügliche Berechnung war sehr einfach: wenn das Wasser so schnell abfließen konnte, mußte die Klamm zu tiefer gelegenen Stellen führen, wo wir aller Wahrscheinlichkeit nach eine größere Wasseransammlung vorfinden würden, einen See oder das Meer, und infolgedessen auch vom Regen benetzte Strecken, also sicherlich die nötigsten Lebensbedingungen. Längere Zeit vor dem uns gesetzten Termin der Abfahrt waren wir vollständig reisefertig. Der Wagen stand mit allem versehen am Ausgang der Klamm, die sich vor uns wie ein zur neuen Welt geöffnetes Tor auftat; man brauchte nur den Elektromotor mit Hilfe der Akkumulatoren, die von der Zeit her geladen waren, wo wir noch Feuerung besaßen, in Bewegung zu setzen. Wir hatten sogar ein Stück Wegs im voraus erforscht, indem wir zu Fuß in der Klamm vordrangen. Sie bot durchaus keine feste Straße, vor allem, weil die letzten Wassermassen den Boden stellenweise tief aufgerissen hatten, aber immerhin konnte man hier ruhig fahren, ohne sich größeren Schwierigkeiten auszusetzen. Wir warteten also nur eine günstige Zeit ab, um diesen Wasserspuren, die nach Süden wiesen, zu folgen — in ein unbekanntes Land der Wunder, dessen lange Nächte die silberne Scheibe der Erde, die über den Wüsten leuchtet, niemals erhellt.