Vorwort

Fast fünfzig Jahre sind seit jenen beiden Expeditionen verstrichen, den wahnsinnigsten, die je von Menschen unternommen und ausgeführt wurden. Die ganze Sache war der Vergessenheit anheimgefallen, als eines schönen Tages, in einer Zeitung in K.... ein Artikel des Assistenten am dortigen Observatorium erschien, der alles aufs neue in Erinnerung brachte. Der Autor behauptete, daß er Nachrichten über das Schicksal der vor fünfzig Jahren auf den Mond hinausgeschossenen wahnsinnigen Teilnehmer der Expedition in Händen habe. Die Angelegenheit wirbelte viel Staub auf, obwohl man sie anfangs nicht ganz ernst nahm. Diejenigen, die damals von dem Aufsehen erregenden Unternehmen gehört oder gelesen hatten, wußten, daß die kühnen Abenteurer ihr Leben einbüßten und zuckten die Achseln, daß die für tot Gehaltenen nicht nur leben, sondern sogar Nachrichten vom Monde schicken sollten.

Der Assistent blieb trotz alledem bei seiner Behauptung. Er zeigte Neugierigen eine vierzig Zentimeter hohe, nach vorn zugespitzte Eisenkugel, in der er ein auf dem Monde angefertigtes Manuskript vorgefunden haben wollte. Die Kugel, die sich auf eigentümliche Art aufdrehte, war innen leer und mit einer dicken Schicht von Ruß und Schlacken bedeckt; sie konnte von jedermann besichtigt und bewundert werden, das Manuskript jedoch wollte der Assistent niemandem zeigen. Er erklärte, daß es aus verkohlten Papieren bestände, deren Inhalt er erst mit Hilfe künstlicher photographischer Aufnahmen, die mit großer Mühe und Vorsicht gemacht werden müßten, ablesen könne. Diese Geheimnistuerei, und vor allem, daß der Assistent beharrlich verschwieg, wie er in den Besitz der mysteriösen Kugel gekommen war, machte die Leute stutzig; aber die Neugierde wuchs dennoch stetig. Man erwartete mit einem gewissen Mißtrauen die versprochenen Aufklärungen und begann indes, sich aus den damals erschienenen Abhandlungen die fünfzig Jahre zurückliegenden Ereignisse zu vergegenwärtigen. Und plötzlich fing man an, sich zu wundern, daß alles das so schnell vergessen wurde .... Es gab doch in jener Zeit keine Tagesblätter, keine Wochen- oder Monatsschriften, die sich nicht Jahre hindurch verpflichtet fühlten, in jeder Nummer mehrere Spalten dieser so unerhörten und unwahrscheinlichen Expedition zu widmen. Vor Antritt der Forschungsreise war alles voll von Berichten über den Stand der Vorarbeiten; man beschrieb jede Schraube in dem „Waggon“, der durch den Planetenraum fahren und die kühnen Reisenden auf die Oberfläche des Mondes hinausschleudern sollte, die man bis dahin lediglich aus den vorzüglichen, im „Licke-Observatory“ gemachten photographischen Aufnahmen kannte. Über alle Einzelheiten des Unternehmens wurde lebhaft diskutiert. Die Porträts und ausführlichen Lebensbeschreibungen der Reisenden tauchten überall auf. Fast Entrüstung erregte die Nachricht, daß einer von ihnen im letzten Augenblicke zurücktrat, nicht ganz zwei Wochen vor dem festgesetzten Termin zur „Abfahrt“. Dieselben, die noch vor kurzem den ganzen „albernen und abenteuerlichen“ Plan der Expedition verhöhnten und die Teilnehmer Narren nannten, die nur verdienten, ihr Leben lang in einer Irrenanstalt interniert zu werden, waren jetzt empört über die „Feigheit und das Zurücktreten“ eines Menschen, der es offen aussprach, daß er hoffe, auf der Erde ein gleich ruhiges und ungleich späteres Grab zu finden, als seine Kameraden auf dem Monde. Das größte Interesse jedoch erweckte die Person, die sich für die freigewordene Stelle meldete. Es hieß allgemein, daß man einen neuen Teilnehmer nicht aufnehmen könne, da die Zeit zu kurz für das notwendigerweise vorausgehende Trainieren sei, dem sich die anderen einige Jahre hindurch unterziehen mußten. Sie waren schließlich zu geradezu unerhörten Resultaten gelangt. Man erzählte sich, daß sie es dahin brachten, in leichter Kleidung einen vierziggradigen Frost wie eine vierziggradige Hitze zu ertragen, ganze Tage hindurch ohne Wasser zu leben und ohne Schaden für die Gesundheit in einer Luft zu atmen, die viel dünner war als die Erdatmosphäre auf den höchsten Bergen. Das Staunen war daher groß, als man erfuhr, daß der Neuling von den „Lunatikern“, wie man sie nannte, aufgenommen sei und ihre Zahl vervollständigen sollte. Die Berichterstatter waren in heller Verzweiflung, daß sie nichts Näheres über diesen geheimnisvollen Abenteurer erfahren konnten. Trotz aller Bemühungen der Reporter ließ er keinen von ihnen bei sich vor, ja, er hatte sogar den Tageszeitungen weder seine Photographien zugeschickt noch auf briefliche Anfragen geantwortet. Die anderen Mitglieder der Expedition hüllten sich ebenfalls in tiefstes Schweigen über ihn, und erst zwei Tage vor der Abreise erschien eine nähere, im höchsten Grade phantastische Nachricht. Einem Journalisten war es nach vielen Anstrengungen endlich gelungen, den neuen Teilnehmer zu Gesicht zu bekommen, und er machte die verblüffende Mitteilung, daß dieses Expeditionsmitglied eine Frau in Männerkleidern sei. Man wollte nicht recht daran glauben, und es war übrigens auch keine Zeit, sich lange damit zu beschäftigen. Der große Augenblick nahte. Die fieberhafte Erwartung erreichte ihren Höhepunkt. An der Mündung des Kongo, von wo aus die Expedition „die verwegene Fahrt antreten sollte“, hatte sich die ganze zivilisierte Welt ein Stelldichein gegeben.

Die phantastische Idee Jules Vernes sollte endlich verwirklicht werden, — über hundert Jahre nach dem Tode ihres Urhebers.

An der afrikanischen Küste, zirka zwanzig Kilometer von der Mündung des Kongo entfernt, gähnte die breite Öffnung eines dafür konstruierten Schlundes aus Gußstahl, der in einigen Stunden das erste Projektil mit den darin eingeschlossenen fünf waghalsigen Forschern hinausschießen sollte. Eine besondere Kommission untersuchte noch einmal genau sämtliche komplizierten Berechnungen, wie die Nahrungsvorräte und Instrumente: alles war in Ordnung, alles war bereit!

Am andern Tage, kurz vor Sonnenaufgang, verkündete ein betäubender, durch die Explosion hervorgebrachter Knall der Welt — in einem Umkreis von einigen hundert Kilometern — den Beginn der abenteuerlichsten aller Fahrten ...

Nach den ungemein genauen Berechnungen hatte das Projektil unter der Wirkung der explodierenden Kraft eines senkrechten Wurfes, der Anziehung der Erde und der treibenden Kraft, die durch die tägliche Drehung der Erde um die Achse entsteht, im Weltenraum eine mächtige Parabel von Westen nach Osten zu beschreiben und an dem bezeichneten Punkte und in der bezeichneten Stunde in die Sphäre der Anziehung des Mondes, fast senkrecht auf die Mitte seiner uns zugewendeten Scheibe zu fallen, in der Gegend des „Sinus Medii“. Der Lauf des Projektils, der von verschiedenen Punkten der Erde aus durch Hunderte von Teleskopen beobachtet wurde, zeigte sich als ganz genau mit der Berechnung übereinstimmend. Den Beobachtenden schien das Projektil am Himmel in der Richtung von Osten nach Westen zurückzuweichen, zunächst viel langsamer als die Sonne, dann immer schneller, je mehr es sich von der Erde entfernte. Die scheinbare Bewegung war das Resultat der Drehung der Erde, der gegenüber das Projektil zurückblieb.

Man beobachtete es lange, bis es endlich, in der Nähe des Mondes, selbst durch die stärksten Teleskope nicht mehr zu sehen war. Trotzdem hörte die Verbindung zwischen der Erde und den in das Projektil eingeschlossenen Reisenden noch längere Zeit hindurch keinen Augenblick auf. Sie hatten, neben allen andern Vorrichtungen, auch einen vorzüglichen Apparat der drahtlosen Telegraphie in ihrem Fahrzeug, der, nach den Berechnungen, sogar auf eine Entfernung von dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern, die den Mond von der Erde trennten, funktionieren mußte. Jedoch erwiesen sich diese Berechnungen als unrichtig; die letzte Depesche erhielten die astronomischen Stationen aus einer Entfernung von zweihundertundsechzigtausend Kilometern. Das Telegraphieren war entweder durch die ungenügende Kraft des Stromes der Luftwellen, oder auch eines fehlerhaften Baues des Apparates wegen auf eine größere Entfernung unmöglich. Aber die letzte Depesche klang ganz aufmunternd: „Alles gut, kein Grund zu Besorgnissen vorhanden.“

Sechs Wochen später schickte man, wie verabredet, eine zweite Expedition aus. Diesmal nahmen nur zwei Personen in dem Projektil Platz; sie hatten dafür bedeutend größere Nahrungsvorräte und notwendige Instrumente bei sich; auch einen weit stärkeren telegraphischen Apparat als ihre Vorgänger. Es war kein Zweifel, daß er zur Übersendung von Nachrichten vom Monde genügen mußte; jedoch erhielt man keine Depesche mehr von dorther. Das letzte Telegramm war ganz nahe dem Ziele der Expedition, direkt vor dem Fallen auf die Mondoberfläche, abgesandt. Die Nachricht lautete nicht besonders günstig. Das Projektil wich, aus einem unerklärlichen Grunde, etwas vom Wege ab und konnte infolgedessen nicht senkrecht auf den Mond fallen; es fiel schräg, in einem ziemlich scharfen Winkel, und da es für einen solchen Fall nicht konstruiert war, fürchteten die Insassen, zerschmettert zu werden. Diese Befürchtungen schienen sich bewahrheitet zu haben, da dieser Depesche keine weitere mehr folgte.

Unter solchen Umständen gab man eine beabsichtigte dritte Expedition auf. Man konnte sich bezüglich des Schicksals der Unglücklichen nicht täuschen; warum sollte man noch mehr Menschenleben opfern? Die begeistertsten Anhänger der „interplanetarischen Kommunikation“ verstummten, und man sprach und schrieb über die Expeditionen nur noch, daß sie Wahnsinn seien, der geradezu an Verbrechen grenze. Und in einigen Jahren endlich war die ganze Angelegenheit vergessen.

Sie lebte erst wieder in der Erinnerung auf, als der besagte Artikel des bis dahin gänzlich unbekannten, nun aber zum Tagesgespräch gewordenen Assistenten des kleinen astronomischen Observatoriums erschien. Seitdem brachte jede Woche etwas Neues. Der Assistent lüftete allmählich die Schleier seines Geheimnisses, und obwohl es an Ungläubigen nicht fehlte, begann man doch die Sache immer ernster zu nehmen. Bald interessierte sich alle Welt dafür, und schließlich legte der Assistent auch klar, auf welche Weise er in den Besitz des wertvollen Manuskriptes gekommen und wie er es abgelesen habe. Er erlaubte sogar Fachleuten, die verkohlten Überreste, wie die in der Tat wundervollen photographischen Abzüge zu besichtigen.

Mit jener Kugel und dem Manuskript verhielt es sich aber folgendermaßen: „Eines Nachmittags,“ erzählte der Assistent, „als ich bei der Aufzeichnung der täglichen meteorologischen Beobachtungen saß, meldete mir der Stationsdiener, daß ein junger Mann mich zu sprechen wünsche. Es war mein Kollege und guter Freund, der Eigentümer eines benachbarten Gutes, der nur selten in die Stadt kam. Ich mußte ihn warten lassen, um erst meine Arbeit zu beendigen; dann begab ich mich zu ihm, und er erklärte mir sofort nach der Begrüßung, daß er mir eine Nachricht bringe, die mir zweifellos viel Freude bereiten werde. Er wußte, daß ich mich seit Jahren eifrig mit der Erforschung der Meteoriten beschäftigte und kam mir mitzuteilen, daß vor einigen Tagen ein Meteor von größerer Dimension, wie es schien, auf seinem Gute herabgefallen sei. Den Stein, der sich wahrscheinlich tief in den Morast gebohrt, hätte man nicht gefunden, aber wenn ich ihn haben wolle, wäre er gerne bereit, mir Arbeiter zum Hervorholen zur Verfügung zu stellen. Natürlich wollte ich den Stein haben, und nachdem ich mir einen kurzen Urlaub genommen, fuhr ich selbst an Ort und Stelle, behufs Nachforschungen. Aber trotz zweifelloser Merkmale und schwerer Mühen konnten wir nichts finden. Nur ein Stück bearbeitetes Eisen, in Form einer Kanonenkugel, das an dieser Stelle zu finden mich sehr in Staunen versetzte, wurde hervorgeholt. Ich zweifelte schon an einem Resultat und ließ die weiteren Arbeiten einstellen, als mein Freund meine Aufmerksamkeit auf jene Kugel lenkte. Sie sah in der Tat sehr merkwürdig aus. Ihre Oberfläche war mit Schlacken bedeckt, wie sie sich auf eisernen Meteoriten bei ihrem Erglühen während des Durchganges durch die Erdatmosphäre bilden. Sollte sie etwa jener herabgefallene Meteor sein?

In diesem Augenblicke kam mir plötzlich der Gedanke an die Expedition vor fünfzig Jahren, deren Geschichte ich genau kannte. Ich muß hinzufügen, daß ich, trotz des hoffnungslosen Inhalts der letzten Depesche, die von den Mondfahrern zur Erde gelangte, niemals an ihren Tod geglaubt hatte. Es war jedoch noch zu früh, Vermutungen auszusprechen. Ich nahm die Kugel mit der größten Vorsicht an mich und brachte sie nach Hause, fast sicher, daß sie wertvolle Fingerzeige über jene Verlorenen enthalte. Aus ihrem verhältnismäßig geringen Gewicht erriet ich, daß sie hohl sei, und begab mich sofort an die Arbeit. Ich war mir klar darüber, daß Papiere, die eventuell in der Kugel eingeschlossen waren, bei dem Erglühen des Eisens in der Erdatmosphäre verkohlt sein mußten. Man durfte daher die Kugel nur so öffnen, daß die Überreste nicht vernichtet wurden. Vielleicht, dachte ich, läßt sich aus ihnen doch noch etwas entziffern.

Die Arbeit war überaus mühsam, besonders dadurch, daß ich niemanden zu Hilfe nehmen wollte. Meine Annahmen waren höchst unsicher und, wie ich zugeben muß, zu — phantastisch, als daß verfrüht etwas darüber verlauten durfte.

Ich bemerkte, daß die Spitze der Kugel eine Schraube bildete, die man aufdrehen mußte und befestigte sie also in einem starken Schraubstock, um sie vor einer Erschütterung zu bewahren, die ihren Inhalt beschädigen könnte. Die Schraube war verrostet und wollte nicht nachgeben. Nach langen Anstrengungen gelang es mir endlich, sie zu bewegen. Bei diesem ersten Kreischen der gedrehten Schraube erfaßte mich ein Freudentaumel, und zugleich schnürte mir eine beklemmende Angst die Kehle zu. Ich mußte die Arbeit unterbrechen, da mir die Hände zitterten; erst nach einer Stunde konnte ich sie, immer noch mit klopfendem Herzen, wieder aufnehmen.

Die Schraube bewegte sich langsam, als ich plötzlich ein seltsames Zischen vernahm. Anfangs konnte ich seine Ursache nicht begreifen. Fast gedankenlos drehte ich in umgekehrter Richtung, und sofort hörte das Zischen auf; drehte ich wieder in der ersten Weise, begann es von neuem, obwohl es jetzt etwas schwächer war. Endlich begriff ich alles! Das Innere der Kugel war vollständig leer! Das Zischen entstand durch das Eindringen der Luft vermittels einer Öffnung, die sich durch die Lockerung der Schraube gebildet hatte.

Dieser Umstand bestärkte mich in der Überzeugung, daß die in der Kugel vermutlich eingeschlossenen Dokumente nicht ganz vernichtet sein dürften, da das Fehlen der Luft sie vor der Verbrennung bewahrt haben mußte, als die Kugel, bei ihrem Fall durch die Erdatmosphäre, erglühte! Bald stellte sich auch die Richtigkeit meiner Annahme heraus. Nach Beseitigung der Schraube fand ich in der Kugel, deren innere Wände mit einer Schicht gebrannten Lehms ausgelegt waren, ein Päckchen verkohlter, aber nicht verbrannter Papiere. Ich wagte fast nicht zu atmen, aus Furcht, die wertvollen Schriften zu beschädigen. Ich nahm sie mit der größten Vorsicht heraus und ... war verzweifelt. Auf dem verkohlten Papier waren die Buchstaben fast unsichtbar und dieses Papier selbst so mürbe, daß es mir beinahe in der Hand zerfiel.

Trotzdem beschloß ich, alles daranzusetzen, um das Werk zu Ende zu führen und den Inhalt des Manuskriptes zu entziffern. Einige Tage dachte ich darüber nach, wie ich das bewerkstelligen solle. Endlich flüchtete ich mich zu den Röntgenstrahlen. Ich nahm, wie es sich später zeigte, richtig an, daß die Tinte, deren man sich zum Schreiben bediente, mineralische Bestandteile enthielt und infolgedessen die mit ihr überschwärzten Stellen den Röntgenstrahlen einen größeren Widerstand leisten würden, als das verkohlte Papier selbst. Ich klebte vorsichtig jedes Blatt des Manuskripts auf eine dünne Haut, die ich in einen Rahmen gespannt hatte und machte photographische Aufnahmen mittels Röntgenstrahlen. Auf diese Weise erhielt ich Klischees, die nach der Übertragung des Bildes auf das Papier eine Art von Palimpsesten ergaben, wo die Buchstaben auf beiden Seiten des Papiers geschrieben, sich miteinander verbanden. Es war so zwar schwierig, aber durchaus nicht unmöglich abzulesen.

Nach einigen Wochen war ich mit dem Entziffern der Aufzeichnungen so weit vorgeschritten, daß ich keinen Grund mehr sah, die Angelegenheit weiter zu verheimlichen und schrieb den ersten Artikel, der über den Vorfall berichtete ... Heute liegt das ganze Manuskript vor mir bereit, geordnet und abgeschrieben, und ich hege absolut keinen Zweifel, daß es von einem der fünf zuerst ausgesandten Expeditionsmitglieder auf dem Monde verfaßt und von dort aus auf die Erde gesandt wurde.

Was das Weitere betrifft, so mag der Inhalt der Aufzeichnungen für sich selbst sprechen.“

Dieser Erklärung, die der Veröffentlichung des Manuskriptes vorausging, fügte der Assistent einen kurzen Bericht über die Vorgeschichte der damaligen Expedition bei.

Er erinnerte daran, daß der Gedanke von dem irländischen Astronomen O’Tamor ausgegangen war, der einen glühenden Anhänger in dem jungen, seinerzeit in Brasilien berühmten portugiesischen Ingenieur, Peter Varadol, fand. Diese beiden gewannen einen dritten Kameraden, den Polen Jan Koretzki, der ihnen sein ganzes, ziemlich bedeutendes Vermögen zur Verfügung stellte. Darauf unternahmen sie die ersten Schritte zur Verwirklichung des schon festgelegten Planes. Man unterbreitete den Akademien und wissenschaftlichen Instituten die Skizzen des Projektes und wandte sich dann an Fachautoritäten betreffs Ausarbeitung der Einzelheiten. Die Idee rief Begeisterung hervor; in kurzem beschäftigten sich nicht nur Fachleute damit, sondern die ganze zivilisierte Welt, die ihre Vertreter auf den Mond auszusenden begehrte, um Näheres über diesen Globus zu erfahren. Auf Antrag der Akademien und astronomischen Stationen sprangen die Regierungen mit finanzieller Hilfe bei und da es auch an privaten Opfern nicht fehlte, hatten die Initiatoren bald ein Kapital zur Verfügung, das zur Ausrüstung mehrerer Expeditionen genügte, von denen aber, wie bekannt, nur zwei ausgesandt wurden.

Die Besatzung des ersten Projektils sollte aus fünf Personen bestehen, darunter O’Tamor, der den Gedanken ins Leben gerufen, und seine beiden Kameraden. Der vierte war der englische Arzt Tomas Woodbell, der fünfte Braun, ein Deutscher, der jedoch im letzten Augenblick zurücktrat; statt seiner meldete sich ein Unbekannter als Teilnehmer der Expedition. In das zweite Projektil hatten sich zwei Franzosen eingeschlossen, die Brüder Remogner.

Nach dieser kurzen Übersicht erging sich der Assistent ausführlicher über die technische Seite des Unternehmens. Er beschrieb bis ins kleinste Detail die Konstruktion der mächtigen Kanone, von der Form eines stählernen Brunnens; berichtete über den Bau des Projektils, das man nach der Ankunft auf der luftlosen Oberfläche des Mondes in einen hermetisch verschlossenen Wagen verwandeln konnte, der durch einen besonderen Elektromotor bewegt wurde. Er schilderte die Schutzvorrichtungen, die die Reisenden im Augenblick des Schusses wie beim Herabfallen auf den Mond vorm Zerschmettern bewahren sollten und endlich zählte er alle Gegenstände der inneren Einrichtung und die Vorräte des „transportablen Zimmers“ auf.

Der Mond ist keine gastfreundliche Welt. Die Astronomen wissen das schon lange, obwohl sie ihn nur aus der Ferne und — einseitig kennen. Trotz der großartigen Vervollkommnung der optischen Instrumente des zwanzigsten Jahrhunderts widersetzte sich der Mond siegreich allen Versuchen, ihn mit ihrer Hilfe dem menschlichen Auge so nahe zu bringen, daß man alle Einzelheiten seiner Oberfläche erforschen könnte. Sich in der mittleren Entfernung von dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern um die Erde drehend, scheint er durch Gläser mit tausendfacher Vergrößerung nur dreihundertvierundachtzig Kilometer von ihr entfernt zu sein, was immerhin noch ein ganz ansehnliches Stück Wegs bedeutet. Schärfere Gläser dagegen kann man zu seiner Erforschung nicht verwenden, da man bei stärkerer Vergrößerung, infolge einer zu geringen Helligkeit der Erdatmosphäre, nur ein unklares Bild erhält, so daß es sogar unmöglich ist, die Berge zu erkennen, die man durch schwächere Gläser ganz deutlich beobachten kann.

Überdies ist der Forschung nur eine Halbkugel des Mondglobus zugänglich. Der Mond macht nämlich auf seinem Wege um die Erde in siebenundzwanzig Tagen, sieben Stunden, dreiundvierzig Minuten und elf Sekunden nur eine Drehung um seine Achse, so daß er immer mit derselben Seite seiner Oberfläche zur Erde gewendet bleibt. Diese Erscheinung ist keine zufällige. Der Mond, der keine vollkommene Kugel bildet, nähert sich, seiner Form nach, einem etwas länglichen Ei. Die Anziehungskraft der Erde bringt es mit sich, daß jenes Ei sich mit dem scharfen Ende zu ihr kehrt und derart dreht, als wenn es, angebunden, sich nicht abwenden könnte.

Die den Astronomen bekannte Hälfte des Mondes genügt jedoch, ihn ganz und gar bei denjenigen zu mißkreditieren, die vom Bewohnen anderer Planeten als der Erde träumen. Die Oberfläche unsres Satelliten, deren Ausdehnung zweimal so groß als Europa ist, stellt sich in den Teleskopen als eine wasserlose, wüste Hochebene dar, die mit einer ungeheuren Anzahl mächtiger, kraterähnlicher Ringberge besät ist. Diese Bergriesen, deren Gipfel sich bis zu 7000 Metern erheben, haben nicht selten einen Durchmesser von 100 Kilometern. Durch den nördlichen Teil der uns zugewandten Halbkugel zieht sich eine Reihe großer, kreisförmiger Flächen, die die ersten Selenographen „Meere“ nannten. Diese Ebenen mit steilen Ufern, die durch in den Himmel ragende Gebirgsketten gebildet werden, sind nach verschiedenen Richtungen von großen Spalten durchschnitten, deren Entstehung die Astronomen stets in Staunen versetzte, vor allem, weil auf der Erde keine ähnlichen Erscheinungen vorhanden sind. Diese Spalten, manchmal über hundert Kilometer lang und einige Kilometer breit, haben eine Tiefe von ungefähr tausend Metern und mehr.

Wenn wir uns noch vergegenwärtigen, daß diese Oberfläche fast gar keine Atmosphäre hat, daß der „Tag“ auf dem Monde an Zeitdauer vierzehn unserer Tage gleichkommt, daß während dieses endlosen Tages ein beständiger Sommer herrscht, dessen Glut eine unerhörte Spannung annimmt, daß hingegen die vierzehntägige Nacht einen Winter repräsentiert, der kälter ist als die Winter in unseren antarktischen Ländern, so entrollt sich uns ein Bild, das uns nicht gerade verlockt, diesen Planeten als ständigen Wohnsitz zu wählen! Um so mehr ist der Opfermut der Leute zu bewundern, die ihr Leben nichtsachtend lediglich in jenes unbekannte Land auszogen, um menschliches Wissen zu erweitern und sichere Nachrichten über das der Erde am nächsten liegende Gestirn geben zu können.

Die Reisenden hatten übrigens die Absicht, diese ungastliche Halbkugel so schnell wie möglich zu durchdringen und auf die andere Seite des Mondes zu gelangen, die von der Erde abgewendet ist, wo sie, nicht ohne Grund, erträgliche Lebensbedingungen anzutreffen hofften. Die Mehrzahl der über den Mond schreibenden Gelehrten behauptet zwar, daß auch auf der anderen Seite die Atmosphäre zu dünn sei, um atmen zu können; aber O’Tamor nahm, sich auf langjährige Forschungen und Berechnungen stützend, an, daß er dort dichtere Luft zur Erhaltung des Lebens vorfinden werde, wie auch Wasser und Pflanzen, zur notdürftigsten Nahrung genügend. Diese tollkühnen Forscher waren bereit ihr Leben zu wagen, nur um dem sternenbesäten Himmel ein einziges seiner Geheimnisse, die er so eifersüchtig vor den Menschen hütet, zu entreißen. Der Gedanke, daß dieses Opfer keinesfalls vergebens gebracht werde, da sie ihre Beobachtungen den auf der Erde Zurückgebliebenen, mit Hilfe des mitgenommenen telegraphischen Apparates, würden mitteilen können, verstärkte noch ihren Wagemut. Sie träumten, von der Größe ihres Vorhabens berauscht, daß sie auf der andern, geheimnisvollen Seite des Mondes ein märchenhaft seltsames Paradies vorfinden könnten, eine neue Welt, die ganz verschieden ist von der Erde! Sie träumten, dann neue Kameraden zum Durchfliegen jener Hunderttausende von Kilometern zu gewinnen, — von der Gründung einer neuen Gemeinschaft dort auf der hellen Seite der in die stillen Nächte leuchtenden Kugel, — von einer neuen, vielleicht glücklicheren Menschheit ...

Indessen mußte man mit der Notwendigkeit rechnen, die gebirgige, luft- und wasserlose wüste Hochebene zu durchqueren, die die ganze, der Erde zugewandte Halbkugel des Mondes einnimmt. Es war dies wahrhaftig keine Kleinigkeit! Der Umkreis des Mondes beträgt fast elftausend Kilometer; wenn sie also, wie sie annahmen, auf die Mitte der der Erde zugekehrten Scheibe fallen würden, hätten sie zum mindesten dreitausend Kilometer zu machen, bevor sie die Gegend erreichten, wo sie hoffen durften, atmen und leben zu können. Das Projektil, in der Form eines länglichen, auf der einen Seite kegelförmig geschlossenen Zylinders, war so eingerichtet, daß es sich in eine Art geschlossenes Automobil verwandeln ließ, und reichlich mit Vorräten von verdichteter Luft, Wasser, Nahrungsmitteln und Brennmaterial versehen, die für fünf Personen auf ein ganzes Jahr ausreichen konnten, das heißt also noch für länger, als man zum Gelangen auf die andere Seite des Mondes gebrauchte.

Außerdem hatten die Reisenden eine Anzahl Handwerkszeuge mitgenommen, eine kleine Bibliothek und — eine Hündin mit zwei Jungen. Es war dies eine schöne große englische Spürhündin, die Tom Woodbell gehörte, und die man vor der Reise einstimmig mit dem Namen Selena taufte.

All diese Dinge wurden durch die ausführlichen, in K.... erschienenen Artikel aufgefrischt, als quasi Ergänzung zu dem kurz darauf herausgegebenen Manuskripte.

Die Aufzeichnungen selbst, von Jan Koretzki, dem einen Teilnehmer der ersten Expedition, in polnischer Sprache auf dem Monde verfaßt, setzten sich aus drei Teilen zusammen, die zu verschiedenen Zeiten entstanden sind. Sie verschmolzen zu einem Ganzen, das eine Schilderung des wundersamsten Schicksals eines Schiffbrüchigen bildet, der an ein fremdes Land geworfen wurde, das dreihundertvierundachtzig Millionen Meter über der Erde im tiefen Himmelsblau schwebt.

Hier folgt der wörtliche Abdruck jenes Manuskriptes, von dem Assistenten des Observatoriums in K.... herausgegeben und zusammengestellt ...

Erster Teil

Ein Reisetagebuch.

Auf dem Monde den .....

Mein Gott, welches Datum soll ich angeben?! Jene mächtige Explosion, durch die wir uns von der Erde hinausschleudern ließen, zersprengte uns das Dauerndste und Festgeprägteste, was dort existiert, — zersprengte und zerstörte uns die Zeit. In der Tat, das ist furchtbar! Zu bedenken, daß es hier keine Jahre, keine Monate, keine Wochen gibt, noch unsere kurzen, wonnigen Erdentage ... Die Uhr sagt mir, daß bereits vierzig Stunden seit dem Augenblick verflossen sind, da wir hier herabfielen; wir fielen in der Nacht herab und die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Wir dürfen erst in einigen zwanzig Stunden hoffen, sie zu sehen. Sie wird aufgehen und sich träge am Himmel bewegen, neunundzwanzigmal langsamer als dort auf der Erde. Dreihundertvierundfünfzig Stunden wird sie über uns leuchten, und dann kommt wiederum die Nacht, die dreihundertvierundfünfzig Stunden dauert. Und nach der Nacht der Tag, wie der vorhergehende, und abermals die Nacht und dann der Tag, und so endlos weiter, ohne Veränderung, ohne Jahreszeiten, ohne Jahre, ohne Monate ...

Wenn wir es erleben werden ...

Wir sitzen ohne irgend etwas zu tun, eingeschlossen in unserem Fahrzeug und warten auf die Sonne. Oh, diese furchtbare Sehnsucht nach der Sonne!

Die Nacht ist zwar hell, unvergleichlich heller als unsere Nächte dort auf der Erde während des Vollmondes. Der mächtige Halbkreis der Erde ruht unbeweglich über uns am Zenit des schwarzen Himmels und überflutet mit weißem Licht diese entsetzliche Wüste um uns her. In diesem seltsamen Lichte ist alles so geheimnisvoll und tot ... und der Frost ... Oh, dieser furchtbare Frost! Sonne! Sonne!

O’Tamor ist seit der Zeit des Falles noch nicht zum Bewußtsein gekommen. Woodbell, obwohl selbst verwundet, weicht nicht einen Augenblick von seiner Seite. Er fürchtet, daß es eine Gehirnerschütterung ist und hat wenig Hoffnung. Auf der Erde, sagte er, würde er ihn durchbringen. Aber hier, in dieser fürchterlichen Kälte, hier, wo wir als einzige Nahrung nur Vorräte von künstlichem Eiweiß und Zucker haben, wo wir mit Luft und Wasser sparen müssen ... Es wäre entsetzlich, O’Tamor zu verlieren, gerade ihn, der die Seele unserer Expedition ist! ...

Varadol, Martha und ich, ja sogar Selena mit den beiden Jungen, wir sind gesund. Martha scheint nichts zu wissen und zu fühlen. Sie folgt nur beständig Woodbell mit den Augen, wegen seiner Wunden beunruhigt. Der glückliche Tomas! Wie dieses Weib ihn liebt!

Oh, diese Kälte! Es scheint, daß unser verschlossenes Fahrzeug sich gleichzeitig mit uns in einen Eisklumpen verwandelt. Die Feder gleitet mir aus den erstarrten Fingern. Wann wird die Sonne endlich aufgehen!?

In derselben Nacht, siebenundzwanzig Stunden später.

Mit O’Tamor wird es immer schlimmer; man kann sich nicht täuschen — das ist schon die Agonie. Tomas vergaß, bei ihm wachend, seine eigenen Wunden und ist jetzt selbst so schwach, daß er sich hinlegen muß. Martha vertritt ihn bei dem Kranken. Woher nimmt diese Frau so viel Kraft? Seitdem sie sich von der ersten Betäubung des Falles erholt hat, ist sie am tätigsten von uns allen. Ich glaube, daß sie noch gar nicht geschlafen hat.

Oh, diese Kälte! ...

Varadol sitzt starr und schweigend da. Auf seinen Knien zusammengekauert liegt Selena. Er sagt, daß es ihnen beiden so wärmer ist. Die Jungen haben wir ins Bett gelegt, neben Tomas.

Ich habe versucht zu schlafen, aber ich kann nicht. Die Kälte läßt mich nicht schlafen — und dieses gespensterhafte Licht der Erde über uns! Man sieht nur wenig mehr als die Hälfte ihrer Scheibe. Das ist ein Zeichen, daß die Sonne unverzüglich aufgehen muß. Wir können nicht genau berechnen, wann dies erfolgen wird, da wir nicht wissen, auf welchem Punkte der Mondscheibe wir uns befinden. O’Tamor hätte das mit Leichtigkeit aus dem Stand der Gestirne berechnet, aber er liegt bewußtlos danieder. Nun wird sich Varadol an diese Arbeit machen müssen und ich begreife nicht, warum er es hinausschiebt.

Wir hätten nach der Berechnung auf den Sinus Medii fallen müssen, aber Gott allein weiß, wo wir uns wirklich befinden. Auf dem Sinus Medii müßte um diese Zeit die Sonne bereits scheinen. Vermutlich sind wir weiter nach „Osten“ gefallen, wie man auf der Erde die Seite des Mondes bezeichnet, wo für uns die Sonne untergehen wird, jedoch nicht weit von der Mitte der Mondscheibe, da die Erde über uns fast im Zenite steht.

Ich empfange so viele neue und seltsame Eindrücke, daß ich sie nicht zusammenfassen und ordnen kann. Vor allem dieses unerhörte, geradezu entsetzliche Gefühl der Leichtigkeit. Wir wußten auf der Erde, daß der Mond, der neunundvierzigmal kleiner und einundachtzigmal leichter als die Erde ist, uns sechsmal schwächer anziehen würde, obwohl wir uns seinem Schwerpunkte näher befinden; aber es ist zweierlei — etwas zu wissen oder etwas zu fühlen. Wir sind fast schon siebzig Stunden auf dem Monde und können uns noch nicht daran gewöhnen. Wir sind noch nicht imstande, die Anstrengung unserer Muskeln dem kleineren Gewicht der Gegenstände anzupassen, ja sogar nicht dem kleineren Gewichte unseres eigenen Körpers. Ich erhebe mich schnell von meinem Sitze und springe einen Meter in die Höhe, obwohl ich nur aufstehen will. Varadol wollte vor einigen Stunden aus einem starken Draht, der an der Wand unserer Behausung befestigt war, einen Haken biegen; er faßte ihn mit der Hand — und hob sich ganz in die Höhe! Er vergaß, daß er jetzt statt zirka siebzig Kilo nicht ganz dreißig Pfund wiegt! Jeden Augenblick wirft einer von uns gewaltsam die Gegenstände um sich, während er sie nur rücken will. Das Einschlagen eines Nagels ist geradezu unmöglich, weil der Hammer, der auf der Erde zwei Pfund wiegt, hier kaum einige hundertsiebzig Gramm schwer ist. Die Feder, mit der ich schreibe, fühle ich kaum in der Hand.

Martha sagte vor kurzem, daß sie den Eindruck habe, als wenn sie schon ein körperloser Geist geworden sei. Das ist eine ganz gute Erklärung. Es liegt wirklich etwas Unheimliches in dem Gefühl dieser fabelhaften Leichtigkeit ... man könnte tatsächlich glauben, daß man nur noch Geist ist, besonders beim Anblick der Erde, die am Himmel strahlt wie der Mond, nur vierzehnmal größer und heller als das die Erdkugel erleuchtende Nachtgestirn. Ich weiß, daß dies alles wahr ist — und trotzdem scheint es mir immer, als wenn ich träume oder mich in einem Theater befinde, ein seltsames Feenspiel anzusehen. Jeden Augenblick, denke ich, muß der Vorhang fallen, und diese Dekorationen werden verschwinden — wie ein Traum ...

Wir wußten doch vor unserer Abfahrt genau, daß die Erde über uns wie eine mächtige, unbewegliche Lampe, die mitten am Himmel hängt, scheinen würde. Ich wiederhole mir immer wieder, daß dies ganz natürlich ist: der Mond wandelt seine Bahn, immer mit der einen Seite der Erde zugewendet; infolgedessen muß sie den vom Monde aus auf sie Blickenden unbeweglich erscheinen. Ja, das ist doch so einfach, und dennoch versetzt mich dieses leuchtende Glasgespenst der Erde, das uns seit siebzig Stunden unbeweglich und hartnäckig aus dem Zenite anstarrt, in Schrecken.

Ich sehe sie durch die Scheibe, die in der oberen Wand des Fahrzeugs angebracht ist, und unterscheide mit bloßem Auge die dunklen Flecken der Meere und die hellen Flächen der Länder. Sie gleiten langsam an mir vorüber, brechen der Reihe nach aus dem Schatten hervor: Asien, Europa, Amerika; verkleinern sich am Rande des schillernden Globus und gehen unter, um nach vierundzwanzig Stunden wiederum zu erscheinen.

Es kommt mir vor, als wenn sich die ganze Erde in ein weitaufgerissenes Auge verwandelt hätte, das unbarmherzig, wachsam und staunend, auf uns niederstarrt; auf uns, die wir von ihr geflohen sind, als die ersten aller ihrer Kinder!

Gleich als wir nach dem Fall etwas zum Bewußtsein kamen und die eisernen Deckel abschraubten, die die runden Fenster unsres Fahrzeugs verdeckten, sahen wir sie über uns. Sie war in der letzten Phase ihres Zunehmens. Damals glich sie einem starr auf uns gerichteten Auge; jetzt senkt sich über diesen grauenhaft unbeweglichen Blick allmählich das Lid des Schattens. In dem Moment, da die Sonne wie eine flammende Kugel am schwarzen Himmel, ohne vorhergehende Dämmerung, emporsteigt, wird dieses Auge sich zur Hälfte schließen und wenn die Sonne senkrecht über uns steht, das Augenlid sich gänzlich niedersenken ...

Drei Stunden später.

Ich unterbrach diese Aufzeichnungen, mit denen ich die langen Stunden ausfülle, die wir gezwungenerweise tatenlos verbringen, als ich zu O’Tamor gerufen wurde. Niemals haben wir mit der furchtbaren Eventualität gerechnet, daß wir allein, ohne ihn bleiben könnten. Wir waren auf den Tod vorbereitet, aber auf den eigenen, vielleicht gemeinsamen, nicht auf den seinen! Und hier gibt es keine Rettung ... Tomas liegt ebenfalls im Fieber, und statt den Kranken zu behandeln, bedarf er selbst der Pflege. Martha weicht keinen Augenblick von ihrer Seite, sich einmal zu Woodbell, dann wieder zu O’Tamor wendend und wir stehen ratlos dabei und wissen nicht, was wir tun sollen.

O’Tamor ist noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen und wird es auch nicht mehr! Sechzig Jahre hat er auf der Erde gelebt, um hier ... Nein, nein, ich kann das Wort nicht niederschreiben, es ist furchtbar! Er! Gleich bei der Ankunft ...

Wir sind so entsetzlich allein in dieser langen, furchtbar kalten Nacht!

Vor einigen Stunden hat sich Martha, als wenn sie plötzlich von diesem Gefühl der grenzenlosen Leere und Einsamkeit erfaßt würde, mit zusammengefalteten Händen vor uns niedergeworfen. Sie weinte und rief immer wieder: „Auf die Erde, auf die Erde! Warum telegraphiert ihr nicht? Warum teilt ihr dort nichts mit? Seht, Tomas ist krank!“

Armes Mädchen! Was sollten wir ihr antworten?

Sie weiß so gut wie wir, daß unser Apparat schon ungefähr hundertzwanzig Millionen Meter vor dem Monde zu funktionieren aufgehört hat ... Endlich erinnerte Peter sie daran, aber als wenn die Übersendung von Nachrichten die Kranken retten könnte, drängte sie fieberhaft, daß man die Kanone aufstellen solle, die wir für den Fall des Unbrauchbarwerdens des telegraphischen Apparates von der Erde mitgenommen haben. Dieser Schuß ist jetzt die einzige, letzte Möglichkeit, uns mit denen, die dort zurückgeblieben sind, zu verständigen.

Varadol und ich gaben nach und wagten uns aus dem Fahrzeug heraus. Ich gestehe es, daß die Angst vor diesem Schritt mich schüttelte. Dort, hinter den uns schützenden Wänden ist in der Tat schon nichts mehr als Leere ... Das Barometer zeigt nämlich draußen ein Vorhandensein von Atmosphäre an, deren Dichte nicht einmal den dreihundertsten Teil unserer Erdluft erreicht. Der Umstand, daß die Atmosphäre, wenn auch in einer solchen Verdünnung, überhaupt existiert, ist für uns überaus günstig, da er uns hoffen läßt, daß wir sie, auf der anderen Seite, in zum Atmen genügender Dichte vorfinden werden. Ach, mit welchem Zagen steckten wir vor einigen Stunden das Barometer nach außen! Anfangs sank das Quecksilber so gewaltig, daß es uns schien, als wenn es bis zum Nullpunkt herabfiel. Zitternde Angst schnürte uns die Kehle zu; das hieße — eine absolute Leere, und mit ihr der unabwendbare Tod! Aber nach einer Weile hob sich das Quecksilber in der Röhre auf 2,3 Millimeter! Wir atmeten auf, obwohl man in dieser Luft eigentlich gar nicht atmen kann! Und nun sollten wir, zwecks Aufstellung der Kanone, in diese Leere hinausgehen! Nachdem wir unsere „Taucheranzüge“ angelegt und über dem Nacken die Behälter mit verdichteter Luft befestigt hatten, stellten wir uns in der Vertiefung, die sich in der Wand des Fahrzeugs befand, bereit. Martha verschloß hinter uns die Innentür ganz dicht, damit nicht die so wertvolle Luft zugleich mit uns entweichen sollte, und dann öffneten wir den äußeren Deckel ...

Wir berührten mit den Füßen den Mondgrund, und in diesem Augenblick umfaßte uns eine entsetzlich betäubende Stille. Ich sah durch die Glasmaske auf Peters Gesicht und bemerkte, daß er die Lippen bewegte; ich dachte mir, daß er spreche, aber ich hörte keinen Laut. Die Luft ist hier zu dünn, als daß sie eine Menschenstimme übermitteln könnte. Ich hob einen Stein auf und warf ihn. Er fiel langsam, langsamer als auf der Erde und ohne jegliches Geräusch. Ich wankte wie ein Betrunkener; ich glaubte wirklich schon in der Welt der Geister zu sein.

Wir mußten uns durch Gesten verständigen. Die Erde, die uns genährt hat, verhalf uns dazu durch ihr Leuchten.

Wir nahmen die Kanone heraus, die in einer nach außen zu öffnenden Seitenwand untergebracht war, und ein Gefäß mit Explosionsmaterial, das für sie besonders hergestellt wurde. Diese Arbeit ging leicht vonstatten, da die Kanone hier kaum den sechsten Teil dessen wog, was ihr Gewicht auf der Erde betrug.

Jetzt hieß es nur das aufgestellte Geschütz genau bis zur Bleischnur zu laden, nachdem man in die hohle Kugel eine Karte gelegt hatte; bei der Leichtigkeit der Gegenstände auf dem Mond mußte diese Explosionskraft vollständig genügend wirken, um sie in gerader Linie auf die Erde zu befördern. Aber es war uns unmöglich, diese Arbeit zu vollenden. Eine unbeschreiblich entsetzliche Kälte schnürte uns wie mit eisernen Krallen die Brust zusammen. Seit ungefähr dreihundertundzehn Stunden hat hier die Sonne nicht mehr geschienen, und die Atmosphäre ist nicht dicht genug, so lange Zeit hindurch die Wärme der während des langen Tages sicherlich erglühten Steine festzuhalten ...

Wir kehrten zu dem Fahrzeug zurück, das uns wie ein Paradies an Wärme erschien, obwohl wir mit dem Feuer sparen. Vor dem Aufgang der Sonne, die diese Welt erwärmen wird, ist es unmöglich, die Versuche, hinauszugehen, zu erneuern. Und diese Sonne will und will nicht kommen!

Wann wird sie endlich erscheinen, und was wird sie uns bringen?

Siebzig Stunden sechsundvierzig Minuten nach Ankunft auf dem Mond.

O’Tamor ist gestorben.

Der erste Mondtag, drei Stunden nach Sonnenaufgang.

Wir sind nur noch vier. In einer Weile treten wir die Reise an. Alles ist bereit: unser Fahrzeug hat sich, nachdem die Räder befestigt sind und nach Aufstellung des Motors, in einen Wagen verwandelt, der uns, diese Wüste durcheilend, dem Lande zuführen soll, wo wir leben und atmen können ... O’Tamor wird hier bleiben ...

Wir sind von der Erde geflohen, — aber der Tod, der mächtige Herr des Erdengeschlechtes, hat mit uns den Weltenraum durchflogen und uns gleich im Anfang in Erinnerung gebracht, daß er bei uns ist — unbarmherzig, siegreich — wie dort! Wir fühlten seine Gegenwart und Nähe, seine Allherrschaft so lebhaft wie niemals auf der Erde. Wir sehen uns unwillkürlich an: Wer kommt jetzt an die Reihe? ...

Es war noch Nacht, als plötzlich Selena aus der Ecke hervorkam, wo sie seit einigen Stunden zusammengekauert gelegen und, die Schnauze dem durch das Fenster leuchtenden Halbmond der Erde entgegenstreckend, entsetzlich zu heulen begann. Wir sprangen alle auf, wie von einer inneren Kraft in die Höhe geworfen.

— Der Tod kommt! schrie Martha.

Woodbell, der sich besser fühlte, stand am Lager O’Tamors und wandte sich langsam zu uns:

— Er ist schon gekommen, sagte er.

Wir trugen die Leiche aus dem Fahrzeug hinaus. In diesem felsigen Grunde ist es unmöglich ein Grab zu graben. Der Mond will unsere Toten nicht beherbergen — wie wird er uns Lebende aufnehmen?

Wir legten also die Leiche auf diesem harten Mondfelsen auf den Rücken, das Gesicht der am Himmel leuchtenden Erde zugekehrt und sammelten die hier und da auf der Ebene zerstreut liegenden Steine, um aus ihnen ein Grab zurechtzulegen. Wir umgaben den Dahingeschiedenen mit einem nicht allzu hohen Wall, konnten jedoch keine genügend große Steinplatte finden, um ihn zu bedecken. Da sagte Peter durch das Rohr, das unsere Köpfe verband und so eine Verständigung ermöglichte:

— Lassen wir ihn hier so liegen ... Siehst du nicht, daß er auf die Erde blickt?

Ich betrachtete den Toten. Er schien in der Tat mit verglasten, weit aufgerissenen Augen in das Auge der Erde zu starren, das sich immer mehr schloß, immer mehr vor dem Glanze der uns noch unsichtbaren Sonne, die bald aufgehen sollte. Mag er so liegen bleiben ...

Aus zwei Eisenstäben, den Bruchstücken des zerschmetterten Gerüstes, das uns während des Falles vorm Zermalmen bewahrt hatte, machten wir ein Kreuz und befestigten es auf dem Steinwall über dem Haupte O’Tamors.

Da — als wir die traurige Arbeit gerade beendet hatten und zum Fahrzeug zurückkehren wollten, geschah etwas Seltsames. Die Gipfel der Berge, die vor uns in dem fahlen Schein der Erde auftauchten, färbten sich plötzlich, ohne jeglichen Übergang, blutigrot und dann erstrahlten sie in einem weißlich glühenden Glanze auf dem Hintergrunde des tiefschwarzen Himmels. Der Fuß der Berge erschien jetzt, durch den Kontrast der Beleuchtung gänzlich verdunkelt, fast unsichtbar; nur die höchsten Kappen hingen über uns, wie ein im Feuer erglühter Stahl, sich allmählich, aber stetig vergrößernd. Infolge des Mangels der Luftperspektive, die auf der Erde die Schätzung der Entfernung ermöglicht, schienen diese weißen Flecke auf dem Hintergrunde des schwarzen Himmels, inmitten der Gestirne, gerade über unseren Häuptern zu hängen, wie abgerissen von dem felsigen Fundament, das sich in der Dämmerung verlor. Wir wagten kaum die Hand auszustrecken, aus Furcht, diese Stücke des lebendigen Lichtes zu berühren.

Sie aber wuchsen und wuchsen vor unseren Augen, als wenn sie sich uns in langsamer, unerbittlicher Bewegung näherten; bald waren sie so dicht vor uns, daß wir unwillkürlich zurückwichen ... gänzlich vergessend, daß diese Gipfel Hunderte, vielleicht auch Tausende von Metern von uns entfernt sind.

Plötzlich sah Peter sich um und stieß einen Schrei aus. Ich wandte, seiner Bewegung folgend, den Kopf und — stand wie festgebannt vor einem unerhörten, nicht zu schildernden Schauspiel im Osten!

Über dem schwarzen Grat eines Berges glimmte die blasse, silberne Säule eines Zodiakallichtes. Wir starrten, einen Augenblick den Toten vergessend, auf diesen Punkt, als unten an der Säule, dicht an der Grenze des Horizontes, kleine, springende rote Flämmchen im Kranze zu flackern begannen.

Die Sonne ging auf! Die mit so heißer Sehnsucht erwartete, lebenspendende Sonne, die O’Tamor hier nicht mehr sehen soll!

Wir weinten beide wie Kinder.

Und schon erstrahlte sie am Horizonte, hell und weiß. Jene zuerst wahrgenommenen roten Flämmchen waren Protuberanzen, starke Ausströmungen glühender Gase, die von der Sonnenkugel nach allen Richtungen hinschießen und auf der Erde, wo sie durch die Atmosphäre verblassen, nur während einer vollkommenen Sonnenfinsternis sichtbar sind. Hier, beim Fehlen der Luft, zeigten sie uns das Erscheinen der Sonnenscheibe an und werden es noch lange jeden Tag so anzeigen, für kurze Augenblicke einen blutigen Schein auf die Berge werfend, ehe sie in blendender Weiße im vollen Tagesglanz erglühen.

Nach einigen Minuten erschien an Stelle des roten Flammenkranzes ein weißes Segment der Sonnenscheibe über dem Horizont; eine volle Stunde brauchte diese Scheibe, um hinter den Felsen im Osten hervorzukommen.

Diese ganze Zeit hindurch waren wir, trotz der immensen Kälte, mit den Vorbereitungen zur Reise beschäftigt. Jeder Augenblick ist wertvoll; man darf die Abfahrt nicht länger hinausschieben. Jetzt ist schon alles bereit.

Es ist seit Aufgang der Sonne wärmer geworden. Ihre Strahlen, obwohl sie noch schräg fallen, wärmen mit der ganzen Kraft, da sie nicht durch die Atmosphäre abgeschwächt sind, wie dies auf der Erde der Fall ist. Ein seltsamer Anblick! ...

Die Sonne flammt wie eine strahlenlose Kugel, die auf den Bergen wie auf einem mächtigen schwarzen Kissen ruht. Es gibt hier nur zwei Farben, die durch ihren scharfen Kontrast das Auge unaussprechlich quälen: Weiß und Schwarz. Der Himmel ist schwarz und, obwohl es schon Tag geworden, mit einer unermeßlichen Anzahl von Sternen übersät; rings um uns breitet sich eine leere, wilde, Entsetzen erregende Landschaft, ohne Milderung des Lichtes, ohne Halbschatten, zur Hälfte schimmernd weiß vom Sonnenglanz, zur Hälfte dagegen in tiefes Schwarz gehüllt. Es fehlt jene Atmosphäre, die auf der Erde dem Himmel die wundervolle blaue Farbe verleiht, die, selbst von Licht übersättigt, die Sterne vor Sonnenaufgang verrinnen läßt und wonnige Dämmerungen schafft; die sich beim Morgen- und Abendrot in zartes Rosa taucht, in Regenbogen tränkt, mit Wolken verfinstert und feine Übergänge vom grellen Licht zur milden Dämmerung malt.

Nein, unsere Augen sind nicht für dieses Licht und diese Landschaftsbilder geschaffen!

Wir befinden uns auf einer weiten Ebene von massivem Gestein, das hie und da von Spalten zerrissen ist, die sich in nordwestlicher Richtung erstrecken. Im Westen (Osten und Westen unsrer Welt bezeichne ich, übereinstimmend mit der tatsächlichen Lage, also umgekehrt wie wir dies in den Mondkarten auf der Erde finden) im Westen also sieht man steile Hügel, über denen in nordwestlicher Richtung der zerrissene Grat eines Berges thront. Im Norden erhebt sich die Ebene allmählich, jedoch, wie es scheint, zu bedeutender Höhe. Nach Osten zu werden unzählige Spalten, Gebirgsvorsprünge und kleine Schluchten, die künstlich ausgegrabenen Vertiefungen ähneln, sichtbar, und gegen Süden erstreckt sich eine unabsehbare Flachebene.

Varadol behauptet, auf Grund der in Eile vorgenommenen Messungen des Höhenstandes der Erde am Himmel, daß wir uns tatsächlich auf dem Sinus Medii befinden, wohin wir nach den Berechnungen hätten fallen müssen. Mir scheint dies jedoch nicht ganz richtig zu sein, denn die Gipfel, die im Norden und Westen jene Flachebene begrenzen, nämlich die aus den Karten bekannten: Mosting, Sommering, Schroter, Bode und Pallas, entsprechen weder ihrer Lage noch ihrer Höhe nach dem, was wir hier vor uns sehen. Aber schließlich ist es einerlei! Wir fahren nach Westen, um längs dem Äquator, wo nach den Karten der Mondgrund am gleichmäßigsten zu sein scheint, diesen Globus zu umkreisen und auf seine andere Seite zu gelangen.

Bald wird von uns hier nichts mehr übrig sein! Nur das Grab mit dem Kreuze bezeichnet für ewige Zeiten die Stelle, an der die ersten Menschen auf dem Monde gelandet sind.

Lebewohl denn, Grab meines Freundes, du erster Bau, den wir auf dieser neuen Welt errichteten! Lebewohl, toter Freund, teurer und treuloser Vater, der du uns von der Erde entführtest und beim Eintritt ins neue Leben verlassen hast! Das Kreuz, das über deinem Grabe steht, gleicht einer Standarte, die Zeugnis dafür ablegt, daß der siegreiche Tod mit uns gekommen und auch dieses Reich erobert und in Besitz genommen hat ... Wir fliehen vor ihm; du bleibst mit ihm zurück, ruhiger als wir, auf die unbewegliche Erde starrend, die dich gezeugt, das Kreuz, dessen treuer Bekenner du warst, über deinem Haupte.

Am ersten Mondtage, einhundertsiebenundneunzig Stunden nach Sonnenaufgang. Mare Imbrium, 11° westlicher Länge, 17° 21’ nördlicher Mondbreite.

Endlich kann ich meine Gedanken sammeln! Welch ein furchtbarer, erbarmungslos langer Tag, was für eine entsetzliche Sonne, die ihre Gluten fast seit zweihundert Stunden aus diesem grundlos schwarzen Himmel herabsendet! Zwanzig Stunden sind schon seit Mittag vergangen und sie steht noch immer fast senkrecht über unseren Häuptern, inmitten einer Fülle glanzloser Sterne, neben dem schwarzen Reifen der verblaßten Erde, die von einem Hof lichtdurchtränkter Atmosphäre umgeben ist. Wie seltsam dieser Himmel über uns! Alles um uns herum hat sich verändert, nur die Konstellationen der Gestirne sind wie wir sie von der Erde aus gesehen haben. Hier, wo die Luft den Blick nicht trübt, sind unvergleichlich mehr Sterne sichtbar. Das ganze Firmament scheint wie mit Sand von ihnen überstreut zu sein. Die doppelten Sterne leuchten wie farbige Punkte, grün, rot oder bläulich, nicht in der uns bekannten Silberfarbe zerfließend. Dabei erscheint der Himmel, der hier keinen farbigen Lufthintergrund hat, nicht als flache, hohle Kuppel. Man wird sich im Gegenteil seiner unermeßlichen Tiefe bewußt und bedarf keiner Berechnungen, um festzustellen, welcher Stern weiter entfernt oder näher liegt. Blickt man auf den Großen Wagen, bemerkt man, daß einige seiner Sterne tief zurückliegen, im Vergleich mit anderen nähergerückten, während er, von der Erde aus betrachtet, wie sieben Stifte, die in eine glatte Decke eingeschlagen sind, aussah. Die Milchstraße ist hier kein loser Lichtstreifen, sondern eine kompakte Schlange, die sich durch die schwarzen Untiefen wälzt. Ich habe den Eindruck, als wenn ich durch ein wundervolles Stereoskop auf den Himmel sähe.

Und was das Merkwürdigste ist, die Sonne flammt inmitten der Sterne in strahlendster Helle und verdunkelt auch nicht das schwächste der himmlischen Lichter ...

Die Glut ist entsetzlich; man glaubt, die Felsen müßten zu schmelzen beginnen und zerfließen wie an schönen Märztagen das Eis auf unsern Flüssen. So endlos lange Stunden sehnten wir uns nach der Sonne und ihren erwärmenden Strahlen und jetzt müssen wir vor ihr fliehen, um unser Leben zu retten. Seit etwa zehn Stunden stehen wir auf dem Grunde einer tiefen Spalte, die sich vom Fuße des zerklüfteten Berges Eratosthenes den Apennin entlang in die Tiefe des Regenmeeres erstreckt. Hier erst, tausend Meter unter der Oberfläche, fanden wir Schatten und etwas Kühle ...

Nachdem wir hierher geflüchtet, schliefen wir vor Erschöpfung zehn Stunden ohne Unterbrechung. Im Traume schien es mir, daß ich mich noch auf der Erde befinde, in grünen, kühlen Hainen, wo von frischem Moos umrahmt ein kristallklarer Bach plätscherte. Weiße Wolken glitten am blauen Himmel dahin; ich hörte den Gesang der Vögel, das Summen der Käfer und Stimmen der Menschen, die vom Felde heimkehrten.

Selenas Bellen weckte mich auf.

Ich öffnete die Augen, war aber so verschlafen, daß ich lange nicht begreifen konnte, wo ich bin, was mit mir geschieht, was dieser verschlossene Wagen bedeutet und diese Felsen ringsumher, so öde und wild! Endlich wurde mir alles klar — und ein unaussprechliches Weh schnürte mir das Herz zusammen ... Selena bemerkte, daß ich nicht schlief und kam zu mir; ihre Schnauze auf meine Knie legend, sah sie mich mit ihren verständigen Augen groß an und es schien mir, daß ich in ihrem Blick einen stummen Vorwurf las ... Ich streichelte schweigend ihren Kopf, sie begann traurig zu winseln, sich nach ihren Jungen umsehend, die in der Wagenecke munter miteinander spielten. Diese Jungen, Wotan und Leda, sind die einzigen Geschöpfe, die hier froh sind.

Ah, es ist wahr! Manchmal ist auch Martha noch froh wie ein kleines Kind, aber nur, wenn Woodbell, der immer gleich elend ist, die Hand ausstreckt, um ihr üppiges, dunkelbraunes Haar zu streicheln. Dann strahlt ihr schmächtiges Antlitz in hellem Lächeln und ihre großen, schwarzen Augen blicken in grenzenloser Hingebung auf ihren Geliebten, der noch bis vor kurzem so männlich schön war und jetzt vom Fieber verzehrt und abgemagert dahinsiecht. Sie tut alles, um ihn aufzumuntern, ihm mit jeder Bewegung, mit jedem Blick zu sagen, daß sie ihn liebt und in seiner Nähe glücklich ist, selbst hier, wo es so schwer ist, glücklich zu sein. Ich kann mich einer schmerzlichen Eifersucht nicht erwehren, wenn ich sehe, wie sie ihre vollen, leidenschaftlichen Lippen über seine magere Hand, seinen Hals und sein Gesicht gleiten läßt; wie sie die Lider seiner kalten, müden Augen küßt und ihn liebkosend wie ein kleines Kind an ihre wundervoll geformte Brust bettet, ihm seltsame, für uns unverständliche Weisen singend. Er hörte sie wohl von denselben so heiß küssenden Lippen dort — in ihrem Heimatlande — am malabarischen Strande und jetzt, da sie wieder erklingen, muß er von den säuselnden Palmen, vom Rauschen des blauen Meeres träumen ... Dieses Weib bewahrte ihm in ihrer liebenden Seele die ganze Welt, die für uns unwiederbringlich verloren ist.

Nie werde ich den Tag vergessen, da ich sie zum erstenmal gesehen habe. Es war unmittelbar nachdem wir die Nachricht erhalten hatten, daß Braun zurücktritt. Wir saßen alle vier in Marseille, im Hotelzimmer, von dessen Fenstern aus man auf den Meerbusen blickt und sprachen über diesen Rücktritt des Kameraden, der uns sehr nahe ging.

Da meldete man uns, daß eine Frau uns sofort sprechen wolle. Wir überlegten noch, ob wir sie empfangen sollten, als sie schon selbst ins Zimmer trat. Sie war gekleidet wie die Töchter reicher Eingeborener im südlichen Indien. Das Gesicht, ungewöhnlich schön, hatte einen halb verängstigten, halb entschlossenen Ausdruck. Wir sprangen alle erstaunt auf, Tomas aber erblaßte und starrte, sich über den Tisch neigend, aufmerksam forschend in ihr Antlitz. Mit gesenktem Kopfe blieb sie an der Tür stehen.

— Martha, du hier! rief endlich Woodbell.

Sie kam näher und erhob das Haupt. In ihren Zügen war keine Spur mehr von Zaudern oder Unsicherheit; nur eine wahrhaft südländische Leidenschaft flammte aus ihren von schweren Lidern halb bedeckten schwarzen Augen.

Das volle runde Kinn war vorgebeugt; die roten Lippen halb geöffnet, streckte sie Tomas die Hände entgegen und antwortete, zu ihm aufblickend:

— Ich bin dir gefolgt und werde dir überallhin folgen, selbst auf den Mond!

Woodbell war blaß wie eine Leiche. Er fuhr sich mit beiden Händen an den Kopf und rief fast stöhnend:

— Das ist unmöglich!

Sie sah uns an, und scheinbar dem Alter nach schließend, daß O’Tamor unser Führer sei, warf sie sich ihm zu Füßen, so schnell, daß er nicht Zeit hatte, sie aufzuhalten.

— Herr! rief sie, seine Knie umklammernd, Herr, nehmt mich mit Euch! Ich bin die Geliebte Eures Kameraden; alles habe ich für ihn hingegeben, er darf mich jetzt nicht verlassen! Ich liebe ihn! Ich hörte, daß einer Eurer Genossen zurücktrat und bin von Indien hierher gekommen. Nehmt mich mit! Ich werde Euch keine Unbequemlichkeiten verursachen. Ich will eure Dienerin sein! Ich bin reich, sehr reich, ich gebe Euch Gold und Perlen, soviel Ihr wollt. Mein Vater war Radscha in Travancore am malabarischen Strand und hinterließ große Schätze. Ich bin auch kräftig genug, seht!

Bei diesen Worten streckte sie die nackten, schwarzbraunen Arme aus.

Varadol stammelte:

— Aber für eine solche Reise bedarf es der Vorbereitungen! Das ist etwas anderes, als eine Fahrt mit dem Dampfer von Travancore nach Marseille!

Da begann sie zu erzählen, wie sie ohne Tomas’ Wissen im geheimen dasselbe Training vornahm wie wir, immer in dem Gedanken, daß es ihr im letzten Augenblick gelingen werde, uns zu erbitten, sie mitzunehmen. Jetzt benutzte sie Brauns Rücktritt, die seit langem gefaßte Absicht auszuführen. Sie weiß wohl von Tomas, daß man dort auf dem Mond den Tod finden kann, aber sie will nicht ohne ihn leben und abermals flehte sie uns an.

Da wandte sich O’Tamor, der bis jetzt geschwiegen hatte, mit der Frage zu Tomas, ob er sie mit sich nehmen wolle, und als Woodbell, unfähig ein Wort hervorzubringen, mit dem Kopfe nickte, legte er seine Hand auf die üppigen Haare des Mädchens und sprach langsam und feierlich:

— Du wirst mit uns gehen, Tochter. Vielleicht hat dich Gott zur Eva des neuen Geschlechtes erkoren — möge es glücklicher sein als das irdische!

So lebendig ist mir diese Szene in Erinnerung ...

Eben ruft mich Martha. Tomas fiebert wieder; man muß ihm Chinin geben.

Zwei Stunden später.

Die Glut, anstatt nachzulassen, wird immer größer. Wir flüchteten noch tiefer, um uns vor ihr zu retten. Solange diese entsetzliche Hitze andauert ist es unmöglich an ein Weiterfahren auch nur zu denken. Die Angst schüttelt mich, wenn ich mir sage, daß wir fast noch dreitausend Kilometer vor uns haben, bis wir ans Ziel gelangen ... und wer bürgt uns dafür, daß man dort leben kann? ... Der einzige, O’Tamor, der nicht daran zweifelte, ist nicht mehr unter uns.

Der Wegmesser auf unserem Wagen gibt an, daß wir bereits hundertsiebenundsechzig Kilometer zurückgelegt haben; die Zeit zusammengerechnet, kommt auf jede Stunde ein Kilometer. Und wir bewegten uns doch verhältnismäßig ziemlich schnell vorwärts ...

Vier Stunden nach Sonnenaufgang brachen wir auf und wendeten uns nach Westen. In dem Glauben, daß wir uns auf dem Sinus Medii befinden, wollten wir auf die Flachebene zwischen den Bergen Sommering und Schroter gelangen und von dort den Sommering von Norden und Westen umkreisen. So beabsichtigten wir, uns dem Äquator zu nähern und an ihm entlang, direkt in der Richtung des Gebirgsringes Gambart und des höheren, weiter gegen Westen auf dem Äquator liegenden Landsberg vorzudringen.

Der Grund war ausnahmsweise gleichmäßig, fast ohne Spalten, so daß der Wagen leidlich fahren konnte. Hoffnung und Zuversicht erfüllten unsere Herzen; es war uns warm und leicht — nur die Erinnerung an O’Tamor trübte unsere Freude. Tomas ging es besser und Martha strahlte vor Glück, als sie es bemerkte. Wir begannen aufs neue Pläne zu schmieden. Der Weg schien uns nicht lang, die Mühe nicht allzu groß. Wir bewunderten die Wildheit der in ihrer Erstarrung großartigen Landschaft oder bemühten uns, vermittels der vor uns ausgebreiteten Karte im voraus die phantastischen Bilder zu erraten, die unserer warten. Varadol erinnerte uns an alle Forschungen und Beweise O’Tamors, nach denen die entgegengesetzte Seite des Mondes durchaus den Bedingungen zum Leben genügen und dabei interessant und über alle Beschreibung erhaben sein sollte. Wir sagten uns, wenn dort dieselben Berge sind, die jetzt am Horizonte im Sonnenschein vor uns erglänzen und außerdem noch frisches Grün und Wasser, lohnt es wohl der Mühe, dreihundertvierundachtzigtausend Kilometer zurückzulegen, um diese Herrlichkeiten zu sehen. Wir unterhielten uns lebhaft und Tomas und Martha, wie gewöhnlich fest aneinandergeschmiegt, entwarfen rosige Pläne für das zukünftige Leben in diesem Paradies. Sogar Selena begann, als sie die munteren Stimmen hörte, fröhlich zu bellen und im ganzen Wagen mit ihren spielenden Jungen herumzuspringen.

So verflossen drei Stunden und wir hatten schon gegen dreißig Kilometer zurückgelegt, als Varadol, der gerade an der Reihe war am Steuer zu stehen, den Wagen plötzlich anhielt. Vor uns erhob sich ein nicht hoher, stumpfer Steinwall, der sich von Süden nach Nordwesten erstreckte. Man hätte den Wall mit Leichtigkeit überwinden können, aber es handelte sich darum, die Richtung genau festzustellen, in der wir uns vorwärtsbewegen sollten. Im Nordwesten erhoben sich wild zerklüftete, mächtige Berge, die wir für die Gipfel des Kraters Sommering hielten. Jener Krater, wie die Astronomen auf Erden diese runden Berge hier bezeichnen, erhebt sich zwar nur eintausendvierhundert Meter über der benachbarten Ebene, während diese Berge uns ungleich höher vorkamen, aber wir schrieben dies der leicht erklärlichen optischen Täuschung zu. Außerdem ist es aber auch möglich, daß wir mit unserem Projektil auf den südwestlichen Teil des Sinus Medii, auf die Flachebene, gefallen sind, die sich dem breiten Halbkreis des Zirkus des Flammarion zu öffnet und jetzt zur Rechten den Krater Mosting, von der ansehnlichen Höhe von zweitausenddreihundert Metern, vor uns haben. Auf alle Fälle mußte jener Berg von Norden her umkreist werden, um nicht den ursprünglichen Plan zu ändern. Woodbell riet noch einmal astronomische Messungen vorzunehmen zur Festlegung des Punktes, an dem wir uns befinden, aber da wir jetzt keine Minute verlieren wollten, verschoben wir diese Arbeit auf die heißere Zeit, wo wir infolge der großen Glut würden Aufenthalt machen müssen. Wir lenkten also den Wagen direkt nach Norden. Der Weg wurde immer schwieriger und führte allmählich in die Höhe; hie und da trafen wir Spalten an, denen wir ausweichen mußten, öfter ganze Felder von massivem Gestein, dem Gneis ähnlich, mit vielen losgelösten Felsstücken übersät. Wir bewegten uns immer langsamer und mit großer Mühe vorwärts. An einigen Stellen mußten wir, nachdem wir die Luftbehälter angelegt hatten, den Wagen verlassen, um den Weg zu bahnen und die hindernden Felsblöcke fortzuräumen. Wir priesen dabei die geringe Anziehungskraft des Mondes, durch die es uns möglich war, derartige Felsstücke von der Stelle zu rücken. Anfangs belustigte uns sogar diese Arbeit. Jedem erschien der andere Gefährte, wenn er die mächtigen Klumpen bewegte, wie ein Riese. Selbst Martha half mit. Nur Tomas blieb im Wagen zurück, da er vom Fieber, das immer wiederkehrte, wenn auch das Schmerzen der Wunden aufgehört hatte, zu sehr geschwächt war.

Wir entfernten uns auf diese Weise einige Kilometer weit von dem Punkte, von wo wir uns nach Norden gewandt hatten. Zur Linken eine Reihe kleiner und überaus steiler Hügel, hinter denen sich phantastische Gipfel erhoben. Vor uns stieg der Boden immer schroffer in die Höhe und aus dem mächtigen Wall, den er bildete, ragte eine scharfe Bergspitze hervor. Rechts, gegen Osten, erstreckte sich eine Kette gigantischer Berge.

Vierundzwanzig Stunden waren schon seit Aufgang der Sonne verflossen, als wir auf die glatte Fläche von massivem Gestein gelangten, auf der man sich schneller vorwärtsbewegen konnte. Hier beschlossen wir anzuhalten, um auszuruhen. Dabei beunruhigte uns die seltsame Gestaltung der Landschaft immer mehr.

Wir waren bereits überzeugt, daß wir uns in einer anderen Gegend des Mondes als auf dem Sinus Medii befanden. Man mußte demnach endlich genaue Messungen vornehmen.

Nach kurzer Rast machten wir uns an die Arbeit. Peter stellte die astronomischen Instrumente auf. Der Mittelpunkt der Erdscheibe war vom Zenite 6° gegen Osten und 2° gegen Norden entfernt — wir befanden uns also unter dem 6.° westlicher Mondlänge und dem 2.° südlicher Breite, das heißt, an der Grenze des Sinus Medii, neben dem Krater Mosting. Was diesen betrifft, so konnte kein Zweifel obwalten. Die Messungen waren ganz genau.

Wir beschlossen weiterzufahren, ohne die Richtung zu ändern. Als wir den Weg antreten wollten, rief Varadol plötzlich:

— Und unsere Kanone! Wir haben die Kanone zurückgelassen!

In der Tat, jetzt erst erinnerten wir uns, daß unsere Kanone, das einzige und letzte Mittel, uns mit den Erdbewohnern zu verständigen, mit dem Geschoß und der Kugel beim Grabe O’Tamors zurückgeblieben war. Sein Tod und Begräbnis hatten uns so verwirrt, daß wir beim Aufbrechen vergaßen, die für uns so wertvolle Kanone mitzunehmen. Das war ein unersetzlicher Verlust und um so empfindlicher, als nach der Zerstörung der telegraphischen Verbindung mit ihr der letzte Faden zerriß, der uns mit der Erde verband. Wir fühlten uns plötzlich so grenzenlos vereinsamt, als wenn wir uns in diesem Augenblicke wiederum um Hunderte von Kilometern von dem Globus entfernt hätten, der schon Hunderttausende von Kilometern hinter uns lag.

Unser erster Gedanke war umzukehren und die Kanone zu holen. Vor allem bestand Woodbell darauf, da er es für nötig hielt, uns mit der Erde zu verständigen, damit man weiter beabsichtigte Expeditionen nicht aussende, bevor wir nicht mitteilen konnten, daß wir hier mögliche Lebensbedingungen gefunden haben.

Wenn wir umkommen müssen, sagte er, warum sollen noch andere ihr Leben opfern. Ihr wißt doch, daß die Brüder Remogner zur Fahrt bereit sind. Sie erwarten Nachrichten von uns, aber unser telegraphischer Apparat funktioniert nicht. Man muß sie zurückhalten, wenigstens noch für einige Zeit.

Es hatte jedoch seine Schwierigkeiten mit dem Umkehren. Jede Stunde ist von höchstem Werte, da uns im Falle einer Fahrtverlängerung die Nahrungs- und Luftvorräte ausgehen können, wodurch wir zum sicheren Tode verurteilt wären. Wir haben uns so schon durch die Krankheit O’Tamors zu lange aufhalten müssen und wer konnte dafür bürgen, daß wir die Stelle wiederfinden, wo die Kanone zurückblieb?

Varadol bemühte sich, Tomas’ Bedenken zu zerstreuen. Die Brüder Remogner, führte er an, werden den Weg doch nicht antreten, wenn sie keine Nachrichten von uns erhalten. Im übrigen weiß man nicht, ob die hinausgeschossene Kugel gerade auf eine Stelle der Erde fällt, wo sie jemand auffindet und die Depesche gelangt vielleicht gar nicht in die Hände derjenigen, für die sie bestimmt ist.

Auch fiel uns noch der Umstand ein, daß wir die Kanone, die lediglich für einen senkrechten Schuß konstruiert war, nur in der Nähe des Mittelpunktes der Mondscheibe gebrauchen könnten, wo sich die Erde im Zenite über uns befindet. Für einen parabolischen Schuß von einer andern Stelle des Mondes aus genügte die Kraft des Geschosses nicht und selbst wenn sie genügen würde, hätten wir keine Möglichkeit, die Kanone genau so aufzustellen, um sicher zu sein, daß die Kugel, eine krumme Linie beschreibend, trotzdem ihr Ziel — die Erde — nicht verfehlt. So hätten wir also vielleicht mit einem Schusse weitere Expeditionen aufgehalten, wären alsdann aber nicht mehr imstande, durch einen zweiten Schuß neue Kameraden herbeizurufen, falls wir — bis zur Grenze der von der Erde aus sichtbaren Mondscheibe gelangt — dort günstige Lebensbedingungen antreffen sollten. Auf diese Weise wären wir hier zu einer ewigen Einsamkeit verurteilt. Sollten indessen die Brüder Remogner trotz alledem hierher kommen, so würden sie vielleicht einen stärkeren telegraphischen Apparat mit sich führen und wir so durch sie eine dauernde Art der Verständigung mit den Erdbewohnern erhalten.

Alle diese Umstände sprachen dafür keine Zeit mit dem Suchen der Kanone zu verlieren. Nach kurzer Unterbrechung setzten wir daher unsere Reise fort.

Es sind wiederum vierundzwanzig Stunden verflossen und wir hatten schon gegen hundertdreißig Kilometer hinter uns. Die Sonne stand bereits 28° über dem Horizont und die Hitze wurde immer größer. Wir konstatierten dabei eine interessante Erscheinung. Während sich nämlich die Wand des Wagens, die der Sonne zugekehrt war, so erhitzte, daß sie geradezu brannte, war die der Sonne abgewandte Seite kalt wie Eis. Das Gefühl der Kälte hatten wir auch jedesmal, wenn wir in den Schatten irgendeines Felsvorsprunges fuhren, die wir immer häufiger unterwegs antrafen. Der Grund für diese gewaltsamen Übergänge zwischen Wärme und Kälte ist das Fehlen der Atmosphäre, die auf der Erde zwar die direkte Kraft der Sonnenstrahlen vermindert, sich dafür aber selbst erwärmt und diese Wärme gleichmäßig verteilt, weiterleitet und ein zu schnelles Verfliegen derselben durch Ausstrahlen verhindert.

Aus demselben Grunde ist hier jeder Schatten gleichbedeutend mit Nacht. Das Licht, das nicht in der Atmosphäre verbreitet ist, dringt nur an solche Orte, die den Sonnenstrahlen ausgesetzt sind. Hätten wir nicht den Reflex der von der Sonne erleuchteten Berge und das Licht der Erde, müßten wir jedesmal wenn wir in einen Schatten hineinfahren unsere elektrischen Lampen aufflammen lassen.

Wir hatten jene abschüssige glatte Fläche passiert und begannen uns nach Westen zu wenden, um den vermutlichen Krater Mosting zu umkreisen, nur mit großer Mühe und sehr langsam in diesem wilden Gebirgslande vorwärtsdringend.

Die Landschaft ähnelt in keiner Beziehung den Alpenlandschaften auf der Erde! Dort breiten sich zwischen Gebirgskämmen, die die Gipfel miteinander verbinden, üppige Täler, die durch das Wirken des Wassers im Laufe von Jahrtausenden ausgehöhlt worden sind; hier ist keine Spur von alledem zu finden. Der ganze Grund ist gewölbt und mit einer unermeßlichen Anzahl nicht miteinander verbundener Mulden mit vorspringenden Rändern angefüllt, oder auch mit glatten, vereinzelten Hügeln, oft von ganz ansehnlicher Höhe. Die Stelle der Täler nehmen tiefzerklüftete Risse ein, die sich meilenweit erstrecken und aussehen, als wenn sie mit einem mächtigen Beile in gerader Linie bis auf den Grund gespalten wären. Ich zweifle nicht daran, daß es sich hier um ein Bersten der erlöschenden und sich krümmenden Mondoberfläche handelt.

Dagegen fanden wir keine Spur irgendeiner Wasserwirkung der auf der Erde so übermächtigen Erosion. Ich glaube auch, daß dieses Land niemals Luft und Wasser gehabt hat.

Wir staunten anfangs über die große Menge des Gesteins, das auf dem felsigen Boden zerstreut lag. Aber ungefähr dreißig Stunden später, als die Spannung der Hitze sich auf ein unerhörtes Maß steigerte, erkannten wir die Ursache. Wir fuhren gerade an einem hohen Felsen entlang, dessen Gestein unserem Marmor außerordentlich ähnlich war, als sich plötzlich vor unseren Augen ein Felsblock von einigen zehn Metern im Durchmesser vom Gipfel loslöste und, in Kieselsteine zerstäubend, jählings in die Tiefe hinabsauste. Und dies geschah mit einer geradezu schaurigen Lautlosigkeit. Infolge des Luftmangels hörten wir kein Geräusch; nur der Grund erbebte unter unserem Wagen, als wenn der Mond plötzlich wankte. Die Felsen, die in der Nacht durch die Kälte wie durch einen eisernen Reifen zusammengepreßt werden, erweitern sich während der furchtbaren Glut des Tages an der Seite, die den brennenden Strahlen ausgesetzt ist; die ungleichmäßige Verteilung von Hitze und Kälte muß das Zerspringen und Zerbröckeln vereinzelter Blöcke dieser gigantischen Steinwelt verursachen.

Inzwischen empfanden wir jene scharfen Steine, die die mächtigen Flächen übersäten, ziemlich unangenehm. Wir passierten Stellen, wo unser Fahrzeug sich vermittels der Räder absolut nicht vorwärtsbewegen konnte. Dort ließen wir die „Tatzen“ aus, die dem Wagen ermöglichten die größten Hindernisse zu überklettern wie ein behendes, leichtfüßiges Tier. So kamen wir glücklich über die sich auftürmenden Steinmassen hinweg. Trotz der zahlreichen Versuche, die wir mit dem Wagen auf der Erde machten, hatten wir keine Vorstellung von den Beschwerden einer derartigen, länger andauernden Fahrt. Wenn die Anziehungskraft des Mondes und die damit verbundene Schwere nur um die Hälfte größer wäre, hätten wir in diesem Gestein, unfähig uns von der Stelle zu rühren, elend zugrunde gehen müssen.

Seit Sonnenaufgang ist schon der dritte Erdentag vorübergegangen, während dessen wir kaum zwanzig Kilometer weiter kamen. Die Hitze wird unerträglich. In der dumpfen, glühenden Luft des Wagens und durch die heftigen Bewegungen gerüttelt, fiebert Woodbell aufs neue. Die Wunden, die er beim Fallen des Projektils auf die Mondoberfläche davontrug, beginnen ihn wieder zu schmerzen. Ein Glück, daß wir drei wenigstens heil davongekommen sind! Noch jetzt erfaßt mich ein Schaudern bei dem Gedanken an jene furchtbare Erschütterung!

Erst noch im Weltenraum eine dumpfe Explosion der am Projektil angebrachten Minen, die die Schnelle des Fallens verringern sollten, dann ein Druck auf den Knopf — das schützende Stahlgerüst breitete sich aus und ... Nein, das läßt sich nicht mit Worten beschreiben! Ich sah nur noch, wie Martha sich aus der Hängematte herausbeugte und ihre Lippen auf Tomas’ Mund preßte. O’Tamor rief: Wir sind da! — und ... ich verlor das Bewußtsein.

Als ich die Augen öffnete, lag O’Tamor blutüberströmt am Boden, Woodbell ebenfalls schwerverwundet; Varadol und Martha waren ohnmächtig ... Aus den Trümmern des Stahlgerüstes haben wir dann das Kreuz auf dem Grabe O’Tamors errichtet.

Unsere Chronometer gaben 98 Stunden nach Sonnenaufgang an als wir vor Erschöpfung und Glut zusammenbrechend endlich bemerkten, daß wir uns dem Gipfel des Berges näherten, den wir mit so großer Mühe erkletterten. Während dieser vier Erdentage, die wenig mehr als den vierten Teil des „Tages“ auf dem Monde ausmachten, schliefen wir fast gar nicht und beschlossen nun eine Zeitlang zu rasten.

Woodbell vor allem brauchte Schlaf und Ruhe.

Wir stellten den Wagen in den Schatten eines Felsens, der uns tatsächlich vorm lebendigen Verbraten durch die unerträglichen Sonnenstrahlen bewahrte und legten uns alle schlafen. Nach zwei Stunden schon erwachte ich sehr gestärkt; die andern schliefen noch. Ich wollte sie nicht aufwecken, nahm meinen Luftbehälter und ging allein aus dem Wagen, um die Gegend zu erforschen. Aber kaum hatte ich mich etwas aus dem Schatten begeben, glaubte ich mich in das Innere eines glühenden Hüttenwerkes versetzt. Das war keine Hitze mehr — eine wahre Feuersbrunst ergoß sich vom Himmel; der Boden brannte mir die Füße durch die dicken Sohlen des Luftbehälters. Ich mußte meine ganze Willenskraft zusammennehmen, um nicht in den Wagen zurückzukehren.

Wir befanden uns in einem flachen Felsengang, der zwei Berge aus massivem Gestein trennte und zwischen diesen in einer Art Einsattlung endete, die, soviel ich von der Stelle wo ich stand bemerken konnte, in eine hinter jenen Hügeln nach Süden laufende Ebene überging. Diese Hügel verhüllten mir die Aussicht nach Norden und Süden. Nur nach Osten war der Blick über den Weg frei, den wir gerade zurückgelegt hatten. Ich sah auf steinige Felder, voll von Mulden, Vorsprüngen, Spalten und Gipfeln — und traute meinen eigenen Augen kaum, daß wir mit unserem großen, schweren Wagen da hindurchkommen konnten.

Auf der Erde, bei dem sechsmal größeren Gewichte, wäre das geradezu unmöglich gewesen.

In diesem Augenblicke fühlte ich, daß mich jemand berührte. Ich sah mich um; hinter mir stand Varadol und machte verzweifelte Zeichen. Er hatte, gleich mir, den Luftbehälter angelegt und den Wagen verlassen, da er aber das Sprachrohr nicht mitgenommen, konnten wir uns nicht verständigen. Ich sah nur, daß er blaß und furchtbar erregt war. Ich glaubte, es sei mit Tomas schlechter geworden und stürzte zum Wagen zurück. Er folgte mir.

Kaum hatten wir uns der Luftbehälter entledigt, als Varadol mit vor Aufregung zitternder Stimme sagte:

— Wecke die andern nicht auf und höre: es ist etwas Furchtbares geschehen, ich habe mich geirrt.

— Inwiefern? rief ich, ohne zu begreifen, um was es sich eigentlich handelte.

— Wir sind nicht auf den Sinus Medii gefallen.

— Wo sind wir also?

— Unter dem Eratosthenes, auf der Einsattelung, die diesen Krater mit dem Mond-Apennin verbindet.

Mir wurde schwarz vor den Augen. Ich wußte aus den auf der Erde gemachten photographischen Aufnahmen der Mondoberfläche, daß der Grat, auf dem wir uns demnach befanden, fast senkrecht gegen die nach Westen zu gelegene mächtige Fläche des Mare Imbrium abfällt.

— Wie kommen wir hier herunter? rief ich entsetzt.

— Ruhig. Gott allein weiß es. Es ist meine Schuld. Wir sind auf dem Sinus Aestuum. Sieh ...

Er schob mir eine Karte und einige Blätter zu, die mit Reihen von Ziffern beschrieben waren.

— Irrst du dich nicht etwa? frug ich, einer letzten Hoffnung Raum gebend.

— Diesmal irre ich mich sicher nicht, leider! Auch die anderen Messungen waren ganz genau, ich vergaß nur, daß sich damals die Erde nicht im Zenite über dem Mittelpunkt der Mondscheibe befinden konnte. Du weißt doch, daß der Mond während der Drehung um die Achse kleinen Schwankungen, den sogenannten Librationen unterliegt, wodurch die Erde nicht gänzlich unbeweglich am Himmel erscheint, sondern eine kleine Ellipse umschreibt. Ich habe nun vergessen, aus dieser ihrer Neigung vom Zenit die Verbesserungen vorzunehmen und infolgedessen ihrer Lage nach die Mondlänge und -breite des Punktes, auf dem ich die Messungen machte, falsch bezeichnet. Jetzt können wir das alle mit dem Leben bezahlen!

— Beruhige dich! sagte ich, obwohl ich am ganzen Körper bebte. Vielleicht gelingt es dennoch, uns zu retten.

Wir machten uns zusammen an die Untersuchung der Messungen. Diesmal war jeder Zweifel ausgeschlossen. Nachdem die notwendige Verbesserung vorgenommen war, zeigte es sich, daß wir auf dem Sinus Aestuum unter dem 7.° 35’ westlicher Mondlänge und dem 13.° 8’ nördlicher Mondbreite herabgefallen sind. Wir bewegten uns die ganze Zeit hindurch längs den steilen Bergen, zu Füßen des mächtigen Eratosthenes, vor uns den nicht großen, aber außerordentlich steilen Krater ohne Namen, der in dem hier schon beginnenden Apennin eingeschlossen ist. Gegenwärtig befanden wir uns unter dem 11.° westlicher Mondlänge und dem 15.° 51’ nördlicher Mondbreite.

Wir bezeichneten uns diesen Punkt auf der Mondkarte. Nach dieser erhebt sich die Einsattelung, die wir einige hundert Schritte weit vor uns hatten, neunhundertzweiundsechzig Meter über dem Mare Imbrium.

Es ist doch seltsam: während die Astronomen auf der Erde aus der Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern mit Leichtigkeit die Höhe eines jeden Mondberges berechnen, indem sie im Teleskop die Länge des Schattens, den er wirft, messen, mußten wir, die wir uns auf diesem Berge befinden, zu der auf der Erde gemachten Karte flüchten, um konstatieren zu können, wie hoch er sich erhebt. Der Mangel der Atmosphäre macht die barometrischen Messungen der Höhe unmöglich. Die Veränderung, die wir am Barometer bemerkt hatten beruhte darauf, daß das Quecksilber bis zum Nullpunkt gesunken war. Auf der Höhe, auf welcher wir uns befanden war eine absolute Leere.

Tomas und Martha erwachten bald darauf. Es war unmöglich ihnen die entsetzliche Situation zu verheimlichen, doch schienen unsere Eröffnungen keinen besonderen Eindruck auf sie zu machen. Tomas runzelte die Stirn und biß die Lippen zusammen, während sich Martha, soweit ich aus ihrem Benehmen schließen konnte, keine klare Rechenschaft über das Grauen der Lage zu geben vermochte.

— Wir werden hinabfahren, sagte sie, wie wir heraufgefahren sind, oder umkehren ...

Wir werden hinabfahren, wie wir heraufgefahren sind! Mein Gott, es war doch nur ein reiner Zufall, daß wir den Weg gefunden haben, der uns hierher führte! Und umkehren? — So viel vergebliche Mühen und verlorene Stunden? ...

Wir beschlossen endlich uns auf die Einsattelung zu begeben um zu sehen, ob wir uns nicht auf die Ebene Mare Imbrium herablassen könnten. Nach einigen Minuten befand sich unser Wagen an dem Abgrund!

Der Anblick, der sich uns bot, machte uns erstarren. Der Felsen brach zu unseren Füßen fast senkrecht ab und dort unten, tausend Meter tiefer, erstreckte sich, soweit das Auge reichte, die Ebene Mare Imbrium, von einigen zerstreut liegenden Bergen unterbrochen. Das Fehlen der Luftperspektive brachte es mit sich, daß auch die ziemlich entfernt liegenden Gipfel deutlich sichtbar waren und sich mit ihrem märchenhaft schimmernden Weiß vom schwarzen Hintergrund des sternenbesäten Himmels abhoben. Ein wahrhaft bezaubernder Anblick, über den wir für einen Augenblick das Grauenhafte unserer Lage vergaßen.

Am Horizonte gegen Norden starrte inmitten der unermeßlichen Fläche, wie eine Insel im Meere, der majestätische Krater Timocharis, vierhundert Kilometer von uns entfernt und gegen siebentausend Fuß hoch.

Auf der Erde nehmen die aus der Ferne gesehenen Berge infolge der unklaren Luft eine blaßbläuliche Farbe an; hier erschien jener Gipfel, in der Sonne erglänzend, wie ein weiß erglühter Stahl, mit großen schwarzen Streifen von Schatten und rotschimmernden Adern dunklerer Felsen durchzogen. Etwas gegen Westen sah man ebenfalls deutlich am Himmel die Zacken des Kraters Lambert, der kleiner und weiter entfernt war. Im Westen selbst begrenzten den Horizont zahlreiche niedere Höhenzüge und Felsen, sich mit der uns viel näher liegenden Kette der Mond-Karpaten vereinigend, die das Mare Imbrium von Süden her einschließen.

Hinter dieser Kette, die sich in der Richtung unseres Sehwinkels erstreckte, erhoben sich in der Ferne von Südwesten her die auf kleineren Hügeln gestützten mächtigen Gipfel des Kopernikus, eines der größten Berge auf dem Monde. Wenn ich sagte, daß der Timocharis wie glühender Stahl leuchtete, so habe ich kein Gleichnis mehr zur Beschreibung des blendenden Lichtes, das sich aus der Entfernung von Hunderten von Kilometern von jenem riesenhaften Felsenringe her ergoß, der einen Durchmesser von neunzig Kilometern hat!

Im Nordosten, in endloser Weite, lagen die Gipfel des breiten Zirkus des Archimedes. Der Blick nach Osten und Süden war uns verschlossen — von der einen Seite durch die Kette des Mond-Apennins, von der andern durch den Eratosthenes, der durch den Paß, auf dem wir gerade stehen, mit dem Apennin verbunden ist.

Und in diesem Rahmen das Regenmeer. Wie ironisch erschien uns diese Bezeichnung, die von den alten Astronomen auf der Erde erdacht wurde! Eine entsetzliche Wüste, kalt und grau, hie und da durch große Spalten zerrissen, die, zu länglichen Garben gedehnt, sich vom Timocharis zum Eratosthenes erstrecken. Nirgends eine Spur von Leben! Nur am Fuße der mächtigen, weit entfernten Krater schimmerten in der Sonne vereinzelte, kostbaren Edelsteinen gleichende, gelbe, rote und stahlbläuliche Adern von Felsschichten.

Wir starrten schweigend vor uns hin und wußten nicht, welchen Weg wir wählen sollten. Wenn wir die Fläche des Regenmeeres erreichten, hätten wir eine Strecke vor uns, auf der wir uns schnell vorwärtsbewegen könnten; aber darin lag eben die Schwierigkeit; wie sollten wir dorthin gelangen? Wie uns von jener tausend Meter hohen, senkrechten Wand hinablassen?

Nach kurzer Beratung gingen wir zu Fuß nach Süden, in der Hoffnung, daß es uns vielleicht gelingen könnte, abseits vom Krater des Eratosthenes einen Weg zu finden. Wir schritten auf der schmalen Fläche, die zwischen den Felsen und dem Abgrund lag, der sich nach dem Mare Imbrium zu öffnete. An der einen Stelle war der Durchgang so eng, daß wir schon umkehren wollten, weil es uns unmöglich schien hier mit dem Wagen durchzukommen. Zum Glück erinnerte uns Martha, die uns begleitete, daß wir einen Vorrat von Minen besitzen, mit denen sich die nicht große, uns den Weg versperrende Steinschwelle mit Leichtigkeit sprengen ließe. Wir passierten sie daher, über den schwindelnden Abgrund schlüpfend, und gingen weiter. Jetzt erhob sich der Gebirgskamm, der breiter und flacher wurde, langsam nach oben. Wir gingen immer nach Süden zu. Rechts und links starrten die Riesengipfel des Ringes des Eratosthenes.

Zwei Stunden nach der Umkreisung jener Schwelle wurden wir durch einen neuen Abgrund aufgehalten, der sich so unerwartet vor uns auftat, daß Peter, der voranging, mit einem Schrei des Entsetzens zurückprallte. In der Tat war der Anblick, den wir jetzt vor uns hatten, wohl das Furchtbarste, was man sich vorstellen kann.

Immer in südlicher Richtung vorwärtsdringend, gelangten wir, ohne zu wissen wie, in eine tiefe Scharte, die schon am Rande des Eratosthenes lag. Zur Rechten und zur Linken türmten sich zerrissene Gipfel, von denen der eine weißschimmernd im Sonnenglanze erstrahlte, während sich der andere im Schatten in tiefes Schwarz hüllte. Und vor uns ... Nein, wer vermag das zu beschreiben! — Vor uns ein Abgrund! Eine unabsehbare, bodenlose Untiefe. Es lag etwas so grauenhaft Raubgieriges in dieser Majestät des Schreckens und der Starrheit, daß mich noch jetzt Schauer der Angst schütteln, wenn ich daran zurückdenke!

Wir sahen in das Innere des Kraters des Eratosthenes.

Ein mächtiger Bergwall, wie eine Säge mit Zacken besetzt, bildete einen geschlossenen Kreis von einigen zehn Kilometern im Durchmesser und auf diese Weise eine Mulde, die furchtbarste wahrscheinlich, die das menschliche Auge je gesehen hat. Die Gipfel, viertausend Meter über den Grund dieser Tiefe des Grauens emporragend, fielen fast senkrecht in seltsamen Windungen ab, als wenn sich Steinkaskaden in wilden Sprüngen herabwälzten. Die Mulde, die im Verhältnis zu der Oberfläche des durch den Wall abgetrennten Mare Imbrium zweitausend Meter tiefer lag, erschien uns noch unergründlicher durch die mächtigen sich daneben auftürmenden Berge und die dichten Schatten, die sie gespensterhaft einhüllten. Aus ihrem Grunde reckten sich noch einige vereinzelte kegelförmige Gipfel, die beinahe die halbe Höhe des benachbarten Walls erreichten. Wir blickten von unserem Steinfenster auf sie herab. Kleine, dunkelgraue Rauchwolken stiegen von Zeit zu Zeit empor und senkten sich infolge der fehlenden Atmosphäre sofort wieder, um sich am Fuße der Berge wie Asche auszubreiten. Es war kein Zweifel, daß wir hier noch nicht erloschene Vulkane vor uns hatten.

Die grellen Gegensätze von Licht und Schatten vergrößerten noch das Gefühl des Grauens. Der ganze östliche Rand des Innern war in geheimnisvolle Dämmerung gehüllt, die mit dem schwarzen Himmel zusammenzufließen schien. Der westliche Rand hingegen flammte in der Sonne wie eine weiße, von dunklen Bergrinnen zerrissene und mit unzähligen spitzen Gipfeln bedeckte Wand, gleich Elfenbeintürmen, die auf dem Hintergrunde der schwarzen Schattenflecke leuchteten. Nach Süden zu erschien der Wall durch die Entfernung niedriger und erweckte den Eindruck, das mit Stacheln versehene Tor dieser Untiefe zu sein. Zu unseren Füßen — ein schwindelnder Abgrund.

Und über all dem Schauerlich-Erhabenen wandelte am schwarzen Himmel die feurige, strahlenlose Sonne, immer näher der Erde, die, in starrem Glanze schimmernd, zu einer schmalen, scharfen Sichel gekrümmt, über diesem Tal schwebte wie ein Zeichen des Todes.

Unwillkürlich dröhnten mir die Worte Dantes in den Ohren:

Vero é che in su la proda mi trovai

della valle d’abisso dolorosa ....

Und bei dieser Erinnerung tauchten in meinem vor Ermattung, Glut und Entsetzen geschwächten Gehirne Visionen der Danteschen Hölle auf, die nicht furchtbarer sein konnte als das, was ich hier vor mir sah! Der am Boden des mächtigen Kessels sich wälzende Rauch schien mir der Geistertanz der Verfluchten zu sein, die sich im Wirbel um Luzifers mächtige Gestalt drehten, dessen Formen einer der Vulkankegel in meinen Augen annahm ... Geister — Geister — eine entsetzliche Prozession der Verfluchten! Sie ziehen dahin, fließen in mächtigen Fluten über die felsigen Abhänge der Untiefe, gleiten in den Abgrund, wälzen — drängen sich. Einige wollen sich erheben, auf — auf — zur Sonne — sie reißen sich vom Boden los und stürzen, wieder zusammenfallend, wie Bleiklumpen auf dieselbe Stelle, — hinab — hinab zur ewigen Verdammnis ...

Und alles das spielt sich in dieser entsetzenerregenden, schaudervollen Stille ab ...

Die Welt begann mir im Kopfe zu wirbeln; ich fühlte, daß ich einer Ohnmacht nahe war.

Da vernahm ich Weinen. Ich war so verwirrt, daß ich im ersten Augenblick wirklich glaubte das Jammern der Verfluchten zu hören. Aber diesmal war es keine Vision. Es war wirkliches, herzzerreißendes Weinen, das durch das Rohr, das die Köpfe unserer Luftbehälter verband, zu mir drang.

Ich erwachte aus meiner Betäubung und blickte um mich. Woodbell stand da wie versteinert, den Rücken an den Felsen gelehnt, blaß, mit gesenktem Haupte. Varadol glich in seinen Bewegungen einem gefesselten wilden Tiere; er stampfte unruhig auf und ab, soweit es ihm der Boden und die Länge des Rohres erlaubte und sah sich nach allen Seiten um, als wenn er zwischen diesen Steinmassen einen Weg und Ausgang suchte. Martha kniete am Boden, von einem Schluchzen, das durch die höchste Erregung der Nerven hervorgerufen wurde, geschüttelt.

Ein grenzenloses Erbarmen erfaßte mich. Ich näherte mich ihr und legte langsam den Arm um ihre Schultern. Da begann sie wie ein Kind zu klagen und rief, wie in jener denkwürdigen langen Nacht vor dem Tode O’Tamors:

— Auf die Erde! Auf die Erde!

In ihrer Stimme lag eine so tiefe, markerschütternde Verzweiflung, daß ich kein Wort finden konnte, sie zu trösten. Wie sollte ich das auch anfangen? Unsere Situation war tatsächlich eine verzweifelte. Ich wandte mich zu Varadol:

— Was soll jetzt werden?

Peter zuckte die Achseln.

— Ich weiß, nicht ... Der Tod. Es ist doch unmöglich, hier herunterzukommen.

— Und wenn wir umkehrten? warf ich ein.

— O ja! Umkehren! Umkehren! schluchzte Martha.

Varadol schien ihr Weinen nicht zu hören. Er sah eine Zeitlang vor sich hin, dann antwortete er, sich zu mir wendend:

— Umkehren ... Höchstens um auf einem andern Wege auf dasselbe Hindernis zu stoßen, nachdem wir schon so viel kostbare Zeit verloren haben. Sieh!

Er wandte sich mit dem Gesicht nach Norden und blickte über die unabsehbare Fläche des Mare Imbrium.

— Wenn wir dorthin gelangen könnten, sagte er, würden wir einen verhältnismäßig ebenen Weg vor uns haben, aber wie wäre das zu ermöglichen ... Höchstens wenn wir uns kopfüber ...

Ich folgte mit den Blicken der bezeichneten Richtung. Das Regenmeer, glatt und eben, von der Sonne beleuchtet, erschien mir als ein Paradies, im Vergleich mit dem furchtbaren Innern des Eratosthenes. Es begann fast dicht unter unseren Füßen, scheinbar so nahe, daß ein Sprung genügen würde, es zu erreichen. Doch trennte uns ein senkrecht abstürzender, tausend Meter hoher Felsen von dieser Ebene.

Wir drängten uns alle aneinander und sahen mit unaussprechlicher Sehnsucht hinunter. Wir fühlten weder Ermattung, noch die brennenden Strahlen der Sonne, die bereits hinter der Felsengrenze über uns aufging.

Nach einer Weile wiederholte Peter:

— Dorthin werden wir nicht gelangen ...

Ein lauter Weinkrampf Marthas, die nicht mehr fähig war sich zu beherrschen, antwortete ihm.

— Schweig! schrie Varadol, sie bei der Schulter packend, oder ich werfe dich von hier hinab! Wir haben genug Sorgen!

Da trat plötzlich Tomas hervor.

— Sei still — und du weine nicht; wir werden auf das Mare Imbrium hinüberkommen, — holen wir den Wagen.

Es war so viel Entschlossenheit in diesen ruhig gesprochenen Worten, daß wir seine Weisung sofort ausführen wollten und nicht wagten uns zu widersetzen oder auch nur zu fragen.

Woodbell hielt uns noch zurück.

— Seht, sagte er, auf die äußeren, dem Regenmeere zugewandten Abhänge des Eratosthenes zeigend, seht ihr diese Kante dort, die fünfzig Meter tiefer am Fuße der Wand liegt? Soweit man von hier berechnen kann, senkt sie sich ziemlich sanft bis zur Fläche; da werden wir hinunterfahren können ...

— Aber diese Wand ... flüsterte ich, unwillkürlich auf den senkrecht herabstürzenden Felsen blickend, der uns von dem ziemlich breiten Grat der Kante trennte.

— Unsinn, wir sind doch geübt im Erklettern der Felsen! Wir werden sie seitlich leicht umgehen können.

— Und der Wagen? ...

— Den Wagen werden wir zuerst herunterlassen, nachdem wir ihn an Seilen festgebunden haben. Vergeßt nicht, daß wir auf dem Monde sind, wo alles sechsmal leichter ist und das Herabfallen aus einer Höhe von fünfzig Metern nicht mehr bedeutet wie auf der Erde ein Fall von acht!

Tomas’ Rat wurde also befolgt.

Hundertneun Stunden nach Sonnenaufgang begannen wir den steilen Abhang des Eratosthenes hinabzufahren, um zum Mare Imbrium zu gelangen. Fast drei ganze Erdentage dauerte das Hinunterlassen in die Ebene, die dicht zu unsern Füßen lag. Den größten Teil des Weges legten wir zu Fuß zurück, von unbarmherzigen, immer senkrechter auf uns niederbrennenden Sonnenstrahlen gequält, vor Ermattung und Erschöpfung fast umsinkend. Den Wagen mußten wir aus einer Höhe von zirka fünfzig Metern herablassen; er blieb unbeschädigt. Aber die Hunde, die wir einschließen mußten, waren, trotz unserer größten Vorsicht, schrecklich zerschlagen und zerschunden. Einige Male hielten wir an, da wir die Hoffnung aufgaben, lebend in die Ebene hinabzukommen. Die Kante war kein so erträglicher Weg, wie uns dies von oben aus der Ferne geschienen. Durch Zerklüftungen und Vorsprünge zerrissen, zwang sie uns oft umzukehren oder Stellen zu umgehen, was um so schwieriger war, weil wir überall den Wagen hinter uns herschleppen oder an Seilen herablassen mußten. Oft packte uns die Verzweiflung. Dann zeigte Woodbell, obwohl durch das Fieber und die Wunden geschwächt, am meisten Geistesgegenwart und Willensstärke. Wenn wir leben und leben werden, so haben wir es ihm zu verdanken.

Ich weiß nicht, ob wir während dieser drei Tage mehr geschlafen haben als zwölf Stunden, jedesmal eine leidlich schattige Stelle heraussuchend, um uns vor den Sonnenstrahlen zu schützen. Manchmal nahm die mörderische Glut uns gänzlich das Bewußtsein.

Es war gerade Mondmittag, und die Sonne stand senkrecht über uns, neben der verblaßten Erdkugel, die mit einem blutroten Reifen lichtdurchtränkter Atmosphäre umgeben war, als wir, bis zum äußersten erschöpft, endlich auf der Ebene anlangten.

Die Glut war so groß, daß sie uns den Atem nahm; in den Schläfen klopfte und hämmerte es zum Zerspringen. Sogar der Schatten gab keinen Schutz mehr! Die glühenden Felsen flammten überall wie im Feuer, wie der Rachen eines Hüttenofens.

Selena keuchte mit heraushängender Zunge, die Jungen winselten und lagen bewegungslos in der Wagenecke. Wir wurden, einer nach dem andern, ohnmächtig und glaubten, daß uns der Tod am Eingang der so ersehnten Ebene ereilen müsse. Nur vor der Sonne fliehen — aber wohin?

Da erinnerte uns Martha daran, daß wir beim Abstieg vom Berge eine tiefe Spalte sahen, die jetzt scheinbar durch die Ungleichmäßigkeit des Grundes vor uns verdeckt war. Wir fuhren daher in der bezeichneten Richtung und fanden wirklich nach einer Stunde Fahrt, die uns wie ein Jahr vorkam, jene rettende Spalte, das heißt eine Schlucht, durch das Bersten der Mondschale gebildet, tausend Meter tief und einige hundert breit, im übrigen den Schluchten auf der Erde in keiner Weise ähnlich.

Sie zieht sich, soweit wir von hier aus berechnen können, einige zehn Kilometer parallel der Apenninkette hin. Auf den Mondkarten ist sie nicht angegeben; wahrscheinlich entging sie den Astronomen infolge des Schattens, in den sie immer gehüllt sein muß, da sie in der Nähe hoher Berge liegt.

Uns wurde diese Spalte zur Rettung! Wir fuhren schnell in ihre Tiefe hinab, tausend Meter unter der Oberfläche des Mare Imbrium und fanden dort erst ein wenig Kühle ....

Der Schlaf hat uns gestärkt und erquickt. Nur Tomas, den bis jetzt eine eiserne Willenskraft aufrecht hielt, fiebert wieder. Er ist so geschwächt, daß er sich nicht rühren kann. Trotzdem werden wir in zirka zwanzig Stunden weiterfahren. Die Sonne beginnt sich vom Zenit nach Westen zu neigen. Dort auf der Ebene muß die Glut immer noch entsetzlich sein, aber jedesfalls nicht mehr so wie vor einigen Stunden. Übrigens können wir sie nach der Rast leichter ertragen.

Nach langer Überlegung änderten wir den Plan der Fahrt. Statt nach Westen werden wir uns nach Norden wenden, zum Pol des Mondes. Wir gewinnen dabei zweifach. Vor allem haben wir tausend Kilometer guten, glatten Weg durch die Ebene Mare Imbrium vor uns, was die Fahrt bedeutend beschleunigen wird. Dann kommen wir, uns dem Pole nähernd, in eine Gegend, wo die Sonne am Tage nicht so hoch über dem Horizonte steht, dahingegen in der Nacht tief unter den Horizont fällt; wir hoffen dort also eine erträglichere Temperatur zu finden. Noch ein solcher Mittag wie heute — und unser Tod wäre unabwendbar.

Auf Mare Imbrium, dreihundertvierzig Stunden nach Sonnenaufgang.

Der Tag geht schon zur Neige. Bald in 14½ Stunden wird die Sonne untergehen, die jetzt über den fernen, runden Hügeln im Westen steht, — kaum einige Fuß über dem Horizonte. Jede Ungleichmäßigkeit des Terrains, jeder Stein, die kleinste Erhebung werfen lange, unbewegliche Schatten, die die mächtige Ebene, auf der wir uns befinden, in einer Richtung zerschneiden. Soweit das Auge reicht, nichts als eine endlose, tote Wüste, von Süden nach Norden in lange Steinfurchen gepflügt, die jene schwarzen Schattenstreifen kreuzen ... Weit, weit am Horizonte starren die höchsten Bergspitzen, die wir vom Eratosthenes aus gesehen haben und deren Fuß jetzt durch die Kugelform des Mondglobus vor uns verhüllt ist.

In dem Maße wie wir uns vom Äquator entfernen, neigt sich die gläserne Erde über uns vom Zenit nach Süden. Sie nähert sich bereits dem ersten Viertel und leuchtet hell — wie sieben Vollmonde. Dort, wohin der schwächer werdende Glanz der Sonne nicht dringt, färbt sich ihr gespensterhaftes Licht in zartes Silbergrau. Wir haben zwei Himmelslichter, von denen durch den Kontrast das eine, stärkere, gelb und das andere blaßbläulich erscheint. Diese ganze Welt ist zur Hälfte grellgelb und zur Hälfte graublau. Wenn ich nach Osten sehe, färben sich die Wüste und die weit entfernten Gipfel des Mond-Apennins gelb; von Westen, gegen die Sonne, ist alles kalt, bläulich und in Dämmerung gehüllt. Und über der zweifarbigen Wüste immer dieser schwarzsamtene Himmel, mit verschiedenfarbigen, funkelnden Steinen, mit wundervollem Staub vom feinsten goldenen Sand übersät ...

Die Nacht ist nahe. Sie hat schon ihren Verkünder ausgesandt, den einzigen, der ihr auf dieser Welt ohne Dämmerung und Abendröte geblieben ist ... Ihr voran geht die Kühle über die Wüste, setzt sich in jede Spalte, in jeden Schatten und wartet geduldig, — früh wird die Sonne vom Firmamente herabgleiten, ihr und der Nacht die Alleinherrschaft überlassend ...

Solange wir in dem vollen Glanze sind, ahnen wir nicht einmal die Gegenwart dieses Kameraden, aber im Schatten erfaßt unsere durchwärmten Glieder bereits ein leichter Schauer, der uns von seiner Nähe spricht ...

In unserem verschlossenen Wagen ist es nicht mehr so dumpf und uns allen ist etwas leichter und froher zumute. Varadol schmiedet hoffnungsvoll wieder Pläne oder spielt mit der Hündin und ihren Jungen; Woodbell ist bedeutend wohler; er unterhält sich jetzt, am Steuer stehend, mit Martha. Wenn ich den Blick vom Papier erhebe, sehe ich sie beide. Vor allem sehe ich Martha deutlich; sie lacht gerade. Sie lacht so seltsam. Ihre Lippen nehmen eine Form an, als wenn sie die Luft küßten. Ihre Augen sind voll von diesem Lachen wie ihre Brust, die sich in leichter, schneller Bewegung hebt und senkt. Während der Glut des Tages war ihre Brust entblößt; sogar für sie, die die indische Sonne braun gebrannt hat, war die Hitze unerträglich. Jetzt hüllt sie sich bis zum Halse ein ... Es ist unsinnig, daß ich so viel an diese Frau denke, — aber sie ist ja überall. Seit der Tod sich ein wenig von unserem Wagen entfernt hat, ist die ganze Atmosphäre von ihr durchtränkt. Sogar Varadol! Er spielt mit den Hunden, aber ich weiß, daß er sie verstohlen anblickt. Mich ärgert das. Warum bemerkt es Tomas nicht? Und übrigens — was geht es mich an?

Fast sechzig Stunden sind wir unterwegs. Der Wagen fährt ununterbrochen. Wir schlafen abwechselnd; jetzt will ich weiterschreiben. Wir blieben etwas stehen, die Akkumulatoren unseres Elektromotors zu füllen. Um Brennmaterial, das wir in der nächtlichen Kälte noch viel verbrauchen werden, zu sparen, setzten wir die Maschine mit Hilfe der sich ausdehnenden, verdichteten Luft in Bewegung. Die Akkumulatoren mußten wir füllen, weil die Batterien allein bei der schnellen Fahrt nicht genügen.

Wir bewegen uns so schnell vorwärts, wie es das Terrain irgend zuläßt. Größere Ungleichmäßigkeiten des Bodens erlaubten uns nicht, nachdem wir die „Spalte der Erlösung“ verließen, uns sofort nach Norden zu wenden. (Wir bezeichneten jene Schlucht unter dem Eratosthenes mit diesem Namen, da sie uns durch ihre Kühle tatsächlich vom Tode erlöste.) Unter dem 12.° westlicher Länge stießen wir auf einen jener Lichtstreifen, die wie Strahlen vom Berge des Kopernikus, auf Hunderte von Kilometern im Umkreis, ausgehen. Diese Streifen, die man sogar durch schwächere Teleskope von der Erde aus sehen kann, setzten die Astronomen immer in Staunen. Wie wir uns mit eigenen Augen überzeugt haben, sind dies einige Kilometer breite Streifen eines zu Glas geschmolzenen Felsengesteins. Ich kann mir das Entstehen dieser seltsamen Bildungen nicht erklären ... Überhaupt ist hier so vieles für uns ein Rätsel, selbst Dinge, die wir fast mit Händen greifen können. Wie ist jene Ebene entstanden, auf der wir uns befinden, — wie die Ringberge, von manchmal Hunderten von Kilometern im Durchmesser und einigen tausend Metern Höhe? Daß dies keine erloschenen Vulkankrater sind, wie man einst auf der Erde behauptete, steht wohl fest. Wir sahen in das Innere des Eratosthenes und bemerkten dort vulkanische Kegel, die sich in nichts von den Erd-Vulkanen unterschieden; aber dieser mächtige Ring selbst war niemals ein Krater! Dagegen spricht — abgesehen von seinen riesigen Dimensionen — sowohl die Art des Felsens, aus dem der Wall gebildet ist, wie die Einsenkung des Bodens, der unter der Oberfläche der ihn umgebenden Ebenen liegt und viele andere Dinge, die bestätigt zu finden wir Gelegenheit hatten.

Ich glaube man muß, um diese Formation zu verstehen, im Geiste zu jenen grauen Zeiten zurückkehren, da der Mond noch eine flüssige, glühende Kugel war, die erst auf der Oberfläche in dem kalten, interplanetarischen Weltenraum zu erlöschen begann. Da haben diese ungeheuerlichen, die menschliche Vorstellungskraft überschreitenden Explosionen von Gasen, die durch die flüssige Masse verschlungen und während ihres Erlöschens ausgestoßen wurden, seine noch nachgiebige Oberfläche gedehnt und bildeten sozusagen riesige Blasen. Die Blasen erloschen beim Zerplatzen, ehe sie ganz auf die sie umgebende Ebene herabflossen und diese Ringberge sind ihre Spuren. Später hat die Sonne ihre Gipfel herausgebrannt, sie zerschnitten und zerrissen; vulkanische Kräfte bildeten in ihrem Innern kegelförmige Krater und so sind sie heute — durch das auf der Erde alles nivellierende Wasser nicht vernichtet — Zeugen der Schöpfermacht im Weltall, für die die Planeten und die feurigen Kugeln der Sonnen nur ein gehorsames Material in dem mächtigen Tiegel des ewigen Werdens sind.

So lebhaft sprechen die großen Berge und die kleinen, ähnlich wie sie entstandenen Mulden, die man am Wege antrifft, und diese ganze mich umgebende Landschaft zu mir, daß es mir manchmal scheinen will, die von der Sonne grellgelb gebrannten Steine seien noch jetzt eine glühende, flüssige und fast lebendige Masse; bald, dünkt mich, müsse die ganze Fläche wie ein Meer zu gären beginnen, sich biegen und beugen und wachsen und sich bäumen und unter dem Drange der inneren Gase zu dem schwarzen Himmel mit der ursprünglichen Lava emporschäumen, die zu mächtigen Ringbergen erstarrt ist.

Und wie viele Hunderte von Jahrtausenden sind seit jenen Zeiten dahingegangen. Die Mondkruste ist, sich fortwährend krümmend, erloschen und zersprungen; irgendwelche geheimnisvolle Feuerkräfte brannten riesige Strahlenstreifen vergläserten Gesteins in ihr aus und hier, wo einst entfachte Schöpferkräfte, wild miteinander ringend, rasend tobten, herrscht jetzt eine Stille und Starrheit, so furchtbar und beklemmend, daß uns in dieser Umgebung das eigene Leben beschämt und wunder nimmt ...

Bis zu diesem Augenblick bewegten wir uns immer auf dem hellen Lichtstreifen, der durch jene Ader des zu Glas geschmolzenen Gesteins gebildet wurde, die vom Kopernikus ausging. Sie dient uns als bequemer, gleichmäßiger Weg. Ihre nordöstliche Richtung ist uns sehr gelegen, da sie uns direkt auf die Fläche zwischen dem Archimedes und Timocharis, die wir durchqueren müssen, führen wird. Den Archimedes sieht man jetzt, wo wir uns auf der Fläche befinden, nicht mehr. Kleine, steile Erhebungen, Felseninseln im Meere ähnlich, verdecken ihn in dieser Richtung. Wahrscheinlich jene Gruppe der „Krater“, die sich unter dem 11.° westlicher Länge und dem 19.° nördlicher Mondbreite erhebt. Wir hoffen sie noch vor Sonnenuntergang zu umgehen und dann nach Norden, immer nach Norden, nur fort aus dieser furchtbaren Zone, wo sich, — neben der schlimmen Vorbedeutung der Erdsichel direkt über unseren Köpfen, — die mörderische Sonne wie ein rasendes Ungetüm am Zenite bäumt. Nein! Das ist nicht unsere lebenspendende, goldene Erden-Sonne, — diese träge, weiße, strahlenlose Kugel! Das ist irgendein Gott, ein höllischer und höhnender, ein Gott-Vernichter und Gott-Verschlinger! Und wir vier — wir sind die einzigen lebenden Opfer, auf die er es in dieser Welt des Todes abgesehen hat! Wir müssen ihm entfliehen, ehe er zum zweitenmal aus diesem schwarzen, edelsteindurchwirkten Firmament hervorbricht ...

Varadol, der Tomas ablöste, ruft mir vom Motor zu, daß jetzt die Reihe an mir ist, am Steuer des Wagens zu stehen. Die andern schlafen schon. Martha, wie gewöhnlich aus ihrer Hängematte geneigt, den Kopf auf der Brust dieses — unter uns einzigen glücklichen Menschen.

Den ersten Mondtag, vier Stunden nach Sonnenuntergang auf Mare Imbrium, 10° westlicher Länge, 20° 28’ nördlicher Mondbreite.

Schon hat die Nacht begonnen, die endlos lange, für die die Erdentage kleinere Teilchen sind als die Stunden für die ganze Erdennacht. Wie eine große, helle Uhr leuchtet, sich immer nach Süden neigend, die Erde über uns. Nach dem Gleiten des Schattens über ihre Scheibe können wir leicht die Zeit bestimmen. Sie war bei Sonnenuntergang im ersten Viertel, um Mitternacht wird sie voll sein und wiederum im Viertel sein bei Sonnenaufgang. Die Rolle des Minutenzeigers auf dieser Himmelsuhr spielen die Weltteile. Nach ihrem Untergang in den Schatten können wir die Stunden erkennen, die die Minuten für unsere siebenhundertneunstündige Zeit sind.

Nach Sonnenuntergang wurde es plötzlich so kalt, daß wir das Gefühl hatten, als wenn wir aus einem Dampfbad in ein Bassin mit Eiswasser gesprungen wären, doch wurde uns dabei eine wundervolle Überraschung bereitet: Wir erwarteten das sofortige Eintreten der Nacht, statt dessen sahen wir noch lange Zeit hindurch ein seltsames Leuchten, das mit dem Glanz der Erde rang und unseren Dämmerungen ähnlich war.

Jener Glasstreifen, auf dem wir über hundert Kilometer weit gefahren waren, nahm gerade sein Ende, als wir den Schatten der kleinen Krater, von denen ich vorher gesprochen hatte, verließen. Wir näherten uns, jetzt direkt nach Norden fahrend, schon dem zwanzigsten Parallelkreis, als die Sonnenscheibe, die vor dem Untergang nicht gerötet, sondern im Gegenteil hell und leuchtend war wie am Tage, langsam unter den Horizont zu sinken begann. Und plötzlich erfaßte uns eine furchtbare Sehnsucht nach dieser schwindenden Sonne, die sich uns erst in vierzehn Tagen wieder zeigen wird. Wir standen alle nebeneinander am westlichen Fenster unseres Wagens. Martha erhob ihre Hände zu dem untergehenden Gestirne und begann mit singender, monotoner Stimme indische Hymnen zu sprechen, mit denen die Fakire auf der Erde von dem Gotte des Lichtes Abschied nehmen.

Woodbell antwortete ihr manchmal mit unverständlichen Sätzen aus den heiligen Büchern, wahrscheinlich der Zeiten gedenkend, die er in Travancore verbracht hatte, wo er so oft die flammende Sonne in den uferlosen Ozean tauchen sah.

Die Sonne indessen, mit einem Teile der Scheibe vertieft, schien am Horizonte zu stehen und zu warten. Ihr Glanz bespiegelte die ausgestreckten Arme des Mädchens und flackerte auf ihren weißen Zähnen, die zwischen den sich öffnenden Lippen sichtbar wurden. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, daß sie beide miteinander sprechen müssen — dieses Mädchen und diese Sonne.

Nach einer halben Stunde war nur noch ein Segment der Sonnenscheibe sichtbar. Die Steinwüste verfinsterte sich unter diesem hellen Lichtstreifen, als hätte sie sich in ein Tintenmeer verwandelt. Hier und da nur schimmerten glatte Steine, die das blaßbläuliche Licht der Erde wiedergaben. Martha hatte den Hymnus bereits beendet; und stand, in die Wüste starrend, den Kopf an Tomas’ Schulter gelehnt.

Wir waren alle von einer seltsamen Trauer erfaßt; sogar Peter, der am wenigsten zur Rührung neigte, blickte finster vor sich hin und bewegte die Lippen, als wenn er leise mit seinen Gedanken Zwiesprache hielte.

Und ich selbst ... Ah ... wie wahnsinnig schnell ist mein Leben auf der Erde dahingeflogen. Ein seltsamer Reigen von Erinnerungen zog an meinem inneren Auge vorüber. Ich träumte von Weichselebenen und von den finsteren Gipfeln der Tatra — und alles war von einer unabsehbaren Menge teurer — für ewig verlorener Menschen bevölkert ... für ewig! ...

Da plötzlich erlosch die Sonne. Rote Protuberanzen flackerten wie kleine feurige Zungen noch eine Zeitlang über dem Horizont, endlich verschwanden auch sie — und in der über die Wüste hereinbrechenden Dämmerung geschah etwas so Unerwartetes, daß wir uns unwillkürlich aneinanderdrängten, als wenn wir uns vor etwas schützen wollten, das sich auf uns wirft wie eine wilde Katze. In diesem Augenblicke nämlich, als der letzte Sonnenstrahl verschwand, schoß im Westen eine lichte Säule empor, die wie eine Kuppel gewölbt war und einer wundervollen Fontäne schillernden Staubes ähnelte.

Das Zodiakallicht erglänzte vor uns in einer Erhabenheit, wie es auf der Erde menschliche Augen niemals sahen. Wir starrten lange auf diese glühende Säule, die leicht nach Süden geneigt, mit verschiedenfarbigen Sternen besät war; der kosmische Staub, durch den sie leuchteten, umkreiste die Sonne und warf nach ihrem Untergange ihr funkelndes Licht zurück.

Dann erlosch alles! Nur die Erde sahen wir noch über uns und die Sterne, — die seltsamen Sterne, ganz tief in dem schwarzen Himmel — nicht flackernd, doch verschiedenfarbig. Diese Verschiedenfarbigkeit der Sterne, die durch die hier fehlende Luft nicht verdunkelt werden ist so staunenerregend, daß ich mich nicht daran gewöhnen kann, obwohl sie doch während des ganzen Mondtages über uns glitzerten.

Die Erde gibt uns so viel Licht, daß wir bei ihrem Schein die Reise ohne Unterbrechung fortsetzen können. Das ist für uns ein sehr günstiger Umstand, da wir keine Zeit zu verlieren brauchen und während der Nacht so weit nach Norden vordringen können, daß wir den senkrechten Sonnenstrahlen des nächsten Tages nicht mehr ausgesetzt sein werden. Nur der Gedanke an die nächtliche Kälte, die uns schon zu schütteln beginnt, erfaßt uns mit Grauen.

Der Boden ist wieder ungleichmäßig, was uns zu vielen Abbiegungen und Umwegen veranlaßt, die die Reise verlangsamen. Vorn am Wagen brennen wir eine elektrische Laterne, die uns den Weg erleuchtet; ohne sie könnten wir leicht in irgendeine Spalte stürzen, die bei dem schwachen Licht der Erde nicht gut zu sehen ist. Wir richten unsere Fahrt nach den Sternen, da wir mit dem Kompaß nicht recht fertig werden können auf dieser seltsamen Welt. Dabei verändern die Metallwände des Wagens die Lage der Nadel.

Auf Mare Imbrium, 7° 45’ westlicher Länge 24° 1’ nördlicher Mondbreite, ein Uhr des zweiten Mondtages.

Mitternacht ist schon vorüber und wir haben beinahe vergessen, wie die Sonne aussieht; wir begreifen kaum mehr, wie wir uns über ihre Glut beklagen konnten. Fast hundertachtzig Stunden, die seit Sonnenuntergang verflossen, sind wir einem so unerhörten Froste ausgesetzt, daß wir das Gefühl haben, die Gedanken im Hirne müßten uns einfrieren. Unsere Öfen arbeiten mit der ganzen Kraft und wir kauern um sie herum und zittern vor Kälte.

Schreibend lehnte ich mich an den Ofen. Die Glut bratet mir den Rücken und gleichzeitig fühle ich, wie mir das Blut in den Adern gerinnt und erstarrt. Die Hunde drängen sich an uns und bellen unaufhörlich, uns aber packt schon der Wahnsinn. Wir sehen uns schweigend mit einem merkwürdigen Haß an, als wenn einer von uns daran schuld wäre, daß die Sonne hier dreihundertvierundfünfzig und eine halbe Stunde lang nicht leuchtet und wärmt ...

Ich wollte mich aufraffen und einige Eindrücke von der Reise nach Sonnenuntergang niederschreiben, aber ich sehe, daß ich nicht fähig bin auch nur die einfachsten Vorstellungen auszudrücken ... Mein Gehirn ist eingefroren ... Verworrene Bilder gleiten mir lose, unzusammenhängend durch den Kopf; ich kann sie auf keine Weise miteinander verbinden. Manchmal habe ich die Empfindung, daß ich mit offenen Augen schlafe. Ich sehe Martha, Tomas, die Hunde, Peter, den Ofen — und ich weiß nicht, was das bedeutet, ich weiß nicht, wer ich bin, wie ich hierher komme, weshalb ...

Ja — weshalb ...

Ich wollte darüber nachdenken, mich daran erinnern, aber ich kann nicht. Es muß eine Ursache gewesen sein, daß ich mit diesen Menschen die Erde verlassen habe ... Ich erinnere mich nicht — das Denken erschöpft mich.

Es scheint mir, daß wir stehen. Ich höre das Zischen des Motors nicht, ich muß hingehen und nachsehen, was geschehen ist; aber ich weiß, daß weder ich noch sie — daß niemand dies tun wird. Wir müßten uns vom Ofen entfernen. Eine wahnsinnige Kälte!

Durch das Fenster sehe ich Felsen, die von der Erde hell beleuchtet sind. Vielleicht stehen wir deshalb, weil wir zwischen Felsen gerieten ...

Das ist alles seltsam und gleichgültig ...

Was schreibe ich? Habe ich wirklich den Verstand verloren? Ich bin sehr müde und ich weiß, daß ich erfrieren und nicht mehr aufwachen werde, wenn ich einschlafe ... Man muß den Schlaf abschütteln, zum Bewußtsein kommen ...

Es ist sonderbar, daß die Kälte während der ersten Nacht auf dem Sinus Aestuum nicht so furchtbar war. Scheinbar erstrecken sich unter jener Fläche vulkanische Adern, die den Boden etwas erwärmen.

Schreiben, schreiben, nur nicht einschlafen, denn das bedeutet sterben ...

Seit Sonnenuntergang fuhren wir immer nach Nordwesten — in stets stärkerem Lichte der zunehmenden Erde und in immer zunehmender Kälte. Unter dem 9.° westlicher Länge und dem 21.° nördlicher Breite durchdrangen wir die niedrigen, runden Wälle, die uns den Weg versperrten. Wir änderten den Kurs; statt direkt nach Norden wendeten wir uns nach Nordosten, in der Richtung der Berge, die sich um den Ring des Archimedes ausdehnen, in der Hoffnung, daß wir hier irgendeinen tätigen Krater finden und in ihm ein wenig Wärme. Wir sind an der Grenze dieses gebirgigen Landes, aber alles bleibt starr und kalt. Wir fuhren in die Mitte des Halbmondes hinein, der von den amphitheatralisch sich erhebenden Felsen gebildet wird. Varadol machte astronomische Messungen, um die Lage dieser Berge zu bestimmen. Aus seinen Messungen geht hervor, daß dies eine Erhöhung ist, die auf den Mondkarten gewöhnlich mit dem Buchstaben E bezeichnet wird und unter dem 7.° 45’ westlicher Länge, 24.° 1’ nördlicher Mondbreite liegt.

Kälte, Kälte, Kälte ... Aber man muß sich überwinden und nicht schlafen. Nur nicht schlafen, das wäre der Tod! Dieser Tod muß hier irgendwo in der Nähe sein. Dort auf der Erde müßten sie ihn auf dem Monde sitzend malen, denn das ist sein Königreich ...

Weshalb stehen wir? Ach — richtig! Es ist alles einerlei!

Ja, man muß sich überwinden. Wovon schrieb ich? Aha! Diese Berge ... Das seltsame Amphitheater, zirka vier Kilometer breit, nach Süden geöffnet. Über ihm hängt, wie eine Lampe, die Erde. Der höchste Gipfel im Norden, direkt vor uns, ist wahrscheinlich gegen zwölfhundert Meter hoch. Das alles sieht so furchtbar aus. Ein Theater für Riesen, für Ungeheuer — für Skelette von Riesen. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn sich diese Abhänge plötzlich mit einer Menge von riesigen Skeletten anfüllten, die langsam im Lichte der Erde dahinschreiten und die Plätze der Zuschauer einnehmen. Die Riesenschädel derjenigen, die am höchsten Platz genommen haben, würden am Hintergrunde des schwarzen, sternenbesäten Himmels weiß leuchten! Es scheint mir, daß ich das alles sehe. Die Skelette von Giganten sitzen und sprechen so zueinander: „Welche Stunde ist es? Es ist bereits Mitternacht; die Erde, unsere große, lichte Uhr, steht schon voll am Himmel — es ist Zeit, zu beginnen.“ Und dann zu uns: „Es ist Zeit, zu beginnen, sterbt also; wir sehen zu“ ...

Schauer schütteln mich ...

Palus Putredinis, auf dem Grund der Spalte δ, 7° 36’ westlicher Länge, 26° nördlicher Mondbreite. Zweiter Tag. 62 Stunden nach Mitternacht.

Es ist also geschehen. Wir sind zum Tode verurteilt, ohne jegliche Hoffnung auf Rettung. Wir wissen das seit sechzig Stunden; Zeit genug, sich mit dem Gedanken zu befreunden. Und dennoch — dieser Tod ...

Ruhe, Ruhe, das führt doch zu nichts. Man muß sich mit dem aussöhnen, was unabwendbar ist. Übrigens ist es für uns doch nichts Unerwartetes. Als wir diese Reise antraten — noch dort auf der Erde — wußten wir, daß wir uns dem Tode aussetzten. Aber warum ist dieser Tod nicht plötzlich über uns gekommen, wie ein Blitz, warum hat er sich vor uns gezeigt und nähert sich so langsam, daß man jeden seiner Schritte berechnen kann, — daß wir genau wissen, wann er uns mit der kalten Hand an der Gurgel packen und würgen wird ...

Ja, würgen. Wir werden alle ersticken. Der Vorrat an verdichteter Luft wird uns bei höchster Sparsamkeit noch für kaum dreihundert Stunden ausreichen. Und dann ... Nun ja, man muß sich beizeiten darauf vorbereiten, was dann sein wird ... Im Verlauf dieser Frist wird sich der letzte Behälter der verdichteten Luft ausleeren, der einzige, der uns noch geblieben ist. Nach dreihundert Stunden ... Das wird gerade der Mondmittag sein ... Die Sonne wird noch hoch oben stehen. Es wird hell und warm sein — sogar heiß, vielleicht zu heiß. Einige Zeit hindurch — mehrere Stunden — wird noch alles in Ordnung sein. Dann werden wir langsam eine Schwere fühlen, ein Sausen im Kopfe, ein Klopfen des Herzens ... Die Atmosphäre unseres Wagens, die mit Sauerstoff, der uns schon fehlt, nicht erfrischt worden ist, wird mit der von uns ausgeatmeten Kohlensäure überfüllt sein. Jetzt beseitigen wir sie künstlich, aber wozu soll man sie noch beseitigen, wenn wir keinen Sauerstoff mehr haben, um sie damit zu ersetzen? Wir werden dann beginnen, uns mit dieser Kohlensäure zu vergiften. Ein Blutandrang, — eine Schwere, — dumpfe Luft — Schlafsucht ... Ja, Schlafsucht, unüberwindbare Schlafsucht. Wir werden uns niederlegen und den Tod erwarten. Martha wird sich aus ihrer Hängematte wahrscheinlich herausbeugen und ihren Kopf an Tomas’ Brust lehnen, wie gewöhnlich ... Dann beginnen wir zu träumen ... Erde, heimatliche Länder, Wiesen, Luft — oh! Luft — viel, viel Luft, ein ganzes, grenzenloses, reines Meer! Und im Traum ein erstickender, furchtbarer Alp hier auf der Brust; es scheint mir, daß ich ihn schon fühle! Er zerbricht die Rippen, würgt an der Gurgel, schnürt das Herz zusammen. Eine wütende Angst erfaßt uns. Man möchte sie abschütteln, aufstehen, fliehen ... Endlich enden die Träume. Auf dem Monde, inmitten der mächtigen Fläche Mare Imbrium, werden vier Leichen im Wagen eingeschlossen sein.

Nein, nein, nicht so! Im Augenblick, in dem wir keine frische Luft mehr haben werden, öffnen wir die Tür des Wagens — sperrangelweit. Eine Sekunde — und wir werden uns in der Leere befinden. Das Blut wird aus dem Munde, den Ohren, den Augen, der Nase schießen; einige krampfartige, verzweifelte Bewegungen der Brust, ein wütendes Herzklopfen und — Schluß.

Weshalb schreibe ich das alles? Weshalb schreibe ich überhaupt? Das hat doch weder Sinn noch Zweck. In dreihundert Stunden werde ich sterben.

Eine Stunde später.

Ich kehre zum Schreiben zurück. Ich muß mich mit etwas beschäftigen, denn der Gedanke an den unabwendbaren Tod ist unerträglich. Wir gehen im Wagen auf und ab und lächeln sinnlos vor uns hin oder sprechen über ganz gleichgültige Dinge. Vor einer Weile sagte Varadol, wie man in Portugal eine gewisse Sauce aus Nieren von jungen Hühnern mit Kapern bereitet. Währenddessen dachten wir alle und auch er daran, daß wir in zweihundertneunundneunzig Stunden sterben werden.

Eigentlich ist der Tod gar nicht furchtbar — warum fürchten wir ihn so sehr? Er ist doch ...

Ach, wie hirnverbrannt ist diese ganze Philosophiererei über den Tod! Lauter als alle Gelehrten, die Gleichmut vor dem Sterben empfehlen, spricht das Ticken meiner Uhr in der Tasche. Ich höre ruhige, kleine Metallschläge und ich weiß, daß dies die Schritte des nahenden Todes sind. Er wird hier sein, ehe die Sonne dieses bald beginnenden, langen Tages untergeht. Er wird sich nicht um eine Stunde verspäten ...

Wir befanden uns gerade zwischen jenen hufeisenförmigen Felsen, vor Kälte erstarrt, als Varadol, der zufällig auf den Manometerzeiger des Luftbehälters sah, einen markerschütternden Schrei ausstieß.

Wir sprangen alle wie elektrisiert in die Höhe, nach der Richtung blickend wohin Peter, der kein Wort hervorbringen konnte, mit zitternder Hand deutete.

Es überlief mich heiß und kalt: der Manometer zeigte innen keinen Druck an. Vielleicht hatte sich die Luft in dem Behälter, der in der Wand angebracht war, infolge der ungeheuren Kälte verflüssigt ... Ich öffnete den Hahn — der Behälter war leer. Ebenso der zweite, dritte, vierte und fünfte. Nur im sechsten, dem letzten, befand sich Luft.

Da packte uns das Entsetzen. Ohne über die Ursache der für uns rätselhaften Entleerung der Behälter nachzudenken, ohne zu wissen, was wir tun, was wir sagen und raten sollen, warfen wir uns plötzlich alle auf den Motor und fühlten keine Kälte, keine Erschöpfung, keinen Schlaf mehr — nichts, nichts — nur von dem einen Gedanken beseelt: fliehen, fliehen, fliehen — als wenn man vor dem Tode fliehen könnte.

In einigen Augenblicken war der Wagen in Bewegung. Aus der zwischen Felsen eingeschlossenen Fläche hinausgekommen, sausten wir mit der ganzen Kraft nach Norden, zwischen kleinen Bergen, die sich vom Ring des Archimedes erstrecken und über den ganzen westlichen Teil des hier an das Regenmeer grenzenden Palus Putredinis ausbreiten. Das Terrain war außerordentlich ungleichmäßig. Der Wagen sprang auf und ab, erzitterte, hob sich oder fiel herab, uns unbarmherzig hin und her werfend; wir achteten nicht darauf, in der furchtbaren Angst und Verzweiflung und waren nur von dem einen Gedanken erfüllt, daß es uns gelingen könnte, auf die andere Seite des Mondes zu gelangen, ehe unser geringer Vorrat an Luft zu Ende geht!

Welch ein lächerlicher Gedanke! Die Luft wird kaum für dreihundert Stunden ausreichen und von dem Pol des Mondes trennen uns in gerader Linie fast zweitausend Kilometer Weges, wovon die Hälfte auf bergiges und undurchdringliches Land fällt!

Die Kälte machte uns das Blut in den Adern erstarren und hielt uns den Atem in der Brust zurück, aber wir fühlten es kaum; wir sausten unaufhörlich über Berge, die im Lichte der Erde silbern leuchteten, durch schwarze Mulden, über steinbesäte Ebenen — nur weiter, weiter, weiter! Sogar an den Schlaf, der uns vor kurzem zu überwältigen drohte, dachte niemand mehr.

In dieser höllischen Fahrt, die ebenso ziellos wie wahnsinnig war, hielt uns ein plötzliches Hindernis auf. Blindlings vorwärtsstürmend stießen wir auf eine Spalte, die der „Spalte der Erlösung“ unter dem Eratosthenes ähnlich, nur bedeutend weiter und tiefer war. Wir bemerkten sie so spät, daß wir beinahe mit dem Wagen in ihre Tiefe hinabgesaust wären.

Der Wagen blieb stehen und eine grauenhafte Apathie ergriff uns. Die Energie der Verzweiflung, mit der wir so viele Stunden sinnlos dahinrasten, war plötzlich verschwunden, wie sie gekommen war, einer unaussprechlichen, ohnmächtigen Bedrückung Platz machend. Es war uns auf einmal alles vollständig gleichgültig. Warum sich anstrengen, wenn es doch zwecklos ist. Wir müssen sterben.

Wir setzten uns neben den Ofen, ohne etwas zu tun, in Schweigen versunken. Die Kälte quälte uns immer furchtbarer, aber wir kümmerten uns nicht mehr darum. Der Tod ist doch immer gleich, ob vor Kälte oder durch Ersticken. Viel Zeit ist so vorübergegangen. Wir wären zweifellos erfroren, wenn nicht Woodbell, der sich als erster faßte, uns beschworen hätte, ernst über unsere Situation nachzudenken.

— Suchen wir einen Ausweg, eine Möglichkeit der Rettung, sagte er, wenn wir sie auch nicht finden sollten, so haben wir wenigstens etwas, das uns beschäftigt, unsere Gedanken für einen Augenblick vom Tode abwendet, der wie ein Alp auf uns lastet.

Der Rat war gut, aber wir waren so erschöpft und erstarrt, daß wir ihn ganz gleichgültig hinnahmen und nicht einmal auf die Vorstellungen Tomas’ antworteten.

Ich erinnere mich, daß ich auf Tomas blickte und sah, wie er die Lippen bewegte, aber ich verstand kein Wort von dem, was er sagte. Das einzige, was mich in jenem Augenblick beschäftigte, war: wie wird er wohl nach dem Tode aussehen?

Mit irrsinniger Hartnäckigkeit starrte ich auf seine Kinnbacken und riß in Gedanken das Fleisch von ihnen herunter, dann entblößte ich ebenso seinen Schädel, seine Rippen, seine Knochen — und auf einen lebenden Menschen sehend, hatte ich plötzlich ein Gerippe vor Augen, das mit einer boshaften Grimasse zu sagen schien: So werdet ihr alle aussehen — in kurzer Zeit!

Als Tomas sich endlich überzeugte, daß mit uns nichts mehr anzufangen war, stellte er sich selbst an den Motor und bald bewegte sich unser Wagen längs des Randes der Spalte, deren Ende wir in einer halben Stunde erreicht hatten. Als Varadol dies bemerkte schrie er, von dem Mut der Verzweiflung erfaßt und fortgerissen, wie wahnsinnig:

— Wir können die Spalte umkreisen und weiter nach Norden fahren zum Pol, dort, wo es Luft gibt!

Er lachte und warf sich, als wenn er die Sinne verloren hätte, auf das Steuer; Tomas stieß ihn leicht beiseite und sagte kurz, aber entschieden:

— Wir werden die Spalte nicht umkreisen, sondern in sie hineinfahren.

Peter sah ihn eine Zeitlang mit starrem Blick an — dann stürzte er sich plötzlich, scheinbar einen neuen Nervenanfall bekommend, auf ihn und packte ihn bei der Gurgel.

— Mörder! brüllte er, Würger! Du willst uns töten, und ich will leben, leben! Hörst du? Nach Norden, nach Norden, zum Pol, dort ist Luft!

Er schäumte und schrie und da er stärker war als Tomas, warf er ihn, ehe wir es hindern konnten, zu Boden und kniete auf seiner Brust. Ich sprang mit Martha herbei, um den Wahnsinnigen festzuhalten und es begann eine Verwirrung, die das Bellen der verängstigten Hunde begleitete. Wir packten ihn endlich bei den Schultern, als er plötzlich aufschrie und unter unsern Händen schlaff zusammenfiel. Tomas erhob sich, erschöpft und blaß.

Da neigte sich der Wagen; ich fühlte eine gewaltsame Erschütterung und verlor das Bewußtsein.

Als ich wieder zu mir kam, bemerkte ich, daß ich auf meiner Matte lag; Tomas stand über mich gebeugt und rieb mir die Schläfen mit Äther ein. Martha und Varadol saßen finster und schweigend neben mir.

Tomas ist wirklich ein tüchtiger Mensch. Während er mit Peter rang, fuhr der Wagen, dessen Steuer niemand lenkte, mit seinem Vorderteil an einen Felsen. Durch diese Erschütterung nach vorn geworfen, prallte ich mit dem Kopf an die Wand des Wagens und wurde ohnmächtig.

Tomas und Martha gingen aus diesem Unfall unversehrt, hervor; ebenso Varadol, der bewußtlos am Boden lag, von dem vorhergegangenen Anfall erschöpft. Tomas empfahl Martha, uns auf die Lagerstätten zu legen, und lenkte den Wagen in die Tiefe der Schlucht hinein. Hier erst, auf dem Grunde, wo es unvergleichlich wärmer ist als auf der Oberfläche, begann er uns zur Besinnung zu bringen. Zuerst erwachte Peter. Er erinnerte sich absolut nicht des Anfalls, der uns so sehr erschreckt hatte. Endlich kam auch ich wieder zu mir.

Für den Augenblick drohte uns der Tod durch Erfrieren nicht, da in dieser tiefen Spalte die Kälte nicht so übermäßig war. Scheinbar ist das Innere des Mondes, ähnlich wie das der Erde, noch nicht ganz um die eigene Wärme gebracht, obwohl er, neunundvierzigmal kleiner als die Erde, auch bedeutend früher erkalten mußte.

Tomas hatte das richtig angenommen und fuhr in die Spalte, um es uns zu ermöglichen, hier miteinander zu beraten, was nun anzufangen sei, nachdem wir vor der jeden Gedanken ertötenden Kälte Schutz gefunden.

Wir dachten hin und her. Es fiel uns ein, daß es vielleicht gelingen wird, mit Hilfe der Druckpumpe die uns umgebende Mondatmosphäre so weit zu verdichten, um damit die Luft im Wagen auffrischen zu können. Dieser Gedanke flammte wie ein Stern der Hoffnung auf. Wir machten uns auch sofort an seine Ausführung. Jedoch nach einer Stunde schweren und angestrengten Arbeitens überzeugten wir uns, daß sich dies nicht verwirklichen läßt. Die Mondatmosphäre ist hier so dünn, daß sie sich nach dem vollständigen Herablassen des Pumpenstempels nicht einmal so weit verdichtet, den Druck der Luft in unserem Wagen zu überwinden und die Klappe zu öffnen. Wir versuchten dann, sie mit Hilfe der Pumpe in einem der leeren Behälter zu verdichten, nachdem wir den Riß fest verschlossen hatten, durch den uns die Luft entwichen war; aber auch das erwies sich als unmöglich.

Nachdem wir allen Mut verloren hatten und gänzlich erschöpft waren, ließen wir endlich von der zwecklosen Arbeit ab. Tomas bemühte sich noch uns damit zu trösten, daß wir vielleicht etwas weiter gegen Norden dichtere Atmosphäre finden würden, bei der sich unsere Pumpe gebrauchen ließe, aber ich weiß, daß er selbst nicht daran glaubt. Auf der ganzen mächtigen Strecke des Mare Imbrium wird sie gleich dünn sein und ehe wir diese zurücklegen, wird unser Luftvorrat ausgehen und kommen, was unabwendbar ist. In zweihundertneunzig Stunden müssen wir sterben.

Trotzdem werden wir, sobald es nur hell und wärmer wird, aus dieser Spalte herausfahren und weiter nach Norden eilen. Das führt freilich zu nichts, aber auch das Hierbleiben führt zu nichts. Und vielleicht ... vielleicht ... werden wir dennoch irgendwo etwas dichtere Atmosphäre finden ...

An derselben Stelle, siebzig Stunden nach Mitternacht.

Endlich entdeckten wir die Ursache, durch die wir unsere Luftvorräte verloren haben. Die Behälter wurden während des Herabgleitens des Wagens von den Abhängen des Eratosthenes beschädigt. Ein scharfer Stein, der auf dem Wege, auf dem der Wagen hinabglitt, gelegen, hat sich tief eingezeichnet und der innere Druck des Gases tat das übrige. Die Risse sind sichtbar. Zwei Dinge setzen mich bei alledem in Erstaunen; erstens, daß der Druck der verdichteten Luft die beschädigten Behälter aus Erz nicht zersprengte, und zweitens, daß wir den Verlust nicht früher bemerkten ... Ich zerbreche mir über diese Rätsel den Kopf, als wenn ihre Lösung unsere Lage irgendwie ändern könnte.

Ich kann an nichts anderes denken; immer und immer steht mir dieses Gespenst des Todes vor Augen. Und das Schrecklichste dabei ist die Gewißheit, daß wir sterben müssen, und uns dabei vollständig gesund fühlen. Das vergrößert das Grauen dieses Furchtbaren, das über uns kommen soll. Tomas ist am ruhigsten von uns allen, aber ich sehe, besonders aus seinem Benehmen Martha gegenüber, daß auch er unaufhörlich daran denkt. Er läßt mit einer fast weiblichen Zartheit die Hand über ihr Haar gleiten und sieht sie dabei an, als wenn er sie um Verzeihung bitten wollte. Und sie küßt seine Hand, nur mit dieser Liebkosung und den Augen zu ihm sagend: Gräme dich nicht, Tom, — alles ist gut, wir werden ja zusammen sterben ...

Für sie ist das vielleicht ein Trost, daß sie zusammen sterben, aber für mich, ich gestehe es offen, verkleinert die Gemeinsamkeit des Schicksals in nichts seine Grausamkeit. Mein ganzes Innere bäumt sich so maßlos gegen dieses Ungeheuerliche auf, daß alle Reflexionen vergebens sind. Ich bemühe mich klar und nüchtern zu denken, — ich versuche mir über alles Rechenschaft zu geben; hundertmal wiederhole ich mir, daß ich zusammen mit diesen Menschen sterbe, als das freiwillige Opfer eines übermächtigen Dranges nach Erkenntnis, der uns von der Erde fortgerissen und auf diesen unwirtlichen Globus geworfen hat, ich rede mir gewaltsam ein, daß ich mich mit diesem Schicksal aussöhnen und Ruhe bewahren muß. Und trotz all dieser Reflexionen fühle ich immer nur eins: Angst, grenzenlose, verzweifelte Angst! Ah — es ist so grauenhaft, unerbittlich, und es nähert sich so langsam ...

Ich begreife wirklich nicht, warum wir nicht daran denken, diesem fürchterlichen Zustand ein Ende zu machen. Es liegt doch in unserer Macht, dieses Leben von uns zu werfen, jetzt, wo es nur noch eine lächerliche Parodie des Lebens ist! ...

Eine Stunde später.

Nein, ich kann es nicht! Ich weiß nicht, was mich zurückhält, aber ich kann nicht. Vielleicht ist es diese kindische Sehnsucht nach der Sonne, dem guten Stern des Tages, der bald über uns aufgehen soll, vielleicht ein lächerlicher, fast tierischer Trieb zum Leben, obwohl es nur noch einige Stunden zählen wird, vielleicht die Reste einer wahnsinnigen, gänzlich haltlosen Hoffnung ...

Ich weiß, daß nichts uns erretten kann und begehre so sehnsüchtig danach, zu leben — und so sehr ... ängstige ich mich ...

Meinetwegen! — Mag geschehen was will.

Ich bin entsetzlich müde, — möchte es doch endlich kommen, dieses Unabwendbare! Bei jedem Atemzug denke ich, daß ... Es ist einerlei ...

Bei Sonnenaufgang.

In einer Stunde fahren wir weiter. Der westliche Rand der Spalte glänzt schon über uns im Sonnenschein. Wir werden in die weite Wüste hinausfahren, um noch einmal die Sonne zu sehen, die Sterne und die Erde, die so ruhig leuchtend und still an diesem schwarzen Himmel steht ...

Und wir werden nach Norden fahren. Weshalb? Ich weiß es nicht. Niemand von uns weiß es; aber wir werden nach Norden fahren. Der Tod wird langsam neben uns gehen, über die Steinfelder, über die Berge und Täler, und wenn der Zeiger des Manometers im letzten Luftbehälter sich dem Nullpunkt nähert, wird der Tod in den Wagen kommen.

Wir sprechen nicht miteinander; wir haben von nichts zu sprechen. Jeder von uns bemüht sich nur, sich mit irgend etwas zu beschäftigen, vielleicht mehr aus falscher Scham vor den andern, als zur eigenen Zerstreuung; denn welche Arbeit kann einen Menschen beschäftigen, der weiß, daß alles was er tut, zwecklos ist?

Wir gehen also unserem Schicksal entgegen!

Zweiter Mondtag, vierzehn Stunden nach Mittag. Auf Mare Imbrium, 8° 54’ westlicher Länge, 32° 16’ nördlicher Mondbreite, zwischen den Kratern c—d.

Wir sind gerettet! — Und die Rettung kam so plötzlich, so unerwartet und auf so seltsame und — schreckliche Weise, daß ich mich bis jetzt nicht erholen kann, obwohl schon zwanzig Stunden verflossen sind seit der Tod, der uns zwei Erdenwochen hindurch begleitete, sich von uns abgewandt und entfernt hat.

Er hat sich entfernt, — aber nicht ohne Beute ... Der Tod entfernt sich niemals ohne Beute. Wenn er aus Mitleid oder aus Zwang denjenigen zu leben erlaubt, die er schon in seinen Krallen hatte, so nimmt er ein Pfand für sie ... wo er es eben findet — ohne Wahl ...

Bei Sonnenaufgang traten wir die Reise an, mehr aus Gewohnheit, als aus irgendeinem wohlüberlegten Grunde. Wir waren sicher, daß wir den Abend dieses langen Tages nicht erleben würden. Wir fuhren schweigend mit diesem Gespenst des Todes, das in unserer Mitte saß und ruhig auf den Augenblick wartete, wo es uns in seine kalte, würgende Umarmung nehmen sollte. Wir fühlten seine Gegenwart, als wenn es ein greif- und sichtbares Wesen wäre — und wir sahen uns erstaunt um, daß wir es nicht tatsächlich bemerkten.

In diesem Augenblick ist das alles nur noch Erinnerung, aber damals war es eine über alle Beschreibung furchtbare Wirklichkeit. Ich kann es nicht begreifen, wie wir in dieser wahnsinnigen Angst über dreihundert Stunden leben konnten! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß wir in jeder Stunde starben, bei dem Gedanken, daß wir unabwendbar sterben müssen. Denn auf eine Rettung hoffte niemand von uns.

Jetzt kommt mir das alles wie ein wüster, grauenhafter Traum vor und ich muß meine ganze Energie zu Hilfe rufen, um daran zu glauben, daß es Wirklichkeit war.

Ich erinnere mich nicht mehr genau des Weges, den wir zurückgelegt haben.

Eine Stunde schleppte sich nach der anderen dahin; der Wagen fuhr immer gleichmäßig schnell nach Norden — und wir sahen wie im Traume auf die vorüberfliegenden Landschaften. Jetzt fühle ich erst, daß alle Eindrücke in mir in einen zusammengeflossen sind, — in diesen Eindruck des unerbittlichen Todes. Ich kann mich aus diesem Chaos nicht herausfinden. Alles, woran ich mich erinnere, ist furchtbar. Anfangs bewegten wir uns auf der Grenze zwischen Palus Putredinis und Mare Imbrium, zu unserer rechten Seite eine bergige und wilde Gegend. Zur Linken, gegen Westen, dehnte sich eine Ebene, die in der Ferne in nicht hohe, wellenförmige Berge überging, sich parallel der Richtung unserer Fahrt erstreckend. Hinter diesen Bergen glänzten die Gipfel des Timocharis, die von den gerade auf sie herabfallenden Sonnenstrahlen beleuchtet waren.

Nur das Grauen blieb mir im Gedächtnis und der sich so seltsam damit verbindende unerhörte Farbenreichtum dieser Landschaft. Die höchsten Spitzen des Kraters waren weiß, aber von ihnen aus erstreckten sich nach unten Streifen und Kreise, die in allen Regenbogenfarben spielten. Ich weiß nicht, wie das zu erklären ist; sollte der Timocharis, ein Ringberg von der Höhe des Eratosthenes, einstmals ein tätiger Krater gewesen sein? Sollten diese Farbenstreifen von auf den Kratern ausgeworfenem Feldspat, Trachit, Schwefel, von Lava und Asche herrühren? Ich kann diese Rätsel nicht lösen und damals dachte ich nicht darüber nach. Ich hatte nur den Eindruck von etwas Unwahrscheinlichem — von Märchen und Zauberländern — von Bergen, aus Edelsteinen erbaut ... und starrte auf diese von Topasen, Rubinen, Amethysten und Diamanten besäten, in der Sonne erglühenden Gipfel. Gleichzeitig schüttelte mich ihre frostige Starrheit. Es war etwas unbarmherzig Grauenhaftes und Unerbittliches in diesem kalten, harten Glitzern des farbigen Gesteins, in diesem grellen, durch nichts gemilderten Schimmern ...

Eine Pracht des Todes wehte von diesen Bergen.

Einige Stunden nach Sonnenaufgang, stets die Gipfel des Timocharis vor uns, fuhren wir in den Schatten des Kraters Beer; nachdem wir ihn passiert hatten, weiter, längs dem Fuße des dicht neben ihm liegenden Kraters Feuillée und kamen auf eine unabsehbare Ebene, die sich sechshundert Kilometer vor uns erstreckte, bis zur nördlichen Grenze des Mare Imbrium. Nach Norden gewandt, hatten wir die Gipfel des Timocharis fast hinter uns; dafür zeigte sich uns gegen Nordosten an der Grenze des Horizontes der weite, in Schatten gehüllte Wall des Ringes des Archimedes.

Ich hatte plötzlich den Eindruck, daß wir durch ein mächtiges Tor jagen, das gegen die Ebene des Todes weit geöffnet war. Wieder erfaßte mich eine grenzenlose, würgende Angst. Ich wollte den Wagen anhalten, ihn zwischen die hinter uns sich verlierenden Felsen lenken — nur nicht in diese weite Ebene hineinfahren, die wir — ich wußte es — nicht lebendig verlassen würden.

Ich glaube, daß dieses Gefühl nicht nur in mir erwachte; die drei andern sahen ebenfalls mit finsteren Blicken auf diese sich vor uns öffnende Steinwüste.

Woodbell schien, mit gesenktem Haupt und zusammengebissenen Lippen, lange mit den Augen die Strecke der Ebene zu messen, deren Grenzen nicht zu erkennen waren; dann ließ er langsam den Blick über den Zeiger des Manometers gleiten, der an dem letzten Behälter mit verdichteter Luft befestigt war. Der Zeiger in der Kupfertrommel fiel langsam, aber unaufhörlich ...

Da tauchte plötzlich ein furchtbarer Gedanke in mir auf: Die Luft genügt nicht für vier, aber sie wird für einen ausreichen. Einer würde mit diesem Vorrat bis zu den Gegenden vordringen, wo die Atmosphäre des Mondes dicht genug ist, um, wenn auch durch Gebrauch der Pumpe, atmen zu können.

Dieser widerwärtige, ungeheuerliche Gedanke machte mich schaudern und kaum aufgetaucht, wollte ich ihn verjagen, aber er war stärker als mein Wille und kehrte immer wieder! Ich konnte meine Augen von dem Zeiger des Manometers nicht losreißen, und in den Ohren dröhnte es mir fort und fort: Für vier wird sie nicht ausreichen, aber für einen ...

Endlich warf ich einen Blick auf die Kameraden — heimlich wie ein Dieb und — Entsetzen faßte mich. In ihren unruhig flackernden Augen las ich denselben Gedanken. Wir verstanden uns. Eine Zeitlang herrschte ein dumpfes, bedrückendes Schweigen. Dann rieb sich Tomas die Stirn und sagte ruhig:

— Wenn wir es tun, so muß es schnell geschehen, ehe der Vorrat sich noch verringert ...

Wir wußten, wovon er sprach; Varadol nickte schweigend mit dem Kopf; ich fühlte eine brennende Röte im Gesicht, aber widersprach nicht.

— Sollen wir Lose ziehen? fragte wiederum Tomas, sich anscheinend zu dem Herauswürgen dieser Worte zwingend. Aber — hier stockte seine Stimme, und einen weichen, flehenden Ton annehmend, sagte er: Aber ... ich wollte ... euch bitten, daß ... Martha am Leben bleibt ... wie auch ...

Wiederum herrschte ein qualvolles Schweigen. Endlich stammelte Peter:

— Für zwei wird es nicht genügen ...

Tomas warf mit einer stolzen Bewegung den Kopf zurück:

— Also gut, mag es geschehen! Es ist so besser.

Nach diesen Worten nahm er vier Streichhölzer, brach einem den Kopf ab, versteckte sie so in der Hand, daß nur ihre Enden zu sehen waren und hielt sie uns entgegen.

Während dieser ganzen Unterredung stand Martha abseits und hörte kein Wort davon. Erst in dem Augenblick, als wir nach jenen Losen greifen wollten, trat sie zu uns und fragte unvermittelt mit vollständig ruhiger Stimme:

— Was tut ihr?

Und dann zu Tomas:

— Zeige, was du in der Hand hast ...

Und sie nahm diese Streichhölzer, die das Todesurteil für drei von uns sein sollten, damit der vierte leben konnte.

Und das geschah so schnell und unerwartet, daß wir keine Zeit hatten, sie zu hindern. Eine tiefe Röte der Scham überflog unsere Wangen; wir fühlten, daß uns dieses Mädchen bei dem widerwärtigen Verbrechen des Egoismus und der Feigheit ertappte. Wir blickten uns an und fielen uns plötzlich in die Arme, in ein krampfhaftes, lang zurückgehaltenes Weinen ausbrechend.

Von dem Losen war keine Rede mehr. Durch die Reaktion, die ein prinzipielles Recht der menschlichen Seele ist, hatte sich der gegenseitige, durch die Nähe und Unabwendbarkeit des Todes hervorgerufene Haß jetzt in das Gefühl einer herzlichen Zärtlichkeit verwandelt. Es kam etwas seltsam Weiches, Linderndes über uns. Wir setzten uns nahe nebeneinander; Martha schmiegte sich mit dem biegsamen, schlanken Körper an Tomas und wir begannen miteinander zu sprechen, mit leiser Stimme, über eine Unmenge Kleinigkeiten, die uns einst auf der Erde angingen. Jede Erinnerung, jede Einzelheit nahm für uns jetzt eine große Bedeutung an, wir fühlten, daß diese Unterredung der Abschied des Lebens sei.

Und der Wagen sauste unaufhörlich nach Norden, durch die unermeßliche, todbringende Ebene.

Stunden und Erdentage gingen vorüber; der Zeiger des Manometers fiel stetig, aber wir waren ruhig und mit unserm Schicksal ausgesöhnt. Wir sprachen, aßen, tranken sogar, als wenn nichts vorgefallen wäre. Ich fühlte nur ein seltsames Drücken in der Gegend des Herzens und der Gurgel — wie ein Mensch, der einen großen Verlust erlitten hat und sich vergebens ihn zu vergessen bemüht ...

Gegen Mittag befanden wir uns zwischen dem 31. und 32. Parallelkreis. Die Glut, obwohl sie sehr stark war, quälte uns nicht mehr so wie am vorhergehenden Tage, da sich unter diesem Grade die Sonne nur zirka 60° über dem Horizonte erhebt. Die Erde, die seit Mittag in der gleichen Höhe am Himmel steht, war verblaßt, als die strahlenlose Sonnenscheibe, den flammenden Reifen ihrer Atmosphäre berührend, langsam hinter ihr zu versinken begann.

Wir hatten Sonnenfinsternis, die hier gegen zwei Stunden dauerte und sich den Erdbewohnern als eine Mondfinsternis darstellte.

Der leuchtende Reifen der Erdatmosphäre wurde in dem Augenblick, als die Sonne ihn berührte, einem Kranze blutigroter Blitze ähnlich, in dessen Mitte ein mächtiger schwarzer Fleck lagerte, — die einzige Stelle am Himmel, auf der keine Sterne leuchteten. Fast eine Stunde brauchte die Sonnenscheibe, um hinter diesem schwarzen Kreis inmitten der flackernden Flammen unterzugehen. Während dieser Zeit wurde der Kranz immer intensiver und breiter. In dem Augenblick als die Sonne verschwand war das Licht bereits so stark, daß man die Linien der Landschaften erkennen konnte, die in einem orangegelb schillernden Feuer auftauchten. Der schwarze Fleck der Erde sah jetzt wie der gähnende Schlund eines seltsamen Brunnens aus, der am sternenbesäten Himmel ausgehöhlt, von einem schmalen, blutigrot flammenden Hof umkränzt war; dieser ging stufenweise in ein rotes, dann orangegelbes Licht über, um sich schließlich am schwarzen Hintergrund in einem schwachen weißen Leuchten zu verlieren. Und hinter diesem Kranze schossen nach Westen und Osten zwei Strahlengarben, zwei Fontänen goldenen Lichtstaubes hervor: es war das Zodiakallicht, das man während der Finsternis sehen konnte, ähnlich wie nach dem Untergang der Sonne.

Die Beleuchtung auf dem Monde gestaltete sich indessen, als wenn Blutströme über die vor uns in Dämmerung gehüllte Wüste ausgegossen würden.

Wir mußten halten, da es unmöglich war, in diesem schwachen rötlichen Licht den Weg zu erkennen. Gleichzeitig mit dem Schatten trat nach Schwinden der Sonne eine empfindliche Kälte ein. Nachdem wir uns eingehüllt hatten, schmiegten wir uns aneinander und warteten, daß sich die Sonne wieder zeige. Über uns brannte in unerhörter Pracht der leuchtende Kranz der verschiedenfarbigen Flammen, als plötzlich die Hunde zu bellen begannen, erst leise, dann immer lauter und verzweifelter. Ein eisiger Schauer überflog uns bei diesem Bellen. Wir erinnerten uns der Nacht vor dem Tode O’Tamors, als Selena ebenso bellte, den Tod begrüßend, der in unseren Wagen eintrat. Und wir alle empfanden im Angesicht dieser Erhabenheit am Himmelsdome das ganze, grenzenlose Elend unserer Lage noch furchtbarer; es schien uns, daß diese Feuer dort oben wie zum Hohn über den Häuptern von uns Sterbenden flammten ...

In dem Behälter hatten wir nur noch Luft für ungefähr zwanzig Stunden.

Nach Verlauf von zwei Stunden wurde ein Segment der Sonne auf der westlichen Seite der schwarzen Erdscheibe sichtbar, und die leuchtende Aureole verengerte sich und begann langsam zu erlöschen. Beim Anblick der Sonne überkam mich zunächst ein Gefühl des Erstaunens; ich hatte mich schon so an diese blutig leuchtende Nacht gewöhnt, sie erschien mir als die Verkünderin einer tieferen Nacht, einer ewigen, die uns während der Abwesenheit der Sonne einhüllen sollte, daß der strahlende Tag für mich etwas ganz Unfaßbares war. Und dann plötzlich — ich weiß nicht woher — stieg eine neue Hoffnung in mir auf, als wenn mit dem Erscheinen der Sonne irgendein Wunder uns erretten müsse.

— Wir werden leben! rief ich so plötzlich und mit einer solchen Überzeugung, daß aller Augen fragend — wie gebannt — an meinem Munde hingen.

Da geschah etwas Seltsames. Aus der Kiste, in welcher der jetzt unbrauchbare telegraphische Apparat eingeschlossen war, vernahmen wir ein Pochen. Anfangs wollten wir unseren Ohren nicht trauen, aber das Pochen wurde immer deutlicher. Wir warfen uns auf die Kiste, und nachdem wir sie aufgerissen, zeigte es sich, daß der Apparat wirklich klopfte, als wenn er eine Depesche entgegennehmen wollte. Vergeblich bemühten wir uns, den Sinn der Depesche zu verstehen. Etwas war nicht in Ordnung oder hatte sich verwirrt. Kaum konnten wir einige abgerissene Worte erfassen: Mond ... in einer Stunde ... vom Mittelpunkt der Scheibe ... unter dem Winkel ... möge ... Frankreich ... die andern ... und wenn ... der Tod ...

Grenzenloses Staunen erfaßte uns. Varadol sprang an den Apparat und telegraphierte: Wer läßt sich vernehmen?

Wir warteten einen Augenblick — keine Antwort. Peter wiederholte die Frage zwei-, dreimal, aber ohne Erfolg.

Der Apparat verstummte und das Klopfen wiederholte sich nicht mehr.

Eine halbe Stunde der vollständigen Stille ging vorüber; wir begannen schon anzunehmen, daß die ganze Sache auf einer unfaßbaren Täuschung beruhte.

Die Sonne war gerade hinter der Erde aufgestiegen und stand neben ihr am Himmel. Die Glut wurde wieder größer.

Da flog und blitzte etwas in den Sonnenstrahlen an uns vorbei und gleichzeitig erbebte der Boden unter unseren Füßen, wie eine von einer Kanonenkugel getroffene Mauer. Wir schrien vor Entsetzen und Verwunderung auf. An das Fenster stürzend, bemerkten wir eine Masse von metallischem Glanz, die, auf der Oberfläche des Mondes abprallend, vor unseren Augen einen mächtigen Bogen im Raume beschrieb und wiederum aufschlug und zum zweitenmal abprallte, zum drittens, zum viertenmal, in ungeheuren Sprüngen nach Nordosten jagend.

Wir schwiegen und konnten uns diese Erscheinung nicht erklären, bis Peter plötzlich aufschrie:

— Die Brüder Remogner kommen!

Jetzt wurde uns alles klar! Es waren gerade sechs Erdenwochen vergangen, seit wir um Mitternacht auf den Mond herabfielen; die Zeit ist also gekommen, da die zweite Expedition uns folgen sollte. Unser Apparat klopfte unter dem Einfluß der Depesche, die die Brüder Remogner aus der Nähe des Mondes auf die Erde herabsandten. Er ließ sich vielleicht schon früher vernehmen, nur daß uns das Klopfen in der Kiste, in der sich der Apparat befand, nicht auffiel. Ebenso bemerkten die Brüder Remogner anscheinend unsere Depesche nicht, da sie im letzten Augenblick mit der Vorbereitung zum Fall beschäftigt waren.

Diese Gedanken schossen mir wie ein Blitz durch den Kopf, während wir in fliegender Eile unseren Motor in Bewegung setzten. In einigen Augenblicken sausten wir schon mit der ganzen Kraft in der Richtung, in der das Projektil unseren Blicken entschwunden war und alle fühlten und dachten wir in diesem Augenblick nur das eine: Die Brüder Remogner führen Luft mit sich!

In nicht ganz einer halben Stunde waren wir an der Stelle, an der das Projektil nach einigem Abprallen herabgefallen war. Ein entsetzlicher Anblick bot sich unseren Augen: Inmitten der zerstreuten Trümmer des zerschmetterten Projektils lagen zwei blutige, zermalmte Leichen.

Zitternd vor Aufregung legten wir die Luftbehälter an und nachdem wir sie mit dem Reste unseres Vorrates gefüllt hatten, gingen wir aus dem Wagen. Unsere Erschütterung, unser Beben wurde — wozu es verheimlichen! — weniger durch den furchtbaren Tod der Freunde, als vielmehr durch die Angst hervorgerufen, daß ihre Luftbehälter bei der Katastrophe beschädigt worden sein könnten.

Zwei waren in der Tat zerplatzt und lagen leer inmitten der zertrümmerten Metallplatten, aber vier von ihnen blieben unversehrt.

Wir waren gerettet!

Ein Freudentaumel erfaßte uns, der wenig im Einklang stand mit dem Entsetzlichen, das uns umgab und dennoch — wir waren dreihundertfünfzig endlose Stunden dahingestorben und erfuhren in diesem Augenblick, daß wir leben werden!

Nachdem wir uns bezüglich unseres Schicksals versichert hatten, konnten wir erst über das furchtbare Los, das die Brüder Remogner getroffen, nachdenken. Was uns errettete, ward die Ursache ihres Todes! Ein reiner Zufall — eine Ungenauigkeit in der Berechnung, ließ sie hier vor uns niederfallen, statt auf dem Mittelpunkt der Mondscheibe, die in diesem Augenblick gegen tausend Kilometer von uns entfernt ist. Dieser Zufall, der uns mit Luftvorräten versorgte, hat sie getötet. Sie fielen, in dieser Gegend herabkommend, nicht senkrecht auf die Mondoberfläche, sondern im Winkel. Das Projektil schlug daher mit der Seite auf den Boden, wo es nicht durch ein Stahlgerüst geschützt war und einige Male abprallend, mußte es endlich zerschmettern. Wir schauderten bei dem Gedanken, daß uns dasselbe hätte widerfahren können ...

Nachdem wir die Leichen sorgfältig zwischen den Steinen begraben hatten, machten wir uns an ihren Nachlaß. Wir haben alles aus den Trümmern hervorgesucht, was uns irgendwie von Nutzen sein konnte; vor allem die kostbaren Behälter mit verdichteter Luft, die wir in unseren Wagen hinübertrugen, wie auch die Nahrungsmittel, Wasservorräte und einige weniger beschädigte Instrumente. Mit klopfendem Herzen suchten wir nach ihrem telegraphischen Apparat, in der Hoffnung, daß er vielleicht stark genug sein würde, uns mit den Erdbewohnern in Verbindung zu setzen. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als trügerisch. Der Apparat wurde bei der Katastrophe beschädigt. Dasselbe war mit der Mehrzahl der astronomischen Instrumente der Fall. Den Motor des Wagens nahmen wir mit, obwohl er stark gelitten hat.

Welch unbeschreibliches Glück für uns, daß gerade die kupfernen Luftbehälter diesem entsetzlichen Anprall getrotzt haben.

Nachdem wir den Nachlaß der bedauernswerten Brüder Remogner an uns genommen hatten, traten wir unverzüglich die Weiterreise nach Norden an, da die Glut, die durch die Kühle während der Sonnenfinsternis unterbrochen wurde, wieder stärker einsetzte und wir irgendeine Erhebung finden mußten, die uns Schatten gewährte.

Hier erst, zwischen den Kratern c—d, blieben wir stehen.

Diese steilen Kegel, die sich am Fuße fast berühren, sind zweifellos vulkanischer Herkunft. Die ganze mit Schwefel bedeckte Gegend färbt sich gelb in dem blendenden Sonnenglanz. Tiefe Bergrinnen, mit denen die Abhänge der Krater von oben bis unten bedeckt sind, geben uns einen vorzüglichen Schutz vor der brennenden Glut.

Wir sind gerettet und dennoch verläßt uns die tiefe Niedergeschlagenheit keinen Augenblick. Immer und immer habe ich die furchtbar verstümmelten Leichen der Remogners vor Augen; wir sind in keiner Weise schuld an ihrem Tode und trotzdem empfinde ich es wie einen Vorwurf, daß wir durch ihn gerettet wurden ...

Ich bin erschöpft von all dem, was wir durchgemacht haben, erschöpft von dem langen Schreiben. Ich muß mich hinlegen und ein wenig ausruhen vor der weiteren Fahrt. Die Mühen und wahrscheinlich auch die Gefahren sind wohl noch lange nicht für uns vorbei.

In diesem Moment fällt mein Blick auf Selena, die munter mit ihren Jungen spielt; sie sind im Lauf dieser paar Wochen sehr gewachsen ... Merkwürdig, als uns der Tod durch Luftmangel drohte, waren wir eine Zeitlang bereit, das Leben dreier von uns zur Rettung des vierten zu opfern und keinem kam es in den Sinn die Hunde zu töten, die doch ebenfalls viel Luft verbrauchten, und auf diese Weise die Spanne Zeit zu verlängern, die uns — wie wir glaubten — zum Leben übrig blieb! Wie entsetzlich, wenn wir wirklich einen von uns geopfert hätten und dabei die Hunde verschonten, nur weil niemand an sie dachte!

Die Gefahr ist zunächst vorüber, und es ist gut, daß die Hunde leben. Sie erinnern uns in ihrer Schlichtheit mehr an die Erde, als wir sie uns gegenseitig in Erinnerung bringen können. Mit Rührung blicke ich auf diese Tiere ... Wir sind so einsam und so furchtbar von der Erde losgerissen. Zwei Menschen hat sie uns nachgesandt, aber wir sahen nur noch ihre Leichen. Wir hatten die Hoffnung, durch die Ankunft der Brüder Remogner Kameraden zu erhalten und gleichzeitig ein Mittel, uns mit der Erde zu verständigen; statt dessen haben sie uns zwar das Leben gerettet — aber wir sind dafür zur ewigen Vereinsamung verurteilt.

Auf Mare Imbrium, 9° westlicher Länge, 37° nördlicher Mondbreite. Zweiter Tag, einhundertzweiundfünfzig Stunden nach Mittag.

Seit ungefähr hundert Stunden, das heißt fast vier Erdentage, schleppen wir uns durch die Ebene, die kein Ende zu haben scheint! Soweit das Auge reicht — nichts — keine Erhebung, kein Gipfel, keine Unterbrechung, auf der der Blick ausruhen könnte. Eine entsetzliche Gleichmäßigkeit der Landschaft bedrückt und erschöpft uns. Ich machte einmal auf der Erde eine Reise durch die Sahara; aber die Sahara erscheint mir als ein buntes Märchenland, gegenüber dieser trostlosen Öde, die uns hier umgibt! Auf der Sahara begegnet man Felsenketten, wellenförmigen Sanderhebungen, hinter denen sich oft grüne Kronen der Palmen zeigen, die auf üppigen Oasen wachsen; über der Sahara wölbt sich ein blauer Himmel, der sich abwechselnd silbern färbt, dann im Mittagsglanz leuchtet, durch die Abendröte schillert oder sich mit einem sternenbesäten Schleier überzieht. Durch die Sahara wehen Stürme und dieses Sandmeer aufwühlend, zeugen sie mit ihrer Bewegung vom Leben; hier ist nichts von alledem. Ein felsiger, in Furchen gepflügter Boden, auf der Oberfläche von der Sonnenglut ausgetrocknet, immer dasselbe grauenhaft bleierne Einerlei! Wie dieser Himmel da oben, der in weit über dreihundert Stunden sich fast nicht verändert hat! Wo seid ihr — Wind — Wasser — Leben — Himmelsblau und grüne Triften? ...

Alles das erscheint uns wie ein wunderschönes Märchen, das man einst gehört und durchlebt hat, in der Jugendzeit — lang, lang ist’s her — ach, sehr lange ...

Nach der Zeitrechnung der Erde sind wir noch nicht ganz zwei Monate auf dem Mond, aber uns scheint es, daß schon ein Menschenalter verflossen ist, seit wir die Heimat verlassen haben. Wir gewöhnen uns langsam an die neuen Lebensbedingungen; wir wundern uns nicht mehr über das, was uns umgibt, wir wundern uns vielmehr über die Erinnerungen, die uns sagen, daß dort auf jener hellen Kugel, die von Sternen umgeben am schwarzen Himmel in einer Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern über uns hängt, das selige Land ist, wo wir geboren und aufgewachsen sind, das so verschieden ist von diesem — und so schön — so zauberhaft schön! ...

Oh! Die Menschen können die Schönheit der Erde nicht schätzen! Wenn sie hierher gelangten, würden sie sie lieben, wie wir sie jetzt lieben, sie, die ewig Verlorene! Und sie würden von ihr träumen — so wie wir — in Fieberphantasien, in unruhigen, schmerzlichen, bangen Fieberträumen, voll von quälender Sehnsucht ... Ach, wie diese Träume erschöpfen! Ich wache nach einigen Stunden auf und sehe, daß die Sonne am Himmel steht, fast an derselben Stelle, an der sie stand, ehe ich eingeschlafen war, daß unser Wagen, trotz der unaufhörlichen Fahrt, immer noch auf derselben Wüste ist, immer gleich weit vom Horizonte entfernt und beginne fast zu glauben, daß es keine Zeit mehr gibt und keinen Raum, sondern nur noch Raumlosigkeit und Ewigkeit!

Um uns zu zerstreuen und in dieser Wüste nicht wahnsinnig zu werden, erzählen wir uns lange, manchmal ganz kindische Geschichten oder lesen die von der Erde mitgebrachten Bücher. Wir haben einige naturwissenschaftliche Werke, eine ausführliche Geschichte der Zivilisation, einige der besten Dichter und die Bibel. Die Bibel lesen wir vor allem sehr oft. Gewöhnlich liest Woodbell mit wohlklingender, deutlicher Stimme Teile aus der Genesis oder die Evangelien vor ...

Wir hören zu, wie Gott die Erde erschaffen hat für den Menschen, damit er auf ihr wandle und den Mond, damit die Erde ihr nächtliches Licht habe; wie er die Nacht dem Tage folgen hieß, wie er Adam aus dem blühenden Paradies in ein wüstes, unfruchtbares Land hinaustrieb. Wir hören, wie der Heiland auf die Welt gesendet wurde, das Menschengeschlecht zu erlösen. Wie er mit einer treuen Schar über die wonnigen Wiesen und grünen Hügel von Galiläa dahinging, wie er litt und starb; wir hören all dem zu — auf die Erde blickend, die einer silbernen Sichel am schwarzen Samt des Himmels gleicht und fahren durch die wüsten, entsetzlichen Weiten unter dieser Sonne dahin, die, sich träge fortschleppend, vergißt, uns Tage und Stunden anzugeben.

Martha versinkt mit ihrer ganzen Seele in diese Erzählungen und wenn Tomas zu lesen aufhört, stellt sie ihm verschiedene, oft seltsame Fragen. Alles bezieht sich auf unsere gegenwärtige Lage ... Vor kurzem sagte sie zu Tomas: „Wir sind beide hier wie Adam und Eva.“ In der Tat, sie sind hier das erste Menschenpaar, von der Erde in die Wüste hinausgetrieben, wie einstmals jene aus dem Paradies Hinausgetriebenen. Aber ich und Peter — was sind wir? Es ist etwas Unmenschliches in unserem gegenwärtigen Dasein: Tomas und Martha haben allein in sich die Berechtigung ihres Seins, aber wir — wozu leben wir?

Ich erinnere mich, was wir auf der Erde gesagt haben, als wir uns zu dieser Reise rüsteten: Wir begeben uns dorthin der Erkenntnis wegen! Jetzt sehe ich, daß die Erkenntnis allein den Menschen nicht befriedigt, wenn es keine Möglichkeit gibt, sie anderen mitzuteilen! Wir sehen Wunder, wie sie seit Erschaffung der Welt noch kein Mensch gesehen hat und bemerken staunend, daß uns das ziemlich gleichgültig ist — eben weil wir niemandem sagen können, was wir sehen! Aus diesem Grunde auch — unwillkürlich — untersuchen wir viele Dinge nicht, die wir untersuchen könnten und müßten ... Ach, wenn wir ein Mittel zur Verständigung mit der Erde hätten! Ohne diese ist unser Leben ziellos. Glücklicher Tomas und glückliche Martha! Sie leben, weil einer für den anderen lebt!

Ein Fieber schüttelt mich, wenn ich auf sie sehe, wenn ich an sie denke. Über dreißig Jahre habe ich auf der Erde gelebt; ich gehörte zu den — Wahnsinnigen, — heute kann ich es nicht anders bezeichnen, — für die nur eine Liebe existiert: das Wissen — und nur ein Trachten: nach Wahrheit. Jetzt beginne ich, sehnsüchtig nach diesem großen Geheimnis des Lebens zu forschen, das das Weib in sich birgt und nach dem heiligen Irrsinn, in dem sich jenes Geheimnis offenbart — nach der Liebe ...

Ha! Ha! Wie lächerlich sieht dieser Satz — hier niedergeschrieben — aus! Ich bin allein und werde allein sein bis zum Tode, der mich überfallen und gleichzeitig mit dieser unverbrauchten Kraft, die Leben zeugt, verschlingen wird, zugleich mit diesem unverbrauchten Wissen, das wie ein Quell zwischen starren, unfruchtbaren Felsen quillt ...

Martha ... Ich weiß nicht, warum ich diesen Namen aufgeschrieben habe. Was geht mich diese halbwilde Malabarin an, die auf diese Hunderttausende von Kilometern von der Erde entfernte Welt nicht die erhabene Begierde des Forschens, nicht das Verlangen, tiefste Geheimnisse zu enträtseln, getrieben hat, sondern die banale, alltägliche, alberne Liebe zum Manne? Nein, sie geht mich nichts an und dennoch denke ich unaufhörlich an sie, hartnäckig, fast schmerzhaft. Wir sind hier drei Männer, kräftig und klug, und dennoch haben nicht wir den Menschen auf diese Welt gebracht, sondern sie, dieses unverständige, schmächtige Weib. Von uns hat nur derjenige einen Wert, den sie ausgewählt hat ...

Wir zwei sind nichts und dienen in der Tat nur den zwei andern mit unserm Gehirn — wie Arbeitstiere mit ihren Muskeln.

Eigentlich ist das ungerecht. Warum er, warum nur er, warum gerade er? ...

Martha sagte auf der Erde, als sie uns bat, sie mit auf den Mond zu nehmen: „Ich werde eure Sklavin sein.“ Und in Wirklichkeit sind wir ihre Sklaven, obwohl sie uns niemals etwas befiehlt, noch wir uns bemühen, ihr zu dienen. Wir sind durch den so ungeheuer einfachen Umstand ihre Sklaven, daß wir unwillkürlich, — obwohl auf verschiedene Weise, dem Zwecke dienen, den sie allein verwirklichen kann: hier eine neue Menschheit zu schaffen.

Wohin nur tragen mich diese Gedanken! Kaum ist das Gespenst des Todes vor meinen Augen entschwunden, so träume ich schon mit der alten Gewohnheit von der Zukunft, die sich vielleicht niemals erfüllen wird. Menschheit, neue Menschheit! Und rings um uns nur lebloses, totes Land, ohne Wasser und Luft! Der Mond hat uns noch nichts gegeben; wir leben bisher von diesen winzigen Erdenteilchen, die wir mit uns genommen haben. Wir fanden bis jetzt nichts, was uns zu der Annahme berechtigt, hier leben zu können! Wir haben schon Hunderte von Kilometern zurückgelegt, ohne eine Veränderung in der Gestalt der Grundoberfläche zu bemerken, noch in der Dichte der Atmosphäre. Die Luft bleibt hier immer so dünn, daß sie die Sterne am Tage nicht zu verblassen vermag, noch das schwarze Kolorit des Himmels blau zu färben; auf dem felsigen Boden finden sich nirgends Spuren, daß einstmals Wasser war und wirkte.

Und dennoch verlieren wir die Zuversicht nicht. Fast alle unsere Unterhaltungen beginnen mit den hoffnungsvollen Worten: Und wenn wir erst auf der anderen Seite sein werden ... Wie wird die andere Seite aussehen? Wir wissen heute davon nicht mehr als in dem Augenblick, da wir diese Reise von der Erde antraten, das heißt: wir wissen absolut nichts.

Unter den Drei Köpfen, 7° 40’ westlicher Länge, 43° 6’ nördlicher Mondbreite. Vor Mitternacht des zweiten Tages.

Wir befinden uns am Fuße des Berges, der sich im nördlichen Teil des Mare Imbrium erhebt und von allen bisher unterwegs angetroffenen Formationen unterscheidet. Das Licht der Erde, die hier nur einige vierzig Fuß über dem Horizonte steht, fällt schräg auf die Felsen, die einer mächtigen gotischen Kirche oder einem Märchenschloß für Riesen ähnlich sind.

Der nächtliche Glanz ist hier bedeutend schwächer als dort, wo die Erde im Zenite über uns leuchtete; man sieht jedoch bei seinem Scheine noch die allgemeinen Linien. Der erste Berg, der nicht die Gestalt eines Ringkraters hat. Nur noch die Reste der Steinmassen sind vorhanden, der Ring selbst muß durch einen furchtbaren Kataklysmus der Natur zerstört worden sein, oder auch durch das langsame Wirken des Wassers.

Wir sagen schon: „durch das Wirken des Wassers“, und obwohl das nur eine Vermutung ist, überläuft uns ein Freudenschauer, als wenn es Wahrheit wäre ... Denn wenn hier Wasser war, so kann man annehmen, daß dort auf der „anderen Seite“ Wasser ist, und wenn dort Wasser ist, so muß auch Luft in genügender Dichte vorhanden sein, um atmen zu können. Trotz des Frostes, der uns, obwohl bedeutend schwächer als in der vorhergehenden Nacht, empfindlich quält, gingen wir für kurze Zeit aus dem Wagen und erforschten beim schrägen Licht der Erde, die Gegend, um Spuren zu finden, die unsere Annahme bestätigen. Etwas Sicheres wissen wir noch nicht, aber es ist zweifellos, daß andere Ursachen bei der Entstehung dieses Berges gewirkt haben, als bei den bisher angetroffenen ringartigen Erhebungen. Dicht vor uns steigt eine fast senkrechte Wand empor mit drei mächtigen Gipfeln, gewissermaßen ein Stück Zyklopenmauer mit drei in ihr eingeschlossenen Basteien. Wir bezeichnen sie mit Drei Köpfe. Die Mauer erstreckt sich in nordöstlicher Richtung und ist uns mit der schwarzen, nichtbeleuchteten Seite zugewandt. Nur die Gipfel färben sich weiß, an den der Erde zugekehrten Flächen und sehen wie drei silberne Helme auf schwarzen Köpfen aus. Der ganze Berg ist vom Hintergrund des Himmels nur insofern verschieden, daß auf seinem Schwarz keine Sterne leuchten, mit denen der Himmel übersät ist. Seine Form erscheint uns ungefähr wie auf der Erde nachts eine schwarze Wolke am schwarzen, aber sternenhellen Himmel.

Wir sind in vollständiges Dunkel gehüllt, da der Berg uns die Erde verdeckt. Den Weg vor uns erhellen wir mit elektrischen Laternen. Das erschwert die Fahrt ungemein. Jede Erhebung wirft hier schon einen langen Schatten und wir müssen uns mit der größten Vorsicht vorwärts bewegen, um nicht in einer Unebenmäßigkeit oder Zerklüftung des Bodens stecken zu bleiben, die wir hier immer häufiger antreffen. Ich glaube, wir werden vor Sonnenaufgang nicht viel Weges zurücklegen können, vor allem, weil der Frost, der gegen Ende der Nacht stärker wird, uns wahrscheinlich zum längeren Aufenthalt an einer geschützten Stelle zwingen dürfte. Wir möchten vorher wenigstens bis zum Gipfel Pico vordringen, der nach der Karte gegen siebzig Kilometer nach Norden von uns entfernt ist, weil wir schon aus Erfahrung wissen, daß es in der Nähe der Berge bedeutend wärmer ist als auf der Ebene. Wir erklären uns diese Erscheinung durch den vulkanischen Charakter der meisten; es müssen wohl unterirdische Adern eines inneren Feuers vorhanden sein.

Nach kurzem Aufenthalt, der durch die Notwendigkeit den Motor zu versorgen hervorgerufen wurde, fahren wir weiter. Ich muß das Schreiben unterbrechen, da es während der Bewegung unmöglich ist, auch nur daran zu denken. Des ungleichen Grundes und der Schatten wegen, die das Licht der zum Horizont geneigten Erde wirft, müssen wir alle auf dem Posten sein. Mit dem Schlaf richten wir uns jetzt so ein, daß immer nur einer schläft und die drei anderen wachen, um die Fahrt nicht aufzuhalten. In diesem Augenblick schläft Martha. Ich höre ihr gleichmäßiges, ruhiges Atmen, ich sehe bei dem gedämpften Schein der Laterne ihr Gesicht, das aus einer Fülle von Pelzen hervorschimmert. Ihre Lippen sind ein wenig geöffnet, wie zum Lächeln oder Küssen ... Wovon träumt sie wohl? ... Ach, Unsinn! — Wir fahren weiter.

Dritter Tag, dreißig Stunden nach Mitternacht, auf Mare Imbrium, 9° 14’ westlicher Länge, 43° 58’ nördlicher Mondbreite.

Seltsam, seltsam ist das, was ich sehe ...

Ungefähr um Mitternacht setzten wir unsere Fahrt von den Drei Köpfen aus fort. Der Weg war außerordentlich beschwerlich, vor allem, weil wir jeden Augenblick in den Schatten kleiner Bodenerhebungen gerieten. Mehrere Male im Verlauf einer Stunde mußten wir anhalten und mit Hilfe des elektrischen Lichts das Terrain erforschen oder auch Messungen vornehmen bezüglich des Höhenstandes der Sterne, die jetzt der einzige Wegweiser für uns sind. Es ist unmöglich, etwas zu erkennen, mit Ausnahme der allgemeinen Linien. Und dennoch ... Vielleicht gerade deswegen ...

Im Verlauf von dreißig Stunden haben wir kaum etwas mehr als vierzig Kilometer zurückgelegt. Endlich gelangten wir zu einem eigenartigen grauen, einer Sandbank gleichenden Streifen. Er zieht sich auf der Strecke nach Nordwesten in einem leicht gekrümmten Bogen und hebt sich mit seiner helleren Farbe von dem dunklen Untergrund der Steinwüste ab. Soweit ich beim Licht der Erde sehen kann, endet er bei einer sonderbaren Felsengruppe, die von weitem einer phantastischen Burg oder einer Stadt ähnlich sieht. Einer Stadt? ...

Wir fahren weiter, längs diesem Streifen, der einen bedeutend gleichmäßigeren Weg für uns darstellt, als die mit Steinen übersäte Wüste und nicht zu sehr von der gesteckten Richtung abbiegt. Wir kommen ziemlich schnell vorwärts und jene von ferne gesehene Felsengruppe tritt immer deutlicher hervor. Jetzt kann man schon die einzelnen Teile erkennen, die durch ihre sonderbare Formation die Täuschung von Turmruinen und Gebäuden hervorrufen. Ich weiß nicht, was ich von alledem denken soll. Ich bemühe mich, darüber klar zu werden ... wahrhaftig, es ist zu seltsam! Eine fast abergläubische Furcht überkommt mich ... Sollte das ...

Dritter Tag, sechsunddreißig Stunden auf Mare Imbrium.

Barmherziger Himmel! Wenn wir Tomas verlieren ... Er war durch das erste Fieber schon so erschöpft und nun abermals ... O Gott, rette ihn, denn wir werden sonst ... diese Totenstadt ...

Neunundfünfzig Stunden nach Mitternacht auf Mare Imbrium am Pico, 9° 12 ’westlicher Länge, 45° 27’ nördlicher Mondbreite.

Ich sammle meine Gedanken. Ich muß sie endlich niederschreiben.

Ich erinnere mich — als ich gerade die letzten Notizen beendet hatte, blickte ich auf die phantastischen Ruinen oder Felsengruppen und rief unwillkürlich:

— Das sieht doch wirklich wie eine Stadt aus!

Tomas, der die ganze Zeit hindurch am Fenster stand und mit steigendem Interesse die näherkommenden Felsen beobachtete, wandte sich auf meine Worte schnell zu mir. In seinen Zügen malte sich eine starke Erregung.

— Ich glaube, du hast recht, sagte er ernst, mit leicht vibrierender Stimme. Das kann in der Tat eine Stadt sein ...

— Was!?

Wir stürzten alle ans Fenster, nach den Fernrohren greifend. Sogar Peter verließ das Steuer, nachdem er den Wagen angehalten hatte, um die seltsame Erscheinung zu beobachten. Tomas streckte die Hand aus ...

— Seht, seht, sagte er, dort nach rechts. Das sind doch Trümmer eines Steintores. Man sieht die beiden Säulen und oben hält sich noch das Stück eines Bogens ... Oder hier, — ist das nicht ein Turm, zur Hälfte zerfallen? Und dort, seht nur, ein mächtiges Gebäude, mit einer niedrigen Säulenreihe vorn und zwei stumpfen Pyramiden zur Seite. Ich bin überzeugt, daß diese scheinbare Klamm, die stellenweise mit Steinen übersät ist, eine Straße war ... Jetzt ist alles zertrümmert und starr ... Eine Totenstadt.

Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, das sich meiner bemächtigte.

Je länger ich hinsah, desto geneigter war ich, zu glauben, daß Tomas recht hatte. Vor meinen Augen wuchsen immer neue Türme, Bogen und Säulen, Teile eingefallener Mauern und steinübersäte Straßen. Das Licht der Erde färbte diese phantastischen Ruinen in zarten Silberton; aus einem schwarzen See sprangen geheimnisvolle Schatten empor — wie Geistererscheinungen. Ein kalter Schauer durchlief mich. Ein Mond-Pompeji und Herculanum, nur nicht aus dem Sande herausgegraben, sondern im Sande zerfallen, furchtbarer, mächtiger, viel mehr Tod in dieser ungeheuren Einsamkeit und in diesem seltsamen Lichte.

Varadol zuckte die Achseln und murmelte:

— Ja, das ist wahrhaftig Trümmern verteufelt ähnlich ... diese Felsen ... Aber hier war doch niemals ein lebendes Wesen.

— Wer weiß, antwortete Tomas. Heute hat diese Seite des Mondes weder Luft noch Wasser, aber sie konnte beides haben, einst, vor Jahrtausenden, als sich der Mondglobus noch schneller drehte und die Erde auf- und unterging an seinem Himmel ...

— Das ist möglich, flüsterte ich in tiefem Nachdenken.

— Wir haben an keiner Stelle Spuren von Erosionen angetroffen und das beweist, daß hier niemals Wasser war, was wiederum für das Fehlen der Luft, also auch des Lebens zeugt, entgegnete Peter.

Woodbell lächelte und wies auf den Boden unter unserem Wagen:

— Und dieser Sand? Und die „Drei Köpfe“, an denen wir vor kurzem vorbeigekommen sind? Sie sahen doch aus wie der Rest eines Berges, der vom Wasser abgespült ist. Man kann nicht behaupten, daß es hier niemals Wasser gegeben hat. Vielleicht wurde nur durch das Wirken der Kälte und Sonnenglut alles verwischt und vernichtet ...

Eine Zeitlang schwiegen wir alle; dann sagte Woodbell plötzlich:

— Ich glaube, daß wir das interessanteste Rätsel vor uns haben, dem wir überhaupt auf dem Monde begegnen konnten. Man muß es lösen.

— Wie meinst du das? fragte ich.

— Nun, wir werden an diese Trümmer heranfahren und sie untersuchen ...

Ich weiß nicht weshalb, aber ein Frösteln durchlief mich bei diesen Worten; es war keine Angst, aber etwas, das ihr sehr ähnlich ist. Diese Trümmer der — Gebäude oder der Felsen sahen wie Leichen aus in dieser unermeßlichen Wüste.

Peter zuckte unwillig die Achseln:

— Eine hirnverbrannte Idee! Schade um die Zeit, diese Felsmassen zu besichtigen, die beim Licht der Erde allerdings mit Gebäuden etwas Ähnlichkeit haben, aber auch nichts mehr.

Trotzdem lenkten wir den Wagen den Ruinen zu. Martha betrachtete sie mit Spannung und gleichzeitig mit einer sichtlichen Unruhe.

— Und wenn diese Stadt der Toten durch Tote erbaut, flüsterte sie, als uns schon kaum mehr zwei Kilometer von den Arkaden trennten, die den Eingang zu dieser sonderbaren Stadt bildeten.

— Eine Stadt der Toten ... sicherlich ... sagte Tomas lächelnd, aber glaube mir, daß sie einst von Lebenden erbaut werden mußte.

— Oder durch Naturkräfte, warf Peter ein, und in diesem Augenblick blieb der Wagen mit einem heftigen Ruck stehen.

Wir stürzten zum Motor, zu sehen, was vorgefallen. Die Sandbank hatte gerade ihr Ende erreicht, und vor uns lag ein Feld, so übersät mit großen Steinen, daß keine Rede von einem Durchdringen mit dem Wagen sein konnte. Als Tomas dies bemerkte, zögerte er einen Augenblick und sagte dann:

— Ich werde zu Fuß hingehen!

Wir wollten ihn alle zurückhalten, ohne uns klar darüber zu sein, weshalb. Vielleicht war es ein Vorgefühl dessen, was geschehen sollte!

Er blieb jedoch bei seinem Entschluß. Peter fluchte unter dem Schnurrbart hervor und meinte, daß man ein kompletter Idiot sein müsse, die Zeit zu verlieren und sich durch das Verlassen des Wagens der furchtbaren Kälte auszusetzen, nur eines Hirngespinstes wegen. Ich erklärte mich bereit, Tomas zu begleiten, aber als er sagte, daß er allein gehen wolle, drängte ich nicht weiter. Ich weiß noch immer nicht, was mich eigentlich zurückgehalten hat, die Angst vor der Kälte oder auch dieses unerklärliche Gefühl der Furcht beim Anblick dieser toten Stadt. Genug, ich blieb im Wagen ...

Als Tomas uns verlassen, wandte er sich direkt den geheimnisvollen Trümmern zu. Wir standen am Fenster und sahen ihn im Schein der Erde klar und deutlich vor uns. Er ging langsam vorwärts, sich oft bückend, wahrscheinlich um den Boden zu untersuchen. Für einen Augenblick verschwand er im Schatten eines kleinen Felsens, dann sahen wir ihn wieder, schon bedeutend weiter. Plötzlich geschah etwas Merkwürdiges. Woodbell, der vielleicht schon den dritten Teil des Weges zurückgelegt hatte, reckte sich in die Höhe, stand wie erstarrt und begann dann in wahnsinnigen Sprüngen zum Wagen zurückzulaufen.

Wir sahen seine Bewegungen und konnten sie uns nicht erklären. Da, einige Schritte bevor er den Wagen erreicht hatte, wankte er und fiel. Als wir bemerkten, daß er nicht wieder aufstand, wollten wir ihm zu Hilfe eilen, aber ehe wir hinaus konnten, verging eine geraume Zeit, da wir erst die Luftbehälter anlegen mußten. Dann stürzten wir zu ihm; er lag bewußtlos am Boden. Wir hoben ihn auf und trugen ihn in den Wagen.

Nachdem wir ihm den Luftbehälter heruntergerissen hatten, bot sich uns ein entsetzlicher Anblick dar. Das Gesicht war geschwollen und bläulich, ganz von Blut überströmt, das ihm aus Mund und Nase hervorquoll; an den Armen und am Halse waren ebenfalls dicke Blutstropfen sichtbar, obwohl wir nirgends eine Wunde entdecken konnten.

Martha schrie verzweifelt auf und wollte sich über den Geliebten stürzen. Nur mit Gewalt konnte Varadol sie zurückhalten. Ich begann indessen mit den Wiederbelebungsversuchen. Anfangs dachten wir, daß er einen apoplektischen Anfall bekommen habe, als jedoch Peter den Luftbehälter untersuchte, zeigte sich der wahre Grund der Ohnmacht. Das Glas in der Maske war zerschlagen, was wir nicht sofort wahrgenommen hatten. Anscheinend zerbrach es, als Tomas stolperte und fiel und infolgedessen war die Luft aus dem Behälter entwichen. Ehe wir ihm zu Hilfe kamen, hatte sich der Luftbehälter fast gänzlich entleert, was den Blutsturz und die Ohnmacht verursachte; aber aus welcher Veranlassung er so gelaufen war, blieb uns allen zunächst ein Rätsel.

Endlich nach langer Zeit gelang es uns, ihn zum Bewußtsein zu bringen. Das erste Zeichen des wiederkehrenden Lebens war ein tiefer, krampfartiger Atemzug, worauf ihm abermals das Blut aus dem Munde herausschoß. Dann öffnete er die Augen und sah uns mit irren Blicken an; er begriff scheinbar nicht, was mit ihm vorgegangen war. Plötzlich schrie er entsetzt auf und streckte die Hände aus, als wenn er etwas von sich stoßen wollte, dann wurde er von neuem ohnmächtig. Wir versuchten zum zweitenmal, ihn wieder zu sich zu bringen, aber vergebens: Er fiel in ein Fieber, das die Vorbotin einer längeren Krankheit war.

Nachdem wir Tomas aufs sorgfältigste gebettet hatten, fuhren wir weiter. An die phantastischen Berge und die geheimnisvolle Stadt dachte niemand mehr! Wir hatten nach diesem entsetzlichen Vorfall nur die eine Sorge, so schnell wie nur möglich aus dieser grauenvollen Gegend herauszukommen.

In zwanzig Stunden sind wir endlich bis zu den Abhängen des Pico vorgedrungen, wo wir augenblicklich rasten. Wir werden bis zum Morgen hier bleiben.

Der Zustand Woodbells ist sehr besorgniserregend. Der Blutsturz hat sich zwar nicht wiederholt, aber das Fieber wird immer heftiger. Manchmal springt er auf, als wenn er fliehen wollte, phantasiert und stößt unverständliche Worte hervor; oft glauben wir, die Namen der unglücklichen Brüder Remogner herauszuhören. Solchen Anfällen folgt meist eine vollständige Erschlaffung. Er sieht dann leichenblaß aus, als wenn in seinem ganzen Körper nicht ein Blutstropfen mehr vorhanden wäre.

Wir sind durch das alles im höchsten Grade beunruhigt. Martha verliert vor Verzweiflung und Angst fast den Verstand. Aber sie versucht immer wieder, sich zu beherrschen, weil der Kranke so dringend ihrer Pflege bedarf. Wir trösten sie so gut wir können und verheimlichen ihr unsere eigenen Befürchtungen.

Hinter diesem ganzen grauenhaften Vorfall steckt irgendein Rätsel. Ich begreife noch immer nicht, was Tomas zu jener wahnsinnigen Flucht veranlassen konnte, die schließlich die Ursache seines Unglücks geworden ist. Denn es ist sicher, daß sich die Glasmaske erst bei seinem Fall zerschlagen hat. Wenn ich nur damals auf den Gedanken gekommen wäre, den von ihm zurückgelegten Weg zu erforschen, vielleicht hätte uns das etwas Klarheit gebracht ... Denn es muß dort etwas Unerhörtes geschehen sein! Wenn ein Mensch sich nicht von grundloser Angst erfassen ließ, so war es Tomas, der stets so viel Geistesgegenwart und Ruhe in den fürchterlichsten Situationen bewahrte. Aber was hat ihn so entsetzt? Was konnte ihn überhaupt in dieser toten Welt entsetzen? ... Er hatte nicht einmal die Hälfte des Weges zu den Toren jener mutmaßlichen Stadt der Toten zurückgelegt ...

Am Pico, einhundertachtundvierzig Stunden nach Mitternacht.

Endlich atmen wir etwas freier! Ich glaube, daß es uns gelingen wird, Tomas am Leben zu erhalten. Jetzt ist er eingeschlafen, ein Zeichen, daß die Krisis überstanden ist. Wir verhalten uns so ruhig wie nur möglich, sprechen sogar nur im Flüsterton, um ihn nicht zu stören. Vielleicht wird ihn dieser Schlaf erretten.

Wir fürchten nur sehr, daß die Hunde mit ihrem Bellen Lärm machen könnten, — denn Tomas jetzt aufzuwecken, hieße ihn morden. Infolgedessen wachen wir abwechselnd bei den Tieren, wenn eins von ihnen bellen sollte, wird es aus dem Wagen geworfen. Aber zum Glück verhalten sich die Hunde ganz ruhig. Selena, seine geliebte Hündin, sitzt neben dem Lager wie zur Wache und wendet keinen Blick von ihrem kranken Herrn. Ich bin überzeugt, daß dieses kluge Tier versteht, was mit Tomas vorgeht. Wenn wir uns dem Kranken nähern, brummt Selena leise, wie warnend, daß sie wacht und ihm kein Unrecht zufügen läßt, und dann schwänzelt sie wieder, um zu erkennen zu geben, daß sie an unsere guten Absichten glaubt und über unsere Sorgfalt erfreut ist. Und bei alledem liegt so viel Angst und Trauer in ihren treuen Augen.

Auch Martha weicht nicht von Tomas’ Seite. Fast hundert Stunden bereits spricht sie kein Wort. Sie öffnet den Mund nur, wenn sie sich mit uns bezüglich der Pflege verständigen muß. Ich kann mir keinen größeren Schmerz vorstellen. Sie weint nicht, sie klagt nicht, im Gegenteil, sie ist ganz ruhig, aber in dieser Ruhe, in diesen zusammengebissenen, trockenen Lippen, den weitgeöffneten Augen liegt etwas so Trostloses, daß es uns geradezu das Herz zerreißt. Wir möchten sie beruhigen, ihr Hoffnung und Mut zusprechen — und wagen nicht, uns ihr zu nähern, so achten wir sie und ihren großen Schmerz. Und sie blickt so seltsam gleichgültig auf uns; wir fühlen, daß wir sie nur so weit angehen, als wir ihr bei Tomas’ Rettung behilflich sind. Außerdem existieren wir nicht für sie.

Am Pico, vor Sonnenaufgang am dritten Tage.

Der höchste Gipfel des Pico flammt in der Sonne auf! Drei oder vier Stunden — und der Tag wird auch schon hier in der Tiefe leuchten. Die ganze Nacht hindurch sahen wir im Schein der Erde die silberne Wand des mächtigen Berges vor uns; jetzt ist diese Wand durch den Kontrast mit dem in der Sonne glühenden Gipfel grau und dunkel.

Wie die „Drei Köpfe“ ist auch der Pico kein Krater, sondern vielmehr die letzte mächtige Felsenpartie eines zerstörten Ringberges. Wir stehen unter seinem höchsten Gipfel, der sich im Nordwesten erhebt. Er bricht hier fast senkrecht zur Ebene ab. Man kann schwindlig werden beim Anblick dieser enormen Höhe, die sich noch stärker dadurch abhebt, daß sich ringsherum eine glatte Fläche ausdehnt. Der Gipfel erhebt sich über zweitausendfünfhundert Meter.

Es ist schwer zu erraten, was den Zerfall dieses Ringberges, von dem nur die vor uns liegenden Reste übrig blieben, veranlaßt hat. Vielleicht ist der Felsen, aus einem weicheren Material gebildet, unter dem Einfluß der Temperaturveränderungen zerbröckelt — oder hat ihn das Wasser unterspült?

Schon das zweitemal während unserer Fahrt kommt uns diese Vermutung. Auch der Umstand spricht dafür, daß man nirgends einen Wall von Felsstücken sieht, der hätte entstehen müssen, wenn diese Berge durch Kälte und Sonne zerfressen wären.

Dort, wo sich einst scheinbar der Kamm des Ringes erhob, befindet sich jetzt kaum eine kleine, glatte Erhebung, die im Lichte der Erde unklar vor uns auftaucht. Peter hat sich trotz der großen Kälte für einen Augenblick aus dem Wagen herausgewagt, um den Boden zu erforschen. Er konnte sich nicht länger aufhalten, aber er brachte ein Stück Gestein mit, dem ähnlich, das sich im Wasser ansetzt ...

Wenn die Sonne aufgeht und diese Gegend erhellt, werden wir vielleicht Näheres erfahren.

Tomas schläft andauernd fast seit dreißig Stunden. Wir sind dadurch etwas freier, aber andererseits beginnt uns ein so langer Schlaf zu beunruhigen. Eine beklemmende Angst befällt uns, wenn wir auf dieses totenblasse Gesicht blicken. Die Augen hat er geschlossen, die Wangen sind eingefallen, die Lippen vertrocknet und blutleer. Er liegt regungslos da. Die Rippen heben sich kaum beim leisen Atmen. Manchmal glaube ich, daß ich keinen lebenden Menschen, sondern eine Leiche vor mir sehe. Wie froh wäre ich, wenn er endlich aufwachte.

Martha schweigt und weicht nicht einen Augenblick von seinem Lager. Von Müdigkeit überwältigt, schläft sie manchmal so sitzend ein. Aber das dauert nur ganz kurze Zeit; sie wacht sofort wieder auf und sieht mit weit aufgerissenen Augen auf den Kranken, als wenn sie ihn durch den Blick gesund machen wollte. Ich beginne wirklich für ihre Gesundheit zu fürchten. Gott, wenn sie uns auch noch krank würde! Aber alle Vorstellungen unsererseits sind vergebens. Nur mit Mühe können wir sie dazu bringen, etwas zu essen. Ich bin sehr in Sorge, was werden soll, wenn Woodbell vor Anbruch des Tages nicht erwacht. Wir möchten sofort weiterfahren, fürchten aber wiederum, seinen Schlaf zu unterbrechen. Anfangs hatten wir die Absicht, uns vom Pico nach Osten zu wenden, um die Alpenkette zu umkreisen, die die nordöstliche Grenze des Mare Imbrium bildet, aber schließlich fahren wir direkt nach Norden, dem mächtigen Ringe des Plato zu. Peter glaubt, nach ausführlichem Studium der Karten, daß es uns gelingen wird, durch diesen Ring hindurch direkt auf das Mare Frigoris zu gelangen, hinter dem sich ein gebirgiges Land auftut, das sich alsdann bis zum Pol erstreckt. Das würde uns den Weg bedeutend verkürzen.

Auf Mare Imbrium, 10° westlicher Länge, 47° nördlicher Mondbreite, zwanzig Stunden nach Sonnenaufgang des dritten Tages.

Wir nähern uns endlich der Grenze des unermeßlichen Regenmeeres, zu dessen Durchquerung wir fast zwei Monate brauchten. Hier sind das zwei Tage, aber dort auf der Erde hat sich der Mond indessen zweimal erneuert, zweimal ist er im Vollmond aufgeflammt und zweimal hat er sich im Neumond verfinstert.

Seit mehreren Stunden sehen wir den mächtigen Wall des Platoringes vor uns. Sein östlicher Teil schimmert bereits in der Sonne wie eine mächtige Mauer am schwarzen Himmel; in westlicher Richtung ist noch Nacht. Die höheren Gipfel flammen wie Fackeln. Es ist dies entschieden der erhabenste und mächtigste Anblick, den wir bis jetzt hatten; wir sind jedoch durch den Zustand Tomas’ so niedergedrückt, daß wir fast gar nicht beachten, was uns umgibt.

Tomas ist bei Sonnenaufgang erwacht. Er sah uns kurze Zeit erstaunt an und dann versuchte er, sich zu erheben, aber die Kräfte versagten ihm, er fiel schlaff zurück. Martha hat ihn aufgerichtet, und ich frug ihn, ob er etwas wünsche. Peter stand indessen am Steuer des Wagens.

Tomas wunderte sich zuerst, daß es Tag sei. Er erinnerte sich an nichts aus seiner Krankheit, sogar der Vorfall, der ihr vorausgegangen, war seinem Gedächtnis entschwunden. Als ich ihn erwähnte, dachte er kurze Zeit nach, und dann erblaßte er plötzlich, wenn man vom Erblassen eines Gesichtes sprechen kann, aus dem schon jeder Blutstropfen gewichen zu sein scheint. Er bedeckte die Augen mit den Händen, und mit einem Ausdruck der qualvollsten Angst wiederholte er fortwährend: Das war entsetzlich, entsetzlich! — Schauer schüttelten ihn.

Als er sich nach einer Weile etwas beruhigt hatte, versuchte ich vorsichtig zu erfragen, was ihn so entsetzt und zu dieser in ihren Folgen so verhängnisvollen Flucht veranlaßt hatte. Aber alle meine Bemühungen waren umsonst. Er schwieg hartnäckig oder fertigte mich mit Antworten ohne jeglichen Zusammenhang ab. Schließlich gab ich das zwecklose Fragen auf, als ich bemerkte, daß ich ihn nur damit peinigte und ermüdete. Statt dessen mußte ich ihm ausführlich erzählen, in welchem Zustande wir ihn gefunden und den ganzen Verlauf der Krankheit. Er hörte aufmerksam zu, nannte manchmal halblaut lateinische Namen von Medikamenten, erkundigte sich nach den kleinsten Umständen und Begleiterscheinungen, und nachdem er sich alles angehört hatte, wandte er sich zu mir und sagte mit seltsamer Ruhe:

— Ich glaube, daß ich sterben werde.

Ich widersprach lebhaft, aber er nickte nur mit dem Kopfe:

— Ich bin Arzt, und jetzt, wo ich die Besinnung wiedererlangte, sehe ich als solcher auf meine eigene Krankheit. Ich wundere mich nur, daß ich überhaupt noch am Leben bin. Als ich damals fiel, wie du sagst, zerschlug sich das Glas in der Maske des Luftbehälters. Daß ich nicht sofort gestorben bin, verdanke ich nur dem Umstand, daß ihr früh genug zu Hilfe kamt, bevor die in dem Behälter befindliche Luft nach außen gelangen und verfliegen konnte. Aus dem, was du von meinem Zustand erzählst, nehme ich jedoch an, daß die Atmosphäre in meinem Luftbehälter schon außerordentlich dünn gewesen sein muß. Durch den erhöhten inneren Druck stürzte mir das Blut nicht nur aus Mund und Nase, sondern sogar durch die Poren der Haut. Wenn ihr euch um einige Sekunden verspätet hättet, würdet ihr nur noch eine blutlose Leiche gefunden haben. Ich wundere mich übrigens, wie ich nach einem so furchtbaren Blutverlust die vielen Tage hindurch das Fieber aushielt ... Wenn es auch nicht stark sein konnte, denn woher ... bei dem Fehlen des Blutes und der so schwachen Herztätigkeit ... aber schließlich habe ich das Fieber überstanden und lebe, — doch das bedeutet durchaus noch nicht, daß ich leben werde. Ich habe kein Blut; sieh her, den Puls fühlt man kaum, leg’ mir die Hand auf die Brust, du fühlst nicht einmal, daß das Herz schlägt. Auf der Erde würde ich vielleicht aufkommen, aber hier fehlen die Bedingungen.

Er brach erschöpft ab und fiel in die Kissen zurück. Ich dachte, daß er wieder einschliefe. Aber seine Blicke flackerten unstät unter den gesenkten Lidern und folgten unaufhörlich Martha, die mit der Zubereitung der Arzneien, die er sich selbst verschrieben hatte, beschäftigt war. Ein grenzenloses Leid lag in seinen Augen. Er bewegte einige Male die Lippen, und dann sagte er ruhig, mich fest ansehend:

— Ihr werdet gut zu ihr sein, nicht wahr?

Ein Krampf schnürte mir das Herz zusammen und gleichzeitig schien es mir, daß mir eine widerwärtige, teuflische Stimme ins Ohr flüsterte: Wenn er stirbt, wird Martha einem von euch gehören, vielleicht dir ...

Ich blickte zu Boden aus Scham vor mir selbst, aber er schien schon diesen Gedanken in meinen Zügen gelesen zu haben, obwohl ich bei Gott schwöre, daß er kürzer war als die kleinste Sekunde.

Er lächelte unsagbar schmerzlich, und die von kleinen blauen Äderchen durchzogene Totenhand nach mir ausstreckend, fügte er hinzu:

Zankt euch nicht um sie. Überlaßt ihr ... achtet ... achtet ...

Er konnte es nicht beenden. Nach einer Weile erst, nachdem er Atem geschöpft hatte, sagte er hart, den Ton plötzlich ändernd:

— Ich kann auch am Leben bleiben. Es ist absolut nicht gewiß, daß ich sterben muß.

Seit dieser Unterredung sind einige Stunden verflossen, aber sein Zustand besserte sich in nichts; im Gegenteil, er scheint sich sogar zu verschlimmern. Immer wiederholen sich das Herzklopfen, die Beklemmungen und Ohnmachten. Ich weiß, wie das weitergehen wird. Er ist dabei sehr erregt und ungeduldig geworden. Martha darf ihn keine Minute verlassen; auf uns blickt er wie auf Feinde.

Ich versuchte noch mehrere Male die Ursache jener geheimnisvollen Flucht von ihm zu erfahren, aber immer wenn ich das Gespräch darauf brachte, verstummte er sofort und seine Augen nahmen den Ausdruck einer solchen Angst an, daß ich es nicht mehr über mich bringe, ihn mit Fragen zu quälen. Schließlich, was liegt mir daran? Es genügt, daß ein Unglück geschehen ist, — wenn es nur damit seine Bewandtnis hätte!

Dritter Mondtag, sechsundsechzig Stunden nach Sonnenaufgang, unterm Plato, auf dem Wege nach Osten.

Die Annahmen Varadols haben sich als vollständig irrig erwiesen. Mit dem Wagen durch die Mitte des Platoringes zu kommen, ist eine reine Unmöglichkeit. Wir müssen die Alpenkette umkreisen, was unsere Reise außerordentlich verlängert. Aber es gibt keinen anderen Ausweg.

Kaum mehr als dreißig Stunden sind seit Sonnenaufgang verstrichen; in dieser Zeit legten wir fast hundert Kilometer Weges zurück, allerdings auf einem Boden, der ausnahmsweise glatt war. Nun haben wir am Fuße des Plato haltgemacht.

Der mächtige, zirka neunzig Kilometer im Durchmesser zählende Platoring erhebt sich an der nördlichen Grenze des Regenmeeres. Nordöstlich von ihm erstreckt sich die Kette der Mondalpen bis zum Palus Nebularum, der das Mare Imbrium mit dem Mare Serenitatis verbindet.

Die Kette ist nur an einer Stelle durch eine breite, querliegende Tiefebene unterbrochen, wohl der einzigen auf dieser Seite des Mondes, die zum Mare Frigoris führt, durch das wir auf der Fahrt zum Pol hindurch müssen. Im Westen des Plato erstreckt sich ein hoher, steiler, im Halbkreis gekrümmter Rand, in den sich noch der breite „Abhang des Regenbogen“ hineinzieht. Der Platoring selbst ist aus einem Bergwall entstanden, der eine innere Fläche von ungefähr siebentausendfünfhundert Quadratkilometer Raum umfaßt. Die höchsten Gipfel im östlichen Teil des Walls erreichen eine Höhe von zweitausendfünfhundert Metern.

Nachdem wir alles dies genau auf der Karte erforscht hatten, bemerkten wir, daß sich im nördlichen Wall des Plato, dicht neben dem in ihm eingeschlossenen kleinen Krater ein Kamm senkt und verflacht, der eine Art von breitem Paß bildet.

Wir wollten nun nach dem Plan Peters, um den Weg zu verkürzen, über diese Einsattelung auf die mittlere Fläche gelangen und, sie in nördlicher Richtung durchschneidend, einen Ausgang auf die Höhe suchen, die sich schon sanft nach dem Mare Frigoris senkt.

An den Abhängen des Plato angelangt, fanden wir leicht die auf der Karte angegebene Stelle. Dabei war uns jener herausragende Krater behilflich, der sich über der Einsattelung erhob. Der Weg dorthin schien nicht sehr beschwerlich zu sein; der Boden stieg nur allmählich und es waren keine Unebenheiten auf ihm zu bemerken. Trotzdem wagten wir es nicht sogleich mit dem Wagen weiterzufahren. Wir mußten uns vergewissern, ob wir diese Strecke wirklich passieren konnten.

Nachdem wir also Woodbell unter Marthas Schutz zurückgelassen hatten, traten Peter und ich den Weg zu Fuß an. Der Wagen sollte auf unsere Rückkehr warten. Wir umkreisten den Krater im Massiv des Plato von Osten aus, immer höher hinaufsteigend. Der Weg war nicht so einfach, wie es von unten den Anschein hatte. Wir trafen Steinfelder und Abgründe an, die wir umgehen mußten. Trotzdem waren wir überzeugt, mit dem Wagen durchzukommen. Eine frohe, hoffnungsvolle Stimmung hatte uns beide erfaßt. Die Sonne stand noch nicht hoch über dem Horizont und erwärmte uns genügend. Es war uns warm und leicht; rings um uns boten sich wundervolle Landschaftsbilder dar! Die Abhänge der Felsen, die von schwarzen Schatten durchbrochen waren, glänzten, von der blendenden Sonne bestrahlt, in der ganzen Pracht der köstlichsten Regenbogenfarben. Wir schritten über Schätze hinweg, für die man auf Erden hätte Königreiche und Kronen kaufen können: zwischen den zerbröckelten Steinen schillerten blutigrote Rubine; Malachitadern leuchteten von ferne wie Grasflächen, auf denen zerstreute Stücke von Onixen und Topasen den Eindruck von Blumen hervorriefen. Manchmal schoß plötzlich aus einer Spalte, in die ein Sonnenstrahl drang, eine ganze Fontäne von Glanz, eine wahre Orgie des Lichts, das in den mächtigen Prismen des Gebirgskristalls verteilt war.

Dieser maßlose Reichtum, der durch eine Laune der Natur an dieser Stelle ausgeschüttet war, blendete und berauschte uns, aber bald gewöhnten wir uns so an diesen Anblick und an die hier ganz wertlosen Schätze, daß wir auf ihnen schritten wie auf gewöhnlichen Kieselsteinen.

Jedoch wirkte diese herrliche Umgebung ungemein belebend auf uns und wir waren glücklich und guter Dinge. Wir vergaßen Kummer und Sorgen, die Krankheit Tomas’, die überstandenen Mühen und Unglücksfälle, die Gefahren, die uns noch drohten, sogar die gänzlich unsichere Zukunft, der wir entgegengingen. Wir freuten uns wie die Kinder über diesen einzig schönen Morgen! An die etwas unbequemen Luftbehälter hatten wir uns schon vollständig gewöhnt, und auch der Gedanke an die Gefahr, der wir durch die uns umgebende Leere ausgesetzt waren, trübte, trotz des neuerlichen Vorfalls mit Woodbell, unsere Fröhlichkeit nicht.

Von unserm leichten Körpergewicht auf dem Monde und einer nicht geschwächten Muskelkraft profitierend, setzten wir über mächtige Felsen oder sprangen von hohen Wänden herab.

Diese Ausbrüche der guten Laune wurden allein durch die Notwendigkeit der baldigen Umkehr eingedämmt. Luft und Nahrung hatten wir nur für vierzig Stunden mitgenommen und wir mußten bedenken, daß irgend etwas Unvorhergesehenes eintreten konnte, das uns zu einem längeren Aufenthalt nötigte.

In ungefähr zehn Stunden standen wir auf der Einsattelung. Vor uns öffnete sich der Blick auf das geheimnisvolle Innere des Plato. Der nördliche Wall des Ringes, der von uns gegen hundert Kilometer entfernt lag, erschien wie eine mächtige Säge, die in unzählige Zacken zerrissen war. Bis zu dieser Grenze erstreckte sich eine glatte Fläche, dunkelgrau, erloschen und still. Hie und da nur zerschnitten sie hellere, breite Ketten, mit einigen kleinen Kratern, die darauf zerstreut lagen und flachen Mulden ähnlich waren. Zu unsern Füßen brach der Felsen im Innern außerordentlich scharf ab; es war keine Rede davon, daß wir hier mit dem Wagen vordringen konnten.

Eine unsagbare Trauer wehte uns aus dieser trostlosen Öde an. Es wäre unmöglich, sich eine Landschaft vorzustellen, in der mehr Schweigen und mehr Starrheit lag. Die Felsen sogar senkten sich hier langsam und träge zur Tiefe, — die Gipfel starrten traumverloren und so finster in den Sonnenschein, als wenn sie sich nur mit Mühe und ungern erhoben hätten, weil man sie auf Wache stehen hieß und jene mächtige, graue Ebene zu umgrenzen.

All unsere Fröhlichkeit war spurlos verschwunden ...

Seltsam, wie eine Landschaft auf das menschliche Herz wirkt! Ich schaute lange, in Schweigen versunken, und konnte die Augen von dieser Wüste nicht abwenden, und ein immer größeres Leid bedrückte mich, ich weiß nicht, warum und um wen ... So gleichgültig war mir alles geworden, so wertlos, und so überflüssig erschien mir jede Anstrengung und so verlockend der Tod-Erlöser, der mich doch vor kurzem noch mit einer so höllischen Angst erfüllte.

Ich fühlte, daß mich dieser Anblick mordet; ich konnte ihn nicht länger ertragen und bedurfte doch der ganzen Willensanstrengung, um mich von ihm loszureißen.

Ich wandte den Blick nach Süden, der am Himmel leuchtenden Erdsichel zu. Über den Gipfeln des Kraters, der uns beim Eingang als Wegweiser gedient hatte und jetzt in der Tiefe versank, tauchte das Regenmeer vor mir auf. Diese mächtige zurückgelegte Strecke! Ich schaute auf sie, wie einst von der Einsattelung unter dem Eratosthenes, nur daß sie damals noch vor mir lag, ein unbekannter Weg, der zu dem unbekannten, ersehnten Lande führte — jetzt hatte ich sie schon hinter mir ...

Grau war sie, tot und unermeßlich wie damals; aber statt der in der Sonne flammenden Gipfel des Timocharis und Lambert erhoben sich die in Schatten gehüllten Spitzen: Pico und weiter nach Osten Piton vor meinen Augen.

Die Erdsichel stand über diesem Meere, dem Horizont schon näher als der Himmelswölbung. Und so schien mir die ganze Ebene wie eine breite Straße, die von dieser Erde hierherführt. Welch ein furchtbarer, beschwerlicher Weg und wie weit! Während wir ihn zurückgelegt haben, ist zweimal die Sonne über uns dahingegangen wie eine glühende und lebendige Flamme, zweimal umhüllten uns kalte, endlos lang andauernde Schatten. Und wieviel Mühen, Ängste und Qualen! Der Abstieg vom Eratosthenes, die tödliche Sonnenglut, dann eine entsetzliche Kälte und dieses Gespenst des Todes, das uns so viele Stunden begleitete; der Tod der Brüder Remogner, der unglückselige Vorfall und Woodbells Krankheit ... Mit dem Tode O’Tamors hat unser Weg begonnen — aber er ist noch nicht zu Ende ...

Ich war in diese finsteren Gedanken vertieft und erfüllt von einer immer stärker aufkeimenden, unbezwinglichen Sehnsucht nach der Erde, die in der Ferne über der unabsehbaren Fläche sichtbar war, als mich ein Schrei Varadols aus meinem Nachdenken aufschreckte. Ich wandte mich schnell um, schon fürchtend, daß wieder irgendein Unglück herannahe, aber Peter stand wohlbehalten neben mir und deutete nur mit der Hand nach der Richtung, in der sich der weite nördliche Wall des Plato entlangzog. Ich blickte dorthin und bemerkte etwas wie eine Wolke, nein, kaum wie den flüchtigen Schatten einer Wolke, die den Fuß der Berge verhüllte, den man noch vor kurzem deutlich sehen konnte.

Ich bebte an allen Gliedern bei diesem Anblick. Es sah indes nicht aus, als wenn sich die Wolke bewegte, sondern die Berge schienen sich von der Stelle zu rühren und vor uns herzuschreiten. Und Peter schrie wie besessen durch das Rohr:

— Eine Wolke! Also dort ist Atmosphäre, dort ist Luft, dort wird man atmen können!

Eine wahnsinnige Freude klang aus diesen von der Hoffnung geschwellten Worten. Wahrhaftig, über dieser Ebene des Todes, wie ich sie nannte, zeigte sich uns der erste Strahl der Hoffnung und des Lebens! Die Wolke beweist zwar noch nicht, daß der Mensch bei dieser Atmosphäre schon atmen kann, aber es unterliegt keinem Zweifel, daß die Luft dort dichter ist als in den bisher durchquerten Gegenden, da sich dort Wolken bilden und halten können, wenn auch nicht allzu hoch über der Oberfläche. Der Rauch der Krater senkte sich außerhalb des Eratosthenes sofort zu Boden wie Sand.

Durch diese Erscheinung in der Hoffnung bestärkt, daß auf der anderen Seite des Mondes und vielleicht schon früher genügend dichte Luft sein müsse, begaben wir uns wieder zum Mare Imbrium hinab. Wir waren in freudigster Stimmung, obwohl der eigentliche Zweck des Ausfluges nicht erreicht worden war, da wir den Weg durch den Platoring nicht gefunden hatten. Beim Hinuntersteigen sprachen wir darüber, was weiter zu tun sei. Vielleicht würden wir im Westen des Plato eine Stelle ausfindig machen, durch die wir auf den steilen Rand der Erhöhung gelangen konnten, aber es schien fast unmöglich, dies zu wagen. Wenn es uns nämlich nicht gelingen sollte, müßten wir tausend Kilometer zurücklegen, um die Grenze des Mare Imbrium von Westen her zu umkreisen. Es ist also bedeutend sicherer, sich sofort nach Osten zu wenden. Am Ende gelingt es uns, das schon erwähnte Quertal in der Alpenkette zu durchdringen und sollte sich auch dies als undurchführbar erweisen, so werden wir, selbst um die ganze Kette herumfahrend, verhältnismäßig keinen allzu großen Umweg machen.

Unter diesen Erwägungen stiegen wir in das Tal hinab. Wie groß war jedoch unser Entsetzen, als wir den Wagen nicht an der Stelle bemerkten, an der wir ihn verlassen hatten. Zunächst glaubten wir, uns verirrt zu haben, aber nein — die Gegend war dieselbe; es waren genau die Felsen, unter denen wir den Wagen zurückließen. Trotz der Ermüdung stürmten wir vorwärts, unseren Augen noch nicht trauend. Der Wagen war nicht da. Wir bemühten uns, die Spuren seiner Räder zu entdecken, um zu wissen, in welcher Richtung wir ihn suchen sollten, aber auf diesem Steinboden war keine Spur zu erkennen. Da packte uns die Verzweiflung. Unsere Nahrungsmittel waren bereits verzehrt, von dem mitgenommenen Wasser hatten wir ebenfalls nur noch einen kleinen Rest und Luft kaum mehr für einige Stunden. Varadol begann zu rufen; er vergaß, daß ich das einzige Wesen war, das sein Schreien hier — durch das Sprachrohr mit ihm verbunden — hören konnte.

Wir suchten, von grenzenloser Angst getrieben, die ganze Gegend ab, sechs Stunden damit verlierend; der Wagen war wie verschwunden. Als wir nach all den fruchtlosen Nachforschungen zu der alten Stelle zurückkehrten, begann uns der Hunger zu peinigen, das Wasser war zu Ende und der Luftvorrat an der Neige. Ratlos warfen wir uns auf die Erde — den Tod erwartend. Varadol fluchte laut und ich zerbrach mir in wilder Verzweiflung den Kopf, was sie dazu veranlassen konnte, vor unserer Rückkehr davonzueilen.

Plötzlich schoß es mir durch den Kopf, daß Tomas vielleicht absichtlich geflohen war, um uns dem sicheren Verderben preiszugeben. Die krankhafte Eifersucht, die ich bei ihm bemerkt hatte, als er von seinem Tode und von Martha sprach, konnte ihn auf diesen Gedanken gebracht haben. Die Wut schüttelte mich. Ich sprang auf und wollte davonstürmen, ihm nach, mich rächen, morden ...

Da erblickte ich einige Schritte von mir entfernt Martha. Sie kam uns langsam entgegen und sah uns durch die Glasmaske mit ihrem sich immer gleich bleibenden traurigen Lächeln an. Wir stürzten beide auf sie zu und redeten abwechselnd voll Entrüstung und Freude auf sie ein. Martha blickte eine Zeitlang ruhig auf unsere Lippen und als wir uns endlich heiser und gegenseitig taub geschrien hatten, begann sie Zeichen zu geben, daß sie nichts verstehe. Wir hatten ganz vergessen, daß sie infolge des Luftmangels nichts hören konnte und plötzlich war alle Wut und Aufregung verschwunden und wir brachen in ein herzliches Lachen aus. Dann gaben wir ihr durch Gesten zu verstehen, daß wir zu dem Wagen zurückkehren wollten. Martha führte uns hin; der Wagen stand nicht weit hinter dem Felsen, der ihn verdeckte.

Hier erst hat sich alles aufgeklärt. Einige Zeit nachdem wir fort waren, ging die Sonne, einen schwachen Bogen am Firmament bildend, hinter dem Felsen unter, so daß sich der Wagen im Schatten befand. Woodbell begann vor Kälte zu zittern. Martha fuhr daher weiter um den Felsen herum und blieb mehr nach Süden stehen, wo die Sonne den Kranken genügend erwärmte. Als wir zurückkehrten und über das Verschwinden des Wagens entsetzt waren, suchten wir ihn in der ganzen Umgegend, aber es fiel uns nicht ein, hinter dem Felsen nachzusehen, der sich dicht neben uns befand. Martha hatte uns vom Wagen aus bemerkt, dachte aber, als wir uns von neuem entfernten, daß wir eine andere Seite der Gegend erforschen wollten und wartete geduldig auf unsere Rückkehr. Erst als wir uns, zum zweitenmal zurückkommend, dem Fahrzeug nicht näherten, kam sie uns entgegen, ohne zu ahnen, daß wir den Wagen nicht wieder fanden. Der ganze Vorgang endete also mit einem Lachen, obwohl er für uns mehr als verhängnisvoll hätte werden können.

Woodbell trafen wir in verhältnismäßig gutem Zustand an. Während unserer Abwesenheit war er nur viermal ohnmächtig geworden. Jetzt ist er ruhiger und sagt, daß er sich besser fühle. Sein leichenblasses und jammervoll abgemagertes Gesicht sieht zwar nicht danach aus, aber Gott gebe es, daß er der Genesung entgegengeht. Für den Anfang ist es schon genug der Opfer — und des Schreckens ...

Wir fahren weiter nach dem festgesetzten Plan, bis jetzt immer nach Osten zu, stets den mächtigen Gipfel des Plato vor unseren Augen. Bald werden wir an der Alpenkette angelangt sein.

Mit Rücksicht auf Tomas’ Gesundheit tut die größte Eile not. Je eher wir eine Zone erreichen, wo er den geschlossenen Wagen verlassen und frei atmen und sich bewegen kann, desto wahrscheinlicher ist seine Rettung. Wir werden auch Tag und Nacht dahinsausen, um uns nur immer weiter von dieser Wüste zu entfernen und dem Pole näher zu kommen, wo wahrscheinlich Luft und Wasser ist.

Unter den Alpen, 3° westlicher Länge, 47° 30’ nördlicher Mondbreite, einhunderteinundsechzig Stunden nach Sonnenaufgang des dritten Tages.

Unsere Hoffnung Woodbell am Leben zu erhalten wird immer geringer. Wir fahren so schnell es das Terrain nur erlaubt, aber der Pol ist noch weit und Tomas stirbt uns indessen unter den Händen. Wir zittern vor Unruhe und Ungeduld und nun zwingt uns diese vermaledeite Alpenkette, die den Weg versperrt, uns in nordöstlicher Richtung zu halten, so daß wir uns, statt dem ersehnten Pol näher zu kommen, zunächst noch von ihm entfernen müssen. In einigen Stunden werden wir am Ausgang des Quertals sein; wenn man nur wenigstens nach Norden ablenken könnte! Bis jetzt haben wir zur Linken immer nur die steilen Wände der Alpen, neben denen unser Wagen wie ein winziger Käfer hinter der Mauer einer riesigen Festung aussieht. Wir warten mit Sehnsucht, daß sich das Tor dieser Mauer vor uns öffne und mit ihm ein hundertfünfzig Kilometer langer Felsengang, der zum Mare Frigoris führt. Schon begegnen wir vereinzelten kleinen, aber steilen Felsen, die wie Säulen vor dem Eingang dieses Tales stehen, ein Zeichen, daß wir uns ihm nähern.

Woodbell fragt fortwährend, ob es noch weit sei. Er möchte so schnell wie möglich auf den Pol gelangen, und dabei haben wir vom Sinus Aestuum kaum den halben Weg zurückgelegt! Eine gräßliche Angst befällt mich, wenn ich daran denke! Er hat, scheint’s, die Entfernung ganz vergessen. Er sprach mit Sehnsucht von dem Polarlande, von Luft und Wasser wie von Dingen, die wir schon morgen finden werden! Statt dessen wird der nächste Mondmorgen, obwohl er noch so weit ist, noch immer nichts davon bringen, das ist gewiß! Tomas glaubt immer fester an seine Genesung — je mehr er die Kräfte verliert. Er schmiedet Pläne für die Zukunft und legt sich schon sein Leben mit Martha zurecht ... Mich beunruhigt diese Zuversicht; auf der Erde sagt man, daß das ein böses Zeichen bei einem Kranken ist.

Martha hört all dem geduldig zu, mit dem gleichen traurigen Lächeln. Gott, was muß sie leiden! Es ist doch unmöglich, daß sie nicht weiß, wie es um ihn steht ...

Im Quertal, zweiundachtzig Stunden nach Mittag.

Eine innere Stimme sagt mir, daß alles vergebens ist. Die Verzweiflung packt mich, denn ich will, daß er lebt. Ich will es um so mehr, weil ich in meinem Hirn eine giftige Schlange fühle, die mir trotz meines Aufbäumens dagegen zuflüstert: Wenn er stirbt, wird Martha einem von euch gehören — vielleicht dir. Nein, nein, er muß leben, er muß! Und wenn er sterben sollte, weiß ich, daß Martha ihm folgen wird. Was dann? Was dann? Wozu werden wir hier bleiben, zu welchem Zweck? ... Ich klagte einst, daß wir zwei diesen beiden dienen und jetzt fühle ich, daß dieser Dienst die einzige Berechtigung unseres Daseins hier ist. Mit ihrem Tode wird unser Dahinsterben beginnen, denn wir werden nicht fähig sein, aus uns selbst etwas zu schaffen, unser Leben und unsere Arbeit werden niemandem etwas nützen, nicht einmal uns selbst! Denn wozu, wozu? ...

Höchstens wenn Martha nach seinem Tode am Leben bliebe, wenn sie einem von uns, vielleicht mir, ihre Arme so um den Hals schlänge, ihre Lippen so auf den Mund preßte wie jetzt Tomas ... Ich habe das Gefühl, als wenn eine Kugel voll heißer Luft mir in der Brust zerplatzte, den Atem zurückhielte und Feuer in alle meine Adern ergösse ...

Fort, fort mit diesem Gedanken! Übrigens könnte dieser Eine auch Varadol sein ... Nein, es wäre besser, wenn diese Frau nicht unter uns wäre. Ich bemerke zu meinem Entsetzen, daß ich den Tod Woodbells herbeizusehnen und Varadol zu hassen beginne ... Und sie sitzt ruhig da und starrt in die Züge des sterbenden Geliebten.

Tomas will nicht sterben, er wehrt sich verzweiflungsvoll gegen den Tod. Jeden Augenblick erzählt er, wie um seiner eigenen Überzeugung zu trotzen, daß er leben wird und läßt uns dem beipflichten. Wir tun es ihm zuliebe, unehrlicherweise; und Martha nickt ihm in festem Vertrauen zu und antwortet wieder und wieder mit tiefer, singender Stimme: „Ja, du wirst leben, du mein Einziger“ ... Dabei verschleiern sich ihre Augen in einem Nebel der Wonne und des Rausches. Kann sie es denn wirklich für möglich halten, daß in diesem ausgetrockneten Körper ohne Kraft, ohne einen Tropfen Blut in den Adern, noch Leben ist!? Und dennoch, was würde ich dafür geben!

Mittags hielten wir nicht an. Die Glut war nicht so groß wie an den vorhergehenden Tagen, infolge der bedeutenden Mondbreite. Wir müssen uns, aus Rücksicht für Tomas, außerordentlich beeilen. Jetzt sind wir in der Mitte des Quertals; vor Sonnenuntergang müssen wir bis zum Mare Frigoris vordringen.

Gegen Mittag befanden wir uns, nachdem wir kleinere, auf der Ebene zerstreut liegende Felskuppen passiert hatten, plötzlich bei dem breiten Auslauf der Ebene. Die senkrechte Wand der Alpen bricht hier ab und weicht nach Osten zurück, durch die Gurgel der mächtigen Klamm unterbrochen. Die Fläche des Mare Imbrium verengt sich in einem großen Halbkreis zu dem eigentlichen Tal, das anfänglich durch einen terrassenförmigen Abhang verdeckt ist, der spitz hervortritt, wie ein mächtiges, einige hundert Meter hohes Felsenstockwerk. Auf der anderen Seite jenes Halbkreises erhebt sich der Mond-Montblanc gegen viertausend Meter über der benachbarten Fläche.

Wir zögerten einen Augenblick, ehe wir in die Ebene einfuhren. Jenes Stockwerk erschreckte uns, denn wir dachten, wenn wir unterwegs mehrere solcher Hindernisse anträfen, würde unsere Reise sich immer mehr verlängern, da wir jedesmal steile Abhänge erklimmen müßten.

Varadol vertiefte sich wieder in die Photographien der Mondoberfläche, obwohl sie uns schon öfter getäuscht haben; das letztemal auf dem Plato. Aber es gab kein anderes Mittel der Orientierung in dieser Gegend. Endlich wagten wir, nach kurzer Überlegung, in das Tal einzubiegen. Zu diesem Entschlusse hat auch Tomas beigetragen. Er drängte mit der Hartnäckigkeit eines Kranken, der keinen Widerspruch duldet, daß man sich nach Norden wenden solle, da er wisse, daß die zeitraubende Umkreisung der Alpen und die lange Fahrt durch den Palus Nebularum ihn zweifellos töten würde.

Was hat die Krankheit aus diesem Menschen gemacht! Früher ruhig, entschieden, voll Überlegung und von einem unbeugsamen Willen, ist er jetzt ein launenhaftes, trotziges Kind. Er schilt uns wegen jeder Kleinigkeit und dann entschuldigt er sich wieder oder fleht uns an, ihn zu retten ... Jedoch ist uns das lieber als die Zeiten der vollständigen Apathie und Kraftlosigkeit, wo er stundenlang auf dem Rücken liegt, einer Leiche ähnlicher als einem lebenden Menschen. Oft spricht er auch unaufhörlich, als wenn er sich durch den Klang der eigenen Stimme versichern wollte, daß er noch lebt. Nur sobald einer von uns unvorsichtigerweise den unglücklichen Vorfall erwähnt, verstummt er sofort und beginnt am ganzen Leibe zu zittern. Vergeblich zerbreche ich mir den Kopf, was das für ein Geheimnis sein kann ...

Es war schon Nachmittag, als wir unter dem Felsenstockwerk anhielten, das den Eingang zu dem Tal versperrt. Mit großer Mühe fanden wir einen Weg, der es uns zu erklimmen ermöglichte. Als wir auf der Höhe standen, blickten wir noch einmal auf das hinter uns liegende Mare Imbrium, das wir bald für immer aus den Augen verlieren sollten. Was mich betrifft, so muß ich gestehen, daß ich nicht ohne ein gewisses Weh von dieser Ebene Abschied nahm, obwohl sie uns nur Mühen, Qualen und Verzweiflung gebracht hat ... Wie seltsam ist doch das menschliche Herz! Wir durcheilten diese endlose Fläche während voller sechzig Tage, von einem Mondmittag bis zum anderen, nur von dem einen Wunsche beseelt, sie so schnell wie möglich hinter uns zu haben — und jetzt blicke ich fast mit Sehnsucht nach ihr zurück ...

Im Tale kommen wir ziemlich schnell und verhältnismäßig leicht vorwärts; die breiten Stockwerke treffen wir nicht mehr an und kleinere Berge, die nicht seine ganze Breite einnehmen, lassen sich umgehen. Die Sonne steht jetzt so am Himmel, daß sie die Ränder des Tales erleuchtet. Zu beiden Seiten erhebt sich ein mächtiger, gegen viertausend Meter hoher Gebirgswall. Das am Eingang einige Kilometer breite Tal verengt sich gegen Nordosten, was den Eindruck hervorruft, als wenn sich seine mächtigen Wände einander näherten und wir uns in einem enormen, schnurgerade unter den Felsen ausgehauenen Gang fortbewegten. Wir sehen den entfernten Auslauf dieses Ganges, der einer kleinen, aber tiefen Aushöhlung zwischen weißen Felsen gleicht, die durch ein Stück Himmel ausgefüllt ist. Ich weiß nicht, ob mich mein Blick nicht täuscht, aber es scheint mir, daß der Himmel nicht mehr so schwarz ist und die Sterne weniger zahlreich daran erglänzen. Dies würde von dem Vorhandensein einer dichteren Atmosphäre über dem Mare Frigoris zeugen ... Unser Barometer steigt ebenfalls langsam. Wenn wir nur Tomas lebend bis zu der Zone bringen könnten, wo genügende Luft zum Atmen ist! ...

Im Quertal, einhundertachtundsechzig Stunden nach Mittag, dritter Mondtag.

Wir haben seit Sonnenaufgang schon fünfhundert und einige Kilometer zurückgelegt und nähern uns dem Ausgang des Quertales. Die ungeheure Felsgurgel verengt sich immer mehr und die Wälle zu beiden Seiten werden immer niedriger. Der Ausgang der Klamm auf das Mare Frigoris, deutlich vor uns sichtbar, scheint sich in dem Maße als wir uns ihm nähern zu erweitern und die Felsen, die dieses Tor bilden, wachsen vor unseren Augen. Bei Sonnenuntergang werden wir abermals auf eine Fläche hinausfahren — gebe Gott, daß wir alle hinausfahren ...

Oh, welch ein furchtbarer Kreuzesgang war unsere heutige Reise! Wohl dreißig Stunden zitterten wir, bei dem kleinsten Geräusch auf Woodbells Lager blickend: — etwa jetzt? ... Es geht mit ihm zu Ende, darüber besteht kein Zweifel. Er ist still und ruhig geworden und sieht uns nur immerwährend an, mit flehenden Augen, in denen die Sehnsucht liegt, — die glühende Sehnsucht zu leben! Und wir können ihm nicht helfen ...

Die letzte Erschütterung bei der Fahrt durch die Spalte hat ihm den Rest gegeben. Wir hatten fast zwei Drittel des Weges hinter uns, als wir, unter dem 3.° östlicher Länge ungefähr, auf ein Hindernis stießen, das uns beinahe gezwungen hätte auf das Mare Imbrium zurückzukehren. Die Sonne stand schon tief am Horizont und die ganze westliche Seite des Quertales war in undurchdringlichen Schatten gehüllt, der kaum hie und da durch schräge schwache Lichtstrahlen der Erde erleuchtet war. Wir mußten uns am Fuße des östlichen Walls halten, um uns nicht in der Nacht zu verlieren. Der Wall erreicht hier die größte Höhe; er erhebt sich steil und riesenhaft, beinah wie die senkrechte Alpenwand, unter der wir vormittags hindurchfuhren.

Da plötzlich erblickten wir einige hundert Schritte vor uns einen schwarzen Streifen, der uns den Weg auf der ganzen Breite versperrte. Vorher hatten wir ihn infolge der leichten Erhebung des Grundes nicht gesehen. Als wir uns ihm näherten, zeigte es sich, daß dieser Streifen eine Spalte war, die beide Felsenwälle und den Grund des Tales quer durchschneidet. Sie lag bis an die Ränder im Schatten, so daß wir nicht in ihre Tiefe sehen konnten. Tausende Meter hohe Felswände waren bis zum Fuße durch sie zerrissen.

Ratlos standen wir vor diesem neuen, unüberwindlichen Hindernis.

Auf der Karte hatten wir diese Spalte allerdings gesehen, auch daß sie die Hochebene durchschneidet, die das Mare Imbrium vom Mare Frigoris bis zu den nördlichen Abhängen des Plato, in südöstlicher Richtung, trennt; aber wir nahmen nicht an, daß sie sich bis auf den Grund des Quertales erstreckte, das zwei- bis dreitausend Meter tiefer als die Oberfläche der benachbarten Höhen, die sich hinter den Wällen ausdehnten, lag. Ich fühlte, daß mir beim Anblick dieser Untiefe der Schweiß auf die Stirne trat. Peter begann leise zu fluchen.

Tomas, durch unser Benehmen wie durch das Halten des Wagens beunruhigt, fragte uns, was geschehen sei. Wir wagten nicht, ihm die Wahrheit zu sagen; er jedoch, unseren Ausflüchten scheinbar keinen Glauben schenkend, strengte den Rest seiner Kräfte an, erhob sich und blickte durch das Fenster. Eine Zeitlang sah er schweigend hinaus, dann legte er sich wieder und sagte fast gleichgültig:

— Sie wollen nicht, daß ich lebe ...

— Wer? frug ich erstaunt.

— Die Brüder Remogner, antwortete der Kranke, verstummte und schloß die Augen, als wenn er den Tod erwartete.

Ich sprach nicht weiter mit ihm und hatte nicht einmal Zeit, über die Bedeutung dieser seltsamen Worte nachzudenken, da ich mit Peter beraten mußte, was jetzt zu tun sei. Wir zogen schon eine Rückkehr auf das Mare Imbrium in Erwägung, als Peter auf die glückliche Idee kam, mit Hilfe des starken Reflektors den Boden der Spalte zu beleuchten und uns über ihre Tiefe zu vergewissern. Nachdem wir uns dem Rand genähert hatten, warfen wir also einen Strahl des elektrischen Lichtes in die Spalte, die an dieser Stelle ziemlich eng und nicht tief war. Ihr Boden zeigte sich ganz von Schutt angefüllt, aus dem mächtige Felsstücke hervorragten, eine Erscheinung, die uns an das ausgetrocknete Bett eines mächtigen Gebirgsstromes gemahnte. Und wer weiß, ob hier nicht tatsächlich einmal Wasser geflossen, den Weg ausnützend, der durch andere Kräfte gebildet ward?

Der Schein des Reflektors glitt über die schwarzen, sich wild übereinandertürmenden Felsen, flammte auf und verlor sich in tiefen, unregelmäßigen Zerklüftungen. Wir standen immer noch ratlos, ohne zu einem Entschluß zu kommen, als sich Martha uns näherte.

— Warum fahrt ihr nicht weiter? fragte sie in einem Tone, als wenn sie uns einen Befehl erteilte.

Und dann fügte sie, auf Tomas deutend, hinzu:

— Ich muß leben, für ihn ... Um meinetwillen braucht ihr jetzt nichts zu befürchten ...

Wir sahen sie erstaunt an. Was ist mit ihr geschehen? So hatte sie niemals zu uns gesprochen. Ihre Augen leuchteten seltsam; in der ganzen Gestalt, in den Worten und in der Bewegung lag eine Würde, eine selbstbewußte Hoheit. Oh, wie schön ist dies Weib und wie begehrenswert! ... Varadol betrachtete sie mit flammenden Blicken! Da packte mich plötzlich eine rasende Wut. Ich rüttelte ihn brutal bei der Schulter und schrie:

— Siehst du nicht, daß wir keine Zeit zu verlieren haben! Fahren wir zurück oder vorwärts?

Peter wandte sich hastig zu mir und wir maßen uns eine Weile, wie bereit, uns gegenseitig an die Gurgel zu springen. Ein halblautes, höhnisches und verächtliches Lachen Marthas ließ sich vernehmen. Ich hatte das Gefühl, als wenn sich mir ein Igel mit hundert Stacheln ins Herz bohrte. Wir ließen beide beschämt den Blick sinken. Mir scheint, daß ich dies Weib zu hassen beginne.

Endlich beschlossen wir, uns in die Spalte hinabzulassen und sie, die am Boden zerstreuten Steine benützend, zu überklettern. Das war freilich leichter gesagt als getan. Nachdem wir an einer Stelle dicht unter der östlichen Wand des Quertales einen schrägen Abhang entdeckt hatten begannen wir den Wagen mit der größten Vorsicht dort hinabgleiten zu lassen. Die Hauptschwierigkeit jedoch wartete unserer auf dem Boden der Spalte. Bis hierher konnte weder das Licht der Sonne noch das der Erde dringen, so daß wir uns in vollständiger Nacht befanden. Es ist mir unmöglich, die Mühen zu schildern, die uns der Weg über diese paar hundert Meter kostete. Der Reflektor der elektrischen Lampe erleuchtete nur einen schmalen Streifen vor uns; es war fast ausgeschlossen, sich zu orientieren. Abwechselnd ging einer von uns zu Fuß voraus, während der zweite beim Steuer blieb. Der Wagen schaukelte, sprang in die Höhe, schlug an die Felsen oder senkte sich; einmal blieb er sogar so stecken, daß wir daran zweifelten, ihn wieder loszubekommen. Endlich gelangten wir an die gegenüberliegende Seite der Spalte. Zum Glück neigte sich hier der Boden ein wenig, so daß wir auf der so entstandenen Senkung mit Hilfe der „Tatzen“ hinaufklettern konnten.

Ungefähr in der Mitte des Aufstiegs kamen wir schon ins Licht der Sonne.

Der Übergang vom Schatten zum Licht war nach einem Ruck des Wagens so plötzlich, daß ich vor der uns überflutenden Welle die Augen schließen mußte; als ich sie wieder öffnete, hatte ich das Gefühl, daß der ganze fürchterliche Weg durch diese Schlucht nur ein Traum gewesen. Einige hundert Schritte hinter mir sah ich eine sich jäh in den Boden senkende Wand, die durch einen Streifen absoluter Schwärze von uns getrennt war. Ich hatte nur eine unklare Vorstellung, daß wir uns vor wenigen Augenblicken dort befanden, auf der Tiefe dieser, wie es schien, grundlosen Zerklüftung, in undurchdringlicher Nacht, daß wir uns hindurchgearbeitet haben durch schwarze, mächtige Felsen, die vor uns im elektrischen Licht aufleuchteten, als wenn sie, aus dem Nichts herausgewachsen, in Nichts wieder zerfließen würden — aber an die Wirklichkeit dieser entsetzlichen Fahrt konnte ich gar nicht glauben.

An der Oberfläche des Quertales angelangt, blieben wir stehen, um die „Tatzen“ abzunehmen und den Wagen zu untersuchen, ob er nicht etwa beschädigt sei. Alles war in Ordnung, und wir konnten weiterfahren. Alles — mit Ausnahme der Gesundheit Woodbells. Die erlittenen Erschütterungen hatten ihn so geschwächt, daß er ein paar Stunden wie tot dalag, nur manchmal leise stöhnend.

Wir waren schon ein gutes Stück Wegs gefahren, als Tomas plötzlich aufsprang und sich auf das Lager setzte. In seinen weit aufgerissenen Augen brannte wieder das Fieber. Peter war am Steuer des Wagens beschäftigt, aber Martha und ich eilten sofort hinzu. Er schaute uns mit irren Blicken an, dann rief er plötzlich:

— Martha, ich werde sterben!

Martha erblaßte und neigte sich zu ihm:

— Nein, du wirst leben, sagte sie leise, aber deutlich, und eine Röte übergoß ihr Gesicht.

Tomas schüttelte leicht das Haupt, aber sie bückte sich noch tiefer zu ihm herab und begann halblaut malabarisch zu ihm zu sprechen. Ich verstand die Worte nicht, aber ich sah, daß sie einen großen Eindruck auf Tomas machten. Zuerst erhellte sich sein Gesicht, dann glitt ein unendlich trauriges Lächeln darüber und schließlich füllten sich seine Augen mit Tränen. Wimmernd küßte er das üppige Haar des auf seine Brust gebeugten Mädchenkopfes.

So lag er einen Augenblick ruhig, Marthas Finger in seinen ausgetrockneten gelben Händen pressend. Bald jedoch versuchte er von neuem sich aufzusetzen. Es fehlte ihm, scheint’s, der Atem.

— Martha, ich werde sterben! wiederholte er immer wieder angstvoll, und sie antwortete unermüdlich: „Du wirst leben.“ Für gewöhnlich verstummte er darauf wie ein kleines weinendes Kind, das die Mutter tröstet. Aber diesmal antwortete er verzweifelt auf ihre Worte:

— Was hilft es mir, wenn ich es nicht erlebe ... Und dann fügte er hinzu: Sie werden mir nicht erlauben, zu leben ... die Brüder Remogner ...

Ich konnte die Neugierde nicht mehr zurückhalten und fragte ihn, alle Rücksicht auf seinen Zustand vergessend, was die Brüder Remogner mit seiner Krankheit gemein hätten.

Er zögerte, dann sagte er schmerzlich:

— Es ist ja doch einerlei ... jetzt werde ich es euch sagen ...

Und er begann zu erzählen, mit leiser Stimme, die durch sein Herzklopfen und die Atemnot unterbrochen wurde.

— Erinnert ihr euch, sagte er, an diese Totenstadt, dort in der Wüste hinter den „Drei Köpfen“? Heute noch sehe ich sie vor mir, mit ihren zertrümmerten Türmen und halbzerfallenen Toren ... Ich weiß, daß ich sterben muß, und doch tut es mir noch immer leid, daß ich sie nicht aufsuchen konnte. Aber seht ihr, das war so ... Als ich den Wagen verlassen hatte, mußte ich über viel aufgehäuftes Gestein klettern, das dem zerstörten Pflaster eines alten römischen Kastells irgendwo in der Schweiz oder im italienischen Apennin ähnlich war ... Endlich kam ich an eine etwas gleichmäßigere Stelle. Jetzt hatte ich die Stadt vor mir wie auf der flachen Hand. Ich sah schon deutlich das mächtige Tor mit dem halben Bogen und den hohen Säulen, als plötzlich, plötzlich ...

Er griff nach unseren Händen und erhob sich etwas vom Lager. Die Augen hatte er weit geöffnet, das leichenblasse Gesicht wurde jetzt grün.

— Ich weiß, sagte er, euch scheint es, und auch mir schien es so ... einst ... daß die einzige Wahrheit das Wissen ist, das sich auf die Erfahrung stützt und sich in mathematische Formeln fassen läßt. Und dennoch gibt es unfaßbare und seltsame Dinge ... Ihr mögt über mich lachen, aber das ändert nichts an der Tatsache ... Wir wissen bis jetzt sehr wenig, oh, sicherlich, sehr, sehr wenig ...

Er verstummte einen Augenblick und sah uns an, als wenn er sich vergewissern wollte, ob wir nicht etwa über seine Worte spöttelten, aber wir saßen still und in Nachdenken versunken. Er atmete tief auf und fuhr in der unterbrochenen Erzählung fort:

— Da ... erblickte ich ... zwei Schatten — nein, zwei Menschen, Leichen oder Gespenster. Sie kamen aus dem Tore direkt auf mich zu ... Die Knie wankten mir. Ich schloß die Augen und wollte das Hirngespinst verjagen, aber als ich wieder aufblickte, sah ich ... keine fünf Schritte vor mir — die Brüder Remogner! Sie standen beide da, sich bei der Hand haltend, entsetzlich, aufgedunsen, blutig, wie wir sie gefunden haben. Und beide starrten mich so gräßlich an ... Ihr kennt mich, daß ich nicht ängstlich bin und nicht zu Phantastereien neige, aber das sage ich euch, sie standen wahrhaftig vor mir und die Angst versteinerte mich und das Blut gerann mir in den Adern. Ich konnte mich nicht rühren — mich nicht abwenden ... Da begannen sie zu sprechen, ja, zu sprechen! Und ich hörte ihre Stimmen wie ich euch höre, obwohl dort keine Luft war ...

— Und was haben sie gesprochen? stieß ich unwillkürlich hervor.

— Wozu sollt ihr das wissen, sagte er. Es ist genug, daß ich es hören mußte, oh, mehr wie genug, mehr wie genug! ... Sie sagten mir wie ich sterben würde und wie ihr sterben werdet, ihr — beide ... Sie bezeichneten Tag und Stunde ... Und sie sagten weiter, daß man nicht ungestraft die Erde verläßt und in die Geheimnisse zu dringen versucht, die dem menschlichen Auge verborgen sind. Sie sagten, es wäre besser gewesen, wenn wir dort gestorben wären, auf dem Mare Imbrium, statt ihnen, den Toten, die Luft zu stehlen, um unser Leben der Qualen zu verlängern, ja, der Qualen ... „Wir sind euch gefolgt,“ sagten sie, ich hörte es ganz deutlich, „und ihr seid an unserem Tode schuld, aber auch ihr“ ... Bei diesen Worten blinzelten sie haßerfüllt mit den erloschenen Augen und verzogen die geschwollenen Lippen zu einem boshaften Lächeln. Da bemerkte ich, daß hinter ihnen O’Tamor stand, blaß und vertrocknet ... Er lächelte nicht und sagte nichts, er war nur traurig und blickte voll Mitleid auf mich ... Ich schrie vor Entsetzen laut auf, und die ganze Willenskraft zusammennehmend, riß ich die erstarrten Füße vom Boden los und stürzte davon. Ich dachte nicht mehr an die Stadt — an gar nichts. Ich lief und lief und stolperte; ich wollte mich erheben und aufstehen, aber da fühlte ich, daß ich keine Luft hatte und verlor das Bewußtsein ...

Er verstummte erschöpft, und uns erfaßte eine seltsame Beklemmung. Ich bin in tiefstem Herzen überzeugt, daß das alles nur eine Täuschung war, wie jene Stadt selbst, die ich heute ebenfalls für eine Täuschung, hervorgerufen durch eine seltsame Gruppierung der Felsen, halte, aber ich wagte nicht recht, ihm das zu sagen.

Und übrigens ... weiß ich es? ... Uns umgeben so unlösbare Rätsel — so unerforschliche Geheimnisse! ... Auf diesen erloschenen Globus sind Menschen gekommen, ist der Tod mit ihnen gekommen; vielleicht ist dem Menschen und seinem unzertrennlichen Begleiter, dem Tode, auch jenes Etwas, jenes Unbekannte, das seit ewigen Zeiten auf Erden jedem Wissen, jeder Forschung getrotzt hat, gefolgt ...

Tomas schlief nach dieser Erzählung ein. Als er aufwachte frug er wo wir seien. Ich sagte ihm, daß wir uns dem Ende des Quertales näherten und bald auf das Mare Frigoris gelangen würden. Er hörte zu, als wenn er meine Worte nicht verstünde.

— Ah, ja! antwortete er endlich, ja, ja ... ich träumte, daß ich auf der Erde war ...

Dann wandte er sich zu Martha:

— Martha, erzähle mir, wie es auf der Erde ist.

Und Martha begann zu erzählen:

— Auf der Erde ist blaue Luft und über sie dahin wandeln die Wolken. Auf der Erde ist viel, viel Wasser, ganze mächtige Meere. Am Strande der Meere ist Sand, und verschiedenfarbige Muscheln liegen dort verstreut, und dann gibt es Wiesen, auf denen süße, wonnige Blumen blühen, und Vögel singen in den Wäldern. Wenn der Wind sich erhebt, so heult das Meer auf, und die Wälder brausen, und die Blätter säuseln ...

So erzählte sie ihm mit kindlicher Einfachheit, und wir hörten ihren Worten zu, wie dem schönsten Zaubermärchen ... Der Kranke bewegte langsam die Lippen, als wenn er wiederholen wollte: und die Wälder brausen, und die Blätter säuseln ...

— Wir werden nie mehr dort sein, sagte er endlich laut.

Ein herzzerreißendes Schluchzen Marthas antwortete ihm. Sie konnte sich nicht mehr beherrschen. Die Stirn an den Rand des Lagers gedrückt, erbebte sie in krampfhaftem verzweifelten Weinen.

— Ruhig, ruhig, sagte Tomas, leicht mit der Hand ihr Haar berührend.

Aber auch ihn packte die Furcht. Er wandte sich mit dem Gesicht zu uns und begann wieder mit abgebrochener Stimme, die wie mit großer Anstrengung aus der Brust hervordrang, zu sprechen:

— Rettet mich, habt Mitleid, rettet mich! Ich will nicht sterben! Nicht hier! Hier ist’s so entsetzlich! Rettet mich! Ich will ... leben, noch ... leben ... Martha ...

Er weinte wie ein Kind und streckte jammernd die dürren Hände nach uns aus.

Was sollten wir ihm antworten? ...

Wir nähern uns dem Ausgang des Tales, und die Fläche des Mare Frigoris liegt schon vor uns. Ich habe die schmerzliche Gewißheit, daß wir sie allein zurücklegen werden — ohne Tomas!

Auf Mare Frigoris, dritter Mondtag, dreiundzwanzig Stunden nach Sonnenuntergang.

Ich sehe auf die letzten Worte, die ich niederschrieb; sie haben sich bewahrheitet. Auf die Ebene Mare Frigoris fuhren wir allein. Tomas Woodbell ist heute bei Sonnenuntergang gestorben.

Eine fürchterliche Leere! Wir werden immer weniger; nur mehr drei sind geblieben ... Ich kann an nichts anderes denken als an diesen stillen, entsetzlichen Tod Woodbells.

Die Sonnenscheibe berührte bereits mit dem unteren Rande den Horizont, als wir endlich, nach einer Woche Weges, aus dem Felsengang fuhren. Vor uns erstreckte sich eine glatte, von den letzten Sonnenstrahlen vergoldete Flachebene. Ich sage vergoldete, weil die Sonne, was wir bei ihren früheren Untergängen nicht bemerkt haben, sich dem Horizont zuneigend, eine gelbliche Farbe annahm und das Rund des schwarzen Himmels um sich herum ein wenig erleuchtete. Das ist ein zweifelloses Zeichen, daß die Atmosphäre hier dichter ist. Wir stellten auch einen zweiten, sehr günstigen Umstand fest: Das Mare Frigoris ist ganz mit Sand bedeckt, was darauf schließen läßt, daß diese Ebene tatsächlich einstmals Meeresgrund gewesen ist.

Unsere Herzen waren voll Zuversicht, vor allem, weil Tomas sich scheinbar ein wenig besser fühlte. Wir wurden schon hoffnungsvoller; es schien uns, daß wir im Fluge diese Ebene durcheilen, und ehe die neue Sonne aufgeht, mit Tomas zusammen im Reiche des Lebens sein würden! Daß wir das Wehen des Windes fühlen, das Rauschen des Wassers hören, das Grün der Wiesen wiedersehen sollten ...

Allein wie anders wollte es das Schicksal!

Wir waren kaum einige Meter auf der Fläche gefahren, als Tomas uns bat, den Wagen anzuhalten. Die kleinste Bewegung quälte ihn unsagbar ...

Ich will ausruhen, sagte er mit schwacher Stimme, und auf die Sonne schauen, bevor sie untergeht.

Wir hielten also an und er blickte mit glanzlosen Augen zur Sonne, die ihre letzten goldenen Strahlen auf sein totenbleiches Gesicht herabfließen ließ. Er starrte eine Zeitlang unbeweglich in ihr Leuchten, dann wandte er sich zu Martha:

— Martha, wie ist das: „Sonne, du lichter Gott“ ... Wie geht das weiter?

Und Martha stellte sich, wie bei dem ersten vom Monde aus gesehenen Sonnenuntergang, in den vollen Glanz, streckte die Hände aus und die tränenvollen Augen zu dem schwindenden Lichte erhebend, begann sie halb sprechend, halb singend eine seltsame, in Rhythmen tönende Hymne:

Sonne, du lichter Gott, du wandelst von uns zu Ländern, die wir nicht kennen!

Sonne, du Leuchte des Himmels, du Wonne der Erde, du gehst, unsere Augen in Trauer zurücklassend, um denen zu leuchten, die schon aus der irdischen Hülle erlöst sind ...

Die, aus den Körpern erlöst, noch keine neue Gestalt annahmen, wie Gefangene, die man für eine Spanne Zeit freiließ, damit sie einen Tag der Stille und Ruhe genießen, ehe sie zum Gefängnis, in ihre Ketten zurückkehren.

Gut ist ER, gut ist der Urewige, Unfaßbare, der einen Tag der Stille zwischen Kampf und Sorgen geschaffen hat ...

In Ihm ist der Ursprung und der Ausgang aller Dinge; in Ihm sind die Seelen derjenigen erlöst, die den Kampf schon beendet haben, dahin heimkehrend, von wo sie vor grauen Zeiten ausgegangen sind.

Oh, Sonne, lichter Gott, du gehst von uns, und wir bleiben in Trauer zurück — mit unserer Sehnsucht ...

Woodbell hörte zu und schien einzuschlafen. Plötzlich rief er angstvoll:

— Martha, O’Tamor ist gestorben?

— Ist gestorben.

— Die Remogners sind gestorben?

— Sind gestorben.

— Ich werde auch sterben ... und sie ... sie ... er deutete mit den Augen auf uns.

— Du wirst leben, sagte sie wieder mit dieser seltsamen tiefen Überzeugung.

— Ah, ja ... flüsterte der Kranke, aber was hilft es mir ...

Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Selena legte ihre Vorderpfoten auf das Lager und leckte die herabhängende Hand ihres Herrn. Er blickte auf sie und machte eine Bewegung, als wenn er das treue Tier streicheln wollte, aber scheinbar fehlten ihm schon die Kräfte.

— Meine, meine Hündin ... flüsterte er nur.

Dann sagte er, daß er auf die Erde schauen wolle. Wir legten ihn so, daß er sie vor sich hatte. Sie stand gerade im ersten Viertel über den Felsen im Süden. Er blickte lange, die Hände ausstreckend, in heißem Verlangen auf diesen am Himmel leuchtenden Halbkreis, den gerade der Schatten des Indischen Ozeans, mit dem hellen, sich in seine Fluten erstreckenden Dreieck Indiens langsam durchglitt.

— Sieh, sieh, dort ist Travancore! rief der Kranke.

— Dort ist Travancore, wiederholte Martha wie ein Echo.

— Dort waren wir glücklich ...

— Ja, glücklich.

Der Kranke begann wieder unruhig zu werden.

— Martha, werde ich dorthin kommen, nach dem Tode? ... Denn sieh, ich will nicht ... hier herumirren ... auf dieser Wüste ... in dieser Totenstadt ... Martha, werde ich dorthin kommen ...

Martha schwieg und ließ den Kopf sinken, Tomas drängte wieder und wieder ...

— Martha, werde ich dorthin kommen ... nach dem Tode ... auf die Erde?

Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren Körper, aber sie überwand sich und antwortete mit tränenerstickter Stimme:

— Du wirst hinkommen, auf einen Augenblick, für einen Tag der Stille ... aber dann wirst du zu mir zurückkehren.

Seine Augen verschleierten sich; die schlaff herunterhängenden Hände waren bläulich und kalt. Er zuckte noch einmal und flüsterte kaum hörbar:

— Martha, wie ist es auf der Erde? ...

Und Martha erzählte von neuem vom rauschenden Meer, von blühenden Wiesen, von duftenden Blumen!

Um seine Lippen lagerte sich ein schmerzliches, aber ruhiges Lächeln und die Augen begannen sich langsam zu schließen. Noch einmal öffnete er sie für einen Augenblick, schaute auf die Erde und auf die Sonne, von der nur noch ein schmaler Streifen über der Wüste sichtbar war — seufzte leise und verschied mit dem letzten Leuchten des erlöschenden Tages ...

In der Dunkelheit haben wir ein Grab gegraben und ihm die Augen mit Sand bedeckt.

Und wiederum sind wir seit fast zwanzig Stunden unterwegs.

Wir fahren auf ebener, sandiger Wüste und passierten schon beim Ausgang aus dem Quertale den fünfzigsten Parallelkreis; die Erde erhebt sich nur noch 40° über dem Horizont, aber zum Glück gibt es auf dieser Fläche keine schattenwerfenden Erhöhungen. Wenn es geht, wollen wir die ganze Nacht ohne Unterbrechung vorwärtseilen.

Eine namenlose Trauer bedrückt uns. Martha sitzt ganz erschlafft da, fast wahnsinnig vor Schmerz, und zu ihren Füßen heult Selena nach ihrem verstorbenen Herrn. Wir geben dem Tier zu fressen, um es zu beruhigen, aber Selena nimmt nichts; sie war gewöhnt, nur von Tomas gefüttert zu werden.

Auf Mare Frigoris, 0° 6’ östlicher Länge, 55° nördlicher Mondbreite, nach Mitternacht, zu Beginn des vierten Tages.

Wir wenden uns direkt nach Norden, zum Pol. Seit hundertsiebzig Stunden, das heißt, seit dem Tode Woodbells, bewegten wir uns in nordwestlicher Richtung. Jetzt ist sein Grab schon weit zurückgeblieben, sehr weit ... Auf der Erde ist bereits eine Woche verflossen, seit wir ihn begraben haben.

Die ganze Zeit über fließt der Sand durch die Räder unseres Wagens, während nur das Zischen des Motors die lautlose Stille und das bleierne Schweigen unterbricht, das auf uns lastet. Martha weint nicht; sie sitzt da, stumm, mit zusammengepreßten Lippen und weit aufgerissenen Augen, in denen die Tränen schon vertrocknet sind.

Selena lebt nicht mehr. Seit Woodbells Tod wollte sie nicht mehr fressen, heulte stundenlang und lief im Wagen herum, alle ihm gehörigen Gegenstände und was seine Hand nur einmal berührt hatte beschnüffelnd. Schließlich legte sie sich in eine Ecke, wurde schwach und knurrte, wenn einer von uns sich nähern wollte. Wir fürchteten, daß sie die Tollwut bekäme, und mußten sie töten, obwohl es uns unendlich leid tat. Übrigens bin ich überzeugt, daß sie auch so nicht mehr lange gelebt hätte.

Ach, es ist so entsetzlich still in unserem Wagen, denn wir — was können Peter und ich miteinander sprechen? Es ist etwas Furchtbares geschehen. Der Tod Woodbells bedeutet in diesem Falle nicht nur den Verlust eines Menschen, eines treuen und teuren Freundes: nein, dieser Tod ist ein unermeßliches Unglück, — eine wahnsinnige Ironie des Schicksals, das zwischen uns beide diese Frau geworfen hat, die wir in gleichem Maße heiß begehren. Ich kann nicht auf sie sehen, ohne daß mich ein Schauer erfaßt und gleichzeitig empfinde ich den ganzen Ekel dieser — Schändung, gegenüber dem frischen Grab des Freundes. Es scheint mir, daß Woodbells Geist uns noch nahe ist, daß er mir ins Herz sieht, diese meine Gedanken lesend, aber ich kann dennoch nicht widerstehen — ich kann nicht! Das Fieber verzehrt mein Hirn, das Blut rast wild durch alle Adern, und mein Inneres ist so ganz voll von ihrem Bilde, daß ich sie vor mir sehe — immer — mit einer furchtbar unerhörten Deutlichkeit, auch wenn ich die Augen schließe. Ich versuche meine Gedanken von ihr abzulenken, sie mit Gewalt zurückzudrängen wie eine Meute toller Hunde, aber sie reißen sich los von der Kette meines Willens, werfen sich auf sie, reißen ihr die Kleider herunter, reiben sich an ihren Formen, schlängeln sich um ihren Leib und beschmutzen ihn mit den lüsternen Schnauzen, und da sie sehen, daß sie unnahbar und kalt ist, beginnen sie zu bellen, mit den Zähnen zu fletschen, nach ihr zu beißen und sie hin und her zu zerren ... Oh, diese schändlichen Gedanken, wie sie mich peinigen und quälen!

Varadol ergeht es ebenso; ich weiß, ich fühle, ich sehe es! Und er weiß ebenfalls, was in mir vorgeht. Daher dieser stumme, verbissene Haß zwischen uns. Weshalb soll man sich täuschen, weshalb die Dinge mit schönen Namen belegen, wir sind beide schlecht und gemein, denn sie steht zwischen uns. Wir sind nur zu zweit auf dieser fürchterlichen Welt, und es schreit etwas in der Tiefe unserer Seele, daß einer von uns zu viel ist. Wir sprechen nicht miteinander und sehen uns nicht in die Augen. Manchmal nur begegne ich verstohlen Varadols Blick, seinem entsetzlichen Blick, aus dem der Tod leuchtet wie ein Brand durch die Fenster eines im Innern flammenden Hauses.

Ob ich ihn fürchte? Nein, nein, tausendmal nein! Obwohl ich weiß, daß er mich jeden Augenblick, ohne zu wissen, was er tut, hinterrücks niederschlagen und morden kann, wie zum Beispiel jetzt, während ich schreibe und er hinter mir steht und meinen entblößten Nacken sieht. Ein Schauer durchläuft mich, aber ich wende mich nicht um, ich will seinem Blick nicht begegnen, in dem ich, wie in einem Spiegel, meine eigene Gemeinheit sehe.

Im übrigen fürchte ich mich absolut nicht vor einem plötzlichen, unerwarteten Tode! Der Tod ist nur dann über allen Ausdruck furchtbar, wenn er sich langsam nähert und unabwendbar. Ich weiß das aus Erfahrung. Ich fürchte nur eins, daß er diese Frau besitzen könnte, auf die er kein größeres Recht hat als ich; daß er vielleicht ihre vom Kummer noch bleichen Wangen durch Küsse röten, ihre Brust, die noch in ungestilltem Schluchzen bebt, zu schnellen, leidenschaftlichen Seufzern zwingen kann. Ah, ich darf nicht daran denken! Wir verfolgen uns gegenseitig so mit unserer Eifersucht, daß sie, solange wir beide leben, ohne jegliche Gefahr ist!

Aber manchmal packt mich die Wut. Ich möchte mir ins Gesicht speien und dann vor ihn hintreten und sagen: Komm, schlagen wir uns um sie! Beißen wir uns, wie zwei tolle Wölfe um eine Wölfin, unsicher des kommenden Tages, unsicher des Lebens, verbannt auf diese entsetzensvolle Welt, kämpfen wir um die Geliebte unseres toten Freundes, die für uns nichts fühlt als Gleichgültigkeit und Verachtung. Komm, schlagen wir uns heute um sie, ehe wir morgen sterben!

Aber ich bin zu sehr Hypokrit und zu feige, um das zu tun. Oh, wie ich mich verachte!

Und ich verachte und hasse auch sie! Es gibt Augenblicke, in denen ich fähig wäre, mich auf sie zu werfen und ihren schweigenden, traurigen Mund durch Schläge zum Schreien zu zwingen, um dann diesen Schrei zugleich mit dem Leben zu ersticken! Vielleicht wäre das besser ... Wir würden allein bleiben, ohne Ziel, ohne Verlangen zu leben, am Ende dann sogar freiwillig sterben, aber zum wenigsten würde nichts zwischen uns sein ...

Wozu lebt sie? Was hält sie hier? Wie kann sie noch leben, wenn sie diesen Menschen so geliebt hat, und wenn er für sie alles gewesen ist und mit ihm für sie alles geendet hat? Wir sind gemein, aber auch sie ist gemein! Das Tier, die unvernünftige Hündin, hat mehr Anhänglichkeit gezeigt, denn sie konnte den Tod ihres Herrn nicht überleben. Und diese Hündin hat doch nicht den hundertsten Teil der Liebkosungen gekostet, hat nicht den tausendsten Teil der Liebe genossen, mit der er diese Frau überhäuft hat! Aber die Frau lebt ... und wer weiß, wer weiß, vielleicht wirft sie aus diesen Augen, die scheinbar im Schmerz erkaltet und erloschen sind, schon auf einen von uns verstohlene Blicke, vielleicht keimt in ihrem Hirn, das noch voll ist vom Bilde jenes Toten, schon der Gedanke: Welchen von diesen zwei Lebenden soll ich wählen, um das ewige Werk des Weibes zu erfüllen? ...

Vielleicht, vielleicht ist in alledem irgendein ursprünglicher, elementarer, durch die Natur in unser Wesen gelegter, also heiliger Trieb des Seins und des Zeugens, der uns nicht zurückblicken, mit der Vergangenheit nicht rechnen, noch an die Zukunft denken läßt. Und dennoch ist für mich das alles so ekelhaft — so widerwärtig — ungeheuerlich! ...

Ah, warum lebt dieses Weib? Warum?

Und ich fühle, daß ich trotz alledem ihren Tod niemals verwinden könnte.

Auf Mare Frigoris, 0° 30’ östlicher Länge, 61° nördlicher Mondbreite, vierter Tag, einhundertzweiundsiebzig Stunden nach Mitternacht.

Martha hatte recht, als sie zu Tomas sagte: Du wirst leben! Ach, daß ich das damals nicht gleich verstanden habe!

Es waren fast drei Viertel der Nacht verstrichen, als ich, am Steuer sitzend, bemerkte, daß Peter sich fortgesetzt um mich herum zu schaffen machte, mit einer Miene, als wenn er eine Unterredung beginnen wollte. Mich wunderte das, weil wir immer nur das Notwendigste besprachen, aber gleichzeitig freute es mich auch. Ich fühlte, daß die Zeit endlich gekommen war, dieser unerträglich drückenden Situation durch eine Aussprache ein Ende zu machen.

Ich frug ihn also so höflich wie nur möglich:

— Wünschst du etwas von mir?

— Ja, ja, sagte er schnell, sich neben mich setzend, ich wollte mit dir reden ...

Ich bemerkte, daß er sich zu einem Lächeln zwang, aber seine Züge zuckten krampfhaft dabei. Unwillkürlich blickte ich auf seine Hände. Und er, als wenn er meinen Blick verstanden hätte, errötete und zog die Hände leer aus den Taschen, sie auf seine Knie legend. Dann begann er etwas stockend:

— Ja, ja, siehst du, ich wollte mit dir ... denn es scheint, daß wir diese Nacht nicht anzuhalten brauchen, da die Kälte nicht so empfindlich ist und der Weg eben und hell genug, obwohl die Erde niedrig am Horizont steht; im übrigen wirst du zugeben, daß man sich eilen muß, also ...

Ich wendete keinen Blick von ihm ab, und er wurde immer verwirrter. Plötzlich änderte er den Ton und schrie heftig:

— Zum Teufel! Wir fahren ohne Unterbrechung nach Norden?

— Ja ... pflichtete ich bei, mich zur Ruhe zwingend.

Dann folgte ein Augenblick qualvollen Schweigens. Varadol sprang auf und begann unruhig auf und ab zu gehen. Ich war mir klar darüber, was in ihm vorging; ich wußte, wovon er mit mir sprechen wollte, und daß er über gleichgültige Dinge redete, weil er das Wort nicht hervorbringen konnte, das uns Auge in Auge der Entscheidung gegenüberstellte, die früher oder später schließlich fallen mußte. Eine Zeitlang empfand ich eine boshafte Freude über seine Hilflosigkeit, aber dann tat er mir plötzlich so unendlich leid, daß ich fähig gewesen wäre, mich ihm an den Hals zu werfen und ihn bei unserer alten Freundschaft zu beschwören, ihm alles mögliche zu sagen, daß ich ihm das Weib abtreten wolle, — oder ihn zu bitten, sich mit ihrem Tode einverstanden zu erklären — ah, ich weiß selbst nicht mehr, was ich beginnen wollte, aber ich beherrschte mich sofort; das führt absolut zu nichts. Ich fühlte indes, daß es unmöglich war, die endgültige Auseinandersetzung noch weiter hinauszuschieben.

— Wolltest du weiter nichts, fragte ich ihn unvermittelt.

Er blieb stehen, scheinbar durch den freundlichen Ton in meiner Stimme betroffen, und sah mir forschend in die Augen. Dann lächelte er traurig und fuhr mit der Hand über die Stirn. Ich bemerkte, daß seine Hand wie im Fieber zitterte.

— Ja, in der Tat, ich wollte — überdies ...

Er brach ab und blickte auf Martha; nach einigem Zögern sagte er mit abgebrochener, rauher Stimme in deutscher Sprache, damit sie ihn nicht verstehen konnte:

— Was werden wir mit diesem Weibe tun?

Ich erwartete diese Worte, aber trotzdem trafen sie mich wie ein Keulenschlag! Ich bremste gewaltsam den Wagen; das Blut klopfte mir in den Schläfen und verschleierte mir die Augen. Mein Herz schlug zum Zerspringen; die Lippen waren wie ausgetrocknet. Der entscheidende Augenblick war gekommen.

Ich sah auf Varadol. Er stand vor mir, blaß wie eine Leiche und starrte mir hartnäckig in die Augen. Diesen Blick werde ich bis zu meinem Tode nicht vergessen! Es lag eine Angst darin und ein fast hündisches Flehen — und gleichzeitig wieder eine entsetzliche Drohung.

Ohne zu antworten, schob ich ihn beiseite und ohne mir klar darüber zu sein, was ich tat, trat ich an Martha heran, die still dasaß und irgend etwas nähte. Er folgte mir.

— Warum lebst du, Weib? Diese unerhörte und, wie mir jetzt scheint, lächerliche Frage, obwohl ich damals keine Lust zum Lachen hatte, stieß ich ganz unvermittelt hervor.

Martha schaute uns erstaunt an, dann wurde sie feuerrot und sagte langsam mit leicht zitternder Stimme, als wenn sie sich rechtfertigen wollte:

— Ich warte auf Tomas’ Rückkehr ...

Eine rasende Wut packte mich.

— Genug der albernen Redereien! schrie ich, ihr die Arbeit, über die sie sich neigte, aus den Händen reißend. Ich weiß nicht, was weiter geschehen wäre, wenn ich nicht in diesem Moment einen Blick auf das Stück Leinwand, an dem sie nähte, geworfen hätte: Es war ein Kinderhemd.

Ich verstand plötzlich alles. Unfähig, ein Wort hervorzubringen, streckte ich nur die Hand aus, Peter darauf aufmerksam machend. Er schrie leise auf und ging schnell zum Steuer des Wagens.

Also darum sagte sie zu dem sterbenden Tomas mit einer solchen Überzeugung: Du wirst leben! Darum folgte sie ihm nicht!

Nach dem Glauben ihres Volkes geht in das nach dem Tode des Vaters geborene Kind die Seele des Verstorbenen über. Sie wartet also, fest überzeugt, daß Tomas in dem Kinde zu ihr zurückkehren wird, nachdem er als Geist die Erde umkreist, die ihn beim Sterben mit so namenloser Sehnsucht erfüllte! Sie mußte ihm die „frohe Kunde“ gebracht haben, daß sie in diesem Kinde seiner warten werde, wohl damals, als sie kurz vor seinem Tode malabarisch zu ihm gesprochen hatte. Das alles durchfuhr mich wie ein Blitz.

Ich blickte auf sie: sie weinte still, das Gesicht in dieses kleine Hemdchen verborgen, das aus der Wäsche des Verstorbenen zurechtgeschnitten war.

Und plötzlich geschah etwas Seltsames mit mir. Ich hatte das Gefühl, als wenn in meinem Herzen etwas zersprungen wäre, irgendein widerwärtiges Geschwür und gleichzeitig fiel es mir wie ein Schleier von den Augen. Martha erschien mir als ein anderes Wesen. Ich schaute auf sie mit einem Staunen, als wenn ich sie zum erstenmal sähe! Das war nicht mehr das Weib, um dessen Besitz ich noch vor einem Augenblick mit meinem Freund und einzigen Kameraden auf dieser einsamen Welt ringen wollte. Das war die Mutter des neuen Geschlechts, der siegende Tod durch das große Geheimnis des Lebens und der Liebe.

Eine unaussprechliche Dankbarkeit erfüllte meine Seele; Dankbarkeit dafür, daß wir durch sie nun hier nicht mehr allein sein werden, und daß sie sich mit der Heiligkeit der Mutterschaft vor uns schützte, vor uns, die wir — blind! — in ihr nur das begehrenswerte Erbe des Toten gesehen haben. Ich neigte mich, ohne es zu wissen, und küßte ihre Hand. Sie zuckte zusammen und verstand anscheinend meine stumme Huldigung, denn sie erhob ihr Gesicht, das noch verweint war, aber schon von Stolz über die neue und anerkannte Würde aufleuchtete.

Wie unbegreiflich ist doch die Seele des Menschen! Das alles löst ja die uns quälende Frage durchaus nicht, sondern rückt sie nur für eine bestimmte Zeit in die Ferne und trotzdem sind wir beide jetzt so ruhig, als wenn die ganze Angelegenheit erledigt wäre. Wir haben die Überzeugung, daß dieses Weib keinem von uns Lebenden gehört, sondern demjenigen, der gestorben ist, und wir ehren und achten sie, ganz vergessend, daß vielleicht die Zeit wieder kommen wird, wo ...

Aber nein, nein, ich will nicht daran denken!

Jetzt nur nach Norden, immer nur nach Norden!

Unter dem Timaeus, nach Sonnenaufgang des vierten Mondtages.

Noch kein Sonnenaufgang hat eine solche Freude in uns geweckt und eine solche Hoffnung! Es war ihm ein Glanz vorausgegangen, eine Erscheinung, wie wir sie hier auf dem Mond noch nicht gesehen hatten.

Die Nacht war gerade zu Ende und wir hofften jeden Augenblick, daß der Gipfel des Berges, der im Lichte der Erde vor uns emporstieg, in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne aufleuchten würde. Jedoch bevor dies geschah, nahm der schwarze Himmel im Osten eine etwas hellere Farbe an, als wenn ihn ein opalweißer Nebel umhüllte. Zuerst glaubten wir, daß sich unter dieser bedeutenden Breite — wir passierten bereits den sechzigsten Parallelkreis — das Zodiakallicht, das in der Nähe des Äquators und vor Sonnenaufgang sichtbar ist, in so seltsamer Weise zeige. Aber nein, das war nicht das Zodiakallicht; der Himmel färbte sich weit und breit leicht silbern über dem Horizont und die Sterne verblaßten in diesem weißen Glanze. Bald blitzten auch die Gipfel des Timaeus — jener Krater, dem wir uns näherten, — in der Sonne auf, aber — o Wunder! sie waren auf dem Hintergrunde der Nacht wie zart erglühende Rosen erblüht. Es war unmöglich noch länger daran zu zweifeln, daß diese Dämmerung und dieses rosige Licht uns dichtere Luft verkündeten, die schon genügte, durch die sie durchgleitenden Sonnenstrahlen zu leuchten und ihre Farben zu röten.

Eine berauschende Freude erfaßte uns; ich lächelte Peter zu, der mit der ganzen Seele in diese Erscheinung versunken war; dann wandte ich mich zu Martha.

— Sieh, rief ich, dein Kind wird dort zur Welt kommen, wo wir atmen können wie auf der Erde!

Sie erhob das Haupt und schaute nach Osten, wo sich alles mit einem traumhaft zarten Gold überzog, das den ganzen Horizont erfüllte — wie unsere Herzen die Hoffnung eines neuen Lebens ...

Die Sonne ging langsam auf, langsamer noch als die vorhergehenden Tage, denn sie stieg nicht gerade in die Höhe, sondern erhob sich hinter dem stark nach Süden geneigten und niedrig über dem Horizont hängenden Bogen der Erde. Nachdem sie ganz hervorgekommen war, stand sie am Himmel in einem großen Kreise wie von weißem Nebel, der langsam ins Blaue überging und sich allmählich in dem schwarzen Hintergrund verlor. In der Nähe der Sonne waren keine Sterne mehr sichtbar; sie glänzten nur noch weiter von ihr entfernt am Firmament, und die Verschiedenheit ihrer Farbe ist geschwunden; sie ähneln immer mehr jenen glitzernden Flämmchen, mit denen sich der nächtliche Himmel über der Erde schmückt.

Noch ein, höchstens zwei Mondtage, und wir werden diesen Wagen verlassen können und mit voller Brust zum erstenmal die Mondluft einatmen!

In der letzten Nacht legten wir ein bedeutendes Stück Wegs zurück! Die Nachtkälte ist hier in der Nähe des Pols bedeutend geringer als am Äquator, da die Sonne nicht so tief unter den Horizont fällt; wir brauchten uns infolgedessen nicht aufzuhalten und fuhren bei Sonnenuntergang auf das Mare Frigoris, das wir jetzt bereits hinter uns haben. Im Westen beginnt gebirgiges Land vor uns aufzusteigen; der Timaeus ist ein Grenzpfahl, den wir gerade passieren.

Vor uns, nach Norden zu, erstreckt sich eine Flachebene, die, einer breiten Bucht gleich, in das Gebirge einschneidet und, wie die Karten zeigen, bis zum achtundsechzigsten Parallelkreis reicht. Sie ist nicht so eben wie das Mare Frigoris, im Gegenteil, ganz mit kleinen und gleichlaufenden Hügeln besät, die uns jedoch die Reise nicht erschweren werden, da sie sanfte Abhänge haben. Wir müssen diese Strecke zurücklegen, bevor der Tag zu Ende geht, so daß wir beim Anbruch der nächsten Nacht schon im Gebirge sind. Dann trennen uns noch gegen sechshundert Kilometer vom Pole. Aber was bedeuten sechshundert Kilometer, nachdem wir schon so viele zurückgelegt haben!

Wir sind voll Hoffnung und Zuversicht! Alle Feindseligkeiten zwischen uns sind verflogen; der quälende Alp, der während der Nacht auf uns lastete, ist wie Nebel im Glanz der aufgehenden Sonne verschwunden. Der Gedanke, daß wir zu dem ersehnten Ziele unserer schweren Pilgerfahrt den Keim eines neuen Lebens tragen, stärkt uns und macht uns so froh und ruhig, daß es uns manchmal vorkommt, als wenn wir um die verlassene Erde nicht mehr trauerten ...

Warum ist Tomas nicht unter uns? Er teilte unsere Qualen; was würde ich dafür geben, wenn wir mit ihm die Hoffnung des Lebens teilen könnten! ...

Vierter Mondtag, achtundsiebzig Stunden nach Sonnenaufgang, 0° 2’ östlicher Länge, 65° nördlicher Mondbreite.

Eine seltsame Niedergeschlagenheit befällt mich. Ich weiß nicht, woher sie kommt und was sie von mir will. Die Reise geht schnell vonstatten, der Himmel überzieht sich langsam mit dunklem Blau, durch das die bis jetzt strahlenlosen Sterne zu flimmern beginnen, alles verkündet die Nähe jener „versprochenen Erde“, wo wir endlich nach allen, nun schon vier Monate währenden Mühen ausruhen sollen, und ich, statt mich zu freuen, bin traurig, unsagbar traurig und niedergedrückt. Was ist daran schuld? Vielleicht diese Erde, die sich immer mehr zum Horizonte neigt und die wir in einigen hundert Stunden schon ganz aus den Augen verlieren werden, vielleicht diese Gräber, die unseren Weg durch die entsetzliche, luftlose Mondwüste bezeichnen, vielleicht diese inneren Erlebnisse, von denen sich meine Seele noch nicht erholen kann, vielleicht auch der Gedanke an dieses Kind des Verstorbenen, das in einem unbekannten Land für ein unbekanntes Schicksal geboren werden soll.

Ich bin ruhig, — nur diese unerträgliche Traurigkeit und diese Ermattung! Unsere Augen sind halb blind von den blendenden Sonnenstrahlen; der Anblick der endlosen Flächen und zerklüfteten Berge ermüdet mich unsagbar ... Wenn nur ein kleines, ganz kleines Wässerchen, ein Teich, ein grüner Zweig, ein wenig Gras zu sehen wäre ...

Die uns umgebende Gegend ist wie ein mächtiger Kirchhof. Wir fahren auf dem Grunde eines seit Urzeiten ausgetrockneten Meeres, auf darauf angesetzten, an der Oberfläche zerbröckelten Kalkbänken, aus denen sich die Reste ursprünglicher Ringfelsen erheben, die vom Wasser zerspült worden sind.

Was ist aus diesem Meer geworden, das einst hier flutete, den gebogenen Nacken der Erde entgegenstreckend, die damals wie eine goldene Scheibe zwischen den Wolken, die über den Wassern dahinzogen, sichtbar war? Nur der Strand erhebt sich noch über der ausgetrockneten Mulde, steil, riesenhaft, ausgefressen durch die Brandung der nicht mehr vorhandenen Wogen ... Wind und Sturm haben seine zu Staub zerriebenen Überreste verweht, jetzt gibt es auch diese nicht mehr — nur Leere und Starrheit ...

Ich sehne mich so unbeschreiblich danach, endlich Leben zu sehen! Oh, nur so schnell wie möglich, die Kräfte könnten erlahmen!

Martha ist die geduldigste von uns dreien; aber das ist natürlich! Sie hat ihre Welt jetzt in sich und es scheint, daß sie an diese Welt sogar mehr denkt als an den verstorbenen Geliebten. Ich sehe oft, wie sie, über der Arbeit sitzend, plötzlich die Hände sinken läßt und in die Zukunft schaut, ihren eigenen Gedanken zulächelnd. Ich bin überzeugt, daß sie dann mit den Augen der Seele das kleine rosige Kind sieht, wie es die Händchen nach ihr ausstreckt. Manchmal verscheucht wohl ein tiefer Seufzer dieses glückselige Lächeln, und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Das ist die Erinnerung an Tomas, der sein Kind niemals sehen wird ... Aber dann lächelt sie wieder, denn sie weiß, daß seine Seele nicht in ihrem Kinde zu ihr zurückkehren könnte, wenn er am Leben geblieben wäre.

Martha ist immer mit ihren Gedanken beschäftigt und spricht wenig mit uns; nur einmal sagte sie zu mir:

— Es ist gut, daß ich Tomas hierher gefolgt bin, denn ich werde ihm aufs neue das Leben geben ...

Wie sollte sie sich nicht glücklich fühlen, wenn sie so von sich sprechen kann?

Vierter Tag, siebzehn Stunden nach Mittag auf der Hochebene vor dem Goldschmidt, 1° 3’ östlicher Länge, 69° 3’ nördlicher Mondbreite.

Die Ebenen haben ein Ende genommen; wir sind in den Bergen, die sich bis zum Pole hinziehen. Diese Hochebene ist ganz eigentümlich; sie ist wie übersät mit einzelnen kreisförmigen Bergen, zwischen denen sich hohe, weit ausgedehnte Bergringe erheben, wie zum Beispiel der vor uns liegende mächtige Goldschmidt und der sich mit ihm im Osten berührende und noch höhere Barrow. Es kommt mir jetzt erst zum Bewußtsein, wie seltsam es ist, daß wir hier Berge und Länder vorfinden, die noch kein menschlicher Fuß betreten hat, und die doch schon von Menschen bezeichnet sind ... Ein sonderbarer Gedanke.

Der Mittag sah uns heute auf dem Gipfel des Grenzwalles der Hochebene. Wenn wir hinter uns blickten, würden wir über dem Horizont der Wüste die verblaßte Erde, die durch einen leichten Luftschleier verhüllt ist, bemerken. Der leuchtende Ring der Atmosphäre glänzte durch diese Verhüllung noch blutiger als an den vorhergehenden Tagen. Dicht über der Erde, ihre mächtige schwarze Kugel fast berührend, stand die Sonne.

Ich habe den Eindruck, daß die Erde sich im Verlauf dieser vier Monate vom Zenite dem Horizonte zu gesenkt hat und nur wir, uns dem Pole nähernd, von ihr geflohen sind. Das Klima ist hier ein gänzlich anderes. Die nachmittagliche Sonne, die nicht hoch über dem Horizonte steht, quält uns nicht mehr mit ihrer Glut, blendet uns nicht mit ihrem Glanze. Traurig und müde scheint diese Sonne zu sein, so wie wir ... Rings auf der Hochebene lagern tiefe Schatten ... Der Himmel färbt sich nach Norden zu immer bläulicher, die Sterne sieht man nicht mehr in dieser Richtung, obwohl sie im Süden noch blaß und weißlich scheinen, in einem breiten Kreise um Erde und Sonne zerstreut.

Ich bin über alle Beschreibung müde. Trotz der Leichtigkeit des eigenen Körpers auf dem Monde habe ich manchmal das Gefühl, daß Kopf und Hände und Füße aus Blei sind. Ich habe Angst, daß ich krank werde. So unendlich lang erscheint mir die Reise! Ich beginne, trotzdem wir die sichersten Zeichen dafür haben, daß sie bald beendet ist, zu zweifeln, ob wir überhaupt jemals ans Ziel gelangen werden ... Übrigens — Ziel? Welches Ziel? Ach, alles ist so ermüdend und traurig!

Martha ist von einer maßlosen Güte. Ich glaube, wenn sie nicht wäre, hätte ich nicht mehr die Energie, die Hand zu rühren, um das Steuer des Wagens nach dem Pole zu lenken, dem wir mit solcher Anstrengung entgegeneilen. Aber sie sieht meine grenzenlose Ermüdung und versteht es, mir mit lieben, herzlichen Worten Mut zuzusprechen und mich aufrecht zu erhalten. Wodurch habe ich so viel Güte ihrerseits verdient? Etwa durch das Unrecht, das ich ihr durch meine schändlichen Gedanken zugefügt habe? Ich bin so müde, daß mir alles gleichgültig ist, mit Ausnahme, so wahr mir Gott helfe, des Glückes dieser Frau. Ich möchte leben, um ihr irgendwie von Nutzen zu sein ... Und wer weiß, ob ich leben werde.

Vor uns Berge, große steile Berge. Man muß sie überwinden. Diese und andere und wieder andere, denn zum Pol ist es noch weit ... Ich habe keine Kräfte mehr, ich kann nicht einmal schreiben. Die Worte fehlen mir, ich bringe sie nicht recht zusammen; ich vergesse immer, was ich sagen wollte. Ich möchte mich am liebsten auf der Hängematte ausstrecken und unter den halbgeschlossenen Augenlidern auf Martha schauen, die immerfort lächelt — im Gedanken an ihr Kind. Die Glückliche!

Auf der Einsattelung zwischen Goldschmidt und Barrow, einhunderteinundsechzig Stunden nach Mittag des vierten Mondtages.

Ich kämpfe mit dem Rest meiner Kräfte gegen die mich überfallende Ermüdung an. Ich fühle, daß ich krank bin und habe Angst davor. Wie werden sie sich zu zweit helfen können — ohne mich? Der Weg wird immer beschwerlicher, und die Nacht, eine lange Nacht, ist nahe. Ob ich ihr Ende erleben werde? Vielleicht kommt nach O’Tamor und Woodbell nun die Reihe an mich? Sie haben doch vorausgesagt ...

Es wäre mir hart, jetzt sterben zu müssen. Ich möchte das Kind noch sehen, das geboren werden soll, ich möchte, wenn auch nur noch einmal, mit voller Brust aufatmen können.

Ach, wann wird dieser Weg ein Ende nehmen! Nach den Karten zu urteilen, sind die Berge, durch die wir uns eben hindurcharbeiten, das letzte große Hindernis, das uns vom Pol trennt. Wenn wir uns von der Einsattelung, auf der wir uns augenblicklich befinden, herabgelassen haben, werden wir uns, in einer breiten Klamm fahrend, nach Westen wenden, längs den nördlichen Abhängen des Goldschmidt, dann wieder in nördlicher Richtung die Ringe Challis und Main passieren, im Osten den Ring Gioja umkreisen, seine niedrige Abzweigung, die sich dem Parallelkreis zu erstreckt, überfahren und auf eine Ebene gelangen, die von dem Polarlande nur mehr durch eine einzige schmale Gebirgskette getrennt ist.

So stellt sich unser Weg nach den Karten dar. Aber die Karten dieser Gegenden, die von der Erde aus schlecht zu sehen sind, erweisen sich als ungenau. Dazu kommt, daß der größte Teil des Weges in der Nacht, die schon beginnt die Berge zu verhüllen, zurückgelegt werden muß.

Von unserer Höhe sehen wir bereits ein Stück dieser Welt vor uns, aber nur die Gipfel der rötlich in der Sonne erglänzenden Berge. Die Tiefen überflutet ein schwarzes Schattenmeer. Wenn wir dort hinunterkommen, werden die Sterne unsere einzigen Führer sein.

In meinem Kopfe ist etwas zerstört oder unterbrochen, nur mit der größten Willensanstrengung vermag ich klar zu denken. Träume im Halbschlaf, Angstgefühle, Wahnvorstellungen wechseln in meinem Hirne. Habe ich etwa Fieber? Ich beiße in meine Finger, um zur Besinnung zu kommen, aber auch das hilft nichts. Alle Bilder zerrinnen mir vor den Augen; ich sehe ein Meer der Dämmerung mit darauf schwimmenden blutigen Berggipfeln. Unser Wagen erscheint mir wie ein Schiff, das wir jeden Augenblick in diese Untiefe hinabstoßen werden ... Ich bin so entsetzlich müde. Wohin sollen wir durch diesen schwarzen Ozean segeln? Vielleicht zur Erde? ... Ach, es ist wahr, die Erde ist weit hinter uns geblieben, weit im Weltenraum; dorthin werden wir niemals zurückkehren, niemals! ...

In meinem Kopfe klappert eine furchtbare Mühle; ich glaube, ich habe Fieber.

Nach Sonnenuntergang in Schluchten zwischen Bergen.

Ich habe mich doch vom Lager geschleppt. Martha sagte mir, ich solle mich niederlegen, aber was weiß sie! Ich hatte noch etwas zu tun oder zu schreiben — ich weiß es nicht mehr, aber ich muß mich daran erinnern. Ich bin überzeugt, daß wir in der Dunkelheit versinken, wenn ich es nicht tun werde ... Aber was wollte ich tun? Warum ist es hier so dunkel? Irgendeine Bombe ist mir scheinbar im Kopf zerplatzt, muß zerplatzt sein, denn der Kopf dehnt sich mehr und mehr, schwillt an, wächst; ist jetzt so groß wie der Mond ... Wie unterhaltend das ist, daß wir auf dem Monde sind; aber vielleicht träume ich es nur? Denn wo in aller Welt kämen denn die Hunde her? Wo ist Woodbell? Es ist etwas mit ihm geschehen, aber ich weiß nicht was. Tomas hieß er mit Vornamen ...

Jemand steht bei mir und sagt, daß ich mich hinlegen müsse, weil ich Fieber habe ... Ah, einerlei! Warum soll ich es nicht haben ... Ist es mir nicht erlaubt? ...

Die Feder wird zentnerschwer, aber auch meine Finger sind wie Blei ... Ich weiß nicht, was das alles bedeutet — ich höre nur zwei Stimmen neben mir — ich kann nicht mehr ...

Ende des ersten Teiles.

Zweiter Teil

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