I.
Im Polarlande.
Es reift schon heran, dieses Geschlecht, und ich bin ihm immer weniger nötig und immer trauriger ... Ich bin nach dem Polarland gegangen, um auf die Erde zu schauen und allein zu sein.
Seit unserem EXODUS von unserer verlorenen Erde sind schon zweihundertneunzehn Mondtage verflossen und siebenundsechzig seit dem Tode Marthas und Peters.
Ich wundere mich, daß ich nicht sterbe ...
*
Ich wohne also wieder auf dem Pol. Die grenzenlose Sehnsucht nach meiner Heimat, der Erde, quält mich immer mehr. Sie läßt mich sogar dieses Geschlecht vergessen, das mir von Martha in ihrer Todesstunde übergeben wurde, aber es lebt dort am Meere und ist glücklich. Als ich fortging, erwachten Frühlingsgefühle der Liebe in mir! Zu wonnig und zu ... schmerzlich war es für mich, auf diesen Frühling zu schauen ...
Hier ist Stille und Einsamkeit und Erinnerung ...
*
Es war wiederum eine Sonnenfinsternis und die schwarze Erde wie eine verkohlte Leiche über dem goldenen Regenbogen und Güsse und Überschwemmungen ...
Seit unserem EXODUS zweihundertsechsundzwanzig Mondtage.
Die Sorge um Marthas Kinder lastet auf mir. Ich werde zurückkehren müssen an das Meer und sehen, ob sie mich brauchen.
Ich schlief so unruhig und sah Martha im Traume ...
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Ich war in dem Lande der Warmen Teiche, nach siebenmondtägiger Abwesenheit. Die Sorge um Marthas Kinder hat mich hingeführt.
Tom ist der Mann seiner Schwestern Lilli und Rosa.
Es ist erstaunlich, wie diese Menschen auf dem Monde degenerieren! Tom ist schon erwachsen, reicht mir aber nicht einmal bis an die Schulter. Ada, glaube ich, wird noch kleiner.
Während meines Aufenthaltes am Meere war ein furchtbarer Ausbruch des Otamor, der größte von allen, an die ich mich erinnern kann. Die südliche Seite des Kraters ist ins Meer gesunken. Es war dies der zweihundertachtunddreißigste Mondtag seit unserem EXODUS — vierzehn Stunden nach Mittag hat der Ausbruch begonnen.
Als ich fortging, erwartete Rosa Nachkommenschaft. Ada habe ich mit mir genommen — sie war dort so verlassen. Sie bedarf jetzt meines Schutzes mehr als je. Es ist furchtbar, daß es mir noch immer nicht erlaubt ist, zu sterben!
Ich kam zum Polarland zweihunderteinundfünfzig Mondtage nach unserem EXODUS. Tom bemühte sich, mich zurückzuhalten, aber ich fühlte trotzdem, daß er froh war, als ich fortging. Tom ist selbstherrlich und sieht ungern meine Achtung seinen Frauen gegenüber. Es ist ihm auch lieb, daß Ada mit mir gegangen ist, denn er mag sie nicht leiden, weil sie sich ihm nicht ergeben will, obwohl sie fast noch ein Kind ist.
*
Fahl und kühl ziehen die Stunden vorüber, wie dieses Licht der unsichtbaren Sonne auf dem Pol — eine lange, lange, unendliche Reihe von Stunden ...
Nur mit Mühe halte ich die Rechnung der Zeit aufrecht; ich spreche nicht viel und Ada ist immer schweigsam. Sie sitzt ganze Stunden auf dem grünen Moos und ihre traurigen Kinderaugen irren über die rosa beleuchteten Gipfel der Berge.
Und ich? ...
Seit langem habe ich aufgehört der Gegenwart zu leben und noch mehr der Zukunft. Ich sehe zurück und schaue unaufhörlich meinen Erinnerungen in die Augen. Eine trübselige Gesellschaft! Traurig bin ich dort am Meer und traurig hier, wo ich die Erde sehe am Horizont.
*
Eine lange Zeit ist vorübergegangen, seit ich die letzten Notizen niederschrieb. Ada wird größer und beginnt sich nach den Geschwistern zu sehnen. Ich merke ihr das an, obwohl sie selbst es nicht zugeben will.
Auch ich denke, daß es trotz allem Zeit ist, an das Meer zurückzukehren. Ich werde älter, und wenn ich in dieser Einsamkeit sterben sollte, wäre Ada zum Tode verurteilt. Ihretwegen will ich zurückkehren, obwohl Gott weiß, wie gern ich hierbleiben und sterben möchte, auf die Erde schauend!
Und ich fürchte fast, daß dieses Kind schon zu lange mit mir, dem Schweigenden, traurig Einsamen, gelebt hat. Seltsam ist dieses Kind — und auch das ist seltsam, daß wir uns in dieser Einsamkeit, statt uns zu nähern, gegenseitig immer fremder werden. Sie blickt auf mich mit weit geöffneten Augen, und ich fühle, daß sie vieles denkt, worüber sie nicht zu mir spricht.
Ich muß es mir selber eingestehen, so lange ich auch mit diesem Mädchen zusammen bin, es ist mir unmöglich, mich an sie zu gewöhnen, im Gegenteil, sie reizt mich durch ihre Gegenwart. Allein möchte ich sein und ungestört über die Vergangenheit nachdenken ... über die Erde ...
Und dennoch muß ich zurückkehren ... zu Tom, zu Toms Kindern, die mit Staunen und Furcht auf mich schauen werden, auf den alten Menschen, der einstmals von der Erde gekommen ist und jetzt lange in der Einsamkeit lebte. Ich muß zurück ... wir müssen zurück — Ada ...
Es ist mir noch nicht vergönnt, zu sterben ...