VI.
Nach sechs Tagen ...
Ich blicke auf die letzten Worte, die ich vor einigen Mondtagen niederschrieb und meine Augen trüben sich, nicht mehr von Tränen, denn die sind längst vertrocknet; nein, es ist, als wenn Entsetzen und Verzweiflung sie mir wie mit heißem Sande geblendet hätten. Nicht für mich habe ich das Grab auf der Friedhofinsel erbaut ...
Eine ewig stumme, qualvolle Frage — ohne Antwort.
Ich bin allein geblieben.
Allein mit vier Kindern, die nicht meine Kinder sind. Ich bin der letzte Mensch auf dem Monde, der letzte derjenigen, die von der Erde gekommen sind. Die beiden andern, Martha und Peter, sind O’Tamor, den Remogners, sind Woodbell gefolgt. Und ich lebe.
Das ist das Schicksal, das ich am meisten gefürchtet und — am wenigsten erwartet habe.
Und wenn ich bedenke, daß das alles so schnell geschehen konnte! Sechs Mondtage, ein halbes irdisches Jahr! Wer hätte das damals geglaubt! Und zum drittenmal schon ist diese träge Sonne über diesem Meer aufgegangen, seit ich sie begraben habe. Ich bin allein, so furchtbar, so grauenhaft allein, daß ich während der finstern Nächte aufspringe und herumlaufe und am Tage jedes Geräusch und die Schatten der sich im Winde wiegenden Pflanzenungeheuer fürchte.
Ja, ich bin allein. Denn diese Kinder können mir nicht nahe stehen. Das sind Wesen aus einer anderen Welt, in des Wortes wahrster Bedeutung.
Was würde ich dafür geben, wenn auch nur für einen Augenblick, Martha oder Peter hier bei mir zu haben!
Als Martha krank wurde, hatte ich keine Ahnung, daß das so furchtbar enden sollte.
Ich bemerkte zwar schon lange, daß ihr Organismus erschöpft war von all dem, was sie durchgemacht hatte, daß Kummer und Trauer an ihrem Leben nagten, aber dieser Gedanke war doch so fern von mir, so fern!
Am letzten Mondtage begann Martha zu kränkeln. Noch stiller und nachdenklicher wie gewöhnlich, verbrachte sie fast die ganze Zeit mit den Kindern am Meeresstrande. Sie spielte mit Tom und liebkoste sogar die Mädchen, die sehr erstaunt waren über die so seltene Zärtlichkeit der Mutter. Gegen Mittag, als ich zum Strand ging, um ihr zu sagen, daß sie nach Hause zu den Teichen zurückkehren müsse, da die Gewitter im Anzuge seien, lächelte sie mir zu und wiederholte einigemal:
— Ja, es ist Zeit nach Hause zurückzukehren, es ist Zeit, zurückzukehren ...
All diese kleinen Einzelheiten sind mir so lebhaft im Gedächtnis, stehen so klar vor meiner Seele, daß ich sie jetzt beim Schreiben vor Augen habe, jede ihrer Bewegungen sehe, ihre Stimme höre und es nicht fassen kann, daß sie nicht mehr ist und ich sie nie mehr wiedersehen werde ...
Als sie nach Hause ging, nahm sie die Jüngste, Ada, bei der Hand und frug sie, ob sie Tom liebe. Das Kind schüttelte den Kopf:
— Nein, ich liebe ihn nicht.
Martha wurde traurig.
— Warum liebst du ihn nicht, warum, Ada?
— Weil Tom nicht gut ist. Tom will, daß ich ihm gehorche.
— Das ist unrecht, sagte die Mutter, du mußt Tom gehorchen und ihn lieben, denn du bist sein ...
— Nein. Ich gehöre nicht Tom. Lilli und Rosa gehören Tom. Ich bin mein.
Ich lachte laut über diese Antwort des Kindes, aber Martha traten die Tränen in die Augen.
— Es ist unmöglich, sich selbst zu gehören, unmöglich, flüsterte sie mehr zu sich selbst und küßte das Kind herzlich.
Nachmittags sprach sie lange mit Tom. Nachdem sie ihn zu sich gerufen hatte, erzählte sie ihm vom Vater, vielleicht zum tausendstenmal, eine Unmenge Einzelheiten wiederholend, die zusammengenommen ein seltsames Märchen bildeten, eine Hymne für den verstorbenen Geliebten. Tomas war ein tüchtiger, vortrefflicher Mensch, aber in den Erinnerungen Marthas wurde sein Bild göttlich, die Verkörperung von allem, was gut und groß und schön ist.
Sie ermahnte Tom, daß er zu seinen Schwestern gut sein müsse. Das setzte mich in Erstaunen, denn solche Lehren hatte ich nie aus ihrem Munde gehört.
Gegen Abend begann sie über eine allgemeine Schwäche zu klagen, über Schwindel und Schmerzen in den Gliedern. Gewöhnlich ertrug sie alle Unpäßlichkeiten schweigend, so daß wir nur aus ihren Zügen erraten konnten, wenn ihr etwas fehlte; nie kam ein Wehlaut über ihre Lippen, noch suchte sie je bei uns Mitleid oder Hilfe. Selbst wenn wir bemerkten, daß sie schlecht aussah und sie frugen, was ihr fehle, schüttelte sie den Kopf und sagte lächelnd:
— Es fehlt mir nichts ... Oder: Das geht vorüber, ich werde noch nicht sterben, denn ich bin Tom noch notwendig.
Infolgedessen beunruhigten mich ihre Klagen an diesem Abend um so mehr. Ich sah sie forschend an und bemerkte erst jetzt, beim Lichte des erlöschenden Tages, daß Fieberflecke auf ihren Wangen brannten und ihre Augen schwarz umrändert und eingefallen waren. Sie hatten nichts von dem früheren Glanz verloren: All die vergossenen blutigen Tränen vermochten nicht den Strahl dieser Augen zu trüben, aber sie leuchteten jetzt in einem ungesunden Feuer, das nichts gemein hatte mit jener früheren sternenklaren Helligkeit!
Als die Sonne untergegangen war, begann Martha, die sich niedergelegt hatte, mehr infolge der Schwäche als aus Schlaflosigkeit, unruhig zu werden. Sie sprang vom Lager auf, es war ersichtlich, daß sie fieberte. Sie rief die Kinder, die schon schliefen, dann rechtfertigte sie sich, kaum hörbar flüsternd, vor sich selbst oder auch vor dem Geiste des Verstorbenen, der ihr scheinbar vor Augen stand, ihres Lebens wegen und klagte sich der Geburt dieser armen Mädchen an, ja sogar wegen ihrer Liebe zu ihnen, die sie nicht hatte ganz unterdrücken können. Ich glaube, daß ihrer Überzeugung nach diese Mutterliebe ausschließlich ihrem Sohne gelten durfte und jede ihrer Äußerungen den Töchtern gegenüber ihr als ein Tom und dem Toten zugefügtes Unrecht erschien.
Nach einiger Zeit beruhigte sie sich ein wenig. Ich saß mit Peter an ihrem Lager, angstvoll und niedergedrückt; vor allem peinigte uns der Gedanke, daß wir keine Arzeneien hatten und dieser Krankheit gegenüber ganz ratlos waren. Martha schaute uns lange mit weit geöffneten Augen an und frug dann plötzlich, ob die Sonne schon untergegangen sei. Ich antwortete ihr, daß die lange Nacht auf dem Monde bereits begonnen habe.
— Ah, es ist wahr! sagte sie, wieder klarer bei Besinnung. Draußen ist es doch finster und hier brennen die Lichter ... Ich habe es nicht gleich bemerkt. Und dort auf dem Mare Frigoris, was ist jetzt dort?
— Dort ist jetzt Tag. Eben ist dort die Sonne aufgegangen.
— Ja, die Sonne ist aufgegangen und leuchtet jetzt über Tomas’ Grab, nicht wahr? Und dieselbe Sonne über diesem Grabe wird hierher zu uns am Morgen kommen?
Ich nickte schweigend.
— Dieselbe Sonne, sagte abermals die Kranke. Und wenn ich daran denke, daß diese Sonne täglich, so viele Mondtage hindurch, auf das Grab schaute und dann auf mich hier, die Lebende, und dann wieder zu dem Grabe zurückkehrte, ihm zu erzählen, was sie hier gesehen hat!
Sie bedeckte die Augen mit den Händen und begann am ganzen Körper zu zittern.
— Das ist furchtbar! wiederholte sie einige Male.
Peter ließ den Kopf sinken. Es schien mir, daß ich in seinem gelben, verdorrten Gesicht eine dunkle Röte aufsteigen sah, die sich bis in die gefurchte Stirne ergoß. Dies mußte auch Martha bemerkt haben, denn sie wandte sich zu ihm:
— Ich wollte dir nicht weh tun, Peter ... jetzt ... Übrigens bist du nicht schuld daran, wie hättest du mich zwingen können, dein Weib zu werden, wenn ich es nicht selbst gewollt hätte ... für Tom ...
Sie verstummte und atmete tief auf. Nach einer Weile sagte sie leise:
— Ich möchte den Morgen erwarten. Es ist so furchtbar, in der Dunkelheit herumzuirren und den Weg dort auf der Wüste zu suchen. Wenn hier der Tag beginnt, wird dort über dem Mare Frigoris die Erde leuchten. Ich will lieber bei ihrem Lichte an dem Grabe stehen, denn ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte, in den vollen Glanz der Sonne zu schauen ...
Martha, was sprichst du? rief ich unwillkürlich.
Sie sah mich an und antwortete kurz:
— Ich werde sterben ...
Gegen Mitternacht stieg eine würgende Angst, daß sie wirklich sterben könne, in mir auf. Eine Krankheit, für die wir nicht einmal einen Namen fanden, raffte sie dahin. Wir bemerkten nur einen außerordentlich schnellen Kräfteverfall, der im Verein mit dem stets wiederkehrenden Fieber nichts Gutes ankündigte.
Übrigens, was bedeuten alle ärztlichen Benennungen! Ich weiß nur zu gut, welch eine Krankheit das ist, ich kenne sie zur Genüge, sie heißt Leben! Sie weckt den Menschen aus dem Nichtbewußtsein, sie kost mit ihm und spielt und tändelt, und während des Spielens reißt sie und zerrt an ihm herum und drückt und überwindet und vernichtet ihn schließlich. Mit dieser Krankheit kommen wir alle zur Welt, und es gibt für sie kein Heilmittel als den Tod!
Peter wich fast keinen Augenblick von Marthas Lager. Ich blickte auf seine finsteren, unbeweglichen Züge und dachte, trotz der tödlichen Angst, die mich erfaßt hatte, darüber nach, was für Gefühle sich unter dieser undurchdringlichen Maske verbergen könnten. Ich sollte es früh genug erfahren!
Am Morgen war Martha sehr unruhig, und erst die Dämmerung brachte ihr ein wenig Linderung.
— Ich werde die Sonne noch sehen! sagte sie und versuchte, mit blassen Lippen zu lächeln.
Jetzt saß ich allein bei ihr, denn Peter, von dem langen Wachen übermüdet, gab schließlich meiner Überredung nach und legte sich in dem benachbarten Zimmer schlafen. Die Morgendämmerung drang durch die Scheiben von dickem Glas, das wir auf dem Monde gefertigt hatten, herein, und das Licht der Lampen wurde immer gelber. Der Schnee lag auf den Feldern, wie immer, und als der Wind die Dämpfe, die sich stets über den Warmen Teichen erhoben, verweht hatte, sah man durch das Fenster eine große glitzernde Fläche.
In diesem scharfen und kalten, vom Schnee zurückgeworfenen Schein des nahenden Tages, der mit dem gelben, ersterbenden Licht der Lampe kämpfte, schaute ich auf Martha und zweifelte nicht mehr, daß sie in kurzer Zeit für immer von uns gehen würde. Ihr Gesicht war lang und blaß; die einst so vollen verführerischen roten Lippen nahmen die blaß-bläuliche Farbe des Todes an. Unter den gesenkten, fast durchsichtigen Lidern sahen erlöschende und über alle Beschreibung traurige Augen hervor.
Ich lehnte meinen Kopf an den Rand des Bettes und biß die Zähne zusammen, um nicht in lautes, unmännliches Weinen auszubrechen, das in meiner Brust zerrte wie ein Tier an der Kette.
Indessen wurde es draußen immer heller. Die bis vor kurzem grauen Nebel glitten jetzt, vom Winde getrieben, an den Fenstern vorüber wie weiße Gespenster. Manchmal verdichtete sich ihr Schleier und verhüllte die Welt; dann dehnten sie sich wieder zu langen, flatternden Gestalten, die plötzlich auftauchten, sich vor den Fenstern verneigten und weiterflogen. Auch schimmerten aus diesem Nebel weiße Felsstreifen und wolkenumhüllte, perlende Säulen der Geiser und weiter oben am Hintergrunde des hellblauen Himmels der Gipfel des Otamor, der sich in den ersten Strahlen der Sonne rötlich färbte.
Martha frug nach den Kindern; als sie hörte, daß sie noch schliefen, ließ sie sie jedoch nicht aufwecken.
— Mögen sie schlafen, flüsterte sie, ich werde sie noch sehen, bevor die Sonne aufgeht ... Indessen ist es gut, daß es so still ist.
Dann wandte sie sich zu mir:
— Du wirst ihnen immer ein Vormund sein, nicht wahr?
— Ja, antwortete ich mit tränenerstickter Stimme.
— Und du wirst sie niemals verlassen?
— Nein.
— Schwörst du mir das?
— Ja, ich schwöre es.
Sie streckte die Hand nach mir aus:
— Du bist gut, mein Freund, flüsterte sie, nun kann ich ruhig sterben, weil ich weiß, daß du sie nicht verlassen wirst.
Ich ergriff ihre Hand und preßte sie leidenschaftlich an die Lippen. Ihre Finger zitterten leicht, als wenn sie meine Hand drücken wollte. Eine so eisige Kälte entströmte ihnen, daß meine heißen Lippen sie nicht mehr erwärmen konnten.
— Ich wollte dir, begann sie nach einer Weile, noch vor dem Tode sagen, daß du mir ... teuer warst. Ich machte mir darüber größere Vorwürfe, als daß ich Peters Weib wurde ... Vielleicht, wenn ich dir angehört hätte, statt ihm, vielleicht wäre mein Leben auf dem Monde in eine andere Bahn gelenkt, glücklicher und länger gewesen ...
Sie sagte das alles ruhig, mit einer sanften, erlöschenden Stimme, in mir aber erhob sich ein Sturm; ich heulte weinend auf und ihre Hände sinnlos mit Küssen bedeckend, brachen aus meiner Brust von Tränen erstickte, unzusammenhängende Worte der Liebe hervor — der Liebe, die ich so lange verbergen und zurückhalten mußte und die jetzt mit Allgewalt überschäumte, gegenüber der Sterbenden.
Sie neigte sich leise zu mir und legte die Hand auf mein Haupt.
Ruhig, sagte sie, ruhig ... Ich weiß ... Weine nicht ... es ist so besser ... Du warst mir teuer durch deinen Edelmut, durch deine Liebe für Tom, ich weiß es selbst nicht, wodurch ... Aber trotz alledem, vielleicht wäre ich nicht gut zu dir gewesen, wenn du zwischen mich und den Verstorbenen getreten wärst, der allein ein Recht auf mich hatte. Ruhig, weine nicht, du weißt es schon. Ich denke, daß Tomas es mir verzeihen wird, daß ich das für dich fühlte und es dir jetzt in der Todesstunde sage.
Ich war maßlos unglücklich.
Sie verstummte erschöpft, und ich, mein Gesicht an ihrer Brust verbergend, zitterte am ganzen Körper, von einem inneren Schluchzen geschüttelt.
Martha versuchte abermals zu sprechen:
— Mag es sein ... ich werde jetzt alles sagen. Ich spreche ja heute das letztemal zu dir ... an jenem Mittag ...
Die Sterbende brach ab, als wenn ein Gefühl der Scham ihre Stimme ersticken machte, aber ich wußte wohl, von welchem Mittag sie sprach!
Sie schwieg eine Zeitlang und bewegte nur leicht die Lippen. Plötzlich rief sie, wie verzweifelt ausbrechend:
— Warum hast du Peter nicht getötet?
In diesem Augenblick hörte ich ein unterdrücktes Stöhnen hinter mir. Ich wandte mich um; in der Tür stand, die Hand an die Pfosten gestützt, Peter, blaß wie eine Leiche, und blickte auf uns mit weit geöffneten Augen. Er mußte schon ziemlich lange dort stehen und hörte wahrscheinlich alles, was Martha zu mir sagte.
Als er sah, daß ich ihn bemerkte, machte er schwankend einige Schritte nach vorn und stammelte etwas Unverständliches.
Martha kehrte sich mit einem unterdrückten Schrei des Ekels zur Wand.
— Verzeihung, wimmerte Peter, Verzeihung; es war unabsichtlich ... Ich wollte nicht ...
Da ertönten im Nebenzimmer helle Stimmen.
— Die Kinder! rief Martha und streckte die Hände aus. Aber die Mädchen waren befangen und blieben in der Tür stehen, nur Tom stürzte zu ihr; sie nahm seinen Kopf in ihre zitternden Hände und drückte ihn an sich.
Peter beobachtete sie und trat an mich heran:
— Du hast ihr versprochen, er deutete mit einer Bewegung auf Martha, für alle Kinder zu sorgen ... für alle! In gleicher Weise ... Bevor ich, durch diese seltsamen Worte überrascht, antworten konnte, war er nicht mehr im Zimmer.
Durch die am Fenster vorübergleitenden Nebel drang schon der erste Sonnenstrahl, verwandelte die obern Scheiben in Stücke leuchtenden Goldes und eilte in hellen Lichtgarben durch die dumpfe Atmosphäre des Zimmers. Martha lag regungslos, mit erlöschendem Blick in den Streifen des Sonnenlichts starrend, der immer tiefer herunterglitt an der Wand und sich wie ein herabsteigender Engel ihrem Bette näherte. Die Mädchen schlichen auf den Fußspitzen heran und schauten erstaunt auf die blassen, unbeweglichen Züge der Mutter.
Mir war es schwül; im Munde fühlte ich eine trockene Bitterkeit. Dieser anbrechende Tag kam zu mir wie ein erbarmungsloser, schmerzlicher Hohn, denn ich wußte, daß mit ihm eine endlose Leere und ein Bangen nach der Vergangenheit beginnt. Die Minuten flossen in Schweigen dahin ...
Plötzlich schrie Tom:
— Onkel, Onkel, ich ängstige mich! Mütterchen blickt so furchtbar!
Ich wandte mich um: ein Lichtstrahl, der auf das Kissen fiel, erleuchtete Marthas Züge; die verglasten, erloschenen Augen starrten in die Sonne.
— Eure Mutter ist gestorben, sagte ich mit einer würgenden, mir selbst fremden Stimme zu den Kindern, die sich erstaunt und verängstigt um das Lager drängten. Dann beugte ich mich über sie, um ihre Augenlider zu schließen.
In demselben Moment ertönte ein Schuß.
Ich stürzte zur Tür: Peter lag im benachbarten Zimmer am Boden, mit zerschmettertem Schädel, den rauchenden Revolver in der Hand.
Ich wankte wie ein Betrunkener.
Heute liegen beide schon im Grabe ... Ich habe ihnen den letzten Dienst erwiesen: Ihre Körper wickelte ich in große, aus Pflanzenfasern gewebte und mit Harz getränkte Tücher und trug sie auf meinen Armen in das Boot, das sie auf die Friedhofinsel fahren sollte. In dem Boot saßen neben mir und den Leichen vier Kinder. Die drei älteren drängten sich um die Mutter. Tom, durch den Anblick des Todes betroffen und verschüchtert, saß schweigend zu Füßen der Leiche; Lilli und Rosa griffen mit den Händchen nach dem Tuch und riefen weinend nach der Mutter, als wenn sie noch die ihnen gebührenden Liebkosungen verlangten, mit denen sie die Mädchen im Leben so spärlich bedachte. Die Leiche Peters lag verlassen in dem Boote. Nur die Jüngste näherte sich ihr, und das Tuch streichelnd, flüsterte sie leise:
— Armes Väterchen, armes ...
Unserer traurigen Fahrt war ein günstiges Wetter beschieden. Die Sonne, die noch nicht hoch über dem Horizont stand, erleuchtete golden die mächtige, ruhige, kaum von einem leichten Winde in zarte Furchen gepflügte Meeresfläche, auf der vor uns, in der Ferne, die Inseln auftauchten, in durchsichtigen blauen Nebel gehüllt. Und niemals im Leben empfand ich so bitter diese erbarmungslose, grausame Ironie, die in der sich immer gleichbleibenden Schönheit der Natur liegt, der Freude wie dem Schmerze des Menschen gegenüber gleichgültig! Denn ich fuhr doch in diesem Kahn die zwei letzten menschlichen Wesen, die mit mir auf diesen Globus gekommen waren und wie ich meine heimatliche Erde kannten; ich fuhr sie hierher, um sie in dem Grabe zu betten, das ich für mich gebaut hatte, um dann für immer allein zu sein! Und trotzdem leuchtete die Sonne erhaben und herrlich, genau so wie damals, da ich als glückliches Kind auf jenem in diesem Augenblick so weit von mir entfernten Planeten in ihrem warmen Scheine sorglos spielte.
Von dem Boote aus trug ich sie beide auf dem Rücken zum Grabe, das ich auf der Höhe in der schönsten Gegend der Insel erbaut habe. Die Leichen waren leicht, sechsmal so leicht als sie auf der Erde sein würden, und ich beugte mich dennoch unter ihrer Last ... Das war freilich kein Wunder! Trug ich doch das letzte meines bitteren Glückes zu Grabe!
Martha habe ich in dem Grabe gebettet, das ich für mich bestimmt hatte. Für Peter errichtete ich eine andere Ruhestätte, etwas tiefer gelegen.
Und ich muß weiterleben ... Manchmal zwar, wenn mich die Last der Sehnsucht zu Boden drückt, packt mich die Versuchung, von diesem Globus fortzugehen, auf dem Wege, den schon die andern sechs vor mir gegangen sind: O’Tamor, die beiden Remogners, Woodbell, Varadol und Martha; aber dann denke ich an den Schwur, den ich der Sterbenden geleistet habe, daß ich die Kinder nicht verlassen werde. Für sie muß ich leben. Ich bin jetzt zum Leben verurteilt, wie ich — so lange sie lebte, zur Liebe verurteilt war. Und diese zwei höchsten Güter des Menschen sind mir zur Qual, zur namenlosen Qual geworden.
Meine Tage gehören diesen Kindern. Ich bemühe mich mit allen Kräften, stets an sie zu denken, beschäftige mich mit ihnen, lehre sie, nehme sie mit mir, schütze und pflege sie, denn, bei Gott, auf mir Kinderlosem lastet die geistige Vaterschaft des Mondgeschlechtes.
Aber während der Nächte kehre ich auf die Erde zurück und spreche mit den Toten.
Etwas ist wohl in meinem Hirne zerstört und unterbrochen, oder die Trauer hat mein Denken in Nebel gehüllt, denn die Wirklichkeit erscheint mir als Traum, und die Träume de Schlafes sind für mich wirkliches Leben.
Ich sehne mich nach den Träumen. In ihnen wandle ich auf der Erde und küsse voll Rührung ihre Bäume und Blumen, sogar den Staub und die Steine, und es ist mir dann, als hätte mich niemals das wahnsinnige Verlangen nach Erkenntnis, der Wunsch, die Geheimnisse des sternenbesäten Weltenraumes zu erforschen, von ihr fortgerissen.
Manchmal auch kommen sie zu mir, die verstorbenen Kameraden. Voran geht der greise O’Tamor und beschuldigt sich, er, der die Güte selbst war, daß er uns leichtsinnig auf diesen öden Globus, der wie eine Lampe für die Erde zwischen den Himmeln hängt, hinausgeführt hat. Dann sehe ich die Remogners. Sie beklagen sich, daß sie uns gefolgt sind und dadurch den Tod gefunden hätten. Woodbell erscheint blaß und fragt, was wir mit Martha getan haben. Ob sie glücklich mit uns war. Und Peter erzählt mir im Traum alles, was ich in den letzten Jahren seines Lebens aus seinen Augen gelesen habe: von seiner wilden, leidenschaftlichen Liebe zu Martha, die ihn verzehrte wie das Feuer eine Handvoll Holzspäne, von dem furchtbaren Schicksal, das ihm nicht einen einzigen Augenblick des Glücks gegeben hat! Wie er die langen Jahre hindurch nur Ekel, Widerwillen und Verachtung in dem angebeteten, so heiß begehrten Weibe erwecken konnte. Wie er all seine Liebe in sich ersticken, allen Schmerz hinunterwürgen mußte, wie sich die beleidigte Manneswürde in ihm aufbäumte. Er erzählt mir, was in jener letzten Nacht in seiner Seele vorgegangen ist, als er mich, das Gesicht an ihrer Brust verborgen, sah, und später, als er den Revolver an die Schläfe setzte.
Diesen traurigen Geisterreigen beschließt Martha. Sie erscheint mir — still, mit einem schmerzlichen Lächeln auf den Lippen — und dankt mir, daß ich ein Mensch war, und manchmal will es mir wieder scheinen, als mache sie mir einen Vorwurf, daß ich es nicht war ... Mein ganzes Innere ist ein Abgrund von Leid und Trauer ...
So sprechen die Geister mit mir. Und obwohl sie mir nichts Frohes zu sagen haben, ist es mir doch heimatlich mit ihnen und heimlich und gut zumute, weil sie meinem Herzen nahe stehen.
Das neue Mondgeschlecht, das um mich heranwächst, ist so anders. Es sind noch Kinder und dennoch fühle ich, daß sie schon jetzt eine besondere Welt für sich bilden, die mir, dem von der Erde Gekommenen, immer fremd sein wird, wie meine Welt ihnen, den auf dem Monde Geborenen, verschlossen ist.
Und doch muß ich, der Bruder dieser sechs Gräber, die auf dem Monde verstreut liegen, mit denen leben, für die dieser Globus die Heimat ist — und wer weiß, wie lange noch ... wie lange ...
Ende des zweiten Teiles.