Charakterskizzen einzelner Nationen.
Unter den vielen Nationalitäten, die sich an Bord befanden, traten die verschiedensten Gebräuche und Gewohnheiten hervor. So fiel es mir auf, daß die Engländer – Damen wie Herren – besonderes Gewicht auf die Toilette legten. Beim Abendessen z. B. erschienen die Engländer stets in schwarzer Kleidung, während die andern Passagiere sich so zeigten, wie sie gerade angezogen waren, und sich nicht erst besonders umkleideten. Ebenso erschienen die englischen Damen dekolletiert in Gesellschaftstoilette. Am Sonntag zum Gottesdienst waren fast immer nur Engländer zugegen, die der Predigt ihres landsmännischen Predigers, der lange als Missionar in China tätig gewesen sein sollte, andächtig zuhörten. Andere Nationen erschienen zu dieser Feier höchst selten. Auch waren es ausnahmsweise Engländer, die sich mit großer Beweglichkeit an den Spielen beteiligten und sich dabei selbst alte Leute mit den Kindern vergnügten. Daß die Engländer auch im Kartenspiel groß sind, habe ich bereits oben erwähnt. – In Colombo war eine englische Schauspielertruppe an Bord gekommen. Das Benehmen derselben aber war nicht gerade lobenswert zu nennen. Sie waren zwar lebhaft, hatten aber wenig feine Manieren, wie sie bei andern ihrer Landsleute oft zu finden sind; besonders war das Singen, Schreien, Trinken u. s. w. der Damen recht unschön, sodaß wir ordentlich aufatmeten, als diese Gesellschaft das Schiff verließ.
Die Deutschen sind stillerer Natur; sie sitzen gewöhnlich bei einem Glase Bier, rauchen Zigarren oder lesen irgend etwas, was sie auf dem Schiff bekommen, wie Novellen, Reisebeschreibungen u. s. w., die Bibliothek des Schiffes steht zwar jedem jederzeit zur Verfügung, wird aber am meisten von Deutschen in Anspruch genommen. Die interessantesten Bücher gehen stets von einem Deutschen zum andern, sodaß wir diese kaum zum Lesen erhielten. Einige von ihnen sitzen im Winkel des Rauchsalons und sind so in ihre Lektüre vertieft, daß sie kaum merken, was um sie vorgeht. Um ihr Äußeres bekümmern sich die Deutschen bedeutend weniger als die Engländer, sie geben sich ganz ungezwungen. Von ihnen kann man sagen: wahrlich ein leselustiges Volk.
Die Franzosen sind immer aufgeweckt, fröhlich und gesprächig, sie gehen meistens in laut geführter Unterhaltung auf dem Promenadendeck spazieren, mischen sich in jedes Gespräch, spielen Karten, trinken, rauchen Cigaretten und sind immer vergnügt und guter Dinge. Ich sprach mit einem Franzosen und sagte, daß seine Landsleute zwar sehr leutselig, gewandt im Verkehr und witzig seien, aber daß sie in mancher Beziehung zu leichtlebig und ihrer Regierung allzuoft Sorgen bereiten, sodaß diese stets darauf bedacht sein müsse, neue Ablenkungen für das Volk zu finden, wenn es sich nicht allzuviel mit den politischen Angelegenheiten beschäftigen sollte. Da sagte mir der Franzose, daß diese Ansichten fast von allen Menschen geteilt, aber in Wirklichkeit nicht zutreffend seien. Er meinte, man könne wohl die Pariser so beurteilen, aber wenn man von dem ganzen französischen Volke spräche, so sei dies etwas übertrieben. Paris ist eine Weltstadt, in der alle Nationen in großer Anzahl vertreten sind; will man daher echte Franzosen kennen lernen, so darf man diese nicht in Paris suchen. Wenn man einmal ins Innere des Landes kommt, wird man ein Volk mit stillerem, ruhigerem Charakter antreffen, das von den sogenannten Parisern sehr absticht. Schlicht, einfach und gehorsam, sanft wie ein Lämmchen, kümmern sich diese Leute wenig oder garnicht um Politik. Als ein Beispiel dafür könnte man jene merkwürdige Begebenheit mit Dreyfus anführen, über den in Paris so viel geschrieben und gesprochen wurde. Man nahm an, daß dies die Stimme ganz Frankreichs wäre, in Wirklichkeit aber wußte man außerhalb von Paris nur wenig von ihm. Während die ganze Stadt in großer Aufregung war, als der Verurteilte nach seinem Verbannungsorte geschickt werden sollte, stand man dieser Sache im Lande ziemlich kühl gegenüber. Um den echten Franzosen kennen zu lernen, sollte man also ins Innere gehen, nur dort kann man Land und Leute richtig beurteilen. Ich gab seinen Ausführungen Recht und versicherte ihm, daß dieselben viel Überzeugendes hätten.
Wie sich nun unsere Landsleute auf dem Schiffe bewegten, was sie trieben und wie sie lebten, brauche ich hier nicht zu erörtern, denn der japanische Charakter ist ja uns allen bekannt. Sollte jedoch irgend jemand sein, der es wissen möchte, nun gut, der mag selbst die Reise antreten.