Die Seekrankheit.
Ja, die Seekrankheit ist eine wunderbare Krankheit! Gottlob, daß sie auf unserer Fahrt nicht so schlimm auftrat, trotzdem wir von Colombo bis Aden fast fünf Tage lang ziemlich hohen Wellengang hatten. Es ist ein unheimliches Gefühl, wenn das Schiff so stark schaukelt, sich jetzt auf diese, nun auf jene Seite legt; bald glaubt man in einen Abgrund zu versinken, bald zu den Wolken emporgetragen zu werden. Und dann, wenn sich das Hinterschiff aus dem Wasser erhebt, das dumpfe Getöse der Schrauben, das man noch lange nach beendigter Fahrt zu vernehmen glaubt. An einem besonders stürmischen Tage konnten die meisten den Speisesaal nicht betreten. Eine Dame war vom Anfang der Fahrt bis zum Ende seekrank, sodaß sie fortwährend auf dem Verdeck liegen mußte und weder essen noch schlafen konnte; sie sah wirklich mitleiderregend aus. Ein junger Deutscher pflegte sie sehr aufopfernd, sodaß man glauben konnte, die beiden ständen sich auch im sonstigen Leben näher. Beide verließen das Schiff in Neapel, um ihre Reise von dort aus zu Land fortzusetzen. Unsere besten Wünsche begleiteten sie, und wir hofften, daß sie glücklich und gesund ihre Heimat erreicht haben.
Gegen die Seekrankheit gibt es meiner Erfahrung nach zwei Verhaltungsweisen, entweder man liegt ganz still oder man bewegt sich fortwährend so viel wie nur irgend möglich. Ich habe bemerkt, daß korpulente Personen mehr von dieser Krankheit geplagt wurden, als andere Menschen. Unter meinen Landsleuten befand sich auch einer, der sehr leicht seekrank wurde, er blieb die meiste Zeit in der Kajüte und ließ sich selten sehen. Beim Essen erschien er – da der Hunger ihn plagte – aß sehr schnell, fast ohne zu kauen und – verschwand. Gingen wir jedoch an Land, so war unsere Kolonie stets vollzählig, sodaß wir es hinnehmen mußten, als ein Deutscher zu uns sagte: »Eigentümlich, wenn Sie an Land gehen, sind Sie vollzählig, sonst nicht.«
Ich habe stets mit meiner Seetüchtigkeit geprahlt und sie auch auf der ganzen Fahrt bewahrt, ausgenommen an einem Tage. An diesem Tage, glücklicherweise dem einzigen während der ganzen Seereise, bin auch ich ein Opfer dieser heimtückischen Krankheit geworden. Das wollte ich eigentlich geheim halten, aber da ich versprochen habe, meine Erlebnisse treu mitzuteilen, so fühle ich mich verpflichtet, der Wahrheit zu Ehren auch dieses zu berichten. Die Seekrankheit verursacht ein geradezu unbeschreibliches Gefühl, zumal wenn man, wie ich, beim Bade von ihr überrascht wird. Eine große Welle stürmte heran, der ganze Schiffbau hob und senkte sich in schaukelnder Bewegung; es hob und senkte sich auch mir im Innern, sodaß ich das Gleichgewicht verlor und vergebens nach einem Halt suchte... Der Angstschweiß trat mir auf die Stirn... es schwindelte mir vor den Augen... der Magen krampfte sich zusammen... ein Pressen im ganzen Körper... »und es wallet und brauset und siedet« und – ich war seekrank, ich, der ich sonst mit mitleidigem Lächeln auf die seeschwachen Passagiere herabschaute! Gottlob, daß diese Krankheit sonst keine nachteiligen Folgen hat! Glücklich derjenige, dem es vergönnt ist, von einer solchen Reiseerinnerung verschont zu bleiben!
Auf dem Vorderdeck des »König Albert«.