Die englischen Kolonien.

Daß England die größte Seemacht ist und große Kolonien besitzt, ist allgemein bekannt. Wenn man aber eine Weltreise macht, so kann man sich davon überzeugen, daß die englischen Besitzungen tatsächlich über die ganze Erde zerstreut liegen.

Der größte Teil meiner langen Fahrt ging auch an der Küste der englischen Kolonien entlang. Die ganze Strecke, von Hongkong aus längs der indischen Küste, also Singapore, Penang, Colombo, Aden bis in das Mittelländische Meer, gehört den Engländern und so beherrschen sie den ganzen Ozean. Wie die Engländer zu allen diesen Besitzungen gekommen sind, ist zu bekannt, als daß es hier wiederholt zu werden brauchte. Ebenso braucht nicht erzählt zu werden, welch' große Reichtümer England aus all seinen Kolonien zieht.

Sehe ich aber mit meinen eigenen Augen die Völkerschaften längs der ganzen Küste, so kann ich nicht umhin, an ihren früheren Zustand zurückzudenken, an die Zeiten, in welchen diese Nationen noch ihre Freiheit und Selbständigkeit besaßen. Jetzt liegen sie da, von der gewaltigen Macht niedergedrückt und zerquetscht, so daß sie nur noch als Tributpflichtige dem Gewaltherrscher zu Füßen liegen. Nicht selten findet man jedoch unter diesen Völkern Männer, welche ihr Los beklagen und ihre Freiheit mit Wehmut zurücksehnen. Allein damit ist es wohl für immer vorbei, denn die Ketten, welche der Starke um sie geschlungen hält, sind felsenfest und können nicht mehr abgeschüttelt werden. Wenn es in der Welt so bleibt, wenn der Stärkere immer den Schwächeren niederzwingt, wenn stets nur Macht und Recht des Stärkeren Geltung finden: dann wird der Friede der Welt wohl immer gestört werden, und dem Schwachen wird nichts weiter übrig bleiben, als sein Unglück in Demut zu ertragen und dem Starken Handlangerdienste zu leisten. Wenn der Stärkere nur aus Egoismus handelt, wenn dieser der ausgesprochenste maß- und rücksichtsloseste ist, verbunden mit Brutalität und Barbarei, dann werden alle Grundsätze der Humanität mit Füßen getreten. Wie die entsetzlichen Barbareien des jüngsten südafrikanischen Krieges, der sich aus dem räuberischen Einfall des Jameson entwickelt hat, die Empörung aller Parteien der zivilisierten Länder wachgerufen haben, und bei allen, die ein Herz in der Brust fühlen und denen die Grundsätze der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit teuer sind, gerechten Zorn entflammten, so wird auch jeder andere Übergriff immer beurteilt werden, und dem Schwächeren wird Beistand nicht fehlen.

XIV.
Genua.

Hafen von Genua.

Die Fahrt zwischen Neapel und Genua war sehr schön, das Meer wie gewöhnlich sehr ruhig. Auf dieser Fahrt habe ich auch die Schönheit des italienischen Himmels bewundern können mit seinem wunderbaren Blau, wie man es nur hier sieht. Am 14. Mai abends ½6 Uhr kamen wir endlich in dem von uns langersehnten Hafen von Genua an. Hier verließen die meisten Passagiere das Schiff, so daß ein beträchtliches Gedränge entstand. Noch größer ward es dadurch, daß jeder Reisende seine Koffer mit sich ans Land nehmen mußte; nachdem auch wir beinahe zwei Stunden gewartet hatten, konnten wir endlich eine Gondel bekommen, in der die ganze japanische Kolonie »König Alberts« Platz nahm, um zum europäischen Festland zu fahren und zum ersten Male den Boden Europas zu betreten. Von unseren Landsleuten blieb Herr Kato an Bord, da er die Absicht hatte, bis nach England weiter zu fahren, wo er mehrere Jahre Studien halber zu verweilen gedenkt. Uns allen ward es schwer, diesen netten Reisegefährten mutterseelenallein an Bord zu lassen; doch wir konnten nicht anders und so reichten wir uns, auf ein fröhliches Wiedersehen hoffend, die Hand zum Abschiede.

Wir wurden nun sogleich zum Zollamt geführt, wo man uns nach den zu verzollenden Sachen fragte. Wir hatten nur unser Handgepäck bei uns, denn die größeren Gepäckstücke waren an Bord geblieben, um die Reise bis Hamburg per Schiff zu machen und von dort nach Berlin weiter befördert zu werden. So wurden wir sehr schnell abgefertigt, denn auf unsere Erklärung hin, daß alles nur Reiseeffekten seien, wurde bloß ein Blick in unsere Koffer getan, und die Zollangelegenheit war somit bald erledigt. Aber nicht bei allen ging es so glatt ab. So wurden bei einem unserer Reisegefährten, der ebenfalls auf die Frage, ob er verzollbare Gegenstände bei sich führe, mit »Nein« geantwortet hatte, Zigarren entdeckt, und die Strafe folgte hier sofort – er mußte als Zoll das Mehrfache dessen erlegen, was die Zigarren gekostet hatten. Wie groß das Gedränge und Gewühl war, das bei der Landung und bei dem Zollamte herrschte, kann man aus nachstehendem Erlebnis ersehen: ein x'scher Professor, ebenfalls ein Reisegefährte von uns, hatte mehrere Monate in Ceylon als Naturforscher geweilt. Die Resultate seines langen Aufenthaltes: photographische Aufnahmen, Sammlungen u. s. w., befanden sich in einem Koffer, den er als ein unschätzbares Gut mit sich führte. Aber in dem großen Gedränge war mit einem Male der große Koffer verschwunden. Der sonst so gemütliche Herr war wie rasend, er bot eine hohe Summe für die Wiedererlangung des verschwundenen Gepäckstücks, doch umsonst. Der Koffer ist, soviel ich weiß, auch während unseres dreitägigen Aufenthaltes in Genua nicht wieder aufgefunden worden. Den Schmerz und Jammer des Gelehrten über diesen unersetzbaren Verlust kann man sich wohl vorstellen.

Wir kehrten im Hôtel de la Ville, einem der größten Hôtels in Genua, ein. Dieses Hôtel soll früher ein Palast gewesen sein, in dem auch Vasco de Gama logiert haben soll. Die Zimmer waren alle sehr groß, sie erschienen uns sogar unheimlich groß, da wir direkt vom Schiff, aus unserer früheren engen Kajütenwohnung, in diese Räume versetzt wurden. Die Decke und Wände waren mit prächtigen Malereien geschmückt, die Säulen von Marmor, über den Betten waren Baldachine angebracht, die größer waren als die Kajüte unseres Schiffes. Der vierzigtägige Aufenthalt in der kleinen Kabine, wo man so eng wohnen mußte, wo man mit den Händen die Decke berühren konnte, war nun vorüber, und uns kam es vor wie ein gepreßter Gummiball, der sich mit einem Male ausdehnen kann, so weit er will. Beim Abendessen ließen wir uns den italienischen Chianti gut schmecken, um mit dem Gedanken, in ein paar Tagen unser Ziel, Berlin, erreichen zu können, in fröhlicher Stimmung zu Bett zu gehen. Im Schlaf wähnten wir noch immer an Bord zu sein, fortwährend glaubte das Ohr das Stampfen der Maschinen und das Plätschern der Wellen zu vernehmen.

Die Stadt Genua besitzt viele Sehenswürdigkeiten, wie das berühmte Campo Santo, den königlichen Palast, den Rigiberg, die Gallerien, Parkanlagen u. s. w., deren Besichtigung aber ziemlich viel Zeit in Anspruch nimmt. Glücklicherweise erwartete uns in Genua ein deutscher Herr, Namens Erdmannsdörffer, der Bruder unseres bereits einmal erwähnten deutschen Reisegefährten. Unter der sicheren Führung dieses Herrn, der sich schon mehrere Jahre in Italien aufhielt und mit den dortigen Verhältnissen vollkommen vertraut war, konnten wir einige der genannten Sehenswürdigkeiten mit Ruhe in Augenschein nehmen. Zuerst besuchten wir das Campo Santo. Es ist wohl der schönste Kirchhof in Europa, sowohl was seine paradiesische Anlage wie die herrlichen Grabdenkmäler betrifft. Diese reihen sich zu mehreren Hunderten in einem viereckig laufenden marmornen Säulengang aneinander und sind fast alle in graziösen Formen aus Marmor gemeißelt. Einige von ihnen gewährten zwar einen grausenerweckenden Anblick, aber im allgemeinen kann man sagen, daß sie auf uns einen ungemein beruhigenden Eindruck machten und in uns ein versöhnendes Gefühl gegenüber dem furchtbaren Tode, dem alle Menschen einmal anheim fallen müssen, wachriefen. Eine dieser Figuren hat mich bis in das innerste Mark erfaßt: am Sarge des geliebten Mannes ein junges Weib und neben ihr ein zartes Knäblein mit langem Lockenhaar. Wie sie den schönen Kopf so wehmütig hängen läßt! Wie sie mit ihrem sanften Auge so tieftraurig auf den Leichnam des Geliebten blickt! Nichts Grelles, nichts Übertriebenes ist in ihren Zügen und doch so grenzenlos der Schmerz, so sprachlos die innere Bewegung!.... Wie man in stiller Andacht zum Grabe eines Freundes tritt, so trat ich vor all diese Grabdenkmäler und mit ähnlichen Gefühlen verließ ich sie. Im Hintergrund des Kirchhofs erhebt sich ein Hügel mit der Aussicht auf das herrliche Panorama der Stadt und auf den Golf von Genua.

Marktplatz in Genua.

Vom Campo Santo fuhren wir mit der Drahtseilbahn den Rigi hinauf, um von oben die großartigste Aussicht über die Stadt Genua mit dem Hafen zu genießen. Die Fahrt bis zur Höhe des Berges dauerte ungefähr 20 Minuten. Die Lage von Genua ist nach der von Neapel, mit der sie eine auffallende Ähnlichkeit hat, gewiß eine der schönsten in Italien. Neapel hat freilich die Inseln und den Vesuv voraus, sonst dürfte Genua ihm wohl den Rang streitig machen. Ein herrliches Amphitheater von übereinanderliegenden Straßen und Berghöhen, liegt die Stadt Genua mit ihren prächtigen Gebäuden vor uns. Dazu die beiden großartigen Hafendämme, welche wie zwei riesige Arme ins Meer hinausgreifen, mit dem berühmten malerischen Leuchtturm an ihren Enden, der frei und stolz wie eine Säule emporragt. Den Hafen füllen alle nur möglichen Arten von Fahrzeugen, die ziemlich regelmäßig nebeneinander gereiht daliegen, in der Mitte eine breite Wasserstraße übrig lassend. Auch die den Hafen umschließende Verteidigungsmauer bemerkt man. Diese hängt mit der von der Landseite die Stadt umgebenden Mauer zusammen, zieht sich bis hinauf zu den Höhen, auf denen wir standen, und bildet ein mächtiges Befestigungswerk, das aber jetzt bloß als Zeuge vergangener Schanzkunst dient. Über die Stadt und den Hafen hinweg schweift das Auge auf das weite blaue Meer, auf dem hie und da weiße Segel oder schwarze Rauchwölkchen bemerkbar sind. Eine herrliche Aussicht, die in der Tat über jede Beschreibung erhaben ist!

Nach kurzem hatten wir die halbe Stadt durchwandert und bald dieses, bald jenes – Paläste, Denkmäler, Parkanlagen, Kirchen u. s. w. – gesehen. An Palästen ist Genua wirklich reich; sie gleichen marmornen Schmuckkästchen mit ihren prunkhaften Vorhallen und Säulenhöfen, die reich mit Bildhauerarbeit verziert sind; die Straßen oder vielmehr Gassen sind meist eng und unscheinbar. An ihren beiden Seiten reihen sich hohe Häuser von 6 bis 8 Stockwerken aneinander, welche zum Teil alt sind und keinen schönen Anblick gewähren. Infolge ihrer ungeheuren Höhe machen die Häuser die Straße dunkler, was auch nicht wenig dazu beiträgt, dem ganzen Straßenbild ein düsteres, unsauberes, unfreundliches Aussehen zu verleihen. Viele Straßen sind treppenartig gebaut und führen zu den höher liegenden Stadtteilen hinauf – natürlich sind sie unfahrbar. Überall aber herrscht ein ungeheures Leben, ein buntes Durcheinander von Menschen, ein Gedränge, ein Wirrwarr, daß es schon eine gewisse Geschicklichkeit und Kunst erfordert, durch dasselbe seinen Weg zu finden. Die Lastträger mit einem kurzen Beinkleid von gestreiftem Segeltuch, die Matrosen mit blauen Hemden und breiten Kragen, die Verkäufer mit allerhand Waren, die sie laut ausrufen, die Frauen mit schwarzem üppigem Haar und dunklen leuchtenden Augen, ihre Schönheit durch weiße wallende Schleier noch mehr erhöhend, nebenher die schneidigen, diensteifrigen Kavaliere und hie und da die recht unschneidigen, unbeholfenen Reisenden in ihren grauen Jacken, die dieses Straßenbild ansehen und zu denen wir vielleicht auch gehörten... alle diese Gestalten bilden zusammen ein großes Menschengewühl, welches gegen Abend sogar noch größer wird.

Es hatte bereits Mitternacht geschlagen, als wir wieder nach unserm Hôtel zurückkehrten, aber die Straßen waren noch immer mit Menschen gefüllt.

XV.
Mailand.

Am 16. Mai früh 8 Uhr brachen wir von Genua auf und kamen nach einer prächtigen Fahrt von vier Stunden, auf der wir mehrere große und kleine Tunnel passierten, in Mailand an. In unserer Gesellschaft befand sich der oben erwähnte deutsche Herr, sodaß wir auch hier die Stadt unter sachkundiger Führung besichtigen konnten. Wir waren im Hôtel du Nord abgestiegen und gingen dann sogleich in die Stadt hinein. Vor allem andern sahen wir uns den berühmten Dom an, ein Meisterwerk der Baukunst, ja, das wunderbarste, das ich je gesehen habe. Die schönen Glasmalereien an den Fenstern, die Marmorschnitzereien in und außerhalb des Gebäudes, ein ganzes Heer von Bildsäulen, der prächtige Marmorboden der weiten Hallen, hunderte von schlanken Türmchen auf dem Dache u. s. w., dies Werk von Menschenhand übertrifft an Pracht, Großartigkeit und Kunst wirklich alles bisher Gesehene. Wir stiegen bis auf die höchste Spitze des Turmes und sahen zu unseren Füßen die ganze Stadt und die blühende lombardische Ebene liegen. Gar manches ist bereits über diesen Dom geschrieben worden, aber nachdem ich ihn mit meinen eigenen Augen gesehen, muß ich doch sagen, daß es keinem gelungen ist, die wahre Pracht und majestätische Größe dieses Wunderwerkes treffend zu schildern. Lassen wir hier einige kurze Skizzen namhafter Autoren folgen, die zeigen werden, was für Mühe sich mancher gegeben hat, um dieses Wunder aus Marmor zu beschreiben:

»Über den Domplatz kamen wir zum Dom; langsam stiegen wir die schmalen Stufen des Domes hinauf, um zur Höhe des Schiffes zu gelangen. Dann hatten wir noch 900 Stufen, von denen allein 150 Stufen für die Türme sind. Die Treppen winden sich in den einzelnen Seitentürmen hinauf, während die Türme durch offene Galerien miteinander verbunden sind. Auch die Türme sind nach allen Seiten durchbrochen, von jeder Treppenstufe hat man die freie Aussicht über die lombardische Ebene, welche sich, je höher man hinaufsteigt, in einem immer unvergleichlicheren Bilde aufrollt. Die großartigen Einzelheiten des Baues selbst, den die Mailänder mit Recht »das achte Wunder« der Welt nennen, kann man nur im Hinaufsteigen betrachten und bewundern. Nächst der Peterskirche in Rom und dem Dom zu Sevilla ist der Mailänder Dom die größte Kirche in Europa; an Pracht und Reichtum, in ihren äußeren Verzierungen und Statuenschmuck keine von beiden mit ihr zu vergleichen. Der Dom zu Mailand ist mit nicht weniger als 4500 Statuen an seiner Außenseite geschmückt, über dem Dach erheben sich, alle durch in den zierlichsten Arabesken gewundene Galerien mit einander verbunden, 98 gotische Spitzsäulen, jede Säule ist auf ihren einzelnen Pfeilern und auf der Spitze mit einer Statue geschmückt. Ganz oben auf der Spitze des Turmes, der eine Höhe von 335 Fuß hat, thront die kollossale vergoldete Statue der heiligen Jungfrau, der die Kirche geweiht ist. Der ganze Bau in allen seinen Einzelheiten ist von weißem Marmor und unbedingt der großartigste neugotischen Stils, welchen Italien besitzt. Endlich standen wir oben, auf der obersten Galerie, über der durchsichtigen Guglia. Gerade über uns thronte die goldene Statue, deren Fußgestalt wir mit der Hand berühren konnten. Ich blickte zuerst hinab. Ich habe schon manchen hohen Berggipfel erstiegen, denn ich kenne die Alpen in ihrer ganzen Ausdehnung durch Mitteleuropa. Auf wie viele Wälder habe ich von all diesen Höhen herabgeschaut, auf dunkle schwarze Tannenwälder, auf breite rauschende Tannenkronen, auf grüne Buchengipfel, auf breitblättrige Platanen und auf Lorbeer- und Cypressenwälder; von dieser Höhe blicke ich zum ersten Male in meinem Leben auf einen weißen Marmorwald. Hunderte von gotischen Türmen und Spitzsäulen und Tausende von Statuen erhoben rings um mich ihre schneeweißen Häupter...« (Gustav Rasch »Frei bis zur Adria.«)

»Wenn man auf dem Marmordache des Doms von Mailand, etwa 300 Fuß über der lombardischen Ebene, bei heiterem Himmel sich umschaut, welch' ein unvergeßliches Panorama öffnet sich den Blicken! Im gewaltigen Halbbogen umsäumen von Westen nach Norden und Osten die langgestreckten Ketten bedeutsamer Alpenglieder einen Garten, einem Walde gleich, aus dessen Lichtungen tausende und abertausende von Ansiedlungen herabschimmern, die dem Ganzen das Gepräge eines Parkes verleihen... Welch' ein Blick auf die Alpen, welche umfassende Alpenansicht! Schwerlich dürfte ein Punkt der Erde, selbst nicht der indischen Ebene auf die Riesenzinnen des Himalaya, einen ähnlichen umfassenden Überblick, ähnliche Schönheit der Begrenzungslinien darbieten, als dieser ungeheure Halbbogen der südlichen Alpen von diesem eigentümlich schönen Standpunkte. Trunken hängt der Blick an den Linien der Ferne, von welcher sich eine Menge lebensspendender Wasseradern gleich silbernen Fäden durch den grünen Teppich der gesegneten Aue, der Po an ihrer Spitze, hindurchschlängelt. Rings um uns aber ein Wald von Marmortürmchen mit den Tausenden ihrer Bildsäulen, und unter uns das Gewirr der von 180 000 Menschen bewohnten 4000 Häuser, über deren flache Ziegeldächer eine Menge vielgestaltiger Türme emporsteigt, mitten im Brennpunkte eines unvergleichlichen Landschaftsbildes und Völkerlebens.« (K. Müller, »Am Südabhang der rhätischen Alpen.«)

»Der ganze zauberische Bau ist wie ein Gebet, wie ein Opfer, das alle Zungen und alle Herzen der ganzen Stadt dem Allerhöchsten hier dargebracht haben: ein solch Werk der Begeisterung und der Schönheit tut wohl in der jetzt so vernüchterten Welt. Wie verklärt und veredelt es alles rund um: wie die Flammen der Abendröte auch die geringste Hütte ebenso wie die riesigen Gletscher mit ihrem Purpur bekleiden, so adelt er mit seinem Schwung und seiner Schönheit die ganze Stadt, hält sie zusammen, ist ihr König, auf den sich alles bezieht, auf den man immer wieder die Blicke zu richten sich gezwungen sieht (Fried. Pecht u. Andere)...«

Italienerin.

Nachdem wir den Dom eingehend besichtigt hatten, sahen wir uns die Stadt mit ihrem bunten Straßenleben an. Es fand gerade eine Korsofahrt statt und so hatten wir Gelegenheit, die schönen Mailänderinnen in ihren eleganten Equipagen, gezogen von stattlichen, wohlgenährten Pferden, bewundern zu können. Alles in allem erschien uns Mailand weit gemütlicher als Genua, und man wird sich daher nicht wundern, daß wir bis spät in die Nacht hinein durch die Stadt und den Park, in welchem eine Militärkapelle durch ihre außerordentlich lebhafte Weise unsere Ohren entzückte, spazieren gingen. Daß die Italienerinnen sehr schön und graziös seien, hatten wir schon vorher gehört, hier aber konnten wir uns davon mit unseren eigenen Augen überzeugen. Besonders gefielen sie durch ihren ungezwungenen leichten Gang und ihr liebliches anmutiges Wesen, noch mehr aber durch ihre feurigen, funkelnden schwarzen Augen, die zusammen mit den schwarzen wallenden Haaren und der milchweißen Haut einen reizenden Anblick darboten. Wenn auch Salomo gesagt hat: »Lieblich und schön ist Nichts« und Claudius: »Ein Ding, das in sich keinen Wert hat, das nur kurz währet, das im Hause nicht sonderlich nützt und nicht eigentlich Liebe macht, so ein Ding ist die Schönheit, mehr ist sie nicht, und Ihr müßt mir nicht böse sein, Ihr schönen Mädchen, daß sie nicht mehr ist« – so stimmte ich doch beim Anblick dieser schönen Gestalten mehr den Worten Schillers bei, der da sang:

»Zürne der Schönheit nicht, daß sie schön ist, daß sie verdienstlos

Wie der Lilie Kelch prangt durch der Venus Geschenk;

Laß sie die Göttliche sein, du schaust sie, du bist der Beglückte,

Wie sie ohne Verdienst glänzt, so entzücket sie dich.«

So sehr Italien einerseits durch seine herrliche Natur und Kunst unser Gefallen erregte, so sehr hat uns leider andrerseits ein Teil seiner Landeskinder durch ihre allzugroße Gewinnsucht und geschäftliche Verschmitztheit Verdruß bereitet. Ich hätte davon am liebsten geschwiegen, jedoch mit Rücksicht auf die vielen Landsleute, die noch nach uns dieses schöne Land besuchen und durchreisen werden, halte ich es für meine Pflicht, diesen unerfreulichen Punkt hier zur Sprache zu bringen. Um ein Beispiel anzuführen, so wurden wir fast überall, wenn wir Einkäufe machten, Sehenswürdigkeiten besuchten oder sonst etwas unternahmen, ungeheuer übervorteilt, und da die meisten der Italiener außer ihrer Muttersprache kein Wort verstanden oder verstehen wollten, mußten wir, weil wir ihrer Sprache nicht mächtig waren, immer den Kürzeren ziehen. Einmal mußten wir z. B. für zehn Stück Zigarren, die wir im Hôtel durch den Kellner bringen ließen, den geradezu enormen Preis von 30 Franks erlegen; ähnlich war es überall, sodaß wir fast immer Unannehmlichkeiten hatten, wenn es ans Bezahlen ging. Nichts von warmer Gastfreundlichkeit und wohltuender Liebenswürdigkeit, welche die unkundigen, von dem äußersten Zipfel der Erde kommenden Fremdlinge so sehr erfreut haben würden! Italien, dieses an Natur und Kunst so schöne und reiche Land, wäre doch im wahren Sinne des Wortes nur dann schön und reich zu nennen, wenn auch der Charakter vieler seiner Landeskinder etwas von diesen Eigenschaften offenbarte... meinten wir. Und doch sollte man glauben, daß eben dieses Volk am meisten Ursache hätte, den Fremden, die das Land besuchen, freundlich und rücksichtsvoll entgegenzukommen, denn diese bringen bei ihrer großen Zahl jährlich recht ansehnliche Summen Geldes in das Land. Die Freude am Schönen wird jedem sehr leicht verdorben, wenn ihm fortwährend Unannehmlichkeiten in den Weg kommen; nur da, wo freundliche Menschen anderen ein fröhliches und aufrichtiges Entgegenkommen bezeigen, wird man sich wohl und glücklich fühlen. Hoffen wir, daß sich auch dieses Volk im Laufe der Zeit zu seinem Vorteil verändern werde, daß es seine unveräußerlichen Güter, die Schönheiten der Natur und der Kunst, durch eigene seelische Vorzüge erst wirkungs- und wertvoller machen lerne! Da auch unser Land den Ruf hat, ein herrliches Land der Künste wie der Natur zu sein und da es auch von so vielen Reisenden aus aller Herren Länder besucht wird, so mögen die Japaner das italienische Volk nicht zum Vorbilde nehmen, sondern im Gegenteil danach streben, ihre edlen Tugenden, wie die Gastfreundlichkeit, Höflichkeit, Opferfreudigkeit u. s. w., die ihnen ja eigen sind, noch weiter zu entwickeln, damit jeder, dessen Fuß einmal ihr Land betritt, in frohem Entzücken ausrufen möge: »Ach, wie ist es hier doch so schön!«

Wir wollten uns von Mailand noch nach Venedig begeben, aber da wir dem italienischen Volke nach dem eben Gesagten kein allzu großes Interesse mehr entgegenbrachten, so zogen wir es vor, direkt nach Berlin zu fahren. Am 17. Mai früh ½8 Uhr waren wir also auf dem Bahnhof, um den Zug zu besteigen. Dieser war jedoch schon überfüllt, wenigstens die eine Hälfte desselben, die direkt nach Deutschland durchfährt, sodaß wir nur mit Mühe ein Unterkommen darin finden konnten. Da bemerkte ich auf einmal, daß einige von uns in der anderen Hälfte des Zuges, die nicht nach Deutschland fuhr, Platz genommen hatten; ich erschrak, stieg hurtig aus, rannte hin und her, fand sie endlich heraus und nur mit knapper Not kamen wir, eng aneinander gedrückt, in einem Coupé unter. Aber o weh! In diesem großen Gedränge und in der Aufregung hatten wir unsere Koffer vollständig außer acht gelassen und da wir keine Zeit mehr hatten, mußten wir sie alle stehen lassen. Was tun? In dieser schlimmen Verlegenheit fiel glücklicherweise mein Blick auf Herrn Erdmannsdörffer, der uns freundlichst bis nach dem Bahnhof begleitet hatte. Ich hatte kaum Zeit, ihm durch das Fenster schnell von dem Vorgefallenen Mitteilung zu machen, worauf er mir versprach, daß er die Koffer direkt nach Berlin nachsenden werde. Diesem Herrn waren wir schon für seine Begleitung und Führung in Genua und Mailand zu großem Dank verpflichtet, und nun erwies er uns noch diesen Dienst! Sicherlich ein besonderes Glück für uns, denn ohne ihn wäre unser Gepäck wahrscheinlich verloren gegangen.

Der kurze Aufenthalt in Italien war somit ein recht mühsamer und die Abfahrt von Mailand der aufregendste Teil der ganzen Reise von Japan nach Deutschland gewesen, namentlich für mich, der ich sämtliche Besorgungen für all meine Landsleute allein übernommen hatte und daher auch die geschäftlichen Unannehmlichkeiten am meisten empfinden mußte. Aber in der frohen Hoffnung, daß wir nach ca. dreißig Stunden Berlin, unser letztes Ziel, erreichen würden, fuhren wir, eng gepreßt zwar – es war ja auch ein Ex-Preßzug! – aber doch getrost ab. An der Grenze Italiens und der Schweiz hatten wir abermals eine Zollrevision, jedoch verlief dieselbe sehr schnell, weil ja unser Gepäck in Mailand stehen geblieben war.

XVI.
Fahrt durch die Schweiz.

Auf der Reise von Mailand nach Berlin kamen wir durch die schöne Schweiz. Das Wetter war herrlich und vom Fenster unseres Coupés erblickten wir zu beiden Seiten die herrlichen Alpenlandschaften. Bald ging die Fahrt über Höhen, bald durch Täler, oben sahen wir auf dem Gipfel die schneebedeckten Häupter der Bergriesen, unten die weitgestreckten Wiesen mit den Obstbäumen im zauberhaften Blütenschmuck. Die grünen Matten unten am Fuße und die weißen Gipfel oben in den Höhen machten einen geradezu imposanten Eindruck auf uns. Der Zug fährt immer weiter. Mit jeder Minute verändert sich die Landschaft: große Felsblöcke, die über unseren Häuptern herunterhingen, reißende Flüsse und Bäche, Wasserfälle, große und kleine Seen, von Sennerinnen bewohnte Alpenhütten, die vereinzelt auf ziemlicher Höhe liegen, wohlgenährte Kühe mit ihren Glocken, die zahlreich auf den Matten weideten und deren Geläut unseren Ohren wie liebliche Musik ertönte – alles dieses machte auf uns einen unvergeßlichen Eindruck. Von der großen Naturschönheit der Schweiz hatten wir schon oft viel Rühmenswertes gehört, nun sahen wir diese Schönheiten vor unseren Augen ausgebreitet und überzeugten uns, daß sie mit Recht zu den größten Europas gezählt werden. Ich hatte manchmal daran gedacht, einen Vergleich zwischen der Natur dieses Landes und der unserer Heimat anzustellen, aber jetzt, nachdem ich alles selber angeschaut habe, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß beide Länder eigentlich gar nicht mit einander verglichen werden können, denn im großen Ganzen sind unsere Naturschönheiten idyllischer und lieblicher Art, während diejenigen der Schweiz romantischer und großartiger sind. Natürlich kann ich noch kein richtiges und abschließendes Urteil abgeben, da ich die Schweiz nur vom Fenster des Zuges aus während der Fahrt gesehen habe. Im stillen aber gelobte ich mir, später einmal, wenn es die Zeit irgend erlaubt, eine Schweizerreise zu unternehmen, um die Natur dieses Landes genauer zu studieren, und meine damaligen Pläne verwirklichten sich denn auch.

Felspartie am St. Gotthard.

Im Coupé war es sehr angenehm, es war selbstverständlich noch geheizt. Als wir den berühmten St. Gotthard-Tunnel passierten – die Durchfahrt dauerte ungefähr 15 Minuten – aßen wir gerade im Speisewagen zu Mittag, wobei wir nicht versäumten, uns den bekannten Schweizer Wein und Käse vorsetzen zu lassen. Gegen Abend schon langten wir in Stuttgart an. Hier nahmen wir im Schlafwagen Platz, in welchem wir eine ganz behagliche Nacht verbrachten.

Am 18. Mai vormittags ½10 Uhr trafen wir wohlbehalten in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof ein, wo wir von mehreren Landsleuten erwartet wurden. Als wir unter den herzlichsten Glückwünschen unserer Landsleute einander die Hände drückten, überkam uns ein recht angenehmes, freudiges Gefühl bei dem Gedanken, endlich die Hauptstadt des Deutschen Reiches betreten zu haben, wo wir nun für längere Zeit unser Heim aufschlagen sollten. Wir nahmen eine Droschke und fuhren in das Hôtel Bellevue am Potsdamer Platz, in dem wir einstweilen absteigen wollten. So war die lange große Reise glücklich überstanden und unser Ziel erreicht!

XVII.
Die ersten Eindrücke in Berlin.

In Folgendem will ich versuchen, einiges von dem niederzuschreiben, was mir in den ersten Tagen meines Berliner Aufenthaltes besonders aufgefallen ist. Selbstverständlich mußte vieles meinen an europäische Verhältnisse nicht gewöhnten Augen fremd erscheinen, wodurch vielleicht meine Auffassung beeinflußt wurde. Es darf dies jedoch nicht in Frage kommen, da mir eben daran liegt, eine individuelle Schilderung meiner ersten Eindrücke und Empfindungen wiederzugeben. Einem Fremdling, der mehrere tausend Meilen von Osten hierher kommt und vom Schiff aus durch die Bahn direkt in die Mitte der großen Weltstadt getragen wird, muß vieles wie ein Wunder vorkommen und er wird Dinge und Menschen ganz anders betrachten, als ein Einheimischer.

Wie jedem Fremden, erging es auch mir, der das westeuropäische Leben und Treiben nur vom Hörensagen und aus Büchern kannte. Meine Spannung hatte natürlich den höchsten Grad erreicht, als ich nach der langen Reise in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof ankam, empfangen von mehreren landsmännischen Freunden. Eine innere Genugtuung erfüllte mich nach der unendlichen Fahrt. Die zehntausend tapferen Griechen können das Meer mit ihrem »Thalassa«-Rufe nicht freudiger begrüßt haben, als ich mein Endziel: die Kaiserstadt Berlin! Hier sollte ich endlich zur Ruhe kommen, denn Berlin sollte für längere Zeit meinen Aufenthalt bilden. Ich war freudig überrascht, daß ich vom ersten Augenblick an dasjenige, was ich von dem deutschen Volk schon in Japan gehört, gedacht und gelesen hatte, vollkommen bestätigt fand, worüber ich später eingehend zu schildern gedenke.

Vom Anhalter Bahnhof fuhr ich zum naheliegenden Potsdamer Platz, an dem das Hôtel Bellevue liegt, woselbst ich Wohnung nahm. Der Potsdamer Platz, in dem sich einige mächtige Arterien des Berliner Lebens einigen, bietet mit seinem riesigen Verkehr – wie ich mir erzählen ließ, soll er ein Kreuzpunkt von vielen Dutzenden elektrischer Straßenbahnlinien, sowie von kolossalen Menschenmengen sein – einen wahrhaft verblüffenden Anblick.

Reinigungsmannschaften.

Was mir zuerst auffiel und mich angenehm überraschte, war die peinliche Sauberkeit und Gleichmäßigkeit der Straßen, die aus dem Fahrdamm und den zu beiden Seiten laufenden Bürgersteigen (Trottoirs) bestehen. Die Straßen sind ohne Ausnahme gepflastert oder asphaltiert und sehr breit, an beiden Seiten mit Bäumen geschmückt und mit Gasbeleuchtung oder elektrischem Licht versehen. Die Straßen werden so sauber gehalten, wie ein Hausflur oder eine Stubendiele; überall, wohin man blickt, sieht man die uniformierten Straßenreiniger ihrer Beschäftigung nachgehen und mit Gummischiebern den Asphalt abwaschen, mit Besen und Schippe den Straßendamm reinigen. Große Sprengwagen liefern das Wasser zur Reinigung, kleine Handwagen beseitigen den Kehrricht, und so greift eines ins andere, um eine wirklich ideale Straßensäuberung mit unglaublicher Geschwindigkeit herbeizuführen. Es kann daher kein Wunder nehmen, daß diese Reinlichkeit auch auf die Luft in sanitärer Beziehung vorzügliche Wirkungen ausübt und zum Gesundheitszustand Berlins viel beiträgt.

Andererseits war es mir ein wahrer Genuß, in den sauberen Straßen spazieren zu gehen, ohne fürchten zu müssen, sich schmutzige Kleider oder Stiefel zu holen. Unwillkürlich stellte ich einen Vergleich zwischen meiner Heimat und Berlin an, der sehr zu Ungunsten der ersteren ausfiel, wenn ich an den Zustand unserer heimatlichen Straßen und Wege dachte, von denen sich manche noch im Naturzustand befinden, so daß man bei Regenwetter nicht ohne gehörigen Schmutz wegkommt. Und dabei drängte sich mir auch der Gedanke an die oft in letzter Zeit in Japan auf die Tagesordnung gebrachte Frage der Reform unserer Frauenkleidung auf. Nach dem, was ich hier gesehen habe, möchte ich nur meine Ansicht wiederholen, daß die Straßen in gewissem Zusammenhang mit der Reform der Kleidungstücke stehen, daß zuerst unsere Straßen und Wege verbessert werden müßten, bevor an die Kleiderreform gegangen werden kann. Also in allererster Linie die Straßenreform, ohne die eine Kleiderreform, speziell hinsichtlich der Damenkleidung, illusorisch sein würde.

Berlinerin.

Zu beiden Seiten der Berliner Straßen reihen sich die regelmäßig aufgebauten Häuser aneinander, alle ohne Ausnahme massiv aus Stein erbaut und fast sämtlich 4-5 stöckige Neubauten in modernem Stil. Ein Beweis, daß Berlin im Vergleich zu anderen Großstädten, wie London, Paris oder Wien, noch eine jungaufblühende, im Wachstum begriffene Stadt ist. Während bei uns die Häuser sich in mannigfaltiger Aufführung und Gestalt zeigen und manche noch ihren villenartigen Charakter bewahren, sind die Bauten in Berlin ziemlich gleichförmig, wie nach einer Schablone errichtet. Ein Haus ähnelt im Großen und Ganzen dem andern und fast an allen sieht man Balkone und Verzierungen aller Art, ohne daß sie dadurch in ihrer Einförmigkeit beeinträchtigt werden. Was mir an den Gebäuden ganz besonders in die Augen fiel, war der Umstand, daß fast alle Häuser nur nach der Vorder- und Hinterfront Fenster besitzen, während an den Giebelseiten – sofern zwei Häuser nicht dicht zusammengebaut sind – bloß glatte Mauerwände zu sehen sind. Es könnte dies einerseits damit zusammenhängen, daß infolge des unmittelbaren Nebeneinanderstehens der Häuser keine Fenster angebracht werden können; andererseits würde die Ursache darin zu suchen sein, daß man hier bei Bauten an den Winter denkt, wie es ja bei uns den Anschein hat, als ob unsere Häuser für den Sommer errichtet wären, weil sie – wenn irgend möglich – nach allen Seiten mit vielen Fenstern ausgestattet sind und dadurch viel luftiger und heller erscheinen. Jede dieser Bauarten dürfte ihre Vorteile und Nachteile haben. Sind die Gebäude bei uns heller, so sind dieselben hier wärmer, erscheinen die unsrigen luftiger und leichter, so sind die hiesigen solider und massiver.

Beim Durchwandern der Berliner Straßen, die Kleidung der Passanten betrachtend, machte ich die Wahrnehmung, daß Männer und Frauen fast durchweg schwarze oder graue Kleidung tragen, sodaß man wohl behaupten könnte, diese beiden Farben seien vorherrschend Straßenfarben. Bunte Gewänder werden meistens vermißt; die Farbenpracht auf der Straße, wie man sie bei uns findet, scheint hier fast gänzlich zu fehlen. Vielleicht sind sie doch im Sommer anzutreffen. Was ich noch vielfach bemerkt habe, ist, daß die Berliner Damen lange Schleppen lieben und mit ihnen die Straßen durchschreiten. Ich wünschte, daß die Schleppen ein bischen kürzer oder die Beine ihrer Besitzerinnen ein bischen länger wären! Am Ende habe ich doch anerkennen müssen, daß die langen Schleppen nebenbei zur Polierung der Straßen geschaffen sind. Jedenfalls haben sie mir nach dem Regenwetter auf den Straßen einen recht appetitlichen Eindruck gemacht.

Jung-Berlin.

Männer wie Frauen durcheilen hier die Straßen sehr geschäftig und scheinen keine Zeit übrig zu haben, um an die Ausschmückung mit farbenprächtigen Toiletten zu denken. Jeder strebt seinem Ziele zu. Nur selten sieht man Leute, die ziellos die Straßen durchschlendern; jeder geht festen Schrittes einher, und einer eilt – mit Ausnahme von einigen Straßen wie die Friedrichstraße und Unter den Linden – an dem andern vorüber, ohne sich um ihn zu kümmern. Bei allen macht sich der Grundsatz bemerklich: »Zeit ist Geld«. Sogar die Jugend hastet oft rasch dahin; bewundernswert ist die Frühreife und Selbständigkeit der Berliner Kinder, die, wie ein Volkswort sagt, sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Sechs- wie siebenjährige Knaben und Mädchen schwingen sich gewandt auf die Waggons der Straßenbahnen, überschreiten mit merkwürdiger Ruhe die schlimmsten Straßenpassagen und benehmen sich in der Stadtbahn genau so wie die Großen, die Türen der Wagen im Fluge öffnend und schließend. In gewissem Sinne berühmt wegen ihrer schlagfertigen Antworten, die sie Niemandem schuldig bleiben, sind die Berliner Lehrlinge, namentlich des Schusterhandwerks; aber ihnen mag auch mancher Witz in die Schuhe geschoben werden, der auf das Conto von Angehörigen anderer Berufszweige zu setzen ist.

Berliner Schusterjunge.

Eine besonders bemerkenswerte Erscheinung ist, daß man auf den Berliner Straßen weit mehr Frauen sieht, als bei uns, ja, man könnte wohl sagen, man begegnet hier mehr Frauen als Männern, es ist also gerade das Gegenteil von unserem Straßenbilde. Daß die Männer außerhalb des Hauses, die Frauen im Hause ihren Pflichten und Arbeiten nachgehen, scheint hier im allgemeinen nicht der Fall zu sein. Ich hatte schon in Japan gehört, daß es hier viele selbständige Frauen gibt, d. h. solche, die sich selbst ernähren und regelmäßige Beschäftigungen haben wie Männer. Davon habe ich mich wirklich überzeugt. Das Arbeitsgebiet der Frauen scheint hier ein ziemlich großes zu sein, und offenbar hat man hier dem zarten Geschlecht viele Berufszweige geöffnet, sodaß sich ihre Zugehörigen ihre Selbständigkeit bewahren können. Allerdings scheint die Selbsthilfe der Frauen, wie mir mitgeteilt wurde, auf die Zahl der Ehen in verminderndem Sinne einzuwirken. Ob dieser Umstand die Menschheit zur Seligkeit führt, ob sie dadurch ihre Ideale verwirklicht sieht, lasse ich dahingestellt sein. Die Frauenfrage und Frauenbewegung, die auch bei uns bereits ihre Wurzeln geschlagen haben, ist hier, wie ja überall, eine der brennendsten sozialen Fragen, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen kann.

Daß die Frauen hier viel mehr arbeiten, als bei uns, ist eine durchaus lobenswerte Tatsache, die schon an ihrem Äußeren, in ihrem Gang und Wesen und in ihrem starken Körperbau ersichtlich ist. Nicht selten hörte ich auf der Straße hinter mir feste Schritte und glaubte anfangs, sie rührten von einem Soldaten her; zu meinem nicht geringen Erstaunen mußte ich jedoch bemerken, daß dieser vermeintliche Soldat, als er an mir vorüberschritt, eine Dame war! Man kann hieraus entnehmen, mit welchen derben Füßen die Damen hier auftreten. Im allgemeinen habe ich gefunden, daß die deutschen Damen alle ziemlich fest einherschreiten.

Wie ich mir sagen ließ und selbst bemerkt habe, legt man in Deutschland auf die körperliche Erziehung beider Geschlechter sehr viel Wert. Tatsache ist es, daß die Menschen hier im allgemeinen größer sind, als unsere Landsleute. Es liegt allerdings wohl schon in der Rasse, aber auch die körperliche Pflege dürfte zweifellos nicht wenig zur Erzielung einer kräftigen, gut entwickelten Menschengattung beitragen. Die durchschnittliche Größe der Deutschen ist aber Gott sei Dank nicht so bedeutend, wie ich sie mir daheim vorgestellt hatte. Ich hatte nämlich geglaubt, daß ich in Deutschland als ein Zwerg unter Riesen erscheinen müsse. Dem war jedoch glücklicherweise nicht so: als ich sah, daß es hier auch kleinere Menschen gibt wie ich und als ich dann bemerkte, daß ich noch nicht zu den kleinsten gehörte, fühlte ich mich sehr beruhigt. Die Deutschen sind auch im Großen und Ganzen korpulenter als die Japaner. Ich wurde wirklich manchmal durch kolossale Exemplare überrascht, die nicht selten wandelnden Bierfässern gleichen. Besonders sind mir unter der Damenwelt viele »gewichtige« Figuren aufgefallen; einzelne von ihnen hatten eine solche Mächtigkeit, daß sie sich kaum fortbewegen konnten. Wie mir zu Mute ward, als ich zum ersten Mal mit der Straßenbahn fuhr und unglücklicherweise an der Seite eines solchen Kolosses in die Ecke gedrückt sitzen mußte, kann man sich wohl vorstellen.

Aus unseren neuesten schulhygienischen Mitteilungen ist ersichtlich, daß die Körperlänge unseres jüngeren Geschlechtes, namentlich beim weiblichen, im Zunehmen begriffen ist, seitdem man für die körperlichen Übungen, besonders in den Schulen, mehr Sorge getragen hat und im modernen Leben Tische und Stühle verwendet. Ich empfehle meinen Landsleuten körperliche Pflege und Bewegung auf das energischste und rate ihnen entschieden das Hocken auf den Matten ab.

Schutzmann.

Von allem, was ich hier in den ersten Tagen meiner Ankunft gesehen habe, hat mir der riesige Verkehr am meisten Bewunderung abgerungen. Die neuen Verkehrsmittel in Berlin sind geradezu phänomenal. Straßenbahnen, Stadtbahnen, Hoch- und Untergrundbahn, Omnibusse, Droschken, Automobile, Fahrräder und noch vieles andere, all diese Fahrgelegenheiten durchkreuzen die Stadt nach sämtlichen Richtungen und machen das Straßenleben ungeheuer lebhaft.

Viel Zeit.

In den unter sorgsamster polizeilicher Aufsicht stehenden verkehrsreichsten Straßen, wie z. B. der Friedrichstraße, war es mir oft kaum möglich, meinen Weg durch die Menschenmenge zu finden. Anfangs glaubte ich, diese Menschen strömten aus irgend einem besonderen Anlaß herbei, aber dem war nicht so, denn bis spät in die Nacht ging es hier so zu. Es könnte fast scheinen, als ob die meisten dieser Passanten keinen besonderen Lebenszweck hätten, aber man muß berücksichtigen, daß ein großer Teil davon – wie man mir mitteilte – nicht Berliner, sondern Fremde sind, die sich des Vergnügens wegen hier aufhalten. Wie in einem Kaleidoskop sind hier alle Arten von Menschen zusammengewürfelt: geschniegelte und gebügelte Männer mit Cylinder, geschminkte Weiber in auffallender Kleidung, schneidige Offiziere, vornehme Damen, Studenten in ihren Couleurmützen, Landleute mit ihren kerngesunden, geröteten Gesichtern, Provinzler, Straßenhändler, Zeitungs- und Blumenverkäufer u. a. m., alles strömt hier bunt durcheinander und macht auf uns Ausländer einen ganz eigenartigen Eindruck.

Eins von den eigentümlichsten Straßenbildern, das man bei uns nie zu sehen bekommt und uns viel Spaß macht, ist auch der Hundehändler. Sie stehen an der Seite der Straße, halten ein paar junge Hündchen auf den Händen oder führen größere Hunde an der Leine und bieten sie den Vorübergehenden feil. Ich weiß nicht, ob sie mit diesem neuen Berufszweige gute Geschäfte machen oder nicht, kurz und gut, sie üben auf uns eine drollige Wirkung aus. Noch eine andere eigentümliche Erscheinung auf der Straße bilden die Soldaten mit ihren »Herzallerliebsten« an der Seite – auch ein possierlicher Anblick, den man bei uns nicht hat. Ich habe oft beobachtet, wie ein solcher Vaterlandsverteidiger Hand in Hand oder Arm in Arm mit seinem Schatz durch die Straßen wandelte oder dem Tanzboden zusteuerte. Ich hatte immer geglaubt, die deutschen Soldaten, die durch ihre Tapferkeit und Disziplin so weltberühmt sind, würden sich solche Dinge nicht erlauben, aber vielleicht tut es ihrem Ansehen keinen Abbruch. Jedenfalls mutete es mich in der ersten Zeit seltsam an, weil, wie gesagt, solch' öffentliche Liebeleien bei unseren Marssöhnen nicht Mode sind.

Ein Hund gefällig?

Militärische Annäherung.

Was dann meine Augen besonders in den Hauptstraßen Berlins entzückte, das sind die großartigen Schaufenster der Geschäfte. Die Dekoration, die Zusammenstellung und der Aufbau der Waren verraten wirklich eine große Kunst. Die Schaufenster gewähren einen äußerst einladenden Anblick, wie sie überhaupt ein großartiges Aushängeschild für das Kaufhaus selbst bedeuten. Wenn ich vor einem solchen schöndekorierten Schaufenster stand, wandelte mich stets die Versuchung an, in das Geschäft zu gehen und mir irgendwelche schöne Sachen zu kaufen. Sämtliche Gegenstände sind so bequem und gut zurechtgelegt, daß man mit einem Blick sofort übersehen kann, was in dem betreffenden Laden zu haben ist. Bei uns liegen die Verhältnisse ganz anders. Da werden die Waren der größeren Geschäfte gewöhnlich im Magazin aufbewahrt und werden erst mühsam einzeln auf Verlangen des Käufers hervorgeholt. Entschieden ist die hiesige Art und Weise unseren Geschäftsleuten sehr zu empfehlen; ich bin fest überzeugt, daß sowohl das Publikum, wie die Geschäftsinhaber bei der neuen, auf Berliner Art eingeführten Ordnung ihre Rechnung finden werden.

In einem Restaurant Unter den Linden.

Der größte Teil der hiesigen offenen Läden besteht aus Restaurants, Gastwirtschaften und Destillationen, in denen kolossale Mengen geistiger Getränke, am meisten Bier, vertilgt werden. In zweiter Linie folgen die Cigarrenhandlungen, die fast jede Ecke besetzt halten. Aus dem Übergewicht dieser beiden Geschäftsbranchen läßt sich leicht der Schluß ziehen, daß der Genuß von Bier und Tabak den Deutschen dringendes Bedürfnis ist.

Angenehme Empfindungen erweckten in mir dann die vielen Blumengeschäfte: vor diesen blieb ich mit besonderer Freude regelmäßig stehen, weil sie mich so lebhaft an meine Heimat mit ihrer wunderbaren Natur erinnerten und mich ihr gleichsam näherten.

Was ich dann in jeder Straße zu Dutzenden antraf, sind die Verkaufsläden für Ansichtspostkarten. Ihr Verbrauch soll sich hier auf Millionen beziffern, sodaß sich infolgedessen ein besonderer Industriezweig ausgebildet haben soll, der sich lediglich mit der Anfertigung von Ansichtspostkarten befaßt. Anstatt einen Brief zu schreiben, kauft man hier eine solche Karte, schreibt die Adresse und sendet sie als Lebenszeichen in die Welt. Eine vortreffliche Einrichtung, von welcher ich auch manchen Gebrauch zu machen gedenke, aber nicht aus – Schreibfaulheitsgründen!

Noch eins! Was mir in Berlin in den ersten Tagen recht imponierte, sind die vielen kunstvollen Denkmäler, Statuen, Büsten u. s. w., meist aus Marmor oder Bronze. Überall, wohin man kommt, auf den sogen. Plätzen, in den Parkanlagen, auf den Brücken u. s. w. wird man dieser schönen Verzierungen gewahr, dieser edlen, feinen Kunstprodukte, die wir zu Hause leider noch so sehr vermissen!

Soviel in Kürze! Die ersten Eindrücke, die ich oben im Vorbeigehen geschildert habe, waren für mich als Ausländer aus einer fremden Kulturwelt so überwältigend, daß ich tatsächlich in den ersten Tagen meines Hierseins nicht im stande war, alles richtig zu erfassen; erst später vermochte ich mich mit den verschiedenen Gegenständen eingehend zu beschäftigen. In meinem nur Berlin gewidmeten Buche werde ich auf die zahlreichen Einzelheiten näher eingehen und versuchen, sie der Wahrheit gemäß zu schildern.

XVIII.
Aufruf an unsere Jugend.

Indem ich nunmehr zum Schluß meiner Reisebeschreibung schreite, möchte ich als Resultat meiner Erfahrungen unserer Jugend die Mahnung dringend ans Herz legen: Möge jeder, der es mit seinen Verhältnissen irgend vereinbaren kann, Reisen ins Ausland unternehmen! Ich meine damit natürlich nicht, daß die jungen Japaner ihre Studien aufgeben und ihren Vergnügungen nachgehen sollen – durchaus nicht! Allein unserer Jugend, der männlichen nämlich, mangelt bis jetzt noch immer der Unternehmungsgeist und frische Wagemut, hinauszugehen und fremde Länder und Leute mit ihren Sitten und Gebräuchen aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Immer war unser Land seit alter Zeit ein abgeschlossenes Inselreich und erst seit drei Jahrzehnten hat es den Verkehr mit fremden Völkern angebahnt, aber der Riesenfortschritt, den wir in dieser kurzen Zeit gemacht haben, und die dadurch geschaffenen Verhältnisse erlauben nicht mehr, länger zu Hause zu sitzen und angenehm der Ruhe zu pflegen.

Von allem Nutzen abgesehen, den eine Studienreise auf wissenschaftlichen Gebieten gewährt, ist es für junge Geschlechter von großem Wert, wenn sich ihr Blick für alles erweitert und sie sich daran gewöhnen, Gefahren und Zufälligkeiten aller Art zu begegnen. Kommt einem nicht schon durch das Lesen einer Beschreibung aus dem Innern Afrikas oder einer Nordpolfahrt der Gedanke, den kühnen Forschern nachzuahmen und nicht tatenlos zuzuschauen? Ich will selbstverständlich damit unserer Jugend nicht das Wort zu Abenteuern reden, ihr auch nicht dazu raten, blindlings in die Ferne zu ziehen; ich möchte sie nur dringend mahnen, nicht zu Hause müßig sitzen zu bleiben, sondern auf dem großen Schauplatz der Welt ihre Kraft auf die Probe zu stellen.

In Europa ist es etwas ganz Gewöhnliches, daß selbst königliche Prinzen weite Reisen unternehmen, um einerseits den Wissenschaften zu dienen, andererseits aber ihre Erfahrungen und Kenntnisse zu bereichern. Die Europäer sind überhaupt zu Unternehmungen viel leichter geneigt als wir. Auf meiner Reise durch Europa habe ich nicht selten gefunden, daß sogar junge Damen, ihre geschnürten Bündel und Ränzel selbst tragend, allein in die weite Welt hinausreisten. Oben auf der Höhe der Jungfrau, die ich erstieg, im Reiche des ewigen Eises und Schnees versetzte mich eins noch mehr in Bewunderung als die kolossale Alpenlandschaft, nämlich, daß ich unter den Bergsteigern nicht wenig Vertreterinnen des zarten Geschlechtes erblickte. In dieser schwindelnden Höhe, wohin man nur mit Hilfe von Bergstöcken, Haken und Seilen, sowie an der Hand sicherer Führer gelangen kann, waren Frauen zugegen! Bei uns zu Hause würde dem schönen Geschlecht nie in den Sinn kommen, sich den Strapazen einer derartigen Bergtour auszusetzen. Ob Damen überhaupt derartige Anstrengungen zu empfehlen und zuträglich sind, will ich dahingestellt sein lassen. Aber jedenfalls sprechen solche Vorkommnisse für meine Behauptung, daß Europas Bewohner mehr von einem großen, vor keiner Gefahr zurückschreckenden Unternehmungsgeist beseelt sind als wir.

Darum, japanische Jugend, erwache und gehe kraftvoll und hoffnungsfreudig an die Arbeit! Die Konkurrenz im großen Völkerwettstreit leidet keine Ruhe – und nur dem Mutigen gehört die Welt!


Druck von G. Bernstein in Berlin.


Fußnote

[1] Gu = dumm, En = Garten.