Trauriges während der Fahrt.

Wie uns auf unserer Fahrt viel Interessantes und Erfreuliches passiert ist, so hat es uns aber auch am Gegenteil nicht gefehlt.

Bei einer langen Fahrt, die anderthalb Monate dauert, und bei der großen Menge von Fahrgästen, die sich auf unserm Schiff befand, kann es nicht vermieden werden, daß manch' unangenehme Ereignisse vorkommen. So erzählte man mir, daß fast jede Fahrt Unglücksfälle, ja sogar nicht selten Todesfälle aufzuweisen hat. Leider traten diese beiden bei unserer Fahrt in verstärktem Maße vor, denn sie fingen bereits nach einer Fahrt von acht Tagen an. Zuerst überraschte uns der bereits erwähnte Todesfall eines Passagiers, eines Engländers, der mit seiner Familie von Japan nach Hause reiste. Der Verstorbene soll lungenleidend gewesen sein und hatte wohl von der Seefahrt Stärkung und Besserung seiner Krankheit erwartet. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt! Der Leichnam des Verstorbenen wurde in Hongkong beigesetzt. In wie großer Trauer seine Hinterlassenen zurückblieben, läßt sich denken.

Bei der betreffenden Stelle meines Reiseberichts habe ich schon erwähnt, wie unerwartet und erschreckend mich die Nachricht getroffen hatte, daß in Hongkong mein Freund und früherer Schüler Dr. Okoshi, den ich dort aufsuchen wollte, verstorben war, und daß einen Tag vorher sein Leichenbegängnis stattgefunden hatte.

Im Indischen Ozean hörten wir plötzlich, daß ein Matrose verschwunden sei. Es wurde überall nach ihm gesucht, aber vergebens; er konnte nicht aufgefunden werden. Da entdeckte man nach etwa vier Tagen seine Leiche im Kohlenlager auf dem Boden des Schiffes. Man nahm an, daß er entweder von der ungeheuren Höhe herabgestürzt oder daß er durch Kohlengase erstickt sei. Der Leichnam wurde nach Seemannsart in das Meer gesenkt. Wohin man einen Leichnam zur Ruhe bestattet – ob in die dunkle Erde oder in das tiefe Meer – scheint ziemlich gleich zu sein, und doch ist es ein unheimliches Gefühl, wenn man sieht, wie in stiller Nacht beim Mondschein der Überrest eines unserer Mitmenschen in die Tiefe der unendlichen weiten See versenkt wird. Die Erde hat den Menschen geboren und es ist naturgemäß, daß er wieder in die Erde hineingesenkt wird. Heißt es doch: »Von Erde bist Du geworden, zur Erde sollst Du wieder werden!« Nur in der Erde findet man die rechte Ruhe, nur auf der Erde kann man einen Grabhügel errichten, mit Denkmal und Blumen zieren, nur vor dem Grabhügel haben die Hinterbliebenen das Gefühl, dem Toten immer noch nahe zu sein. In dem ewig bewegten Meere, in dem wild stürmenden Element scheint uns ein sanftes Ruhen nicht möglich. Doch des Seemanns Los ist es, daß er fern von der Heimat in der Tiefe der See sein Grab findet, wo kein Hügel, kein Stein später an ihn erinnert. Aber trotzdem wünscht sich jeder Seemann gerade den Tod auf der See und dort sein Begräbnis.

In Aden mußte ich erfahren, daß mein Kollege, Prof. Tachibana, welcher mich in Deutschland erwarten sollte, von einer schweren Krankheit befallen, seine Rückreise nach Japan angetreten habe. Ich wollte diesen Herrn auf seinem Posten in Deutschland ablösen und hatte geglaubt, ihn in voller Gesundheit anzutreffen. In meiner auf dem Schiffe verfaßten Reisebeschreibung hatte ich der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß mein Kollege, wenn auch nicht ganz gesund, so doch gestärkt und gekräftigt sein Heimatland wieder erreichen und seine Lieben umarmen möge. Aber als ich in Berlin ankam, erhielt ich die tief erschütternde Nachricht, daß er unterwegs auf dem Schiffe dahingeschieden sei – eine Kunde, die mich in große Trauer versetzte. Aus den Briefen meiner Freunde, die ich zu gleicher Zeit aus meiner Heimat erhielt, ersah ich, daß mein Kollege noch das japanische Meer erreicht und noch vor seinem letzten Atemzuge am Horizont die blauen Gipfel seines teuren Vaterlandes emportauchen gesehen hat. In stiller Wehmut soll er die Heimat mit seinen Blicken verschlungen haben, als wollte er sie tief in sein Herz versenken. Mit den Worten, daß es ihm doch noch vergönnt gewesen, die heimatlichen Berge zu schauen, soll er verschieden sein. Würde er nur noch wenige Stunden gelebt haben, so hätte er noch den Heimatboden betreten und seine Familie begrüßen können. Allein, wie der deutsche Dichter sagt: »Mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten,« das Unglück kommt unerwartet und »rasch tritt der Tod den Menschen an.«

Die Frau und Kinder des Heimgegangenen, die ihn an der Landungsbrücke mit Sehnsucht erwarteten, um ihn nach langer Abwesenheit in ihrer Mitte zu bewillkommnen, konnten nur noch seine leblose Hülle umarmen. Diese herzzerreißende, qualvolle Szene, welche sich entwickelte, soll unbeschreiblich gewesen sein. Mein Freund, der mich hiervon benachrichtigte, schrieb mir, daß ihn selbst der Anblick dieser Trauer so ergriffen habe, daß er mir, statt einer eingehenden Beschreibung, nur noch Tränen hätte senden können. Dieses läßt sich aber auch leicht denken! Ein trostloseres und erschütternderes Bild kann man sich schwer vorstellen. Auch ich kann nicht schildern, wie sehr mein Gemüt bei der Nachricht vom Tode meines Kollegen in Mitleidenschaft gezogen wurde. Als ich meine diesbezüglichen Aufzeichnungen in meinem Tagebuch niederschrieb, war jede Silbe eine Träne!

So hat das unerbittliche Schicksal dafür gesorgt, daß mir auf meiner Reise auch das Traurige nicht erspart geblieben ist.