Tokio – Berlin.

Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt.

Von
Jintaro Omura,
Professor an der Kaiserlichen Adelsschule zu Tokio.

Mit 80 Illustrationen.

Berlin 1903.
Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung.
Das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen ist vorbehalten.

Frau
HELENE VENN
geb. KRAWEHL
in Berlin
in aufrichtiger Verehrung

Der Verfasser.

Vorwort.

Das Buch eines Japaners, von ihm in deutscher Sprache und, wie man hinzusetzen darf, auch in deutscher Art abgefaßt: nichts zeigt uns mehr die engen geistigen Verbindungen zwischen dem Lande eines Humboldt und Kant und dem fernen Reiche der aufgehenden Sonne! Und dieser Fremdling, der mit scharfem Auge Menschen, Landschaften und Dinge prüft und mit sicherer Hand schildert, er weilte verhältnismäßig bloß kurze Zeit unter uns, um hier seine Anschauungen über deutsches Leben und Weben zu vertiefen, die er in seiner Heimat bereits aus Büchern gewonnen. Mit erstaunlicher Leichtigkeit bedient er sich unserer Sprache, ein so gewandtes Deutsch schreibend, daß dem Unterzeichneten nur hier und da eine ganz leichte stilistische Retouche übrig blieb. Ja, die ersten Abschnitte waren in deutscher Fassung bereits auf dem Schiff entstanden, ehe unser Reisender je deutschen Boden betreten.

Freilich hatte Professor Omura sich schon in Japan viel mit deutschem Wissen und den Geheimnissen unseres Sprachschatzes beschäftigt und hat als Lehrer an der Kaiserlichen Adelsschule in Tokio, die zum japanischen Kaiserhofe gehört, auf diesen Gebieten eine rege und fruchtbringende Tätigkeit entfaltet, ebenso an der Deutschen Schule (Doidsugaku Kiohaigaku), einem Gymnasium, das an tausend (japanische) Schüler zählt. Eine deutsche Grammatik unseres Gelehrten erlebte binnen sechs Jahren über 20 Auflagen, woraus am besten die weite Verbreitung unserer Sprache im meerumbrausten japanischen Insellande hervorgeht.

Möchte sein Buch: »Tokio–Berlin« uns und unserer Heimat neue Freunde erwerben in dem zielbewußt emporstrebenden japanischen Reiche, wie es – des darf man gewiß sein – seinem Verfasser bei uns warme Zuneigung für seine liebenswürdige Persönlichkeit und sein ernstes Streben erringen wird. Möchte das Buch ein neues Bindeglied bilden zwischen den beiden so fernen und doch in manchen Zügen viel Gemeinsames aufweisenden Völkern!

Berlin, im Frühjahr 1903.

Paul Lindenberg.

Inhalt.

Seite
Vorwort[V]
I.Abschied und Abfahrt von Tokio–Yokohama[1]
II.Kobe[9]
III.Nagasaki[11]
IV.Shanghai[17]
V.Hongkong[39]
VI.Singapore[51]
VII.Penang[67]
VIII.Colombo[71]
IX.Aden[93]
X.Suez und der Suez-Kanal[108]
XI.Port Said[118]
XII.Neapel[124]
XIII.Allerlei Heiteres und Ernstes aus dem Leben auf dem Schiffe[131]
XIV.Genua[188]
XV.Mailand[196]
XVI.Fahrt durch die Schweiz[206]
XVII.Die ersten Eindrücke in Berlin[209]
XVIII.Aufruf an unsere Jugend[227]

I.
Abschied und Abfahrt von Tokio–Yokohama.

Tokio–Berlin.

Am 6. April des vorvergangenen Jahres trat ich die langersehnte Fahrt nach Europa und damit meine erste große Seereise an. Mit Tagesanbruch stand ich auf, verabschiedete mich von meiner Familie und fuhr dann in Begleitung meiner Verwandten und Freunde nach dem Bahnhof Shinbashi. Kopf an Kopf stand dort die Schar meiner Freunde und Schüler. »Gute Reise!« »Frohe Fahrt!« »Glückliche Wiederkehr!« – so umbrauste es mich von allen Seiten. Das Verabschieden wollte fast kein Ende nehmen, bis ich mich durch die spalierbildenden Reihen meiner lieben Schüler durchdrängte und den Waggon bestieg. Da schlug es halb sieben, ein schriller Pfiff ertönte, und unter den lebhaften Abschiedsgrüßen der Zurückbleibenden setzte sich der Zug in Bewegung. Lange noch lehnte ich aus dem Fenster meines Coupés und schwenkte meinen Hut, bis ich niemand mehr erkennen konnte.

Nach dreiviertel Stunden kam ich in Yokohama an, wohin mir ein großer Teil meiner Tokioer Freunde das Geleit gab. Auch dort auf dem Bahnhof dieselben herzlichen Auftritte wie in Shinbashi – hier wie dort Schüler und Freunde versammelt. Und nun ging's in hellen Scharen nach dem Hafen, wo der Reichspostdampfer »König Albert« vor Anker lag. Auf der mehrere tausend Fuß ins Meer hineingebauten Landungsbrücke stand dichtgedrängt eine große Menschenmenge, durchweg Leute, die ihren nach Europa reisenden Lieben ein letztes Lebewohl zurufen wollten. Außer mir fuhren noch acht Landsleute mit: Herr Dr. Shiratori, Prof. an der Kaiserlichen Adelsschule, Herr Dr. Omori, praktischer Arzt vom Japanischen Roten Kreuz, Herr Musiklehrer Taki, Herr Takahashi, Prof. an der höheren Normalschule, Herr Tanaka, Prof. an der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Tokio, die Herren Studenten Saionji, Miyajima und Kato. Da alle uns bis in die Kajüte begleiten wollten, so herrschte auf der kaum einen Meter breiten Schiffstreppe solches Gedränge, daß schließlich der Eingang abgesperrt werden mußte. Ein Offizier mit zwei Matrosen stand am Fuße der Treppe Posten und ließ nur die Mitfahrenden durch. Mit dem Schlage neun wurden die Anker gelichtet. Rasselnd gingen die Ketten in die Höhe, im Tauwerke schwirrte und knarrte es, Kommandorufe der Offiziere ertönten, die Matrosen nahmen ihre Plätze ein, und unter den Klängen einer deutschen Weise glitt der mächtig dampfende Koloß langsam über die Fluten hin.

In diesem Augenblick tönte von der Brücke her das dreimalige brausende >Banzai< ich stehe am Geländer und überschaue ernsten Auges und bewegten Herzens die rufende Menge. Ich schwinge meinen Hut und grüße zum letzten Male. Größer und größer wird die Entfernung zwischen dem Schiff und dem Land; noch kann ich die Gesichter unterscheiden, noch die Stimmen vernehmen, schon aber klingt das vom Winde herübergetragene >Hurra< wie das leise Summen der Mücken, schwächer, immer schwächer und schwächer wird es, bis es schließlich ganz verschwindet. Die Gestalten der Menschen auf dem Gestade verkleinern sich mehr und mehr, ihre Umrisse werden nach und nach undeutlicher, bis sie sich in das Blaue des Meeres verlieren.

Blick auf den Hafen von Yokohama.

Alles war nun erledigt, und getrosten Mutes fuhr ich in die weite unendliche See hinaus. Befriedigt setzte ich mich auf das Sofa meiner Kajüte – und nun zog ein Bild nach dem andern im Geist an mir vorüber. Ich gedachte des heutigen ereignisreichen Tages und ging dann weiter in die Vergangenheit zurück, lebhaft stand mir wieder die Stunde vor Augen, als ich den Auftrag erhielt, nach Europa zu fahren. Das war am Ende des Jahres, am 28. Dezember 1900. Mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts sollte ich meine Reise antreten. O, welch ein Freudentag war es, als mir der langersehnte Wunsch endlich in Erfüllung ging! Auf zwei Jahre nach Deutschland! Ich, der ich so lange mit der deutschen Sprache mich beschäftigt, der ich mich mit den deutschen Ideen und Anschauungen so vertraut gemacht hatte, ich sollte nun in dem Heimatlande dieser Sprache, dem Ausgangspunkte aller Wissenschaften und der modernen Zivilisation meine Studien weiter fortsetzen und vertiefen! Deutsche Sprache und deutsches Wesen sollte ich nun an der Quelle genauer erforschen und untersuchen können! Werden die Vorstellungen, die ich mir darüber in Japan machte, bei der unmittelbaren Berührung mit den Dingen bleiben oder vergehen? Welche Licht- und Schattenseiten sind dem deutschen Volke eigen? Welchen Einfluß wird das Leben in Deutschland auf mich ausüben? Mit welchen Kenntnissen und Urteilen werde ich den heimatlichen Boden wieder betreten? Alles Fragen, auf die ich Antwort in Deutschland selber zu erhalten hoffte. Ist auch die Zeit von zwei Jahren viel zu kurz, um obige Fragen erschöpfend zu behandeln, so hoffte ich doch, durch eine gute Einteilung und durch ein systematisches Vorgehen alles, was von Wichtigkeit ist, zu besichtigen und zu untersuchen. Möge es mir – das war mein inniger Wunsch – vergönnt sein, diejenige Befriedigung zu finden, welche der schönste Lohn für jeden ernststrebenden Menschen ist! Möge doch mein Aufenthalt in Deutschland unserem Vaterlande zum Nutzen und Segen gereichen! Mögen mir nur Tage ungetrübten Glückes und schöner Erinnerungen beschieden sein, auf daß ich diese zwei ersten Jahre des neuen Jahrhunderts zu den zwei schönsten Perlen meines Lebens zählen kann!

Japanische Landschaft zur Frühlingszeit. (Nach einem japanischen Ölgemälde.)

Blick auf den Fujiyama. (Nach einem japanischen Ölgemälde.)

Und weiter träumte ich, immer weiter. Die Abschiedsaudienz, die höchste Auszeichnung, die der allergnädigste Landesherr, S. Majestät der Kaiser, mir zuteil werden ließ – der Besuch des heiligen Tempels der kaiserlichen Ahnen und Vorfahren, woselbst mir der heilige Trank gereicht wurde – das Gefühl der höchsten Dankbarkeit und tiefsten Ergebenheit, womit ich das kaiserliche Schloß verließ. Ununterbrochen reihten sich daran: große und kleine Abschiedsfestlichkeiten, Einladungen und Besuche, Erledigung vieler angefangener Arbeiten. Und da sehe ich mich mit einemmale wieder in den Vorbereitungen für die Reise. Ja, wache oder träume ich... was kommt denn da zur Tür herein? Aha, der Schneider mit dem dicken Schmerbauch, der Schuster mit der kahlen Platte, der bedächtige Zahlmeister des Agenten, der schlanke Bursche des Spediteurs, die sonnenverbräunten Kulis u. a. m.

Das Schiff, das sich durch alle meine Träumereien nicht hatte stören lassen, fährt ruhig weiter und macht in einer Stunde ca. 15-17 Seemeilen. Ich raffe mich jetzt auf und blicke umher und betrachte mir das, was die Liebe mir mit auf die Fahrt gegeben hat. O, was bin ich doch für ein reicher Mann! Da liegen meine zwei Handkoffer, ein paar Büchsen mit Senbei, eine Kiste mit Konserven, eine Flasche Cognak, zwei Flaschen Wein, roter und weißer, eine Flasche ungarischen Mineralwassers, drei Körbe mit Äpfeln und Apfelsinen, alles noch wild durcheinander. Ich kümmere mich nicht weiter darum, steige auf das Promenadendeck und sehe vor mir die wunderschöne Küste der Provinz Totomi liegen, von den Strahlen der eben untergehenden Sonne matt erleuchtet. Mit Hilfe des Opernglases kann ich noch die Kiefernbäume unterscheiden, die wie Zwerglein mit ausgebreiteten Händen längs des Strandes stehen. Ein recht malerischer Anblick, den ich einrahmen und nach Haus zu meinen Kindern schicken möchte! Unbeweglich verharre ich so geraume Zeit. Die Wasserdünste werden immer dicker, dunkler und dunkler färbt sich der Horizont, bis alles in Nacht und Nebel verschwindet. Nur das Rasseln der Schrauben und das Plätschern der Wogen dringt an mein Ohr und am weiten Himmelszelt erblicke ich ein paar leuchtende Sterne.

II.
Kobe.

Straße in Kobe.

Am zweiten Tage vormittags um 9 Uhr lief das Schiff in den Hafen von Kobe ein. Ich hatte die Absicht, nach Kioto zu fahren, um Sr. Durchlaucht dem Prinzen Konoye, unserm Präsidenten, der sich zur Zeit dort aufhielt, einen Besuch abzustatten; da aber der Dampfer wider Erwarten nur bis zum Abend vor Anker lag, so mußte ich diesen Plan aufgeben. Ich beschränkte mich daher auf Anraten meines Reisegefährten, des Herrn Dr. Erdmannsdörffer – früher Lehrer am Gymnasium in Kumamoto und später an der Kadettenschule in Tokio – einen berühmten Porzellanladen Bankinzan zu besichtigen. Ich sah dort viele schöne Porzellane, welche sämtlich in der Provinz Satsuma weiß gebrannt und in Kobe fein bemalt unter dem Namen Satsumayaki sehr viel verkauft werden. Besonders fiel mir ein kleines Tellerchen auf, das mit tausenden von Schmetterlingen bemalt war, und zwar so fein, daß man sie nur mit Hilfe einer Lupe beobachten konnte, ebenso ein kleiner Becher mit vielen hunderten spielender Knaben. Diese in Kobe bemalten Satsumaporzellane sollen in Europa einen hohen Liebhaberwert haben, meinem Geschmack sagen sie aber wenig zu, denn sie sind, meiner Ansicht nach, zu überladen. Die ungeheuer mühevolle Arbeit ist ohne Zweifel daran bewundernswert, aber das, was uns gefällt, ist das einfach Vornehme.

Mit der Besichtigung war ich gegen Mittag fertig. Es blieb mir daher noch ein halber Tag übrig; ich nutzte die Zeit am besten so aus, daß ich einen Abstecher nach Osaka machte. Osaka ist eine sehr belebte Fabrikstadt, damit ist aber auch alles gesagt. Dem Auge bietet sie nichts Besonderes dar: eine Menge Schornsteine – enge Gassen – Gräben – Kanäle – hölzerne Brücken – großes Leben auf den Straßen... das ist Osaka. – Von dem vielen Umherlaufen müde, langte ich abends in Kobe wieder an und ging sofort an Bord, wo sich zu meiner großen Freude unsere japanische Kolonie um einen Landsmann vermehrt hatte. Mit dem neuen Ankömmling, Herrn E. Otani, dem jüngeren Bruder des gleichnamigen Grafen von Higaschihonganji, waren wir also jetzt im ganzen zehn Japaner.

III.
Nagasaki.

Das berüchtigte Genkainada oder die schwarze See, der gefährlichste Teil des japanischen Meeres, war diesmal glatt wie ein Spiegel. Das volkstümlich gewordene Lied, daß selbst Vögel nicht imstande seien, über dieses schwarze Meer hinwegzufliegen – Torimo kayowanu Genkainada – traf diesmal Gott sei Dank nicht zu, denn wir kamen schon am 6. April früh morgens wohlbehalten in Nagasaki an. Hier sahen wir im Hafen je einen deutschen, französischen und russischen Kreuzer liegen; ein paar andere Kriegsschiffe ankerten so weit entfernt, daß wir die Flaggen nicht erkennen konnten. Fast gleichzeitig mit unserem Dampfer lief auch eine englische Fregatte ein, deren eherner Gruß von den im Hafen liegenden Schiffen erwidert wurde. Der Donner der Kanonen und der aufsteigende Pulverdampf, in dessen Mitte wir uns befanden, galt für uns als eine erquickende Unterbrechung der eintönigen Wasserfahrt und wir ließen unsere Augen gern an diesem Schauspiel weiden.

In Nagasaki besah ich mit meinen Landsleuten die Schiffswerft des Mitzubishikaisha, eine Privatanstalt des Baron Iwasaki. Ein Dampfer von 6000 Tonnen, der als Schwesterschiff des Sanukimaru für den Nippon-Yusenkaisha bestimmt ist, war gerade im Bau begriffen. Der Kiel war schon gelegt und die Hälfte des riesigen Rumpfes stand fertig da. Im Dock lag ein französisches Kanonenboot zur Ausbesserung. Nachdem wir die Gießerei, Schlosserei, Drechslerei, Tischlerei, kurz, alle Werkstätten der Reihe nach angesehen hatten, führte man uns in eine Schule, die eigens für die Knaben der zu dieser Schiffswerft gehörenden Beamten und Arbeiter errichtet ist. Das steinerne massive Schulgebäude ist nach englischem Muster aufgeführt und sah weit schöner aus, als manche Staatsschulen in Tokio. Die Ausstattung (Tische, Bänke, physikalische und chemische Apparate, Wandkarten u. s. w.) war gut geordnet und entsprach im großen und ganzen modernen Anforderungen. Was die Personalverhältnisse anbelangt, so konnte ich bei der Kürze der Zeit nichts Genaueres erfahren; die Schule selber scheint so gedacht zu sein, daß sie außer der Einprägung des allgemeinen Wissens die Heranbildung künftiger Fachleute für die Schiffswerft ins Auge faßt. Hoffentlich wird die Schule sich noch weiter entwickeln und gedeihen.

Blick auf Nagasaki.

Zu Mittag aßen wir in einem Teehause Geiyoro mit gutem Humor und gutem Appetit die echt japanisch zubereiteten Speisen; diese dürften wohl auf zwei Jahre die letzten sein. Wir langten also tüchtig zu und würzten das Mahl mit ein paar Fläschchen Sake. Auch das Auge blieb nicht unbefriedigt, denn uns zu Füssen dehnte sich die Stadt und weiter hin das Meer aus. Vor uns lag stolz und majestätisch auf der Rhede unser »König Albert«, der sich in der Umgebung der anderen Schiffe wie ein gewaltiger Riese ausnahm. Ob es uns auch so ergehen wird, wenn wir von Europa aus unser Vaterland betrachten? Ob unser Vaterland mit anderen europäischen Ländern verglichen uns recht groß erscheinen wird und seine Schönheiten ihnen gegenüber noch mehr hervortreten werden?

Ehe wir an Bord gingen, stampften wir wie zum letzten Gruße mit festem Tritt den heimatlichen Boden, denn Nagasaki ist ja der letzte japanische Hafen. Früh morgens, den 10. April, wurde der Anker gelichtet, und bald hatten wir das prächtige Panorama hinter uns – da plötzlich ..... ja, was war das? Welch' eine süße Weise dringt an mein Ohr? Ich blicke umher und sehe nicht allzuweit von unserem Schiff einen englischen Kreuzer vorbeifahren und auf seinem Verdeck spielt die Musik ein Lied:

»Hotaruno Hikari Madono Yuki

Fumiyomu Tsukihi kasanezuzu.«

Ein japanisches Lied – auf dem englischen Schiffe? Wie kommt denn das aber? Mein Reisegefährte, Herr Musiklehrer Taki, kam mir zu Hilfe und sagte mir, daß das wohlbekannte japanische Lied nach der Melodie der englischen Nationalhymne komponiert sei. Wie in Andacht versunken stand ich auf dem Verdeck und hörte wonnetrunken den holden Klängen zu. O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder, die ich zu Hause so manchesmal von der fröhlichen Jugend habe singen hören! »Musik im besten Sinne bedarf weniger der Neuheit, ja vielmehr je älter sie ist, je gewohnter man sie ist, desto mehr wirkt sie«, hat Goethe gesagt und er hat recht; denn die Melodie, an welche mein Ohr so lange gewöhnt ist, übte jetzt auf mich eine so große Wirkung aus – mag sie auch nach der englischen komponiert sein oder nicht, der Erfolg ist und bleibt für mich derselbe. Jetzt, wo wir von der lieben Heimat Abschied nehmen – ein japanisches Lied zu hören! Mit Entzücken lauschte ich der mehrmals wiederholten Melodie und unwillkürlich kamen mir die Worte in den Sinn, die einst Schiller gesungen:

»Was ahnungsvoll den tiefen Busen füllet,

Es spricht sich nur in meinen Tönen aus;

Ein holder Zauber spielt um deine Sinnen,

Ergieß ich meinen Strom von Harmonien;

In süßer Wehmut will das Herz zerrinnen,

Und von den Lippen will die Seele fliehen;

Und setz' ich meine Leiter an von Tönen,

Ich trage dich hinauf zum höchsten Schönen.«

(Huldigung der Künste.)

Der Kreuzer war längst meinen Blicken entschwunden, längst war die liebe Weise verhallt und nun blickte ich zurück, wo im Osten noch die grünen Gipfel der heimatlichen Berge emporragten, als ob sie mit ihrem Grün mir die Hoffnung zu einer glücklichen Reise einflößen wollten. In voller Begeisterung nahm ich den Hut ab, nahm in Gedanken den letzten Abschied von dem Lande, wo meine Wiege stand und wo ich mein Teuerstes gelassen. Lange verweilte ich so, bis die Gipfel, von dem Schleier des immer höher aufsteigenden Meeres umhüllt, am Horizont verschwanden. Immer und immer wieder wandte ich mich um, um mir dieses entzückende Bild und dieses Gefühl der Begeisterung unauslöschlich einzuprägen. Vor mir lag wie eine unendliche Ebene ausgebreitet das ruhige spiegelglatte Meer und über dem ewigen Meer die unendliche Bläue.

IV.
Shanghai.

Am 12. April rasselte der Anker herab. Anfangs glaubten wir die große chinesische Hafenstadt Shanghai vor uns zu haben, es war aber nur das kleine Städtchen Wu-sung, das an der Mündung des Yantsekiang liegt; eine halbstündige Dampfbootfahrt auf dem Wusungflusse, einem sehr breiten, tiefen Nebenflusse des Yantsekiang, war erforderlich, wenn wir Shanghai besehen wollten. Da der Dampfer eine große Ladung einzunehmen hatte und es uns infolgedessen vergönnt war, den ganzen folgenden Tag hier zu verweilen, so verzichteten wir auf die Bootfahrt für heute und zogen es vor, an Bord zu bleiben, um morgen in aller Frühe mit desto größerem Genuß einen Streifzug auf dem Land unternehmen zu können. Wir betrachteten vom Schiff aus mit Erstaunen den riesengroßen Strom, dessen mächtige, sich weit erstreckende Mündung eher den Namen eines Meeres zu verdienen scheint. Mehr noch als diese gewaltige Breite setzt den Fremdling etwas anderes in Erstaunen: die schmutzig-gelbe Flut. Die beiden Ufer, die infolge der großen Entfernung kaum sichtbar sind, machen die graue Wasserwüste nur noch grauer. Schon der alte chinesische Ausdruck »Shitoku«, d. h. die vier Unsauberkeiten, womit man die vier größten Ströme Chinas, den Kasui, Kosui, Waisui und Shisui, bezeichnet, beweist, daß ihr Anblick selbst den eingebornen Chinesen seit Jahrhunderten her nicht gerade angenehm war. Mit Kasui wird Hoangho oder der gelbe Fluß, mit Kosui der Yantsekiang, mit Waisui der Whaiho und mit Shisui der Shuho bezeichnet. Das chinesische Sprichwort: »Hundert Jahre warten, bis die gelbe Flut klar wird,« womit man die Unmöglichkeit einer Sache bezeichnet, läßt uns annehmen, wie außerordentlich trübe und unrein die Schlammflut sein muß. Daß die Chinesen in den Strömen das Symbol des Unsauberen und Widerwärtigen, des Schmutzes und Abscheus sehen, ist sehr charakteristisch.

Wenn es richtig ist, daß der Charakter der Menschen von der ihn umgebenden Natur beeinflußt wird, so kann man sich nicht wundern, daß sehr viele Söhne des Reiches der Mitte so schmutzig sind. Sollten die beiden hervorstechenden Züge im Charakter der Chinesen: Unsauberkeit und Gewinnsucht, welche beide untereinander wieder in einem engeren Zusammenhang stehen, nicht in dem grauen, den Schmutz und Staub aller Jahrhunderte aufwühlenden Wasser ihren Ursprung haben? Wie der Strom – so das Volk! Und welch ein erhebendes Gefühl nun, wenn wir damit unsere heimischen Gewässer vergleichen, wo jeder Bach, Fluß oder See durchsichtig wie ein Krystall ist und so rein und ungetrübt sich hält, daß man bis auf den Grund sehen kann. Und so sind auch die Menschen. Bei uns ist die Reinlichkeit und Sauberkeit eine der größten Tugenden, die den Bürger zieren, und mit dieser Tugend verknüpft sich auch eine Reihe von schönen Eigenschaften, wie z. B. jene unsrem Volke so eigentümliche Freigebigkeit, die kein Opfer scheut und die schnöde Gewinnsucht verachtet.

Pagode bei Shanghai.

Während wir so im Freundeskreise unsere Meinungen austauschten, wurde uns ein Besuch gemeldet: Ein Herr N. vom Kajimayoko in Shanghai. Dieser Herr war eigens an Bord gekommen, um uns zu einer Besichtigung von Shanghai abzuholen. Da wir aber, wie bereits erwähnt, den Besuch der Stadt auf morgen verschoben hatten, so blieb er die Nacht bei uns an Bord zu Gast.

Am nächsten Morgen früh fuhren wir mit einem Dampfer stromaufwärts; bald tauchten die beiden flachen Ufer des Wusungflusses als schmale Streifen am Horizont auf. Allmählich kamen wir näher und nun konnten wir die Umgebung genauer ins Auge fassen. Auch hier ein ödes trostloses Grau, das mit dem Flusse zu wetteifern scheint. Das einzig Grüne, das sich grell von dem Grau abhebt und unsere Augen einigermaßen erfreut, ist die Flußweide, die hier zwar nicht kräftig, doch hinlänglich gedeiht. Weiter oben lassen sich hier und da regellose Gebäudemassen erkennen, aus denen einige hohe Häuser mit ihren freundlichen Fenstern uns entgegenleuchten.

Nach dreiviertelstündiger Fahrt kamen wir endlich in Shanghai an. Der Wusungfluß ist hier 400 bis 500 Meter breit und so tief, daß er imstande ist, Schiffe von bedeutendem Tonnengehalt zu tragen, so sahen wir hier zu unsrer großen Freude das japanische Kriegsschiff »Maya« und weiter hinten einen Dampfer »Hakuaimaru«, der in Diensten des japanischen Roten Kreuzes steht und zur Zeit des japanisch-chinesischen Krieges als Hospitalschiff gute Dienste geleistet haben soll, vor Anker liegen. Noch einige Kriegsschiffe und mehrere Postdampfer, welche zum Teil den Engländern gehörten, waren sichtbar und gewährten einen imposanten Anblick. Hoch auf dem Mast des »Maya« flatterte die Toppflagge mit der lieblichen Sonne uns entgegen. Das Gefühl, fern der Heimat in einer fremden Welt unsere Flagge zu erblicken, ist in der Tat etwas, was das Herz erhebt; der edle Stolz, der uns innewohnt, ein Angehöriger des schönen Landes zu sein, der nationale Gedanke, von welchem jeder Patriot so sehr beseelt ist, begeisterten uns, wir schwangen die Hüte, schwenkten die Tücher und begrüßten so unsere Flagge, und unser lautes Hurra wurde von den auf den Rahen stehenden Matrosen freudig erwidert. Unsere Marine, die sich in den letzten fünf Jahren außerordentlich schnell entwickelt hat, weiß sich in ihrer jetzigen Gestalt fern und nah Achtung und Geltung zu verschaffen, was aber diejenigen, die zu Hause kauern und der Ruhe pflegen, leider nicht gewahr werden. Auch ich gehörte einst zu jenen, auch ich war der Meinung, daß es töricht sei, gerade für das unproduktivste Glied eines staatlichen Körpers – für Militär und Marine – die meisten Mittel zu bewilligen; bei diesem Anblick fühlte ich mich aber nicht wenig betroffen und aus der Kehle drang mir unwillkürlich der Ruf: »Unsere Marine lebe hoch! hoch! hoch!« in den meine Gefährten fröhlich einstimmten.

Der »Bund« in Shanghai.

Oberhalb des kaiserlich japanischen Konsulatgebäudes landeten wir und bestiegen drei elegante Equipagen. Der erste Besuch galt dem Kajimayoko. Bald wurden wir mit den bei dieser Firma angestellten Landsleuten bekannt, schrieben Briefe, Ansichtskarten u. s. w. und fuhren dann mit unserem Begleiter in die Stadt. Diese bedeutendste Handels- und Hafenstadt Chinas, welche durch viele Flüsse und Kanäle mit den Seen im Innern, dem Kaiserkanal und dem Yantsekiang in Zusammenhang steht und ca. 500 000 Einwohner zählt, wurde vor etwa sechzig Jahren von den Engländern erobert und dem Fremdenverkehr übergeben. Bald darauf wurde der Hafen auch für den auswärtigen Handel eröffnet, und seitdem ist die Stadt in raschem Aufschwunge begriffen. Sie zerfällt in zwei verschiedene Teile, nämlich in die Altstadt Shanghai, die eigentliche Chinesenstadt, wo das Gouvernement liegt, und in die Neustadt oder die Fremdenstadt.

Das »Iltis«-Denkmal in Shanghai.

Es war dies das erste fremde Land, das ich betrat. Entgegen den Vorstellungen, die wir von Haus mitgebracht hatten, machte die Neustadt einen außerordentlich einladenden, modernen Eindruck. Sie ist verhältnismäßig weitläufig gebaut; die Häuser stehen nach dem Strome zu in dichten Reihen nebeneinander, nach der Innenseite zu aber werden sie lichter. Sie sind zum Teil aus Steinen hoch aufgebaut, die Straßen sind größtenteils gepflastert, ziemlich breit und teils mit Trottoirs versehen. Besonders schön ist der sogen. »Bund«, von den Chinesen Wan-poutang genannt, eine Straße, welche am Wusungflusse entlang führt und größtenteils von Engländern bewohnt wird. Hier erhebt sich eine Reihe stattlicher Gebäude: der englische Gerichtshof, der englische Klub, mehrere Konsulate, Banken usw. Auch mehrere japanische Firmen, wie die Filiale der Yokohama Speciebank, die der Nippon-Yusenkaisha und noch einige andere, sind hier zu finden. Der Speciebank gegenüber sehen wir auf einem frischgrünen Rasenplatz des Parkes das deutsche »Iltis«-Denkmal. Dieses sehr schöne Monument, das zum Andenken an den heldenhaften Untergang der »Iltis«-Mannschaft errichtet wurde, besteht in der Hauptsache aus einem metallenen abgebrochenen Mast, dem der Rest des »Iltis«-Wracks als Modell gedient hat.

Personenkarren in Shanghai.

Die sogenannte French Town, dann die britische, amerikanische und Hang-kou Settlements liegen der Reihe nach nebeneinander. Hohe massive Häuser, teils in englisch-indischem Baustil aufgeführt, und prächtig ausgestattete Verkaufsläden mit Schaufenstern reihen sich aneinander; auch Kirchen mit hohen Türmen ragen empor und laden mit ihrem ernsten feierlichen Glockenklang die Andächtigen ein. Die Straße ist äußerst belebt: vornehme Damen in modisch feiner Tracht, elegante Herren im hohen Cylinder gehen und kommen; zahllose Equipagen und Droschken rollen hin und her; dazwischen drängen sich seltsame, von keuchenden Chinesen geschobene Personenkarren und leichte Fahrräder; unter Trommelschlag und Musik marschieren die Soldaten, japanische, englische, französische, alle in den Uniformen ihrer Nation, schwarz, blau, grau etc. angezogen – ein buntes Bild, von dem sich die Augen schwer trennen können (wegen der Wirren in Nordchina waren Truppen verschiedener Nationen in Shanghai einquartiert). Wie wir so dahinfuhren, wähnten wir fast, wir seien schon in der uns vorderhand noch fremden Welt einer europäischen Stadt; indessen mahnten uns die Chinesen daran, daß wir uns noch nicht weit von unserer Heimat entfernt hatten.

Englische Kavallerie in Shanghai.

Straße in Shanghai.

Wir fuhren durch einige Straßen der Neustadt, wo zu beiden Seiten viele chinesische Verkaufsläden stehen, und hatten Gelegenheit, das Straßenleben der Chinesen in Augenschein zu nehmen. Die Straßen sind ziemlich schmutzig, voller Lärm und Gedränge. Die Häuser sind größtenteils aus Holz gebaut und mit grellen Farben angestrichen; rot, die Lieblingsfarbe der Chinesen, wiegt vor, es findet auch grün und gelb große Verwendung. Aus den Fenstern sieht man hier und da Wäsche, alte Kleider u. dergl. herunterhängen, die, über den Häuptern der Vorbeigehenden gemächlich flatternd, zu dem Schmuck der Stadt in seltsamer Weise beitragen. Die Verkaufsläden sind meist offen und am Eingang hängen Schilder von verschiedener Farbe und Form, worauf allerlei Worte, meistens langatmige Erklärungen oder großsprecherische Lobpreisungen des zu verkaufenden Gegenstandes, zu lesen sind. Als Einfuhrartikel werden Opium, Wolltuche, Metalle, Lampen, Uhren, Zündhölzer, Petroleum u. s. w., als Ausfuhrartikel Seide, Tee, Baumwolle, Felle, Schweinsborsten, Strohgeflechte, Talg u. s. w. gehandelt.

Chinesischer Schuhmacher.

Unter den Verkaufsläden trifft man auch nicht wenige, in denen Fett- und Eßwaren feilgeboten werden; auch getrocknete Fische, Gemüse, Früchte u. s. w. liegen lockend ausgebreitet zum Verkauf. Hier drängen sich viele Käufer, Städter wie Landleute, grell geschminkte Frauen in bunten Gewändern, geputzte Männer mit langen Zöpfen, jeder nach seinem Geschmack gekleidet. Ferner findet man auch manch' schöne, nach europäischem Muster eingerichtete Häuser mit Schaufenstern, die einheimische wie importierte Fabrikate bergen und wo man wirklich gute Waren beziehen kann; aber im allgemeinen haben die chinesischen Kaufläden und das Straßenleben, wie lebhaft sie auch den neugierigen Augen eines Fremden erscheinen mögen, ein düsteres, träges und unsauberes Aussehen.

Wir fuhren nun geradenwegs durch die Straße Damaro, auch Nankinro genannt, zu deren Seiten sich die meisten eleganten Verkaufsläden, europäische und chinesische, vorfinden, und gelangten in den Lustgarten Gu-En[1]. Dieser Garten, den der Besitzer vielleicht aus Bescheidenheit so genannt, sollte wahrhaft wundervoll angelegt sein, aber leider war er nicht imstande, japanische Augen zu erfreuen; da er weder etwas Schönes noch Neues bot, so verlohnt es sich nicht, ihn ausführlich zu beschreiben. Ein paar Baumgruppen, deren fahles Grün nicht gerade anziehend wirkt, ein altes Gebäude chinesischen Stils, das so aussah, als wäre es nie mit einem Besen in Berührung gekommen, ein kleiner Teich mit trübem Wasser, worin etliche Goldfische ein elendes Dasein führten, einige komisch geformte Felsblöcke, die als Zeugen einer rohen plastischen Arbeit dastehen, und am Ausgang eine Art von Theater, in welchem dann und wann chinesische Operetten aufgeführt werden... das ist wohl alles, was man hier zu sehen bekommt. – Zwei Dinge fielen mir hier besonders auf: ein paar Opiumstuben – sehr einfache, meist nur mit einem Sofa ausgestattete Zimmer. Dort legt sich dann der Chinese aufs Ruhebett, raucht Opium und verträumt im Zustand der Betäubung den lieben langen Tag. Und weiter: ein paar irdene Becken, die im Garten unter freiem Himmel standen und eine dunkle trübe Masse enthielten. Ich glaubte, die Flüssigkeit sei zum Begießen der Pflanzen da, aber zu meinem Erstaunen erfuhr ich, daß sie zum – Trinken aufbewahrt werde. Echt chinesisch!

Im chinesischen Teelokal in Shanghai.

Nicht weit von Gu-En liegt Cho-En, ein in europäischem Stile aufgeführtes Gebäude, woselbst den Gästen Tee serviert wird – ein Teehaus im strengsten Sinne des Wortes; es hat einen geräumigen, mit den Farben aller Nationen geschmückten Salon und sieht ganz nett aus; vor dem Hause breitet sich ein frischer grüner Rasenstreifen aus und ladet den Vorübergehenden zum Besuche ein. In nächster Nachbarschaft sahen wir auch eine mit allem Zubehör ausgestattete Kegelbahn.

Die Equipage führte uns nun nach Shumaro oder Fukushuro, die in einer gewissen Bedeutung »feinste« Straße Shanghais; ein Karasumori oder Yanagibashi in Japan, wo viele tausende jener berühmten Shanghaier Sängerinnen wohnen und wo die »feinen« Herrschaften so gerne spazieren gehen, um zu sehen und gesehen zu werden. Hier liegt auch das Teehaus Kiokaro, in welchem wir zu Mittag aßen. Es ist dies eines der besten Wirtshäuser in Shanghai. Die ganze japanische Kolonie »König Alberts«, zehn an der Zahl, mit unserm Begleiter und einem Chinesen, der bei der Firma Kajimayoko angestellt ist und inzwischen von uns zur Tafel eingeladen war, nahmen nun mit knurrendem Magen an dem runden Tische Platz und harrten in gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Einen Speisezettel freilich gab es nicht, und wenn es auch einen gegeben hätte, würde er uns wenig genützt haben, da uns die Namen der Gerichte fremd waren. Die Speisen werden in verschiedene Klassen eingeteilt und danach bestellt; aber was jede von ihnen enthält, das gehört zu den Geheimnissen des Koches. Nichts blieb uns weiter übrig, als diesem die Wahl mit der stillen Hoffnung zu überlassen, daß nicht nur das Gute von oben, wie es in der »Glocke« von Schiller heißt, sondern auch von unten aus der Küche kommen möge. Zuerst wurde uns eine Tasse Tee serviert, nach wenigen Minuten kam die Suppe zum Vorschein und nun folgten verschiedene Sorten von Fettspeisen, worunter Speck die Hauptrolle spielte, ferner gebratene Fische von zwei, drei verschiedenen Arten, Hummer, Muschel, Geflügel, Lammfleisch, fast alles mit Öl und Fett zubereitet, Fadennudeln, Gemüse und, was unter anderm auffiel, Schwalbennester, Haifischflossen, Walfischbart u. a. m. – alles Erzeugnisse, die zu den Delikatessen der Chinesen gehören. Zum Schluß gab es wiederum Suppe und dann gekochten Reis, Gebäck, Früchte u. s. w. Diese Speisen werden in einer großen Schüssel mitten auf die Tafel gestellt und jeder nimmt sich selbst daraus auf das eigene Tellerchen, das bei jedem Gange von dem Servierkellner gewechselt wird.

Chinesischer Koch.

Mit wahrem Heißhunger machten sich alle daran, aber einigen wollten schon nach den ersten Gängen die Speisen nicht in den Gaumen hinein, da sie das allzu Ölige und Fette nicht ertragen konnten, wieder einige hatten nach acht bis neun Gängen den Magen voll und konnten nicht weiter. Ich, der in dem Kampfe mit Leckerbissen bisher den Rücken nicht hatte sehen lassen, focht auch hier in aller Tapferkeit mit zwei Stäbchen – denn Gabel und Messer gab es nicht – gegen die hintereinander losrückenden Feinde, aber schon bei dem elften Zusammenstoß hatte ich einen harten Kampf zu bestehen. Bei dem zwölften Angriff entschwand mir endlich der Mut, und vollgestopft wie ein Maltersack konnte ich weder gehen noch stehen, ich schnaufte nur und saß unbeweglich da. Selbst wenn alle Schätze des persischen Königs hier vor meinen Füßen gelegen hätten, würde ich meine Hand nicht danach ausgestreckt haben, um sie aufzuheben, denn auch bei der leisesten Bewegung drohte der überspannte Sack zu zerplatzen! Doch zwei von uns haben wacker gestritten bis zum 17. und letzten Angriff für die Ehre unserer Kolonie; daß dies aber ein Kampf auf Leben und Tod war, verriet schon der Schweiß, der von ihren Stirnen herabrollte. Unser langzöpfiger Tischgenosse war, als die Haifischflossen aufgetragen wurden, fortgeschwommen und ließ sich nicht mehr sehen, was uns sehr leid tat. Er schien über unsere Unterhaltung verstimmt zu sein; wir hatten nämlich u. a. gesagt, daß die Sauberkeit der Chinesen sehr zu bewundern sei, insbesondere beim Essen; denn sie lecken fortwährend ihre Stäbchen ab und fahren dann wieder in die gemeinsame Schüssel hinein, so daß die darin befindliche künstlich zubereitete Sauce sich mit der natürlichen ihres Mundes vermischt und so einen chemischen Prozeß durchzumachen scheint. Später hörte ich zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß es bei den Chinesen Sitte sei, beim Essen die Stäbchen schön abzulecken, und daß derjenige, der seinen Tischgenossen eine besondere Aufmerksamkeit erweisen will, dies auf chinesische Art nicht besser bezeigen zu können glaubt, als daß er seine Stäbchen möglichst gut ableckt. Wirklich eine recht feine Sitte, die vom Gesichtspunkt der Bakteriologie sehr zu empfehlen ist! Wahrscheinlich verdanken die deutschen Wörter »Lecker«, »Leckerei«, »Leckerbissen« u. s. w. ihren Ursprung den Chinesen! – Eins möchte ich hier noch hinzufügen, daß nämlich alle Speisen ohne Ausnahme warm aufgetragen werden; kalte und rohe Speisen, wie unser Sasimi, kennt man dort überhaupt nicht; daß sogar Wasser nur in heißem Zustande getrunken wird, ist bekannt. Besonders fiel mir noch auf, daß während des ganzen Mahles die Chinesen in einem fort getrocknete Melonenkerne aßen, die sich in einer gemeinsamen Schüssel in der Mitte des Tisches befanden. – Noch eins: wir wurden bei der Tafel leider der zweifelhaften Ehre nicht teilhaftig, von jenen reich geschmückten und doch so leichten elastischen Gestalten bedient zu werden.

Im großen und ganzen muß ich doch sagen, daß die chinesischen Köche ihre Kunst sehr gut verstehen. Von der geschickten Zusammenstellung des so viele Gerichte umfassenden Mahles abgesehen, ist auch die Zubereitung gut; ja, man wäre versucht, es dem japanischen beinahe vorzuziehen, wenn nicht zu viel Fett und Öl verwendet würde. Mit dem europäischen und chinesischen Mahl verglichen, ist unser japanisches einfacher. Das chinesische ähnelt mehr dem europäischen und ist ebenso nahrhaft und gehaltreich. Übrigens war das Essen, das wir an jenem Tage genommen, ein kantonsches, was dem europäischen verwandter ist, wie das nankinsche, das als ein echt chinesisches dem Gaumen der Eingeborenen wohl bekommen soll, aber nicht dem unsrigen. Unsere Köche verstehen zwar das Kochen an sich ganz gut, sie sollten aber ihr Augenmerk doch auf die Zubereitung und Zusammenstellung recht kräftiger und nahrhafter Kost richten. Ein Gericht z. B. wie das Kuchitori – jene kuchenartige, buntaussehende süße Speise – sollte ganz abgeschafft werden, da es eher den Augen als dem Magen zur Erquickung dient.

Das einzige, was bei der chinesischen Mahlzeit abstößt, ist eben die Unreinlichkeit, die auch hier, wie überall beim Chinesen, an den Tag tritt. Die Überreste von Speisen, wie Gräten, Knochen, Schalen u. dergl., werden während des Essens im Wirtshause von allen Gästen ohne weiteres unter die Tafel geworfen; die beiden anderthalb Fuß langen Stäbchen und überhaupt die Eßgeschirre sollte man selbst mit der Serviette vorher sorgfältig reinigen, so unheimlich sehen sie aus; die Servietten bieten manchmal ein derart trauriges Aussehen, daß man sie lieber unbenutzt läßt. Schlimmer als diese sind aber die heißen Tücher, womit man während des Essens den Mund von allem Fett und Öl abwischt; sie werden, ohne irgendwie ausgewaschen zu werden, in kochendes Wasser getan und in heißem Zustande den Gästen mehrere Male dargereicht; sie machen also einen Kreislauf bei vielen Gästen, fühlen sich infolgedessen etwas klebrig an und haben gerade keinen angenehmen Geruch.

Etwas möchte ich hier einfügen über jene Klasse der Chinesen, die durch ihr elendes Handwerk, vor allem aber durch ihre Schmutzigkeit und Dreistigkeit auffallen, ich meine die Kulis. Sie stehen fast überall mit ihrem von Japan importierten Rollstuhl, Jinrikisha, auf der Straße und fordern jeden Vorübergehenden zum Einsteigen auf; besonders wenn sie einen Fremden gewahr werden, machen sie für eine kurze Strecke Weges eine unmäßige Forderung und suchen ihn tückisch und hinterlistig zu übervorteilen. Ihre Forderung lassen sie auch auf ein Drittel ihrer ersten Ansprüche herabhandeln, aber sobald sie ihre Tour gemacht haben, bitten sie dreist und zudringlich um Trinkgeld oder fordern, trotz der vorhergegangenen Unterhandlung, das Doppelte und Dreifache. Wenn sie dann abgewiesen werden, kommen sie noch eine Strecke Weges hinterher gelaufen und betteln immer wieder oder schimpfen und schreien, bis man am Ende genötigt wird, mit dem Stock ihrer Forderung Genüge zu tun. Daß Menschen dieser Art von den dort lebenden Europäern wie Tiere angesehen und demgemäß behandelt werden, ist vom allgemeinen menschlichen Standpunkte bedauerlich, unter den obwaltenden Verhältnissen aber verständlich. Zwar haben wir in Japan auch eine Klasse solcher Kulis, diese sind jedoch weit artiger und zuvorkommender als jene. Schon ihr Aussehen verrät, daß sie mit ihren Kollegen in China nichts gemein haben. In leichten, fest anschließenden schwarzen Jacken, bedeckt bis zu den Füßen, stehen sie bei uns an einer Seite der Straße auf dem ihnen zugewiesenen Platze und warten bescheiden, bis ein Vorübergehender sie anruft. Und wie flink sie ihr Handwerk üben! Wie der Blitz fliegen sie mit ihrem Rollwagen die Straße dahin, als ob sie die darauf sitzende schwere Last garnicht spürten, während die chinesischen in weiten, blau auf grau gestickten, losen Lumpen die Straße dahintappen; daß der Knüttel in den Händen der Polizisten mit diesem Gesindel gute Bekanntschaft unterhält, ist daher leicht erklärlich.

Indischer Polizist in Shanghai.

Eine Eigentümlichkeit von Shanghai sind die verschiedenartigen Polizisten, die aus Engländern, Franzosen, Amerikanern, Chinesen und Indern bestehen. Die indischen Polizisten gewähren einen schönen Anblick; sie zeichnen sich durch ihre stattliche Gestalt aus, sind groß, kräftig, ganz braun, tragen einen schwarzen Vollbart, sind europäisch gekleidet und gehen mit einem Knüttel in der Hand gravitätisch die Straße einher. Was den Reiz dieser Erscheinung noch erhöht, ist der ungeheuer große Turban. Selbst der kleinste von ihnen scheint zwei Meter groß zu sein – wahrlich, herkulische Gestalten! Ihr muskulöses Aussehen verleitet zu der Annahme, daß sie ganz geeignet seien, einen Löwen zu bändigen, daß sie also spielend mit einem Verbrecher fertig würden. Aber wie ich höre, soll dies in Wirklichkeit nicht der Fall sein, denn so ein Herkules soll feige sein und Reißaus nehmen, wenn ihm etwas Ernstes in den Weg tritt. Was ihre Verstandeskräfte anlangt, so sollen sie auch leider würdige Sprößlinge ihres Stammes sein, denn wenn ihnen irgendwie schwierige Aufgaben gestellt werden, so wissen sie sich keinen Rat. Zwar können sie unterscheiden, was schön und häßlich, was gut und schlecht ist, wenn sie es mit eigenen Augen angeschaut haben, darüber hinaus geht jedoch ihre Urteilskraft nicht. Ihr langzöpfiger Kollege, der chinesische Polizist, scheint in manchen Stücken geschickter zu sein, obwohl er nicht so gut aussieht. Kurz, der indische Polizist ist mehr zum Paradieren da. Einen guten Zug hat er aber außerdem doch, und das ist seine Unparteilichkeit. Die weißen Polizisten sind, wie man sagt, nur zu leicht geneigt, in strittigen Fällen die Partei ihrer engeren Landsleute zu ergreifen; das tut aber der indische Polizist nicht, sondern hält sich in lobender Weise neutral.

Wie im Fluge war die Zeit dahin geschwunden und darüber war es Abend geworden. Unsere Absicht, noch die Altstadt zu besichtigen, wurde leider durch einen starken Regen vereitelt, deshalb traten wir die Rückfahrt nach dem »König Albert« an, den wir erst spät in der Nacht erreichten. Aber wir alle fühlten uns von dem Verlauf des Tages durchaus befriedigt, so daß ihn jeder von uns in seinem Tagebuch als einen genußreichen aufzeichnen konnte.

V.
Hongkong.

Die Hitze, die wir bisher in der frischen Seeluft nicht gespürt hatten, machte sich schon recht bemerkbar, als unser stolzer »König Albert« am 16. April vormittags in den Hafen von Hongkong eindampfte. Hongkong, d. h. der »duftende Hafen«, liegt südöstlich von Kanton hart an der Grenze der tropischen Zone und ist eine kleine Insel von kaum 15 km Länge und 7-8 km Breite, welche durch einen schmalen Meeresarm vom Festlande, der Halbinsel Kowloon, getrennt wird. Sie ist seit dem Frieden von Nankin im Jahre 1842 an die Engländer abgetreten worden und bedeutet jetzt eine Perle der britischen Kolonieen. Die Bewohner, ca. 300 000, sind meist Chinesen neben etlichen tausend Indiern; unter den Europäern, deren Anzahl nur ein Dreißigstel der Gesamtbevölkerung ausmacht, sind die Portugiesen am meisten vertreten, ihnen folgen die Engländer mit ein paar tausend Mann Garnison. An der Nordküste der Insel liegt die Stadt Viktoria, die amphitheatralisch angelegt ist und im Schmuck ihrer hell leuchtenden Häuser und grünen Bäume, namentlich vom Meer aus, einen herrlichen Anblick gewährt. Was aber die Augen des Reisenden am meisten anzieht, ist das Treiben im Hafen.

Hongkong (Hafen und Europäisches Viertel).

Fahrzeuge aller Art und aller Nationen erblickt man dort: mächtige Kriegsschiffe, insbesondere britische, welche dem chinesischen Geschwader angehören, große und kleine Postdampfer, schwerbeladene Handelsschiffe, zahllose Dschunken, Boote u. s. w. Hier läuft ein Schiff ein, dort sticht ein anderes in See, in dicken Säulen steigt der Rauch aus den Schornsteinen empor, überall ein Tuten, Pfeifen, Rasseln, Klirren, daß einem von all dem Geräusch fast die Sinne benommen werden. Und wie es im Hafen von Menschen wimmelt! Schwere Kisten werden auf- und abgeladen, Fässer werden gerollt, Ballen gewälzt, Gepäck geschleppt, Karren mit Pferden fahren hin und her, Lastträger mit Tonnen drängen sich ächzend durch die Menge – kurz, alles ist in regster Bewegung. Daß Hongkong als Handelsplatz und als Seehafen des Weltverkehrs an der ganzen ostasiatischen Küste tatsächlich eine große Rolle spielt, ist schon daraus ersichtlich, daß fast alle Handelsstaaten hier Konsulate haben; Tee, Seide, Opium, Zucker, Öl, Salz, Baumwolle, Elfenbein, Nahrungsmittel der verschiedensten Art sind die wesentlichsten Gegenstände des Handels.

Der reiche Mitsui, der auch hier seine Firma besitzt, holte uns mit seinem Dampfboot ab, und unter der sicheren Führung eines seiner Beamten betraten wir nun die Stadt. Wir besuchten zuerst Queen's Road, die schönste und belebteste Straße. An beiden Seiten reihen sich chinesische und europäische Verkaufsläden in buntem Gemisch aneinander; das Stadthaus, das Theater, mehrere Banken, Konsulatsgebäude u. s. w. befinden sich hier. Die nicht eben hohen, aber doch stattlich aussehenden Gebäude sind meist in europäischem Stil aufgeführt. Die Straßen sind ziemlich sauber, aber leider ein bißchen eng, was jedoch die Lebendigkeit des Straßenlebens bedeutend erhöht. Zum Fahren dienen zierliche Rollstühle, auch den Chinesen eigentümliche Tragsessel werden viel gebraucht; Equipagen und Droschken sieht man verhältnismäßig wenig, da die bergige Lage und die enge unregelmäßige Straße es nicht erlauben. Das Straßenleben hat mit seiner buntdurcheinandergewürfelten Bevölkerung große Ähnlichkeit mit jenem Shanghais.

Nachdem wir die Straßen durchwandert, die Sehenswürdigkeiten in Augenschein genommen und auch einige Einkäufe, wie z. B. Tropenhüte u. dgl., gemacht hatten, wollten wir zum Viktoria-Park, von dem die Reisenden nicht genug zu erzählen wissen, hinansteigen. Die große Hitze jedoch und die spärlich bemessene Zeit nötigten uns von dem Vorhaben abzustehen und wir benutzten die Drahtseilbahn, die uns schnell auf den Gipfel führte. In ungefähr einer Viertelstunde waren wir am Ziel. Aber in diesem Augenblick kam leider der Nebel, eine sehr häufige und unangenehme Erscheinung dieser Gegend, heraufgezogen, und ehe wir uns versahen, bedeckte er mit seinem Schleier den ganzen Berg. Nicht zehn Schritte konnte man vor sich schauen, man hätte ihn mit einem Messer durchschneiden können – so dick war er! Von der großartigen Aussicht nach dem Hafen war nun keine Rede mehr und es blieb uns nichts weiter übrig, als geduldig die Zeit abzuwarten, bis der Nebel sich gesenkt hatte. Wir kehrten deshalb im Wirtshaus Peak-Hotel ein, ließen uns die englische Küche gut schmecken und sahen zu, ob nicht durch die flatternden Nebelgespinste sich irgend etwas unsern Blicken darböte. Und sieh! Nach ungefähr einer Stunde teilte sich der Nebel und auf einmal lagen zu unseren Füßen Stadt, Hafen und weiter hinten die Halbinsel Kowloon. Wir standen in stiller Bewunderung da, die Operngläser vor den Augen haltend. Da unser Standpunkt nicht allzu hoch war, so konnte man die Form und Farbe eines jeden Gegenstandes noch deutlich unterscheiden. Ein entzückendes Panorama! An den Abhängen sieht man übereinander aufsteigende Höfe von tropischen grünen Baumgruppen umgeben und prächtige Villen mit herrlichen Gartenanlagen; aus den Straßen der Stadt erheben sich große, stattliche, wie Paläste und Schlösser aussehende Gebäude, darunter mischen sich die schwarzen Kuppeln und die rötlichen Türme der Kirchen und Kapellen. Hinter dem Halbkreis des Hafens dehnt sich der unendliche Ocean aus, auf dessen blauem Spiegel hunderte von Schiffen wie weiße Schwäne umherschwimmen. Auf der anderen Seite des Berges sieht man in einer talförmigen Vertiefung ein großes Wasserbecken, das im hellen Sonnenschein wie ein smaragdner See leuchtet; hier wird das Regenwasser sorgfältig gesammelt und mittelst Röhren in die Stadt geleitet, wo man es zum Trinkwasser verwendet.

Hongkong (Chinesisches Viertel).

Aus dem einförmigen Leben auf dem Schiff in die Mitte dieses schönen, erhebenden Anblickes versetzt, fühlten wir uns so erquickt und blickten wie gebannt immer und immer wieder in die weite Natur hinaus, als wollten wir alle diese Schönheiten in unsere Brust einsaugen. Da fällt aber mit einem Male der Vorhang vor unseren Augen: mit dem wiederkehrenden Nebel ändert sich die Szene, und in einem Augenblick ist von all dem Gebotenen nichts mehr zu sehen. Mit der Drahtbahn rollten wir nun wieder mit haarsträubender Schnelligkeit den steilen Abhang hinab bis zu der Station, die am Fuße des Berges liegt, dann folgten wir der freundlichen Einladung der Firma Mitsui, stiegen einen gewundenen Weg hinauf und gelangten bald in eine schöne Villa, die der Firma gehört. Von dem Umherlaufen des langen Tages und von der Hitze im unheimlichen Nebelkreise müde, lehnte ich mich an das Geländer der Veranda und schaute in den Garten hinab, der mit den prächtigen bunten Blumen, wie sie der tropischen Zone eigen sind, geschmückt war; ein wenig unterhalb befand sich ein geräumiger Tennisplatz. Hier sah ich ein paar kleine japanische Mädchen von sechs bis sieben Jahren, die sich mit Spiel und Blumenpflücken vergnügten – liebliche Erscheinungen sondergleichen, die ich schon jahrelang vermißt zu haben glaubte. Unverwandt ruhten meine Augen auf ihnen... was für eine Gestalt schwebt dir vor und woran denkst Du?...

Bei der Tafel wurden uns einige Herren und Damen von der Firma vorgestellt und nun langten wir tüchtig zu; zu unserer großen Überraschung und Freude bekamen wir hier japanische Kost vorgesetzt. Kein Wunder, daß deshalb bei Tisch die heiterste Laune herrschte; ja, man konnte bei der gemütlichen Unterhaltung fast wähnen, daß man sich daheim im trauten Kreise der Freunde befände. Nach dem Essen spielte Herr Musiklehrer Taki Klavier; er gab manch japanisches Stück zum besten und trug dadurch wesentlich zur Erhöhung der Stimmung bei. Vom Fenster aus sahen wir tausende von Lichtern, die wie gesäete Sternlein auf dem Meere funkelten und feenhaft das Wasser beleuchteten.

Am 17. mittags wurden die Anker gelichtet. Ich stand auf dem Verdeck, sah vor mir die schöne Insel und konnte nicht umhin, an die geschichtlichen Tatsachen zurückzudenken, wie und warum die Chinesen genötigt wurden, den Engländern dieses Eiland abzutreten. Daß der chinesische Kaiser Süan die Auslieferung alles in den englischen Schiffen und Magazinen befindlichen Opiums, dieses wichtigsten und gewinnbringendsten Artikels der englischen Einfuhr, forderte, um dem Opiumhandel mit einem Mal ein Ende zu machen und daß er die ausgelieferten 20 000 Kisten im Wert von 4 Mill. Pfd. Sterling verbrannte, daß Streitigkeiten darauf erfolgten, daß England am Ende den Krieg erklärte u. s. w., ist einem jeden zu bekannt, um hier wiederholt zu werden. Zwar ist die Insel im Vergleich zu dem ungeheuer großen Reich der Mitte ein kleines Stückchen Land, aber ein harter Verlust ist und bleibt es doch für die Chinesen, zumal wenn man bedenkt, daß ihnen seit der Zeit ein Stückchen Land nach dem andern verloren ging. Wehe ihnen, wenn sie am Ende gar noch die Mandschurei einbüßen sollten! Im großen und ganzen ist aber die Abtretung Hongkongs für den Weltverkehr ein wahrer Segen gewesen, denn in den Händen der Chinesen wäre die Insel bei weitem nicht zu ihrer jetzigen Blüte gelangt. Die Menge an Kapital, Arbeit und Fleiß, die die Engländer aufgewendet haben, um die Insel zu dem zu machen, was sie heute ist, ist der höchsten Anerkennung wert. Die großartigen Quai- und Dockanlagen sind ihr Werk, ebenso die mühevolle Bepflanzung des Peak, den der Viktoria-Park schmückt.

Chinesische Kaufmannsfamilie in Festtracht.

Auch Gewerbe und Industrie verdanken ihren Aufschwung wesentlich den Engländern. Fabriken und Werkstätten der verschiedensten Art, wie z. B. Zuckerfabriken, Sägewerke, Seilereien, Ziegeleien, Zündholzfabriken, Fabriken für Maschinen- und Bootsbau, Glasereien, Färbereien u. a. m., sind meist von den Engländern angelegt oder angeregt worden. Kurz, ihnen gebührt mit Recht das Verdienst, Hongkong den Namen eines ausgezeichneten Stapelplatzes und eines vorzüglichen Freihafens gegeben zu haben.

Nach allem, was ich in Shanghai und Hongkong gesehen habe, kann ich meinen jungen Landsleuten nur den Rat erteilen: macht euch auf und besucht diese Städte! Dort erblickt ihr eine ganze fremde Welt, andere Einrichtungen, Sitten und Gebräuche! Wer die beschwerliche und kostspielige Reise nach Europa sparen will, findet in diesen beiden Städten, die nur zwei Tage Dampferfahrt von Nagasaki entfernt liegen, hinreichend Gelegenheit, um seine Kenntnisse zu erweitern. Insbesondere seien diese wichtigen Handelsplätze den jungen Japanern empfohlen, die kaufmännisch sich vervollkommnen wollen. Es ist entschieden gescheiter, die Sommerferien auf diese Weise zu einer Studienreise auszunützen, als sie im Gebirge oder in den Seebädern zu verbummeln!

Leider war mein Aufenthalt in Hongkong nicht ungetrübt. Denn als ich mich nach einem meiner ehemaligen Schüler und Freunde, Herrn Dr. Okoshi, erkundigte, erfuhr ich zu meinem großen Schmerz, daß jener kurz vor meiner Ankunft am Typhus gestorben war. Mit wehen Gefühlen betrachtete ich das Bild des teuren Toten, der vielen noch als treues und tätiges Mitglied des bekannten Vereins an der Adelsakademie, Hojinkai, in Erinnerung sein dürfte. Fern von den Seinen und der geliebten Heimat ist er in einem Alter dahingeschieden, wo er erst anfangen sollte, seine Kenntnisse und Erfahrungen recht ordentlich anzuwenden. Ich bat mir die Photographie seines Leichenzuges aus und schickte sie nach Japan an unsere Schule; dort soll sie zum bleibenden Andenken an diesen Braven aufbewahrt werden.

Noch ein anderes trauriges Ereignis war der Tod eines Passagiers auf unserm »König Albert«. Ein Engländer war mit Weib und Kind von Yokohama an unser Reisegefährte gewesen. Wie ich hörte, soll er an Lungenschwindsucht gelitten und in der guten Hoffnung, die frische Seeluft möge heilsam auf ihn wirken, seine Reise angetreten haben. Der herzzerreißende Jammer der unglücklichen Hinterbliebenen ist gar nicht zu beschreiben; alle Passagiere trauerten mit ihnen, die Schiffskapelle stellte die Musik ein. Doch war es ein Trost für die Trostlosen, daß die sterblichen Überreste des Dahingeschiedenen in Hongkong beigesetzt wurden, sonst hätte er ein nasses Grab gefunden in dem unendlichen Meer, wo weder Hügel noch Stein die Ruhestätte anzeigen.

VI.
Singapore.

Im Dock zu Singapore.

Unser »König Albert« eilte nun rastlos nach Süden, so daß wir schon nach vier Tagen, den 21. April mittags 1 Uhr, die Insel Singapore erreichten. Die Einfahrt in den Hafen ist, wie bekannt, sehr reizend. Schon von weitem erblickten wir die von Palmen bedeckte Küste der Halbinsel Malaka und je weiter wir kamen, desto reicher entfaltete sich die Natur; hier und da tauchten kleine malerische Inseln auf, die Wasserstraße verengte sich immer mehr und das Schiff dampfte in den bogenförmigen Hafen ein. So schön nun dieser Hafen auch ist, er ist mit jenem von Nagasaki nicht zu vergleichen, denn dort hat die Natur mit gütigeren Händen ihre prächtigen Gaben ausgestreut. Der romantische Anblick des Strandes, die verschiedensten Arten und Gestalten der Vegetation, jene wunderbaren Figuren der Felsblöcke des Ufers und dergleichen fehlen hier gänzlich. Was uns hier auffiel, ist nur das überaus üppige Wachstum der Palmen; wohin das Auge auch schweift, sehen wir nur Palmen, nichts als Palmen, diese hochstämmigen Vertreterinnen der echttropischen Natur.

Die Insel Singapore, welche an der Südspitze der Halbinsel Malaka liegt, steht wie Hongkong unter britischer Oberhoheit. Als die Engländer sie vor etwa 80 Jahren ihrem ehemaligen Besitzer, dem malayischen Sultan, abkauften, war sie noch unkultiviert. Dichter Urwald bedeckte sie und die Bewohner waren in der Hauptsache Fischer und Seeräuber. Jetzt aber bildet ihr Hafen den Hauptstapelplatz für Borneo, Sumatra, Malaka und andere Inseln; seit der Eröffnung der japanischen und chinesischen Häfen hat er erneute, von Jahr zu Jahr steigende Bedeutung als Zwischenplatz gewonnen. Die Bevölkerung, deren Zahl sich auf 250 000 belaufen mag, ist in stetem Zuwachs begriffen; sie besteht aus Chinesen, Malayen, Javanern, Eurasiern, Tamulen und anderen Mischlingen. Die Chinesen sind schon jetzt der Kopfzahl nach am stärksten vertreten und werden es auch wohl bleiben, da immerwährend frischer Nachschub vom Mutterlande kommt.

Malayisches Dorf auf Singapore.

Doch genug von diesen trockenen statistischen Angaben. Nachdem unser Dampfer am Quai festgelegt, ging ich mit meinen Freunden an Land und zwar voll der größten Erwartung, denn wir hatten erfahren, daß der Kronprinz von England auf seiner Rundreise durch die englischen Kolonieen in Singapore eingetroffen sei; ihm zu Ehren sollte eine große Illumination stattfinden, ein großer pomphafter Aufzug sollte Tags darauf folgen und Gott weiß was nicht noch alles. Jetzt wurde es mir klar, warum unser »König Albert« beim Einlaufen in den Hafen eine englische Fahne gehißt hatte, warum auf allen Masten der vor Anker liegenden Schiffe Großbritanniens Wimpel flatterten. Man kann sich denken, wie erwünscht mir dieser Zwischenfall war, gab er mir doch Gelegenheit, dies bunte Volk in seiner Begeisterung und Freude zu beobachten. Also vom Dampfer herunter und in die Stadt hinein. In die Stadt? O nein! Von der eigentlichen Stadt war noch nichts zu erblicken, die lag noch eine ziemliche Strecke landeinwärts, nur ein malayisches Dorf mit ärmlichen, im Wasser erbauten Hütten war zu sehen. Wir mußten also einen Wagen nehmen. Und nun begann die Qual für uns. Sogleich umringten uns halbnackte malayische und indische Kutscher und kreischten uns in ihrer Muttersprache an, die uns nur wie eine Sammlung von Keif- und Zischlauten klang. In ihren Bemühungen, uns ihr Gefährt aufzunötigen, wurden sie sogar aufdringlich und frech. Was sollten wir machen? Unser Bestreben war, so schnell als möglich fortzukommen. Nach langer Unterhandlung mieteten wir endlich eine Droschke, bestiegen sie und kamen bei Einbruch der Abenddämmerung in die Stadt. Wir stiegen ab, gaben dem Kutscher den verabredeten Lohn und wollten schon weiter, als dieser unverschämte Bursche lautschreiend das Vierfache des Ausbedungenen verlangte. Wieso denn? fragten wir entrüstet, und der alte Gauner, der mit einem Mal ganz gut Englisch sprechen konnte, erklärte verschmitzt, daß sich der ausgemachte Preis für eine Person, nicht aber für vier verstände. Wir wollten uns durchaus nicht schröpfen lassen und machten energisch Anstalt, uns fortzubegeben, doch da hub er ein so wüstes Geschrei an, daß im Umsehen unsere kleine Gesellschaft von drohendem Gesindel umgeben war. Da eine Hilfe nirgends zu erblicken war, so blieb uns nichts weiter übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und zu zahlen.

Nachdem das Volk sich verlaufen hatte, verließen wir den Platz und gingen eine ins Zentrum der Stadt führende Straße hinab. Eben bogen wir um die Ecke – und wie geblendet standen wir da! Soweit das Auge reichte – ein Lichtmeer die ganze Stadt. Von Balkonen und Fenstern, von eigens für dieses Fest hergerichteten Schaugerüsten, von Mauern und Masten, von den Dächern sogar, kurz von überall her, wo sich nur irgendwie Lampen, Laternen und Ballons hatten anbringen lassen, glühte es uns in allen Farben entgegen. Auch die Bäume hatte man mit ganzen Sträußen farbiger Laternen geschmückt, welche wie funkelnde Sternchen im Grünen auf uns herableuchteten. Alles schwamm in Licht und es war uns zu Mute, als ob wir durch einen Zauber plötzlich in ein lichtes Feenreich, wie wir es aus den Märchen kennen, versetzt worden wären. Wirklich eine wahrhaft himmlische Illumination!

Straße in Singapore.

Verkaufsstand in Singapore.

Und nun die Straße selbst, welch ein Blick nach oben und überallhin! Über sie hinweg hatte man in ihrer ganzen Länge und Breite aus roten und weißen Tüchern eine sie überwölbende Decke ausgespannt, sodaß gleichsam eine ungeheure lange farbige Festhalle gebildet war, die im Widerschein von tausenden bunter Lichter erglänzte und prangte. Zu beiden Seiten zog sich eine Menge von Schaugerüsten hin, deren Wände und Geländer man mit prächtigen Teppichen ausgelegt hatte. Lustige Stücke wurden auf den einen aufgeführt, auf anderen sahen feiertäglich geputzte Leute dem vorbeiflutenden Menschenstrome zu und dort waren allerlei Gegenstände zur Schau und zum Verkauf gestellt. Die Menschenmenge, die hier zusammenfloß, war in der Tat bunt genug. Alle Völker Asiens schienen sich hier ein Stelldichein gegeben zu haben: Chinesen, Javaner, Eurasier u. a. m. Besonders fielen mir die Tamulen und Malayen wegen ihrer farbigen Tracht in die Augen. Grelle Tücher hatten sie um ihren Leib geschlungen, trugen aber sonst kein Kleidungsstück, sodaß sie halbnackt in dem Menschengewirr dahinschritten.

Bald waren wir mitten im Gewühl, aus allen Nebenstraßen und Gäßchen strömte neuer Zufluß in die Hauptader, sodaß binnen kurzer Zeit das Gedränge geradezu lebensgefährlich wurde. Ein Zurück gab es nicht mehr; wohl oder übel mußten wir uns dem Strome überlassen. Wir kamen aber doch dabei auf unsere Kosten, da wir reichliche Gelegenheit fanden, das Volk in seinem Vergnügen und in seiner Festtagsstimmung zu beobachten. Arg genug ging es allerdings dabei her. Hüben und drüben ein ohrenzerreißender Lärm! Hier staute sich die Menge vor einer Bude, in der komische Tänze aufgeführt wurden, dort umgab sie in dichtem Knäuel ein Brettergerüst, auf dem eine bunt ausgeputzte Musikbande ihre betäubenden Klänge ertönen ließ, und an anderen Stellen geberdete sie sich derart toll, daß es uns schließlich nicht übelzunehmen war, wenn wir so schnell als möglich aus diesem Treiben herauszukommen suchten. Das gelang uns denn auch, wenn auch erst nach vieler Mühe. Aber wohin gerieten wir?! Fast möchte ich sagen: vom Regen in die Traufe. Wir bogen in eine Gasse ein und wurden nur zu bald inne, daß wir uns in anrüchiger Gegend befanden. Sperrangelweit standen Tür und Fenster der Häuser offen, und in allen Sprachen der Welt riefen aufgedonnerte und geschminkte Mädchen die Vorbeigehenden an und suchten sie zum Nähertreten zu bewegen. Leider, leider sah ich auch unter diesen elenden Geschöpfen Kinder unseres Volkes, und so angenehm uns sonst der Anblick einer Landsmännin ist, hier ward er zur wehen Qual. Ich erkundigte mich nach vielen Einzelheiten dieser häßlichen Einrichtung und stellte vor allem die Frage, woher es käme, daß Zugehörige unseres Reiches in diesen von der Heimat so fernen Stätten des Lasters zu finden seien, und erhielt darauf die bittere Antwort, daß diese Geschöpfe zum großen Teil auf dem Wege des abscheulichen Mädchenhandels in diesen Sumpf gelangten. Oft zögen sie aus dem Vaterland in gutem Glauben fort, in der Fremde bessere und zwar durchaus anständige Stellen zu erhalten. Werden sie dann eines Tages gewahr, wo sie sich befinden, so ist es gewöhnlich schon zu spät, um dem sicheren Verderben zu entgehen. Was die Nationalität anlangt, sollen hier leider unsere Landeskinder am meisten vertreten sein, wieweit das zutrifft, weiß ich nicht; ich habe aber bei oberflächlicher Betrachtung gesehen, daß so ziemlich alle mir bekannten Völker Prostitutionsmaterial stellen. Auch waren alle Altersstufen vertreten – von 13jährigen Mädchen bis hinauf zu 50jährigen Alten.

So hatte denn leider unsere so heitere Festesstimmung einen häßlichen Nachgeschmack bekommen; wir hatten zu nichts mehr rechte Lust und strebten dem Hafen zu.

Auf dem Rückweg entdeckten wir ein japanisches Restaurant, wie man uns sagte, das einzige in Singapore. Es gehört einem Japaner, der es in Gemeinschaft mit seiner, gleichfalls aus Japan gebürtigen Frau leitet, und gut leitet, wie uns die kurze Einkehr, die wir dort hielten, aufs beste bewies. Wir tranken ein paar Flaschen Bier, unterhielten uns mit den erfreuten Wirtsleuten in unserer Muttersprache und brachen dann zu unserm Schiffe auf. An Bord angelangt, bemerkte einer von uns, daß ihm sein Portemonnaie abhanden gekommen war, unwillkürlich faßten wir alle in unsere Taschen – und siehe da, auch ein zweiter unserer Kameraden hatte einen Verlust zu beklagen, er vermißte seine wertvolle Zigarrentasche. Offenbar waren beide Freunde im Gedränge das Opfer geschickter Taschendiebe geworden.

Jinrikisha in Singapore.

Am nächsten Morgen gingen wir wieder an Land, um den berühmten »Botanischen Garten« von Singapore zu besichtigen. Er liegt jenseits der Stadt und zwar in ziemlicher Entfernung von ihr. Auf dem Wege dorthin sprachen wir in der Niederlage des reichen japanischen Kaufmannes Mitsui vor, den ich bereits in meinen Reiseschilderungen über Hongkong erwähnte. Sein Vertreter, Herr N., der uns von früher her befreundet war, bot sich uns als Führer an und stellte uns seine Geschäftskutsche zur Verfügung; leider aber war sie nicht groß genug, um uns alle aufzunehmen. Wir sahen uns daher nach Mietsdroschken um, wohin wir aber auch blickten, nirgends war eine aufzutreiben, sie waren längst bei dem gesteigerten Verkehr dieser Festtage mit Beschlag belegt. Wir mußten also etwas anderes ausfindig machen und mieteten mit Mühe und Not endlich ein paar Rollstühle, setzten uns hinein, und heidi, ging es dem Botanischen Garten zu. Schon waren wir eine Strecke gefahren, da stellte sich ein neues Hindernis uns entgegen, diesmal in Gestalt von Schutzleuten, die uns verboten, weiterzufahren, denn in kürzester Zeit sollte Seine Hoheit vorbeikommen. Wir mußten uns also in das Unvermeidliche fügen, stiegen aus, und nun verlangten die Kulis, obwohl wir nur einen kleinen Teil der Strecke zurückgelegt hatten, den Betrag für die ganze Fahrt. Aus Furcht vor einer Szene, wie wir sie bereits früher erlebt, wollten wir schon zahlen, als unser mit den dortigen Verhältnissen genau vertrauter Herr N. uns zu Hilfe kam. Seinen Geldbeutel ziehend und eine Hand voll Münzen unter die Kulis werfend, war eins. Gierig stürzten die Leute darüber her, wir aber wollten uns dabei aus dem Staube machen, was uns jedoch nicht gelang, denn die Kerle kamen uns nach und erhoben von neuem ihr Geschrei. Da aber machte Herr N. kurzen Prozeß, nahm seinen Stock und teilte einige so tüchtige Hiebe aus, daß das Gesindel endlich zurückblieb. Eine Weile gingen wir nun zu Fuß und sahen uns das Treiben näher an. Auf beiden Seiten der Straße bildete das Volk dicht gedrängt Spalier, lange Schutzmannsketten standen davor, und den Damm hinunter fuhr in stetem Hin und Her die offizielle Welt: Equipagen mit Beamten in großer Uniform, Offiziere mit Orden und Bändern, festlich gekleidete Damen u. s. w. Die drückende Hitze machte das Gehen bald unerträglich, wir nahmen daher von neuem ein paar Rollstühle, erlebten aber damit nur eine zweite Auflage unseres Reinfalls. Denn bald riefen die Schutzleute wieder: >Halt! Aussteigen!< – und das Feilschen um das Fahrgeld mit den Kulis begann wieder. So erging es uns noch ein paar Mal, bis wir uns trotz der großen Hitze entschlossen, den Botanischen Garten zu Fuß zu erreichen. Und das Ziel war noch stundenlang entfernt! Die Sonne brannte senkrecht auf unsere Scheitel, der alle Glut förmlich aufsaugende Boden blendete den Blick, der bei jedem Schritt hochaufwirbelnde aschenartige Staub vollendete die Höllenqual. Zwar standen auf beiden Seiten der Straße Palmen und andere tropische Gewächse, sie halfen aber gegen diese Backofenhitze so gut wie garnichts. In Schweiß gebadet, die Kleidung von demselben durchtränkt bei 45 Grad Celsius, kann man sich vorstellen, in welcher Verfassung wir uns befanden. Uns wollten fast die Sinne schwinden, so standen wir eine Weile still. Da mit einem Male hieß es: >Der Prinz von Wales kommt!< Und wirklich, er kam in prächtigem Aufzuge angefahren, in schöner Kutsche und umgeben von glänzendem Gefolge. Und dies Gefolge trug zumeist große Uniform. In dieser Hitze schwere, goldgestickte Uniformen! Was mögen die Armen gelitten haben, wo uns, die wir doch leicht gekleidet waren, der Schweiß wie Wasser vom Körper rann!

Wir ließen den Zug vorüber und machten uns wieder auf den Weg. Wir waren ungefähr eine Stunde fortgeschritten und vor Mattigkeit und Abspannung mehr tot als lebendig, als uns eine leere Droschke entgegenkam. Das belebte unsere Sinne. Wir stürzten uns auf den Rosselenker und wurden auch nach vieler Mühe mit ihm handelseinig. Endlich stiegen wir ein und fuhren nun noch anderthalb Stunden in der brennenden Sonne dahin, bis wir ans Ziel gelangten und mit unseren Freunden, die Dank der Umsicht des Herrn N. alle Beschwerlichkeiten der Straßenabsperrung geschickt umgangen hatten, wieder zusammentrafen.

Kokospalme.

Von dem seinen großen Ruf durchaus rechtfertigenden Botanischen Garten, der viele tropische Pflanzen enthält, kann ich nichts Besonderes mitteilen. Ich bin ja kein Fachmann, und das geringe, was ich zu sagen hätte, dürfte zur Genüge bekannt sein. Man weiß hinlänglich, daß sich die Flora in den tropischen Ländern durch Schönheit, üppige Fülle und Artenreichtum auszeichnet. Das eine nur möchte ich erwähnen, daß hier neben den Pflanzen des indischen Kontinents auch die des indischen Archipels zahlreich vertreten sind; namentlich fielen mir die vielen Arten von Palmen und tropischen Fruchtbäumen auf. Einer von den Aufsehern, ein sehr liebenswürdiger Mann, führte uns herum; für ein Trinkgeld nicht unempfänglich, ließ er es bei der bloßen Führung nicht bewenden, sondern gab uns auch dankenswerte Erläuterungen an der Hand von Experimenten. So pflückte er eine Mangofrucht ab, hackte sie mit seinem Knüttel in Stücke und erklärte uns die Frucht näher. Sie war noch nicht reif, sah noch ganz grün aus und enthielt einen starken ätzenden Saft, dessen bloße Berührung gefährlich war. Der Aufseher überreichte mir auch einen kleinen Zweig von schönen tropischen Blumen, die ich mit aufs Schiff nahm und später in gepreßtem Zustande nach Hause an meine Kinder schickte. – Im Garten sahen wir auch Zwinger, worin sich wilde Tiere, z. B. Tiger, Riesenschlangen, Orang Utang u. a. m., befanden.

Der Stolz des Botanischen Gartens ist aber die einzig in ihrer Art dastehende Sammlung von Orchideen. Hunderte von seltenen Exemplaren sind in ihr vereinigt, und der Gesamteindruck, den diese wunderbare Farbenpracht auf das Auge macht, ist überwältigend schön. Unser Reisegefährte, Herr Professor Takahashi, der sich hier als Botaniker von Fach ganz in seinem Element befand, klärte uns über den hohen Wert dieser Sammlung auf; in Japan, meinte er, wäre derartiges nicht heranzuziehen und zu erhalten, weil unser Klima diesen Pflanzen unzuträglich ist. Damit stand denn auch das in Einklang, was Herr N. erzählte. »Aus Japan,« so berichtete er, »kommen oft Bestellungen auf Orchideen. Namentlich hat es sich der bekannte Politiker und Parteiführer Graf Okuma, der auch als Gartenfreund und Pflanzenzüchter einen großen Namen hat, angelegen sein lassen, diese Pflanzen in unserer Heimat einzubürgern, bisher aber leider mit nur geringem Erfolg. In den weitaus meisten Fällen überdauern sie trotz sorgfältigster Pflege nicht einmal den Transport und kommen welk am Bestimmungsort an.«

Etwa zwei Stunden brachten wir im Botanischen Garten zu, ruhten unter dem schattigen Dach der Palmen, der Mangos, der Bananen und Ananas eine Weile aus und fuhren gegen Abend wieder in die Stadt zurück, wo wir samt und sonders im größten Hôtel »Raffles« einkehrten. Die Nacht war schon längst hereingebrochen, als wir unsern »König Albert« wieder erreichten. Am nächsten Morgen fuhren wir dann ab.

Einer von unserer japanischen Kolonie, Herr Professor Tanaka, blieb in Singapore zurück. Als Berufsbotaniker wollte er auf kurze Zeit nach Batavia fahren, um den dortigen Botanischen Garten, der jenen Singapores noch übertreffen soll, zu besichtigen.

VII.
Penang.

Über die Fahrt von Singapore nach Penang, die anderthalb Tage dauerte, wüßte ich nichts Besonderes zu erwähnen, es sei denn, daß ich die Qualen, die uns die furchtbare Hitze bereitete, näher ausmalte. Doch will ich dies lieber unterlassen: soviel sei nur gesagt, daß der Aufenthalt in der Kajüte eine Folter war. Viele entschlossen sich daher, die Nacht auf Deck zuzubringen. Wir folgten indessen diesem Beispiel nicht, weil der Temperaturunterschied während der Nacht so groß war, daß die, die sich der kühlen Seeluft ausgesetzt hatten, empfindlich an ihrer Gesundheit gestraft wurden.

Anfänglich sollte der Aufenthalt in Penang nur sechs Stunden dauern; da indessen unvorhergesehene große Ladung zu nehmen war, dehnte er sich länger aus. Sobald wir in den Hafen einliefen, nahten sich schon von allen Seiten die verschiedensten Frachtschiffe, um so schnell als möglich ihre Ladung an Bord zu bringen. Hauptsächlich bestand diese aus Tabakblättern. Wohl Hunderttausende von zusammengeschnürten Bündeln wurden verladen. Mitten in der Ladung mußte aber eine Pause eintreten, denn ein heftiges Gewitter entlud sich über uns. Unaufhörlich zuckte der Blitz, rollte der Donner, und in Strömen goß der Regen nieder. Nachdem sich das Gewitter verzogen hatte, wurde die Arbeit wieder aufgenommen und fast die ganze Nacht hindurch fortgesetzt. Unglücklicherweise befanden sich unsere Kajüten in unmittelbarer Nähe des Ladekrahns. Man kann sich kaum eine Vorstellung von diesem Lärm machen. In einem fort rollten die Fässer dahin, die Ketten rasselten mit lautem Getöse auf und nieder, dazwischen das Hin- und Hergelaufe der Arbeiter, das Fluchen und Kommandieren der Aufseher – kurzum, ein ohrenbetäubender Lärm, der an ein Schlafen, wenn auch nur auf ein Stündchen, nicht denken ließ.

Am nächsten Tag, dem 24., war die Ladung beendigt und zur Mittagsstunde konnten die Anker wieder gelichtet werden. Aller Gesichter heiterten sich auf – doch leider, leider nur auf kurze Zeit. Denn bald begann für uns eine neue Qual. Es machte sich nämlich in allen Schiffsräumen ein ganz eigentümlicher Geruch bemerkbar, der vermutlich von den zum Teil durchnäßt verstauten Tabaksballen herrührte. Überall schlug einem süßliche, widerliche Stockluft entgegen. Am Ärgsten war es im Eßsalon; die Speisen wurden denn auch in vielen Fällen in Stich gelassen. Alles flüchtete sich an Deck, aber auch nach dort verfolgte uns der Geruch. Einigermaßen erträglich war der Aufenthalt nur auf dem Promenadendeck. So verbrachten wir denn dort, auf Rohrstühlen lagernd, diesen und die folgenden Tage.

Der verlängerte Aufenthalt in Penang bot die Möglichkeit, an Land zu gehen und die Stadt in Augenschein zu nehmen. Viele nahmen auch diese Gelegenheit wahr. Wir Japaner aber zogen es nach der großen Abspannung, die uns die schlaflos verbrachte Nacht bereitet hatte, vor, an Bord zu bleiben. Und wir taten recht daran. Denn als unsere Mitreisenden von ihrem Abstecher heimkehrten, bedauerten sie lebhaft, daß sie nicht unserem Beispiel gefolgt wären. So hatten sie beispielsweise den großen Wasserfall, der eine Sehenswürdigkeit Penangs bildet, nicht in Tätigkeit sehen können, weil ihn die anhaltende Dürre der letzten Zeit fast ganz ausgetrocknet hatte; was über die Katarakte hinunter rieselte, war nicht der Rede wert gewesen.

Soweit wäre der Aufenthalt in Penang nichts als eine Kette von Unerquicklichkeiten gewesen – doch halt! Nein, es war nicht ganz so schlimm. Es gab auch lichte Seiten. Und dazu rechne ich das Fest, das der Kapitän des »König Albert« zu Ehren des Königs gab, dessen Namen unser Schiff trug. König Albert von Sachsen hatte am 23. seinen Geburtstag, der festlich begangen werden sollte. Schon am frühen Morgen wurde die sächsische Fahne gehißt. Am Abend sollte dann ein großes Festmahl sein, darauf Illumination und Tanz auf dem Promenadendeck. Das heraufziehende Gewitter machte indessen einen Strich durch dies Programm; die Illumination sowie der Tanz mußten ganz ausfallen. Das Festmahl fand aber statt und verlief in würdiger Weise. Küche und Keller gaben ihr Bestes her, und in fröhlicher Stimmung sprachen alle den Kunststücken unseres Hans Küchenmeisters zu.

VIII.
Colombo.

Der Hafen von Colombo.

Die Fahrt von Penang bis Colombo war die bisher zweitlängste. Vom 24. mittags bis zum 28., also dreieinhalb Tage, waren wir auf offener See. Die Hitze hatte eher zu- als abgenommen, wozu dann noch die sich von Tag zu Tag steigernde Unruhe des Meeres kam. Auch konnten wir nicht sofort in den Hafen einlaufen, sei es, daß der Lotse nicht zeitig genug für uns frei wurde, sei es, daß irgend ein anderer Grund vorlag – genug, wir mußten vor der Einfahrt vor Anker gehen und dort zwei Stunden liegen bleiben. Wir ließen uns diese Verzögerung nicht verdrießen, sondern betrachteten aufmerksamen Auges unsere Umgebung. Von allen Häfen des chinesischen und indischen Meeres, die ich bisher gesehen habe, ist der von Colombo unstreitig der schönste. Von Natur ist er nicht allzu gut gelegen, deshalb hat Menschenhand nachhelfen müssen; und so sind denn großartige Schutzanlagen geschaffen worden. Gewaltige Molen – große steinerne Dämme bekanntlich – laufen eine weite Strecke ins Meer hinein, und es ist ein herrlicher Anblick, wenn man sieht, wie Welle auf Welle gegen den Damm hochaufspritzend anprallt oder mitunter auch wohl über die blitzblanken Steine gischend dahinfegt.

Der Blick auf Hafen und Stadt bietet ein wunderbares Panorama. Wie mit Schiffen vollgepfropft breitet der Hafen sich aus. Kriegsschiffe, Passagierdampfer, Kauffahrteischiffe aller Art und aller Nationen ankern in buntem Durcheinander. Dazwischen schießen, den Hafenverkehr vermittelnd, die einheimischen Dschunken. Und dahinter liegt dann die Stadt! So malerisch gelegen ist wohl keine im indischen Archipel. Terrassenartig steigt sie auf und wird von prächtigen Wäldern eingesäumt. Es war wohl nicht zuviel gesagt, wenn man von Ceylon als dem Paradies der Welt gesprochen hatte.

Rathaus in Colombo mit Holländischem Turm.

Dagoba in Colombo.

Als nun unser Schiff endlich in den Hafen einlief, wiederholte sich das nämliche Schauspiel wie bisher: von allen Seiten stießen unaufhörlich kleinere Küstenschiffe auf uns zu, die eine schreiende Schar von Händlern an Bord brachten. Jeder wollte den andern im Geschäftemachen überbieten, und man braucht nicht erst auszumalen, welch' Konzert daraus entstand. Auch an uns Japaner machten sich die Leute heran; wir ließen uns aber nicht viel auf ihre Unterhandlungen ein. »Wir hätten keine Zeit« sagten wir, »wir haben heute noch viel vor und wollen an Land!« »An Land?« rief es da aus der Menge – und siehe, ein Inder trat hervor und bot sich uns als Führer an. Er radebrechte besser englisch als die andern und betonte, daß er für uns wie geschaffen sei, da er selber längere Zeit in Japan gewesen und schon des öfteren die Ehre gehabt hätte, japanische Herren führen zu dürfen. »So?« fragten wir. »Gewiß!« erwiderte er, »bitte, meine Herren, sehen Sie sich meine Papiere an,« und damit überreichte er uns einen Stoß von losen Blättern. Neugierig blickten wir hinein, fanden auch manch von japanischer Hand geschriebenes Wort der Anerkennung darin, doch fehlten auch Warnungen vor ihm nicht. Da uns aber der Mann keinen unüblen Eindruck machte, so verpflichteten wir ihn nach einer Weile Feilschens für den ganzen Tag und zwar für einen ziemlich hohen Preis.

In der Altstadt von Colombo.

Wir fuhren also mit unserem Führer dem Lande zu, das wir in ungefähr zehn Minuten erreichten. Sofort mieteten wir uns zwei elegante Wagen und begaben uns zuerst in die innerhalb der Festungswerke gelegene »Europäische Stadt«, die, wie der Name sagt, von Europäern und zwar besonders von holländischen Abkömmlingen bewohnt wird. Die Häuser sind in europäischem Stil erbaut, jedoch mit den Abänderungen, die das Klima bedingt. Hier befinden sich die Regierungsgebäude, eine protestantische und eine katholische Kirche, ein Militärhospital u. s. w. Dieser europäische neue Stadtteil sowie die Festungswerke sollen von den Holländern errichtet worden sein, welche sich seit der Mitte des 17. Jahrhunderts hier niederließen, nachdem sie die Portugiesen vertrieben hatten. Nach ca. anderthalbhundert Jahren mußten aber die Holländer den Engländern weichen. Jetzt wird die Insel Ceylon von einem englischen Gouverneur verwaltet.

»Japan!« »Japan«!

Wir fuhren aus den Festungswerken heraus und kamen damit in die Altstadt, wo sich die portugiesischen und holländischen Mischlinge – die sogenannten Eurasier – Singhalesen, Tamilen, Mohren, Malayen, Neger u. a., niedergelassen haben. Die Straße, die wir hinabfuhren, war zu beiden Seiten mit den hier wild wachsenden Brot-, Mango- und Zimmetbäumen besetzt, auch an zu imposanter Höhe aufsteigenden Palmen fehlte es nicht. Ebenso verschieden wie die Flora war aber auch das, was der Mensch hier hingebaut hatte: die Häuser. Da gab es eine ganze Reihe von Gebäuden, auf die der Name >Haus< wohl kaum paßte, Hütten waren's und zwar oft der ärmlichsten Art. Daneben erhoben sich aber ansehnliche, ja bisweilen prächtige Gebäude in europäischer Stilart. Die Besitzer können sich den Luxus recht gut leisten. In der Mehrzahl sind es reiche Engländer, die sich vom Geschäft zurückgezogen haben und nun ganz ihrer Ruhe und Bequemlichkeit leben. Und sie haben entschieden einen guten Geschmack. Ringsum nichts als Wiese, wogende Felder und Wald. Weiter und weiter fuhren wir ins Land hinein, überall neue Pracht und neue Wunder. Wie betäubt von all dem Herrlichen waren wir und wir glaubten, daß dieses köstliche Fleckchen Erde frei von menschlicher Armut, von menschlichem Elend sein müßte. Doch dem war nicht so. Die Eingeborenen, die in dem schlechten Ruf stehen, Müßiggänger zu sein, schienen uns davon einen Beweis geben zu wollen. Allenthalben kamen halbnackte Kinder uns in den Weg gelaufen, hielten die Hand auf und schrieen ununterbrochen: »Japan! Japan!« Einige von ihnen hielten auch Blumen feil, aber selbst diesen kleinen Schelmen gegenüber war Vorsicht nötig. Kaum hatten sie nämlich das Geld in Empfang genommen, als sie sich auch aus dem Staube machten und zwar ohne uns die Blumen zurückzulassen.

Die Eingeborenen sollen auch, wie dies ja von den Bewohnern der heißen Zone bekannt ist, leidenschaftlich und genußsüchtig bis zur Ausschweifung sein. Unsere Fahrt führte uns dann zum Buddhatempel, den wir unter Führung eines Priesters besichtigen durften. Unsere ziemlich hochgespannten Erwartungen wurden indessen wenig befriedigt. Der Tempel bietet trotz seiner oft gerühmten Schönheit nichts Besonderes. Er soll der Hauptsitz des Buddhismus sein; wir hatten uns daher auf ein Bauwerk von hohem kulturhistorischen Interesse gefaßt gemacht, hatten gehofft, einen von Kunstschätzen nur so strotzenden Tempelbau zu Gesicht zu bekommen – und statt dessen, was sahen wir? Ein Bauwerk in neuem und nicht gerade schönem Stil. Die Wände im Innern waren mit grellbunten Farben angestrichen und mit allerhand komischwirkenden Figuren bemalt. Die Beleuchtung war schlecht; übelriechende und viel Rauch entwickelnde Kerzen hellten bloß schwach das Dunkel auf. In der Hauptpagode befindet sich das in Holz geschnitzte Bildnis des Buddha in liegender Stellung, in den Seitenräumen sind allerlei Götzenbilder aufgestellt. Die Gemälde an den Wänden stellen das Leben nach dem Tode vor, die Seelenwanderung, wie die Buddhisten sie nach ihrer Lehre annehmen. Da sahen wir auf der einen Seite die Hölle mit ihren teuflischen Gestalten, auf der andern das Paradies mit den guten, frommen Menschen, die hier nach dem Tode ein herrliches neues Leben führen dürfen. Hinter der Pagode, außerhalb des Gebäudes, befindet sich ein Grabmal – eine Dagoba – worin Buddhas Zähne oder sonstige Andenken an ihn begraben liegen sollen. Es ist recht stimmungsvoll angelegt. Von einem wundervollen Blumenflor ist es umgeben, und große Vasen, denen Weihrauch entströmt, stehen davor; besonders fiel mir ein Tisch ins Auge, auf dem sich kleine, weiße und äußerst wohlriechende Blüten in künstlerischer Anordnung befanden. Mein Führer bedeutete mir, daß dies Blüten eines dem Buddha geweihten Baumes seien, und glaubte seiner Hochachtung vor mir keinen besseren Ausdruck geben zu können, als daß er mir eine dieser Blüten als Geschenk überreichte. Mit Dank nahm ich dies Andenken an und habe es zusammen mit anderen dieser Art meinen Lieben zugesandt.

Rechts am Eingang zum Tempel stehen kleinere Gebäude, in welchen die Bonzen wohnen; in ihrer Tracht gleichen sie ihren Brüdern in Japan, nur tragen sie mit Vorliebe Gelb. Wo man sie sieht, halten sie einen Rosenkranz in der Hand, auch sonst scheinen sie es mit ihrer Aufgabe recht ernst zu nehmen; Beten und Fasten ist augenscheinlich ihre Hauptbeschäftigung. Einen wohlgenährten Bonzen habe ich nicht bemerkt, hingegen viele bleiche, hagere und hohläugige Gestalten.

Fruchtladen in Colombo.

Daß aber dieser Ort nicht durchaus ernsten und weltabgewandten Dingen geweiht ist, beweist das Vorhandensein einer ganz modernen Einrichtung: es liegt nämlich ein Fremdenbuch aus. Selbstverständlich verewigten auch wir uns darin und befolgten damit nur das, was vor uns viele Landsleute getan hatten. Ein flüchtiges Durchblättern zeigte mir manchen Namen aus meinem heimatlichen Freundeskreise. Das Fremdenbuch war denn auch für mich das Interessanteste, alles übrige blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Ich hatte mir den Ort, der für die Lehre des Buddha soviel bedeutet, denn doch etwas imposanter ausgemalt. In den Ländern, die Buddhas Lehre weiter entwickelt und vervollkommnet haben, wie beispielsweise bei uns in Japan, sind zweifelsohne großartigere Anlagen dieser Art, als hier in Colombo. Allerdings muß ich hinzufügen, daß das eigentliche buddistische Heiligtum Ceylons sich in Candy, der alten Hauptstadt, befindet. Die Möglichkeit, dorthin zu gelangen, war uns gegeben worden; unter den Reisenden hatte man nämlich eine Umfrage gehalten, wer Candy besichtigen wolle. Da die Beteiligung groß war, so ließ die Eisenbahnverwaltung einen Sonderzug abgehen; wir Japaner hatten aber unsere Zeit bereits eingeteilt und standen deshalb zu gunsten anderer Besichtigungen davon ab. Nachher hat uns aber diese Nichtbeteiligung gereut. Denn das Heiligtum in Candy soll wirklich von großer Bedeutung sein. Einer meiner Reisegefährten entwarf eine begeisterte Schilderung davon. Auch befände sich dort die Ruine eines alten, zerfallenen Buddhatempels und Palastes. Die Fahrt zu diesen Heiligtümern soll unbeschreiblich schön sein, Mutter Natur soll hier ihr Meisterwerk getan haben. Mein Berichterstatter, der sonst ziemlich nüchtern war, war in Erinnerung an diese landschaftlichen Schönheiten wie umgewandelt und Ausrufe wie »Wunderbar!« »Hochromantisch!« unterbrachen in einem fort seine lebhafte Erzählung.

Singhalese mit Bananen.

Die Besichtigung des Tempels hatte uns recht müde gemacht; wir hielten es aber nicht mit den Bonzen: Fasten war für uns nichts! Wir begaben uns vielmehr in ein Hôtel, das am Strand gelegen und europäisch eingerichtet war. Wir hatten die salzigen Gerichte an Bord herzlich satt bekommen und freuten uns, nun wieder etwas Frisches zu erhalten, sodaß wir uns daher das Vorgesetzte doppelt gut schmecken ließen und tüchtig zulangten. Hummern, Fische und Muscheln wurden mit vielem Appetit verzehrt; am meisten sprachen wir aber den Früchten zu. Was für Früchte waren das aber auch! In so üppiger Fülle und Form dürften sie wohl nur hier an der Quelle gedeihen. Da wir diese Früchte zum ersten Male genossen, so legten wir uns anfangs eine wohl begreifliche Vorsicht auf, doch mundete uns diese Götterspeise so ausgezeichnet, daß wir bald unsere Vorsicht sein ließen – und es ist uns auch alles gut bekommen. Besonders angenehm schmeckte eine Melonenart. Sie war groß wie ein ausgewachsener Menschenkopf und ihr frisches, saftiges, gelbes Fleisch war wirklich etwas für Feinschmecker. Es war daher kein Wunder, daß wie aus einem Munde das Gelöbnis kam: »Wenn wir auf der Rückreise nirgends einkehren sollten, hier, wo so edle Gewächse reifen, tun wir es gewiß!« Auch die Bedienung war gut. Braune eingeborene Kellner verrichteten sie zur vollsten Zufriedenheit; sie sahen in ihrem sauberen weißen Linnen appetitlich aus, waren die Aufmerksamkeit selber und servierten flink und geschickt. Aber es mußte dafür auch ein hohes Trinkgeld gegeben werden, dessen Höhe auf der Speisekarte pro Person genau festgesetzt war. Wir zahlten denn auch willig und begaben uns auf die Veranda, die einen herrlichen Ausblick auf die See gewährte. Auf bequemen Lehnstühlen pflegten wir dort der Ruhe. Was das Auge sah, war von Anfang bis zu Ende eine entzückende Pracht. Bis an die See dehnte sich ein üppiger Blumengarten aus, der hier und da von prächtigen Rasenflächen unterbrochen wurde. Die Strandlandschaft gemahnte uns mit ihren mächtigen Felsen, grünen Wäldern und all dem andern Schönen an die japanische Küste, und so schweifte denn der freudetrunkene Blick des Europafahrers weit hinüber über die Fluten, die soeben durchfurcht worden waren, und sah die Heimat in sonnenhellem Glanze schimmern, sah die Lieben daheim, und sacht schloß sich das Auge in seligem Traum. Doch währte derselbe leider nicht lange, die Zeit mahnte zum Aufbruch.

Landschaft bei Colombo.

Als wir aus dem Hôtel traten, kam uns ein Inder mit einem großen Korbe voller Schlangen entgegen; er ließ seine Reptile zischen und nach der Musik einer Flöte sich aus ihrem Korbe erheben, indem er sich erbot uns für Geld weitere Kunststücke vorzuführen. Uns war aber der Anblick dieser Tiere widerlich, wir wehrten deshalb entschieden ab, bestiegen unsere Wagen und wandten uns der zweiten Nummer unseres Pensums zu: Besichtigung des Hindutempels. Das Schönste an ihm ist sein Eingang, der reich mit Holzschnitzerei verziert und in allen möglichen Farben angestrichen ist. Leider entspricht das Innere nicht den Erwartungen. Besonders Sehenswürdiges wüßte ich darin nicht anzuführen. Auch soll dieser Bau mehr ein bloßer Versammlungsort als eigentlicher Tempel sein. An den Besuch des Hindutempels schloß sich derjenige der Moschee, in der die dem Mohamedanismus anhängenden Eingeborenen ihre Andacht abhalten. Es ist ein erst in neuerer Zeit aufgeführtes Gebäude; das Äußere war so einfach und schlicht wie nur möglich gehalten, und wir hatten wohl nicht viel verloren, wenn uns, den Bekennern eines anderen Glaubens, die Besichtigung des Innern vorenthalten wurde.

Schlangenbeschwörer.

Wir fuhren daher weiter und kamen an dem sehr schönen sogenannten »goldenen Garten« vorbei und sahen auf der rechten Seite einen reizenden kleinen See liegen, welcher uns lebhaft an den Shinobazu no Ike in Tokio erinnerte. Unterwegs fielen uns ganz sonderbare Gestalten auf. Eingeborene, die auf das bunteste aufgeputzt waren und auf dem Kopf gewaltige Hörner trugen. Wahre Teufelsfratzen! Sie stellten in der Tat auch etwas Ähnliches dar. Nach Angabe unseres Führers waren es Leute, die sich so für ein Fest, bei dem sie als »Teufelstänzer« mitwirken sollten, zugerichtet hatten.

Am See von Colombo.

Teufelstänzer in Colombo.

Bevor wir uns wieder zum Hafen zurückbegaben, berührten wir noch einmal die Stadt und machten dort Einkäufe. Diese Gelegenheit gab uns einen ungefähren Begriff von der großen wirtschaftlichen Produktivität Ceylons. Was war da nicht alles zu sehen! Von den Edelsteinen werden Rubine, Saphire, Topase etc. hier gewonnen; auch Bergkrystalle, wasserhelle und rosenrote, Granaten, rote und braune, finden sich hier. Dazu gesellen sich verschiedene Metalle wie Eisen, Zinn, Nickel, Arsenik, Gold (zwar in geringer Menge) u. s. w. Ferner ist Colombo ein Hauptstapelplatz für Hölzer, die nicht nur für den Bau von Häusern und Schiffen, sondern auch, namentlich in ihren zarteren Arten, für feinere Tischler- und Schnitzerarbeit sehr gesucht sind. Der Reichtum der Insel an Gewürz, namentlich an Pfeffer und Zimmt, ist von altersher bekannt. Sodann gehören der berühmte Ceylontee, Kaffeebohnen, Kokosöl und aus den Fasern von Palmen gewonnenes Tauwerk zu den wichtigsten Ausfuhrartikeln; auch kunstvolle Schnitzereien aus Elfenbein und Ebenholz, von denen wir einige Stücke einkauften, findet man. Alle diese Waren sahen wir in Hülle und Fülle in den vielen Läden aufgespeichert. Da sich indessen unter den wertvollen Sachen, insbesondere unter den Edelsteinen, viele Fälschungen befinden, so muß der Käufer sehr auf der Hut sein; auch tut er gut, von vornherein mit einem hohen Aufschlag zu rechnen und die unangenehme Kunst des Handelns tüchtig in Anwendung zu bringen.

Tamule.

Das Straßenbild in Colombo ist äußerst bunt; da sieht man die Bonzen in ihrem gelben Gewande, die Araber und Türken mit roter Kopfbedeckung, die Eingeborenen, halbnackt, ein rotes, weißes oder anderes farbiges Tuch um ihre Lenden gewickelt; dazu kommen noch die elegant angekleideten Engländer, die Nachkommen der Holländer, der Portugiesen u. s. w. – Von den verschiedenen Klassen der Bevölkerung sind die Singhalesen hauptsächlich Handwerker und Bediente, die Parsen fast ohne Ausnahme Kaufleute, die Mohren Kleinhändler, die Malayen Soldaten, die Tamulen Feld- und Gartenarbeiter. – Ebenso mannigfaltig wie die Bevölkerung ist auch die Verschiedenartigkeit der Mundarten; doch sind Singhalesisch und Tamulisch die beiden herrschenden Sprachen. Holländisch ist schon ganz ausgestorben, Englisch aber nimmt immer mehr zu und wird als Umgangssprache von den meisten gebraucht und verstanden.

Tamulin.

So waren wir nun mit der Besichtigung der Stadt fertig. Am Abend ruhten wir im »Indischen Hôtel« dicht am Hafen aus und konnten von hier aus das ganze weite Becken übersehen. Die soeben untergehende goldene Sonne färbte mit ihrem Purpur die eine Hälfte des tiefblauen Himmels und des weitausgestreckten Meeres. Wir erfrischten uns an einem Glase Exportbier und kehrten erst spät in der Nacht zum »König Albert« zurück.

Was uns in Colombo noch besonders interessierte, waren die von den Engländern gefangenen Buren, welche in armseligen Hütten untergebracht waren. Beim Vorüberfahren bemerkten wir, daß viele von diesen Schwergeprüften in dürftiger Kleidung umhergingen. Ein wahres Bild des Elends! Ein wehes, ach so unendlich wehes Gefühl beschlich uns. Diese Helden, die an Tapferkeit, Vaterlandsliebe und Entsagung das Menschenmöglichste geleistet hatten, nun hier, fern von der über alles geliebten Heimat, in der Verbannung, in der Fremde, im Elend! In regem Mitgefühl grüßten wir hinüber und unser stiller Wunsch war, daß ihrer Sache doch noch der Sieg beschieden sein möge, ein Wunsch, der, wie die weiteren Ereignisse gelehrt haben, leider ein frommer geblieben ist.

Doch waren die Buren nicht allein. Sie hatten noch einen Schicksalsgefährten: den Egypter Arabi Pascha, den bekannten Führer des von den Engländern unterdrückten Aufstandes von 1881. Wir hörten jedoch, daß man die Absicht habe, ihn in kurzer Zeit freizulassen, da er bei den inzwischen veränderten Verhältnissen der Regierung nicht mehr gefährlich sein würde.

Leider war unsere Zeit für die weitere Besichtigung von Ceylon zu kurz bemessen, doch hatten wir von diesem einen Tag genug, denn die erstickend heiße Luft wirkte so erschlaffend auf uns, daß wir froh waren, diesen Tag endlich glücklich überstanden zu haben. Auch die elend aussehenden Eingeborenen, die Art und Weise ihres Lebens u. s. w. wollten uns nicht besonders imponieren. Zwar hatten wir hier manche Naturschönheiten gesehen, aber die Ansicht derjenigen, welche uns gesagt hatten, daß diese Insel als Paradies der Welt zu betrachten sei, konnte ich leider nicht teilen, zur Bewahrheitung eines solchen Ausspruches gehört doch noch etwas mehr!

IX.
Aden.

Nachdem wir noch eine Nacht vor Colombo gelegen hatten, verließ unser »König Albert« den Hafen und setzte die Reise fort. Jetzt kam die längste Tour. Unsere Freude war daher groß, als am sechsten Tage der Ruf erscholl: »Land in Sicht!« Schon beim Verlassen des Hafens am 29. April vormittags 9 Uhr war das Meer unruhig und zeigte einen ziemlich hohen Wellengang; bei wolkenlosem Himmel blies der Wind so stark, daß das Schiff bald auf die rechte, bald auf die linke Seite geschleudert wurde. Am folgenden Tage war es noch schlimmer; der Dampfer ging abwechselnd vorn und hinten hoch wie ein Schaukelbrett, ab und zu schlug eine Welle über das Vorderdeck hinweg. Der Gischt sprang weit über unsere Köpfe und das unheimliche dumpfe Dröhnen und Klirren der Schiffsschrauben mischte sich in das Tosen der Elemente. Mit bedenklichen Gesichtern standen die Offiziere auf dem Deck. Eine Zeit schwerer Arbeiten begann für die Mannschaften. Wir nahmen Zuflucht in unsere Kajüte. Manche Reisegefährten zeigten recht blasse Gesichter, und die Unterhaltung wollte nicht recht in Fluß geraten. Die Mittagstafel im Speisesaal wies bedenkliche Lücken auf; von unserer Kolonie waren nur zwei vertreten. Wie uns der Offizier mitteilte, war das Unwetter auf einen heftigen Sturm zurückzuführen, der einige Tage vorher hier gewütet hatte. Doch unser seetüchtiger »König Albert« arbeitete rastlos weiter, durchschnitt stampfend mit unwiderstehlicher Kraft die drohenden Wogen, bis wir endlich am 3. Mai die Insel Sokotra erreichten, an der wir nördlich vorüberfuhren. Noch immer stürzten die Wogen mit hohen Kämmen über die Wasserfläche dahin, aber die eigentliche Kraft des Sturmes war gebrochen. Die Hitze hatte bedeutend nachgelassen, ja, es herrschte eine ganz angenehme Temperatur. Fliegende Fische schnellten aus dem Wasser empor und durchschnitten in schönem Bogen die Luft; einige von ihnen fielen auf das Verdeck nieder, und der dicke Hans Küchenmeister fing sie als willkommene Beute schmunzelnd auf.

Im Laufe des Tages beruhigte sich die See vollständig und nur kleine Wellen kräuselten ihre Oberfläche. Es wurde Abend. Die Sonne neigte sich zum Untergang und warf ihre Strahlen glühend ins Meer. Weit und breit herrschte die tiefste Stille; nur das leise Geräusch der Wogen, die vom Winde spielend hin und her bewegt wurden, war hörbar. Da – welch ein großartiges Schauspiel! – steigt aus den feuchten Dünsten, gerade der Sonne gegenüber, leise der liebliche Vollmond herauf. Anfangs erblickt man nur den oberen Rand der Mondscheibe, dann wächst sie langsam, fortwährend ihre Gestalt verändernd und immer neue Schönheiten entfaltend, zu einem ungeheuer groß erscheinenden Halbkreis an. Jetzt wird sie in ihrer ganzen Größe, in ihrem vollen Glanze sichtbar und sendet ihre Strahlen auf die krystallenen Wellen, sodaß diese von einer Seite wie mit Silber überschüttet schienen, während sie auf der andern Seite von den purpurnen Strahlen der untergehenden Sonne wie fließendes Gold glitzerten. Die ungeheure Wasserfläche, in deren Mitte wir uns befanden, erscheint, so weit das Auge reicht, in einer Breite von tausend und abertausend Meilen mit Millionen und Millionen funkelnder Brillanten und Perlen übersäet. Und auf beiden Seiten des so wunderbar beleuchteten, unendlich breiten Meeres die beiden herrlichen, teils auf-, teils niedersteigenden Kugeln – was hätte uns ergreifender sein können als diese Offenbarung der wunderwirkenden Kraft der Natur! Bald senkt sich die Sonne auf das Meer herab, um schließlich ganz unterzutauchen. Nur einzelne ihrer Strahlen und die herrliche Beleuchtung des Himmels zeigen an, wo sie sich befindet. Eine Zeitlang liegt der Wasserspiegel noch in stillem Dämmerlicht, bis auch dieses verschwindet und die Nacht ihre dunklen Schatten ausbreitet.

Es ist unmöglich, dieses erhabene Schauspiel der Natur in Worten erschöpfend auszudrücken und ich hätte in diesem Augenblick gewünscht, Dichter und Maler zugleich zu sein. In seliger Wonne ließ ich meine Blicke bald auf das unendliche Meer, bald auf das weite Firmament schweifen und konnte mich nicht satt sehen an diesem Bilde herrlicher Gottesnatur – lange, lange stand ich träumend noch an Bord. – Damals hatte ich auch das Glück, das Südliche Kreuz bewundern zu können, welches an dem nächtlichen Himmel der Tropen allgemein als eins der schönsten Sternenbilder bekannt ist. Wegen der hohen Durchsichtigkeit der Tropenluft erscheint es viel größer und heller mit ruhigem planetarischem Licht.

Am Hafen von Aden.

Unser Schiff arbeitete sich weiter und weiter und brachte uns am 5. Mai nach Aden. Wir sahen schon von weitem den gigantischen Leuchtturm, der, mitten im Meere stehend, den brandenden Fluten und den Angriffen von Wind und Wetter Trotz bietet – ein Triumph der Baukunst! Nichts ist erquickender, als der Anblick eines solchen Turmes, wenn man nach mehrtägiger Fahrt über eine salzige Meereswüste, wo man nichts weiter sieht als Wasser, endlich den Hafen erblickt und des freundlichen weit hinaus strahlenden Lichtes gewahr wird. Der Hafen liegt am Südostende der Halbinsel und ist geräumig genug, um ganze Flotten zu bergen. Unser »König Albert« lief geradenwegs in ihn ein, und so konnten wir nun von Bord aus die englische Seestadt und Festung in Augenschein nehmen. Sie liegt auf einem ziemlich hohen, kahlen und wild zerklüfteten Felsblock, dessen obere Kante wie ein Zickzack ausgeschnitten erscheint. In seiner rötlich braunen Farbe bietet er aber dem Auge nichts Erquickendes dar; kein Baum, kein Strauch ist zu sehen, welcher diesem öden Felsen Schatten geben könnte. Nur in einzelnen Felsspalten ein spärlicher, halbdürrer Graswuchs – sonst keine Spur einer Pflanzen-, noch weniger einer Tierwelt. Um so reicher ist das Meer damit ausgestattet. Die ganze Küste ist dicht bewachsen mit langen Schlingalgen, die von der Oberfläche des Wassers bis in eine enorme Tiefe hinabreichen. Diese Pflanze, die für die herannahenden Fahrzeuge natürlich eine große Gefahr bildet, ist für das arme Land eine Wohltat infolge der zahllosen Tiere, besonders Fischarten, die zwischen den Blättern dieser Schlinggewächse leben. Auf diese Weise hat die Natur in reichlichem Maße das ersetzt, was dem Lande gänzlich abgeht. Sonst wäre es kaum begreiflich, wie dieses Fleckchen Erde seit altersher in sich hat menschliches Leben bergen können.

Cisternen von Aden.

Von den Passagieren begaben sich nur wenige an Land; auch wir zogen es vor, an Bord zu bleiben. Von einigen der ersteren hörten wir später, daß wirklich nichts Sehenswürdiges auf dem Felsblock zu finden sei, es gäbe dort nur einige Kohlenmagazine, Werften und Faktoreien. Das einzige, das ihr Interesse erregt hätte, seien die Wasserbehälter. Man hat nämlich, da es sehr schwer ist, auf dem Felsen Brunnenbauten vorzunehmen – es soll allerdings ca. fünfzig Brunnen geben, die sehr tief in den Fels eingehauen sind – mehrere große Wasserreservoirs angelegt, um das vom Gebirge herabströmende Regenwasser aufzufangen. Dies wird dann durch Röhrenleitungen an die Verbrauchsstelle befördert und somit ist dem großen Übelstand, dem Mangel an Trinkwasser, hinreichend Abhilfe getan. Der Regen tritt hier zwar nicht sehr oft auf, jedoch wenn er kommt, fällt er in ungeheuren Mengen und großen Tropfen nieder.

Wenngleich hier keine Landesprodukte gewonnen werden und demgemäß von Handel überhaupt kaum gesprochen werden kann, so ist diese Stadt doch wegen ihrer günstigen Lage von altersher kein unwichtiger Punkt gewesen. Aber erst in neuerer Zeit, seitdem die Engländer sie durch Gewalt in ihre Hände gebracht und den ohnehin von der Natur zu einer uneinnehmbaren Feste geschaffenen Fels noch stärker befestigt und die Stadt zum Freihafen erklärt haben, ist sie sowohl in kommerzieller als auch in politischer Hinsicht von großer Bedeutung geworden. Sie bildet jetzt für England ein Bindeglied mit Ostasien und Ostafrika. Seit der Eröffnung des Suezkanals hat sie noch mehr an Bedeutung gewonnen. Der ungeheure Bedarf an Steinkohlen für die hier passierenden Schiffe wird allein von dieser Stadt gedeckt. So beherrscht jetzt England durch Aden die Einfahrt vom Indischen Ozean in das Rote und hiermit in das Mittelländische Meer, wie es durch Gibraltar die Einfahrt vom Atlantischen Ozean in das Mittelländische Meer beherrscht. Mit Recht nennt man daher Aden das Gibraltar des Orients.

Vor Aden.

Unter den Bewohnern – überwiegend mohamedanische Hindus – herrschen sehr viele ansteckende Krankheiten, weshalb man uns vorher schon davor gewarnt hatte, von den an Bord kommenden Kaufleuten Zigarren, Kuchen u. dergl. zu kaufen. Selbst durch diese sollen, wie ich hörte, Krankheitskeime verbreitet werden; inwieweit hier eine Ansteckungsgefahr vorliegt, kann ich aber nicht beurteilen. Jedenfalls hatten die in Aden ansässigen Hindus und Araber, die an Bord kamen, zum Teil ein schrecklich elendes Aussehen; nicht wenige waren mit Narben, Beulen und Geschwüren behaftet, so daß wir den größten Ekel vor ihnen empfanden und schon aus diesem Grunde auf die von ihnen angebotenen Waren verzichteten. Drollig war es, die dunkelhäutigen Knaben zu beobachten, die in winzigen Kähnen unser Schiff umkreisten und nach Silbermünzen im Wasser tauchten. An diesem nicht gerade sehr genußreichen Ort hielt sich unser Schiff Gott sei Dank nur etwa fünf bis sechs Stunden auf; die Abfahrt in das Rote Meer erfolgte den 5. Mai mittags.

Ich muß hier bemerken, daß ich in Aden einen Brief von meinem lieben Freunde, Herrn Professor Jamaguchi, aus Leipzig erhielt. Er war ein halbes Jahr vor mir nach Deutschland abgereist und hatte öfters über seine Reise Interessantes nach Japan berichtet, auch hatte er mir für meine Reiseausrüstung verschiedene Winke gegeben, aus denen ich viel praktischen Nutzen gezogen habe. Ebenso hatte er mir in betreff der Reise und der während der Fahrt zu besichtigenden Städte und Sehenswürdigkeiten vieles geschrieben, was mir sehr nützlich geworden ist, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Der Brief war vom 17. April datiert und der erste, den ich während meiner Fahrt erhielt. Wie groß meine Freude über denselben war, kann man sich leicht denken. Als mein Stubensteward ihn mir auf einem Tablett in die Kajüte brachte, streckte ich schnell meine Hand nach ihm aus, erbrach ihn in Hast und verschlang förmlich seinen Inhalt, welcher im wesentlichen folgender war:

»Deinen letzten Brief vom 10. März habe ich richtig erhalten. Ich ersehe daraus, daß Du am 6. April von Japan abgefahren bist und freue mich ungemein, daß uns endlich ein fröhliches Wiedersehen in nicht allzulanger Zeit vergönnt ist. Diesen Brief schicke ich Dir durch den deutschen Postdampfer »Sachsen« nach Aden, adressiert an Dich an Bord des »König Albert«. Du wirst wohl Langeweile auf dem Indischen Ozean gehabt haben, ebenso wie ich. Hoffentlich ist die Fahrt eine ruhige gewesen und Dir nichts passiert. Wir hatten eine schwere Überfahrt, denn schon in der Nähe von Hongkong war das Meer sehr bewegt. Ein Gewitter mit Sturm und Regen hatte sich erhoben, sodaß der Tisch beim Essen einen Holzrahmen erhalten mußte, um durch diesen das Herunterfallen der Teller zu verhüten. Sonst ging mir's auf dem Meere gut. In Aden wirst Du wohl nicht lange bleiben; auch ich hatte dort keine Zeit, an Land zu gehen. Von Aden wirst Du am Babelmandeb vorbei ins Rote Meer hineinfahren; da werden die Wogen höher gehen und das Schiff stark hin und her werfen, doch was können sie einem Schiffe wie »König Albert« anhaben? Im Roten Meere wirst Du Schwärme von Delphinen und Springfischen bewundern können. Jene wälzen sich wie dicke Fleischklumpen auf dem Wasser, während diese wie weiße Pfeile darüber hinschnellen. Am 8. Mai etwa wirst Du in Suez ankommen. Dieser Hafen ist, wie Du wohl weißt, der Eingang nach Europa. Als ich in Suez anlangte, kamen zwei Ärzte an Bord, darunter eine Dame, die von den Passagieren mit unverhohlenem Interesse betrachtet wurde. Sämtliche Passagiere ohne Ausnahme mußten sich einer Untersuchung unterziehen.

»Nun will ich Dir mitteilen, wie ich und meine Landsleute uns hier eingerichtet haben. Ich hatte mich, wie ich Dir schon schrieb, seit November vorigen Jahres in Berlin niedergelassen. Da ich aber dem Leben in einer Großstadt die Stille und Ruhe vorziehe, war ich bald nach Eberswalde übergesiedelt, einem von schönen Wäldern umrahmten Ort, der von Berlin per Bahn in 45 Minuten zu erreichen ist. Jede Woche fuhr ich viermal nach Berlin, um Colleg zu hören. Im Februar dieses Jahres jedoch erhielt ich das Verzeichnis aller deutschen Universitäten und ersah daraus, daß die Universität Leipzig Berlin an Lehrkräften – besonders was meine Fächer anbetrifft – überflügelt, und so habe ich mich nach vorangegangener Einholung der Erlaubnis unseres Kultusministeriums in Leipzig niedergelassen. Wie ich aus Deinem Briefe ersehen habe, willst Du vorläufig in Berlin bleiben und dort die Lehranstalten besichtigen. Ich möchte Dir aber hiermit gleich im voraus mitteilen, daß diese Besichtigung mit manchen Schwierigkeiten verknüpft ist. Du mußt nämlich bei dem Kaiserlich Japanischen Gesandten in Berlin ein Schreiben einreichen, mit Angabe der zu besichtigenden Schulen und der Bitte um einen Erlaubnisschein. Dieses Schreiben wird von unserm Gesandten an den preußischen Minister des Äußern gesandt und von diesem zum Kultusminister. Die Genehmigung wird von diesem durch ein Dokument erteilt, welches wieder denselben Weg rückwärts macht, um in Deine Hände zu gelangen. Dieses umständliche Verfahren nimmt mehrere Wochen in Anspruch; bei mir hat es sogar acht Wochen gedauert. Ich konnte diese allzulange Zeit nicht abwarten und bat daher direkt den Kultusminister um Erlaubnis, erhielt jedoch die Antwort, daß ich den vorgeschriebenen Weg durch die Gesandtschaft innehalten müsse. Wenn Du also die Schulen in Preußen besichtigen willst, so schlage diesen vorgezeichneten Weg gleich nach Deiner Ankunft in Berlin ein. Die Zwischenzeit kannst Du der Besichtigung der Sehenswürdigkeiten Berlins widmen oder bei mir in Sachsen zubringen. In Sachsen ist der Besuch der Schulen ebenso wie in Bayern und Österreich ohne weitere Umstände gestattet.

»Was die Universitäten anbetrifft, so ist meiner Ansicht nach die hiesige auch für Dich viel geeigneter. Die uns interessierenden Fächer sind hier besser vertreten und die Einrichtung des hiesigen Seminars scheint mir den Vorzug zu verdienen. Auch hat Leipzig eine Handelsakademie und spielt überhaupt als Industriestadt und als Zentrale des Buchhandels eine große Rolle. Das Studium der fremden Sprachen wird hier sehr eifrig betrieben und Du kannst hier auch auf diesem Gebiet Deinen Erfahrungskreis vergrößern. Komm also doch zu mir herüber nach Leipzig!

»Herrn Legationskanzler Ro, Deinen alten Bekannten aus Deiner Schule, habe ich gebeten, daß er sich für Dich, sobald Du in Berlin angekommen bist, um Wohnung u. s. w. bemühen und Dir mit Rat und Tat zur Seite stehen möchte. Von Genua, wo Du Dein Schiff verlassen wirst, depeschiere doch gleich an ihn; er wird Dich dann in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof erwarten und abholen. Alles andere findet sich dann von selbst und Du kannst Dich getrost seiner Führung überlassen.

»Nun zum Schluß habe ich Dir noch etwas recht Trauriges mitzuteilen, nämlich, daß unser verehrungswürdiger Freund, Herr Professor Tachibana, am 23. März von Berlin nach Japan abgereist ist, leider aber wegen Krankheit. Er hat sich nämlich im Dezember vorigen Jahres eine Erkältung zugezogen und seitdem fieberte er sehr stark. Es stellte sich heraus, daß er an Lungenschwindsucht leidet, und da gerade zwei Landsleute, beide Ärzte, nach Japan zurückkehrten, so schloß er sich diesen an und schiffte sich mit ihnen in Antwerpen auf einem japanischen Dampfer ein. Diesem Dampfer »Hitachimaru« wirst Du wohl in Colombo oder in der Nähe davon auf dem Meere begegnet sein. Was Professor Tachibana in England, Frankreich, Deutschland und Österreich besichtigt hat, habe ich in seinem Auftrage für Dich notiert und werde es Dir später mitteilen.

»Herr Professor Haga hat sich seit Anfang April ebenfalls eine starke Erkältung zugezogen; wir wollen wünschen, daß es nur etwas Vorübergehendes ist. Herrn Professor Fujishiro geht es sehr gut.

»In Leipzig sind augenblicklich viele Deiner Freunde zu Studienzwecken anwesend; das Leben ist hier wirklich sehr interessant. Den nächsten Brief von mir wirst Du wohl in Suez oder Port Said erhalten.«

Die Freude über diesen Brief war groß, nur barg er einen Wermutstropfen in sich: die Nachricht von der schlimmen Erkrankung meines teuren Freundes und Kollegen Tachibana. Es war zwischen uns ausgemacht worden, daß er mich in Deutschland erwarten sollte, um von mir gewissermaßen abgelöst zu werden. Diese Nachricht war daher eine große Enttäuschung und ein harter Schlag für mich. Eine dunkle Ahnung stieg in mir auf, daß wir uns vielleicht nicht mehr wiedersehen würden. Hätte ich doch in Colombo oder auf dem Meere auf einen japanischen Dampfer geachtet, ich hätte ihn dann vielleicht noch sehen oder sprechen können! Ich hegte damals den innigen Wunsch, daß Gott ihm seine Gesundheit wiedergeben möchte, auf daß er, von der Fahrt gekräftigt, seine Lieben in der Heimat umarmen könnte, ein Wunsch, der, wie ich später erfuhr, leider nicht in Erfüllung gehen sollte.

X.
Suez und der Suez-Kanal.

Das Rote Meer! Der Name schon hatte uns ein Grauen eingeflößt, und mit seltsamen Erwartungen waren wir dieser unheimlichen Fahrt entgegengegangen. Man hatte uns nämlich gesagt, daß die Hitze hier außerordentlich groß sei, daß das Wasser dieses Meeres in den Wintermonaten über 26° C. habe und daß in der heißesten Periode die Temperatur des Meeres und der Luft die Blutwärme übersteige, sodaß die Postdampfer zur Umkehr genötigt seien u. s. w. u. s. w., alles Nachrichten, die unserm Ohr nicht gerade angenehm klangen. Ich hatte anfangs geglaubt, daß die Hitze hier nicht größer als in Penang und Singapore sein könnte, zumal das Meer viel weiter vom Äquator entfernt ist. Da es aber in der Mitte der beiden Feuerbecken, der arabischen und der afrikanischen Wüste liegt, so scheint die Entfernung vom Äquator keine besondere Rolle zu spielen. Wir waren also auf einen harten Kampf mit nassen wie mit sengenden Elementen gefaßt und fuhren beklommenen Mutes durch die breite Meerenge des Babelmandeb oder des Tores der Tränen – »O, sie führt ihren Namen mit Recht,« dachten wir bei unserer jetzigen Stimmung – in das Rote Meer hinein.

Wir konnten daher von Glück sagen, daß wir während der ganzen Fahrt, die volle vier Tage in Anspruch nahm, immer schönes Wetter hatten, daß das Meer infolgedessen so ruhig und spiegelglatt war, wie es nur selten der Fall sein soll. Die so sehr gefürchtete Hitze war auch erträglicher als sonst und lange nicht so schlimm, wie man vermutet hatte. Zuerst passierten wir einige Felseninseln, welche einen schönen Anblick darboten und eine angenehme Abwechselung auf der eintönigen Wasserfahrt bildeten. Sonst gab es nichts besonders Erwähnenswertes; es war immer die alte Langeweile und die gewohnte Tagesordnung: essen, trinken, Mittagsschläfchen halten, auf dem Deck auf- und niedergehen, der Wellenbewegung zusehen und ins Meer hinausschauen, plaudern, gähnen u. s. w. Eine von den Unterhaltungen möchte ich hier anführen, die sich von den mancherlei unsinnigen und albernen vorteilhaft unterschied, nämlich die Frage, woher der Name des »roten« Meeres stamme. Einige meinten in dem Worte »rot« die Bedeutung des Unheimlichen, drückend Heißen zu finden; andere suchten den Namen historisch zu erklären, indem sie sagten, die mit Blut getränkten Krieger der Pharaonen hätten sich hier gebadet, sodaß das ganze Meer davon rot geworden sei; wieder andere meinten, daß das Wasser des Meeres von dem rötlichen heißen Sande der Ufer eine rötliche Färbung erhalte und daß der Name daher stamme. Wie uns aber von den vielgereisten Schiffsoffizieren mitgeteilt wurde, hat das Meer selbst eine sehr reine blaue Farbe, die aber des salzreichen Küstenwassers wegen bei tiefem Stand der Sonne gelbrot erschiene. Überdies sollen hier auch die aus rötlichen Fäden bestehenden Algen so massenhaft auftreten, daß sie oft die oberen Schichten des Wassers bedecken und zur Ebbezeit als schleimige blutrote Masse am Ufer einen breiten roten Saum bilden. Wir alle stimmten dieser Auslegung als der wahrscheinlichsten bei – vielleicht könnte in der Tat das Meer davon seinen Namen erhalten haben.

Um die Langeweile zu vertreiben, wurde während der Fahrt ein großes Tanzvergnügen veranstaltet. Zu diesem Zweck wurde das Promenadendeck mit Fahnen aller Nationen ausgeschmückt und mit bunten elektrischen Lampen schön erleuchtet. Nach dem Abendessen fanden sich alle Herren und Damen in Balltoilette in diesem improvisierten Tanzsaale ein und nach den Klängen der Schiffskapelle wurde bis spät in die Nacht hinein getanzt.

Am 7. Mai, also kurz nach diesem Fest, fand ein anderes statt und zwar ein Wohltätigkeitsfest, dessen Reinertrag für verunglückte Seeleute des >Norddeutschen Lloyd< oder deren Hinterbliebene bestimmt war. Auf jeder Fahrt wird ein solches Fest veranstaltet, und die Einnahmen sollen nicht unbedeutend sein. An diesem Abend wurden von verschiedenen Passagieren, Damen und Herren, Vorträge aller Art gehalten, womit sie die Anwesenden prächtig unterhielten, sodaß beim Einsammeln die freiwilligen Gaben reichlich flossen. Auch dieses Fest währte bis spät in die Nacht hinein und es war schon früher Morgen, als sich die Teilnehmer ermüdet in ihre Kajüten zurückzogen.

Mit der Fahrt auf dem Roten Meer war Gott sei Dank das schlimmste überstanden und wir kamen am 9. Mai vormittags um 3 Uhr wohlbehalten in Suez an, wo gleich mit Anbruch des Tages Ärzte an Bord stiegen, um die Passagiere zu untersuchen; es sollten nämlich während unserer Fahrt in Ostasien Seuchen ausgebrochen sein. Die Untersuchung geschah auf folgende Weise: wir Passagiere mußten uns alle zunächst im Eßsalon versammeln; dann mußten wir, nachdem die Namen einzeln aufgerufen worden waren, an den Ärzten, die sich an einer Seite aufgestellt hatten, vorbeigehen. Soviel ich davon verstehe, hatte diese ganze Besichtigung wenig Wert; denn wie kann ein Arzt durch einen Blick beurteilen, ob jemand ansteckende Krankheitskeime in sich trägt oder nicht. Nur ein Passagier, der ein bißchen blaß aussah und seit einigen Tagen an Dysenterie litt, wurde gefragt, was ihm fehle, sonst niemand. In wenigen Minuten war die ganze Angelegenheit erledigt. Da uns das Landen wegen des kurzen Aufenthaltes nicht gestattet wurde, so konnten wir eine Besichtigung des Ortes nicht vornehmen und mußten uns damit begnügen, von Bord aus Umschau zu halten. Wir blieben bis 11 Uhr hier liegen und setzten um ¼12 Uhr unsere Fahrt durch den Suezkanal fort.

Eingeborenen-Barke vor Suez.

Die Hafenstadt Suez liegt bekanntlich am Ausgang des berühmten Kanals, den der große Franzose Lesseps mit unendlichen Mühen zustande gebracht hat. Der Blick auf diesen Kanal gehört mit zu dem Interessantesten, was wir auf der ganzen Fahrt erlebt haben. Der Kanal ist 160 km lang und durchschneidet den Isthmus von Suez, welcher Afrika mit Asien verbindet, und bringt so die beiden Meere, das Mittelländische und das Rote, in Verbindung. Er ist nach zehnjähriger mühevoller Arbeit im Jahre 1869 eröffnet worden. Seine Breite ist verschieden, an manchen Stellen ist er so schmal, daß unser »König Albert« fast die ganze Breite einnahm; an einigen Stellen jedoch ist er ziemlich breit, besonders an den Ausweichestellen für die sich begegnenden Dampfer. Die Natur, die der Kanal und seine Umgebung bietet, ist wenig rühmenswert, denn an beiden Seiten sieht man nichts als öde Sandwüsten, nur hie und da unterbrochen von Oasen mit ihrem frischen Grün. Einige der Seen, welche durch den Kanal mit einander in Verbindung gesetzt werden und zugleich als Ausweichestellen dienen, gewähren jedoch einen imposanten Anblick, so z. B. der Bittersee, der größte von allen. Ein schlanker Leuchtturm, der sich an dem Ein- und Ausgang dieses Sees befindet, trägt viel zu seiner Verschönerung bei. Im allgemeinen kamen mir die Ansichten des linken Ufers interessanter vor als die des rechten, obgleich man auch nichts weiter als halbverdorrtes Gras und unförmliche Sandhügel zu Gesicht bekam. Doch der menschliche Verstand hat diese heiße Sandwüste zu nützlichen Zwecken zu verwerten gewußt: man hat hier – wie mir erzählt wurde – natürliche Salzsiedereien angelegt. Man gießt nämlich das hier bedeutend salzhaltige Küstenwasser auf den glühend heißen Sand, läßt es verdunsten und gewinnt so auf einfache Weise das Salz. Diese Veranstaltungen konnten wir von Bord aus nicht sehen, aber einige schwerbeladene Kamele mit ihren arabischen Treibern, die wohl zu den Salinen wandern mochten, zeigten uns den Ort und die Stelle an, wo sie lagen. Was der Mensch nicht alles auszunutzen versteht!

Beduinen am Suez-Kanal.

Die beiden Ufer des Kanals sind aus künstlich aufgeworfenen Sanddämmen hergestellt, und man konnte beim Passieren unseres Schiffes deutlich das Auf- und Absteigen des Wassers erkennen und auch wie der Sand von den Dämmen dabei abgespült ward. Es versteht sich daher von selbst, daß Dampfbagger ständig in Tätigkeit bleiben müssen, damit der Kanal nicht versandet.

Signalstation am Suez-Kanal.

Unser Dampfer bewegte sich nur ganz langsam vorwärts, als wir plötzlich verspürten, wie derselbe mit einem Krach auf Sand geriet. Das Wasser wurde trübe, und das Schiff schien sich ein klein wenig auf die eine Seite zu legen. Mit einem Male geriet alles an Bord in Bewegung; es war jedoch nichts zu befürchten, denn ein Blick auf die beiden Ufer, auf die man im Notfalle ganz bequem hinüberspringen konnte, gab jedem sofort das Gefühl der Sicherheit zurück. Endlich erlangte das Schiff seine richtige Lage wieder und wir vermochten mit ein paar Stunden Zeitverlust unsere Reise langsam fortzusetzen. Wie wir später von unserem Schiffskapitän hörten, hat »König Albert« solchen Tiefgang, daß der Boden des Schiffes kaum einen Fuß von der Kanalsohle entfernt bleibt, und der Lotse, der für die Fahrt durch den Kanal an Bord gekommen war, hatte aus Versehen ein wenig zur Seite gelenkt und so etwas Boden mitgenommen. Eigentlich ist der Suezkanal für Schiffe von so großem Tiefgang, wie das unsrige, viel zu klein angelegt. Wie langsam sich der Dampfer in diesem Kanal bewegte, kann man schon daraus ersehen, daß kleine Knaben, welche, bald »Money, Money« rufend, bald die ihnen zugeworfenen Münzen aufhebend, halb nackt und barfuß auf dem Sande des Ufers mitliefen, lange Strecken mit dem Schiffe gleichen Schritt halten konnten, ferner erblickten wir einige Beduinen auf schönverzierten Kamelen. Am Ufer sahen wir auch hier und da bescheidene Häuser, in welchen die Kanalwächter wohnen und von denen aus Signale gegeben werden, da streng darauf geachtet werden muß, daß jedes Schiff seine Zeit innehält, die zu jeder Durchfahrt genau berechnet und angegeben werden muß. Nach den Signalen ziehen an den breiten Ausweichestellen die entgegenkommenden Schiffe vorüber; aber da wir, wie vorher berichtet, etwa zwei bis drei Stunden Verspätung hatten, sammelten sich vor und hinter uns vier bis fünf Postdampfer an, sodaß wir an einer dieser Ausweichestellen einige Zeit lang bleiben mußten, um dieselben vorbeipassieren zu lassen. Bei dieser Gelegenheit wurden wir unseres japanischen Postdampfers mit der bekannten lieben Flagge gewahr. Die Hitze, die so wie so schon groß genug war, wirkte durch dieses mehrstündige Halten und die langsame Fahrt geradezu furchtbar, und einige meiner Landsleute behaupteten, hier die größte Hitze während der ganzen Fahrt verspürt zu haben. Spät, sehr spät, erst gegen Mitternacht, konnte die Abfahrt vor sich gehen, aber recht langsam, sodaß eine Schnecke unser Vorreiter hätte sein können. – Die Nacht war glücklicherweise sehr kühl, was um so angenehmer empfunden wurde, je größer die Hitze des vorangegangenen Tages gewesen. An dem Leuchtturm, welcher mit wechselndem Licht versehen war, fuhren wir vorbei und setzten unsern Weg fort.

XI.
Port Said.

Vor Port Said.

Straße in Port Said.

Araber.

Am 10. Mai vormittags um 9 Uhr kamen wir in Port Said an. In dieser Hafenstadt, die ca. 50 000 Einwohner hat, ging es sehr lebhaft zu. Handel und Verkehr schienen hier ziemlich bedeutend zu sein. Als unser Schiff in den Hafen einlief, drängte sich sogleich eine Menge Handelsleute an Bord, um mit den Fahrgästen Geschäfte zu machen, auch viele Führer kamen herauf, um uns ihre Begleitung durch die Stadt anzubieten. Diese umringten uns von allen Seiten und lugten mit ihren hinterlistigen, habgierigen Augen umher, Geiern ähnlich, die auf ihr Opfer losstürzen wollen. Sie machten, wie die meisten Einwohner dieses Ortes, einen recht unangenehmen Eindruck auf uns. Da die Stadt nur klein ist, verzichteten wir gern auf so wenig vertrauenerweckende Begleiter und hatten es auch nicht zu bereuen, denn in zwei Stunden waren wir mit der ganzen Besichtigung zu Ende. Sehenswertes war gar nicht vorhanden. Die Straßen sind ziemlich unsauber, ebenso die Häuser. Den Stadtteil, in dem die Araber wohnen, konnten wir leider nicht in Augenschein nehmen, denn bevor wir an Land gingen, war von unserm Kapitän bekannt gemacht worden, daß in Port Said und zwar im Araberviertel die schwarzen Pocken wüten sollten und daß man sich vor diesen sehr in acht nehmen müsse. In einer der Hauptstraßen sahen wir außer einigen japanischen Läden, in denen von unseren Landsleuten echte japanische Waren feilgehalten wurden, eine Menge Tabaksläden. Der Tabak bildet hier das Hauptprodukt, ist sehr billig und gut. Wegen des italienischen hohen Zolles – denn wir mußten ja später über Italien reisen – durften wir jedoch allzugroße Einkäufe nicht machen. Besonders empfehlenswert sind hier einige Cafés, in deren einem wir auch einen Mocca tranken und uns etwas ausruhten. Nur muß man sich hier in acht nehmen, daß man nicht überteuert wird, wie es einem unserer Passagiere erging, der für ein Glas Bier, das er in einer Bierhalle nahm, den unerhörten Preis von einem Schilling bezahlen mußte. – Die Straßenjungen, die auf Schritt und Tritt hinterher gelaufen kamen und »gib Money, gib Money« schrien oder uns ihre Esel zum Reiten anpriesen, waren so dreist und unverschämt, daß wir mitunter unsern Stock zu Hilfe nehmen mußten. Wir waren froh, als wir mit heiler Haut aus diesem Sumpfnest wieder an Bord unseres guten Schiffes gelangten.

Ägyptischer Eseljunge in Port Said.

Bei der Besichtigung von Port Said darf man aber nicht unterlassen, das Denkmal Ferdinand von Lesseps', des Erbauers des Suezkanals, zu erwähnen. Das stattliche Monument ist aus Bronze gegossen und stellt die ganze Figur dieses großen Mannes dar, der in zehn Jahren mit eiserner Energie und unsäglicher Mühe unter angestrengter Tätigkeit die Durchstechung und Kanalisierung des Isthmus von Suez zustande gebracht hat. Auf einem Granitsockel erhebt sich eine hohe Säule und auf dieser steht das Standbild. Den Blick auf den Kanal gerichtet, hält er in der einen Hand, halb aufgerollt, die Karte desselben. Das Denkmal selbst ist auf einem Ende eines aus Quadersteinen hergestellten Dammes errichtet, welcher ziemlich weit ins Meer hineinläuft, so daß es von weitem den Anschein hat, als erhebe sich das Denkmal direkt aus dem Wasser heraus. Ein herrlicher Anblick! Der Gesichtsausdruck dieses Mannes zeigt einen unbeugsamen Mut, verbunden mit Energie und Arbeitsamkeit. Ich schrieb am Fuße dieses Denkmals Ansichtspostkarten und zwar eine an meinen Freund in der Heimat, die folgendermaßen lautete: »Vom Suezkanal und von Lesseps hört man oft, aber wenn man selber den Kanal passiert und vor dem Denkmal dieses großen Mannes steht, kann man nicht umhin, mit Hochachtung an ihn zu denken und seine großartige Willenskraft zu bewundern. Bedenken und Hindernisse verschiedener Art: politischen Widerstand, diplomatische Schwierigkeiten, heftige Beschuldigungen seiner Gegner, argwöhnische Vermutungen der Pforte, Eifersucht der englischen Regierung und Gott weiß was nicht noch alles hat der Mann zu bekämpfen gehabt! Und der Segen erst, den die den Kanal passierenden Reisenden und Schiffe heutzutage genießen! Mit Recht gilt der Mann als ein Held des Friedens!«

Eine zweite Karte sandte ich an meinen Jungen:

»Von Lesseps kannst Du was lernen! In ihm findest Du wieder, was Dir Zeit Deines Lebens nottut und vielen Menschen so sehr mangelt: Beharrlichkeit und Unbeugsamkeit. Willst Du Sieger bleiben im harten Wettstreit Deines Lebens, sieh Dir dieses Bild an und behalte fest im Kopfe das eine Wort: Willensstärke!«

Noch nach tausenden von Jahren wird dieses Denkmal hier stehen, werden die Taten dieses Mannes der ganzen Menschheit zum Segen gereichen, man wird ihn ewig preisen und nie vergessen. –

Nachdem wir uns wieder an Bord begeben hatten, kam ein Trupp italienischer Musikanten, ein paar Männer und Frauen, auf das Schiff, welche die Passagiere teils mit Mandolinenspiel, teils mit Gesang belustigten. Auch wir hörten einige Zeit zu und fanden, daß sie ihre Sache gut machten, wie auch, daß die italienischen Mädchen hübsche Gestalten hatten.

Nicht lange danach begrüßte unser »König Albert« das Mittelländische Meer, das uns nunmehr unserem weiteren Ziele zuführen sollte.

XII.
Neapel.

Golf von Neapel.

Bei der Abfahrt von Port Said wurden wir von einer höchst erfreulichen Nachricht überrascht, die uns alle unangenehmen Eindrücke schnell vergessen ließ. Von neu hinzukommenden Passagieren erfuhren wir nämlich, daß unserem japanischen Kronprinzen ein Erbe geboren worden sei. Auch in den Zeitungen, die wir in Port Said erhalten hatten, war zu lesen, daß das japanische Kaiserhaus am 5. Mai durch die Geburt eines Enkels und Sohnes erfreut worden war, daß also unserm Reiche ein weiterer Thronerbe erstanden sei. Infolgedessen versammelte sich am Abend die ganze japanische Kolonie zu einem Fest, bei dem wir auf das Wohl unseres Kaiserhauses tranken und bei welcher Gelegenheit ich meiner Freude mit folgenden Worten Ausdruck gab:

»Meine Reisegefährten und Freunde! Heute ist uns unerwartet die erfreuliche Nachricht zugegangen von dem Glück, welches unserm Kaiserlichen Hause zu teil geworden ist, nämlich daß unserm Kaiser ein Enkel, unserem Kronprinzen ein Sohn geboren sei. Diese Nachricht gereicht uns umsomehr zur Freude, als sie uns noch während der Fahrt erreicht hat, so daß es uns noch an Bord, wo wir uns alle zusammenbefinden, vergönnt ist, das Glas zu Ehren unseres Kaiserlichen Hauses zu erheben. Wir können uns alle wohl vorstellen, wie groß die Freude unseres Volkes in diesen Tagen gewesen sein mag. Unserem Kaiserhause, das seit 2½ Jahrtausenden glücklich und weise das Land regiert, möge mit diesem Prinzen ein weiteres bedeutsames Glied in der langen Kette der Regenten hinzugefügt sein, auf daß auch ihm, wenn er dereinst dazu berufen wird, eine lange und segensreiche Regierung beschieden sein möge!«

Ich bat meine Reisegefährten, sich mit mir zu erheben und einzustimmen in den Ruf: »Unsere Kaiserliche Familie lebe hoch! hoch! hoch!« welcher Aufforderung alle Anwesenden freudig nachkamen. So wurde unter allgemeiner Freude fern der Heimat auf dem Mittelländischen Meere an Bord eines deutschen Dampfers die Geburt unseres Kaiserlichen Enkels gefeiert. Der Tag wird uns stets in lieber Erinnerung bleiben.

Am 10. Mai nachmittags zwei Uhr hatten wir Port Said verlassen und passierten am folgenden Tage die Insel Kreta. Die Hitze, welche wir lange Zeit zu erdulden gehabt, war nicht mehr zu spüren. Wir mußten unsere leichten Kleider einpacken und wärmere hervorholen, so daß der Gepäckraum viel in Anspruch genommen ward. Außerdem waren nicht wenige mit Vorbereitungen für die nahe bevorstehende Landung beschäftigt, da sie schon in Neapel das Schiff verlassen wollten. Auch wir freuten uns, daß wir nicht lange mehr an Bord zu bleiben brauchten, denn auch unsere Reise zur See sollte in einigen Tagen ihr Ende erreichen.

Am 13. Mai mittags um ¼1 Uhr kamen wir in Neapel an. Das Wetter war recht kühl, fast kalt zu nennen – wir fühlten uns jedoch sehr wohl dabei. Es kam uns nur so komisch vor, innerhalb sechs Wochen Sommer und Winter durchmachen zu müssen.

Unser Schiff hielt sich hier nur einen halben Tag auf, so daß uns keine Zeit verblieb, Neapel eingehend zu besichtigen. Jedoch hatten wir gehört, daß es dort viele Sehenswürdigkeiten gäbe, insbesondere das weltberühmte Aquarium – von deutschen Gelehrten ins Leben gerufen und von ihnen musterhaft verwaltet – die Königlichen Paläste, Gallerien, Museen, Kirchen, Konservatorien, Oper, Theater u. a. m. Es ist natürlich rein unmöglich, dieses alles in einem halben Tage in Augenschein zu nehmen. Außerdem verloren wir durch ein gerade zu dieser Zeit heraufziehendes Gewitter eine gute Stunde Zeit, so daß wir es vorzogen, auf dem Schiff zu bleiben und von Bord aus die schöne Stadt zu betrachten.

Straße in Neapel.

Von den Passagieren unseres »König Albert« waren viele in die Stadt gegangen, vor allem diejenigen, welche unser Schiff für immer verließen, um von hier aus ihre Reise zu Land durch Italien fortzusetzen. Aber auch an Bord wurde uns die Zeit nicht lang, denn wir hatten Muße, uns gehörig umzusehen. Vor uns lag ein wunderbares Panorama: die majestätische Bai von Neapel, in deren Hintergrund sich terrassenförmig die Stadt mit ihren weißen, leuchtenden Gebäuden erhebt; dazwischen herrliche Partien mit immergrünen Bäumen und dunklen Cypressen, welche dem Bilde eine schöne Harmonie verleihen, dann weiter hinten der feuerspeiende Berg, der Vesuv, in seiner prächtigen, malerischen, einfachen Form, seine schwarzen Rauchwolken gen Himmel sendend. Daß Neapel, das alte Napolis, die Hauptstadt des ehemaligen Königreichs beider Sicilien, sich durch seine reizvolle Lage vor allen andern Seestädten Italiens auszeichnet, konnten wir also gleich beim ersten Anblick erkennen. Was uns an Bord zuerst in die Augen fiel, war die ungeheuer große Zollmauer und die fünf- bis sechsstöckigen Häuser mit Balkonen und platten Dächern. Die Häuser am Strande sind, mit Ausnahme einzelner neuer Gebäude, älteren Datums und erinnern uns an die italienische Bauart, wie wir sie zu Hause durch Bilder kennen gelernt haben. Die Stadt selbst sieht wie ein gleichmäßiges Häusermeer aus, nur unterbrochen durch die grünen Bäume oder andere Naturschönheiten. An Kirchen besitzt Neapel mehr als genug, aber ihre Türme ragen nirgends hervor, auch die Paläste verlieren sich in dem unendlichen Häusermeer. Am meisten machten sich die reizenden Villen und Kasinos auf den Hügeln, die Arsenale und Hafenbauten, das königliche Schloß und vor allem die drei großen Kastelle bemerkbar. Wir hatten geglaubt, unser Schiff würde sich hier wenigstens 10-12 Stunden aufhalten und hatten uns vorgenommen, in diesem Falle die seiner Zeit durch den Ausbruch des Vesuv verschüttete und vernichtete, jetzt aber zum Teil wieder freigelegte Stadt Pompeji anzusehen, mußten den Plan jedoch zu unserm Leidwesen aufgeben, da wir, wie schon gesagt, nur einen halben Tag Zeit hatten.

Wie die Menschen hier aussehen, wie sie leben, was sie treiben u. s. w., konnten wir natürlich von Bord aus nicht gewahr werden; aber erzählt wurde uns, daß das Volk hier im allgemeinen ernsten Beschäftigungen nicht gerne nachgeht, dafür aber umso lieber Belustigungen Auge und Ohr leiht, daß es auch allzuviel Zeit in den unzähligen Kaffeehäusern zubringt – mit einem Wort, daß es seiner Neigung und Laune mit südlicher Leidenschaftlichkeit gehorcht und daß, als traurige Folge davon, die Bevölkerung, zumal die niederen Klassen, sich in ziemlich großer Armut und Unwissenheit befindet.

Auch viele Händler kamen an Bord, um die verschiedensten italienischen Gegenstände anzubieten, wobei uns insbesondere die aus Lava gefertigten Kunstwaren, ferner geschnittene Gemmen, marmorne Frauenköpfe u. a. m. auffielen – alles sehr kunstvoll gearbeitete, zierliche Gegenstände. Empfehlenswert sind besonders die aus Marmor gefertigten Sachen; dieselben sind jedoch sehr teuer und man wird auf jeden Fall besser daran tun, sie an Land und nicht auf dem Schiffe zu kaufen, da man dort reeller bedient wird. Besonders vorsichtig muß man bei Gegenständen aus Lava sein, weil diese meistens verfälscht sind.

So wurde unsere Zeit an Bord gut ausgefüllt, bis wir abends acht Uhr – wir schrieben den 13. Mai – diese herrliche Bucht von Neapel verließen und nach Genua fuhren.

Längs der italienischen Küste.

XIII.
Allerlei Heiteres und Ernstes aus dem Leben auf dem Schiffe.

In einem deutschen Liede heißt es: »Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen.« So geht es auch mir. Ehe ich Abschied nehme vom »König Albert«, der uns so lange eine treue Unterkunft geboten, will ich in Folgendem versuchen, meine Erlebnisse und Beobachtungen während meines Aufenthaltes auf dem Schiffe niederzuschreiben; aber nur als treuer Berichterstatter, ohne jede weitere Ausschmückung.

Reichspostdampfer des »Norddeutschen Lloyd«: »König Albert«.